Archiv für die Kategorie ‘Musikkritik’.

Musik, die ich nicht unkommentiert ins Regal stellen möchte, wie auch meine Halbjahresrückschauen finden hier Platz.

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Kurzkritik: Pontiak – Dialectic of Ignorance

Pontiak – wie die Band, nicht wie das Auto – sind seit Jahren ein Garant für mehr als bloß erträgliche Rockmusik. Auch mit ihrem diesjährigen Studioalbum „Dialectic of Ignorance“ wissen die drei Brüder aus Virginia wieder einmal zu beeindrucken, was insbesondere wenig verwundert, wenn man bedenkt, dass sie mit der Tradition, jährlich neue Aufnahmen zu veröffentlichen, für „Dialectic of Ignorance“ (Bandcamp.com, Amazon.de) gebrochen haben, da sie zwischendrin mit der Pen-Druid-Brauerei ein weiteres Standbein aufgestellt haben. Sollte es – möge dies noch in ferner Zukunft liegen! – mit der Musik einmal nicht mehr klappen, müssen sie zumindest nicht am Hunger- oder immerhin Bierdursttuch nagen.

Was mich indes annagt, ist die Neugier auf die Musik. Hören wir mal rein:

Pontiak – Ignorance Makes Me High (Official Music Video)

Aus den Elementen Stoner, Doom-Metal, Progmetal und Acid Rock rühren Pontiak einen magischen Trank an, der beim Genuss mit seinen monoton-repetitiven Mustern eine hypnotische Wirkung erzielt. Wirbelnde Gitarrensoli und harter Orgelanschlag werden auch und gerade durch ständiges Überschreiten radiokompatibler Liedlängen zu treibenden Kräften in dieser musikalischen Flut.

Ich höre mal Skeleton$, mal maudlin of the Well, mitunter etwas Colour Haze und eine Menge Pink Floyd, belegt mit einem Nebelschleier, immer wieder zerschnitten von einer wütenden Gitarre, stimmungsmäßig auf die Spitze getrieben vom hallenden, irgendwie entrückten Gesang.

Pontiak – Tomorrow Is Forgetting

Das letzte Stück auf „Dialectic of Ignorance“ trägt den Titel „We’ve Fucked This Up“. Fast möchte man ihnen zurufen: Nein, habt ihr nicht!
Gern noch etwas mehr davon.

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Kurzkritik: Free Salamander Exhibit – Undestroyed

Etwas – wenn auch nicht viel – ernster als letztes Mal geht es bei Free Salamander Exhibit zu.

Die Musikgruppe Sleepytime Gorilla Museum, 1999 aus Idiot Flesh hervorgegangen und bis 2011 aktiv, war eine höchst seltsame Combo, deren Stil sich vielleicht am ehesten als Experimentalmetal mit Dada-Einfluss beschreiben lässt, womit sie zeitweise (cf. u.a. Sebkha-Chott und uneXpect) nicht allein waren. Unter den zahlreichen Abkömmlingen von Sleepytime Gorilla Museum fällt die Band Free Salamander Exhibit nicht nur durch einen recht ähnlichen Namen (der Weg zur Salamanderausstellung vom Gorillamuseum ist kein weiter), sondern insbesondere auch durch eine hohe Übereinstimmung der personellen Besetzung – leider gegenwärtig ohne Carla Kihlstedt – auf, so dass ich es einfach mal wage, Free Salamander Exhibit als jüngste Quasi-Reunion von Sleepytime Gorilla Museum zu benennen.

Im Jahr 2016 erschien nun also das Album „Undestroyed“. Wir sind noch nicht zerstört. Passt, denn zerstören tun sie lieber selbst.

