Archiv für die Kategorie ‘Musikkritik’.

Musik, die ich nicht unkommentiert ins Regal stellen möchte, wie auch meine Halbjahresrückschauen finden hier Platz.

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Kurzkritik: The Brian Jonestown Massacre – Don’t Get Lost

The Brian Jonestown Massacre - Don't Get LostDas US-amerikanische Septett The Brian Jonestown Massacre – ein nicht unkluges Wortspiel unter Einbeziehung von Brian und Jim Jones – ist seit Jahren[/url] eine feste Instanz, wenn es um die musikalische (wenn auch nicht kulturelle) Nachfolge der unvergesslichen Velvet Underground geht. Außer schlechter Musik ist ihnen aber auch eine Pause fremd: 2017 erschien schon wieder ein Studioalbum von ihnen. Wer erwartet hat, dass ihnen wenigstens dieses misslungen sein könnte, der irrt.

Schleppenden Psychedelic Rock („Dropping Bombs On The Sun“) und Krautiges („Throbbing Gristle“, vermutlich benannt nach der leider aufgelösten Band gleichen Namens) gibt es auf „Don’t Get Lost“ (Amazon.de, TIDAL), eine Aufforderung, deren Befolgung angesichts des Coverbildes und der Liedtitel keine leichte Aufgabe ist, ebenso zu hören wie Shoegaze und den guten, alten Lo-Fi-Garagenpunk („Nothing New To Trash Like You“).

Dropping Bombs On The Sun

Auf die schlimme Früh-90er-Tanzmusik „Acid 2 Me Is No Worse Than War“ hätte die Band meinetwegen gern verzichten können, jedoch stimmt der Ausklang des Albums, „Ich bin Klang“, wieder versöhnlich: „Am Anfang war Ton“ erzählt eine in sich selbst verschränkte Frauenstimme, unterlegt mit schwappender 60er- und 80er-Elektronik, und dass die schönsten Muster die Musik male.

Wie wahr.

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Kurzkritik: Sounds Of New Soma – Moebius Tunnel

Sounds Of New Soma - Moebius TunnelWas verbindet man mit Krefeld?

Was auch immer hier die erste Antwort gewesen sein mag, sie lautete wahrscheinlich nicht „Krautrock“. Genau solchen aber bringt seit einigen Jahren das Krefelder Duo Sounds Of New Soma („Klänge des neuen Körpers“ o.s.ä.) hervor. Das 2016 veröffentlichte Album „Moebius Tunnel“ (Bandcamp.com, Amazon.de) legt hierüber ein Zeugnis ab, das kaum überhört werden kann. Die Eckdaten versprechen schon Freude: Gemastert wurde „Moebius Tunnel“ von Eroc, dem früheren Schlagzeuger und späteren Nachlassverwalter der Hagener Krautrockmeister Grobschnitt.

Die Titel allein sprechen eigentlich bereits für sich: Das erste Stück heißt „Lysergdelfin“ und klingt auch genau so.

Sounds Of New Soma – Lysergdelfin

Ansonsten dominieren vor allem Space- und Psychedelic Rock: Das folgende „Kosmonautenglück“, das „Lysergdelfin“ klanglich in den Weltraum verfrachtet, stimmt den Hörer auf „Subraumverzerrung“ ein, das sich mit seinem treubenden Rhythmus den grandiosen Hawkwind und deren Weggefährten weiter annähert. „Stech/Apfel“ ergänzt Geräusche, die mich an eine Sitar erinnern, allerdings kann ich die fernöstlichen Instrumente bislang noch nicht immer zuverlässig auseinanderhalten.

Im Überelfminüter „Morgengebet“, für Religionsallergiker mit erfreulich fehlendem spirituellen Bezug, wird aus einem elektronischen Blubbern eine ausgedehnte Gedankenreise, auf der man sich plötzlich und überraschend wiederfindet. Mit „Neuland“ – es war 2016, da ging das noch – klingt das Album leise und wiederum mit fernöstlichem touch aus.

Hat man das alles schon mal irgendwo gehört? Na klar! Ist es deshalb schlecht? Natürlich nicht! „Moebius Tunnel“ gefällt und entspannt; und ist das nicht alles, was zählt?

