Archiv für die Kategorie ‘Kaufbefehle’.

Ich spreche keine Kaufempfehlungen aus, ich bin ja nicht Amazon.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Hundredth – Rare

Zu den angenehmen Überraschungen des Jahres 2017 zählt nunmehr auch das neueste Studioalbum „Rare“ des US-amerikanischen Shoegaze-Quartetts Hundredth (Amazon.de). Im Klanggewand der 80-er Jahre entfaltet sich eine erfreulich breitwandige musikalische Landschaft, auf der das Gras nicht bloß grün, sondern auch noch voller wild sitztanzender, vielfarbener Kühe ist.

Das ist so natürlich Quatsch, geschrieben im Überschwang. Fest steht aber, dass die mir bisher unbekannten Hundredth, sich laut Internet mit „Rare“ musikalisch neu erfindend, das Kunststück schaffen, grauenhafte – ich höre tatsächlich Placebo und die Pet Shop Boys heraus – Einflüsse zu im positiven Sinne bemerkenswerter Musik zu kombinieren.

Hundredth – Youth (Visual)

Das kann daran liegen, dass die dekadenüblichen Spielzeugkeyboards auf „Rare“ keine nennenswerte Rolle spielen, denn stattdessen gibt es mal aggressive, mal überzeugt hüpfende, oft mehrschichtige Gitarrenklänge zu kraft- und damit druckvollem Rhythmus aus selbstsicherem Bass und erfreulich wenig zurückhaltendem Schlagzeug; post-hardcore nennt sich das in den einschlägigen Werbetexten und post ist oft gut. Post-Punk und New Wave kreisen hier neugierig in immer engeren Kreisen umeinander, die Stimmung ist eigenartig; die Dichte fördert Melancholie, die Darbietung jedoch animiert verschiedene Körperteile des Konsumenten zur autarken Bewegung. Kann man bedrückt sitztanzen? Ich versuche es einfach mal.

Hundredth – Neurotic (Official Music Video)

„Rare“ ist ein fraglos im dunklen Jahrzehnt verwurzeltes Album, das trotzdem modern klingt und Spaß macht – wahrlich: so was ist selten. Und deswegen ist es gut.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: OHHMS – The Fool

OHHMS - The FoolOHHMS! Endlich mal wieder eine Band, deren Musik so klingt, wie sie heißt.

Nach immerhin drei Jahren und einigen EPs veröffentlichte die britische Metalband OHHMS mit „The Fool“ (Bandcamp, Amazon.de) 2017 endlich ihr Debütalbum.

Die sechs enthaltenen Stücke sind bis zu 21 Minuten („The Hierophant“) lang, Radiohörer sind hier also nicht unbedingt die Zielgruppe. Zu hören gibt es das, was wohl anderswo „Sludge“ genannt wird, bei mir indes als ordentlich dröhnende psychedelische Doom-Musik („The Hierophant“) und angenehm entschlossener Hardrock („The World“) ankommt.

Ohhms – The Hierophant (Official audio)

Das aggressive, aber rhythmische Klanggewitter auf „The Fool“ wird von Paul Wallers durchaus variabler Stimme begleitet, zwischen lieblichem Säuseln („The Lovers“) und heftigem Niederschlag („The Hanged Man“) sind manche Graustufen auszumachen – immer nur zu dröhnen und zu poltern ließe „The Fool“ auch schnell langweilig werden.

Ohhms – The World (Official audio)

Zu diesem Album jedoch ist Langeweile keine gute Beilage, denn es reizt vielmehr zur Kanalisation von Wut; hört man „The Fool“, so kann man sich dabei hervorragend über die Welt aufregen. Es gibt solche Momente im Leben, und sie verlangen nach solcher Musik. Kein Narr ist, wer sie einmal hören möchte.

Nur zu!

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: The Notwist – Neon Golden

Seltsame Umstände ließen ausgerechnet mich vor einigen Tagen das wundersame Album „Neon Golden“ der ehemaligen oberbayrischen Schrammelpunkband The Notwist kennenlernen. Es war gut.

