Lange nichts mehr über Musik geschrieben.
faust sind wieder (oder immer noch oder immer mal wieder) da. Meine Freude an der Motorik des Krautrocks ist ungebrochen und mein Vergnügen an dem, was dieses Genres Längstlegende faust jedenfalls seit ihrer Rückkehr ins Studio in den 1990ern auf Platten presst beziehungsweise pressen lässt, ohnehin.
„Blickwinkel (curated by Zappi W. Diermaier)“ (Amazon.de, TIDAL) heißt das Album mit vollständigem Titel, vielleicht heißt auch die Musikgruppe hier „faust curated by Zappi W. Diermaier“, so klar sind die mir vorliegenden Informationen ausnahmsweise mal nicht. Ein Blick auf die Besetzung zeigt im Vergleich zum Vorgängeralbum von 2022 keine großen Unterschiede, Jean-Hervé Péron (und damit Gesang) ist also auch weiterhin nicht mehr dabei, ebenso hat sich auch N. U. Unruh anscheinend (im Web steht er als Teilnehmer, im Tonträgerbehältnis nicht) wieder verabschiedet. Entstanden sei „Blickwinkel“, indem Diermaier selbst, Elke Drapatz und Dirk Dresselhaus die enthaltenen Stücke live eingespielt und anschließend an die übrigen Mitwirkenden zwecks Befüllung weiterer Spuren versandt haben, ohne dass diese miteinander in Kontakt getreten seien. Das klingt nach Chaos, beginnt aber, wohl auch dank des gewohnt treibenden beats, geordnet („For Schlaghammer“). In einem Stück dieses Namens hätte ich übrigens gern einen Schlaghammer gehört, aber Elektronik tut’s auch. (Nicht, dass es auf „Blickwinkel“ an seltsamen Instrumenten — Spieluhr, Ventilator und Metallplatte eingeschlossen — mangeln würde!)
Passend zum Titel beherrscht Elektronik auch das folgende Stück „Künstliche Intelligenz“, in dem das Rhythmusfundament über weite Strecken nicht stattfindet, stattdessen gibt es jedenfalls in der ersten Hälfte verwobene Synthesizer und allerlei Blubbern, Tröten und Flirren, aus dem sich erst langsam wieder Ordnung herausbildet. Einiges an diesem Stück erinnert mich an Gotyes „State of the Art“, aber das Thema ist ja auch ein ähnliches. „Sunny Night“, das weitgehend mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Glockenspiel (oder ist das eine Kalimba?) auskommt, könnte im Gegenteil auch auf einem der frühen faust-Alben gewesen sein, doch wird auch hier nicht gesungen. Das ist nicht so schlimm. Wir sind jetzt mit „Blickwinkel“ zur Hälfte durch, das ist etwas schlimmer.
„Kriminelle Kur“ macht die Sorge vor dem baldigen Ende des Albums erträglich, klingt es doch nicht wesentlich unterschiedlich von vielem auf „Ravvivando“, meinem hektisch-wuseligen (und darum) Lieblingsalbum von Faust, und auch „Die 5. Revolution“, wenngleich mit einer atmosphärischen Klangfläche beginnend, erreicht seinen musikalischen Höhepunkt in einem interessanten Industrial-Chaos, in dem nur Diermaiers Schlagzeug Halt bietet. Dass das Stück unvermittelt wieder ambient ausklingt, überrascht, aber passt auch irgendwie. Nur als letztes Stück des Albums kann es nicht brillieren, denn da steht bereits „Kratie“, dessen erste Takte mich an Postpunk denken lassen (auch kein schlechter Gedanke), das aber schnell auf den elektronischen Weg zurückführt, auf dem das Projekt faust inzwischen seit Jahrzehnten seine Spuren hinterlässt. Dominiert von Brummen, Schlagzeug und Perkussion, nur im Hintergrund spielt sich wieder der Industrial ab, klänge „Kratie“ beinahe wie ein normales Krautrockstück (Can und Neu! sind nicht besonders fern), wäre da nicht das immer wieder aufblitzende Chaos, das zum Ende hin — wie sollte es anders sein? — wieder die Führung übernimmt. „Kratie“ dauert dreizehneinhalb Minuten, was keine Sekunde zu lang ist. Was der Titel „Kratie“ sagen soll, bleibt unklar, es heißt jedoch, wie selbst die humanistisch oft weniger intensiv gebildeten Deutschen meist wissen, so viel wie „Herrschaft“. Faustokratie? Von mir aus gern.
Von mir aus auch gern: Noch mehr davon.


da steht nicht “lange nichts mehr über Musik geschrieben”. Schade. ich brauche Routinen. Gewohn- und Gewissheiten. Ein Gerüst.
Entschuldigung. Der Text sollte eigentlich in meine Jahresliste rein, ich habe ihn aus Jux da rausgenommen und den Satz vergessen. Ich bin untröstlich!
ach, danke. jetzt geht’s wieder.
Alles für’s Publikum.
Das vorgestellte Musikstück gibt anfangs den Lärm in der großen Werkhalle von Thyssen-Krupp wieder, wenn der Hochofen angestochen wird.
Ist das Kunst oder kann das weg?
Es ist Kunst.
uff — danke fürs aufmerksam-machen — das Kraut schmeckt immer noch!