Free Salamander Exhibit – Time Master

„Undestroyed“ – wenn auch bei Weitem nicht so durchgeknallt wie frühere Alben aus dem Bandumfeld – wird beherrscht von vielfältigen Rhythmen, stilistisch bewegt man sich zwischen Mathrock und Metal mit dem altbekannten Growling, aber auch Canterbury ist dem Quintett nicht fremd, wie „The Keep“ herausragend beweist:

Free Salamander Exhibit – 02. The Keep

Derzeit befindet sich die Band mit illustren Zeitgenossen wie Cheer-Accident auf einer ausgedehnten Tournee, es geht also hoffentlich noch weiter. „Undestroyed“ ist jedenfalls ein willkommenes Lebenszeichen einer reformierten Band, deren Fortbestand unbedingt wünschenswert ist.

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Ausführliche und ausgewogene Rezension zu Spike Jones‘ 1959er Meisterwerk „In Stereo“

Hä?

Everything Happens To Me – A Spooktacular in Screaming Sound! (1959) Spike Jones

Versteh‘ ich nicht.

I Was A Teenage Brain Surgeon Spike Jones

:-?

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Kurzkritik: Buckethead – Pike 244: Out Orbit

Machen wir zwischendurch mal wieder etwas schönes, ziehen wir uns einen heißen Gitarrenporno rein!

Buckethead ist der Künstlername eines US-amerikanischen Multiinstrumentalisten, der Ende der 1980-er Jahre beschloss, sein Gesicht hinter einer weißen Maske zu verbergen und einen Eimer von Kentucky Fried Chicken auf seinen Kopf zu setzen. Statt in die Psychiatrie gelangte er stattdessen zu Ruhm und (vermutlich) Reichtum, indem er teils mit zeitgenössischen Musikern, teils allein bis dato 264 Musikalben veröffentlichte, von denen seit 2011 alle bis auf eines als so genannte Pikes, wofür ich gerade im Wörterbuch nachschlagen müsste, in immer kürzeren Abständen erscheinen und selten 30 Minuten lang sind. „Out Orbit“ von Januar 2017 ist eines davon, es kommt auf fast 28 Minuten Laufzeit und ist das insgesamt 274. Album unter dem Namen Buckethead. Da hat jemand Langeweile.

Der Musiker mit dem Eimerkopf hält sich mit Genres nicht lange auf, bereits das eröffnende „Invisible Railroad“ quetscht in viereinhalb Minuten mehr Genres als es irgendwie vernünftig wäre. Thrash Metal, Spacerock, Bluesrock, Progressive Metal und Indie-Rock geben einander die Klinke der Drehtür in die Hand.

Buckethead – Invisible Railroad (Buckethead Pikes #244)

„To Infinity and Beyond (dedicated to Craig Sager)“ ist im Wesentlichen Hardrock mit Spaceeffekten. Womit der Ende 2016 gestorbene Sportreporter Craig Sager diese Ehre verdient hat, weiß ich nicht. Noch interessanter ist das viertelstündige Titelstück, in dem Bluesrock, Jazzrock, Americana und Spacerock einander abwechseln, ohne dass dabei auch nur einen Takt lang der groove vom Anfang verloren ginge. Man schwinge das Tanzbein oder wenigstens den Kopf.

Buckethead – Out Orbit (Buckethead Pikes #244)

Das abschließende, wiederum deutlich kürzere „Assortments“ rundet „Out Orbit“ vortrefflich ab. Insgesamt trägt das Album seinen Namen sicherlich zu Recht, denn der omnipräsente Spacerock ist hier roter Faden und Hauptakteur zugleich; geeignet für all jene, die Gitarren spitze finden und Gesang nicht für essenziell halten.

Bucketheads Debütalbum „Bucketheadland“ gibt es auf Amazon.de derzeit für etwas über 500 Euro zu kaufen. Qualität kostet. „Out Orbit“ hingegen gibt es auf des Künstlers Website für unter zehn Euro zum Streamen und Herunterladen. Es möge genutzt werden.

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Kurzkritik: OTUS – 7.83Hz

OTUS - 7.83HzApropos Bomben.

