PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CXIV: Todesengel für Afghanistan

Was übri­gens auch ziem­lich tragikomisch ist, ist ja die Geschichte der Klasse 2b der Gemein­schafts­grund­schule in Gum­mers­bach-Bern­berg, deren Sachkun­delehrerin Mechthild Sülz­er, tief­trau­rig ob des Umstandes, dass die deutschen Mörder­ban­den in Afghanistan nicht mal über Wei­h­nacht­en eine Mord­pause ein­le­gen dür­fen, eine tolle Idee hat­te:

Gemein­sam mit ihren Schülern, der soge­nan­nten „Drachen­klasse“ bastelte sie Schutzen­gel und schick­te diese ins Camp Mar­mal nach Mazar e‘ Sharif.

Damit die armen Sol­dat­en sich nicht fürcht­en, wenn um sie herum alles explodiert, bekom­men sie Kinder­basteleien zu Wei­h­nacht­en. Juch­hei!

Im neuen Schul­jahr inte­gri­erte Frau Sülz­er aktuelle Infor­ma­tio­nen zum deutschen Ein­satz in Afghanistan in den täglichen Schu­lall­t­ag der Erstk­lässler und neuen „Drachenkinder“. Jeden Mor­gen wird sei­ther bei Unter­richts­be­ginn die aktuelle Uhrzeit im Ein­sat­z­land und das dor­tige Wet­ter verkün­det.

Aktulle Infor­ma­tio­nen, Uhrzeit, Wet­ter. Das Oberkom­man­do der Wehrma­cht gibt bekan­nt… — so weit, so doof.

Allerd­ings scheint es zum Handw­erk­szeug ein­er Grund­schullehrerin zu gehören, immer noch eine Schippe Doofheit draufw­er­fen zu kön­nen:

Außer­dem schließen die Kinder die im Ein­satz befind­lichen deutschen Sol­dat­en täglich ins mor­gendliche Gebet ein.

Es ist 2012 nach west­lich­er Zeitrech­nung, und an ein­er öffentlichen Grund­schule, deren Insassen Schüler nor­maler­weise alters- und bil­dungs­be­d­ingt noch nicht vor Indok­tri­na­tion gefeit sind, gibt es jeden Tag ein mor­gendlich­es Gebet — ich unter­stelle: zum christlichen Gott — für deutsche Sol­dat­en.

Damit die Kleinen schon mal ler­nen, wie hart das Leben sein kann, nehme ich an.

(via @Fritten)

Persönliches
Maskenball

Und dann sitzt man wieder in seinem selb­st errichteten Gefäng­nis aus Möbeln und Medi­en und blickt nach draußen, wo die Nach­mit­tagssonne durch die Bäume scheint.

Die Nacht unter klarem Ster­nen­him­mel voller Per­sei­den erscheint unglaublich weit ent­fer­nt. Sterne waren noch nie so schnuppe wie in diesem Augen­blick. Man hat­te gemein­sam geträumt von (ein­er besseren Welt und) der Erfül­lung der naivsten Wün­sche, die das Unter­be­wusst­sein ger­ade nach oben spülte. Einem Jeden das Seine, und alles, was vom Traum blieb, ist eine Flut an Erin­nerun­gen und Ebbe im Herzen.

“Die Sonne scheint, als wär’ es ihr egal.”
– Farin Urlaub

Man ist noch geblendet vom eige­nen Leben­straum und (der ver­dammten Sonne und) blickt ver­schlafen in fremde Gesichter.
Jubel + Trubel ≈ Heis­erkeit.

Das Tor in die Welt der Nar­ren ist noch nicht ver­schlossen, ihr Ruf noch nicht ver­hallt. Man hat die Maske, die man jeden Tag trägt, wieder aufge­set­zt und dreht sich wehmütig um, die Augen starr nach vorn gerichtet.

