Mir wird geschlechtNetzfundstücke
„ZEIT“ verleiht den Blockchainpreis.

Die „ZEIT“ könne man, befand ich erst gestern, auch nicht mehr ruhigen Gewissens lesen. Wohl dem, der – anders als ich selbst – diesem Rat Folge leistete, denn ihm blieb diese Eigenwerbung erspart:

Sie (…) setzen sich für eine weiblichere Raumfahrt ein oder beraten Regierungen in Sachen Gleichstellung: Frauen, die unsere Wirtschaft revolutionieren, so heißt der diesjährige Edition F Award, den das Onlinemagazin in Kooperation mit ZEIT ONLINE und dem Handelsblatt zum fünften Mal verleiht.

Eine „weiblichere Raumfahrt“ ist jetzt zunächst einmal nichts, worüber ich persönlich mich so sehr freuen würde, dass ich es für preiswürdig hielte, aber ich bin ja auch weder eine Frau noch ausreichend geistig entkernt, um einen Preis namens „Frauen, die unsere Wirtschaft revolutionieren (Edition F Award)“ o.vglb. als Belohnung und nicht als Verhöhnung zu betrachten. Und er hat noch einen zweiten Namen:

Die Jury des 25 Frauen Awards hat aus 500 Nominierungen eine Vorauswahl von 50 Frauen getroffen, die (…) unsere Wirtschaft verändern und mitgestalten.

Bindestriche sind anscheinend kein Frauending. – Nicht uninteressant ist diese Ersatzbenennung des Preises aber auch aus inhaltlicher Sicht, sagt sie doch nur aus, dass man eine von 25 Frauen war, die irgendwas gemacht haben. Da kann man den Enkeln später sicherlich eine total interessante Geschichte erzählen.

Wer also sind die 50 Delinquentinnen? Nun, zum Beispiel sie:

We are Kal heißt das von Catherine Allié gegründete Label, das handgesponnene und handgewobene Textilien aus Seide und Wolle herstellt.

Schon klar: Mit einem Innovationspreis kann die Frau nicht rechnen, eine Veränderung der Wirtschaft ist hier nicht auszumachen. (Darf man Frau Allié aufgrund ihrer Tätigkeit eigentlich „Spinnerin“ nennen oder bekommt man dann wieder Ärger?) Wenn aber jemand, der einen klassischen Handwerksberuf ausübt beziehungsweise ausüben lässt, bereits allein hierfür die Vorauswahl übersteht, dann wirft das auf die anderen 450 Nominierten ein eher ungutes Bild. Und dann behaupten Feministen jedwelchen Geschlechts, Frauen würden unterschätzt!

Weiterhin diese Dame:

Charlotte Bartels studierte Volkswirtschaftslehre (…). In ihrer Promotion, die mehrfach ausgezeichnet wurde, zeigte sie, dass der deutsche Sozialstaat immer weniger umverteilt.

„Die Armen werden immer ärmer.“
„Dafür bekommen Sie einen Preis!“

:bravo:

Auch sie ist dabei:

Ise Bosch ist eine Enkelin und Erbin des Unternehmers Robert Bosch. Mit ihrem Vermögen will sie anderen Menschen helfen und die Gesellschaft verändern. (…) Als Gründerin und Geschäftsführerin der Dreilinden gGmbH setzt sich Bosch gegen Diskriminierung und Gewalt aufgrund von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung ein.

Ich würde ja unterstellen wollen, dass das Aufbauen einer Gesellschaft, die vor allem Geld verteilt, mit den Mitteln, die von einem erfolgreichen und produktiven männlichen Unternehmer geerbt (also ohne große Gegenleistung geschenkt worden) sind, sich für eine positive Veränderung der Wirtschaft und einen Frauenpreis nicht eignet, aber ich bin auch nicht in der Jury und ich vermute, ich kenne sogar den Grund dafür.

Zeichnet sich denn niemand der zu Ernennenden durch etwas anderes als Unsinn aus? Doch, natürlich, aber andere eben auch nicht:

Als Chief Financial Officer des US-Kreditkartenunternehmens Mastercard gilt Martina Hund-Mejean weltweit als eine der einflussreichsten Personen der Finanzbranche.

Dass sowohl die Gründer als auch die momentanen Vorsitzenden des Unternehmens MasterCard Männer sind und Frau Hund-Mejean in der englischsprachigen Wikipedia nicht erwähnt wird, lässt mich an ihrem Einfluss in der Wirtschaft zweifeln. Andererseits hat vermutlich jedes größere Unternehmen mindestens eine Frau, die dann seine einflussreichste ist. Die einzige gefundene Quelle für die Behauptung, sie sei „eine der einflussreichsten Personen der Finanzbranche“, ist jedenfalls „Treasury & Risk“, ein fragwürdiges Magazin, das besagte Wikipedia in keiner Sprache zu kennen scheint.