Unter der Schumann-Resonanz versteht man, wie die Schwarmintelligenz weiß, „das Phänomen, dass elektromagnetische Wellen bestimmter Frequenzen entlang des Umfangs der Erde stehende Wellen bilden“. Eine dieser Frequenzen – die intensivste – liegt bei etwa 7,83 Hertz.

Das im März 2016 veröffentlichte Studioalbum „7.83Hz“ der italienischen Doom-Sludge-Band heißt sicherlich nicht zufällig so, denn mit derartiger Musik verbinde ich weniges so sehr wie Schallwellen. Seine Wiederveröffentlichung im März 2017 ist ein willkommener Anlass, es einmal genauer zu begutachten.

OTUS – Theta Synchrony

Laut offizieller Beschreibung handelt es sich bei „7.83Hz“ tatsächlich um ein Konzeptalbum, das allerdings mit Schallwellen weniger zu tun hat als mit ganz anderen Phänomenen, indem es in insgesamt drei Kapiteln das nicht völlig unbekannte Zitat Timothy Learys, man möge „einschalten, einstellen, aussteigen“ („turn on, tune in, drop out“), vertont.

Das Ergebnis freilich klingt weniger hippiesk als die Beschreibung es glauben lassen mag, denn das hier ist, verdammt noch mal, Doom-Metal mit einer Extraportion Arschtritt, mithin: genau das Richtige für einen entspannten Feierabend, wie ich meine.

OTUS – Avidya (full song)

Ich höre Postrock, Stoner Rock und eine Menge aufgestauter Energie; wer daran teilhaben möchte, dem sei Bandcamp.com ein Hafen.

Feuer frei.

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Kurzkritik: Moulettes – Constellations

Moulettes - ConstellationsDas englische Kammerrockquintett Moulettes ist regelmäßigen Lesern vielleicht bereits aus einer Montagsmusik bekannt. Mit dem Album „Constellations“ haben die Damen und Herren im Jahr 2014 meiner bescheidenen wie selbstredend objektiven Meinung nach ihr bisheriges Meisterwerk vorgelegt.

Das einzigartige Klangbild, das die Moulettes zeichnen, wird auf „Constellations“ perfektioniert: Chorpassagen und Kammermusik mit mancherlei Holzinstrumenten stehen neben beschwingtem Art- und sogar Postrock. Ein Musikinstrument so zu benutzen, wie es ursprünglich einmal vorgesehen war, nimmt dem Ergebnis viel von seiner Wirkung.

Moulettes – Lady Vengeance (Live in Paris)

Als Gast wirkt unter anderem der nicht gänzlich unbekannte Bassist Herbie Flowers (in „Land of the Midnight Sun“) mit, völlig allein sind die Moulettes, die mit diesem Album Anisa Arslanagic als neues Mitglied aufnahmen und damit wieder eine Frauenquote von 3:2 vermelden mussten, also nicht. Diese Personalie sollte indes nicht davon ablenken, dass mit dem Bassisten Jim Mortimore ein anderer bekannter Familienzweig längst zur Stammbesetzung gehört.

Moulettes – Constellations

„Constellations“ ist zweifellos ein Album, das – schon wieder diese schlimme Schublade – im positiven Sinne Spaß macht. Für die angehenden warmen Monate muss es ja nicht immer nur der neueste Sommerhit sein.

Möge die Freude nicht nur meinerseits bleiben.

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Kurzkritik: All Them Witches – Sleeping Through the War

Sleeping Through the WarLange nichts Gutes aus den USA mehr gehört. Zeit, dass sich das ändert!

Ebendort nämlich entsprang vor einigen Jahren das Quartett All Them Witches, das derzeit beinahe in der klassischen Rockbesetzung miteinander musiziert, jedoch zusätzlich verschiedenfach ein Mellotron (oder gar mehrere) einsetzt, was, wie der erfahrene Musikfreund längst weiß, meist ein sicheres Zeichen für etwas bessere Musik ist, es sei denn, es steht „Genesis“ auf der Platte.

