Montagsmusik
Lykke Li — I Follow Rivers

Die Vor­liebe der Radiosender für schnulzige Cov­erver­sio­nen erschließt sich mir nicht. Qua­si totge­dudelt wird im Moment zum Beispiel das Stück “I Fol­low Rivers”, das die Musik­gruppe Trig­gerfin­ger anlässlich irgen­deines Konz­erts mal nachge­spielt hat und das in deren Ver­sion seit­dem von jedem Men­schen in diesem armen Land wahrschein­lich schon so oft gehört wurde, dass ihm ana­log zu Pawlows Ent­deck­un­gen schon bei der Erwäh­nung des Namens Trig­gerfin­ger die Ohren zu bluten anfan­gen. Diese Weich­spül-Säu­selver­sion entspricht ander­er­seits unge­fähr dem, was man seit­ens der Mäd­chen heutzu­tage gut zu find­en erwartet, die im vorigen Jahrzehnt wohl Back­street Boys oder so einen Unfug gehört hät­ten.

Dabei ist das Orig­i­nal doch viel düster­er.

I Fol­low Rivers- Lykke Li (offi­cial video)

(Und ander­er­seits: Schlim­mer als Pas­sen­ger nölt nicht mal Gröne­mey­er.)

Guten Mor­gen.

PersönlichesMusik
Rezensentenleid

Seit ich hier gele­gentlich das mit der Musikkri­tik mache, wer­den noch gele­gentlich­er auch rezen­sierte Musik­grup­pen auf mich aufmerk­sam und drehen mir bei Gefall­en ihre jew­eils neuesten Kreatio­nen an. Dafür war ich bish­er ziem­lich dankbar, denn der Kon­takt zu den Musik­ern war bis­lang immer fre­und­schaftlich und andauernd, und gegen eine geringe Gebühr in Form ein­er Rezen­sion gab es immer wieder neue Musik zu hören, die mich begeis­terte.

Heute nun lag eine CD im Briefkas­ten, über die ich nicht sehr erfreut bin. Die öster­re­ichis­che Plat­ten­fir­ma Flix Records hat wohl mit­bekom­men, dass ich irgend­was mit Rezen­sio­nen mache, und mir das 2012er Album “All A Man Can Do” — hierzu­lande am 10. April 2013 erschienen — der eige­nen Schüt­zlinge Con­ti­nen­tal zuge­sandt, gegrün­det unter anderem von Rick Bar­ton (Drop­kick Mur­phys, The Out­lets) und seinem Nach­wuchs, was an sich eine her­vor­ra­gende Ref­erenz ist. Das Album kam in ein­er schlicht­en blauen Papier­müll­pack­ung daher, wie man sie von Heft-CDs ken­nt. Das art­work wurde auf dem beiliegen­den Infozettel in ein­er über­aus mis­er­ablen Quaität abge­druckt:

Post von Flix Records

Die sicht­baren JPEG-Arte­fak­te auf dem Alben­cov­er sind übri­gens keine Folge mein­er Dig­i­tal­isierung.

Werte Plat­ten­fir­men, das Erste, was wir anspruchsvollen Kon­sumenten von einem neuen Musikalbum zu sehen bekom­men, ist das art­work, die Ver­pack­ung. Je hüb­sch­er die Auf­machung, desto mehr freuen wir uns darauf, uns mit dem Album zu beschäfti­gen; Musik­grup­pen wie Dear John Let­ter und Sebkha-Chott dür­fen euch hier gern zum Vor­bild wer­den. Wenn ihr zur Pro­mo­tion die paar Cent sparen wollt, die euch so eine Ver­pack­ung kostet, nervt uns nicht mit halb­herzig hingerotztem Rest­müll, son­dern schickt uns ein­fach ’nen Down­load­link für eine (akzept­abel kodierte) dig­i­tale Fas­sung des zu bewer­ben­den Musikalbums, da kön­nt ihr dann auch hochqual­i­ta­tive JPEGs bei­le­gen. Wir Inter­ne­trezensen­ten sind wahrschein­lich in der Lage, damit zu arbeit­en; das wüsstet ihr aber, wenn ihr euch auch nur ein klein wenig mit den Rezen­sio­nen der­er, die ihr mit eur­er kru­den Musik beglück­en wollt, beschäfti­gen würdet. “Du machst doch was mit Musik, bring’ mir mal Schlagzeugspie­len bei.”

Dies voraus­ge­set­zt habe ich all­ge­mein nichts dage­gen, wenn jemand mir mit guter Musik eine Freude machen möchte. Manch­mal, aber nur manch­mal, haben Frauen senden mir gute und weniger gute Bekan­nte mir bis dato unbekan­nte Auf­nah­men, über die ich in der Regel recht erfreut bin. So geri­et ich etwa in Besitz von Alben der großar­ti­gen Car­la Bozulich (Evan­ge­lista) und des nicht min­der großar­ti­gen Tom Waits. Für Neuent­deck­un­gen dieser Art bin ich stets offen, Bekan­nte wür­den mich niemals mit scheußlich­er Scheiß­musik ner­ven. Sie ken­nen mich. Plat­ten­fir­men aber ken­nen mich nicht, denn ich habe mich ihnen niemals per­sön­lich vorgestellt. Plat­ten­fir­men wer­fen uns Musik­fre­unde in den großen Topf der poten­ziellen Stammkun­den, rühren ein­mal um und hal­ten das für eine homo­gene Soße. Dass man mich mit Musik, die ich nicht mag, eher ver­schreckt als als Kun­den gewin­nt, scheint als Kol­lat­er­alschaden gew­ertet zu wer­den. Bekan­ntheit ist alles, und jed­er, der den unge­fragt zuge­sandten Kram auch nur öffentlich erwäh­nt, macht damit gegen einen lächer­lich gerin­gen Preis automa­tisch Wer­bung für die jew­eili­gen Musik­er.

Und was macht man dann mit diesen Erzeug­nis­sen? Wegschmeißen ist doof, obwohl ich erst vor kurzem eine Ladung Jugend­sün­den wegge­wor­fen habe, um Platz zu schaf­fen für neue großar­tige Musik. Auf­be­wahren? Nee, die liegen dann nur rum und stauben mich voll. Opti­mal wäre es wahrschein­lich, den Krem­pel ein­fach zurück­zuschick­en (Por­to zahlt Empfänger), wie wir es damals mit AOL-CDs gemacht haben.

Also keine Sorge, Con­ti­nen­tal, euer Album höre ich später noch, obwohl mich euer beigelegtes Infoblatt schon eher lang­weilt. Ist eure Presseabteilung zu faul, sich wenig­stens vorher über meinen Musikgeschmack zu informieren, statt mich mit Coun­try, Blues und dem Spir­it des Punk zu belästi­gen? Aus­gerech­net Coun­try! Für eine pos­i­tive Bew­er­tung garantiere ich lieber nicht.

