In den NachrichtenMusik
Hasspopkultur

Die – mit großem Abstand – Überschrift des gestrigen Tages lautete:

„Justin-Bieber-Videos werden am häufigsten als Hass eingestuft”

Da macht sich doch die neue Diskussionsqualitätsoffensive der Bundesregierung schon bezahlt. Nach dem erfolgreichen Feldtest mit Justin Bieber möchte ich Tonaufnahmen von Phil Collins als Objekt weiterer Löschungen empfehlen. Das würde immens zu meiner Friedfertigkeit beitragen.

In den NachrichtenPolitik
Suzanne Vega – Tom’s Diner

Das alles ist betrüblichEs ist Montag und es ist grau. Montage sollten nicht so beginnen dürfen; und wenn man es sich hundertmal selbst ausgesucht hat, dann hatte man eben hundertmal, bitteschön, Unrecht.

Google würde gern Twitter kaufen, und wer Google kennt, ahnt, dass das für den Fortbestand Twitters kein gutes Zeichen wäre. Umarmen und zerstören. Sahra Wagenknecht hat derweil der „FAZ” gegenüber mitgeteilt, die „Linke” setze sich für einen starken Staat ein. Irgendwo muss man ja anfangen. Die Piratenpartei sei abgetakelt, behauptet derweil der Kiezneurotiker. Nichts mehr zu verlieren zu haben kann aber auch Vergnügen bereiten.

Übrigens: Schon „1984” gelesen? Es ist nicht nur der Überwachungsstaat, es ist auch die Sprache: Der mögliche Präsidentschaftskandidat einer großen Koalition heißt Ükoka. Das klingt wie ein lustiger Vogel. Ich mag Vögel. Dazu, vielleicht, auch: Luxemburg hat den Religionsunterricht abgeschafft. Luxemburg ist ein feines Land.

Es ist Montag und es wird Herbst.

Tom's Diner Suzanne Vega

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
tesa – G H O S T

tesa-g-h-o-s-tIn einem unbekannten Land – Riga? Wo ist das noch mal? – nahm das Trio tesa (wie das Klebeband), bestehend aus Davis und Janis Burmeisters sowie Karlis Tones, vor einiger Zeit sein drittes Album „G H O S T” auf, das im Januar 2015 und erneut im August 2016 – auch auf Vinyl – veröffentlicht wurde. So gruselig, wie es heißt, ist es aber gar nicht.

Obwohl natürlich der Anfang mit seinem dumpfen Dröhnen etwas anderes ahnen lässt, an Doom und Noise mag man etwa denken; tatsächlich haben wir es hier aber mit veritablem, geradezu großartig groovendem Postrock zu tun, der sich jedes Filigrane selbst in ruhigeren Momenten wohl zu verkneifen weiß.

Tesa – G – (2016 Ghost) Post Rock / Post Metal Instrumental

Die drei Letten agieren in einem mächtigen Kraftfeld aus Bands wie Oceansize, Neurosis und vor allem Maserati, ersparen dem Hörer aber den bloßen Abklatsch. Die fünf Titel heißen „G”, „H”, „O”, „S” sowie „T” (bestimmt hat das irgendwas zu bedeuten) und gehen erfreulicherweise teilweise derart nahtlos ineinander über, dass man sie als zusammenhängendes Stück zu betrachten gewillt ist, in dessen Zentrum das mal majestätisch brüllende, mal energisch nach vorn preschende „O” mit beinahe 12 Minuten Laufzeit steht, ohne dass dies beim Hören auffallen würde. Es passiert so viel, Stilwechsel (das kurze „S” könnte mit seiner dreckigen Spielweise sogar alten Punks gefallen) eingeschlossen.

Gesang wäre nur störend. Sicher, gelegentlich schreit, dezent im Hintergrundrauschen versteckt, eine Stimme Texte wie the greed has burnt a fire, they will never sleep again” („T”), aber wer, der nicht mitliest, würde das überhaupt bemerken? Nein, nein: Freunde der gehobenen Sangeskunst sind hier sicherlich nicht so leicht zu begeistern, Langeweile will trotzdem nicht aufkommen. Wer hat da gesagt, der Postrock hätte alles erzählt, was es zu erzählen gab?

