MusikNetzfundstücke
Schwarzkopierer schwarzmalen gegen das Internet

Ein reichlich überzogenes Verfahren, seinem Ärger über das Verhalten manches Musikkonsumenten Luft zu machen, wählte Trent Reznor (Nine Inch Nails), der in einem Interview im Januar 2017 seinen Missmut darüber beklagte, dass das Internet zu vielen Leuten eine zu dominante Plattform für destruktive Musikkritik biete, bei der Verteilung eines Bonuspakets für Käufer der im vergangenen Jahr erschienenen EP „Not the Actual Events“: Dieses scheint allerlei Text- und Bildbeilagen zu enthalten, überdies ein eigenartiges schwarzes Pulver, das die Fingerabdrücke desjenigen, der das Paket öffnet, unweigerlich auf seinen Inhalt bannt. Es ließe sich also durchaus daraus folgern, dass hier ein besonders effizienter Kopierschutz vorliegt: Wer versucht, den Inhalt auf so Tauschbörsen hochzuladen, hinterlässt dabei auch eindeutige Spuren, die unter Umständen seine eindeutige Identifizierung erlauben.

Gerüchten zufolge hat Sony Entertainment, die Firma, die in ihren Gefechten gegen unlizenzierte Medienkopien auch schon mal mit Schadsoftware, Kundentäuschung und juristischen Repressionen arbeitet, diese Idee begeistert aufgenommen und plant in kommende CD-Veröffentlichungen ihrer Künstler winzige Skalpelle zu integrieren, um abfotografierte CD-Cover anhand der Blutspuren eindeutig zurückverfolgen zu können.

In den NachrichtenPiratenparteiPolitik
Das Wesen einer Wahl: Ralf Stegner und die Piratenpartei treffen sich im Schulzbus

„Wahl, die: Entscheidung zwischen zwei oder mehr Möglichkeiten, Dingen, Personen, Auswahl“
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache


Am vergangenen Sonntag trat Martin Schulz, dessen Beliebtheit wohl nur damit zu erklären ist, dass er wahlweise nicht Angela Merkel oder nicht Sigmar Gabriel ist, mit 605 von 605 möglichen Delegiertenstimmen letzteres Herrn Nachfolge an der Spitze der ehemaligen Arbeiter- und heutigen Arbeitgeberpartei SPD an. Medial wurde das breitflächig so oder ähnlich dargestellt:

Ein Bundesparteitag wählte den 61-Jährigen in Berlin ohne Gegenstimme zum Nachfolger von Sigmar Gabriel. Es ist das beste Ergebnis der Nachkriegszeit.

Lassen wir den üblichen SPIEGEL’schen Superlativknaller im zweiten Satz einmal außer Acht, denn auch vor 1945 hat dieser gleichwie heilige Martin Schulz niemals mehr als 100 Prozent irgendwelcher Stimmen bekommen, seine Partei nach 1945 in Ostdeutschland auch nur, als sie schon SED hieß, so lautet die wesentliche Information, dass die SPD abermals ihren Vorsitzenden mit einer derart überzogenen Begeisterung ausgetauscht hat, als seien die bisherigen Wahl- und Umfrageergebnisse der rechtspopulistischen SPD allein die Schuld des nunmehr im Außenministerium ein überzogenes Gehalt beziehenden ehemaligen Vorsitzenden und nicht etwa der menschenfeindlichen Politik, die von der Parteibasis mitgetragen und von Parteiministern wie Andrea Nahles und Frank-Walter Steinmeier aktiv vorangetrieben wurde und wird.

Zusätzlich aber ist hier von einer „Wahl“ die Rede. Dass das sozialdemokratische Verständnis von diesem Grundpfeiler einer Demokratie nicht das beste ist, ist spätestens seit Ende August 2006, als der damalige SPD-Vizekanzler und Minister für „Arbeit“ und „Soziales“, Franz Müntefering, postulierte, es sei „unfair“, eine Koalition an ihren Wahlversprechen zu messen, nur noch von jenen glaubwürdig zu leugnen, die zu spät geboren sind und/oder im Wahljahr für ein Medium wie „SPIEGEL ONLINE“ irgendwelche Artikel schreiben müssen.