Aber wahrschein­lich kön­nt ihr nicht mal was dafür. Vielle­icht über­rascht ihr mich ja auch pos­i­tiv. Wir wer­den sehen.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXXII: Schwein ausnahmsweise zum Fressen bereit

Ach, apro­pos Wahlkampf — Frau Merkel hat schon die Zeit nach der kom­menden Bun­destagswahl geplant:

Nie­mand strebe eine große Koali­tion an. Doch wäre es “völ­lig unglaub­würdig”, wenn sie diese Möglichkeit auss­chlösse.

Eine unglaub­würdi­ge Angela Merkel wäre doch wahrlich eine unan­genehme Über­raschung, die uns alle sehr ver­wun­dern würde. Nie­mand hat die Absicht, eine große Koali­tion zu erricht­en, aber wenn’s halt dem Machter­halt dient, warum nicht?

(Wieso eine Koali­tion mit der SPD noch “groß” genan­nt wird, weiß ich aber nicht.)

“Die Zeit ist immer reif, es fragt sich nur, wofür.”
– François Mau­ri­ac

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXXI: Wahlkämpferische Ideale

Es ist Wahlkampf, und es sollte nie­man­den mehr über­raschen, wenn die Kan­z­lerin das aus der Zeitung erfahren hat. Dass in einem solchen Wahlkampf das poli­tis­che Miteinan­der der Parteien in eher rauem Ton­fall vor sich geht, ist wenig erstaunlich. Erstaunlich hinge­gen ist die Wieder­ent­deck­ung von längst vergessen geglaubten Ide­alen, die ger­ade offen­bar fast jede Partei bet­rifft.

Sog­ar die CDU/CSU, die son­st christliche Werte hochhält und sich in der Diskus­sion um den Miss­brauch katholis­ch­er Schutzbe­fohlen­er wohlweis­lich zurück­ge­hal­ten hat, hat plöt­zlich bemerkt, dass Pädophilie bei den Grü­nen nicht mehr so ganz dem Zeit­geist entspricht. Das Maß sei voll.

Eri­ka Stein­bach, Schmal­hans des Tages am 2. Feb­ru­ar 2012, hat auch schon die Schuldigen aus­gemacht und fordert — ein jed­er stelle sich jet­zt bitte Eri­ka Stein­bach auf ein­er Apfelsi­nenkiste vor — den Rück­tritt zweier Grün­er. Für die NZZ kon­sta­tiert Ulrich Schmid tre­f­fend:

Man hätte sich solche Rig­orosität gewün­scht, als es um die Miss­brauchs­fälle in der katholis­chen Kirche ging.

Aber es ist Wahlkampf, da sind die Parteien befüllt mit Leuten mit einem klaren Ziel vor Augen und über­sprudel­nd vor Ideen.

Und mit Eri­ka Stein­bach. Schade drum.

Nerdkrams
Warum ich auch unter Android auf kommerzielle Software setze

Dass ich ein Fre­und des mobilen Betrieb­ssys­tems Android bin, habe ich ja gele­gentlich schon erwäh­nt. Ich teile allerd­ings die Auf­fas­sung nicht, dass es nur deshalb bess­er als andere mobile Sys­teme ist, weil es frei ist. Zwar set­ze ich auf meinem Sam­sung-Smart­phone anstelle der teil­pro­pri­etären Sam­sung-Android-Dis­tri­b­u­tion eine freie Ver­sion (zurzeit eine von “temasek” mod­i­fizierte Ver­sion der auf den unverän­derten Quell­codes des Androidsys­tems basieren­den Cyanogen­Mod-Dis­tri­b­u­tion) ein, jedoch möchte ich diese Gele­gen­heit nutzen, um für kom­merzielle apps eine Lanze zu brechen.

Dass eigentlich alle rel­e­van­ten apps unter Android frei sind, mag stim­men — entschei­dend ist aber die Qual­ität. Ich habe sehr lange ver­sucht, den Kauf von apps zu ver­mei­den; es hat nicht funk­tion­iert.

Dies lag nicht unbe­d­ingt darin begrün­det, dass ich mit den kosten­losen Meth­o­d­en, das gle­iche Ziel zu erre­ichen, unzufrieden war — es gab schlicht oft keine kosten­lose Lösung. Ein anschaulich­es Beispiel ist etwa das kostenpflichtige Tita­ni­um Back­up, das die einzige mir bekan­nte aktiv gepflegte app ist, mith­il­fe der­er man indi­vidu­elle apps (und etwa Spiel­stände) automa­tisch sich­ern und nach ein­er Neuin­stal­la­tion wieder­her­stellen kann.

Zweifel­sohne ist Tita­ni­um Back­up hier allerd­ings eine (willkommene) Aus­nahme. Im Laufe der let­zten Jahre habe ich nur zweimal den Wech­sel von ein­er Bezahl- zu ein­er Gratis-app vol­l­zo­gen, als mein bevorzugter Anwen­dungsstarter Launch­er Pro und mein früher­er RSS-Leser News­Rob Pro (inzwis­chen aus dem Play Store zurück­ge­zo­gen) nicht mehr weit­er­en­twick­elt wur­den; in allen anderen Fällen ver­fuhr ich ander­sherum: Statt Drop­Sync ver­wende ich mit­tler­weile Cloudii zum Abgle­ich mein­er Drop­box, anstelle des Dateiman­agers ES Datei Explor­er kommt der Sol­id Explor­er zum Ein­satz, zum Twit­tern nutze ich Fal­con Pro statt Twic­ca. Auch Halo, eine Art verbessertes Benachrich­ti­gungssys­tem, ist, obwohl Teil des von mir benutzten Betrieb­ssys­tems, mein­er­seits schon nach dem ersten kurzen (und ent­täuschen­den) Test durch die (meines Eracht­ens) weit prak­tis­cheren Float­ing Noti­fi­ca­tions erset­zt wor­den.

(Ich möchte an dieser Stelle übri­gens aus­drück­lich die app feed­ly pos­i­tiv her­vorheben, die seit dem Ende des Google Read­ers wohl Mark­t­führer in der Sparte der RSS-Leser ist und trotz großar­tiger, wenn auch ungewöhn­lich­er und wohl ein­ma­liger Bedi­enung bis heute kosten­frei ist. Es ste­ht zu befürcht­en, dass die Entwick­ler in abse­hbar­er Zeit ein Geschäftsmod­ell benöti­gen, um ihre Kosten zu deck­en — bis dahin sei feed­ly ein her­aus­ra­gen­des Beispiel für kosten­lose apps, bei denen es sich zu bleiben lohnt.)

