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Musik 12/2012 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 10 von 22 der Serie Jahresrückblick

Noch bis zum 31. Dezember 2012 läuft auf Plattentests.de der „Jahrespoll“, und ich kenne nur einen sehr, sehr kleinen Teil der dort aufgeführten „Künstler“. Ich hatte 2012 nun mal bessere Musikalben zu hören als den immergleichen Indiepop-Mist.

Und da schon wieder Jahresende ist, freue ich mich darauf, euch mit gewohnt herausragender Grammatik den zweiten Teil (den ersten Teil gibt es hier) der Liste der mir am gefallendsten Alben 2012 zu präsentieren. Keine Sorge, selbstverständlich trägt jedes aufgeführte Album das übliche Gütesiegel: Ohne Phil Collins.

Big Big Train haben mit „English Electric Part I“ schon mal den ersten Teil eines Doppelalbums, das 2013 regulär erscheinen soll, veröffentlicht. Ich werde mich dann 2013 daran setzen, das Gesamtkunstwerk zu hören und wahlweise wegzuwerfen oder an dieser Stelle zu würdigen. Einmal muss reichen. Aufmerksame Leser wissen auch, dass ich es mir nicht nehmen lasse, auch zwischen den Rückschauen gelegentlich herausragende Musikalben zu empfehlen. Ich bitte daher auch die neuen Scheiben von Guilty Ghosts, Pixel, Last Remaining Pinnacle, Belleruche und Toc.Sin nicht aus den Augen zu verlieren.

Diesmal enthält die Rückschau eine Neuerung, nämlich eine Liste der Alben, die zu gut sind, um sie zu ignorieren, aber für die auf der Bestenliste dann doch kein Platz mehr war. Wie immer liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein relevantes Album übersehen habe, dennoch bei ungefähr 100 Prozent. Ergänzungen sind erwünscht, über mir bislang unbekannte Musiker erfahre ich gern etwas, es kann ja sein, dass ihre Aufnahmen selbst mir gefallen.

Leider konnte ich nicht zu allen aufgeführten Musikalben frei verfügbare Hörproben finden, ich werde daher auch diesmal gelegentlich auf Grooveshark zurückgreifen, das in Deutschland nur über Proxyserver erreichbar ist; Erklärungen hierzu kann ich bei Bedarf nachreichen. Ich bitte dies zu entschuldigen.

Nun ist’s aber genug des Geplänkels. Los geht es wie gewohnt mit der Hauptliste:

1. Kauft dies!

  1. Magma – Félicité Thösz

    Magma sind wieder da – oder immer noch? Tatsächlich ist „Félicité Thösz“ in gewisser Weise ein Neuanfang: Mit den beiden nach langer Pause veröffentlichten Vorgängeralben „K.A“ und „Ëmëhntëhtt-Ré“ wurde die „Köhntarkösz“-Trilogie, deren Anfänge bereits in den 1970er Jahren auf Konzerten zu hören waren, abgeschlossen, „Félicité Thösz“ ist nun also das erste neue Magma-Album seit „Merci“ (1984).

    Wie seinerzeit „Merci“ ist auch „Félicité Thösz“ für Magma eher untypisch: Der düstere, ausufernde, hypnotische Zeuhl klingt fast vollkommen anders. Statt der bombastischen Kompositionen sind kurze, beschwingte Lieder zu hören, wenngleich alle bis auf eines im 28-minütigen Titelstück zusammengefasst wurden. Auch andere Gemeinsamkeiten mit „Merci“ fallen auf: Mit „Les hommes sont venus“ ist auch mal wieder ein Stück mit einem französischen Titel enthalten – in der kobaïanischen Welt von Magma eine Seltenheit, die erwähnt werden sollte. Die Gesamtlaufzeit von „Félicité Thösz“ beträgt 32:24 Minuten. Gilt das schon als komplettes Album, oder ist das noch ein/e EP?

    Vergleicht man „Félicité Thösz“ mit den vorherigen Alben, sieht es mit einer Bewertung also eher schlecht aus, denn das Markenzeichen von Magma, eben der Zeuhl, schwächelt hier ein wenig. Die Bewertung des Albums sollte also nicht im Kontext des Hauptwerkes von Magma erfolgen, sondern eigenständig. Und als ein eigenständiges Werk ist „Félicité Thösz“ gleich viel besser:

    Wie schon auf „Merci“ herrscht eine fröhliche, beinahe ausgelassene Stimmung; Les hommes sont venus wird von zwei Sängerinnen zu rhythmischer Vibraphonbegleitung intoniert, einzig das repetitive Muster kommt dem Magma-Freund bekannt vor.

    Alles andere als ein „typisches“ Magma-Album liegt hier also vor. Das ist eine merkwürdige und ungewohnte, aber willkommene Abwechslung. Dass es so kurz ist, hat einen einfachen Grund: Zum Titelstück gehört eigentlich noch ein zweites, das aber laut Schlagzeuger, Gründer und mastermind Christian Vander nicht dazu passte. Es ist also absehbar, dass Magma noch lange nicht in den Ruhestand gehen. Gut so.

    Hörproben:
    „Félicité Thösz“ gibt es via Grooveshark als vollständigen Stream.

  2. DeWolff – DeWolff IV

    Die südniederländische (die Himmelsrichtung muss dem Trio sehr wichtig sein, denn sie betonen sie auf ihrer Internetseite an mehreren Stellen) Formation DeWolff wurde im Jahr 2007 von den beiden Brüdern Pablo (Gesang, Gitarre) und Luka van de Poel (Schlagzeug) sowie Robin Piso (Orgel, Hintergrundgesang) gegründet. Auf ihrem im Juni erschienenen dritten (!) Vollzeitalbum „DeWolff IV“ – das unbetitelte Debüt schaffte es nur als EP mit sechs Stücken in den Handel – treiben DeWolff weiterhin ihr Spiel mit den Genres. Bluesrock (Six Holes & A Ghost) trifft auf Psychedelic Rock, Hardrock und gelegentliche Stoner-Rock-Anklänge (Devil’s Due).