Vielleicht wird man in typischen „Frauendomänen“ eher fündig? Aber klar:

#Forward Beauty heißt das Strategieprogramm, mit dem Tina Müller, CEO und Vorsitzende der Geschäftsführung der Douglas GmbH, die Kosmetikindustrie verändern will. Um die Marke langfristig voranzutreiben, braucht es ihrer Meinung nach eine digitale und weibliche Neuausrichtung des Unternehmens.

Denn bekanntlich haftet Douglas der Ruf an, sich als Unternehmen vor allem an die Bedürfnisse von Männern zu richten – von Männern, die gern nach Blumenwiese duften. :ja:

Das soll natürlich nicht heißen, dass in der vorgefilterten Liste nicht auch Frauen zu finden sind, die sich auch von Männerthemen reizen lassen, zum Beispiel Bullshit:

Shermin Voshmgir ist Gründerin des Blockchain-Hubs, ein Informations-Hub und Thinktank in Berlin, der die weltweite Entwicklung der Blockchain-Technologie vorantreibt, kommuniziert und diskutiert. (…) Außerdem unterstützt sie Start-ups mit dem Schwerpunkt Blockchain.

Frau Voshmgir wird sich in der Abstimmung allein im Grad des Bullshits, der sie qualifiziert, allerdings geschlagen geben müssen, denn die Frau, die ich gerade übersprungen habe, übertrifft sie um Längen:

Henrike von Platen ist überzeugt, dass Frauen und Geld zusammengehören

Stimmt, denn welcher Mann hätte nicht gern beides gleichzeitig und nicht nur eines davon? – Ach, der Satz geht noch weiter:

Henrike von Platen ist überzeugt, dass Frauen und Geld zusammengehören und Lohngerechtigkeit schon morgen möglich wäre. Mit der Gründung von Fair Play Innovation Lab (…) möchte sie das Ziel der Lohngerechtigkeit für alle umsetzen.

Wenn Frau von Platen also dafür sorgen möchte, dass mehr Frauen sich künftig aktiv für technische Berufe interessieren, einen besseren Schulabschluss machen, länger im selben und größeren Unternehmen bleiben, Überstunden machen, nicht vor Schmutz zurückschrecken und Schichtarbeit leisten, dann wäre das sicherlich lobenswert.

Möchte sie aber gar nicht:

Deswegen setzt sie sich seit vielen Jahren für gerechte Bezahlung und die Vernetzung von berufstätigen Frauen weltweit ein und gründete einen Fraueninvestmentclub.

Na dann.

Die tags des „ZEIT“-Artikels sind „Digitalisierung“, „Award“, „Blockchain“, „Frauen“, „Auszeichnung“ und „Startups“. Hätte ich sie zuerst gelesen, hätten sie also am Anfang und nicht am Ende des Artikels Platz gefunden, so wäre mir die Lektüre und meinen Lesern dieser Artikel vermutlich erspart geblieben.

Selber schuld.

In den NachrichtenNerdkrams
Geteilte Daten sind doppelte Daten (2): Web-Anwender in der NZZ-Falle

Unter der ungewöhnlich wenig reißerischen Überschrift „Web-Anwender in der Tracker-Falle“ sülzte gestern Stefan Betschon für die „Neue Zürcher Zeitung“ sein eigenes Verständnis von der Herausforderung, die der mediale Umgang mit Facebook mit sich bringt, in ein unvorbereitetes Web hinein:

Auf Facebook könnte man notfalls verzichten. Aber ohne das Web kann man nicht leben.

Kann man nicht. Geht nicht. Ist nicht vorgesehen. Der Versuch ist garantiert tödlich. Deswegen sterben arme Kinder in fernen Ländern auch immer so früh: Kein Web. Kann man nix machen.

Und sobald man den Web-Browser aufstartet und Websites aufruft, lädt man sich kleine Progrämmchen (Scripts) in den Hauptspeicher, die meist ohne Wissen des Betroffenen und manchmal auch ohne Wissen des zuständigen Website-Betreibers personenbezogene Informationen sammeln. (…) Meist geht es darum, Web-Benutzer zu beobachten.