Keine Kompromisse.

In den NachrichtenNerdkramsPiratenpartei
Liegengebliebenes vom 23. September 2016

Was ist besser – Ruby oder Python? Das kommt ganz darauf an.


Google hat einen neuen Spionagemessenger veröffentlicht. Wir sind alle recht überrascht und ein Stück weit betroffen.


Ist das vom „Postillon”? Nein, von „SPIEGEL ONLINE”: Die SPD steckt im Umfragetief, Arbeitsministerin Nahles will nun verstärkt auf soziale Gerechtigkeit setzen.


Schönes Fundstück auch: Blitz und Donner dem Kapitalismus, besuchen Sie uns auf Facebook!


Deutsch/Medien, Medien/Deutsch: Der Rücktritt eines Landesparteivorsitzenden nach einer verlorenen Wahl heißt „Erosion”.


Drei Tage vor seinem Übertritt zu den Brandenburger Grünen tönte der ehemalige Vorsitzende der Berliner Piratenpartei, er sehe das Ausscheiden aus dem Abgeordnetenhaus als Chance, jetzt außerparlamentarisch noch bessere Piratenpolitik zu machen. Meinen herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle an die Brandenburger Grünen zu ihrem moralisch integren Neuzugang. Selten habe ich einen geeigneteren Grünen gesehen.


Dazu auch und abschließend: Hadmut Danisch berichtet von Julia „Bomber Harris, Feuer frei!” Schramms Facebookbeitrag, in dem sie die Piratenpartei als gefährlich für das menschliche Miteinander ihrer Mitglieder bezeichnet. Es ist schön, dass auch Julia Schramm – inzwischen, wie auch das Gros der ehemaligen Berliner Linkspiraten, bei der „Linken” – eine humanistische Seite zu haben scheint, es ist nur etwas schade, dass sie die Transferleistung nicht erbringt.

Sonstiges
Medienkritik CII: Bleibt so, wie ihr seid (nur schöner)! (Zwei Titelseiten.)

Perfektion, schreibt die Titelredaktion der diesmonatigen Ausgabe der „Women’s Health”, werde überbewertet. „L♡VE YOUR BODY”!

Nach ein paar kleinen Modifikationen natürlich.

Women's Health: LOVE YOUR BODY

Ihr müsst nur abnehmen („Tschüss, KILOS!”), Sport treiben („NACKT SUPER AUSSEHEN”, „Das ultimative Fettkiller-Workout”), beim Schnackseln auf die Regeln achten, achtsam speisen („Snacks, die nicht dick machen”) und euch die angesagten It-Pieces umhängen und schön könnt ihr ganz natürlich euren Körper lieben. Sich zu verstellen wäre doch auch wirklich unangebracht.


Die mir bis dato weitgehend unbekannte „Neue Post” erläutert aktuell auf ihrer Titelseite, worin eigentlich der Unterschied zwischen Eheleuten und Liebespaaren besteht:

neue-post-sogar-ehe

Was der sich alles traut!

Spaß mit Spam
Das Herpesprotokoll

Ähm, ich will’s mal so sagen, Spammer:

Are You Searching For Herpes Protocol

Bei der Wahl deiner Überschriften hast du schon mal mehr Sorgfalt gezeigt. :irre:

In den NachrichtenPolitik
Projekt 18: Läuft (bei der SPD).

Die Berliner Wahlgewinner (historischer Erdrutschsieg, knapp über 20 Prozent der Stimmen) legen kräftig nach:

Der SPD-Parteikonvent hat sich mehrheitlich grundsätzlich für das Ceta-Abkommen mit Kanada ausgesprochen.