    Ihre Plattenfirma vergleicht DeWolff vollmundig mit Pink Floyd, Cream und Deep Purple und liegt damit nicht so sehr daneben, wie man das eigentlich meinen sollte, immerhin sind Pink Floyd und Cream einander ungefähr so ähnlich wie Apple und das Rote Kreuz. Die Musiker selbst bezeichnen ihren Stil als „psychedelischen, elektrifizierten, fuzzgetränkten, ekstatischen, hart groovenden Space-Rock-n’-Roll“. Immerhin ist das aussagekräftiger als „Wir sind eine Rockband“.

    Genrequark hin oder her: Gefällig ist das Zusammenspiel der drei Herren zweifelsohne. Selbst der Sänger, der gelegentlich ein wenig nach Robert Plant, manchmal auch nach den Beatles (die sich ja damals alle vier recht ähnlich anhörten) klingt, gelegentlich aber auch ganz anders, schafft es, mich derart zu überzeugen, dass ich ihn hier separat erwähne, was bekanntermaßen nicht oft vorkommt. Und obwohl man sich beinahe ausnahmslos in den musikalischen 1970-er Jahren bedient, hat man beim Konsum der 11 Stücke keine Sekunde lang das Gefühl, das alles schon mal gehört zu haben.

    Natürlich ist ín den zitierten Genres auch mitunter ein Ausfall zu verzeichnen. Das ruhige „Devil On A Wire / The Telephone“ etwa ist trotz der angeschrägten Streicher(?)begleitung so unauffällig, dass es das Hörvergnügen in kaum merklichem Maße beeinträchtigt; gesagt werden soll’s dann aber doch. Wobei es eigentlich allgemein Blödsinn ist, „DeWolff IV“ nach den einzelnen Stücken zu bewerten, da die Übergänge quasi fließend sind und der Hörer somit die Titel- eher als Kapitelliste lesen sollte. (Das reimt sich.) Das letzte dieser Kapitel, Vicious Times, steigert sich zum Ende hin zu einer dissonanten Klimax und klingt dann, leise brummend, aus. Und obwohl dieses Buch schwächere Kapitel hat, ist es in der Summe ein sehr empfehlenswertes Werk, das man zumindest mal gelesen haben sollte.

    Hörproben:
    Zurzeit (11. Dezember) steht auf der Website der Band das komplette Album zum Anhören zur Verfügung.

  3. Sebkha-Chott – The Ne[XXX]t Epilog v1.0

    Auf Sebkha-Chott (die etwaige Bedeutung des Namens ist mir, Verzeihung!, nicht bekannt) wurde ich im, wenn ich mich recht entsinne, vorletzten Jahr eher zufällig aufmerksam. Sie wurden gelegentlich im Zusammenhang mit der mittlerweile aufgelösten Avantgarde-Metal-Kabarett-Gruppe Sleepytime Gorilla Museum erwähnt. Beim ersten Anhören war mir das Dargebotene allerdings deutlich zu schräg, und wer mich oder auch nur eine meiner vergangenen Bestenlisten kennt, der weiß, dass das schon wirklich schräg sein muss.

    Allerdings habe ich seitdem viel Musik gehört, die mein Schrägheitsempfinden ein wenig gedehnt hat. Dem neuen Album von Sebkha-Chott – „The Ne[XXX]t Epilog v1.0“ – gewährte ich also eine zweite Chance, und das war im Nachhinein nicht die schlechteste von mir jemals getroffene Entscheidung.

    Warum v1.0? Nun, es handelt sich um ein „wachsendes“ Album, das bereits die Fortentwicklung des Albums „Nigla(h) – Tapisseries Fines en XXX Scripts et LXX/X Trompettes“ von 2008 ist und zum Großteil aus überarbeiteten Versionen der gleichen Stücke besteht. Mit v0.9, das nur Phial Shapes und den kurzen Free Software Song enthält, wurde am 1. Oktober 2012 die erste Fassung veröffentlicht. Während v1.0 – nun in voller Länge – auf einem physischen Tonträger daherkommt, wird das Album quasi kontinuierlich weiterentwickelt. Am 1. Dezember dieses Jahres wurde „Version 1.1“ auf der Website der Band (die leider ziemlich unübersichtlich ist) veröffentlicht, allerdings (so weit mir bekannt ist) lediglich als Stream. Damit entgeht dem Musikfreund ziemlich gutes artwork in Form eines schlichten Pappkartons mit reichlich komplexem Spinnennetz-Muster, das die Titel der Stücke und einige weitere Informationen beinhaltet. Die Stücke tragen Namen wie Nigla(h) und sind unterteilt in bis zu neun „Kapitel“, die schon mal Titel wie Nigla(h) I: Variations hemorragiques sur l’Agnus Dei tragen. Komplex? Ja. Somit jedoch mehr als nur passend zur Musik.

    Laut der Plattenfirma Musea haben Sebkha-Chott ihren Stil „Mekanik Metal Disco“ genannt. Das Wort „Mekanik“ sollte nun ebenso wie Vergleiche mit Magma niemanden in den Glauben versetzen, es handele sich um Zeuhl. Mitnichten! Sebkha-Chott sind bereits zusammen mit Extra Life und uneXpect auf Tour gewesen. Das trifft es wahrscheinlich besser.

    Dass die mehr oder weniger renommierte Website Progarchives.com für „The Ne[XXX]t Epilog v1.0“ momentan 1 von 5 Punkten („nur für Sammler“) vergibt, ist wahrscheinlich ein Qualitätskriterium – der Punktegeber war womöglich gleichsam überfordert wie ich.