Diese sehr falsche Vorstellung von einer Website – als wären die Progrämmchen verpflichtend! – sei zur Referenz einmal vorgemerkt, ebenso übrigens die moralische Bewertung selbiger:

Das ist nicht unbedingt verwerflich. Solche Tracker können beispielsweise dazu beitragen, die Gestaltung von Websites zu verbessern, indem sie dem Website-Betreiber zeigen, wie die Benutzer bei der Informationssuche vorgehen. Manchmal aber folgen diese Tracker dem Benutzer von Website zu Website, nachdem sie (…) besondere Merkmale des Computers feststellen konnten. Manchmal zeichnen solche Tracker (…) sehr detailliert alle Aktionen eines Web-Nutzers auf, registrieren jede Bewegung der Maus und jede Eingabe mit der Tastatur[.]

Wie das „Vorgehen bei der Informationssuche“, gegen dessen Beobachtung Stefan Betschon offensichtlich nichts einzuwenden hat, sich von einer Aufzeichnung aller Aktionen, die Stefan Betschon offensichtlich zu Recht für eher unangenehm hält, unterscheidet, wird im vorliegenden Artikel leider nicht erklärt. Dafür wird einigermaßen ausführlich erklärt, wie viele Tracker denn ungefähr kursieren:

Laut den Informationen dieses Web Transparency and Accountability Project kommen in den USA auf den 50 populärsten Websites jeweils mehrere Dutzend Tracker zum Einsatz. Alles in allem haben die Forscher mehr als 80 000 Unternehmen beobachtet, die Tracker verwenden. (…) Die Tracker stehen meist im Dienst der Online-Werbung, laut Narayanan ist es aber leicht möglich, die Tracking-Infrastruktur für staatliche Überwachung umzufunktionieren.

Das klingt ja gefährlich! Ist etwa auch die „NZZ“ betroffen? Nein, das wäre ja sonst auch unredlich:

Im Rahmen der «nicht abschliessenden Untersuchung» wurden im März 374 populäre Schweizer Websites aufgerufen, und dabei hat man herausgefunden, dass mindestens 24% der Websites – darunter jene von Digitec, NZZ, Swiss und Zalando – Fingerprinting-Verfahren nutzen. (…) Bei der NZZ wurde das Fingerprinting vorübergehend eingesetzt im Bemühen, die kostenpflichtigen Online-Inhalte besser zu schützen. Das Verfahren wird inzwischen nicht mehr eingesetzt.

Genau, die NZZ macht das nicht mehr. Dann ist doch alles in bester Ordnung. Bis auf diesen Teil des Artikelquelltexts natürlich:

<script src="//aka-cdn.adtech.de/dt/common/DAC.js"></script> <script src="//aka-cdn.adtech.de/dac/1135.1/w1070036.js"></script> <script> 
 try {
 window.performance.mark('js.ads.done');
 }
 catch (e) {}
 </script> <script class="adtech-data">
 if (window.adgroupid == undefined) {
 window.adgroupid = Math.round(Math.random() * 1000);
 }
 var ADTECH = ADTECH || {};
 if (ADTECH.config) {
 ADTECH.config.page = {
 protocol: "https",
 server: "adserver.adtech.de",
 network: "1135.1",
 pageid: "",
 kv: {},
 params: {
 kvkw: "wirtschaft",
 kvarticle: "yes:ld.1370488",
 kvmorph: "desktop",
 loc: "100",
 grp: "" + window.adgroupid,
 misc: "" + new Date().getTime()
 }
 };
 ADTECH.config.page.params.kvcac = 'none';
 window.audienzz = window.audienzz || {};
 window.audienzz.dmp = {providerId: '-1262851859831711409', userHash: ''}
 }
</script><script src="//adnz.co/dmp/publisher.js"></script>

Und diesen:

<script>
 var ADTECH = ADTECH || {};
 if (ADTECH.config && ADTECH.config.placements) {
 ADTECH.config.placements[2945552] = {
 adContainerId: 'resor__item--2945552',
 sizeid: 1217,
 params: {alias: '', target: '_blank'}
 }
 var showAd = true;
 if (showAd) {
 ADTECH.loadAd(2945552);
 }
 }
 </script>

Und diesen:

<script>
 var ADTECH = ADTECH || {};
 if (ADTECH.config && ADTECH.config.placements) {
 ADTECH.config.placements[2945402] = {
 adContainerId: 'resor__item--2945402',
 sizeid: 154,
 params: {alias: '', target: '_blank'}
 }
 var showAd = true;
 if (showAd) {
 ADTECH.loadAd(2945402);
 }
 }
 </script>

Von diesen Progrämmchen findet man noch manches, als Beispiele sollen die hier eingefügten jedoch einmal reichen. Auffällig sind neben „loadAd“, dessen Funktionsweise ich absehen zu können meine, die Aufrufe von „Audienzz“ beziehungsweise „adnz“. Dies ist, es sollte kaum überraschen, eine Reklamepartnerfirma der NZZ (vastehste, „AudieNZZ“) und hat unter anderem solches im Repertoire:

Detaillierte Informationen über Nutzer, Angebote und Nutzungsverhalten. Auswertungen nach Sprachregionen möglich. Internationale Vergleichbarkeit.