All Them Witches

Mit „Sleeping Through the War“ erschien im Februar dieses Jahres das aktuelle Album von All Them Witches in besagter Besetzung, und tatsächlich ist das hier Dargebotene von erfrischender Unblödheit.

All Them Witches – "Alabaster" [Audio Only]

Der erwartete Psychedelic Rock („3-5-7“) und der tatsächlich erfreuliche Bluesrock („Internet“) auf „Sleeping Through the War“ werden hier mit dissonanten Ausbrüchen an den richtigen Stellen versehen, was in einem Freund des Schrägen wie den Verfasser dieses Textes die positive Grundhaltung noch zu steigern vermag. All Them Witches verbinden modernen Noiserock mit dem, was ein Radiosender, der nicht lügt, mit Recht als „das Beste der 70er“ ankündigen ließe. Ich mag das.

All Them Witches – "Bruce Lee" [Official Video]

Erfreulich ist überdies, dass „Sleeping Through the War“ auf Bandcamp.com angehört werden kann. CD, Kassette und Vinyl vom Album sind dort allerdings, weil ich offensichtlich nicht der Einzige bin, der es mag, längst ausverkauft; der Raubtierkapitalist Amazon.de möge Linderung verschaffen. Angenehmes Hören!

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Kurzkritik: Owls Are Not – isnot

Kann ich euch zwischendurch für ein wenig bemerkenswerte Musik begeistern?

Ha, was für eine Frage, deshalb seid ihr ja hier. Was haltet ihr von Eulen? Ihr mögt Eulen? Dann geduldet euch noch ein wenig, denn hier geht es um eine Band, die sich jeden Zusammenhang mit Eulen verbittet, nämlich um „Owls Are Not“, eine dreiköpfige Musikgruppe aus Polen. Polen kennt man sonst als Heimat von nicht ganz uninteressanten Vertretern des ausladenden Progressive Rocks wie SBB und Riverside, Owls Are Not aber sind in ihrem Stil so eigen wie ihr Name, statt Gelegenheitswohlklang wird hier die Freude am Geräusch geradezu lustvoll ausgelebt.

Owls Are Not – Isnot a Human (Atypeek Music)

Auf „isnot“, ihrem derzeit vorletzten Studioalbum (es folgte im Januar dieses Jahres das „Malawian Crash Mixtape 1“), gibt es Stücke namens „-“ (davon gleich drei), „isnot a human“, „isnot a dog“ und vergleichbare zu hören, die im Wesentlichen höchst verstörende Geräuschcollagen, angereichert mit Bass, Elektronik und Schlagzeug sowie weiterer Sprachbeigabe, aus mancherlei Quelle sind, surreal in ihrer Beschaffenheit und von easy listening angenehm weit entfernt.

Owls Are Not – isnot a dog (Atypeek Music)

Selbstverständlich hat all das auch eine Botschaft; so erzählt „arc de triomphe“ etwa, glaubt man der offiziellen Beschreibung, die Geschichte einer apokalyptischen Welt, das eröffnende „la prison“ indes berichtet von einem beklemmenden Gefühl des Eingesperrtseins durch einen Überfluss an Informationen. Folgerichtig wirkt die schiere breite Geräuschmasse, die das Album maßgeblich dominiert, auf unvorbereitete Ohren wie etwa die meinen zunächst etwas befremdlich, sie überrollt den Hörer mit Größe und Dichte. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber ich meine hier Überragendes auszumachen.

Während ich also noch ein wenig darüber sinniere, was es genau ist, das mich an „isnot“ in geradezu nennenswert positivem Maße beeindruckt, empfehle ich für Stream und Kauf das gewohnte Bandcamp.com. Möge es auch euch einen Dienst erweisen.