    Aber was ist das hier überhaupt? Vermutlich wäre es mit „Avantgarde-Kabarett-Metal-Rock“ gut umschrieben. Es wechseln sich auf Französisch gesprochene und gekreischte Passagen, instrumentale und nur mit Geräuschen unterlegte ebensolche, Blasmusik und Death-irgendwas in rascher Folge ab. Hier wird etwas erzählt, dort bricht bereits das Gewitter los, nur um gleich wieder zu verstummen. Geht das als „Musik“ durch? Zumindest sind’s Klänge. Den Avantgardefreund freut es. Zu Nigla(h) I gibt es sogar ein gleichfalls ziemlich unnormales Video. Das ist harte Kost, aber man sollte sie mal probiert haben.

    Hörproben:
    Per Bandcamp.com sind sämtliche Musikalben der Band – inklusive The Ne[XXX]t Epilog v1.0 und v1.1 – anhörbar und käuflich.

  4. echolyn
    „She’d love to fly but the sky won’t hold her.“ (Past Gravity)

    Die Symphonic-Progressive-Rock-Band echolyn aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die normalerweise ja nicht gerade als die Wiege des Progressive Rock bekannt sind, hat sich im Jahr 2012 auf beeindruckende Weise nach sieben Jahren Pause wieder einmal zurückgemeldet.

    Das neue Album trägt keinen Titel, auf dem Coverbild ist jedoch ein Fenster zu sehen. Es liegt daher nahe, es wie viele dieser Rezensions-Websites „The Window Album“ oder schlicht – wie bereits das Debüt von 1991 – „echolyn“ zu nennen, wenn man denn unbedingt einen Namen braucht. Namen jedoch, Freunde, sind Schall und Rauch. Lassen wir stattdessen die Musik für sich sprechen!

    Und die ist beeindruckend: Das Doppelalbum – bestehend aus zweimal vier Stücken, die insgesamt auch auf eine einzige CD gepasst hätten, aber man hat sich sicherlich etwas dabei gedacht – beginnt mit Island, mit 16:37 Minuten das längste der Stücke, und somit mit (recht gutem) Rock.

    Alte Stärken – vertrackte Melodieläufe mit interessantem Gitarrenspiel (The Cardinal and I) – treffen auf ungewohnte Neuerungen wie das fast elfminütige (Speaking In) Lampblack, das in seiner Melancholie und Besinnlichkeit an Sigur Rós‘ schrecklich überbewertete Großtat „( )“ erinnert. Dabei ist gerade (Speaking In) Lampblack auch aus musikhistorischer Sicht interessant, immerhin erweist die Band mit ihm einer der ältesten bekannten hörbaren Aufzeichnungen von menschlicher Stimme ihre Reverenz. „The Cardinal and I“ als letztes Stück auf dem Album endet unerwartet mit einer reichlich schrägen Barbershop-Remineszenz.

    Interessant sind auch die Texte:

    Es lohnt sich mal einen Blick auf die Texte zu werfen oder einfach genau hinzuhören. Da gibt es mal ein Sprachsample, welches gerüchteweise ein zufällig entstandener Mitschnitt eines Streits in der Nachbarschaft von Ray Weston ist. Hier wird völlig unvoyeuristisch ein alltägliches Drama als Grundlage eines nachdenklichen Songs eingebaut, faszinierend.

    Natürlich kann man kein zweites Monumentalwerk wie „mei“ erwarten, das in der Diskografie von echolyn unerreicht bleiben dürfte. In puncto musikalischer Vielseitigkeit, Reife und nicht zuletzt Tiefe aber ist das 2012er Werk der US-Amerikaner ein großer Schritt nach vorn. Es wird schwer, das zu überbieten – aber auch eine hohe Messlatte sollte stets ein Ansporn und keine Hürde sein. Auf den nächsten Sprung bin ich gespannt; hoffentlich nicht erst in sieben Jahren.

    Hörproben:
    Amazon.de bietet die üblichen Hörschnipsel an.

  5. Beak> – >>

    Beak>. Schnabel>. Ja, zweifelsohne. Der Zweitling „>>“ lässt sich entsprechend interpretieren: Zwei Schnäbel, das zweite Album von „Schnabel>“ oder einfach nur schnelles Vorspulen?

    Interessant ist, was die Mannen um Portishead-Mitglied Geoff Barrow hier vorlegen, völlig unabhängig vom Titel, denn der etwas einschläfernde Trip-Hop seiner anderen Hauptband ist hier einer primaen Melange aus Krautrock, Ambient und Pop gewichen. Jochen Rindfrey von den Babyblauen Seiten erkennt Neu! und Harmonia als Inspirationsquellen. In Stücken wie Wulfstan II klingt das Trio gelegentlich auch nach ebenfalls ziemlich guten Musikanten wie WIVE (man höre etwa deren Teethy zum Vergleich).

    Erfreulicherweise wird auch (etwa in „Yatton“) gesungen, und das nicht mal übel. Carolin van Mark schreibt im Magazin „Intro“, Ausgabe 204, über den Gesang:

    Drum-Parts ziehen sich wie eine Art Tempomat durch die Songs, die gelegentlich auftauchende Stimme formuliert ebenfalls eine Spannung aus, die selten aufgelöst wird. Wie wenn man niesen muss – aber nur beinah.

    Kurz gesagt: Hier brodelt es ständig bis kurz vor dem Ausbruch, aber der kommt nicht. Das ist gut und hält die Spannung aufrecht. Wer im Juni 2011 meiner Empfehlung von Kreidlers „Tank“ folgte und dies nicht bereute, der möge hier ebenfalls zugreifen.

    Muss ja nicht blind sein.

    Hörproben:
    Hörproben (soll heißen: das komplette verdammte Album) gibt’s für lau auf Bandcamp oder, wie üblich, auszugsweise auf Amazon.de zum Streamen.