Gele­gentlich wer­den apps im Laufe ihrer Entwick­lung auch schlechter. Der ES Datei Explor­er etwa hat mit jed­er neuen Ver­sion an Kom­plex­ität, aber nicht an Nutzen gewon­nen, eben­so mein einst bevorzugter Musik­spiel­er MixZ­ing, der von tut, was er soll zu hat bunte Fen­ster und stürzt ständig ab weit­er­en­twick­elt wurde. Ich möchte das nicht. (Das ist allerd­ings ein Vorteil von kosten­losen apps: Wenn die irgend­wann ver­hun­zt sind, tut ein Wech­sel nicht so weh.)

Zwar habe ich einige der genan­nten unfreien Anwen­dun­gen bere­its einge­set­zt, als sie noch in der kosten­losen Betaphase waren, aber Tra­di­tion verpflichtet mich nicht. Ich bin aus einem ganz anderen Grund auch nach ihrer Fer­tig­stel­lung bei ihnen geblieben: Ich kan­nte keine bedi­en­fre­undlichere und gle­ichzeit­ig funk­tion­sre­ichere Gratis-app für den gle­ichen Zweck. Ein Smart­phone ist für mich ein Kom­mu­nika­tions- und Zer­streu­ungs­gerät, aber kein Spielzeug. Mit einem Dateiman­ag­er möchte ich Dateien ver­wal­ten und mich nicht ständig mit irgendwelchen Wer­be­pop­ups der Art “hey, da du ger­ade am Dateien ver­wal­ten bist, wie wär’s mit ein paar bun­ten Bildern?” herum­schla­gen, wie sie im ES Datei Explor­er qua­si ständig auf­tauchen. Zum Syn­chro­nisieren von Dateien in irgen­dein­er cloud hätte ich gern einen Dienst, der im Hin­ter­grund still seine Arbeit ver­richtet (wie Cloudii), und keinen, der ständig darauf hin­weist, dass es eine Bezahlvari­ante von ihm gibt, die viel kann, was ich über­haupt nicht brauche. Twit­ter indes ist mein Ablage­platz für aller­lei kurze Witze und Gedanken zum Welt­geschehen, die für diese Web­site zu wenig umfassend wären, da möchte ich ein­fach bequem meine time­line im Blick haben; und da ich das häu­figer tu’, sollte die app oben­drein ansehn­lich sein. (Wer einen noch ele­gan­teren Twit­ter­client als Fal­con Pro ken­nt, der möge jet­zt sprechen oder für immer schweigen.)

Es geht mir also nicht unbe­d­ingt darum, dass die apps, für die ich Geld aus­gebe, beson­ders funk­tion­sre­ich sind; sie soll­ten nur genau das tun, was ich brauche. Das ist mal mehr und mal weniger. (So ein Anwen­der will ja nicht sein Leben lang immer die gle­iche Auf­gabe aus­führen.) Offen­bar ist es Entwick­lern freier Anwen­dun­gen nicht möglich, den poweruser im Blick zu behal­ten: Der in Cyanogen­Mod inte­gri­erte Dateiman­ag­er ist zwar zweifel­sohne (kosten­los und) gut, aber funk­tion­al doch reich­lich schwach.

Aber woran liegt es, dass kom­merzielle apps oft bess­er sind als freie Lösun­gen? Hier kommt iro­nis­cher­weise der Gemein­schaftssinn ins Spiel, das Bedürf­nis, einem Ökosys­tem, von dem man selb­st prof­i­tiert, auch etwas zurück­zugeben. (Das ist unter iOS und Win­dows Phone wahrschein­lich auch nicht anders, dort sind nur die Hür­den höher geset­zt.) Es geht Entwick­lern von beina­he spenden­fi­nanzierten Pro­gram­men nicht um wenige Anwen­der, die dafür pro Per­son viel Geld bezahlen, son­dern darum, möglichst gute Soft­ware zu schreiben — die zwei Euro für eine gute app sind da nur ein Anreiz, diese möglichst lange aktiv zu pfle­gen.

Der Erfolg gibt ihnen Recht.

PolitikWirtschaft
“Wählen Sie mich! Wählen Sie den Markt! >:(“

Erin­nert sich noch jemand an die F.D.P., die Partei des Mark­tes, der Großspenden und des Kap­i­tals, die stets den Markt gegen die Bürg­er zu vertei­di­gen wusste und sich im März 2010 gegen eine Son­der­ab­gabe für Banken aus­ge­sprochen hat­te, denn es sei nicht schlüs­sig, Insti­tute, die vom Steuerzahler durch die Krise getra­gen wur­den, dafür auch noch zu bestrafen; und die Partei, die als her­aus­ra­gende Qual­ität angibt, ihre Farbe sei heller als schwarz?

Diese F.D.P. würde gern im Sep­tem­ber gewählt wer­den. Wo es aber 2012 noch zu einem Lächeln im Anzug gere­icht hat, wurde ersteres nun einges­part. Wis­senschon, die Krise. Und wom­it ködert man ent­täuschte Wäh­ler dieser Tage? Richtig: Mit mehr Markt!

FDP - Mehr Markt

Und wer würde diesem Blick schon mis­strauen?

Sonstiges
Erste Hilfe für die Lachmuskeln

Aus Verse­hen hat­te ich heute früh die Gele­gen­heit, eine von Dr. Doris Wolf und Dr. Rolf Merkle ver­fasste Broschüre zum The­ma “seel­is­ches Unwohl­sein” zu lesen. Sie war sehr wirk­sam.

Schon das Titel­blatt ist sehr, nun, sprechend:

Erste Hilfe für die Seele

Auf dem Bild zu sehen ist eine Tulpe. Tulpen ken­nt man von Gräbern und Tode­sanzeigen. Sym­bol für Schön­heit und Liebe (je dun­kler, um so tiefer) sowie für Vergänglichkeit. Eine nicht son­der­lich dun­kle Tulpe eignet sich also her­vor­ra­gend, um Hoff­nung zu sym­bol­isieren, wenn man unge­fähr meinen Humor hat.

Die Broschüre macht keinen großen Hehl daraus, mehr Wer­bekat­a­log als Rat­ge­ber zu sein. Unter jedem der Abschnitte ist eine Buchempfehlung (manch­mal auch der­er zwei) zu find­en, die bei­den Autoren scheinen eine Menge geschrieben zu haben. Frau Wolf zum Beispiel hat unter anderem das Buch “Einen geliebten Men­schen ver­lieren” geschrieben, das allerd­ings nicht als Anleitung zu solchem Tun, son­dern als Unter­stützung bei der Trauer­be­wäl­ti­gung gedacht ist. Schade. Immer­hin ste­hen die Preisangaben immer dabei:

Buchtipp für die Seele

Der Inhalt der Broschüre nimmt, wenn er nicht ger­ade Büch­er bewirbt, auf jedes der The­men vom Titel­blatt Bezug. Dass Depres­sio­nen, Kränkun­gen und Übergewicht keine sep­a­rat­en Lei­den­sarten sind, son­dern oft­mals einan­der direkt bedin­gen, sei hier mal bei­seite gelassen; die bei­den Dok­toren wer­den schon wis­sen, warum sie an den Symp­tomen rum­dok­tern wollen, statt sich auf die Ursache zu konzen­tri­eren. Sie tra­gen ihren Dok­tor­ti­tel sicher­lich nicht umson­st.