Ja, 2017 ist wieder ein Wahljahr, ein Superwahljahr gar, und die Angst vor der AfD ist so groß, dass sich sogar das ehemalige Fachmagazin „heise online“ nicht zu blöd vorkommt, in einem Artikel darauf hinzuweisen, dass die Piratenpartei auch ganz bestimmt tot ist. Die für den nächsten Schritt nötige geistige Transferleistung zu erbringen wäre, zugegeben, für den durchschnittlichen Internetjournalisten auch wirklich zu viel verlangt. Aber auch sonst scheint die Piratenpartei – mit der AfD will man es sich offenkundig nicht allzu sehr verscherzen, Rechtspopulisten sind gern beisammen – gerade ein willkommenes Ziel von Leuten zu sein, denen die Demokratie nicht besonders nahe ist. Martin Schulz‘ Stellvertreter Ralf Stegner etwa pöbelte auf Twitter darüber, dass ein Mitglied der Piratenpartei („1%Partei“, Rechtschreibung wie im Original) die zahlreichen Nebeneinkünfte von Berufspolitikern als das Vollmachen von Taschen bezeichnete, weil sich so, so Ralf Stegner, sonst nur „Demokratiefeinde“ und „Rechtspopulisten“ ausdrückten, womit er offensichtlich keineswegs sich selbst meinte.

Nun entlarvt das anscheinend diffamierende Betonen der momentanen Umfragewerte der Piratenpartei, als sei eine Partei mit wenigen Stimmen plötzlich ein weniger wertvolles Mitglied des demokratischen Spektrums und als sollten ihre Mitglieder darum besser schweigen, Ralf Stegner, wenn schon nicht unbedingt als einen Rechtspopulisten, wenigstens als einen Demokratiefeind, womit er in der SPD gut aufgehoben ist. War die Kurznachricht auf Twitter womöglich gar anerkennend gemeint? Wird Twitter das jemals erfahren?

Und wer war in diesem hochdemokratischen Komplex SPD in der so genannten „Wahl“ des neuen Parteivorsitzenden eigentlich der Gegenkandidat von Martin Schulz?

In den NachrichtenMir wird geschlechtMontagsmusikPolitik
Dot Legacy – Story of Fame

Kann ich rauskommen?Es ist Montag, aber man muss nicht raus, was ihm, dem Montag, beinahe jeden Schrecken raubt (außer vielleicht: wieder beginnt ein Tag des Lebens, an dem man eigentlich so vieles könnte, wenn man nur wollte). Ein Tag ohne Grund, ohne Mond noch dazu.

Apropos Können und Wollen: Das börsennotierte Unternehmen Siemens erwägt in wenigen Jahren Fahrzeugfabriken ganz ohne lästige, weil kostenintensive menschliche Arbeitskräfte zu betreiben, was in diese Zeit des politischen Aufschwungs der SPD (die, Ironie der Geschichte, eigentlich schon immer im Betriebsrat von Siemens herumsaß und Luft wegatmete) prima passt. Von einem börsennotierten Unternehmen ohne lästige, weil kostenintensive menschliche Vorstände ist bis auf Weiteres aber nur zu träumen.

Genug Zeit bleibt bis dahin also, um die frei erfundene Gehaltslücke zwischen Mann und Frau, Quatsch: schlechter und besser qualifiziertem Arbeitnehmer endlich zu schließen. Zahlen wir doch einfach jedem dahergelaufenen Kasper grundlos das gleiche Geld, wie es die sozialromantische und leistungsfeindliche Träumerei von einem „bedingungslosen Grundeinkommen“ suggeriert, und freuen wir uns auf eine Welt, in der auf eine anständige Arbeit keiner mehr Lust hat. Übrig bleiben wie gewohnt die Doofen.