  6. The Melvins – Freak Puke

    Mit einem Brummen und merkwürdigem Rasseln, Tuten und Quietschen beginnt das Album „Freak Puke“ der US-amerikanischen Musikgruppe The Melvins (gelegentlich auch: Melvins). Diese Geräusche gehen nach einer Weile über in so etwas wie eine Rockfassung von Pink Floyds Money mit Registrierkassenklingeln und anderen Geräuschen, die Frontmann Buzz Osborne nach einer weiteren Weile mit einer elektrischen Gitarre begleitet und dazu sphärischen Gesang wie einstmals das Duo Roger Waters und David Gilmour vorträgt. Das Stück Mr. Rip Off trägt seinen Namen vielleicht nicht zu Unrecht.

    Ansonsten sind zu hören: Schräge Streicher- und sonstige Klangexperimente („Inner Ear Rupture“) und allerlei Post-Punk- und Grunge-Anleihen (Baby, Won’t You Weird Me Out), die Stimmung ist ausgelassen bis mitunter morbid (Worm Farm Waltz). „Leon vs. The Revolution“ erklärt, wieso die Melvins in der englischsprachigen Wikipedia als Sludge-Metal-Band bezeichnet werden.

    Woher diese Experimentierfreude? Nun, auf „Freak Puke“ spielt unter anderem Bassist Trevor Dunn, der ansonsten mit Mike Patton (Mr. Bungle), John Zorn und ähnlichen Experimentalmusikern zusammenarbeitete und zusammenarbeitet. An seiner Stelle mussten die regulären Bandmitglieder Jared Warren (Bass) und Coady Willis (zweites Schlagzeug) zu Hause bleiben. Es ist davon auszugehen, dass allein diese Personalie schon großen Einfluss darauf hatte, wie „Freak Puke“ klingt.

    Dabei sind die Melvins trotz der (hier) klassischen Punkband-Besetzung (Schlagzeug, Bass, Gitarre/Gesang) noch nie eindeutig einem Genre zuzuordnen gewesen. Seit ihrer Gründung 1983 haben sie 21 Studioalben in verschiedenen Besetzungen veröffentlicht, außer Buzz Osborne ist von der Originalbesetzung niemand mehr geblieben. Auffällig ist allenfalls, dass es in den letzten 29 Jahren überwiegend eine solche Triobesetzung gab.

    Obwohl sie stilistisch eine eigene Nische besetzen, ist der Einfluss der Melvins auf andere Musikgruppen unverkennbar; unter anderem bezeichnete Kurt Cobain (Nirvana) sie gelegentlich als seine Lieblingsband. (Dass auf „Freak Puke“ mit Let Me Roll It auch ein Stück von Paul McCartney und den Wings gecovert wird, ist schon deshalb ein recht witziger Einfall.)

    Gefallen könnte „Freak Puke“ allen, die Post-Punk (und eine zahme Version von Mr. Bungle) mögen. Wer davon noch nie etwas gehört hat, dem empfehle ich, zunächst einmal hineinzuhören.

    Hörproben:
    Mit Auszügen kann Amazon.de aufwarten, via Grooveshark gibt es „Freak Puke“ in voller Länge zu hören.

  7. The Hirsch Effekt – holon : anamnesis
    „Wer sich jetzt noch umdreht, ist selber schuld.“ (Anamnesis)

    The Hirsch Effekt, die ich bereits 2010 einen musikalischen Wahnsinn nannte, nahmen Anfang dieses Jahres ihren Zweitling „holon : anamnesis“ (zu Deutsch ungefähr „Seiendes: Erinnerung“) als Nachfolger von „holon : hiberno“ (zu Deutsch sicherlich auch irgendetwas) auf, der Ende August schließlich offiziell erschien. Die VISIONS (Nr. 234) mag dieses Album und ich mag es trotzdem auch.

    Verglichen mit dem Debütalbum hat sich nur wenig verändert. Die Stilvielfalt, der hektische Wechsel zwischen Klassik und METAL \m/ haut den erfahrenen The-Hirsch-Effekt-Hörer nicht mehr überrascht vom Stuhl, was ein bisschen schade ist, denn vorliegendes Album ist, was man so leicht verkennt, quasi der ultimative rockende Wolpertinger.

    Die Zahl der Gastmusiker ist nochmals gestiegen, ich zähle 32 (verglichen mit den 17 vom Debütalbum, auf dem allerdings auch der Kammerchor Hannover mitwirkte). Zu diesen Gastmusikern gehört auch Tobias Lietz von Caleya, mit denen The Hirsch Effekt gelegentlich gemeinsam musizierten und 2010 unter dem Titel „Apogæum / Perigæum“ eines dieser neumodischen Split-EPs veröffentlichten und deren Album „Trÿmmermensch“ (produziert von Nils Wittrock, Sänger und Gitarrist bei The Hirsch Effekt) ich 2011 empfahl. Tobias Lietz steuert Gesang bei, aber das macht nichts.

    Mit Kammermusik beginnt das Album: Anamnesis haut dem Hörer nicht gleich die volle Breitseite über den Schädel, sondern ist eine beinahe sanfte Einleitung in das zweite Stück Limerent. Der Übergang ist fließend. Die neun Stücke sind trotzdem neun Stücke, weil zwischen dem brachialen Mara und dem beeindruckenden Indie-Rock-Stück Irrath eine opernhafte Choralpassage mit Sopransängerin, Tenor, Bass und Countertenor eingeschoben ist, die in den liner notes zwar keinen eigenen Namen hat, aber als „Teil dazwischen“ bezeichnet wird. Irre, nicht nur wegen des ungewöhnlichen Musikstils.

