Archiv für die Kategorie ‘Kaufbefehle’.

Ich spreche keine Kaufempfehlungen aus, ich bin ja nicht Amazon.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Altare Thotemico – Sogno Errando

Wer meinen bisherigen Musikrezensionen ein paar Minuten Aufmerksamkeit geschenkt hat, dem mag aufgefallen sein, dass es bei mir sehr selten vorkommt, dass ich italienischen Gesang für erträglich halte. Die Sprache klingt gesungen einfach meist scheiße. Um so erfreulicher ist es, wenn diese Regel eine Ausnahme findet. So ist es zum Beispiel beim bolognesischen Sextett Altare Thotemico, dessen zweites Album namens „Sogno Errando“ (Amazon.de, TIDAL) 2013 veröffentlicht worden ist und so klingt, wie es heißt, nämlich nach einer Traumwanderung.

Zwar wird auf „Sogno Errando“ eine Menge gesungen und in den wenigen furchtbaren Momenten klingt es dann auch nach einer üblichen italienischen Operette, aber dieses Ächz wird schnell unter einem großen Hurra bnegraben, denn Sänger Gianni Venturi kann mit der landestypischen Knödelei offensichtlich so wenig anfangen wie ich und bietet stattdessen eine gar nicht mal allzu gewollt wirkende Interpretation Peter Hammills dar, was zur hier gehörten Musik auch deshalb gut passt, weil das Saxophon – mal melodisch singend, mal avantgardesque brodelnd bis eskalierend – hier zusammen mit dem Klavier eine führende Rolle übernimmt. Ich höre hier eine Menge Jazz, allgegenwärtig sind aber eben auch seine Zöglinge von Van der Graaf Generator, auffallend nah insbesondere in „Le Correnti Sotteranee“ und dem Titelstück „Sogno Errando“.

ALTARE THOTEMICO ' LE CORRENTI SOTTERANEE'

In erstgenanntem Stück bin ich mir zudem ziemlich sicher, die frühen King Crimson wiederzuerkennen, und auch Weltmusik und Kammerrock, wie sie unter anderem After Crying vor Jahrzehnten schon in Harmonie gebracht haben, sind den Musikern nicht fremd. Dass in den Stücken, die einen englischen Titel tragen, nämlich in „Broken Heart“ und dem angemessen verrückten „Neuro Psycho Killer“, mit für manche Ohren amüsantem Akzent auf Englisch gesungen wird, fällt tatsächlich auch nicht mehr auf: Erfreut von der jazzrockigen Wucht des Albums bemerkt man die Sprache schon längst nicht mehr.

ALTARE THOTEMICO " Broken heart" Live in studio!

Italien: Warum nicht gleich so, warum nicht immer? Perlen wie diese sind es, die mir die Musik nicht langweilig werden lassen. Gern mehr davon!

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Sonar – Black Light

Cuneiform Records kennen regelmäßige Leser meiner Musikbesprechungen möglicherweise als die Plattenfirma von Thinking Plague. Wer – wie ich – auf diese Angabe üblicherweise kaum achtet, falls nicht eine bemerkenswerte Verpackung um den Tonträger drumrum ist oder der Verlag wie einst Charisma Records sein auffälliges Logo raumgreifend direkt auf die Platten stempelt, dem sei zumindest subjektiv versichert, dass sich in der bisherigen Liste der Künstler, die vertraglich an Cuneiform gebunden sind, kein einziger Totalausfall finden lässt, stattdessen sieht man dort unter anderem Bent Knee, Gilgamesh, Art Zoyd und Miriodor.

Das lässt das Vorurteil gegenüber Musik aus der Schweiz – außer Monkey3 und Patrick Moraz fiele mir gerade kein positives Beispiel ein – immerhin ausreichend schwinden, dass ich an das ebenfalls von Cuneiform verlegte Schweizer Quartett Sonar mit der gleichen Erwartung herangehen kann wie an jeden anderen act – das heißt doch heute noch act, oder? – auch: Hauptsache, klingt geil.