Es wäre freilich verkehrt, davon zu sprechen, dass eine wie auch immer geartete Mehrheit außerhalb der SPD „gegen CETA” wäre, denn das Problem mit CETA ist und war wie auch bei TTIP noch nie seine Existenz, sondern die Art, wie es ausgehandelt wird, nämlich weitgehend versteckt vor Volk und Regierung. Ein demokratisch abgestimmtes Handelsabkommen, in dessen Wortlaut das Volk als Korrektiv einzugreifen Recht und Gelegenheit hat, wäre vermutlich eines, gegen das Protest seiner Grundlage verlustig ginge. So aber hat der designierte Expolitiker und Supermarktleiter Sigmar Gabriel die ehemalige Arbeiterpartei SPD den magischen 18 Prozent noch ein bisschen näher gebracht. Vom Boden der deutschen Sozialdemokratie darf nie wieder Krieg ausgehen.

Ganz schön kleines Volk, das die Völkchenpartei da hat.


Prima Idee übrigens: Selbst fahrende Autos sollten von Grand Theft Auto lernen. Das ist diese Spielreihe, in der man Punkte für’s Dingekaputtfahren bekommt. :aufsmaul:

In den NachrichtenMontagsmusik
Archive – Meon

Es ist Montag und das Wetter wagt einen ersten dezenten, aber durchaus nicht missverständlichen Hinweis auf die Jahreszeit. Es ist nicht alles warm, was scheint, auch wenn sie zu wärmen scheint, Entfernung optional.

Leider nicht entfernt allerdings: Berlin hat gewählt und die rechtspopulistische SPD bleibt trotz Christopher Lauer stärkste Kraft. Offenbar mögen Berliner keine Menschen, was einiges erklären könnte. Raus sind die Berliner Piraten, die sich in den fünf Jahren ihrer Beteiligung an der Landespolitik vor allem dadurch hervorgetan haben, die Politik der Grünen zu machen. Aber warum sollte eine Partei, die als Partei des digitalen Wandels ins Abgeordnetenhaus gewählt wurde, auch mal was anderes machen als ihre Wähler zu enttäuschen?

Apropos Digitalwandler: Die Qualität der Tonausgabe vom iPhone ist schlecht. Aber wer, dem Technik wichtiger als Form ist, kauft sich schon ein iPhone? Siri, mach’ mal die Tür auf. Smart und klug sind eben keine Synonyme. Dazu passt: Smartphonenutzer lesen weniger. Macht ja auch keinen Spaß auf den Winzbildschirmen. – Vielleicht ist die schleichende Vermenschlichung des einst Guten auch vom Schicksal vorbestimmt, vielleicht steht sie in den Sternen. Blöd nur, wer sein Horoskop zu kennen glaubt: Sein Sternzeichen stimmt wahrscheinlich nicht. Hokus pokus.

Magie, sowieso.

Archive – Meon – LIVE

Guten Morgen.

PersönlichesPolitik
Warum ich die PARTEI nicht wähle

Seit ihrem Bestehen hat die Partei „Die PARTEI”, die es mittlerweile bis ins Europäische Parlament geschafft hat, eine treue und noch wachsende Anhängerschar sogar unter vermeintlich Linken, die mich seit ebenso langer Zeit von der Großartigkeit dieser Partei zu überzeugen versucht. Warum ich sie wählen sollte? Nun, sie sei – ich zitiere – „sehr (!) gut”, das eingeklammerte Ausrufezeichen gehört offensichtlich zum Schlachtruf.

Ich nehme mir jetzt die Zeit, einmal darzulegen, warum das eine unfassbar dämliche Idee von mir wäre, und möchte danach nie wieder etwas davon hören.

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Mir wird geschlechtMusik
Kurz verlinkt: Identifikationspenisse

Lesenswert, übrigens: Offenbar gibt es eine lauter werdende Minderheit, die auch in der Musik das Vorhandensein der richtigen Geschlechtsmerkmale über das Talent stellen möchte.

Als würde das Geschlecht darüber entscheiden, ob jemand ein guter, spannender oder langweiliger Künstler ist. (…) Als würden Konzertbesucher – männlich oder weiblich – das Konzerterlebnis danach bewerten, ob die gespielten Komponisten oder gar die Person am Pult Geschlechtsgenossen sind oder nicht.

Ich für meinen Teil wäre nicht völlig unzufrieden damit, spielten Radios mal was anderes als 90er-Pop mit Ohren betäubendem Frauengesang; aber ich bin natürlich auch ein bisschen eigen, was Musik betrifft.