    Gesungen wird weiterhin – mit Ausnahme des Satzes What took you so long? in Limerent, bei dessen Lesen ich umgehend an den gleichnamigen Popquatsch von Emma Bunton, dem ehemaligen ehemaligen Spice Girl, dachte, was zeigt, dass MTV meine frühe Jugend nachhaltig verdorben hat; aber zurück zu The Hirsch Effekt – auf Deutsch. Ob man von Gesang sprechen sollte? Nils Wittrock kann zwar auch harmonisch, aber er bevorzugt Wildheit. Von Banausen oft gescholtenes Geschrei fehlt hier wie schon auf dem Debüt nicht, ist allerdings jedenfalls für mich nicht als Ausdruck von Gefährlichkeit – „raaah, wir sind so böse!“ – zu erkennen, sondern als Parodie auf ein ganzes Genre. Wo es passt, wird auch schon mal Aggression herausgebrüllt. Der Titel Ira (lateinisch „Zorn“) trägt seinen Namen nicht zu Unrecht.

    Apropos: Die Texte sind gewohnt klasse. Es geht wie schon bisher vor allem um unglückliche Liebe, was ja nicht schlimm ist, wenn man es in Worte und vor allem Melodien kleidet, aus denen nicht der Schmalz trieft. Obwohl die Metapher vom „Kotzen vor Glücklichsein“ nochmals aufgegriffen wird, kann man sich über mangelnde Kreativität offensichtlich nicht beklagen: Was ist schon der Tod im Verhältnis zu dir und der Kunst, die Gelassenheit, die mir so fehlt, zu haben? (Agitation)

    The Hirsch Effekt betreiben hier nicht nur Denkmalpflege, sie entwickeln ihren Stil konsequent weiter. Zwar ist der Überraschungseffekt auf dem zweiten Album verflogen, dafür wurde der bekannte Stil verfeinert. Die Arrangements, die die Musik begleiten, sind erstklassig. Das abschließende Datorie rührt mit der Kombination aus Streichern und Text (Und das, was mir hier so fehlt, / ist ganz bestimmt nicht billig, / sonst wärst du ja noch hier) zu Tränen. Das Stück steigert sich – das wird allmählich zur Gewohnheit auf Musikalben – in eine leicht schräge Klimax mit zur Wut gesteigertem Gesang, und das Album ist beinahe aus.

    „holon : anamnesis“ ist keine Stagnation auf hohem Niveau. Es wird nicht stagniert, es wird poliert. Man bewundere den Feinschliff ehrfürchtig und labe sich an diesem Album.

    Hörproben:
    Wer glaubt, dass ihm 30 Sekunden genügen, der möge auf Amazon.de in das Album hineinhören.

  8. Dinosaur Jr. – I Bet on Sky
    „I’ve been left with a bad taste now can you see it“ (See it on your side)

    Dinosaur Jr. (das „Jr.“ hängten sie kurz nach ihrer Gründung Mitte der 1980-er Jahre an ihren Namen, um eine ältere Hippieband namens Dinosaurs zu ärgern) sind schon eine ganze Weile im Geschäft. Alle drei am Debütalbum „Dinosaur Jr.“ (1985) beteiligten Musiker sind noch beziehungsweise wieder Mitglied der Gruppe. Die sieben Jahre Auszeit, die sich Dinosaur Jr. von 1998 bis 2005 nahmen, hat ihnen sichtlich und vor allem hörlich gut getan.

    Zu hören ist erdiger Bluesrock mit Einsprengseln von Alternative, Noise und Punk. („Punk ist tot“ ist tot.) Jörn Schlüter („Rolling Stone“) schreibt ein wenig differenzierter:

    [D]ie Band insgesamt bei ihren Leisten: schwankende Midtempo-Hardrocker mit Black-Sabbath-Riffs, dünn-gebrochener Gesang, schmatzende Crazy-Horse-Soli, ultratraurige, im Gitarreninferno versenkte Popschmachter und pumpende Punkrock-Explosionen.

    Und immer diese Texte: Caring is rude / and nature is cruel (Rude). Zuversichtlich ist hier nichts. Der Protagonist sämtlicher Texte ist zumeist zynisch-deprimiert und hoffnungslos. Can you help me along with things?, fragt er in Stick a toe in und wartet gar nicht erst auf eine Antwort. Möge der Himmel helfen.

    „I Bet on Sky“. Wer nicht auf Texte achtet, den dürfte dieses Album in Feierstimmung versetzen, wer es tut, dem könnte es ein tröstender Begleiter sein: Schau, anderen geht’s auch nicht besser. Die Musik jedenfalls ist Rock, wie ich ihn dieses Jahr leider viel zu selten gehört habe. Und von guter Rockmusik kann man nie genug haben.

    Hörproben:
    Halbminütig darf auf Amazon.de, komplett auf Grooveshark.com reingehört werden.

  9. The Flower Kings – Banks of Eden
    „In the center of grief it’s the hour of need, the bell strikes for darker days.“ (Pandemonium)

    In den 1990-er Jahren wuchs das Retro-Prog-Genre, dessen Vertreter sich überwiegend auf Yes, Genesis und Gentle Giant berufen, heran zu einem unüberschaubar wuchernden Gestrüpp, in dem man sich leicht verfangen konnte. Einige wenige Vertreter (zum Beispiel Änglagård, Beardfish und die oben bereits erwähnten echolyn) schafften es, sich mit einem eigenständigen Stil aus der Masse positiv abzuheben, einige andere gingen glücklicherweise unter.

    Und dann sind da noch die Flower Kings.

    Von den Flower Kings halte ich nicht mehr als nötig. Gründer Roine Stolt kann man zugutehalten, dass er zumindest den Progressive Rock noch aus erster Hand kennt, immerhin war er in den 1970-er Jahren (und nochmals vor wenigen Jahren) in der schwedischen Band Kaipa aktiv. Dass Kaipa seit ihrer Reformierung im Jahr 2000 wie die Flower Kings klingen, ist eine ironische Fußnote. Roine Stolt ist sozusagen der schwedische Billy Sherwood: Sobald er beteiligt ist, klingt alles nach Roine Stolt. (Dass ich das, was Roine Stolt tut, grundsätzlich musikalisch besser finde als das, was Billy Sherwood tut, sollte dieser Aussage zumindest beigefügt werden.)