Überleitung? Später vielleicht. Zitat jedenfalls: Der DHL-Paketbote [müsse] also DHL Paketbote heißen, damit man ihn weltweit einheitlich falsch schreiben kann. So weit ist es schon. Wofür ist so ein Schulabschluss mit Deutschpflicht eigentlich noch gut, wenn ihn später keiner mehr benutzt?

Was aber dringend benutzt werden sollte, schon zwecks Beruhigung: Musik.

Dot Legacy – Story Of Fame

Guten Morgen.

In den NachrichtenMusikNetzfundstückePolitik
Liegengebliebenes vom 18. März 2017

Verfassungsfeind des Tages: Heiko Maas, SPD.


Na, ist auch euer Tag zu kurz, um all die spannenden „neuen“ Fernseh- oder Internetserien angemessen aufmerksam verfolgen zu können? Dann guckt sie doch einfach doppelt so schnell!


Brüller des Tages: Das gleiche Mozilla, das erst neulich gegen den Willen der meisten Stammnutzer und langjährigen Erweiterungsentwickler XUL aus Firefox zu entfernen ankündigte, bittet diese Entwickler jetzt in einem Blogeintrag darum, sie mögen doch bitte an das Wohl der Nutzer denken.


Jens Balzer („SPIEGEL ONLINE“) mag Rammstein nicht und hält die Band (womöglich deshalb) für eine Keimzelle des Rechtspopulismus, nennt Rammsteins offensichtliche musikalische Vorbilder Laibach aber im gleichen Text „eine radikale, aus den Siebzigerjahren bis in die Gegenwart reichende Avantgarde, von der die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts ebenso reflektiert wurden wie das totalitäre Potenzial der postmodernen Massenmedien“. Wofür ich derweil Jens Balzer halte, möge sich der in Kraftausdrücken bewanderte Leser bitte selbst ausmalen.


Türkische Viehproduzenten wollen niederländische Kühe protestierend in deren Heimatland zurückschicken. Niederländische Ziegen dürfen, wie man hört, jedoch auch weiterhin in der Türkei bleiben.


Heute vor 10 Jahren: Niedersachsens Pferdeapfelkampagne.


Wie lange braucht so ein Linux eigentlich, um eine kritische Sicherheitslücke zu finden und zu beheben? Ist ja freie Software und das alles. Ist ja sicherer als Windows und so. – Richtig: über sieben Jahre.

In den Nachrichten
Kurz notiert zur schamanischen Techniker-Krankenkasse

Dieser Tage lag ein Thema im Trend, das man sonst nicht in unserer Filterblase der durchschnittlich gesunden Gebildeten mittleren Alters erwartet hätte, nämlich Krankenkassen – nicht irgendeine Krankenkasse, versteht sich, sondern Deutschlands derzeit mitgliederstärkste Krankenkasse, nämlich die forschungskritische Techniker-Krankenkasse, deren Twitterbeauftragter forsch fragte, warum denn diese Krankenkasse nicht die Mitgliedsbeiträge auch für die Förderung von Homöopathie verschwenden dürfe und ob es etwa wissenschaftliche Belege dafür gebe, dass Homöopathie unwirksam sei, was, wie sich schnell herausstellte, natürlich der Fall ist, aber der eigentliche Skandal hierbei ist offensichtlich, dass sich hier eine Krankenkasse für die Finanzierung von Quatsch damit herausredet, dass Homöopathie gerade beliebt und verbreitet sei, während nachweislich tatsächlich hilfreiche, beliebte und verbreitete Heilmittel wie medizinisches Cannabis (wie auch neumodisches Zeug wie Brillen, Zahnersatz und so weiter) höchstens nach Zuzahlung im Leistungsumfang liegen, weil da weniger Leute dran glauben; und vielleicht ist das Konzept der gesetzlichen Krankenkassen auch einfach eines, über das man in politischem Rahmen einmal ganz unverbindlich nachdenken sollte.