Sonar – Black Light

Und das tut es wahrlich: Auf ihrem 2015 veröffentlichten dritten und bisher anscheinend letzten Studioalbum „Black Light“ (Bandcamp.com) spielen die vier Musiker einen herrlichen Mathrock, der kühle Präzision mit einem gefährlich grollenden und gerade deshalb bewegenden Bass.

Sonar featuring Andi Pupato – Orbit 5.7 Andi Pupato Remix (Official Music Video)

Im Internet wird das hier zu Hörende beschrieben, es klinge, als nähme man einen Topf immer wieder kurz vor dem Kochen vom Herd und stellte ihn anschließend wieder auf die heiße Platte, was ein treffendes Bild ist, denn „Black Light“ brodelt, ohne jemals unnötig auszubrechen.

Musik für untenrum.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Half Past Four – Land of the Blind

Half Past Four - Land Of The BlindUm halb fünf Im Jahr 2016 veröffentlichte die fünfköpfige kanadische Band Half Past Four ihr drittes und bislang letztes Studioalbum „Land of the Blind“ (Amazon.de, Bandcamp). Von sich selbst behaupten die Musiker, sie seien „eine der besten Progressive-Rock-Bands aus Kanada“, was zumindest eine mutige Behauptung ist, wenn man sowohl Rush als auch die diversen Sprosse von Godspeed You! Black Emperor dem Progressive Rock zurechnet, denn dann wird es knapp mit der Bewertung.

Stilistisch sehen sich Half Past Four allerdings sowieso anderswo:

Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben sie einen einmaligen Klang entwickelt, der traditionellen Progrock neben anderen mit Folk, Country, Jazz und klassischen Genres verbindet.

In der Tat ist Eintönigkeit hier nicht gegeben. Schon im eröffnenden „Mathematics“ wird die Retroprog-Schiene von Beardfish bis echolyn auf- und abgewandert, von einem offensichtlichen Rückgriff auf Genesis und die unvergessenen Gentle Giant unterscheidet Half Past Four hier fast nur Sängerin Kyree Vibrant, deren Kunst ich allerdings für beachtlich halte.

Half Past Four – Mathematics (Official Video)

Während in „Toronto Tontos“ die Exzentriker von Primus wahlweise zitiert oder persifliert werden, vermag ich das textlich bemerkenswerte „Mood Elevator“ keiner anderen Band zuzuordnen. Sommerlicher Bluesrock’n’Roll, wenn’s denn ein Genre sein muss.

Half Past Four – Mood Elevator (Official Video)

Mit dem Stimmungsfahrstuhl fahre ich erst einmal nach oben. Ich bin erfreut und hoffe auf Fortsetzung.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Bardo Pond – AcidGuruPond

Bardo Pond - AcidGuruPondVor inzwischen über vier Jahren befand ich das Album „Peace on Venus“ der US-amerikanischen Band Bardo Pond für unbedingt hörenswert. Danach hatte ich selbst die Gruppe zu meinem Bedauern ein wenig aus den Augen (und Ohren) verloren.

Eher zufällig lief ich daher unlängst ihrem 2016er Album „AcidGuruPond“ (Bandcamp, Amazon.de) quasi über den Weg, das eine – wenn auch nicht die erste – musikalische Zusammenarbeit mit den landesüblich verrückten Japanern Acid Mothers Temple und der Krautrockkonstante Guru Guru ist und genau so klingt, nämlich wie das, was man sich wohl vorstellte, sollte man sich eine drogenumwölkte Geistesreise vorstellen.

Das Album ist weitgehend instrumental, der effektgeladene seltene Gesang eher eine zusätzliche Tranceschicht; auf die Ohren gibt es kosmischen Kraut (klar: Guru Guru) und jede Menge Psychedelia zwischen Hippiegitarre („Purple“) und Drones („Blue“). Dass die fünf Stücke wie Farben heißen, passt ausgezeichnet, denn wie ein Kaleidoskop projiziert sie herrliche Bilder in den Verstand.