    Mein persönliches Problem mit den Flower Kings ist die Beliebigkeit, mit der sie agieren. Natürlich ist das, was sie auf ihren Alben zu Gehör bringen, handwerklich gut, aber es klingt eben immer irgendwie gleich. Man stelle sich vor, Genesis ohne Phil Collins und mit Steve Hackett würden vierzig Jahre später gemeinsam musizieren. Das sind die Flower Kings. (Wer jetzt, wie ich, das Gummibärenlied im Kopf hat: Selbst schuld.)

    Vor diesem Hintergrund ist „Banks of Eden“ nicht mal schlecht. Dass es außer der normalen Ein-CD-Version auch ein Doppelalbum gibt, das außer ein wenig mehr Musik auch ein Interview mit den Musikern zur Entstehung des Albums beinhaltet, sei mal verziehen, gerade im Progressive-Rock-Sektor werden Einzel-CDs heutzutage schon fast als Rarität betrachtet. (Der geneigte Musikfreund ärgert sich ein wenig darüber, dass Plattenfirmen das vor vierzig Jahren anders gesehen haben.) Man muss es ja nicht gleich übertreiben wie King Crimson, deren „Larks‘ Tongues in Aspic“ in diesem Jahr auf 13 (dreizehn!) CDs, 1 DVD-Audio und 1 Blu-Ray-Scheibe (macht 15 Scheiben insgesamt) neu aufgelegt wurde. Aber wir schweifen ab.

    Das Album selbst – die Einzel-CD-Version – hat eine Spielzeit von 53:25 Minuten und ist damit durchaus länger als das durchschnittliche Album heutzutage. Das könnte zwar reichlich eintönig werden, aber die Chance, dass doch noch irgendwas Herausragendes passiert, ist auf längeren Alben bekanntlich größer als auf kürzeren. Und tatsächlich: Obwohl „Banks of Eden“ gelegentlich aus altbekanntem AOR in unauffälligen Takten besteht, gibt es doch die Aha-Momente; vielleicht häufiger als auf den meisten vorherigen Flower-Kings-Alben.

    So ein Moment ist etwa For The Love Of Gold, in dem die Musiker sich alle Mühe geben, ihr zweites großes Vorbild Yes ausführlich zu würdigen. Das markante Bassspiel Chris Squires fehlt zwar auch weiterhin, aber selten waren die Flower Kings so weit entfernt vom immergleichen Stadionrock. Mit Numbers (25:20 Minuten) gibt es auch wieder – wie für die Flower Kings üblich, diese Marotte haben sie ebenfalls bei ihren Vorbildern abgeschaut – einen longtrack zu hören. Ich wage zu behaupten: Wer Yes und Genesis mag und auch nichts gegen etwas weniger falsettierten Gesang einzuwenden hat, dem gefällt „Banks of Eden“ ebenfalls. Und dann wird er sich alles andere kaufen, was die Flower Kings bisher veröffentlicht haben, und dem Rest dieser Liste keine Aufmerksamkeit mehr widmen, weil das so lange dauert und er es danach vergessen haben wird. Schade. Ich hoffe, das geht nicht vielen so. Übrigens haben Kaipa in diesem Jahr mit „Vittjar“ ebenfalls ein neues Album herausbringen lassen, das ich nicht unerwähnt lassen möchte.

    Ich mag Genesis ohne Phil Collins.

    Hörproben:
    In alle Musikstücke von beiden (!) CDs kann man unter anderem auf Amazon.de hineinhören.

  10. Neneh Cherry & The Thing – The Cherry Thing
    „Keep those dreams burnin‘ forever“ (Dream Baby Dream)

    Neneh Cherry ist halbgeschwisterlich mit Eagle-Eye Cherry (Save Tonight) verwandt und hat 1994 gemeinsam mit dem mir gleichfalls erfreulich unbekannten Youssou N’Dour die grauenvolle Single 7 Seconds aufgenommen und/oder veröffentlichen lassen, die im Radio eine Zeitlang rauf und runter lief.

    Hat euch das abgeschreckt? Das ist bedauerlich! Hier nämlich ist Neneh Cherry ausnahmsweise nicht mit irgendeinem schlechten Popmusiker zusammen zu hören, sondern mit dem skandinavischen Free-Jazz-Trio The Thing, deren Mitglieder (Paal Nilssen-Love, Mats Gustafsson und Ingebrigt Håker Flaten) in diesem Genre allesamt keine Unbekannten sind. Free Jazz – ich erkläre es kurz – ist das, was eure Eltern „MACH DEN MIST AUS!“ nennen.

    Diese Wandlung ist nur wenig überraschend, Neneh Cherrys Stiefvater Don Cherry war ein dem Vernehmen nach nicht untalentierter und nicht unbekannter Free-Jazz-Trompeter. Konsequenterweise ist auf „The Cherry Thing“ nur wenig Pop zu hören, stattdessen wird ein so freier Jazz gespielt, dass auch RIO/Avant-Freunde wie ich auf ihre Kosten kommen. Wer Jazz zu langweilig findet, der könnte „The Cherry Thing“ trotzdem – oder erst recht – mögen. Von „kontrolliertem Chaos“ ist im Internet die Rede. Der geneigte Musikfreund vernimmt zudem – und sei’s nur die Instrumentierung – Erinnerungen an die längst legendäre und viel zu früh aufgelöste Slow-Rock-Gruppe Morphine, die die Jugend heutzutage natürlich auch längst nicht mehr kennt. Das ist ärgerlich.

    Ben Hiltrop beschreibt’s so:

    Zwar brechen The Thing gerne in typisches Jazz-Gefrickel aus und scheinen unkontrolliert ihre Instrumente zu malträtieren, doch in den genau richtigen Momenten zügeln sie ihre Spielfreude, um ihrer Frontfrau wieder ein angemessenes Sound-Bett zu garantieren. (…) [D]ie Fusion aus einem Jazz-Grundgerüst und der Attitüde einer Bristol-TripHop-Platte ist derzeit einmalig.