“When I was down …” — “… I was your clown.”
– Elton John

Frei­heit schmeckt nach mehr. (Min­destens hal­b­gar bis 2012.)
Und dazu ein trock­en­er (Humor oder jeden­falls) Rotwein vor dem Kamin beziehungsweise eben ’ne Cola und ein Eis.

Frei­heit schmeckt kle­brig.

Persönliches
Gedanken im Zug

Aus meinem Sin­nieren über die eige­nar­tige Protestkul­tur in diesen unruhi­gen Zeit­en werde ich unsan­ft her­aus­geris­sen.

Im Zug neben mir sitzt ein junges Pärchen, bei­de offen­bar nicht älter als 17, und sie sprechen unen­twegt miteinan­der. Nun, genauer gesagt: Sie spricht, er glotzt, nur gele­gentlich unter­brochen von — selb­stver­ständlich wenig dezen­tem — Knutschen und Schmatzen, gefol­gt von eben­solchem bei­der­seit­igem Gekich­er.

Inmit­ten ihres Monologs holt sie bil­lige Philips-Ohrhör­er aus ein­er Tasche und erwehrt sich der Ver­suche ihres Begleit­ers, sel­bige zu begutacht­en. Die Schmerzen, die die Par­füm­wolke bei Umsitzen­den her­vor­ruft, machen sich allmäh­lich neblig bemerk­bar, aber man ist ja sozial und ren­nt nicht ein­fach in ein anderes Abteil, um dort zu kotzen.

Zu Wort kommt er während der ganzen Fahrt nur ein­mal, damit er ihr die Geschehnisse während ein­er Shisha- und Trink­feier schildern kann, der er im Alter von 14 Jahren beige­wohnt hat­te. Sie schaut inter­essiert, äußert jedoch nach jedem Halb­satz abwech­sel­nd ihre Ver­wun­derung darob, dass man mit 14 der­lei Dinge tut, und ihre Überzeu­gung, dass sie in dem Alter — also nach eigen­er Aus­sage im Vor­jahr — ja nicht so war.

Den bei­den gebe ich keine zwei Wochen mehr. Mir allerd­ings — angeruchs der Wolke, die bere­its das Abteil aus­füllt — sage ich auch keine große Zukun­ft mehr voraus.

In den NachrichtenWirtschaft
Kurz verlinkt CXIII: Aus den Augen, aus dem Sinn: Hans-Werner und die Schwächlinge

Wenn es um die Eurokrise geht, sind die selb­st ernan­nten “Experten” in so großer Zahl vorhan­den, dass man sich wun­dert, wieso es eigentlich noch Arbeit­slose gibt. Nur wenige dieser “Experten” schaf­fen es zu dauer­hafter Medi­en­präsenz. Ein­er von ihnen ist Hans-Wern­er Sinn, seines Zeichens so genan­nter “Top-Ökonom”, gele­gentlich im Auf­trag von BILD aktiv, was eigentlich schon alles Nötige über ihn aus­sagt.

Dieser Hans-Wern­er Sinn nun hat­te eine tolle Idee:

Ein Land, das den Euro ver­lässt, bekommt seine eigene Währung zurück, erhält den Sta­tus eines „angeschlosse­nen Mit­glieds“ („asso­ci­at­ed mem­ber“) und darf in der Europäis­chen Union bleiben.

Das klingt nach einem Ange­bot, das man (Griechen­land, A.d.V.) nicht auss­chla­gen kann. Man bleibt in der EU mit all ihrem bürokratis­chen Fir­lefanz, muss aber nicht mehr für andere Län­der haften. Aber wie soll Griechen­land dann die eigene Wirtschaft wieder in Schwung bekom­men? Auch darauf hat Hans-Wern­er Sinn gemein­sam mit Friedrich Sell von der “Bun­deswehr Uni­ver­sität” — nur echt mit Dep­pen Leerze­ichen, ist eben nur Armee und nichts, wofür man schreiben kön­nen muss — in München eine pri­ma Antwort:

Gle­ichzeit­ig bleiben die reformbedürfti­gen Staat­en in der Europäis­chen Union. Sie behal­ten damit ihre Ansprüche auf die Brüs­sel­er Fördertöpfe.