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Kurzkritik: Melt Downer

Melt DownerAls Zeichen meiner Unerschrockenheit und zur angemessenen Würdigung des Tages der bescheuerten Witze wage ich heute mal wieder etwas, wovon ich mir selbst meist eher abraten würde: Ich höre Musik aus Österreich.

Österreichischer Musik haftet zumeist nicht der Ruf an, besonders grandioser Qualität oder auch nur Vielfalt zu sein. Gemeinhin als „Austropop“ klassifizierte Lieder mit doppeltem Textboden mögen gelegentlich positiv hervorstechen, sind jedoch musikalisch von wenig Überraschungen geprägt. Zum Glück gibt es auch in Österreich mehr als nur eine Musikrichtung.

In eine völlig andere nämlich dringen Melt Downer mit ihrem Debütalbum (Bandcamp) vor, das 2017 veröffentlicht wurde. Über eine Stunde lang stoner- und postrocken die drei Herren in klassischer Rockbandbesetzung (Gitarre/Gesang, Schlagzeug, Bass) sich in Ohren und Verstand des unvorbereiteten Publikums (hier: die meinen).

Melt Downer – Back Down For The People Of The Past (Studio A Session)

Nach den ersten elf Stücken folgt als Schlussakkord und Höhepunkt des Albums das beinahe halbstündige „Dawner“, über das mit dem dort zu hörenden Ausruf, den man wohl als „wuhu!“ transkribieren kann, eigentlich alles gesagt ist: Gitarren- und Rhythmuseskapaden explodieren aus dem Kopfhörer, unerbittlich treiben die Musiker die Welle voran. „Lasst den Mann in Ruhe!“ fordert ein als Film- oder wenigstens Serienzitat erkennbares, mehrfach wiederholtes Sprach-Sample gegen Ende desselben Stücks. Ich bin nicht unglücklich darüber, dass die Band dem erst einige Minuten später Folge leistete.

Das Durchstehen, schrieb Florian Kölsch für den „musikexpress“, lohne sich sehr. Das halte ich für maßlos untertrieben.

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Kurzkritik: awakebutstillinbed – what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you

awakebutstillinbed - what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see youAls Bandwortfreund „guteshoerenistwichtig“ im Februar das Album „what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you“ (Amazon.de, TIDAL, Bandcamp) von awakebutstillinbed – manche eher ungeduldige Leute werfen mir vor, dass meine Sätze ihnen zu lang sind, aber für diesen hier kann ich nur teilweise etwas – anpries, blieb bei mir beim ersten Hören nur die Vermutung hängen, dass ich es mir vielleicht schönhören könnte. Den Versuch war es möglicherweise wert.

Das Quartett awakebutstillinbed („um Shannon Taylor“, als wäre die Aufgabe einer Musikgruppe lediglich die, dekorativ um die Sängerin herumzustehen) kommt aus Kalifornien und macht trotzdem ziemlich britische Musik. Von den Texten sehen wir mal ab, denn wer solche Musik („Post-Hardcore-Pop-Punk vielleicht“, ebd.) macht, dem liegt der Effekt näher als die Offenbarung. Das ist völlig in Ordnung, so lange der Effekt stimmt. Dass das erste Lied „Opener“ und das letzte „Closer“ heißt, wirkt insofern unbeholfener als es müsste.

awakebutstillinbed – fathers

Denn neben energischem Hard- („safe“) und fröhlichem Punkrock („life“, „fathers“, „closer“) mit heiserem Schreigesang einer- und sanftem Säuseln („stumble“) andererseits weisen die vier auch ein auffallendes Talent zu Singer-Songwritertum, wenn auch immer ein wenig brodelnd, auf und scheinen gegen gelegentliche Ausflüge in elektronisch-verspielte Regionen auch keine grundsätzliche Abneigung zu haben, was das erstaunliche „floor“, dessen Text man dann leider doch problemlos versteht, zu dem Lied auf dem Album macht, das mich dann doch noch mal reinhören ließ.

awakebutstillinbed – floor

Es gibt so Momente, in denen „what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you“ ungefähr exakt die Musik ist, die ich gerade zwecks Frustabbaus durchaus gutheißen kann. Die stilistisch trotz größerer Unterschiede nicht völlig anderswo zu verortenden Friends of Gas habe ich vor einem Jahr bereits entsprechend gewürdigt. Interessant ist das hier Gehörte daher durchaus und zumindest ein Album, das ich in meinem Bestand behalte. Man weiß ja nie, wann es mal wieder so Momente gibt.