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt: Der Schut im Lande des Bontwerkers

Was macht eigentlich ein Präsident eines vorgeblich weltlich-islamischen Landes, das sich in den letzten Jahren unter seiner eisernen Faust vor allem durch die Bekämpfung ethnischer Minderheiten, das Wegsperren gleichwie bedenklicher Pressevertreter, die allmähliche Monarchisierung und ein permanentes Beschimpfen von Ländern, aus denen verhaltene Kritik ertönt, als Nationalsozialisten oder deren Nachkommen, hervorgetan hat, wenn es einem der übrigen Länder auch mal reicht mit dem kranken Mann am Bosporus?

Richtig:

Der türkische Präsident Erdogan will das Auftrittsverbot für seine Minister in den Niederlanden vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen.

Was auch sonst? :aufsmaul:

In den NachrichtenMir wird geschlechtMontagsmusikPolitik
Krobak – Broken // Diktatoren mit Bärten, Frauen mit Nägeln

Frühling, oh nein.Es ist Montag, ein Tag, von dem eine Entfremdung lohnenswerter scheint als von anderen Dingen des Lebens. Es wird Frühling, die Hormone treiben Unfug und das Draußensein wird so auch ästhetisch wieder zur Qual. Wohl dem, der drin sein kann und sich wundern.

Keineswegs drin ist EU-Beitrittskandidat Türkei, dessen Häuptlings ständige Präsidentenschnappatmung dazu führte, dass die dort Verfolgten auch hierzulande nicht mehr gern gesehen sind: Das Innenministerium bekämpft auch weiterhin die Gegner des Islamischen Staates, auf dass der Friede zwischen Deutschland und der Türkei auch weiterhin nicht in Frage stehen möge. Richtig machen es unsere westlichen Nachbarn, die sich traditionell nur sehr ungern von einem bärtigen Diktator auf den Tulpennasen herumtanzen lassen. Nach der anstehenden Wahl in den Niederlanden, der der Rechtspopulismus nun wohl gelassen entgegen blicken kann, wird es dann wieder allerorten von den Dächern trompeten, die Nazis seien zu beliebt geworden. Wohl dem, der Ursache und Wirkung nicht der Wirtschaft zuliebe verwechselt.

Von der Weltöffentlichkeit zum Glück weitgehend unbemerkt wurde aus dem Kreise derer Twitterfrauen, deren bisherige Lebensleistung (in erster Linie nämlich diverse Twitter-Hashtags) auf dem Geld anderer Leute errichtet wurde und die sich medial bislang vor allem mit gemeinsamem Niederbrüllen derer, die besser sind als sie, hervorgetan haben, das „Feministische Netzwerk“ gegründet. Interessant am Logo des „Feministischen Netzwerks“ finde ich, dass es drei stilisierte Hände von benagellackten und vor allem dünnen Frauen zeigt. Sind dicke Frauen ohne Nagellack (oder gar, buäh!, feministische Männer) in Feministenkreisen unbeliebt? Ich finde das ziemlich unterdrückend von den beteiligten Frauen, die damit zweifelsohne dem Patriarchat in die Hände spielen.

Mindestens genau so unangenehm übrigens: Ohrwürmer von erschreckend okayer Popmusik, die man eigentlich gar nicht mögen dürfte. Schnell ein Gegenmittel!

Krobak – Broken (official video)

Guten Morgen.