In den NachrichtenPolitik
Medienkritik in Kürze: Bautzens anderes Level

Zu irgendwelchen Ausschreitungen in Bautzen (Sachsen, natürlich) berichtet „ZEIT ONLINE”:

Nach Angaben der Polizei standen am Mittwochabend auf einem Platz rund 80 gewaltbereite Männer und Frauen überwiegend aus dem rechten Spektrum 20 jungen Asylbewerbern gegenüber. (…) Nach Einbruch der Dunkelheit seien die Asylbewerber von der Polizei aufgefordert worden, den Platz zu verlassen. Sie hätten sich aber geweigert, einige seien dann gewaltsam gegen die Beamten vorgegangen. Die Rechten sollen daraufhin (…) auf die Asylbewerber zugestürzt sein. (…) Aus der Reihe der Asylsuchenden wurden die Beamten den Angaben zufolge unter anderem mit Flaschen und Holzlatten beworfen. (…) Zwar gebe es seit etwa zwei Wochen auf dem Kornmarkt ein Problem mit jugendlichen Flüchtlingen. Auch sei es gelegentlich zu Pöbeleien und Beleidigungen gekommen. „Nun aber geht es um anderes Level”, sagte [Oberbürgermeister] Ahrens.

(Hervorhebungen von mir.)

Der „Tagesspiegel” erklärt, worin dieses „andere Level” wohl besteht (Hervorhebung ebenfalls von mir):

Der rechte Mob jagte die jungen Flüchtlinge unter „Wir sind das Volk”-Rufen bis zu ihrer Unterkunft in der Dresdner Straße.

Damit auch ja niemand annehme, da sei beidseitig irgendwas unnötig eskaliert, wird hier durch die Wortwahl noch mal sichergestellt, dass das Weltbild nicht schief hängen möge.

Deutschland hat, wie es scheint, vor allem ein Journalismusproblem.

ComputerIn den Nachrichten
Inhaltskonsumentenpflicht: Eigentor gegen Links

Apropos „das Internet nicht verstanden”.

Das Rückgrat des Internets sind bekanntlich Verlinkungen. ob im Web oder sonstwo. Inhalte, die niemand verlinkt, sind weitgehend unauffindbar, denn was niemand kennt, kann niemand – allenfalls aus Versehen – besuchen. Um so amüsanter sind die Pläne für ein EU-weites „Leistungsschutzrecht” zu lesen:

Draft Article 11 introduces in fact a right for publishers of news publications to authorise the online use [reproduction and marking available] of their news publications.

This new sui generis right is due to last for 20 years from the date of publication or the relevant news publication.

Mit anderen Worten: Verlage – als hätte sie jemand gezwungen, irgendwas ins Netz zu stellen – können sich womöglich künftig 20 Jahre lang aussuchen, wer eine ihrer Publikationen (natürlich nicht unbedingt, ohne dafür noch Geld zahlen zu müssen) bewerben darf und wer nicht. Erst senden die Öffentlichen ungefragt ins Netz und wir müssen Rundfunkgebühren zahlen, jetzt Verlage und wir sollen für Links zahlen. Wenn es den Verlagen im Internet nicht gefällt: wir sind eigentlich auch ohne sie ziemlich zufrieden hier. Wir sind hier zu Hause, wir kaufen hier nicht ein. Jaja, mit „freien Links” könne ein „Journalist” seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten, rabuliert Gabor Steingart vom „Handelsblatt”, aber das erwartet doch auch niemand. Wenn ich mit meiner Arbeit Geld verdienen möchte, dann stelle ich sie nicht kostenlos zur Verfügung.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die Logik hinter der Entscheidung der Adblock-Plus-Macher, künftig selbst „akzeptable Werbung” (leider aber nicht: gar keine) zu vermarkten. Reklame im Web – zum Glück können die Wirtschaftsfuzzis Web und Internet nicht voneinander unterscheiden, was uns wenigstens in Usenet und IRC unsere Ruhe lässt – wird offenbar als für beide Seiten, Verlag und Leser, notwendiges Übel angesehen, denn die Pflege einer Website kostet ja auch Geld und das hätte man natürlich gern zurück. Nur: Wenn ich mich mit der Gitarre in eine Fußgängerzone stellte und Lieder sänge, hätte ich auch keinen Anspruch auf irgendwas. Möchte ein Benutzer keine Werbung sehen, dann blendet er sie aus. Das ist ein durchaus kalkulierbares Risiko. Auf einigen meiner eigenen Projektseiten setze ich selbst Werbebanner ein, rechne allerdings fest damit, dass sie kaum jemand jemals zu sehen bekommt. Und das ist mir egal, denn ich habe darüber vorher nachgedacht. Ich wäre ein schlechter Verlag.