Dabei richt­en sich die Autoren aus­drück­lich an ein recht naives Pub­likum. Im Kapi­tel “Wenn der Part­ner geht …”, das Tren­nun­gen the­ma­tisiert, heißt es etwa:

Traumhochzeit und danach immer währende Liebe, Ver­ständ­nis und Glück­lich­sein, so stellen sich die meis­ten von uns ihre Part­ner­schaft vor.

Wenn “die meis­ten von uns” BRAVO lesende Teens sind, mag das zutr­e­f­fen. Inter­es­sant ist aber auch die Rei­hen­folge: Traumhochzeit, dann Ver­ständ­nis und Glück­lich­sein. Ich dachte bis­lang, die Rei­hen­folge sei umgekehrt. Das also war immer mein Fehler!

Die Naiv­ität, von der die Autoren offen­bar aus­ge­hen, zieht sich wie ein rot­er Faden durch sämtliche Kapi­tel. Im Kapi­tel zur Bekämp­fung von Übergewicht, in dem Men­schen mit Übergewicht als Antag­o­nis­ten der “Natür­lich-Schlanken” (sic!) dargestellt wer­den, schreiben sie dies:

Natür­lich-Schlanke essen nur, wenn sie wirk­lich hun­grig sind; sie essen nicht, wenn sie trau­rig, wütend, ein­sam oder ängstlich sind.

Das klingt ein­er­seits nach Klassen­regeln (“wir sprechen nur, wenn der Lehrer uns etwas fragt”), ander­er­seits nach Unsinn (wie auch viele Klassen­regeln). Natür­lich-Schlanke essen, wann immer ihnen danach ist, und schlank bleiben sie trotz­dem. Inwiefern das Übergewichti­gen helfen soll, weiß ich nicht — die sind ja nor­maler­weise nicht natür­lich schlank.

Auch:

Natür­lich-Schlanke been­den das Essen, wenn sie nicht mehr hun­grig sind; sie essen nicht weit­er, nur weil noch etwas auf dem Teller liegt, nur weil es so gut schmeckt, weil sie ab mor­gen Diät machen oder weil sie in net­ter Gesellschaft sind.

Natür­lich-Schlanke haben kein Benehmen. Nun gut, das ist eine umstrit­tene Tis­chregel; anders: Natür­lich-Schlanke been­den das Essen, wenn ihnen danach ist, weil sie eben kein Maß hal­ten müssen. Das ist der Unter­schied zwis­chen Natür­lich-Schlanken und anderen Schlanken. Bitte, gern geschehen. — Aber geht es nach den Autoren, sind Natür­lich-Schlanke kom­plett andere Men­schen, und man kann sich bei Bedarf dazu entschei­den, [deren] Leben zu leben”. Amüsante Gespräche bei Klassen­tr­e­f­fen bieten sich an: “Und wie leb­st du heute so?” — “Och, wie ein Natür­lich-Schlanker!”

Weit­er im Text beziehungsweise in der Broschüre, denn Depres­sio­nen gibt’s dort auch:

Haben Sie Geduld mit sich. Der Tag wird kom­men, an dem Sie wieder Freude empfind­en kön­nen.

Mor­gen wird’s dir bess­er gehen, jet­zt hör’ auf zu jam­mern. Supi! Tat­säch­lich gibt es dazu immer­hin eine Erläuterung (und einen Buchtipp). Damit das auf­grund der Depres­sio­nen gesunkene Selb­st­wert­ge­fühl wieder verbessert wird, geben die Autoren immer­hin nüt­zliche Tipps:

Führen Sie ein Plus­punk­te-Buch, in dem Sie notieren, was andere Ihnen Schönes und Nettes sagen. Find­en Sie außer­dem jeden Tag etwas, das Sie an sich lobenswert und pos­i­tiv find­en, und schreiben Sie es auf.

Wenn man zum Beispiel auf einem Parteitag ist, also dur­chaus auch mal einen knap­pen Tag lang in einem Saal mit vie­len anderen Men­schen sitzt und kaum Gele­gen­heit hat, zwis­chen­drin nach Hause zu fahren, muss man dieses Plus­punk­te-Buch wahrschein­lich in der teil­weisen Öffentlichkeit befüllen. “Oh, hal­lo, ich freue mich, dich zu sehen!” — “Einen Moment bitte… wo habe ich nur meinen Stift gelassen?”

Eins der bei­den eige­nen Büch­er, die Rolf Merkle zu diesem The­ma emp­fiehlt, heißt “Lass Dir nicht alles gefall­en”. Vielle­icht ste­ht in diesem Buch auch drin, wie man mit Leuten ver­fährt, die so eine bescheuerte Broschüre Hil­fe suchen­den Men­schen als Rat­ge­ber andrehen wollen.

“Alles wird gut.”
– Nina Ruge

Nerdkrams
Schöner sichern unter Windows (Teil 2): Alternativen zu rsync

Vor etwa drei Jahren hat­te ich beschrieben, wie man mit cwR­sync unter Win­dows seine wichti­gen Dateien (*) effizient sich­ern kann. Mit Bedauern stellte ich nun gestern fest, dass cwR­sync offen­bar peu a peu in eine kom­merzielle Lösung umge­wan­delt wird. Ärg­er­lich, aber ver­ständlich. Sicher­heit­shal­ber begab ich mich auf die Suche nach Alter­na­tiv­en.

Für meine Zwecke benötige ich eigentlich nur zwei von rsyncs Funk­tio­nen, näm­lich die Spiegelung (Verze­ich­nis 2 wird zu ein­er exak­ten Kopie von Verze­ich­nis 1) und inkre­mentelle Sicherun­gen (nur Änderun­gen wer­den über­tra­gen, was ins­beson­dere bei großen Daten­men­gen ganz nett ist). Eine der möglichen Alter­na­tiv­en zu cwR­sync, die bei­des bieten, ist plat­tfor­munab­hängig, quellof­fen und blöder­weise in Java entwick­elt wor­den. Mit dieser Lösung fange ich direkt an.

Sie heißt Are­ca Back­up und sieht kom­plex­er aus als sie eigentlich ist (hüb­sche Bilder gibt es auf der Web­site). Are­ca (ich kürz’ das jet­zt mal ab) arbeit­et wie die meis­ten Entwick­lungs-IDEs auf Arbeits­bere­ichs­ba­sis, ein Sicherungsvor­gang kann also selb­st gespe­ichert und immer wieder abgerufen wer­den, so dass die Sicherung nur ein einziges Mal vor­bere­it­et wer­den muss und ein­fach mit­gesichert wer­den kann.