Bardo Pond ‎- Acid Guru Pond

Bardo Pond sind inzwischen weitergezogen, im Februar wird ihr neues Album „Volume 8“ veröffentlicht werden und ihr gleichfalls famoses Nebenprojekt Curanderos war auch nicht untätig. Ich allerdings verweile noch etwas, bin erfreut und empfehle.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Noseholes – EP

Noseholes EPAus der, wie ich finde, schönsten Stadt Deutschlands, nämlich aus Hamburg, kommt die kürzeste EP, die mir bisher untergekommen ist, nämlich die im letztjährigen April erfolgte erste Veröffentlichung von Noseholes, einer bisher versehentlich übersehenen Gruppe aus anscheinend vier Musikern, deren anscheinend fehlendes Interesse an Stilgrenzen mit meinem recht kompatibel ist. Die drei Lieder erreichen zusammen nicht einmal sieben Minuten Länge und das stört mich nicht im Geringsten.

Das hier Gebotene ist ein großartiges Durcheinander aus Hamburger Schule („Bed Smoker“), Postpunk, Krautigem (das immerhin dreiminütige „Drug Owner“ mit Lo-Fi-Bluesrockgitarre und ängstlichem Saxophon) und Freiform-Jazz. Für ein Video hat es allerdings noch gereicht, das selbst ohne Ton genau so wirkt wie das zu Hörende:

Noseholes / Bed Smoker (official Video)

Im Februar 2018, verkündet Bandcamp, soll das Debütalbum „Danger Dance“ erscheinen, auf das es zumindest „Bed Smoker“ auch noch mal geschafft hat. Meine Vorbestellung ist trotz des scheußlichen Coverbilds jedenfalls raus.

KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2017 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 19 von 19 der Serie Jahresrückblick

Ein seltsames Jahr 2017 ist fast zu Ende und hat in seiner zweiten Jahreshälfte noch schnell ein paar einflussreiche Musiker, darunter die Hälfte von Can (Jaki Liebezeit und Holger Czukay), John Abercrombie, Walter Becker und Charles Manson, den jeweils nächsten Tag nicht mehr erleben lassen. Zum Glück wachsen immer wieder neue Musiker nach, die sich auf alte Tugenden besinnen. Von einigen von ihnen soll heute anlässlich des zweiten Teils der besten Musikalben 2017 die Rede sein.

Da der erste Teil merklich kürzer als üblich geraten war, blieb für den zweiten natürlich eine Menge Musik übrig. Vorzeitig befasst hatte ich mich seit Juli bereits mit den aktuellen Alben von Ex Eye, OHHMS, Hundredth, Reflections in Cosmo, Igorrr, L’Effondras und The Narcotic Daffodils. Dennoch war das Jahr noch produktiv genug für eine lange Liste an noch unausgesprochenen Empfehlungen.

Weiterlesen ‘Musik 12/2017 – Favoriten und Analyse’ »

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Grumbling Fur – Furfour

Grumbling Fur - FurfourIrgendwann im Jahr 2011 taten sich in London Alexander Tucker und Daniel O’Sullivan, der ansonsten Bands wie Ulver, Guapo, Mothlite und Sunn O))) angehört, zusammen, um gemeinsam etwas aufzunehmen, was sie selbst als „psychedelischen Pop“ bezeichnen, aber eigentlich gar kein Pop ist. Als Grumbling Fur veröffentlichten sie bisher in verschiedener Besetzung vier Studioalben, deren aktuelles von 2016 treffend „Furfour“ (Bandcamp.com, Amazon.de) heißt. Als Gastmusiker haben sie diesmal Isobel Sollenberger (Bardo Pond) und Charles Bullen (This Heat) gewinnen können, um ein weiteres Stück hörenswerter Einmaligkeit zu schaffen.

Es scheint, als habe jeder beteiligte Musiker die Gelegenheit genutzt, die Musik seiner Stammband in das Produkt einfließen zu lassen: Schleppender Postrock („Suneaters“) und effektbereicherter Psychedelic Rock sorgen für die notwendige meditative Stimmung, die sich wie auch die ungezählten Instrumente selbst angenehm verdichtet.