Wer irgendwelche Inhalte publiziert, der sollte sich das leisten können. Es ist nicht meine Aufgabe als Konsument, sicherzustellen, dass der Anbieter mit seinem undurchdachten Geschäftsmodell genug Einnahmen generiert. Niemand ist gezwungen, irgendwas kostenlos anzubieten, um dann unter Schmarotzern (also: für kostenlose Inhalte nicht zahlenden Kunden) zu leiden. Wenn ein Verlag es als große finanzielle Bürde begreift, dass seine kostenlos angebotenen Inhalte kaum Einnahmen generieren, dann hat er im Wesentlichen drei Möglichkeiten: Er kann zur Konsumentengängelung greifen und mit allerlei technischen Vorkehrungen dazu aufrufen, die essenzielle Sicherheitssoftware (Werbe- und Scriptblockierer) abzuschalten, damit der arglose Besucher sich beim Lesen wertvoller journalistischer Artikel („Justin Bieber hat seinen Instagram-Account gelöscht (…). Was bedeutet das für die Zukunft des Pop?”, FAZ.net) womöglich Schädlinge einfängt; er kann seine Inhalte, wie es etwa die „WELT” versucht, hinter einer Bezahlschranke verstecken, was zwar in der Regel auch Javascript voraussetzt, aber wenigstens für eine angemessene Bezahlung sorgen dürfte; er kann auch einfach aufhören, irgendwas ins Netz zu stellen, wenn er doch überhaupt kein Interesse daran hat, dass es dort Verbreitung findet. Bedauerlicherweise entscheiden sich die meisten Publizisten für die erste der drei Möglichkeiten.

Wenn euch, Verlage, diese widerliche Kostenloskultur missfällt, dann gibt es eine offensichtliche Lösung: Bleibt ihr doch einfach fern.

Und nehmt eure Reklame mit.

In den NachrichtenMusik
Musikindustrie beklagt erfolgreiche Werbung durch sich selbst und ist empört.

Wie man eine Studie gründlich missversteht, erklärt heute mal wieder die Musikindustrie (nur echt mit typischen heise-Sätzen wie „In Schwellenländern wie Mexiko oder Brasilien sowie in Südkorea und Italien lauschen über zwei Drittel der Onliner zu Songs auf dem Handy”, was auch immer der letzte Teil des Satzes grammatikalisch überhaupt heißen soll):

82 Prozent der Besucher des Videoportals (YouTube, A.d.V) nutzen die Plattform, um sich Musik-Clips anzuschauen und Songs zu hören. (…) 58 Prozent [von ihnen] stoßen dort auf musikalische Neuentdeckungen. (…) Für die Labels wird damit deutlich, dass die Gratis-Services zunehmend als Alternative genutzt werden, um nicht für Musik bezahlen zu müssen.

Oder eben auch, dass die kostenlose Werbung ganz gut funktioniert, nicht?

Ich selbst habe auf YouTube schon manchen Künstler „entdeckt”, der sonst meiner Aufmerksamkeit völlig entgangen wäre, was schade gewesen wäre. Allerdings ist das Phänomen, dass es – Panik! Panik! – Musik kostenlos im Internet zu hören gibt, kein neues: Als ich noch jünger war, hörte ich in neue Musikalben lieber via Napster (später: Audiogalaxy, KaZaA, bis heute: eMule) hinein als mich hinterher über einen Fehlkauf zu ärgern. Taschengeld und Musikverschwendung passen nicht so gut zueinander. Seitdem hat sich viel geändert: Ich kann mir heute mehr Musik leisten als früher, „muss” es aber seltener.