    Die Kombination aus dem rücksichtslosen Lärm, den The Thing seit jeher einem meist begeisterten Publikum servieren, und dem Avant-Pop und Trip-Hop, den Neneh Cherry außerhalb ihrer Chartskarriere üblicherweise veröffentlicht, ergibt eine ziemlich einzigartige Mischung. Dabei stört auch nicht, dass sechs der acht Stücke Coverversionen (darunter auch Golden Heart von Don Cherry) sind, denn die beteiligten Musiker beschränken sich nicht auf bloßes Nachspielen. „The Cherry Thing“ klingt wie aus einem Guss, der Charakter der Musik von sowohl The Thing als auch Neneh Cherry prägt quasi jeden Takt. So wenig ich auch von Jazz verstehe: Im Jazz-Umfeld ist dies hier eindeutig meine Platte des Jahres.

    „The Cherry Thing“. Das Kind in mir lacht sich kaputt.

    Hörproben:
    Ich bezweifle, dass bloßes Anspielen einzelner Stücke genügt, um diesem Album gerecht zu werden. Wer’s denn unbedingt möchte, der wird zum Beispiel auf Amazon.de fündig.

  11. Barberos – OOO

    „OOO“. Bisweilen auch „000“ genannt. Soso. Was kann bei so einem Titel schon schiefgehen?

    Den Musikfreund wird’s vielleicht freuen, dass „OOO“ – in einer Auflage von vorerst 500 Exemplaren – nur als Vinyl und Download verfügbar ist. Das ist schön, mein CD-Schrank ist nämlich bereits voll genug. Zeit, einen Vinylschrank zu kaufen. Das Coverbild sollte man auch im Großformat gut finden können: Drei von Fernrohren durchstoßene Schädel mit Würmern und ähnlichem Inhalt. Interessant. (Schädel, immerhin, sind hier nicht völlig verkehrt: Barberos sind in der spanischen Sprache schlicht Friseure.)

    Beteiligt sind dann auch exakt drei mir namentlich unbekannte Musiker, nämlich zwei Schlagzeuger und einer, der für diverse Tasteninstrumente (Synthesizer, Keyboards und dergleichen) zuständig ist. Das Ergebnis ist interessante (instrumentale) Polyrhythmik. In ihrer Selbstbeschreibung finden die Musiker ihr Bühnenspiel beinahe interessanter als die eigentliche Musik:

    Barberos infuse elements of jazz, noise, dub, breakcore and prog, framed in heart racing theatrics using costume and projections to communicate their joyful danceable musings to their ever widening audience.

    Das ist ziemlich gut und ziemlich schräg. Wer RIO/Avant mag, dem sei’s ebenso wärmstens empfohlen wie denen, die „>>“ von Beak> (siehe oben) mögen; die elektronischen Spielereien mit monotonen Mustern (etwa in „Hot Squash“) sind selbigem recht ähnlich, wenngleich wegen der zwei Schlagzeuger deutlich mehr rhythmusfixiert.

    Was trotzdem ein bisschen fehlt, ist Gesang. Der würde „OOO“ zwar zusätzlich abrunden, weigert sich jedoch partout, hier zu erscheinen. Nichtsdestoweniger ist das joyful danceable musing ausreichend prima, um hier aufgeführt zu werden. Ich mache das hier ja nicht zum ersten Mal und behaupte daher, dass das ein positives Qualitätskriterium ist.

    Hörproben:
    „OOO“ gibt es zum Streamen und Kaufen per Bandcamp als Komplettpaket.

  12. Stolen Babies – Naught
    „All the things I think when I am weak are killing me.“ (Swimming Hole)

    Apropos schräg; Auch die Stolen Babies melden sich mit einem neuen Album zurück.

    Seit ich im Jahr 2007 erstmals über diese Musikgruppe berichtete, war nur mehr wenig von ihnen zu hören. Das lange angekündigte zweite Album wurde immer wieder verschoben, es wurden lediglich nacheinander die Lieder Grubbery und Splatter veröffentlicht. Das war schön, denn so konnte man sehen, dass man noch mit den Stolen Babies rechnen konnte.

    Nun erschien also „Naught“. Es zu bekommen erwies sich als trickreich: Die Plattenfirma liefert nicht nach Deutschland, Amazon hat den Liefertermin nach Erscheinen erst mal zwei Wochen nach hinten geschoben. Letztendlich konnte ich mittels heimlicher Kontaktierung finsterer Gestalten (und über den Amazon-„Marktplatz“) doch noch schnell ein Exemplar ergattern. Mein Fazit: Nun ja.

    Vielleicht hat mich der Genuss allerlei schräger Musik in den letzten Jahren – etwa der oben erwähnten Sebkha-Chott – ein wenig taub gemacht für die eigentliche Radikalität der Musik auf „Naught“, vielleicht ist der Oha-Effekt des Debütalbums nach fünf Jahren auch einfach nur verflogen; vom Hocker haut mich das hier Dargebotene jedenfalls nicht.

    Das soll keinesfalls bedeuten, dass selbiges irgendwie schlecht wäre. Die Stolen Babies bleiben sich treu und spielen eine eigenartige Mischung aus Thrash und Metal und Gothic und Zirkus, dass es eigentlich eine wahre Freude ist. Frontfrau und Akkordeonistin Dominique Lenore Persi (mit dem Namen kann man eigentlich kaum etwas anderes werden als Künstlerin) trägt dazu ihre bekannten, mitunter rasanten Wechsel zwischen verführerischem Säuseln und quasi teuflischem Schreien bei. Stagnation auf hohem Niveau sozusagen. Für Ohrwürmer ist jedenfalls auch wieder gesorgt. Allein schon Splatter ist ziemlich spitze und verbleibt für eine Weile im Gedächtnis.