Grumbling Fur – Heavy Days (Official Music Video)

Etikettierung und Schubladisierung sind hier, wie so oft, fehl am Platz: Beatlesque Harmonien („Golden Simon“), instrumentaler Shoegaze („Molten Familiar“) und Gänsehaut erzeugender 80er-New-Wave mit einer perfekten Dosis gezielten Violineneinsatzes („Silent Plans/Black Egg“) ergeben ein großes Ganzes, das mit jedem Hören noch an Wärme gewinnt.

Grumbling Fur ★ Acid Ali Khan [HQ]

So lange es draußen kalt ist, heizt „Furfour“ von innen. Ich bin höchst erfreut und bitte um Nachschlag.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: L’Effondras – Les Flavescences

Les FlavescencesEine dieser Bands, die sich live zu sehen übrigens wahrscheinlich auch lohnt, ist L’Effondras aus dem Osten Frankreichs, die sich selbst lieber als Symbol ⊙ zu schreiben scheint (womit ich freilich recht falsch liegen könnte, denn mein Französisch ist scheiße), mit einem hier nicht weiter erwähnenswerten anderen Künstler, der das ähnlich machte, aber wunderbar wenig zu tun hat.

Das Trio spielt auch auf dem im März 2017 erschienenen Album „Les Flavescences“ (Stream auf Bandcamp.com) einen ziemlich beeindruckenden, weil nicht wie die aberhundertste Kopie bekannter Genregrößen klingenden instrumentalen Postrock, gesungen wird also nicht, wofür ich französischen Musikern grundsätzlich sehr dankbar bin, stattdessen werden walls of sound aufgeschichtet, die aber nicht nur blöde in der Gegend rumstehen, sondern hinter denen das Nachtleben tobt, mal etwas zurückhaltender …

L'Effondras – X – Les Rayons De Cendre

…, mal geräuschvoll:

L'Effondras – XI – Lux Furiosa

Dabei sind drei von vier Stücken eigentlich egal, denn das abschließende „Le Serpentaire“ nimmt mit über 34 Minuten Dauer, von denen die letzten zehn quasi als Kontrast îm Wesentlichen aus Naturgeräuschen bestehen, eine Menge Raum nicht weg, sondern ein. Anderen Bands würde das für anderthalb Alben reichen, L’Effondras verschwenden aber nichts, schon gar nicht die Zeit des geneigten Hörers.

„Les Flavescences“ ist bei Weitem auch musikalisch nicht das Schlechteste, was in diesem Jahr aus Frankreich kam. Empfehlung hiermit erteilt.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Igorrr – Savage Sinusoid

Igorrr - Savage SinusoidIgorrr!

Schon der Name – leider ohne Ausrufezeichen – ist so klangvoll, dass man es leicht verschmerzt, dass hier nicht auf Russisch musiziert wird. Statt Kalinka wird der akustische Angriff besungen, stilecht eingeleitet durch einen Kriegsschrei („Viande“), der sogleich in donnernden Metal übergeht. Warum kleckern, wenn man klotzen kann? „Savage Sinusoid“ (Amazon.de, TIDAL), das laut Internet sechste Album der Franzosen, weckt seit Juni dieses Jahres vermutlich so manchen Toten auf.

Igorrr – ieuD [OFFICIAL VIDEO]

Gelegentliche Elektronika und Effekte lassen Etikettierung sowieso nicht sinnvoll zu, zumal nicht einmal hier ein Stillstand auszumachen ist: Gautier Serre, die treibende Kraft hinter Igorrr, hat Spaß an Experimenten und lässt den Hörer das auch merken. Wo eben noch das wilde nordische Leben tobte, erfolgt gleich die Umschaltung in den musikalischen Balkan, während der Vokalist sich allmählich heiser zu schreien scheint. Plötzlicher Themenwechsel: Krautiger Artpop wechselt sich mit strukturell haggardesquem Brüll- einer- und Postmetal andererseits mit prima Operngesang von Laure Le Prunenec ab, mannigfaltig elektronisch manipuliert – „ieuD“ bringt in fast vier Minuten mehr Stile unter als viele andere Künstler auf drei Studioalben.