Es sei, zitiere ich abermals, „leicht möglich, die Tracking-Infrastruktur für staatliche Überwachung umzufunktionieren.“ Gemäß der NZZ ist es somit für die eigene Sicherheit einigermaßen gefährlich, die Website der „Neuen Zürcher Zeitung“ ohne besonderen Schutz gegen etwaige Progrämmchen – also Werbe- und Progrämmchen-Blockaden – zu besuchen.

Ob sie wohl auch bald – wie zuvor schon „SPIEGEL ONLINE“ – voller Unverständnis für diese Maßnahmen ihr Onlineangebot hinter einer Bezahlschranke versteckt?


Die „ZEIT“ kann man ja auch nicht mehr ruhigen Gewissens lesen.

In den NachrichtenMusik
Tanzverbot für Phil Collins

In der Zeit vor Ostern wird traditionell auch in dem Land, das sich dringend darum zu bemühen sucht, sich auf seine christlichen Traditionen (i.s. Kreuzzüge und Judenverfolgung) zu besinnen, um sich von den Moslems abzugrenzen, alljährlich Religionskritik laut, denn wie auch an Heiligabend – was aus unklarem Grund selten zur Sprache kommt – soll an Karfreitag allenfalls traurig getanzt werden.

Da es nur wenig gibt, was trauriger wäre als Hannover, hielt ich die Website der Stadt Hannover für eine geeignete Quelle, um das genauer zu erforschen. Und tatsächlich gibt es dort Informationen:

Nach dem Niedersächsischen Feiertagsgesetz (NFeiertagsG) sind Tanzveranstaltungen am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag unzulässig.

Dass dieselbe Stadt Hannover auch am kommenden Karfreitag zum Tanz lädt, lasse ich hier aus dramaturgischen Gründen weitgehend unkommentiert und gucke mir stattdessen das NFeiertagsG an.

Was zunächst auffällt, ist, dass es explizit regelt, wann Videotheken öffnen dürfen. Es ist erfrischend, dass die Digitalisierung noch nicht überall um sich greift. Für den vorliegenden Kasus relevant ist aber insbesondere § 5 NFeiertagsG:

An den in § 3 genannten Tagen sind während der Zeit von 7 bis 11 Uhr morgens folgende Veranstaltungen und Handlungen verboten (…):

a) öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel und öffentliche Aufzüge, die nicht mit dem Gottesdienst zusammenhängen; das Grundrecht der Versammlungsfreiheit ( Artikel 8 Abs. 2 des Grundgesetzes) wird insoweit eingeschränkt;

Man muss ja Prioritäten setzen: Christentum oder Versammlungsfreiheit? Die Entscheidung lag doch wohl auf der Hand!

b) die der Unterhaltung oder dem Vergnügen dienenden Veranstaltungen, bei denen nicht ein höheres Interesse der Kunst, der Wissenschaft oder der Volksbildung vorliegt;
c) Veranstaltungen und Handlungen, soweit sie religiöse oder weltanschauliche Feiern stören oder den Besucherinnen oder Besuchern dieser Feiern den Zugang erschweren.

Dass es Religionen geben soll, die zu ihren Ausdrucksmitteln den freudigen Tanz zählen, sei hier aufgrund meines ausbleibenden Interesses, diese Behauptung zu verifizieren, nur als Pointe angebracht. Entscheidend scheint mir aber Satz „b“ zu sein: Zählt es nicht bereits als Volksbildung, wenn man als Protest gegen dieses für einen vorgeblich säkulären Staat sonderbare Gesetz eine Tanzveranstaltung abhält, durch die möglicherweise Bürger dazu bewegt werden, sich mit der gängigen Rechtsprechung aktiv statt nur passiv zu beschäftigen? Welches höhere Interesse hat „die Kunst“ und was ist eigentlich Kunst? Wer schließlich bestimmt, was Vergnügen bereitet und was nicht? Mir zum Beispiel bereitet die Musik von Phil Collins anhaltende Schmerzen – ist es mir also weiterhin gestattet, an einem Karfreitag mit schmerzverzerrter Miene zu Phil Collins zu tanzen?