Netzfundstücke
Ertüchtigungsarmband für untenrum

Wo musste denn bisher noch unbedingt mehr Internet rein? Richtig; gegen die nur allzu menschliche Angst, es könnten im täglichen Leben zu wenig Daten, die der Wirtschaft und dem Staat wertvolle Erkenntnisse liefern können, anfallen, gibt es bald ein weiteres, zurzeit in der „Testphase“ (wie wird man da eigentlich Tester?) befindliches Hilfsmittel:

Es handelt sich um einen Ring, der über Ihren langweiligen funktionalen Latexfreund passt und Ihnen wertvolle Einblicke gibt, die Sie gelegentlich in einem Gespräch mit Ihren Freunden, Ihrer Familie und Ihren Nachbarn fallen lassen können. (…) Neben der Messung von Druckgeschwindigkeit und allgemeinem Tempo verrät Ihnen das i.Con, wie viele Kalorien Sie verbraucht haben, welche Positionen Ihnen Freude bereiteten und wie oft Sie Sex hatten.

Und ich hielt Treppensteigwettbewerbe von Freizeitfitten schon für bescheuert. :irre:

(via @internetofshit)

In den NachrichtenNerdkrams
Überraschende Erkenntnisse aus Vault 7

Es gibt wieder einmal einen neuen Spionagefall, den einen Spionageskandal zu nennen sich allenfalls diejenigen Medien und -konsumenten trauen, deren Blauäugigkeit diese Spionage überhaupt erst ermöglicht: Russische Hacker Informanten unklarer Herkunft haben der Enthüllungsplattform WikiLeaks geheime Dokumente zugesteckt, die den US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA überraschenderweise auf eine mit der, auf der die NSA in der öffentlichen Wahrnehmung gerade steht, vergleichbare Stufe heben bzw. senken.

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In den NachrichtenNerdkrams
Reklame, verlegerisch bestätigtes Bollwerk des guten Linksseins

Wisst ihr, warum ihr die sog. „Schuld“ daran tragt, dass Donald Trump der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten wurde?

Weil ihr Werbung blockiert. Denn nur durch das Angucken von Werbung ist die rechte Gefahr noch zu bändigen. Doch, wirklich!

Und Reklame sei immerhin eine wertvolle Ergänzung der journalistischen Qualitätserzeugnisse:

„Anzeigen sind Nachrichten – es sind inhaltliche Informationen im Kernbereich der Pressefreiheit.“ Unabhängig von der Qualität ihres Beitrages hätten „die Annoncen einen informations-, meinungs- und bildungsfördernden Einfluss auf den Leser hinsichtlich des jeweiligen Sachgebietes“.

So weit ist es schon gekommen mit dem Journalismus, dass er bunter Schadsoftware inhaltliche Qualität auf wenigstens eigenem Standard bescheinigt. Werbung gucken gegen Trump.

Mir gehen allmählich die Emotionsausdrücke aus.


Nachtrag vom 8. März 2017, bzw.: Die Trojaner, die Sie sich möglicherweise wegen unserer Lügen einfangen, sind Ihr Problem, nicht unseres.

In den NachrichtenWirtschaft
Traumberuf Arbeitsloser

Was die gegenwärtige Lichtgestalt der Hartz-IV-, Agenda-2010- und Angriffskrieg-im-Kosovo-Partei SPD, die seit lächerlichen 19 Jahren mit nur vier Jahren Unterbrechung das Arbeitsministerium („für Arbeit und Soziales“, so die offizielle Bezeichnung) besetzt, übrigens sonst so fordert: Eine Weiterbildung zum Langzeitarbeitslosen. :D

Schulz will längeres Arbeitslosengeld - Laut seinem Plan sollen sich Arbeitslose dafür weiterbilden lassen

Denn, Wortspiel einmal beiseite gelassen, die Bilanz aus 19 Jahren SPD-Regierung lautet eben auch und vor allem Fachkräftemangel – den Fachkräften mangelt es an Arbeit und damit an Geld. Dank eines florierenden Niedriglohnsektors und der praktischen Einrichtung „Hartz IV“, dank derer man selbst jene, denen es über Jahre hinweg an fast allem mangelt, nicht mehr als bitteschön in Lohn und Brot zu versetzende Arme berücksichtigen muss, kann eine Partei, die dieselbe soziale Gerechtigkeit, die sie beinahe jahrzehntelang systematisch abgeschafft hat, alle Wahljahre wieder propagiert, in den einschlägigen Umfragen große Erfolge bei denen erzielen, die sich eine Veränderung – Hauptsache, mal ’n anderer Kanzler – erhoffen, ohne dass diese Jenigen auch nur eine vage Vorstellung davon haben, dass das politische Klima, das sie zu Ausgegrenzten gemacht hat, von jenen drei Parteien gedüngt und gegossen wurde, die auch dieses Jahr wieder von Aufbruch, Zukunft und Sozialsystem quatschen, nämlich von der Regierung aus SPD und Grünen einer- und der Regierung aus CDU, CSU und SPD andererseits.