Wie der geneigte Leser längst weiß, nahmen The Notwist einst Musik auf, die sich mit meinen hier mitunter kundgetanen Vorlieben keineswegs offensichtliche Überschneidungen aufwies, nämlich mit wenigen Ausnahmen (wie prima ich „Winter“ finde, erläutere ich vielleicht später einmal) erschreckend uninteressante Hardcoremusik. Das änderte sich mit jedem Album ein wenig mehr, besagter Hardcore wich allmählich – wohl auch Besetzungswechseln zum Dank – elektronisch orientiertem Artpop mit einem durchaus jazzähnlichen Einschlag. Mir soll es Recht sein.

The Notwist – Pick Up The Phone

Auf ihrem 2002 erschienenen sechsten Studioalbum „Neon Golden“, dem letzten mit Schlagzeuger Martin Messerschmidt, ist von der ungestümen Amateurband aus den Anfangsjahren entsprechend auch nicht mehr viel zu hören, stattdessen bietet das damalige Quartett eine Sondervorstellung in süßlichem Belle-and-Sebastian-Folkpop einer- und effektgestützter elektronischer Tanzmusik („Indietronic“, behauptet die Wikipedia, heiße das heute) andererseits, die mit gewaltiger Melancholie aus dem Kopfhörer und/oder Lautsprecher tropft.

The Notwist – This Room

Und dann hat diese Band auch noch die Chuzpe, dass das keineswegs klebrig oder bloß deprimierend, sondern insgesamt höchst angenehm klingt, wofür ich mich Sänger und Gitarrist Markus Acher ausdrücklich und daher separat zu danken geradezu verpflichtet fühle, denn müsste ich mir einmal eine am besten mit „schön“ zu beschreibende Sängerstimme aussuchen, ich wählte die seine.

Sicher: Nach dem Durchlauf von „Neon Golden“ wünscht man sich den sofortigen Beginn einer Feier, denn es bleibt schon etwas hängen vom transportierten Seufzen, jedoch ist der Weg dahin kein verregneter, sondern einer, den zu beschreiten die Lust auf eine Wiederholung (oder wenigstens den Rückweg) nicht nimmt.

Neongold scheint eine wunderbare Farbe zu sein.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Ex Eye

Ex Eye (Coverbild)Fordern wir wieder einmal unseren Geist und hören wir ein wenig Musik.

Aus ausgerechnet den Vereinigten Staaten stammt das Quartett Ex Eye, dessen Schlagzeuger Greg Fox, den PopMatters mit John Bonham zu vergleichen sich nicht scheut, sich bereits bei Zs und Liturgy austoben durfte. Statt klassischer Rockbandbesetzung scharten Ex Eye, die sich selbst als Post-Alles-Band beschreiben, sich um den kanadischen Saxophonisten Colin Stetson, der bislang unter anderem mit Tom Waits, Fred Frith und Mats Gustafsson zusammengearbeitet hat und also durchaus weiß, wie gute Musik klingen sollte.

EX EYE – "Xenolith; The Anvil" (Official Music Video)

Beschreiben lässt sich das auf dem im Juni präsentierten Debütalbum Gehörte als instrumentaler Jazzmetal, mitunter lässt sich aber auch einmal New Artrock im Stile der unvergessenen Porcupine Tree ausmachen. Dass es keinen Gesang gibt, ist hier kaum ein auffälliges Kriterium, denn der würde wahrscheinlich auch nur stören.

Ex Eye — Anaitis Hymnal; The Arkose Disc

Ich bin durchaus angetan.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Farflung – 5

Das englische Wort „far-flung“ bedeutet ungefähr „breitflächig“. Unter diesem sprechenden Namen wurde 1992 in Los Angeles eine Spacerockband gegründet, die aktuell als Trio musiziert und 2016 mit „5“ ihr aktuelles (nach meiner Zählung jedoch längst nicht mehr ihr fünftes) Studioalbum (Amazon.de, TIDAL) veröffentlichte.