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Kurzkritik: Bubblemath – Edit Peptide

Bubblemath - Edit Peptide1995 wurde in Minneapolis, von der Weltöffentlichkeit unter anderem wegen der bedauerlich fehlenden Vernetzung jener Tage kaum beachtet, die einigermaßen alberne Gruppe Bubblemath gegründet. Ihr Debütalbum „Such Fine Particles Of The Universe“ erschien 2001 und fand einigen Zuspruch für seine klangliche Nähe zu den sowieso überragenden echolyn.

Es dauerte bis 2017, bevor der Nachfolger „Edit Peptide“, mittlerweile von der gleichfalls überragenden Plattenfirma Cuneiform herausgegeben, eine Hörerschaft erschließen konnte, die sich inzwischen an das Wiederaufleben der verspielten Musik der 1970-er Jahre gewöhnt haben könnte. Der Titel des Albums – inzwischen sind wir bei Chemie statt Physik, nerdig möchte das Quintett aber offensichtlich weiterhin wirken – sieht auf dem Coverbild viel weniger seltsam aus als er klingt.

Bubblemath – Avoid That Eye Candy

Immer noch da sind auch nach 16 Jahren die Canterbury-Einflüsse mitsamt des verschachtelten Gesangs („Perpetual Notion“, „The Sensual Con“), der gelegentlich eine leicht angriffslustige Note hat. Für angenehmen Gesang habe ich ja, wie regelmäßige Leser wissen, eine wenig gut versteckte Schwäche. Mitunter wird sich am klassischen Progressive Rock – die Stücke haben treffenderweise Längen von bis zu 12:41 Minuten – wie auch am Sommerrock des letzten Jahrzehnts (Jeavestone) bedient. Ich finde das gut.

Bubblemath – The Sensual Con (Official Audio)

Bedauerlicherweise ist das Album gegenwärtig nur auf CD und als Download zu haben, jedoch würde ich annehmen, dass dieser Makel zu verschmerzen ist. Ein Genuss ist „Edit Peptide“ allemal.

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Kurzkritik: At the Drive-In – Diamanté

At the Drive-In - DiamantéVon 1993 bis 2001 bestand die texanische Post-Hardcore-Band At the Drive-In, die in einschlägigen Musikmedien als – um nicht schon wieder dieses unsägliche Wort „abfeiern“ zu verwenden – ziemlich gut beschrieben wurde. Aus Gründen wurden aus ihr dann jedoch zwei verschiedene Gruppen, nämlich die mir völlig unbekannten Sparta und die mir in recht positiver Weise bekannten The Mars Volta. Letztere Gruppe nannte ich vor ein paar Jahren „Krawallbengels“ und kurz darauf hatte ich sie dann auch verstanden.

Seit 2012 sind At the Drive-In jedoch wieder vereint, wobei mittlerweile an der Personalschraube geringfügig gedreht wurde: Mitgründer Jim Ward wurde 2016 durch Keeley Davis von Sparta ersetzt, sonst ist alles beim Alten. Nach dem ersten Studioalbum nach 16 albenfreien Jahren, dem von mir 2017 gänzlich unterschlagenen „in•ter a•li•a“, erschien noch im November 2017 der/die/das EP „Diamanté“ (Amazon.de, TIDAL) mit drei Liedern, die mich in einem Maße erfreuen, das in mir den Wunsch hervorruft, mich doch noch mal ein bisschen genauer mit dem bisherigen Werk des Quintetts auseinanderzusetzen.

At The Drive In – Amid Ethics

Garagengitarren, Mitwipprhythmus, unscheißer Gesang – so leicht ist es, mich musikalisch zu begeistern. Dass es trotzdem so wenige Gruppen schaffen, spricht nicht für die Musikszene dieses Jahrzehnts. „Diamanté“ klingt wie ein Cocktail im Sommer auf der Autobahn (natürlich auf dem Beifahrersitz) – und das bei den derzeitigen Temperaturen!

Heiße Scheibe, insgesamt.