Andernfalls hätte ich gegen eine Ausweitung der Gültigkeit des Gesetzes auf einen Großteil des übrigen Jahres nämlich nichts einzuwenden.

In den NachrichtenPolitik
Kalter Krieg, reloaded. (3)

Um zu signalisieren, dass er seinem Amtsvorgänger im Säen von Zwietracht zwischen den Völkern nicht nachsteht, beschloss Außenminister Heiko Maas, die letzte Geheimwaffe der SPD, sich mit so etwas wie einem Bürgerkrieg in fernen Ländern gar nicht erst abzugeben – nein, der Kalte Krieg muss das Mindeste sein und die Solidarität ist ein willkommenes Vehikel:

Wir haben heute vier russische Diplomaten aus Deutschland ausgewiesen. Denn nach dem Giftanschlag von #Salisbury trägt Russland noch immer nicht zur Aufklärung bei.

Dasselbe Russland freilich, dem es nach wie vor verwehrt bleibt, zwecks Hilfe bei der Aufklärung Proben des verwendeten Giftes zu erhalten, kommt einzig als Täter in Betracht. Er habe, lügt Heiko Maas, sich die Entscheidung „nicht einfach gemacht“, wie es guter „Linker“ Art eben ist; die Grünen haben sich ihre Entscheidung für TTIP gleichfalls sicherlich nicht einfach gemacht. Von „Solidarität“ ist also die Rede, denn in einem Land, in dem die Partei des Außenministers dieselbe unter Bürgern in einem langen, schmerzhaften Prozess weitgehend liquidiert hat, ist nicht mehr anzunehmen, dass sie es wagen würden zu widersprechen, wenn man ihnen sagt, was gut für sie ist. Der Russe, er muss es gewesen sein, daran kann und darf es keinen Zweifel geben. Warum sonst sollten führende Politiker selbst der F.D.P. fordern, sein Land müsse aufhören, dem Westen zu drohen?

Wer hat jemals behauptet, Großbritannien, unser historischer Verbündeter in Handelsdingen, stehe vor der Tür? Schon darum ist es offensichtlich, wo der Feind sitzt. Da ist dann auch TTIP egal – Traditionen müssen gewahrt bleiben.

Koste es, was es wolle.

In den NachrichtenMontagsmusik
Dungen – Häxan // Das Geschwätz und wir

Ich weiß doch auch nicht

Es ist Montag. In Deutschland werden Exilpräsidenten zur Abwechslung mal festgenommen, bei den ehemaligen Präsidenten von Irak und Libyen war man nicht so zimperlich. Vielleicht kann der Bundespräsident, der in einem früheren politischen Amt Murat Kurnaz in einem Folterknast gefangen halten ließ, intervenieren. Aber wer wären wir, der spanischen Regierung in ihre Politik reinzureden?

Anfällig für Geschwätz sind wir. „Ausgerechnet“ Donald Trump, quatschte am Donnerstag ausgerechnet „WELT ONLINE“, habe die „weltweit beste Klimabilanz“. Ausgerechnet! Beinahe wäre man ein bisschen wütend, aber dann bemerkt man noch rechtzeitig, dass dann auch Menschen im persönlichen Umfeld merken könnten, dass man manchmal „WELT ONLINE“ liest, und das gilt es unbedingt zu vermeiden. Grummeln wir also heimlich weiter! Andere Medien haben auch dumme Meldungen: Offensichtlich handelt es sich bei Liedern, die inzwischen seit Jahrhunderten zum volkstümlichen Liedgut gehören, um „SS-Lieder“, weil sie auch in SS-Liedbüchern auftauchten. Es möge „Backe, backe Kuchen“ niemals auf seinen politischen Hintergrund untersucht werden.

Neues hingegen wissen die Medien vom Spielgeld: Bitcoins sind in Deutschland unter Umständen illegal. Es ist ja nicht alles schlecht in der Blockchainforschung.

Es ist Montag und kein Pandabär ist zugegen. Stets zugegen wie rettend aber ist Musik.

Dungen – Häxan | The Furious Sessions en Sol de Sants Studios (Barcelona)

Guten Morgen.

Persönliches
Kopfverkatert.

(Was man, andererseits, offensichtlich schon wieder viel zu lange nicht mehr erlebt hatte, war es, Lektionen hin oder her, zu fühlen, wie das Leben eigentlich funktioniert. We teach old hearts to break. Der sich furchtlos erhebende Tag spendet Licht sowie Zerstreuung und fragt nicht, was besser dunkel bleiben sollte. Die Lebensmaxime „ja, aber“ weiß um ihren Reiz, sind Überzeugungen erst einmal flexibel. Il n’y a que la vérité qui blesse.