Spacerock? Nehmen wir das mit den Genres mal lieber nicht so genau, denn was die Musik der drei Herren von Farflung ausmacht, ist nicht etwa der hundertste Aufguss von Hawkwind’schem Spiel, sondern es ist die gekonnte Einflechtung heterogenster Stile in ein von jedenfalls mir bislang noch ungehörtes musikalisches Rezept, aus dem Tanzmusik im besten Sinne entstand.

Das auf „5“ zu Hörende wird bei all seiner Heterogenität von flirrenden Klangeffekten in Form gehalten, die Musik prescht zügellos nach vorn und reißt dabei alles mit, was ihr im Weg liegt: Spacerock, Hardrock, Shoegaze, Americana, in „Being Boiled“ – hier mit besonders bemerkenswertem Bassspiel – darf es auch mal Doom sein. Das Repetitiv-Hypnotische auf „5“ ist mehr als nur Mittel zum Zweck. Das Star-Wars-Wüstencoverbild vermag das Ohr nicht zu trügen.

Ich habe keine Ahnung, was die einschlägigen Medien momentan als passendes Album zum Cocktail am Strand und/oder zum wilden Sitztanz empfiehlt. Gehört zu den üblichen Empfehlungen jedoch nicht „5“, so möchte ich es hiermit zu diesen hinzugefügt wissen.

KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2017 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 18 von 18 der Serie Jahresrückblick

Ach, wie haben sich die Leute doch gefreut, als das für Musiker erstaunlich tödliche Jahr 2016 ein Ende nahm. Ich wartete mit der musikalischen Jahresrückschau 2016 also sicherheitshalber bis Januar – und am Tag darauf wurde der Tod John Wettons vermeldet. Ebenso hat dieses Jahr bisher Chuck Berry, Allan Holdsworth und sicher noch ein paar bemerkenswerte Musiker sozusagen auf dem Gewissen. Das macht doch alles keinen Spaß mehr.

Und wie immer, wenn ich den Spaß zu verlieren meine, hilft – der Ironie bin ich mir bewusst – Musik, den rechten Pfad wiederzufinden. Es folgen konsequent die primasten Musikalben des ersten halben Jahres 2017 abzüglich der bereits zuvor thematisierten neuen Alben von Buckethead, Pontiak und All Them Witches. Ich empfehle alles Weitere den jeweiligen Artikeln zu entnehmen.

Weiterlesen ‘Musik 06/2017 – Favoriten und Analyse’ »

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Pontiak – Dialectic of Ignorance

Pontiak – wie die Band, nicht wie das Auto – sind seit Jahren ein Garant für mehr als bloß erträgliche Rockmusik. Auch mit ihrem diesjährigen Studioalbum „Dialectic of Ignorance“ wissen die drei Brüder aus Virginia wieder einmal zu beeindrucken, was insbesondere wenig verwundert, wenn man bedenkt, dass sie mit der Tradition, jährlich neue Aufnahmen zu veröffentlichen, für „Dialectic of Ignorance“ (Bandcamp.com, Amazon.de) gebrochen haben, da sie zwischendrin mit der Pen-Druid-Brauerei ein weiteres Standbein aufgestellt haben. Sollte es – möge dies noch in ferner Zukunft liegen! – mit der Musik einmal nicht mehr klappen, müssen sie zumindest nicht am Hunger- oder immerhin Bierdursttuch nagen.

Was mich indes annagt, ist die Neugier auf die Musik. Hören wir mal rein:

Pontiak – Ignorance Makes Me High (Official Music Video)

Aus den Elementen Stoner, Doom-Metal, Progmetal und Acid Rock rühren Pontiak einen magischen Trank an, der beim Genuss mit seinen monoton-repetitiven Mustern eine hypnotische Wirkung erzielt. Wirbelnde Gitarrensoli und harter Orgelanschlag werden auch und gerade durch ständiges Überschreiten radiokompatibler Liedlängen zu treibenden Kräften in dieser musikalischen Flut.

Ich höre mal Skeleton$, mal maudlin of the Well, mitunter etwas Colour Haze und eine Menge Pink Floyd, belegt mit einem Nebelschleier, immer wieder zerschnitten von einer wütenden Gitarre, stimmungsmäßig auf die Spitze getrieben vom hallenden, irgendwie entrückten Gesang.