Dass, wer aus Überzeugung statt aus taktischen Gründen wählt, seine Stimme quasi verschenkt, ist ein Märchen, dessen Ausgang die Entrechtungsparteien längst perfektioniert haben und an dem sie auch in einer Zeit, in der eine gleichwie politisch einfarbige Partei der Unzufriedenen sich in die Landtage facebooken lässt, festhalten, denn es hat sich – Schulz! Schulz! – als wirksame Waffe gegen bewegte Graswurzelei bewährt.

Vermutlich, damit der Russe nicht gewinnt.

In den NachrichtenMontagsmusik
Godspeed You! Black Emperor – Moya

Es ist Montag; was für ein grauenvoller Tag, was für ein grauenvoller Start in eine Woche, deren Zufriedenstellung so von vornherein zum Scheitern verurteilt scheint, weil selbst der Sonntag nur so lange erfreulich schien, bis man versehentlich aufwachte. So wird das nichts mit der Weltherrschaft und/oder der Rückkehr der Zweisamkeit; geht das nicht auch vom Bett aus?

Apropos Weltherrschaft: Für die „taz“ hat die einstige Beschriftungsbeauftragte der Berliner Piratenpartei, Anne Helm, ihre politische Qualifikation einmal zusammengefasst, nämlich ihr Geschlecht: „Auch als Frau fühlt sie sich bei den Linken besser aufgehoben als in der männerdominierten Piratenpartei“, na, mehr muss man nicht können bei den Linken. Selbstverständlich wird netzpolitische Expertise auch auf politischer Ebene weiterhin gebraucht, und das auch, so lange Medien wie „SPIEGEL ONLINE“ bei Formulierungen wie „bei Stadtverwaltung und Internetnutzern“, als seien dies zwei einander ausschließende Gruppen, kein Knoten im Kopf platzt. Ich schreibe ja auch nicht „Journalisten und Leute vom ‚SPIEGEL'“; obwohl das allmählich doch angemessen zu erscheinen beginnt.

Derselbe „SPIEGEL“ allerdings, dessen Onlineredaktion sich solche Texte ausdenkt und sich dafür nicht einmal zu schämen scheint:

Der US-Präsident will den Verteidigungshaushalt um 54 Milliarden Dollar (…) erhöhen. (…) Er fügte hinzu: „Wir müssen wieder Kriege gewinnen.“

Genau so habe ich mir „Verteidigung“ ja immer vorgestellt; und der inländische Verteidigungsetat, der im Inland kaum Anwendung findet, dürfte allenfalls in absoluten Zahlen weniger furchtbar sein. Verteidigt wird sich meist gegen die, die sich wehren. Warum man im offiziellen Duktus dann nicht gleich vom „Friedensetat“ spricht, wenn es ohnehin nur um die größtmögliche Verachtung der Betroffenen geht, ist mir nicht klar.

Klar ist aber: Es ist Montag. Ein Montag sollte nicht nur damit beginnen, sich aufzuregen, sondern auch und vor allem mit etwas Musik.

Godspeed You! Black Emperor Live at The Metropolis – Moya (Gorecki) – Par La Bande

Guten Morgen.

Politik
Skandalös: Buchhandlung verkauft Bücher!