(In fol­gen­den Beispie­len möchte ich den Ord­ner “Neuer Ord­ner” mit Aus­nahme aller Dateien, die auf *.tmp enden, auf dem Desk­top auf die externe Fest­plat­te G:\Test\ sich­ern. Zeit­stem­pel müssen nicht über­nom­men wer­den. Der Ord­ner G:\Test\ sollte dabei bere­its existieren, son­st ver­wirrt Are­ca mit wenig aus­sagekräfti­gen Fehler­pop­ups.)

Beim Start ist ein Stan­dar­d­ar­beits­bere­ich (zum Beispiel .areca/workspace im Benutzerverze­ich­nis) vor­eingestellt, ändern lässt sich dieser im Menü “Arbeits­bere­ich / Arbeits­bere­ich öff­nen …”. Da noch nicht klar ist, ob wir vielle­icht später mal weit­ere Dinge sich­ern möcht­en, kön­nen wir Sicherun­gen auch grup­pieren. Dazu ist zuerst eine neue Gruppe (“Bear­beit­en / Neue Gruppe …”) zu erzeu­gen, die zum Beispiel “Sicherungskram” genan­nt wer­den kann.

Dann geht’s an die Sicherun­gen selb­st. Per “Bear­beit­en / Neues Ziel …” (etwas missver­ständlich über­set­zt, bess­er wäre vielle­icht “Neue Sicherung”) kann eine solche ini­tial­isiert wer­den. Dabei ist es unten im Dia­log möglich, die Art der Sicherung auszuwählen. “Delta” ist die inkre­mentelle Sicherung, die nur geän­derte Teile spe­ichert — allerd­ings in ein jew­eils neues Archiv mit ein­stell­barem Namen (Stan­dard ist das aktuelle Datum im For­mat Jahr-Monat-Tag). Es ist, anders als bei rsync, also nicht möglich, einen einzi­gen Back­u­pord­ner ohne tag­basierte Unterord­ner (man möchte vielle­icht immer nur die aktuell­ste Ver­sion auf­be­wahren) inkre­mentell zu pfle­gen, nur eine nicht inkre­mentelle Vari­ante (“Image”) ist ver­füg­bar. Das ist etwas schade.

Areca - Ziel bearbeiten

Unter “Quellen” kann nun aus­gewählt wer­den, was gesichert wer­den soll. Dort kann der “neue Ord­ner”, den wir sich­ern wollen, ein­fach hinzuge­fügt wer­den — ein Herum­spie­len mit Optio­nen ist nicht notwendig. Inter­es­sant ist auch der “Filter”-Dialog: Dort kön­nen bes­timmte Unterord­ner, Dateien und Date­itypen — etwa unser *.tmp — von der Sicherung in diesen Ord­ner ausgenom­men wer­den. Are­ca unter­stützt auch Ver­schlüs­selung und Kom­pres­sion der Daten­sicherun­gen. Klickt ein­fach mal in diesem Dia­log herum.

Wenn alles fer­tig ist, erscheint die Sicherung im “Baum” im Are­ca-Fen­ster:

Areca-Baum

Per Recht­sklick kann die Sicherung nun simuliert wer­den. Wenn alles zur eige­nen Zufrieden­heit geklappt hat, ste­ht der eigentlichen Sicherung (eben­dort) nichts mehr im Weg.

Ach so, Are­ca bringt auch eine Kom­man­dozeilen­ver­sion mit, die aber etwas umständlich zu bedi­enen ist. Ich per­sön­lich halte robo­copy unter Win­dows (und rsync unter Lin­ux und BSD) für bess­er bedi­en­bar, zu robo­copy komme ich weit­er unten noch.

Die anderen bei­den Pro­gramme näm­lich, die mir pos­i­tiv aufge­fall­en sind, sind zwar nicht quellof­fen, für Win­dows­nutzer aber schon deswe­gen inter­es­sant, weil sie mit­tler­weile fes­ter Bestandteil des Sys­tems sind:

1. Win­dows Back­up

Das gute, alte Win­dows-Back­up, damals noch trist und eher funk­tion­ss­chwach, hat sich inzwis­chen zu einem voll­w­er­ti­gen Ersatz für Are­ca gemausert, beherrscht auch inkre­mentelle Sicherun­gen und eine voll­ständi­ge Inte­gra­tion in den Win­dows-Auf­gaben­plan­er, so dass man sich nicht mehr selb­st darum küm­mern müss. Blöd: Die Ein­rich­tung ist etwas umständlich. Wer aber auf der Suche nach einem guten Sicherungssys­tem unter Win­dows ist, der sollte zumin­d­est ein­mal über­prüfen, ob Win­dows’ eigenes Back­up­sys­tem die Anforderun­gen erfüllt; vielle­icht erspart das etwas Aufwand.

2. robo­copy

robo­copy, ein däm­lich­es Wort­spiel mit “Robo­cop” sowie einst Teil des “Resource Kits” (also ein­er Samm­lung von Admin­is­tra­tionswerkzeu­gen für Win­dows), seit Win­dows Vista stan­dard­mäßig dabei, ist ein Kom­man­dozeilen­werkzeug, das dem einst emp­fohle­nen xcopy32 einiges voraus hat. Um es zu ver­wen­den, benöti­gen wir zunächst mal eine Kom­man­dozeile (etwa cmd oder PyCmd). Dort lässt sich ein Überblick über die vielfälti­gen Fähigkeit­en von robo­copy mit­tels robo­copy /? erhal­ten:

robocopy-Parameter

Für unsere Zwecke — die ein­seit­ige inkre­mentelle Spiegelung eines Ord­ners in einen anderen — benöti­gen wir fol­glich drei Para­me­ter:

  1. /MIR: Spiegelt die Verze­ich­nis­struk­tur, ent­fer­nt im Orig­i­nal gelöschte Dateien im Zielord­ner.
  2. /M: Kopiert nur Dateien mit geset­ztem Archivbit, set­zt dieses Bit nach dem Kopieren zurück.
    (Anstelle der Option /M kann auch /XO ver­wen­det wer­den, das Dateien, die älter als die let­zte Sicherung sind, über­springt. Dies ist aber zeit­stem­pelab­hängig — den dür­fen wir hier also nicht mitkopieren. robo­copy tut dies stan­dard­mäßig nicht.)
  3. /XF *.tmp: Über­springt alle Dateien/Unterordner, die auf *.tmp passen.

Der voll­ständi­ge Befehl, um unsere gewün­schte Sicherung anzule­gen, lautet also: robo­copy “C:\Users\hp\Desktop\Neuer Ord­ner” G:\Test\ /MIR /M /XF *.tmp /L. Der Para­me­ter /L sorgt dafür, dass der Vor­gang zunächst nur simuliert wird:

robocopy-Simulation

Wenn alles geklappt hat und robo­copy keine Fehler aus­gibt, kann /L wegge­lassen wer­den. Um exakt den gle­ichen Befehl später wieder­holen zu kön­nen, kann übri­gens auch robo­copy Aufträge spe­ich­ern: Der Para­me­ter /SAVE:Sicherung spe­ichert den Beispielfall, später genügt die Eingabe von robo­copy /JOB:Sicherung zum erneuten Abruf.