Sie bekom­men also weit­er­hin Geld, allerd­ings ohne die Aufla­gen, die eine Mit­glied­schaft in der Währung­sunion mit sich brächte.
Das klingt nach einem Plan, wie ihn sich nur ein Hans-Wern­er Sinn aus­denken kann: Es wird weit­er­hin jemand zahlen, dies­mal aber nicht der Steuerzahler, son­dern das abstrak­te pars pro toto Brüs­sel. Wer das wohl ist?

Unter diesem Gesicht­spunkt würde ich allerd­ings auch gern den Euro ver­lassen. Wo muss ich das bekan­nt­geben?

KaufbefehleMusikkritik
Kurzempfehlung: Buildings — Melt Cry Sleep

Mir flat­terte (in zumin­d­est diesem Zusam­men­hang eigentlich ein eige­nar­tiges Wort, nicht?) bere­its am ver­gan­genen Fre­itag das zumin­d­est in den USA bere­its 2011 erschienene Album “Melt Cry Sleep” des US-amerikanis­chen Trios Build­ings (“Gebäude”) pro­mo­tion­shal­ber ins Haus, und ich freue mich darüber. Der unver­mei­dliche Peter nen­nt das dann ein­fach mal “eines der besten Rock­alben des Jahres” und meint damit dann wahrschein­lich 2011, zumal 2012 noch vieles erscheinen wird. Zu viel Zeug, zu wenig Zeit.

Und aber jeden­falls: Build­ings. Ich erlaube mir an dieser Stelle eine Kürzestrezen­sion. Musik mit cojones, und das nicht wenig. Ein ziem­lich­es Rock­brett, in low fideli­ty dem Nois­e­rock frö­nend — oder ist’s doch der Punk? Math-Rock? Hard­core? Post-irgend­was? Das Anheften von Genre-Attribut­en erwiese der Gruppe einen Bären­di­enst.

An ver­schiede­nen Stilmerk­malen fehlt es den “Build­ings” tat­säch­lich nicht. Ihrer tags auf Bandcamp.com: Rock, Thrash, Grunge und Punk. Dabei nehmen sie aus jed­er der ange­sproch­enen Schubladen das her­aus, was her­vor­ra­gend zueinan­der passt: “Melt Cry Sleep” klingt wie eine düstere Mis­chung aus The Cure, The Clash, Son­ic Youth und dem Debü­tal­bum von …And You Will Know Us by the Trail of Dead. Um nochmals die Selb­st­beschrei­bung her­anzuziehen: “Musik, die eure Mut­ter has­sen würde”.

Natür­lich gibt es an diesem anson­sten sehr empfehlenswerten Album auch etwas zu mosern: Mit nur etwas mehr als ein­er hal­ben Stunde Laufzeit ist es ein wenig kurz ger­at­en. Aber um die Länge soll’s ja auch nicht immer gehen.

Hören und kaufen kann man “Melt Cry Sleep” via Band­camp, im Falle ver­ständlich­er Datensparsamkeit in dig­i­taler Form für ein wenig mehr Geld auch per Amazon.de. Man tue dies zahlre­ich.

SonstigesFotografie
Ach, übrigens, “YouShiMe”!

Eure fortwährende Deutsch-Englisch-Mix­tur mag niedlich unbe­holfen wirken und ist gele­gentlich beina­he tauglich für so Blogs, denn bei “you shi- me” denkt man als gele­gentlich pubertäre Witzchen für amüsant befind­en­der Englis­chsprech­er eigentlich nicht an Ess­bares.

Aber manch­mal ist auch das mit nur Englisch bzw. nur Deutsch nicht so ein­fach, nicht?

Lecker Menschengeschmack

(Und, mal ehrlich, “Alles auch als take-away” klingt ja lock­er-flock­ig, aber für “bitte nur nach cash” war doch sich­er auch noch Platz. Oder war your design­er zu expen­sive?)