Die Rechnung bleibt unerbittlich. Wie viel Trink-Geld darf es sein? Es ist alles geliefert wie bestellt, insbesondere auch: man selbst. Dem Gefühlskater ist mit Aspirin nicht beizukommen. Man könne, heißt es, auf der zweiten Seite von Suchergebnissen eine Leiche verstecken, denn dort sehe niemand nach. Selbstbild als Suchmaschine.

Fehlfarben – Paul Ist Tot

Acht Jahre Midlifecrisis. Manche Fragen stellt man einfach nicht.)

ComputerIn den Nachrichten
Warum Christopher Lauer verstaatlicht werden muss

Christopher Lauer, gescheiterter Christopher-Lauer-Darsteller, nutzt die ihm nach seinem Rückzug aus der „Politik“ frei gewordene Zeit für Meinungen in Meinungsmedien, die sich im aktuellen Fall ungefähr mit diesem Zitat zusammenfassen lassen:

Laut einer Pew-Research-Studie aus 2017 nutzen 45 Prozent der US-Amerikaner Facebook als Nachrichtenseite, und wiederum 50 Prozent dieser Gruppe nutzen Facebook als einzige Nachrichtenquelle. (…) Facebook ist dafür verantwortlich, wie sich für seine Nutzer die Realität darstellt. (…) Die eigentliche, viel interessantere Frage ist, wie ein Gebilde wie Facebook verstaatlicht und unter demokratische Aufsicht gestellt werden kann.

Denn wenn Menschen die meisten Informationsquellen beiseite lassen und sich eine einzige als ihre Nachrichten einrichten, dann ist es doch offensichtlich, dass diese eine Informationsquelle die alleinige Schuld daran trägt und man diesem Umstand nur mit mehr Staat beikommen kann.

Für die Menschen hingegen, die den „Tagesspiegel“ als einzige Nachrichtenquelle nutzen, stellt sich eine Realität dar, in der so ein Quark als „Gastbeitrag“ angenommen und so verbreitet wird, was einen Einfluss darauf hat, wie sich für seine Leser die Realität darstellt. Die Frage muss also lauten, wie ein Gebilde wie Christopher Lauer verstaatlicht und unter demokratische Aufsicht gestellt werden kann.

ComputerIn den Nachrichten
Medienkritik extern: Geteilte Daten sind doppelte Daten.

Zur Causa bzw. Nichtcausa „Facebook bekommt Daten geschenkt“ und dem erstaunlichen Umgang der Medien mit den gewonnenen Erkenntnissen ist eigentlich inzwischen schon alles gesagt worden, unter anderem von mir, aber das themenbezogene Interview von „Meedia“ mit Fefe möchte und werde ich dennoch nicht ohne mindestens dieses Zitat beiseitelegen:

Man kann nicht jahrelang das Kleingedruckte wegklicken und irgendwelchen wildfremden Apps aus dem Internet seinen Haustürschlüssel in die Hand drücken, aber dann Zeter und Mordio schreien, wenn was wegkommt.

Dass „Meedia“, das natürlich nicht über HTTPS erreichbar ist und auf dessen Website ohne technischen Anlass ein Facebook-Datensammler eingebunden ist, vor wenigen Stunden einen Artikel nachschob, dessen Verfasser sich bitterlich beklagt, dass das Zurückziehen von Facebook zu beruflichen Nachteilen führe, spricht im Übrigen nicht unbedingt für das Arbeitsklima bei „Meedia“.

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Frauen: Jetzt auch genderneutral.

Den peak feminism würde ich mit dieser Meldung einfach mal als erreicht betrachten wollen:

Eine Anleitung, die kürzlich vom Mount Holyoke College, einer Schule nur für Frauen, herausgegeben wurde, weist Professoren an, es zu vermeiden, Schülerinnen „Frauen“ zu nennen, um eine „genderneutrale“ Umgebung im Klassenzimmer zu schaffen.

(Übersetzung von mir.)

Die Zukunft, ließ die ehemalige US-amerikanische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton ihr begeistertes Publikum einmal wissen, sei weiblich. Ganz schön rückständig von ihr.

ComputerIn den NachrichtenPolitik
Liegengebliebenes vom 20. März 2018: Foltern mit Word.