Beson­ders nüt­zlich wird robo­copy, wenn man es in ein­er Batch­datei, also in Verbindung mit anderen Befehlen oder als Samm­lung von robo­copy-Abläufen, benutzt. Das The­ma Batch­pro­gram­mierung würde hier jedoch den Rah­men spren­gen, ich ver­weise daher hier­für auf Wik­i­books.

Gibt es Ergänzun­gen, vielle­icht gar Aler­na­tiv­en zu cwR­sync, die weit­er­hin unkom­merziell weit­er­en­twick­elt wer­den? In den Kom­mentaren sind sie gern gese­hen!


*: zum Beispiel Pornos.

NetzfundstückeSonstiges
Gesellschaftsprognosen anhand von Sprachanalyse und warum sie Blödsinn sind

Unter dem Titel “Das Ego in der Sprache” reflek­tierte Susanne Flach (die trotz des sprachkri­tis­chen Umfelds, in dem sie pub­liziert, dem Binnen‑I ver­fall­en ist) gestern eine Studie, aus der her­vorge­ht, dass seit dem 19. Jahrhun­dert Ver­ben für indi­vidu­ellen Besitz zuse­hends mehr Ver­ben für gemein­schaftlich­es Teilen ver­drängt haben.

Aus dieser Studie geht unter anderem ein Anstieg des Wortes “choose” (“wählen”) und ein Abfall des Wortes “oblig­ed” (“verpflich­t­end”) in auf Google Books ver­füg­baren Büch­ern her­vor. Hm, tja, nun — dass Par­tizip­i­en weniger ver­bre­it­et sind als For­men, die zugle­ich Infini­tiv, Imper­a­tiv und sonst­wie flek­tiertes Verb sein kön­nen, ist nun nichts, für dessen Ver­ständ­nis ich eine Studie bräuchte. Dass eine von Frau Flach dahinge­hend angepasste Ver­gle­ichssuche (die unter anderem auch “cho­sen” und “oblige” miteinan­der ver­gle­icht) zu einem immer­hin ähn­lichen Ergeb­nis kommt, ist zumin­d­est eine Anmerkung wert. (Ob auf Google Books nur englis­chsprachige Büch­er zu find­en sind, weiß ich nicht. Das Wort “oblige” ist nicht nur im Englis­chen heimisch, jed­er Ver­gle­ich wäre anson­sten also verz­er­rt.)

Dass man aus ein­er so belegten Studie keine Schlüsse ziehen sollte, ist immer­hin wahr, Frau Flach belegt dies anhand von “share” (deut­lich­er Anstieg) und “self­ish” (nicht). “Moment, share?” Genau: Im Zeital­ter der total­en Ver­net­zung erhält das shar­ing natür­lich auch in Büch­ern mehr Anerken­nung, seit Mitte der 1970er Jahre (die Geschichte von TCP/IP und die von UNIX bitte ich aus­nahm­sweise selb­st nachzuschla­gen, obwohl’s das OSBN vielle­icht freuen würde) steigt seine Ver­wen­dung auf­fal­l­end schnell an. Vielle­icht wäre ein Ver­gle­ich von “share” und “lock”/“hide” hier der klügere gewe­sen.

Susanne Flach zieht zwar die richti­gen Schlüsse (dass Häu­figkeitsver­gle­iche von unge­fähren Wort­paaren eben Keese Käse sind), ver­säumt aber lei­der eine Gege­n­analyse auf gesellschaftlich­er Basis anzufer­ti­gen. Nun, das ist vielle­icht auch kein für ein Sprach­blog geeigneter Inhalt. Ich ver­suche es mal selb­st:

Der Men­sch ist ein Ego­ist. Das ist aus­nahm­sweise kein Vor­wurf, son­dern evo­lu­tionär bed­ingt: Der gern gebende Men­sch hätte sich — sur­vival of the fittest — nicht gegen die anderen Arten durch­set­zen kön­nen, stattdessen war er stets darauf bedacht, die eigene Art zu etablieren. Das hat sich bis heute kaum geän­dert, obwohl’s die Höflichkeit gebi­eten mag, dies vorder­gründig in den Hin­ter­grund (ha!) zu stellen. Zwar weiß wohl jed­er denk­ende Men­sch, dass der lächel­nde Gegenüber eben­so Ver­ach­tung zu empfind­en ver­mag wie er selb­st, jedoch ist gesellschaftlich erwün­scht­es Lügen (im Gegen­satz zum uner­wün­scht­en Lügen — das übern­immt die Bun­desregierung) unver­min­dert en vogue.

Diese Lügen begin­nen im Kleinen: Wün­scht ihr Frem­den auf der Straße einen guten Mor­gen, weil man das eben so macht? Wün­scht ihr euren Nach­barn ein fro­hes Fest, obwohl ihr wisst, dass er wie wohl die meis­ten Men­schen christliche Feiertage nur kon­sum­ierend, nicht aber feiernd ver­bringt? Dann meint ihr eure Wün­sche nicht ehrlich und aufrichtig — ihr lügt mit dem bloßen Ziel, eure gesellschaftliche Stel­lung hochzuhal­ten. Sur­vival of the fittest. Dass das Indi­vidu­um sich also gesellschaftlichen Nor­men unter­wirft, geschieht nur zu dem Zweck, seine eige­nen Pfründe zu wahren. Anders gesagt: Das gesellschaftliche Miteinan­der wird allein aus ego­is­tis­chen Motiv­en gefördert, hier han­delt es sich also nicht um Gegen­sätze, son­dern um zwei Teile eines Gesamtkonzepts. Genau so funk­tion­iert übri­gens das mit dem shar­ing in “sozialen Net­zw­erken”: Ich teile Inhalte mit anderen, um wiederum andere dafür zu inter­essieren, was ich schreibe.

Das Konzept ist ein­leuch­t­end: Per­son x teilt lesenswerte Inhalte, das macht Per­son x zwecks Ver­net­zung beachtlich, nicht aber diejeni­gen, die Urhe­ber der geteil­ten Inhalte sind. Ein Retweet auf Twit­ter hat ähn­liche Auswirkun­gen: Es wer­den immer auch der ursprüngliche Schreiber sowie dessen Ver­fol­ger auf den eige­nen Twit­ter­ac­count aufmerk­sam gemacht. “Per­son x hat meinen Tweet weit­erge­sagt — hm, Per­son x kenne ich noch nicht, schaue ich mir mal an”. Der Men­sch ist ein ego­is­tis­ches Her­den­tier. Das Konzept funk­tion­iert oben­drein nicht nur im Inter­net, son­dern lässt sich auf eigentlich jedes soziale Kon­strukt ausweit­en. Insofern hat der Anstieg des Wortes share einen amüsan­ten Beigeschmack: Shar­ing als gesellschaftlich erwün­schte Form des Ego­is­mus ist Mode gewor­den.