Her­rgot­tnocheins.

PersönlichesSonstiges
Grußlos verschwinden

Zu den eige­nar­tig­sten Marot­ten der Men­schen gehört die angestrengte Höflichkeit, das Dreschen von Phrasen als Place­bo für tat­säch­lich­es Inter­esse an jeglich­er Zwis­chen­men­schlichkeit. So ist es etwa selb­stver­ständlich, sich zur Begrüßung gegen­seit­ig die Hand zu geben, ein Relikt aus Urzeit­en, um dem Gegenüber zu zeigen, dass man zumin­d­est in der gegebe­nen Hand keine Keule trägt, mith­il­fe der­er man im Falle unlieb­samer Gesprächsver­läufe dem jew­eili­gen Gesprächspart­ner andern­falls eines auf die Nuss geben kön­nte. Eine ähn­lich abson­der­liche Eige­nart ist es, am Tele­fon wie son­st nur im Mil­itär als Begrüßungs­floskel statt “Hal­lo” seinen Nach­na­men zu ver­wen­den; mit dem Siegeszug der Mobil­tele­fone und somit der direk­ten Zuord­nung von der Num­mer zu ein­er mehr oder weniger ein­deuti­gen Per­son ist immer­hin sel­bige im Schwinden begrif­f­en.

Und dann wäre dann noch das mit dem Grüßen.

Wann immer man in Gegen­wart gemein­samer Bekan­nter tele­foniert, wann immer man einen Besuch bei solchen ankündigt, die aufge­bürdete Bitte ist stets die gle­iche: “Grüß mal schön!”, manch­mal auch ein­fach “Grüß mal!”, wohl um zu sug­gerieren, dass ein unschön­er Gruß vol­lkom­men genügt, was das Grüßen emo­tion­al wesentlich vere­in­fachen sollte. Das Resul­tat ist meist, dass der um solch­es Gebetene in sein Gespräch ein unbeteiligt klin­gen­des “ach so, schön’ Gruß übri­gens von [Name des Auf­tragge­bers]” ein­fließen lässt, worauf meist ein eben­solch­es “Gruß zurück!” als Erwiderung fol­gt, was den Gesprächs­fluss ins Stock­en bringt, dem Boten eine weit­ere Pflicht aufer­legt und nie­man­dem einen tat­säch­lichen Mehrw­ert ver­schafft, nicht ein­mal dem ursprünglich Grüßen­den.

Ich erläutere das mal am Beispiel mein­er eige­nen Per­son: Wenn ich jeman­dem einen Gruß zukom­men lassen möchte, dann nehme ich Kon­takt mit ihm auf. Ist mir das nicht möglich, dann hat dies in aller Regel zwei mögliche Ursachen:

1. Ich kenne die Kon­tak­t­dat­en nicht.

In dem Fall werde ich sie auch mit einem net­ten Gruß nicht erhal­ten, son­dern, indem ich die Per­son, die mit der gewün­scht­en Kon­tak­t­per­son zu verkehren beab­sichtigt, darum bitte, sie mir zukom­men zu lassen, sofern sel­bige Kon­tak­t­per­son keine Ein­wände erhebt. Andern­falls trifft zu:

2. Die Kon­tak­t­per­son erhebt Ein­wände.

Falls jemand aus Grün­den ver­sucht, jeden Kon­takt mit mir zu ver­mei­den, so wäre ein Gruß nicht unbe­d­ingt ange­bracht. Er würde die Stim­mung wahrschein­lich nicht zu heben imstande zu sein. Eine Aus­nahme stellt es dar, wenn ich in der Laune bin, besagten Jemand bewusst zu provozieren, wie es eben so meine Art ist, und ihn genau deshalb wis­sen zu lassen, dass ich ihn gern grüßen würde. Dies ist der einzige für mich ver­ständliche Anlass, das Grüßen über einen Mit­tels­mann durchzuführen. Welchen Anlass aber haben die anderen Men­schen?