Pontiak – Tomorrow Is Forgetting

Das letzte Stück auf „Dialectic of Ignorance“ trägt den Titel „We’ve Fucked This Up“. Fast möchte man ihnen zurufen: Nein, habt ihr nicht!
Gern noch etwas mehr davon.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Free Salamander Exhibit – Undestroyed

Etwas – wenn auch nicht viel – ernster als letztes Mal geht es bei Free Salamander Exhibit zu.

Die Musikgruppe Sleepytime Gorilla Museum, 1999 aus Idiot Flesh hervorgegangen und bis 2011 aktiv, war eine höchst seltsame Combo, deren Stil sich vielleicht am ehesten als Experimentalmetal mit Dada-Einfluss beschreiben lässt, womit sie zeitweise (cf. u.a. Sebkha-Chott und uneXpect) nicht allein waren. Unter den zahlreichen Abkömmlingen von Sleepytime Gorilla Museum fällt die Band Free Salamander Exhibit nicht nur durch einen recht ähnlichen Namen (der Weg zur Salamanderausstellung vom Gorillamuseum ist kein weiter), sondern insbesondere auch durch eine hohe Übereinstimmung der personellen Besetzung – leider gegenwärtig ohne Carla Kihlstedt – auf, so dass ich es einfach mal wage, Free Salamander Exhibit als jüngste Quasi-Reunion von Sleepytime Gorilla Museum zu benennen.

Im Jahr 2016 erschien nun also das Album „Undestroyed“. Wir sind noch nicht zerstört. Passt, denn zerstören tun sie lieber selbst.

Free Salamander Exhibit – Time Master

„Undestroyed“ – wenn auch bei Weitem nicht so durchgeknallt wie frühere Alben aus dem Bandumfeld – wird beherrscht von vielfältigen Rhythmen, stilistisch bewegt man sich zwischen Mathrock und Metal mit dem altbekannten Growling, aber auch Canterbury ist dem Quintett nicht fremd, wie „The Keep“ herausragend beweist:

Free Salamander Exhibit – 02. The Keep

Derzeit befindet sich die Band mit illustren Zeitgenossen wie Cheer-Accident auf einer ausgedehnten Tournee, es geht also hoffentlich noch weiter. „Undestroyed“ ist jedenfalls ein willkommenes Lebenszeichen einer reformierten Band, deren Fortbestand unbedingt wünschenswert ist.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Buckethead – Pike 244: Out Orbit

Machen wir zwischendurch mal wieder etwas schönes, ziehen wir uns einen heißen Gitarrenporno rein!

Buckethead ist der Künstlername eines US-amerikanischen Multiinstrumentalisten, der Ende der 1980-er Jahre beschloss, sein Gesicht hinter einer weißen Maske zu verbergen und einen Eimer von Kentucky Fried Chicken auf seinen Kopf zu setzen. Statt in die Psychiatrie gelangte er stattdessen zu Ruhm und (vermutlich) Reichtum, indem er teils mit zeitgenössischen Musikern, teils allein bis dato 264 Musikalben veröffentlichte, von denen seit 2011 alle bis auf eines als so genannte Pikes, wofür ich gerade im Wörterbuch nachschlagen müsste, in immer kürzeren Abständen erscheinen und selten 30 Minuten lang sind. „Out Orbit“ von Januar 2017 ist eines davon, es kommt auf fast 28 Minuten Laufzeit und ist das insgesamt 274. Album unter dem Namen Buckethead. Da hat jemand Langeweile.

Der Musiker mit dem Eimerkopf hält sich mit Genres nicht lange auf, bereits das eröffnende „Invisible Railroad“ quetscht in viereinhalb Minuten mehr Genres als es irgendwie vernünftig wäre. Thrash Metal, Spacerock, Bluesrock, Progressive Metal und Indie-Rock geben einander die Klinke der Drehtür in die Hand.