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Musik 12/2016 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 17 von 17 der Serie Jahresrückblick

Wie, was, 2016 ist schon lange vorüber? Zum Glück habe ich gewartet. Das könnte man für schlecht halten, aber statistisch gesehen ist es gut, denn 2016 hat nicht nur die Ankündigung der baldigen Auflösung von The Dillinger Escape Plan, sondern auch eine ganze Reihe an Toden auf der Rechnung, darunter nicht nur diverse ehemalige Politiker der F.D.P., sondern vor allem auch Musiker. Nach Wolfgang Rohde (früher mal Die Toten Hosen), Hagen Liebing (früher mal Die Ärzte) und Chris Squire, dem letzten in der Band verbliebenen Gründungsmitglied von Yes, sowie vielen anderen hat es vor einigen Wochen schließlich auch den großartigen Greg Lake erwischt, und auch für Leonard Cohen wäre es zu spät, seinem letzten Album „You Want It Darker“ einen gebührenden Preis zu verleihen, über das andererseits jedes geschriebene Wort sowieso und ohnehin Blasphemie gliche.

Schon früher im abgelaufenen Jahr allerdings schien es mir nicht verfehlt, lobende Worte über einige der großartigsten Musikalben des Jahres zu finden, darunter katie deys flood network, MaidaVales Tales of the Wicked West, misophonia von Electric Orange sowie das Debütalbum von Moon Circle.

Im Folgenden findet ihr, was bis jetzt noch fehlte, nämlich die bislang noch unrezensierten Alben des Jahres. Vielleicht ist ja was für euch dabei?

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Kurzkritik // So melancholisch muss man erst mal sein: Halma – Granular

Manchmal – selten, aber mit steigender Frequenz -, wenn die Gesamtsituation den Verfasser dieser Zeilen zu mehr Trübsinn als Freude verleitet, greift er (also: ich) nicht unbedingt zur Flasche oder zum Texteditor, sondern in die Spielekiste, denn dann steht ein wunderbarer Kanal zur Gedankenreinigung offen: Halma spielen, um die Sehnsucht zu vertreiben.

Das Hamburger Quartett dieses Namens nämlich veröffentlichte 2015 mit „Granular“ (vgl. Amazon) bei der Plattenfirma von, natürlich, Nihiling ein wunderbares Slowcorealbum, dessen bassgeführtes Instrumentalfundament unter die Haut geht wie sonst nur Tätowierungen, aber sich als ihnen in jeder Hinsicht überlegen zeigt.

Halma – Granular [Full Album]

Der Musik gewordene Melancholieschwamm entschleunigt, ohne träge zu wirken. Klänge wie ein Herzschlag, das Album zum #wasfehlt-Hashtag. Von Krautrock ist gelegentlich die Rede, wird über dieses Album gesprochen. Selten war es so packend, dass das mal nicht stimmte. Eine tiefe Verbeugung nach Hamburg und ein Glas in die Höhe. Ich bin beeindruckend bedrückt.

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Kurzkritik: Electric Orange – misophonia

electric-orange-misophoniaDas Quartett Electric Orange kommt aus Aachen, was irgendwie noch als Deutschland zählt, und hat mit „misophonia“, was Englisch für „Misophonie“ ist, was wiederum Kompliziert für eine geringe Geräuschtoleranz („Hass auf Geräusche“) ist, was ein angenehm selbstironischer Name ist, was jetzt dann doch etwas zu viele Nebensätze sind, im Jahr 2016 ihr immerhin elftes Vollzeitalbum (Stream und Kauf) herausgebracht.

An Geräuschen mangelt es hier allerdings keineswegs, Perkussion und Schlagzeug sind stets präsent. Wohin die Reise, äh, der trip geht, wird schon im ersten und mit 18 Minuten Laufzeit auch längsten Stück auf „misophonia“, „Organized Suffering“, deutlich. Weite Klangflächen, etwas Orgelspiel, immer aber auch die Gitarre, kein Gesang; Drogenmusik par excellence. Im folgenden „Bottledrone“ treibt die Band dies mit Pink-Floyd-Referenzen auf die Spitze, nur um dann noch einmal zu betonen, wo der Spacerock eigentlich seinen Anfang nahm. Müsste ich ein Adjektiv für „misophonia“ wählen, so wählte ich „flächig“, um nicht abermals den abgenudelten Begriff „sphärisch“ zu verschwenden. Selbst in den für Electric-Orange-Verhältnisse schnelleren Momenten, etwa in dem schlagzeuggetriebenen „Demented“, findet man unwirklich schwebende anstelle erdig rockender Klänge. Müsste ich dazu tanzen, ich würde in ausladenden Bewegungen eine Acht beschreiben und sähe dabei vermutlich sehr lustig aus.