Derzeit in den Stellenanzeigen: Ein Land, das vernünftige Kryptografie verbieten möchte, braucht Hilfe bei der Spionageabwehr gegen ein Land, das vernünftige Kryptografie auch verbieten möchte.


Dazu auch „heise online“: „Industrie und öffentliche Institutionen liefern sich heute ein Wettrüsten mit Angreifern, die versuchen, kryptografische Sperren zu entriegeln“, gefordert wird daher ein „EU-Expertenrat für Kryptografie“. Wenn man ein Rudel sich mit dem Internet nicht befassen wollender Politiker, die funktionierende Verschlüsselung für ein Werkzeug des Terrors halten, damit beauftragt, sich Regeln für eine vernünftige Verschlüsselung auszudenken, dann wird das sehr bald sehr ärgerlich werden, fürchte ich.


Schade: Keinen Computer zu haben schützt in Ghana nicht vor Microsoft Word.


Lustig: Eine Menschenrechtsorganisation in dem Land, das die Schurkenstaaten Israel und Türkei partnerschaftlich mit Waffen beliefert und dessen Presse den US-amerikanischen Präsidenten, der, um eine Wahl zu gewinnen, gelogen hat, er würde ein Foltergefängnis auf Kuba schließen lassen, dann aber ein paar neue Kriege entfachen ließ, auch nach dessen Amtsabtritt noch als jemanden feiert, der den Friedensnobelpreis irgendwie verdient habe, fordert die Festnahme der designierten CIA-Direktorin aufgrund ihrer Teilnahme an solchen Foltereien. Vor der eigenen Tür ist niemals ein Staubkorn zu sehen.


Bizarr: „Eine Auswahl ohne echten Wettbewerb“ sei „leider keine echte Auswahl“, klagen nach dem Sieg Putins in der russischen Präsidentschaftswahl Experten aus demselben Land, in dem die bloße Existenz von Gegenkandidaten zu eigentlich bereits als gewählt geltenden Politikern bereits eine „Kampfkandidatur“ genannt wird.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: awakebutstillinbed – what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you

awakebutstillinbed - what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see youAls Bandwortfreund „guteshoerenistwichtig“ im Februar das Album „what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you“ (Amazon.de, TIDAL, Bandcamp) von awakebutstillinbed – manche eher ungeduldige Leute werfen mir vor, dass meine Sätze ihnen zu lang sind, aber für diesen hier kann ich nur teilweise etwas – anpries, blieb bei mir beim ersten Hören nur die Vermutung hängen, dass ich es mir vielleicht schönhören könnte. Den Versuch war es möglicherweise wert.

Das Quartett awakebutstillinbed („um Shannon Taylor“, als wäre die Aufgabe einer Musikgruppe lediglich die, dekorativ um die Sängerin herumzustehen) kommt aus Kalifornien und macht trotzdem ziemlich britische Musik. Von den Texten sehen wir mal ab, denn wer solche Musik („Post-Hardcore-Pop-Punk vielleicht“, ebd.) macht, dem liegt der Effekt näher als die Offenbarung. Das ist völlig in Ordnung, so lange der Effekt stimmt. Dass das erste Lied „Opener“ und das letzte „Closer“ heißt, wirkt insofern unbeholfener als es müsste.

awakebutstillinbed – fathers

Denn neben energischem Hard- („safe“) und fröhlichem Punkrock („life“, „fathers“, „closer“) mit heiserem Schreigesang einer- und sanftem Säuseln („stumble“) andererseits weisen die vier auch ein auffallendes Talent zu Singer-Songwritertum, wenn auch immer ein wenig brodelnd, auf und scheinen gegen gelegentliche Ausflüge in elektronisch-verspielte Regionen auch keine grundsätzliche Abneigung zu haben, was das erstaunliche „floor“, dessen Text man dann leider doch problemlos versteht, zu dem Lied auf dem Album macht, das mich dann doch noch mal reinhören ließ.

awakebutstillinbed – floor

Es gibt so Momente, in denen „what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you“ ungefähr exakt die Musik ist, die ich gerade zwecks Frustabbaus durchaus gutheißen kann. Die stilistisch trotz größerer Unterschiede nicht völlig anderswo zu verortenden Friends of Gas habe ich vor einem Jahr bereits entsprechend gewürdigt. Interessant ist das hier Gehörte daher durchaus und zumindest ein Album, das ich in meinem Bestand behalte. Man weiß ja nie, wann es mal wieder so Momente gibt.

Nerdkrams
Mobil zuletzt!