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Kurzkritik: Altare Thotemico – Sogno Errando

Wer meinen bisherigen Musikrezensionen ein paar Minuten Aufmerksamkeit geschenkt hat, dem mag aufgefallen sein, dass es bei mir sehr selten vorkommt, dass ich italienischen Gesang für erträglich halte. Die Sprache klingt gesungen einfach meist scheiße. Um so erfreulicher ist es, wenn diese Regel eine Ausnahme findet. So ist es zum Beispiel beim bolognesischen Sextett Altare Thotemico, dessen zweites Album namens „Sogno Errando“ (Amazon.de, TIDAL) 2013 veröffentlicht worden ist und so klingt, wie es heißt, nämlich nach einer Traumwanderung.

Zwar wird auf „Sogno Errando“ eine Menge gesungen und in den wenigen furchtbaren Momenten klingt es dann auch nach einer üblichen italienischen Operette, aber dieses Ächz wird schnell unter einem großen Hurra bnegraben, denn Sänger Gianni Venturi kann mit der landestypischen Knödelei offensichtlich so wenig anfangen wie ich und bietet stattdessen eine gar nicht mal allzu gewollt wirkende Interpretation Peter Hammills dar, was zur hier gehörten Musik auch deshalb gut passt, weil das Saxophon – mal melodisch singend, mal avantgardesque brodelnd bis eskalierend – hier zusammen mit dem Klavier eine führende Rolle übernimmt. Ich höre hier eine Menge Jazz, allgegenwärtig sind aber eben auch seine Zöglinge von Van der Graaf Generator, auffallend nah insbesondere in „Le Correnti Sotteranee“ und dem Titelstück „Sogno Errando“.

ALTARE THOTEMICO ' LE CORRENTI SOTTERANEE'

In erstgenanntem Stück bin ich mir zudem ziemlich sicher, die frühen King Crimson wiederzuerkennen, und auch Weltmusik und Kammerrock, wie sie unter anderem After Crying vor Jahrzehnten schon in Harmonie gebracht haben, sind den Musikern nicht fremd. Dass in den Stücken, die einen englischen Titel tragen, nämlich in „Broken Heart“ und dem angemessen verrückten „Neuro Psycho Killer“, mit für manche Ohren amüsantem Akzent auf Englisch gesungen wird, fällt tatsächlich auch nicht mehr auf: Erfreut von der jazzrockigen Wucht des Albums bemerkt man die Sprache schon längst nicht mehr.

ALTARE THOTEMICO " Broken heart" Live in studio!

Italien: Warum nicht gleich so, warum nicht immer? Perlen wie diese sind es, die mir die Musik nicht langweilig werden lassen. Gern mehr davon!

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Kurzkritik: Sonar – Black Light

Cuneiform Records kennen regelmäßige Leser meiner Musikbesprechungen möglicherweise als die Plattenfirma von Thinking Plague. Wer – wie ich – auf diese Angabe üblicherweise kaum achtet, falls nicht eine bemerkenswerte Verpackung um den Tonträger drumrum ist oder der Verlag wie einst Charisma Records sein auffälliges Logo raumgreifend direkt auf die Platten stempelt, dem sei zumindest subjektiv versichert, dass sich in der bisherigen Liste der Künstler, die vertraglich an Cuneiform gebunden sind, kein einziger Totalausfall finden lässt, stattdessen sieht man dort unter anderem Bent Knee, Gilgamesh, Art Zoyd und Miriodor.

Das lässt das Vorurteil gegenüber Musik aus der Schweiz – außer Monkey3 und Patrick Moraz fiele mir gerade kein positives Beispiel ein – immerhin ausreichend schwinden, dass ich an das ebenfalls von Cuneiform verlegte Schweizer Quartett Sonar mit der gleichen Erwartung herangehen kann wie an jeden anderen act – das heißt doch heute noch act, oder? – auch: Hauptsache, klingt geil.

Sonar – Black Light

Und das tut es wahrlich: Auf ihrem 2015 veröffentlichten dritten und bisher anscheinend letzten Studioalbum „Black Light“ (Bandcamp.com) spielen die vier Musiker einen herrlichen Mathrock, der kühle Präzision mit einem gefährlich grollenden und gerade deshalb bewegenden Bass.

Sonar featuring Andi Pupato – Orbit 5.7 Andi Pupato Remix (Official Music Video)

Im Internet wird das hier zu Hörende beschrieben, es klinge, als nähme man einen Topf immer wieder kurz vor dem Kochen vom Herd und stellte ihn anschließend wieder auf die heiße Platte, was ein treffendes Bild ist, denn „Black Light“ brodelt, ohne jemals unnötig auszubrechen.