Buckethead – Invisible Railroad (Buckethead Pikes #244)

„To Infinity and Beyond (dedicated to Craig Sager)“ ist im Wesentlichen Hardrock mit Spaceeffekten. Womit der Ende 2016 gestorbene Sportreporter Craig Sager diese Ehre verdient hat, weiß ich nicht. Noch interessanter ist das viertelstündige Titelstück, in dem Bluesrock, Jazzrock, Americana und Spacerock einander abwechseln, ohne dass dabei auch nur einen Takt lang der groove vom Anfang verloren ginge. Man schwinge das Tanzbein oder wenigstens den Kopf.

Buckethead – Out Orbit (Buckethead Pikes #244)

Das abschließende, wiederum deutlich kürzere „Assortments“ rundet „Out Orbit“ vortrefflich ab. Insgesamt trägt das Album seinen Namen sicherlich zu Recht, denn der omnipräsente Spacerock ist hier roter Faden und Hauptakteur zugleich; geeignet für all jene, die Gitarren spitze finden und Gesang nicht für essenziell halten.

Bucketheads Debütalbum „Bucketheadland“ gibt es auf Amazon.de derzeit für etwas über 500 Euro zu kaufen. Qualität kostet. „Out Orbit“ hingegen gibt es auf des Künstlers Website für unter zehn Euro zum Streamen und Herunterladen. Es möge genutzt werden.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: OTUS – 7.83Hz

OTUS - 7.83HzApropos Bomben.

Unter der Schumann-Resonanz versteht man, wie die Schwarmintelligenz weiß, „das Phänomen, dass elektromagnetische Wellen bestimmter Frequenzen entlang des Umfangs der Erde stehende Wellen bilden“. Eine dieser Frequenzen – die intensivste – liegt bei etwa 7,83 Hertz.

Das im März 2016 veröffentlichte Studioalbum „7.83Hz“ der italienischen Doom-Sludge-Band heißt sicherlich nicht zufällig so, denn mit derartiger Musik verbinde ich weniges so sehr wie Schallwellen. Seine Wiederveröffentlichung im März 2017 ist ein willkommener Anlass, es einmal genauer zu begutachten.

OTUS – Theta Synchrony

Laut offizieller Beschreibung handelt es sich bei „7.83Hz“ tatsächlich um ein Konzeptalbum, das allerdings mit Schallwellen weniger zu tun hat als mit ganz anderen Phänomenen, indem es in insgesamt drei Kapiteln das nicht völlig unbekannte Zitat Timothy Learys, man möge „einschalten, einstellen, aussteigen“ („turn on, tune in, drop out“), vertont.

Das Ergebnis freilich klingt weniger hippiesk als die Beschreibung es glauben lassen mag, denn das hier ist, verdammt noch mal, Doom-Metal mit einer Extraportion Arschtritt, mithin: genau das Richtige für einen entspannten Feierabend, wie ich meine.

OTUS – Avidya (full song)

Ich höre Postrock, Stoner Rock und eine Menge aufgestauter Energie; wer daran teilhaben möchte, dem sei Bandcamp.com ein Hafen.

Feuer frei.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Moulettes – Constellations

Moulettes - ConstellationsDas englische Kammerrockquintett Moulettes ist regelmäßigen Lesern vielleicht bereits aus einer Montagsmusik bekannt. Mit dem Album „Constellations“ haben die Damen und Herren im Jahr 2014 meiner bescheidenen wie selbstredend objektiven Meinung nach ihr bisheriges Meisterwerk vorgelegt.

Das einzigartige Klangbild, das die Moulettes zeichnen, wird auf „Constellations“ perfektioniert: Chorpassagen und Kammermusik mit mancherlei Holzinstrumenten stehen neben beschwingtem Art- und sogar Postrock. Ein Musikinstrument so zu benutzen, wie es ursprünglich einmal vorgesehen war, nimmt dem Ergebnis viel von seiner Wirkung.