Dass man das eben so macht, ist ein Grund, der mir nicht zusagt. Vor nicht allzu langer Zeit hat man grund­sät­zlich mit jedem Gesprächspart­ner einen Segenswun­sch für den sein­erzeit gegen­wär­ti­gen Dik­ta­tor aus­ge­tauscht, den — also den Wun­sch — man eben­falls als Gruß ver­wen­dete und kon­se­quent beze­ich­nete. Das machte man eben so. Und auch, wenn ich meinen ganzen “Opti­mis­mus” zusam­men­nehme und davon aus­ge­he, dass merk­würdi­ge Riten allein nicht dazu führen wer­den, dass wir in Bälde jedem unser­er Gesprächspart­ner einen Gruß an unseren dann aktuellen Kan­zler mit auf den Weg geben müssen, um nicht schw­er an den andern­falls zu erlei­den­den Fol­gen tra­gen zu müssen, so halte ich es doch für angemessen, gele­gentlich Dinge, die man eben so macht, kri­tisch zu hin­ter­fra­gen.

Und gruß­los zu ver­schwinden.

In den Nachrichten
Olympia 2012: Die Letzten werden die Letzten sein

(Vorbe­merkung: Aus all­ge­meinem Desin­ter­esse am Sofas­port werde ich mich zu sportlichen The­men auch weit­er­hin nur in geboten­er Kürze äußern.)

Momen­tan find­en die Medi­en es ja höchst beachtlich, dass während der Olymp­is­chen Spiele 2012 einige Mannschaften absichtlich schlecht spie­len, um sich so eine bessere Aus­gangspo­si­tion zu ergaunern.

Ich ver­ste­he die Aufre­gung nicht. Ein­tra­cht Braun­schweig spielt seit Jahren so schlecht, dass das kein Zufall mehr sein kann, und offen­sichtlich nie­mand find­et das ern­sthaft ver­w­er­flich. (Allerd­ings schafft Ein­tra­cht Braun­schweig es auch seit Jahren nicht auf eine gute Ausgangs‑, also Tabel­len­po­si­tion. Tja.)

Dass übri­gens die deutschen Olym­pi­oniken bis­lang medail­len­arm bleiben, spricht für sie. Selb­st, wenn sie gedopt wor­den sind: Nicht leis­tungssteigernde Mit­tel sind nicht zu bean­standen.

(Mit Dank an L. für den Hin­weis.)

Sonstiges
Medienkritik LXXII: Ey krass, Süddeutsche Zeitung!

Durch Zufall fiel mir am ver­gan­genen Woch­enende die sein­erzeit aktuelle “Süd­deutsche Zeitung” qua­si in die Hände. Im enthal­te­nen “Medien”-Teil macht sich euer, “Süd­deutsche Zeitung”, Ralf Wie­gand über den gegen­wär­ti­gen trend der script­ed real­i­ty in Nach­mit­tags-talk­shows lei­dlich “lustig”, indem er seine eigene Leser­schaft auf ein höheres intellek­tuelles Niveau hebt:

… das voyeuris­tis­che Pub­likum, das sich wohlig noch ein Dosen­bier auf­machen durfte: Guck’ mal, die im Fernse­hen sind auch nicht bess­er. (…) Warum Sat 1 (sic!) sog­ar die abge­hängteste Unter­schicht mit so einem Müll belei­digt, ist leicht zu beant­worten[.]

In der gle­ichen Aus­gabe eures Quatschblatts beg­ibt sich euer Autor Alex Rüh­le in Gefahr für Leib, Leben und Lach­muskeln, indem er eine Woche lang Insassen der Dep­penMittel‑, ehe­mals Hauptschule “an der Wiesent­felser Straße” — das scheint ein Eigen­name zu sein, der aber mit ganzen acht Sil­ben auch nicht unbe­d­ingt zum Ver­ständ­nis beitra­gen dürfte — mit dum­men Fra­gen belästigte. Sein Resümee:

Und dann waren da noch die zwei Fün­ftk­lässler auf dem Gang:
“Tschuldigung, Ihre Zeitung, ist das so was wie die Bild?”
“Na ja, mit mehr Text.”
“Ey krass, Mann, noch mehr Text!”