Und während “ihr” selb­stver­ständlich klein bleibt, wird das “Ich” in der englis­chen Sprache bis heute groß geschrieben. Was sagt das eigentlich über die angloglotte Gesellschaft aus?

Montagsmusik
Moe Tucker — Too Shy

Die Nutzung von Face­book ist in Deutsch­land momen­tan ab einem Alter von 13 Jahren erlaubt, in anderen Län­dern ist das wom­öglich etwas restrik­tiv­er. Das soziale Net­zw­erk, das einst von Stu­den­ten für Stu­den­ten entwick­elt wurde, ist offen­bar mit sein­er Klien­tel gewach­sen — nicht ein­mal zehn Jahre nach Grün­dung des Dien­stes lassen mich solche Mel­dun­gen den Glauben an die Men­schheit zum Teil zurück­gewin­nen: “Ich bin 13, und auf Face­book ist nur meine Oma”. Sog­ar MySpace hat einen weniger lausi­gen Ruf.

Passend dazu etwas fröh­liche Rock­musik zum Wochenan­fang:

Moe Tuck­er Fea­tur­ing Ster­ling Mor­ri­son, Son­ny Vin­cent, Vic­tor Deloren­zo, John Sluggett

Guten Mor­gen!

Netzfundstücke
Schachpatriarchat

Frage: Welche Sportart würdet ihr am wenig­sten mit dem ollen “Mäd­chen gegen Jungs”-Prinzip in Verbindung brin­gen?

  1. Fußball
  2. Leich­tath­letik
  3. Schach

Tja — falsch ger­at­en:

möchte gern zuerst mal mit mäd­chen spie­len habe keine lust für die grossen tiere hier als punk­te­fut­ter zu dienen

“Das darf doch alles gar nicht wahr sein!”
– Edmund Entach­er, anderes The­ma

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXX: “Mörder begrüßen Todesstrafe”

Nach­dem PRISM eini­gen Bürg­ern klar gemacht hat, dass sor­glose Kom­mu­nika­tion keine gute Idee ist, kom­men sie wieder aus ihren Löch­ern, die DE-Mails und Net­zpoli­tik­er dieses Lan­des: Ver­schlüs­selte Verbindun­gen wer­den als “E‑Mail Made in Ger­many” ange­priesen. Für einen brauch­baren Marken­na­men reicht’s eben nicht, und was englisch klingt, ist beliebt. Nun gut, das tut “PRISM” auch, aber von so was lassen sich Wer­be­treibende ja nicht aufhal­ten.

Dass das Prob­lem bei PRISM nicht die unver­schlüs­selte Verbindung zwis­chen Mail­pro­gramm und Mailserv­er ist, son­dern der Mailserv­er selb­st, ist da auch nur bed­ingt von Belang. Schlangenöl verkauft sich gut, Viren­scan­ner find­en ja auch reißen­den Absatz.

Ein beson­ders putziges Bon­mot ist aber die entsprechende Pressemit­teilung der CDU/CSU:

´Wed­er Pri­vat- noch Wirtschafts­ge­heimnisse sind hierzu­lande schut­z­los.

Ich bedanke mich hier­für übri­gens aus­drück­lich bei den Parteien SPD und Die Grü­nen, die damals unter Frank-Wal­ter Stein­meier das entsprechende Abkom­men mit den USA geschlossen hat­ten, und bei CDU/CSU und F.D.P., die als Bun­desregierung geschlossen hin­ter der Überwachung ste­hen; ist ja nur zu unserem Besten.

Dat­en gehören in sichere Rechen­zen­tren in Deutsch­land, Provider müssen ihren Nutzern prak­tik­able Ver­schlüs­selungsmöglichkeit­en anbi­eten und E‑Mails müssen mit Sicher­heits­stan­dards gekennze­ich­net wer­den.

Richtig ist: Dat­en gehören in sichere Rechen­zen­tren, die Geheim­di­en­sten keinen Zugriff gewähren, Mail­verkehr wird nicht dadurch ver­schlüs­selt, dass man die Verbindung zum Serv­er chiffriert, und was CDU/CSU unter Sicher­heits­stan­dards ver­ste­hen, kann ich nur rat­en — vielle­icht ein TÜV-Siegel?

Wir haben großes Ver­trauen in die IT-Sicher­heits-Kom­pe­tenz deutsch­er Unternehmen. Deutsche Stan­dards der Dat­en- und E‑Mail-Sicher­heit kön­nten zum Erfol­gsmod­ell wer­den.

Wenn die Bun­desregierung zu Pro­tokoll gibt, sie habe in jeman­den großes Ver­trauen, dann spricht das nor­maler­weise nicht für ihn. Wenn weit­er­hin nicht Ende-zu-Ende-ver­schlüs­seltes E‑Mailen ein deutsch­er Stan­dard sein soll, habe ich jeden­falls ein ganz schlecht­es Gefühl bei der Sache.

Auch der Innen­min­is­ter, der unlängst vom Super­grun­drecht Überwachtwer­den faselte, freut sich über die neue Sicher­heit:

Mit dieser Ver­schlüs­selung wer­den die Zugriff­s­möglichkeit­en Unberechtigter weit­er erschw­ert.

Und so’n Geheim­di­enst ist ja kein Unberechtigter, son­dern ein Fre­und, nicht?

“Am deutschen Wesen soll die Welt gene­sen.”
– Emanuel Geibel, 19. Jahrhun­dert

NerdkramsInternes
In eigener Sache: Ich und das OSBN

Gele­gentlich — etwa im Sep­tem­ber 2010 — bemerke ich bei den großen Blogs einen gewis­sen Hang dazu, miteinan­der einen elitären (lies: geschlosse­nen) Zirkel zu bilden, der sich gegen­seit­ig beweihräuchert und auf uns gewöhn­liche Insin­ter­netschreiber, die wir vor allem aus Jux denn aus Prof­it­gi­er Texte pub­lizieren und nicht auf irgendwelche blö­den Kon­feren­zen fahren, um uns dort dafür, dass wir ins Inter­net rein­schreiben, beklatschen zu lassen, mit ein­er Mis­chung aus Arro­ganz und Mitleid her­ab­blickt, weshalb ich in der Regel davon abse­he, meine Inter­net­präsenz ein “Blog” zu nen­nen und mich so als einen von ihnen begreifen zu lassen.

Insofern halte ich das Open-Source-Blog-Net­zw­erk für beachtlich, stellt es doch einen Gege­nen­twurf zum elitären Zirkel dar, indem die einzige Bedin­gung zur Teil­nahme die ist, dass man gele­gentlich auch mal das The­ma “freie Soft­ware” näher beleuchtet, ob Mozil­la oder Word­Press oder freie Betrieb­ssys­teme. Man muss genau genom­men nicht mal Blog­ger sein.