Igorrr – Cheval [OFFICIAL VIDEO]

Ein Stück wie dieses auf „Savage Sinusoid“ dabei nicht einmal eine besondere Ausnahme; „Houmous“ integriert Kirmes-, 8-Bit- und Weltmusik in ein alles andere als enges Mathrockkorsett, andere Stücke wie „Apopathodiaphulatophobia“ tragen ihre völlige Abgedrehtheit schon im Namen. Ich finde ja mitunter durchaus Gefallen an Abgedrehtem.

Große Klasse.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Reflections in Cosmo

Reflections in CosmoUnter den bisherigen musikalischen Erscheinungen des Jahres 2017 sind in meinen Ohren nur vergleichsweise wenige Studioalben eine positive Ausnahmeerscheinung. Das Debütalbum von Reflections in Cosmo (Amazon.de, TIDAL) zählt trotz des bescheuerten Coverbilds (für diese Schriftart würde ich den Gestalter feuern und verklagen) ganz klar dazu.

Reflections in Cosmo ist eine Musikgruppe, die von der Presse vermutlich „Supergroup“ genannt würde, denn sie ist ein Quartett aus dem Motorpsycho-Umfeld, in dem neben deren Hans Magnus Ryan auch der Keyboarder Ståle Storløkken, der Saxophonist Kjetil Møster und der mir bisher zumindest unbekannte Schlagzeuger Thomas Strønen gemeinsam Mitglied sind.

Aus der Besetzung ließe sich folgern, dass hier ordentlich freegejazzt wird, aus dem Bandnamen hingegen, dass Spacerock hier die Oberhand hat, aber das ist nicht einmal unbedingt der Fall; stattdessen ist hier, ähnlich wie auf dem diesjährigen, leider etwas langweiligeren Album „Signal 9“ der Kanadier Miriodor, eine durchaus packende Spielart des instrumentalen Jazzrocks zu hören.

Reflections In Cosmo – Balklava

Die vier Musiker spielen gekonnt mit natürlich Spacerock, integrieren aber auch Jazzmetal und Stoner Rock wie selbstverständlich in ihre Musik. Ihr Jazzhintergrund wird dabei immer wieder deutlich, was nicht zuletzt auch Kjetil Møsters Dominanz zu verdanken ist. Das geht gut ins Ohr, das erfreut die Sinne.

Dazu passen: Herbst, Kopfhörer und Bier.

Prost.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Skinny Puppy – VIVIsectVI

Skinny Puppy - VIVIsectVIIch höre aber auch immer einen Scheiß.

Auf einem meiner Streifzüge durch die Wikipedia wegen eines eigentlich ganz anderen Themas – ich kann niemandem empfehlen, die Wikipedia zu durchstreifen – stieß ich aus Versehen auf die kanadische Post-Industrial-Band Skinny Puppy und bekam urplötzlich Lust, die Tauschbörse meines Vertrauens nach ihr zu fragen. Das erstbeste Ergebnis war deren Album „VIVIsectVI“ (Amazon.de), was, vermutlich, irgendwas mit „666“ zu tun hat, von 1988, und es ist so grauenhaft, dass es mir schon wieder erschreckend gut gefällt.

VX Gas Attack – Skinny Puppy

Tonband- und effektlastige elektronische Tanzmusik, von beteiligten Musikern selbst als „Psychedelic Industrial“ bezeichnet, mit verzerrt vorgetragenen Texten über Naturschutz, Vergewaltigung und Chemiewaffen, als hätten Throbbing Gristle versehentlich mal die falschen Drogen genommen, bricht hier über den sonst jazzumschmeichelten Rezensenten herein.

Was ist das und warum kann ich es nicht einfach wegmachen?