Im Februar 2017 erreichte die berühmte deutsche Demonstrationskultur ein neues Hoch: Als der total lustige Autor Deniz Yücel in türkisches Gewahrsam (ich erwähnte es bereits) gekommen war, ergriffen seine solidarischen Mitbürger die Initiative und hupten gegen Erdoğan:

Um gegen die Inhaftierung Yücels zu protestieren, fanden bereits Autokorsos in Berlin und in Yücels Heimatort, dem hessischen Flörsheim, statt. (…) Gefahren und gehupt wird ab 16.30 Uhr – je lauter, desto besser.

Mehr noch: Um es dem türkischen Präsidenten mal so richtig zu zeigen, riefen und rufen prominente Twitterer wie Mario Sixtus ihr Publikum dazu auf, ein Buch von Deniz Yücel auf Amazon zu kaufen (selbstverständlich als elektronisches Buch, denn die Bedienung eines papiernen Buches ist nicht mehr als allgemein bekannt vorauszusetzen), auf dass er der meistverkaufte Autor in Gefangenschaft des ganzen Jahres werden möge. Nimm dies, Erdoğan!

Woran die twitternde Meute hierbei keineswegs gedacht zu haben scheint, ist, dass Amazon keinesfalls ein linker Szeneladen für Anhänger von Deniz Yücel, Marx, Engels und Camus ist, sondern auch Bücher von Autoren wie Udo Ulfkotte und Gerhard Wisnewski verkauft, die ja nun nicht gerade im Ruf stehen, sich irgendwie links zu positionieren, wobei insbesondere letzteres Buch es gegenwärtig sogar in die Liste der „SPIEGEL“-bestseller, also der Leseempfehlungen eines vermeintlich seriösen Nachrichtenmagazins, geschafft hat, was Amazon sogar als zusätzlichen Kaufanreiz gesondert kennzeichnet. Anders gesagt: Netzwerker wie Mario Sixtus machen dadurch, dass sie zum Kauf auf Amazon aufrufen, nachdrückliche Werbung für die Bücher rechter Autoren. Das ist ziemlich unverantwortlich.

Das sei jetzt aber übertrieben, sagt ihr, weil es nun mal die Aufgabe einer Buchhandlung sei, weitgehend wertungsfrei Bücher zu verkaufen?

Vergangene Woche entdeckte eine – laut ihrem eigenen Profil – feministische, sozialistische Twitternutzerin in einer Ulmer Buchhandlung (denn was könnte sozialistischer sein als eine Buchhandlung?), dass dort auch Bücher von Hans Herbert von Arnim, Thilo Sarrazin und Udo Ulfkotte ausgestellt waren, beworben mit einem Plakat des aktuellen bestsellers Herrn von Arnims (beim linkerseits unverdächtigen Buchhändler Amazon derzeit „Bestseller Nr. 1 in Kriminalität in Wirtschaft & Politik“). In den folgenden Kreischsturm reihten sich wie üblich zahlreiche Nutzer ein, deren Bedürfnis, jemals eine Ulmer Buchhandlung zu betreten, bislang ohnehin noch nicht besonders groß war, und teilten der Buchhandlung teils telefonisch, teils schriftlich mit, was sie davon hielten, dass sie bei Kunden beliebte Bücher auch dort hätten kaufen können, wenn sie das denn gewollt hätten. In der Reihe derer, die ihren Unmut darüber, dass eine Buchhandlung ein breites Sortiment aufwies, lakonisch in einen Computer reintippten, lässt sich jedenfalls auch – ihr ahnt es – ein gewisser Mario Sixtus finden. Offensichtlich gibt es gute und schlechte Nazibuchläden in der Welt der Alphablogger, offensichtlich ist ein Verkauf von bösen Büchern allein ladenbezogen ein Empörungsgrund. Ich sollte vielleicht mal nach einer Liste fragen.