Was der Pionier Myspace einst etablierte, nämlich Platz für Musiker, die ihre Werke kostenlos der Öffentlichkeit zum Anhören zur Verfügung stellen wollten, ist heute vor allem dank Bandcamp so beliebt und vielgenutzt wie nie zuvor. Diese Loslösung von klassischen Vertriebswegen – mithin auch: von YouTube, denn die dortige Tonqualität hält sich doch meist in engen Grenzen, was die Aufregung über YouTube noch anachronistischer scheinen lässt als sie es ohnehin ist – bedeutet auch einen Wechsel der Paradigmen und mehr Freiheiten (sowie geringfügig mehr Pflichten) für die Musiker selbst. Manche lassen ihre Alben im Voraus von ihren fans bezahlen („Crowdfunding”), manche stemmen diese Bürde selbst, verlassen sich aber dafür hinsichtlich der Werbung auf die crowd, die über Musikblogs wie Schallgrenzen, Nicorola und 33rpmPVC ihren Teil dazu beiträgt, dass geile Musik auch geile Aufmerksamkeit erfährt. Die wesentliche Rolle einer Plattenfirma, Finanzierung und Vermarktung nämlich, füllt heute ein Musiker, der technisch versierte Freunde oder selbst ausreichend viel Interesse am Thema hat, dank der verdammten Digitalisierung bei Bedarf gänzlich allein aus.

Das Internet, diese Tod und Unglück bringende Hydra, ist insofern natürlich ein Feind der Plattenfirmen; den sie indes nicht schlagen können, so sehr sie es auch versuchen. Das haben sie zum Teil bereits erkannt, immerhin unterhält unter anderem Vevo (eine Partnerschaft zwischen, Sony Music „Entertainment” und der Universal Music Group) außerhalb der Einflusssphäre der GEMA jeweils einen gut gefüllten YouTube-Kanal für eine ganze Menge an reichen, schönen, berühmten und teilweise nicht völlig üblen Musikern aus dem eigenen Portfolio und Lizenzverträge mit den einschlägigen Streamingdiensten, die sich insbesondere dadurch auszeichnen, dass die Musiker noch weniger Geld dafür bekommen als es ohnehin bereits der Fall ist, tun ihr Übriges. Die Musikindustrie fand nun also überrascht heraus, dass dadurch, dass sie kostenlos Musik zur Verfügung stellt, viele Menschen diese kostenlose Musik auch hören, ohne etwas dafür zu bezahlen. Wenn das doch nur jemand geahnt hätte!

Entfiele YouTube, entfiele also nichts als ein weiterer Vertriebsweg. Für das Gros der fiesen Verbrecher vor dem Bildschirm, die diesen Vertriebsweg als potenzielle Kunden gern weiterhin beschreiten würden, würde sich allenfalls ein digitales Lesezeichen ändern, für die Lizenzinhaber aber wird sich die fehlende Möglichkeit der Gratispropaganda über YouTube mit ziemlicher Sicherheit sehr unangenehm auf die Bilanzen auswirken.

Im Originalartikel heißt es weiterhin:

Nutzerrechte müssten aber so gestaltet sein, dass sie nicht Geschäftsmodellen Vorschub leisteten, „die letztlich nur schmarotzen und die Kreativen und ihre Partner nicht an den Einnahmen partizipieren lassen”.

Zum Beispiel dem der Musikindustrie, die ihren Künstlern, wenn es ganz blöd kommt, ungefähr 4,5 Prozent von den Einnahmen eines Albums abgibt. Für Musik bezahlen, geht es nach ihrem Willen, also vor allem diejenigen, die sie überhaupt erst aufnehmen.

Der Tod der Musikindustrie wird ein rettender sein. Stoßen wir darauf an!

(via Schwerdtfegr)


Meine diesjährige Kandidatur blieb erwartungsgemäß hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht hätte ein anderes Wahlkampfmotto geholfen: Wählen Sie mich bloß nicht!