Musik für untenrum.

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Kurzkritik: Half Past Four – Land of the Blind

Half Past Four - Land Of The BlindUm halb fünf Im Jahr 2016 veröffentlichte die fünfköpfige kanadische Band Half Past Four ihr drittes und bislang letztes Studioalbum „Land of the Blind“ (Amazon.de, Bandcamp). Von sich selbst behaupten die Musiker, sie seien „eine der besten Progressive-Rock-Bands aus Kanada“, was zumindest eine mutige Behauptung ist, wenn man sowohl Rush als auch die diversen Sprosse von Godspeed You! Black Emperor dem Progressive Rock zurechnet, denn dann wird es knapp mit der Bewertung.

Stilistisch sehen sich Half Past Four allerdings sowieso anderswo:

Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben sie einen einmaligen Klang entwickelt, der traditionellen Progrock neben anderen mit Folk, Country, Jazz und klassischen Genres verbindet.

In der Tat ist Eintönigkeit hier nicht gegeben. Schon im eröffnenden „Mathematics“ wird die Retroprog-Schiene von Beardfish bis echolyn auf- und abgewandert, von einem offensichtlichen Rückgriff auf Genesis und die unvergessenen Gentle Giant unterscheidet Half Past Four hier fast nur Sängerin Kyree Vibrant, deren Kunst ich allerdings für beachtlich halte.

Half Past Four – Mathematics (Official Video)

Während in „Toronto Tontos“ die Exzentriker von Primus wahlweise zitiert oder persifliert werden, vermag ich das textlich bemerkenswerte „Mood Elevator“ keiner anderen Band zuzuordnen. Sommerlicher Bluesrock’n’Roll, wenn’s denn ein Genre sein muss.

Half Past Four – Mood Elevator (Official Video)

Mit dem Stimmungsfahrstuhl fahre ich erst einmal nach oben. Ich bin erfreut und hoffe auf Fortsetzung.

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Kurzkritik: Bardo Pond – AcidGuruPond

Bardo Pond - AcidGuruPondVor inzwischen über vier Jahren befand ich das Album „Peace on Venus“ der US-amerikanischen Band Bardo Pond für unbedingt hörenswert. Danach hatte ich selbst die Gruppe zu meinem Bedauern ein wenig aus den Augen (und Ohren) verloren.

Eher zufällig lief ich daher unlängst ihrem 2016er Album „AcidGuruPond“ (Bandcamp, Amazon.de) quasi über den Weg, das eine – wenn auch nicht die erste – musikalische Zusammenarbeit mit den landesüblich verrückten Japanern Acid Mothers Temple und der Krautrockkonstante Guru Guru ist und genau so klingt, nämlich wie das, was man sich wohl vorstellte, sollte man sich eine drogenumwölkte Geistesreise vorstellen.

Das Album ist weitgehend instrumental, der effektgeladene seltene Gesang eher eine zusätzliche Tranceschicht; auf die Ohren gibt es kosmischen Kraut (klar: Guru Guru) und jede Menge Psychedelia zwischen Hippiegitarre („Purple“) und Drones („Blue“). Dass die fünf Stücke wie Farben heißen, passt ausgezeichnet, denn wie ein Kaleidoskop projiziert sie herrliche Bilder in den Verstand.

Bardo Pond ‎- Acid Guru Pond

Bardo Pond sind inzwischen weitergezogen, im Februar wird ihr neues Album „Volume 8“ veröffentlicht werden und ihr gleichfalls famoses Nebenprojekt Curanderos war auch nicht untätig. Ich allerdings verweile noch etwas, bin erfreut und empfehle.

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Kurzkritik: Noseholes – EP

Noseholes EPAus der, wie ich finde, schönsten Stadt Deutschlands, nämlich aus Hamburg, kommt die kürzeste EP, die mir bisher untergekommen ist, nämlich die im letztjährigen April erfolgte erste Veröffentlichung von Noseholes, einer bisher versehentlich übersehenen Gruppe aus anscheinend vier Musikern, deren anscheinend fehlendes Interesse an Stilgrenzen mit meinem recht kompatibel ist. Die drei Lieder erreichen zusammen nicht einmal sieben Minuten Länge und das stört mich nicht im Geringsten.