Drei der acht Stücke auf „misophonia“ sind das Titelstück, namentlich „Misophonia“ I bis III, das mit grollendem Bass Beklemmung als weiteres Gefühl in die Reise einbringt, nach Freiheit klingende Trompete (Trompete?!) hin oder her. Tangerine Dream ist euch zu langweilig? Das verstehe ich. Versucht es doch mal mit Electric Orange.

Mit „Opsis“ lassen Electric Orange lateinamerikanischen Tanz in ihrem Klanguniversum geschehen, bevor das abschließende „Misophonia III“ den Hörer mit Dissonanzen und ruckartigem Schlagzeug aus der Trance rüttelt, nur um ihn dann wieder sanft entschweben zu lassen. Ein Album wie ein Sonnenaufgang am Meer.

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Kurzkritik: Ryley Walker – Primrose Green

ryley-walker-primrose-greenKommen wir zu etwas schönem, kommen wir zu Musik.

Ryley Walker, 1989 geboren, singt und spielt Gitarre auf Aufnahmen, die eigentlich gar nicht nach Herren seines Alters klingen. Nach einem sozusagen rasanten Aufstieg in der prinzipiell viel zu großen Musikszene Chicagos veröffentlichte er seit 2014 bis heute bereits vier Alben und mindestens drei EPs, Ideen scheint er also zu haben. „Primrose Green“, 2015 erschienen, ist das zweite dieser Alben.

Ryley Walker – "Primrose Green" (Official Audio)

Was ist davon zu halten? Nun: Eine Menge. Ryley Walker steckt musikalisch tief in den 1960ern und, hilfsweise Mitmusiker auf den Studioaufnahmen (hier: sechs) hin oder her, erweckt keinesfalls den Eindruck, er habe nicht viel mitzuteilen. Verdammte Hippiemusik oder eben: Folkjazz mit Gefühl bis hin zum gelegentlichen, unerwarteten Ausbruch, ohne gewollt zu klingen, mitunter auch mal am Etikett des RIO entlangstreifend, ohne es aufgeklebt zu bekommen. Singer/songwriter nennen das jene, die Musik nur hören, aber nicht fühlen wollen, weil er hier, man höre und staune, singt und schreibt.

Ausbruch? Aber natürlich. Ryley Walker reißt mit, notfalls mit Nachdruck.

Ryley Walker – Sweet Satisfaction

Natürlich ist „Primrose Green“ auch der Schwermut, der elenden, ein Motor, was unvermeidlich ist, wenn stiller Folk den psychedelischen Pop als Teil seiner selbst begreift, denn dicht ist sie, die Woge, die den Hörer auf die Reise schickt; zuvörderst aber bleibt ein sanftes Gefühl der Befreiung mit Rückständen von Fernweh zurück.

Ich bin angetan und empfehle wärmstens Imitation.

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Kurzkritik: Moon Circle – Moon Circle

moon-circlePotztausend, schon wieder so ein Album, das Spaß macht. 2016, was ist los mit dir?

Das natürlich französische Trio Moon Circle – Gitarre, Schlagzeug, Bass/Flüstern/Geschrei – hat pünktlich am 1. Januar dieses Jahres ein wirklich feines Album via Bandcamp veröffentlicht, das mich beinahe zum Luftgitarren angeregt hätte, was durchaus ungewöhnlich ist, neige ich doch eher zum stillen Genuss.