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Paolo Conte – Via con me // Total versifft!

kaffeeEs ist Montag, das ist selten ein gutes Zeichen. This is penis. In Niedersachsen wurde gewählt, die CDU hat gewonnen. Bringt ja eh’ nix. Die da oben. Was sie wollen. Immer.

In den letzten Wochen kochte zum wiederholten Male ein Thema hoch, das ich für zum wiederholten Male begraben hielt: Auf Twitter gibt es Trolle. Doch, wirklich! Wie gewohnt werden pseudonyme Prangerseiten erstellt, auf denen sich irgendwelche Würstchen darüber aufregen, dass Selbstdarsteller und gewaltbegeisterte Feministinnen, die sich auf Twitter, auf YouTube und/oder in ihren Blogs fortwährend im Glanz ihrer eigenen Großartigkeit zu sonnen versuchen, für ihre oft dümmlichen Aussagen auch mal ausgelacht und nicht nur ausgiebig verehrt werden. Da habe sich, erzählt die Gegenseite, eine homogene Gruppe von Leuten zusammengeschlossen, um sich auf Einzelne einzuschießen, ohne dass diese ihnen etwas getan haben; leider kam ich bei meinen eigenen Recherchen nicht besonders weit, denn viele der beteiligten Accounts haben mich blockiert, ohne dass ich ihnen etwas getan habe, denn bei den Guten gibt es eigene Prangerlisten, erstellt von sehr merkwürdigen Feministinnen wie Randi Harper und Jasna Strick, auf denen ich mitunter selbst draufstehe, weil ich mit den falschen Leuten nicht jede Kommunikation unterlasse oder so ähnlich. Und diese Guten, die unkritisch fremde Hasslisten abonnieren, beschweren sich dann, dass ihnen nicht jeder für ihr selbstgerechtes Geschwalle den Arsch pudert, unterstützt von den Medien, die sich ja immer wieder freuen, auf der Seite der Gerechtigkeit mal mit ihrem Holzschwert fuchteln zu dürfen; um dann, wenn sie entlarvt wurden, natürlich von nichts mehr zu wissen zu meinen. Ist ja alles bloß Internet.

Wenn dieses Internet und Linux aufeinander treffen, fallen Späne: Eine Linux-Malware greift aktuell IoT-Geräte wie IP-Kameras mit veralteter Firmware an. Ist ja Linux, ist ja sicher.

Chips, Chips; sie und ein Seufzen.

Paolo Conte – Via con me

Guten Morgen.

In den NachrichtenPiratenpartei
Marina Weisbands Links-Rechts-Schema in den Grenzen von 1990

Wie wenig der Piratenpartei übrigens der mittlerweile ziemlich vollständig der „Linken” angehörende „progressive Flügel” fehlt, macht Marina „wer?” Weisband, ehemals „die schöne Piratin” (Quatschmedien) beziehungsweise vor einigen Jahren durch Informationen wie „Unser Ziel ist es, uns selbst überflüssig zu machen” aufgefallene politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland, in ausgerechnet dem „SPIEGEL” deutlich:

Laut Weisband ist der progressive Flügel aus der Partei vertrieben worden, nun seien dort nur noch viele konservative Menschen, „die das Internet in den Grenzen von 1990 wollen”.

Denn genau das, „das Internet” in „Grenzen”, ist es nicht, was diejenigen Mitglieder der Piratenpartei, die sich nicht gerade durch halbnackte Selbstdarstellung in Boulevardmedien hervortun, eigentlich politisch wollen; stattdessen eines ohne jegliche Grenzen, nur eben auch ohne ideologisch motivierte Kompromisse und ohne den Kampf gegen Rechts mit allen Mitteln als politische Maxime, aber warum sollte der „SPIEGEL” auch jemanden fragen, der immer noch dabei ist? Das wäre ja Journalismus und dafür werden die ja eher nicht bezahlt. Beim Grundgesetz sind wir konservativ.

Obwohl ich das Internet in den Grenzen von 1990 (keine Durchkommerzialisierung, keine penetranten Werbeflächen, keine gewaltigen Sicherheitsprobleme, keine Essensfotoportale und vor allem kein „SPIEGEL ONLINE”) durchaus befürworten würde.