Natür­lich ist dieses Net­zw­erk reich gefüllt an Lin­uxblogs, BSD- oder Win­dows-Artikel sind eher sel­ten. Wer meine bish­eri­gen Texte aufmerk­sam ver­fol­gt hat, der hat wahrschein­lich bere­its fest­gestellt, dass ich Lin­ux gegenüber keine Antipathie entwick­elt habe, ihm aber zumin­d­est wie jedem anderen Sys­tem auch mit gesun­dem Mis­strauen begeg­ne. In einem lin­uxfre­undlichen Blognet­zw­erk ein Nicht-Blog mit Win­dows- und BSD-Affinität (und aller­lei völ­lig anderen The­men) unterzubrin­gen schien mir, schelmisch, wie ich gele­gentlich bin, eine amüsante Idee zu sein, der ich im Fol­gen­den nachging. Es kann ja nicht schaden, der Homogen­ität etwas Farbe beizu­mis­chen.

Wie dem auch sei: Gestern wurde “Hirn­fick 2.0” in das OSBN aufgenom­men. Die Unter­wan­derung kann begin­nen. Ich freue mich darauf.

Nur, falls wer fragt.

Musik
Liedzeilenkritik (1): Die Ärzte — Wilde Welt

(Vorbe­merkung: Um den kul­turellen und klugscheißerischen Anspruch dieser Web­site zu wahren, fange ich aber­mals eine neue Artikelserie an. In dieser Serie werde ich exem­plar­isch qua­si willkür­lich einzelne Zeilen aus mehr oder weniger bekan­nten Liedern inhaltlich zerpflück­en. Ob es weit­ere Teile geben wird, weiß ich noch nicht.)

Die Ärzte sind wie etwa auch die Fan­tastis­chen Vier für ihre tief­sin­ni­gen, gele­gentlich auch kindlich-ver­spiel­ten (“mein Gen­i­tal tut furcht­bar weh / immer dann, wenn ich pisse”, Onpranger­ing) Reime bekan­nt. Nur sel­ten bege­hen sie verse­hentlich einen logis­chen Faux­pas.

So heißt es etwa im Refrain von “Wilde Welt” auf dem Album “Das ist nicht die ganze Wahrheit…” (1988):

Ich hab’ das Spiele spie­len satt;
ich bin am Zug, ihr seid schachmatt.

Dies dürfte das inhaltlich schwäch­ste Zeilen­paar sein, das Bela B. je gesun­gen hat.

Zunächst ein­mal das Offen­sichtliche: “Ich hab’ das Spiele spie­len satt”. Kon­se­quent wäre es, das Spiel also zu been­den, stattdessen gibt Herr B. hochmütig bekan­nt, in dem Spiel, das er satt hat, nun­mehr am Zug zu sein.

Um welch­es Spiel es sich han­delt, geht aus der zweit­en Zeile (der let­zten im Refrain) her­vor, näm­lich anscheinend um Schach. Beacht­enswert ist hier­bei die Rei­hen­folge, die durch die Beto­nung deut­lich wird: Das Schachmatt ist keine Folge des Umstands, dass der Ich-Erzäh­ler am Zug ist, son­dern seine Voraus­set­zung. In den seit 2005 gülti­gen Schachregeln heißt es aber unter Artikel 5.1a:

Die Par­tie ist von dem Spiel­er gewon­nen, der den geg­ner­ischen König mattge­set­zt hat. Damit ist die Par­tie sofort been­det, voraus­ge­set­zt, dass der Zug, der die Mattstel­lung her­beige­führt hat, regel­gemäß war.

Wenn bere­its ein Spiel­er regelkon­form schachmatt geset­zt wurde, ist nie­mand mehr am Zug. Eine Aus­nahme stellt der Regel­bruch dar. Sofern aber ein solch­er began­gen wurde, ist eben­falls nie­mand mehr am Zug. Artikel 12.8 der Schachregeln näm­lich besagt:

Andauernde Weigerung eines Spiel­ers, sich an die Schachregeln zu hal­ten, wird mit Par­tiev­er­lust bestraft.

Bela B. hat also entwed­er das Spiel per Strafe ver­loren oder sein Gegen­spiel­er (in diesem Fall “ihr”, also die Hör­er des Liedes, mithin sein Pub­likum) wurde von ihm besiegt, was jew­eils nicht unbe­d­ingt ein Grund zu prahlen ist.

Die bei­den Zeilen im Refrain soll­ten also wenig­stens so laut­en:

Wir hab’n das Spiel zu End’ gebracht,
ihr habt gewon­nen — gute Nacht!

Da ich im Übri­gen davon aus­ge­he, dass diese Zeilen noch nie in einem Lied ver­wen­det wur­den, bleibt das Ver­w­er­tungsrecht bis auf Wider­ruf bei mir. Heutzu­tage weiß man ja nie.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXIX: “Aber wir lieben doch alle Menschen!”

Tja, hm:

In Deutsch­land sollen öffentliche Kan­ti­nen in Zukun­ft an einem Tag der Woche auf Fleisch verzicht­en. So fordern es zumin­d­est die Grü­nen in ihrem Pro­gramm zur Bun­destagswahl. (…) [Michael Fuchs] ver­weist auch darauf, dass die Grü­nen oder einige ihrer Repräsen­tan­ten schon Zirkustiere, Heizpilze, Zigaret­te­nau­to­mat­en, Wer­bung für Gelän­dewa­gen oder chemis­che Weich­mach­er in Sexspielzeug ver­bi­eten woll­ten. (…) Die Parte­ichefin der Grü­nen, Clau­dia Roth, hält den Vor­wurf ein­er “Ver­bots-Partei” für völ­lig unbe­grün­det.

Weil näm­lich:

“Man muss nicht jeden Tag zwei Burg­er essen”, sagte Göring-Eckardt. Auch für den Tier- und den Kli­maschutz sei eine Reduzierung des Fleis­chkon­sums förder­lich.

(Her­vorhe­bung von mir.)

Natür­lich kön­nte man den Kan­ti­nen ein­fach weit­er­hin freis­tellen, was sie verkaufen, und davon aus­ge­hen, dass ein durch­schnit­tlich­er Men­sch dur­chaus zum Sel­ber­denken fähig ist, aber so’n Staat weiß eben bess­er, was gut für den Bürg­er ist. Energies­par­lam­p­en, Vit­a­min-B12-freie Ernährung und Krieg im Koso­vo zum Beispiel. Näch­ster Schritt: Fleis­chfreie Tage in Super­märk­ten, Schlachtereien und Fast-Food-Fil­ialen.

“Du erk­lärst mir immer wieder, was erlaubt ist und was nicht,
lenkst mein Leben jeden Tag und bist durcht­bar für­sor­glich;
ach, was wär’ ich ohne dich?”
– Farin Urlaub: Lieber Staat