Dass das, was irgendwelche lichtscheuen Gestalten „mobile first!“ nennen, also die Fokussierung auf winzige Bildschirme als einzig relevante Ausgabeeinheit, einigermaßen scheußlich ist, habe ich anderswo ja schon erklärt. Mir bisher neu war allerdings der Ansatz des „mobile last!“, wie man ihn zum Beispiel bei InformIT findet.

Scrollt man dort nämlich hinunter, so bekommt man eine immerhin nicht völlig absurde Buchempfehlung eingeblendet, die zwar keinen „Schließen“-Knopf hat, aber rechts neben dem Text auf vernünftigen Bildschirmen zumindest genug Platz hat, um nicht allzu störend aufzufallen.

Außer, man hat ein Smartphone.

Mobile last!

(Pfeile von mir, defekte Grafikskalierung nicht von mir.)

Der Untertitel von „InformIT“ („the trusted technology learning source“) bedeutet übersetzt so viel wie „die vertrauenswürdige Quelle zum Lernen von Technik“. Von Webdesign steht da ja nichts.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Yes – Machine Messiah // Die Freiheit der Anderen

Deutsche Bahn (Symboleule)Es ist Montag. Die Deutsche Bahn AG („schon im Sommer an den Winter denken“, schreibt sie in einem Medienpaket; klar: wenn ich im August aus dem Fenster gucke, ist da auch kein Schnee) zeigt sich überrascht von Märztemperaturen im März und beugte sich dem „Wintereinbruch“ (bahn.de), indem sie den Betrieb einstellte. Andererseits: Wer will schon nach Leipzig? In Leipzig ist es immerhin ziemlich kalt und Pandabären gibt es dort auch nicht.

An einem anderen kalten Ort wurde gestern gewählt. Der neue russische Präsident ist der alte russische Präsident. Genau mein Humor: Diejenigen deutschen Medien, in deren Vorständen Funktionäre von CDU/CSU und/oder SPD sitzen, beklagen sich über eine große Einflussnahme des Staates auf die russischen Medien. Überraschungsarmut ist ihr Mittel. Was läuft im deutschen Fernsehen falsch, wenn mir schon zehn Minuten ohne Ton reichen, um eine Wette auf den Fortgang der Handlung abzuschließen? – Etwas überraschender sind dann doch die Finanznachrichten: Nicht mal die Lufthansa will den Berliner Flughafen noch haben. Und auch die SPD ist in Feierlaune, wie den einschlägigen Nachrichten zu entnehmen ist: Kurden fliehen vor deutschen Panzern – da sage noch mal jemand, die Sozialdemokratie habe nichts erreicht!

Am Speaker’s Corner gilt seit einiger Zeit anscheinend die Regel, dass nicht mehr alles, was nichts mit dem Königshaus zu tun hat, gesagt werden darf: Nachdem erst Martin Sellner mitsamt seiner Entourage ausgewiesen, dann Lutz Bachmann, von dessen Leben und Wirken man sicherlich manches halten kann, aber nicht muss, daran gehindert wurde, nach Großbritannien zu reisen, um dessen Rede zu übernehmen, wurde sie nun unter vielfachem Gekreische – denn so laufen „Debatten“ in der entpolitisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zumeist ab – von Tommy Robinson gehalten, der den Vorteil hat, selbst Engländer zu sein. Eine Gesellschaft, die es zulässt, dass ihre Regierung eine sonstwie offensichtlich bescheuerte Meinung als gesellschaftsfeindlich abtut und ihren Inhaber mit dieser Begründung des Landes verweist, wird sehr bald eine sehr unerträgliche Gesellschaft sein. Wem nützt eine Welt, in der jede Reibefläche hinter Mauern in den Köpfen verschwindet?

Auf „ZEIT Campus“ habe ich gestern gelernt, dass mit Kacke jeder etwas anfangen könne. Da ich das, was jeder tut, meist zu überbieten beabsichtige, beginne ich diese Woche mit Musik, die ganz besonders unkacke ist.

Yes – Machine Messiah – Live in Lyon 2009

Guten Morgen.

In den NachrichtenPolitik
Thüringer Demokratiepreis

Denselben scheint vom Friedensnobelpreis nur noch das Ausmaß der Gewaltbereitschaft zu trennen:

Am vergangenen Dienstag hatte die Polizei in Rudolstadt bei Hausdurchsuchungen große Mengen Chemikalien und Sprengstoff sichergestellt. Pikant: Einer der Verdächtigen ist Träger des Thüringer Demokratiepreises und gehörte zur linken Antifa-Szene des Freistaats.

In Thüringen haben sie die Demokratie noch nicht so lange, daran müssen sie noch arbeiten.