Human Disease (S.K.U.M.M.) – Skinny Puppy

All is a disease. Die Texte, angeblich via Bewusstseinsstrom und somit eigentlich unabsichtlich entstanden, sind mindestens so verstörend wie ihre Verpackung und vielleicht ist das ein Teil der Anziehungskraft, die „VIVIsectVI“ ausübt. Man sollte ja stets den Horizont, den Tellerrand und so weiter zu weiten bereit sein, bis nur noch ein großes Loch übrig bleibt. In so Serien kommt aus großen Löchern ja gern einmal allerlei Ungemach.

Dreams amaze me, time escapes me („Dogshit“).

Man wird ziemlich blöd davon. Auch mal schön.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Hundredth – Rare

Zu den angenehmen Überraschungen des Jahres 2017 zählt nunmehr auch das neueste Studioalbum „Rare“ des US-amerikanischen Shoegaze-Quartetts Hundredth (Amazon.de). Im Klanggewand der 80-er Jahre entfaltet sich eine erfreulich breitwandige musikalische Landschaft, auf der das Gras nicht bloß grün, sondern auch noch voller wild sitztanzender, vielfarbener Kühe ist.

Das ist so natürlich Quatsch, geschrieben im Überschwang. Fest steht aber, dass die mir bisher unbekannten Hundredth, sich laut Internet mit „Rare“ musikalisch neu erfindend, das Kunststück schaffen, grauenhafte – ich höre tatsächlich Placebo und die Pet Shop Boys heraus – Einflüsse zu im positiven Sinne bemerkenswerter Musik zu kombinieren.

Hundredth – Youth (Visual)

Das kann daran liegen, dass die dekadenüblichen Spielzeugkeyboards auf „Rare“ keine nennenswerte Rolle spielen, denn stattdessen gibt es mal aggressive, mal überzeugt hüpfende, oft mehrschichtige Gitarrenklänge zu kraft- und damit druckvollem Rhythmus aus selbstsicherem Bass und erfreulich wenig zurückhaltendem Schlagzeug; post-hardcore nennt sich das in den einschlägigen Werbetexten und post ist oft gut. Post-Punk und New Wave kreisen hier neugierig in immer engeren Kreisen umeinander, die Stimmung ist eigenartig; die Dichte fördert Melancholie, die Darbietung jedoch animiert verschiedene Körperteile des Konsumenten zur autarken Bewegung. Kann man bedrückt sitztanzen? Ich versuche es einfach mal.

Hundredth – Neurotic (Official Music Video)

„Rare“ ist ein fraglos im dunklen Jahrzehnt verwurzeltes Album, das trotzdem modern klingt und Spaß macht – wahrlich: so was ist selten. Und deswegen ist es gut.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: OHHMS – The Fool

OHHMS - The FoolOHHMS! Endlich mal wieder eine Band, deren Musik so klingt, wie sie heißt.

Nach immerhin drei Jahren und einigen EPs veröffentlichte die britische Metalband OHHMS mit „The Fool“ (Bandcamp, Amazon.de) 2017 endlich ihr Debütalbum.

Die sechs enthaltenen Stücke sind bis zu 21 Minuten („The Hierophant“) lang, Radiohörer sind hier also nicht unbedingt die Zielgruppe. Zu hören gibt es das, was wohl anderswo „Sludge“ genannt wird, bei mir indes als ordentlich dröhnende psychedelische Doom-Musik („The Hierophant“) und angenehm entschlossener Hardrock („The World“) ankommt.

Ohhms – The Hierophant (Official audio)

Das aggressive, aber rhythmische Klanggewitter auf „The Fool“ wird von Paul Wallers durchaus variabler Stimme begleitet, zwischen lieblichem Säuseln („The Lovers“) und heftigem Niederschlag („The Hanged Man“) sind manche Graustufen auszumachen – immer nur zu dröhnen und zu poltern ließe „The Fool“ auch schnell langweilig werden.