Das hier Gebotene ist ein großartiges Durcheinander aus Hamburger Schule („Bed Smoker“), Postpunk, Krautigem (das immerhin dreiminütige „Drug Owner“ mit Lo-Fi-Bluesrockgitarre und ängstlichem Saxophon) und Freiform-Jazz. Für ein Video hat es allerdings noch gereicht, das selbst ohne Ton genau so wirkt wie das zu Hörende:

Noseholes / Bed Smoker (official Video)

Im Februar 2018, verkündet Bandcamp, soll das Debütalbum „Danger Dance“ erscheinen, auf das es zumindest „Bed Smoker“ auch noch mal geschafft hat. Meine Vorbestellung ist trotz des scheußlichen Coverbilds jedenfalls raus.

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Musik 12/2017 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 19 von 19 der Serie Jahresrückblick

Ein seltsames Jahr 2017 ist fast zu Ende und hat in seiner zweiten Jahreshälfte noch schnell ein paar einflussreiche Musiker, darunter die Hälfte von Can (Jaki Liebezeit und Holger Czukay), John Abercrombie, Walter Becker und Charles Manson, den jeweils nächsten Tag nicht mehr erleben lassen. Zum Glück wachsen immer wieder neue Musiker nach, die sich auf alte Tugenden besinnen. Von einigen von ihnen soll heute anlässlich des zweiten Teils der besten Musikalben 2017 die Rede sein.

Da der erste Teil merklich kürzer als üblich geraten war, blieb für den zweiten natürlich eine Menge Musik übrig. Vorzeitig befasst hatte ich mich seit Juli bereits mit den aktuellen Alben von Ex Eye, OHHMS, Hundredth, Reflections in Cosmo, Igorrr, L’Effondras und The Narcotic Daffodils. Dennoch war das Jahr noch produktiv genug für eine lange Liste an noch unausgesprochenen Empfehlungen.

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Kurzkritik: Grumbling Fur – Furfour

Grumbling Fur - FurfourIrgendwann im Jahr 2011 taten sich in London Alexander Tucker und Daniel O’Sullivan, der ansonsten Bands wie Ulver, Guapo, Mothlite und Sunn O))) angehört, zusammen, um gemeinsam etwas aufzunehmen, was sie selbst als „psychedelischen Pop“ bezeichnen, aber eigentlich gar kein Pop ist. Als Grumbling Fur veröffentlichten sie bisher in verschiedener Besetzung vier Studioalben, deren aktuelles von 2016 treffend „Furfour“ (Bandcamp.com, Amazon.de) heißt. Als Gastmusiker haben sie diesmal Isobel Sollenberger (Bardo Pond) und Charles Bullen (This Heat) gewinnen können, um ein weiteres Stück hörenswerter Einmaligkeit zu schaffen.

Es scheint, als habe jeder beteiligte Musiker die Gelegenheit genutzt, die Musik seiner Stammband in das Produkt einfließen zu lassen: Schleppender Postrock („Suneaters“) und effektbereicherter Psychedelic Rock sorgen für die notwendige meditative Stimmung, die sich wie auch die ungezählten Instrumente selbst angenehm verdichtet.

Grumbling Fur – Heavy Days (Official Music Video)

Etikettierung und Schubladisierung sind hier, wie so oft, fehl am Platz: Beatlesque Harmonien („Golden Simon“), instrumentaler Shoegaze („Molten Familiar“) und Gänsehaut erzeugender 80er-New-Wave mit einer perfekten Dosis gezielten Violineneinsatzes („Silent Plans/Black Egg“) ergeben ein großes Ganzes, das mit jedem Hören noch an Wärme gewinnt.

Grumbling Fur ★ Acid Ali Khan [HQ]

So lange es draußen kalt ist, heizt „Furfour“ von innen. Ich bin höchst erfreut und bitte um Nachschlag.

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A.R. & Machines – Die grüne Reise

A.R. & Machines - Die grüne ReiseDieser Tage ist in der Presse zu lesen, dass Achim Reichel, bekannt für Scheißmusik, um 1970 herum auch mal gut war, was er mittlerweile auch selbst eingesehen hat und dem Abfeiern seiner Experimentalphase aktiv zuarbeitet. Für die beste Platte dieser Schaffensphase, die mit dem treffend benannten Album „Erholung“ 1975 endete und anschließend ohne merklichen Übergang durch besagte Scheißmusik verdrängt wurde, wird „Die grüne Reise“ von 1971 (Amazon.de, TIDAL) gehalten. Weil mich das musikalisch Obskure meist reizt, habe ich mal reingehört.