Unklar bleibt der konstruktive Gegenvorschlag. Könnte die Ulmer Buchhandlung ihren Leumund reinwaschen, verkaufte sie böse Bücher nur mehr als E-Books oder würde umgekehrt auch Amazon der Verdammnis überschrieben, hörte es nicht alsbald auf, Bestseller als Bestseller zu bezeichnen? Wer bestimmt abschließend über die Marktwirtschaft im Buchhandel – ist es Twitter?

Und warum beschleicht mich eigentlich das Gefühl, dass dieser Diskurs auf einem Kurztextmedium nicht unbedingt gut aufgehoben ist?

WENN das Internet sich wirklich zum Medium der Entweder-Oder-Position entwickeln sollte, (…) DANN WÄRE ES GENAU NICHT das Medium der Aufklärung, des Diskurses, der Akzeptanz und des gesellschaftlichen Fortschritts.
Mario Sixtus, 3. Januar 2017

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Owls Are Not – isnot

Kann ich euch zwischendurch für ein wenig bemerkenswerte Musik begeistern?

Ha, was für eine Frage, deshalb seid ihr ja hier. Was haltet ihr von Eulen? Ihr mögt Eulen? Dann geduldet euch noch ein wenig, denn hier geht es um eine Band, die sich jeden Zusammenhang mit Eulen verbittet, nämlich um „Owls Are Not“, eine dreiköpfige Musikgruppe aus Polen. Polen kennt man sonst als Heimat von nicht ganz uninteressanten Vertretern des ausladenden Progressive Rocks wie SBB und Riverside, Owls Are Not aber sind in ihrem Stil so eigen wie ihr Name, statt Gelegenheitswohlklang wird hier die Freude am Geräusch geradezu lustvoll ausgelebt.

Owls Are Not – Isnot a Human (Atypeek Music)

Auf „isnot“, ihrem derzeit vorletzten Studioalbum (es folgte im Januar dieses Jahres das „Malawian Crash Mixtape 1“), gibt es Stücke namens „-“ (davon gleich drei), „isnot a human“, „isnot a dog“ und vergleichbare zu hören, die im Wesentlichen höchst verstörende Geräuschcollagen, angereichert mit Bass, Elektronik und Schlagzeug sowie weiterer Sprachbeigabe, aus mancherlei Quelle sind, surreal in ihrer Beschaffenheit und von easy listening angenehm weit entfernt.

Owls Are Not – isnot a dog (Atypeek Music)

Selbstverständlich hat all das auch eine Botschaft; so erzählt „arc de triomphe“ etwa, glaubt man der offiziellen Beschreibung, die Geschichte einer apokalyptischen Welt, das eröffnende „la prison“ indes berichtet von einem beklemmenden Gefühl des Eingesperrtseins durch einen Überfluss an Informationen. Folgerichtig wirkt die schiere breite Geräuschmasse, die das Album maßgeblich dominiert, auf unvorbereitete Ohren wie etwa die meinen zunächst etwas befremdlich, sie überrollt den Hörer mit Größe und Dichte. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber ich meine hier Überragendes auszumachen.

Während ich also noch ein wenig darüber sinniere, was es genau ist, das mich an „isnot“ in geradezu nennenswert positivem Maße beeindruckt, empfehle ich für Stream und Kauf das gewohnte Bandcamp.com. Möge es auch euch einen Dienst erweisen.

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt: Grüne Agendaverdreher

Neues aus der Reihe „Die Grünen waren schon immer gegen (Sache), haben sich aber aufgrund parlamentarischer Zwänge anders entschieden“:

Die Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt will schon 2003 für einen Mindestlohn gekämpft haben. (…) Die Doppelspitze im Parlament warb stattdessen voller Überzeugung für die Agenda 2010. Sie begründe „ein neues Verständnis von Gerechtigkeit und das richtige Verhältnis von Solidarität und Freiheit, von Eigenverantwortung und Gemeinsinn“, schrieb Göring-Eckardt im Mai 2003.

Die größte Hoffnung für SPD und Grüne ist das kurze Gedächtnis ihrer Wähler.