Ihr, “Süd­deutsche Zeitung”, fühlt euch anscheinend also recht wohl in eur­er selb­st­definierten Rolle als Bild für ver­meintlich Intellek­tuelle und lasst keine Gele­gen­heit aus, sie zu beto­nen. Nun bekommt jede Zeitung die Leser, die sie ver­di­ent, und so lasst ihr es euch nicht nehmen, fol­gen­den repräsen­ta­tiv­en Leser­brief von Michael Maresch aus München abzu­druck­en:

Da gibt es junge Män­ner, die so vere­in­samt sind, dass sie monate­lang Waf­fen und Sprengstoff zusam­men­sam­meln und gebrauchs­fähig machen kön­nen und nie­mand ist in ihrem Umfeld, nie­mand, der das merkt. Da gibt es eine Gesellschaft, die set­zt diese jun­gen Män­ner, allein mit ihrem Hirn, vor die Com­put­er, bis sie auch noch den let­zten Funken sozialer Ver­ant­wor­tung ver­loren haben. Weil die Com­put­er nur so tun, als förderten sie “soziale” Net­zw­erke. In Wahrheit ver­suchen dort vom Kap­i­tal­is­mus fehlgeleit­ete Mega­zock­er mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld abzu­greifen. Wenn dann irgen­dein­er in so einem “sozialen” Ein­samkeit­snet­zw­erk mal ein Tre­f­fen vorschlägt, kriechen Tausende aus ihren asozialen Com­put­er­höhlen und die Polizei muss sie zer­streuen. Wir lassen die Jun­gen alleine mit den anony­men Zock­ern im Inter­net. Und im Won­nemonat Juli, wenn alles blüht, platzen die jahre­lang gereiften kranken Hirne der Massen­mörder auf: Ern­tezeit der Ein­samkeit.

Ey krass, Mann.

In ein­er Gesellschaft, die nur aus Michael Mareschs, Alex Rüh­les und Ralf Wie­gands bestünde, würde mein Hirn auch früher oder später platzen. Vielle­icht sollte ich ein­fach aufhören, die “Süd­deutsche Zeitung” zu lesen.

PiratenparteiIn den Nachrichten
INDECT-Demos, Bilder, Heuchelei

Wenn Neupi­rat­en (ich äußerte mich an ander­er Stelle bere­its zu diesem Begriff) demon­stri­eren, tun sie dies natür­lich mit orange­far­ben­er Flagge, denn die Annex­ion poli­tis­ch­er Demon­stra­tio­nen, kom­men sie nun von Arbeit­skreisen, Anony­mous oder anderen Parteien, scheint bei manchen Flaggen­pirat­en heutzu­tage Brauch zu sein; “oh, eine Demo, gle­ich mal Flagge schwenken”, und inzwis­chen scheint’s dann auch egal zu sein, von wem und/oder wofür und/oder woge­gen da über­haupt demon­stri­ert wird; in der Punkszene gibt es da den Begriff des “Mod­epunks”, und diese Pop­ulis­ten würde ich jet­zt ein­fach mal unter “Mod­e­pirat­en” abheften. So viel zur Ein­leitung.

Und wie ich heute so durch Osnabrück latschte, begab es sich, dass ich kon­fron­tiert wurde mit eini­gen Pirat­en, die von weit­em an ihren Shirts und Flaggen zu erken­nen waren, so dass die Umste­hen­den grin­sten, “ah, eine Pira­ten­de­mo” kon­sta­tierten und ihrer Wege gin­gen. Dass Demon­stra­tio­nen gegen INDECT keine “Pira­ten­demos” sind, son­dern die Piraten­partei sich ihnen lediglich angeschlossen hat, kommt so natür­lich nicht voll­ständig zur Gel­tung, und obwohl ich Pirat bin, halte ich das für reich­lich befremdlich. Es wäre gegebe­nen­falls für unsere Außen­wirkung förder­lich, wür­den die Flaggen­schwenker gele­gentlich auf das Schwenken verzicht­en und sich ein­fach mit bloßer Teil­nahme für die gele­gentlich gute Sache ein­set­zen.