Moulettes – Lady Vengeance (Live in Paris)

Als Gast wirkt unter anderem der nicht gänzlich unbekannte Bassist Herbie Flowers (in „Land of the Midnight Sun“) mit, völlig allein sind die Moulettes, die mit diesem Album Anisa Arslanagic als neues Mitglied aufnahmen und damit wieder eine Frauenquote von 3:2 vermelden mussten, also nicht. Diese Personalie sollte indes nicht davon ablenken, dass mit dem Bassisten Jim Mortimore ein anderer bekannter Familienzweig längst zur Stammbesetzung gehört.

Moulettes – Constellations

„Constellations“ ist zweifellos ein Album, das – schon wieder diese schlimme Schublade – im positiven Sinne Spaß macht. Für die angehenden warmen Monate muss es ja nicht immer nur der neueste Sommerhit sein.

Möge die Freude nicht nur meinerseits bleiben.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: All Them Witches – Sleeping Through the War

Sleeping Through the WarLange nichts Gutes aus den USA mehr gehört. Zeit, dass sich das ändert!

Ebendort nämlich entsprang vor einigen Jahren das Quartett All Them Witches, das derzeit beinahe in der klassischen Rockbesetzung miteinander musiziert, jedoch zusätzlich verschiedenfach ein Mellotron (oder gar mehrere) einsetzt, was, wie der erfahrene Musikfreund längst weiß, meist ein sicheres Zeichen für etwas bessere Musik ist, es sei denn, es steht „Genesis“ auf der Platte.

All Them Witches

Mit „Sleeping Through the War“ erschien im Februar dieses Jahres das aktuelle Album von All Them Witches in besagter Besetzung, und tatsächlich ist das hier Dargebotene von erfrischender Unblödheit.

All Them Witches – "Alabaster" [Audio Only]

Der erwartete Psychedelic Rock („3-5-7“) und der tatsächlich erfreuliche Bluesrock („Internet“) auf „Sleeping Through the War“ werden hier mit dissonanten Ausbrüchen an den richtigen Stellen versehen, was in einem Freund des Schrägen wie den Verfasser dieses Textes die positive Grundhaltung noch zu steigern vermag. All Them Witches verbinden modernen Noiserock mit dem, was ein Radiosender, der nicht lügt, mit Recht als „das Beste der 70er“ ankündigen ließe. Ich mag das.

All Them Witches – "Bruce Lee" [Official Video]

Erfreulich ist überdies, dass „Sleeping Through the War“ auf Bandcamp.com angehört werden kann. CD, Kassette und Vinyl vom Album sind dort allerdings, weil ich offensichtlich nicht der Einzige bin, der es mag, längst ausverkauft; der Raubtierkapitalist Amazon.de möge Linderung verschaffen. Angenehmes Hören!

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Owls Are Not – isnot

Kann ich euch zwischendurch für ein wenig bemerkenswerte Musik begeistern?

Ha, was für eine Frage, deshalb seid ihr ja hier. Was haltet ihr von Eulen? Ihr mögt Eulen? Dann geduldet euch noch ein wenig, denn hier geht es um eine Band, die sich jeden Zusammenhang mit Eulen verbittet, nämlich um „Owls Are Not“, eine dreiköpfige Musikgruppe aus Polen. Polen kennt man sonst als Heimat von nicht ganz uninteressanten Vertretern des ausladenden Progressive Rocks wie SBB und Riverside, Owls Are Not aber sind in ihrem Stil so eigen wie ihr Name, statt Gelegenheitswohlklang wird hier die Freude am Geräusch geradezu lustvoll ausgelebt.

Owls Are Not – Isnot a Human (Atypeek Music)

Auf „isnot“, ihrem derzeit vorletzten Studioalbum (es folgte im Januar dieses Jahres das „Malawian Crash Mixtape 1“), gibt es Stücke namens „-“ (davon gleich drei), „isnot a human“, „isnot a dog“ und vergleichbare zu hören, die im Wesentlichen höchst verstörende Geräuschcollagen, angereichert mit Bass, Elektronik und Schlagzeug sowie weiterer Sprachbeigabe, aus mancherlei Quelle sind, surreal in ihrer Beschaffenheit und von easy listening angenehm weit entfernt.