Bei Titeln wie „Lost In The Gang-bang (Where Are You?)“, „Attack Of The Nudist Zombies“ und „Cum Together“ möge man süffisant grinsen, wenn es beliebt, aber musikalisch ist von Pubertät hier nichts zu spüren. Texte gibt es eher so zwischendurch, nach einer kurzen Texteinlage im Eröffnungsstück ist erst mal eine Weile Ruhe. Wenn sich das ändert, dann ist es nicht völlig unamüsant. Der extrovertierte Gesang in „Chase The Hunter“ etwa macht keinen Hehl daraus, dass diese Band nichts ernst meint oder auch nur ernst nimmt. Yeah.

Moon Circle – Lost In the Gang-bang (where are you ?)

Genres, ach, drauf geschissen; wer’s braucht: Gitarrenbetonter Stoner-Krautrock mit dem gewissen Etwas. „Spaceship’s Rising“ zitiert, vielleicht sogar: parodiert vorübergehend den Spacerock mit seinen doch oft etwas merkwürdigen Effekten, nur um dann mal eben sozusagen im Vorbeifliegen etlichen aufstrebenden Postrockkapellen Konkurrenz zu machen, aber das könnte auch trügen. Hier passiert noch mehr als es scheint, aber zur Ruhe kommt man trotzdem nur selten und das ist auch gut so.

Lucifer’s Friend, Hawkwind, Jimi Hendrix, der Stoner Rock an sich und, ja, durchaus auch Bands wie Russian Circles klingen in Moon Circles Erstlings-LP an. Mögen noch mehr solcher Alben folgen!

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Umfassende Konzertkritik: King Crimson (3. Oktober 2016, Hamburg)

Alter.

Cirkus! Epitaph! Starless!

Einfach nur: Alter.

(Abb. ähnlich)

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tesa – G H O S T

tesa-g-h-o-s-tIn einem unbekannten Land – Riga? Wo ist das noch mal? – nahm das Trio tesa (wie das Klebeband), bestehend aus Davis und Janis Burmeisters sowie Karlis Tones, vor einiger Zeit sein drittes Album „G H O S T“ auf, das im Januar 2015 und erneut im August 2016 – auch auf Vinyl – veröffentlicht wurde. So gruselig, wie es heißt, ist es aber gar nicht.

Obwohl natürlich der Anfang mit seinem dumpfen Dröhnen etwas anderes ahnen lässt, an Doom und Noise mag man etwa denken; tatsächlich haben wir es hier aber mit veritablem, geradezu großartig groovendem Postrock zu tun, der sich jedes Filigrane selbst in ruhigeren Momenten wohl zu verkneifen weiß.

Tesa – G – (2016 Ghost) Post Rock / Post Metal Instrumental

Die drei Letten agieren in einem mächtigen Kraftfeld aus Bands wie Oceansize, Neurosis und vor allem Maserati, ersparen dem Hörer aber den bloßen Abklatsch. Die fünf Titel heißen „G“, „H“, „O“, „S“ sowie „T“ (bestimmt hat das irgendwas zu bedeuten) und gehen erfreulicherweise teilweise derart nahtlos ineinander über, dass man sie als zusammenhängendes Stück zu betrachten gewillt ist, in dessen Zentrum das mal majestätisch brüllende, mal energisch nach vorn preschende „O“ mit beinahe 12 Minuten Laufzeit steht, ohne dass dies beim Hören auffallen würde. Es passiert so viel, Stilwechsel (das kurze „S“ könnte mit seiner dreckigen Spielweise sogar alten Punks gefallen) eingeschlossen.

Gesang wäre nur störend. Sicher, gelegentlich schreit, dezent im Hintergrundrauschen versteckt, eine Stimme Texte wie the greed has burnt a fire, they will never sleep again“ („T“), aber wer, der nicht mitliest, würde das überhaupt bemerken? Nein, nein: Freunde der gehobenen Sangeskunst sind hier sicherlich nicht so leicht zu begeistern, Langeweile will trotzdem nicht aufkommen. Wer hat da gesagt, der Postrock hätte alles erzählt, was es zu erzählen gab?

Keine Kompromisse.