Aber das ist noch nicht der eigentliche Grund für meinen jet­zi­gen Schrieb.

Ich schlen­derte also, wie bere­its erwäh­nt, durch Osnabrück und lan­dete plöt­zlich inmit­ten der lokalen INDECT-Demon­stra­tion. Viele Men­schen mit bösem Gesicht­saus­druck und lusti­gen Schildern (“1984 war keine Anleitung”, stimmt, es ist eine Jahreszahl) standen dort herum und lauscht­en andächtig dem in ein Megaphon sprechen­den, nun, Sprech­er. Diese Ver­anstal­tung wurde begleit­et von mehreren Per­so­n­en, die zur Doku­men­ta­tion des Geschehens Fotografien von sel­bigem anfer­tigten.

Dabei haben sie dur­chaus auch Pas­san­ten erfasst, zudem haben sie während mein­er Anwe­sen­heit dort nicht ein­mal die umste­hen­den Teil­nehmer gefragt, ob ihnen eine Ablich­tung recht sei.

Es wurde also von Pri­vatleuten fahrläs­sig in ungezählten Fällen das Recht am eige­nen Bild und auf Pri­vat­sphäre ver­let­zt.

Auf ein­er Demon­stra­tion gegen ständi­ge Überwachung und unge­fragtes Fil­men durch Pri­vatleute.

Eigentlich ist das lustig.

Natür­lich ist eine Demon­stra­tion in ein­er Innen­stadt eine “öffentliche Ver­anstal­tung”, insofern “müssen” Leute, die unbe­dacht in Reich­weite der Kam­eras gelan­gen, damit rech­nen, auf diese Weise verewigt — was man eben so “ewig” nen­nt — zu wer­den.

Nach der gle­ichen Logik ist aber auch gegen Überwachungskam­eras im öffentlichen Raum nichts einzuwen­den. Ich als pri­vat­sphären­be­wusster Pirat bin der Ansicht, es mache zwar quan­ti­ta­tiv, keines­falls aber qual­i­ta­tiv einen Unter­schied, ob Dritte unge­fragt fotografiert oder gefilmt wer­den.

Ich gehe davon aus, dass die ange­fer­tigten Fotografien von einem übereifrigen “Pirat­en” früher oder später auch auf aus­gerech­net Face­book veröf­fentlicht wor­den sein wer­den.

Ich mag solche Pointen. Sie sind so schön bit­ter.

Sonstiges
Medienkritik in Kürze: Die babylonische ZEIT-Verwirrung

Und dann war da noch die gestrige ZEIT, die sich nicht so recht entschei­den kon­nte, in welch­er Sprache man sein Pub­likum anre­den sollte.

Ein Bericht über die rus­sis­che Femanzen­gruppe Pussy Riot etwa wurde über­schrieben mit dem vom Rus­sis­chen ins Deutsche über­set­zten Titel:

Mut­ter Gottes, ver­jage Putin!

Noch auf der gle­ichen Seite wurde ein Nachruf (ich habe lediglich die Ein­leitung und die Über­schrift gele­sen, ich kann hier also leicht daneben liegen) auf den franzö­sis­chen Mod­e­schöpfer Yves Saint Lau­rent mit “Bye-bye, Yves” über­schrieben.

Offen­sichtlich ver­sucht man im Hause ZEIT derzeit, die Penis-Geschichte so aufzubauschen, dass die Sprachver­lot­terung der ansäs­si­gen Redak­teure nicht mehr auf­fällt. Dieser Ver­such schlägt offen­bar fehl.