Owls Are Not – isnot a dog (Atypeek Music)

Selbstverständlich hat all das auch eine Botschaft; so erzählt „arc de triomphe“ etwa, glaubt man der offiziellen Beschreibung, die Geschichte einer apokalyptischen Welt, das eröffnende „la prison“ indes berichtet von einem beklemmenden Gefühl des Eingesperrtseins durch einen Überfluss an Informationen. Folgerichtig wirkt die schiere breite Geräuschmasse, die das Album maßgeblich dominiert, auf unvorbereitete Ohren wie etwa die meinen zunächst etwas befremdlich, sie überrollt den Hörer mit Größe und Dichte. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber ich meine hier Überragendes auszumachen.

Während ich also noch ein wenig darüber sinniere, was es genau ist, das mich an „isnot“ in geradezu nennenswert positivem Maße beeindruckt, empfehle ich für Stream und Kauf das gewohnte Bandcamp.com. Möge es auch euch einen Dienst erweisen.

KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2016 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 17 von 18 der Serie Jahresrückblick

Wie, was, 2016 ist schon lange vorüber? Zum Glück habe ich gewartet. Das könnte man für schlecht halten, aber statistisch gesehen ist es gut, denn 2016 hat nicht nur die Ankündigung der baldigen Auflösung von The Dillinger Escape Plan, sondern auch eine ganze Reihe an Toden auf der Rechnung, darunter nicht nur diverse ehemalige Politiker der F.D.P., sondern vor allem auch Musiker. Nach Wolfgang Rohde (früher mal Die Toten Hosen), Hagen Liebing (früher mal Die Ärzte) und Chris Squire, dem letzten in der Band verbliebenen Gründungsmitglied von Yes, sowie vielen anderen hat es vor einigen Wochen schließlich auch den großartigen Greg Lake erwischt, und auch für Leonard Cohen wäre es zu spät, seinem letzten Album „You Want It Darker“ einen gebührenden Preis zu verleihen, über das andererseits jedes geschriebene Wort sowieso und ohnehin Blasphemie gliche.

Schon früher im abgelaufenen Jahr allerdings schien es mir nicht verfehlt, lobende Worte über einige der großartigsten Musikalben des Jahres zu finden, darunter katie deys flood network, MaidaVales Tales of the Wicked West, misophonia von Electric Orange sowie das Debütalbum von Moon Circle.

Im Folgenden findet ihr, was bis jetzt noch fehlte, nämlich die bislang noch unrezensierten Alben des Jahres. Vielleicht ist ja was für euch dabei?

Weiterlesen ‘Musik 12/2016 – Favoriten und Analyse’ »

KaufbefehleMusikkritikPersönliches
Kurzkritik // So melancholisch muss man erst mal sein: Halma – Granular

Manchmal – selten, aber mit steigender Frequenz -, wenn die Gesamtsituation den Verfasser dieser Zeilen zu mehr Trübsinn als Freude verleitet, greift er (also: ich) nicht unbedingt zur Flasche oder zum Texteditor, sondern in die Spielekiste, denn dann steht ein wunderbarer Kanal zur Gedankenreinigung offen: Halma spielen, um die Sehnsucht zu vertreiben.

Das Hamburger Quartett dieses Namens nämlich veröffentlichte 2015 mit „Granular“ (vgl. Amazon) bei der Plattenfirma von, natürlich, Nihiling ein wunderbares Slowcorealbum, dessen bassgeführtes Instrumentalfundament unter die Haut geht wie sonst nur Tätowierungen, aber sich als ihnen in jeder Hinsicht überlegen zeigt.

Halma – Granular [Full Album]

Der Musik gewordene Melancholieschwamm entschleunigt, ohne träge zu wirken. Klänge wie ein Herzschlag, das Album zum #wasfehlt-Hashtag. Von Krautrock ist gelegentlich die Rede, wird über dieses Album gesprochen. Selten war es so packend, dass das mal nicht stimmte. Eine tiefe Verbeugung nach Hamburg und ein Glas in die Höhe. Ich bin beeindruckend bedrückt.