Ohhms – The World (Official audio)

Zu diesem Album jedoch ist Langeweile keine gute Beilage, denn es reizt vielmehr zur Kanalisation von Wut; hört man „The Fool“, so kann man sich dabei hervorragend über die Welt aufregen. Es gibt solche Momente im Leben, und sie verlangen nach solcher Musik. Kein Narr ist, wer sie einmal hören möchte.

Nur zu!

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: The Notwist – Neon Golden

Seltsame Umstände ließen ausgerechnet mich vor einigen Tagen das wundersame Album „Neon Golden“ der ehemaligen oberbayrischen Schrammelpunkband The Notwist kennenlernen. Es war gut.

Wie der geneigte Leser längst weiß, nahmen The Notwist einst Musik auf, die sich mit meinen hier mitunter kundgetanen Vorlieben keineswegs offensichtliche Überschneidungen aufwies, nämlich mit wenigen Ausnahmen (wie prima ich „Winter“ finde, erläutere ich vielleicht später einmal) erschreckend uninteressante Hardcoremusik. Das änderte sich mit jedem Album ein wenig mehr, besagter Hardcore wich allmählich – wohl auch Besetzungswechseln zum Dank – elektronisch orientiertem Artpop mit einem durchaus jazzähnlichen Einschlag. Mir soll es Recht sein.

The Notwist – Pick Up The Phone

Auf ihrem 2002 erschienenen sechsten Studioalbum „Neon Golden“, dem letzten mit Schlagzeuger Martin Messerschmidt, ist von der ungestümen Amateurband aus den Anfangsjahren entsprechend auch nicht mehr viel zu hören, stattdessen bietet das damalige Quartett eine Sondervorstellung in süßlichem Belle-and-Sebastian-Folkpop einer- und effektgestützter elektronischer Tanzmusik („Indietronic“, behauptet die Wikipedia, heiße das heute) andererseits, die mit gewaltiger Melancholie aus dem Kopfhörer und/oder Lautsprecher tropft.

The Notwist – This Room

Und dann hat diese Band auch noch die Chuzpe, dass das keineswegs klebrig oder bloß deprimierend, sondern insgesamt höchst angenehm klingt, wofür ich mich Sänger und Gitarrist Markus Acher ausdrücklich und daher separat zu danken geradezu verpflichtet fühle, denn müsste ich mir einmal eine am besten mit „schön“ zu beschreibende Sängerstimme aussuchen, ich wählte die seine.

Sicher: Nach dem Durchlauf von „Neon Golden“ wünscht man sich den sofortigen Beginn einer Feier, denn es bleibt schon etwas hängen vom transportierten Seufzen, jedoch ist der Weg dahin kein verregneter, sondern einer, den zu beschreiten die Lust auf eine Wiederholung (oder wenigstens den Rückweg) nicht nimmt.

Neongold scheint eine wunderbare Farbe zu sein.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Ex Eye

Ex Eye (Coverbild)Fordern wir wieder einmal unseren Geist und hören wir ein wenig Musik.

Aus ausgerechnet den Vereinigten Staaten stammt das Quartett Ex Eye, dessen Schlagzeuger Greg Fox, den PopMatters mit John Bonham zu vergleichen sich nicht scheut, sich bereits bei Zs und Liturgy austoben durfte. Statt klassischer Rockbandbesetzung scharten Ex Eye, die sich selbst als Post-Alles-Band beschreiben, sich um den kanadischen Saxophonisten Colin Stetson, der bislang unter anderem mit Tom Waits, Fred Frith und Mats Gustafsson zusammengearbeitet hat und also durchaus weiß, wie gute Musik klingen sollte.

EX EYE – "Xenolith; The Anvil" (Official Music Video)

Beschreiben lässt sich das auf dem im Juni präsentierten Debütalbum Gehörte als instrumentaler Jazzmetal, mitunter lässt sich aber auch einmal New Artrock im Stile der unvergessenen Porcupine Tree ausmachen. Dass es keinen Gesang gibt, ist hier kaum ein auffälliges Kriterium, denn der würde wahrscheinlich auch nur stören.

Ex Eye — Anaitis Hymnal; The Arkose Disc

Ich bin durchaus angetan.