PersönlichesLyrik
Sie. (Fragment 6.1, unvollendet)

… Er hat­te nicht mit ihr gerech­net.

Unzäh­lige Male schon war er in dieser kleinen Stadt gewe­sen, hat­te einen Teil der, wie die Anderen sagten, besten Jahre seines Lebens dort zuge­bracht und let­ztlich ver­schwen­det. Er sah Fre­unde wie Feinde kom­men und gehen, ließ seine Lei­den­schaften auf­blühen und ver­welken, wie sie ihm ger­ade gescha­hen. Es war bequem, aber es füllte ihn nicht aus. Die Leere hat­te ihn begleit­et, seit er seine Jugend hin­ter sich gelassen hat­te, und so oft er sich auch der Feier und der Lust hingab, so oft kehrte sie zurück. Er dachte an Sisyphos, den griechis­chen Sagen­helden, und an dessen Los, eine schwere Last vergebens einen Hang hin­aufzustem­men.

Als in ihm die neue Lei­den­schaft auf­flammte, war er noch immer ruh­e­los. Er wollte Antworten, doch jede Antwort warf neue Fra­gen auf, und jede Frage war ein weit­er­er Schnitt. Er wäh­nte sich ver­loren in dem Dic­kicht, das er selb­st immer wieder auf­forstete, um der Leere zu ent­ge­hen. Auch deshalb nahm er die Gele­gen­heit wahr. Er brach die Brück­en ab, die ihn bis dahin über die Leere geleit­et hat­ten, und gab sich dem hin, was, wie er ein­mal gele­sen hat­te, manche Men­schen als “neues Leben” beze­ich­nen. Er mochte diese Worte nicht.

Tat­säch­lich aber fühlte es sich für ihn wie ein Neuan­fang an. Er schätzte es, in den Kreisen der­er zu verkehren, die seine Begeis­terung teil­ten, und sich mit ihnen auszu­tauschen. Bis zu diesem Tag hat­te sich hier­bei nie etwas Ein­schnei­den­des ereignet.

Dieses Mal war etwas anders.

Es hat­te harm­los begonnen. Als er den Tre­ff­punkt erre­ichte, traf er auf viele alte und neue Bekan­nte. Er scherzte mit ihnen und ging auf in den Gesprächen, die er führte, und ver­gaß hierüber endlich, weshalb er so weit gekom­men war und warum er über­haupt hier war; er ver­gaß, wovor er geflo­hen war, und es inter­essierte ihn auch nicht mehr. Vergessen waren die Jahre, die sich für ihn anfühlten wie eine end­los scheinende Visu­al­isierung des Stück­es “Domed” von And Also The Trees.

Dann sah er sie.

Sie stand am anderen Ende der Schlange, in der er sich ger­ade befand, und strahlte ihn an. Ihr Blick war von ein­er Tiefe, die er bis dahin nicht kan­nte, und so wenig er dieses Wort auch schätzte, so kam er doch nicht umhin, ihre Erschei­n­ung (“wie eine Mariener­schei­n­ung” dachte er) ins­ge­samt als süß zu empfind­en, und schämte sich für dieses Wort. Er kan­nte ihren Namen, immer­hin (stand er auf ihrer Brust und) hat­ten sie sich in der Ver­gan­gen­heit schon aus­ge­tauscht. Nicht ein­mal im Traum allerd­ings hätte er ver­mutet, dass sich hin­ter diesem ein Lächeln wie ihres ver­ber­gen würde.

Je länger er sich wider­set­zte, je mehr er ver­suchte, das Unauswe­ich­liche zurück­zu­drän­gen, desto lauter spielte der längst vergessene Plat­ten­spiel­er in seinem Kopf Lieder aus ver­gan­genen Zeit­en. In anoth­er land I try to find some­body. Längst stand er nicht mehr in der Schlange, er fiel. Die Men­schen, die vor und hin­ter ihm sprachen und lacht­en, bemerk­ten es nicht.

Nein, er hat­te nicht mit ihr gerech­net. …