Auf die Ohren gibt es keine Seemannslieder und keinen Beatblödsinn, sondern jahres- und landesübliche Drogenmusik, wie sie zur gleichen Zeit auch aus diversen Hippiekommunen zu hören war. Die Legende besagt, dass der Komponist nur versehentlich auf einen ihm unbekannten Knopf an seinem Effektgerät gekommen war und plötzlich eine Eingebung hatte, aus der diese Musik entstand, aber darum mag es gerade mal nicht gehen. – Die „grüne Reise“ ist tatsächlich aufgebaut wie eine solche, sich über zehn Stücke, von denen die meisten recht kurz sind, allmählich steigernd und in den nicht uninteressanten Fastzwölfminüter „Truth And Probability (A Lexicon For Self-Knowledge)“ mündend. „Die grüne Reise“, das sei gesagt, ist bilingual, die Texte, sofern gegeben, sind englischsprachig.

A.R. & Machines – Globus (Globe) (Die Grüne Reise)

„Die grüne Reise“ ist, vermutlich nicht zuletzt wegen seiner Entstehungslegende, ziemlich repetitiv und damit trotz seiner angenehmen Kanten weniger seltsam als manche zeitgenössische Konkurrenz, was keineswegs heißen soll, dass es nicht genau das richtige Maß an „was war das denn gerade?“ bietet, wenn man in so einer Laune ist. Dabei ist das eröffnende „Globus“, soeben zu hören gewesen, mit seiner Flirrigkeit noch beinahe ein wenig untypisch für das Album: Drei der vier „Station“-Stücke, deren erstes beinahe gewöhnlichen Rock ins Klangbild integriert, legen vor dem Hörer eine elektronische Landschaft im Geiste von Tangerine Dream u.a. aus, mittig unterbrochen von dem beinahe Can-tauglichen Gesangsstück „I’ll Be Your Singer. You’ll Be My Song“. Und dann wäre da noch das letzte Stück (auf späteren Fassungen von zwei weiteren Stücken aus späteren Veröffentlichungen, nämlich den recht entspannenden Titeln „Gute Reise“ und „Atmosphere“, verfolgt), eine für diesen Künstler und selbst dieses Jahr vergleichsweise bekloppte Darbietung dessen, was man aus einer Gitarre, ein paar Echoeffekten und, wie ich einfach einmal annehmen möchte, ordentlich Drogen so herausholen kann, Hühnergeräusche eingeschlossen:

Achim Reichel & Machines – Truth And Probability (A Lexicon For Self-Knowledge)

Ich bin insgesamt einigermaßen verblüfft über die mediale Rezeption dieses Albums ausgerechnet im Jahr 2017, mir selbst aber auch noch nicht ganz sicher, was ich von dem Gehörten halten soll. Als Wertung möchte ich obiges „nicht uninteressant“ einfach mal stehen lassen.

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Kurzkritik: The Narcotic Daffodils – Summer Love

The Narcotic Daffodils ist eine fünfköpfige Rockband aus Belgien, deren drittes Album „Summer Love“ (Amazon.de, TIDAL) erst im Mai 2017 veröffentlicht wurde. Obwohl „Summer Love“ genau so klingt, wie es heißt, ist es jedoch auch Ende Oktober keine schlechte Wahl.

Zu hören gibt es Hippierock, der, um wieder einmal das Phrasenschwein zu erleichtern, den Geist der 60er atmet, mit Sitar („Atomic 56“) und Hammondorgel („You Can’t Get“) dabei jedoch nicht darauf verzichtet, mehr als bloß Abziehbild zu sein. Über dem nicht bloß soliden Instrumentalfundament schwebt hallend vorrangig die Stimme von Sängerin „Luna“ (heißt allerdings vermutlich wirklich so), die nicht nur gelegentlich an Gongs bedauerlicherweise mittlerweile verstorbene Gilli Smyth erinnert, was stilistisch dann auch wieder ganz gut passt.

The Narcotic Daffodils "Summer Love"

Ein anderer Rezensent befand dieses Album für „groovy“. Ich stimme freudig zu.