    Beinahe understatement zeigt das artwork diesmal. Keine Feuer, keine Monster, keine rennenden Kinder – „Naught“ wird verziert von einer ruhigen Comiclandschaft mit einem rosa Schaf. Klappt man das Album jedoch auf, entfaltet sich eine ganz andere Landschaft:

    Inlay von "Naught"

    Das spielt eindrucksvoll mit der Erwartungshaltung des Hörers, der sich dann mit Texten wie diesem konfrontiert sieht (Dried Moat): No one ever gets outside without losing part of their life.

    Da ist sie wieder, die Tim-Burton-Atmosphäre. Wer das Debütalbum mag, der sollte „Naught“ längst haben; wer beide Alben noch nicht kannte, der sollte das schleunigst nachholen. Die Stolen Babies sind eine dieser Musikgruppen, die man entweder mag oder nicht mag. Ich mag sie, und ihr solltet das auch tun.

    Hörproben:
    Als ich mit dieser Rückschau begann, gab es noch manchen offiziellen Stream für „Naught“. Inzwischen ist Grooveshark eine der wenigen verbliebenen legalen, verlässlichen Quellen.

  13. SH.TG.N

    Noch mal zurück zum guten, alten (beziehungsweise in diesem Fall neuen) RIO/Avant. SH.TG.N (sprich wahrscheinlich: Shotgun, ergänze also: O/U) kommen aus Belgien. Die sechs Musiker vereint gemäß eigener Aussage eine Faszination für Frank Zappa, Dillinger Escape Plan, Naked City und James Last. Ungefähr so muss man sich das Debütalbum – lässt man das selbstproduzierte Livealbum von 2011 unberücksichtigt – auch vorstellen. Hat es eigentlich einen Namen, heißt es wie die Musikgruppe selbst? Das ist zumindest mir bisher nicht ganz klar.

    Das Coverbild ist bemerkenswert: Unter Bäumen, an denen jemand Tiere (eine Gans, einen Hasen und diverse andere) aufgehängt hat, tanzen zwei (vermutlich) Frauen mit Totenschädeln anstelle ihrer Köpfe. Nein, fröhlichen, beschwingten Pop braucht hier schon mal keiner zu erwarten. Auffällig ist auch die Besetzungsliste: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang und ein Vibraphon werden aufgeführt. Dass das Vibraphon ein Instrument ist, das bei allzu freiförmiger Musik oft untergeht, ist eine berechtigte Befürchtung, die hier jedoch nicht notwendig ist.

    Die Band selbst nennt ihren Stil „psychotischen zeitgenössischen pompösen Heavy Metal“. Der Pressetext wird etwas präziser und umschreibt das Tun von SH.TG.N als Konzentration der dunklen, gewaltsamen Energie des Metal mit den fordernden und aufregenden Strukturen zeitgenössischer Musik und der Freiheit des Jazz. Jazz? Finde ich gut. Sollte irgendjemand von euch, liebe Leser, Jazz mit ödem Getröte (zum Beispiel Miles Davis) gleichsetzen, dann hat er obige Rezension zu „The Cherry Thing“ anscheinend auch noch nicht gelesen und sollte sich von mir an dieser Stelle gescholten fühlen.

    Sänger Mikrofonbediener Fulco Ottervanger klingt gelegentlich (Camera Obscura) nach Toby Hoffmann (Ira!), gelegentlich auch nach einem dieser heutigen Hard-Rock-Shouter (ist das überhaupt ein Wort?), und versucht gar nicht erst, Wohlklang zu erzeugen. Er schreit, kreischt und brüllt über die alles andere als gradlinige Instrumentalbasis einfach hinweg, was interessanterweise nicht mal als unpassend wahrgenommen wird. Je vertrackter die Musik, desto vertrackter die Vokalakrobatik. Hörbare Einflüsse? Jello Biafra, Frank Zappa, eine Schlägerei. „Es geht hier um alles andere als massentaugliche Musik“ schreibt „MP“ auf Rezensator.de wie zur Warnung. Aber ist die wirklich notwendig?

    Trotz all der Verworrenheit hat das Album, wie auch immer es nun heißen mag, den „Tipp des Monats November 2012“ auf den ausreichend renommierten Babyblauen Seiten erringen können. Diesem Tipp möchte ich mich vorbehaltlos anschließen.

    Hörproben:
    Die Website der Belgier ist voll von solchen, nicht nur auf dieses Album beschränkt. Man mache reichlich Gebrauch davon.

  14. Toy

    Und noch ein Album, das eigentlich keinen Titel hat. „Selbstbetitelte“ Alben, also solche, die mangels erkennbarem Titel einfach mal den Namen des Interpreten aufgedrückt bekommen, sind ja gerade in Mode. (Mit diesem Unsinn angefangen haben meines Wissens 60-er-Jahre-Musiker wie die Beatles mit ihrem „weißen Album“, das nun mal schlicht keinen Namen hat; ich lasse mich übrigens in jedenfalls diesem Fall gern eines Besseren belehren.)

    Wo’s schon an Oberflächlichkeiten fehlt, kommt der Inhalt um so besser zur Geltung. Ziemlich guten Indie-Rock mit New-Wave- und Noiserock-Einflüssen spielt das britische Quintett Toy auf seinem Debütalbum. Toy sind sozusagen Abtrünnige der im letzten Jahrzehnt mehr oder weniger aktiven Londoner Band Joe Lean and the Jing Jang Jong, aus deren angekündigtem Album offenbar nichts wurde. Das haben Toy nun nachgeholt. Dabei wird das Andenken an vergangene musikalische Hochzeiten hoch gehalten; ein aktuelles Foto der fünf Herren weckt Erinnerungen. Und überhaupt: Die Achtziger.

    Bereits das erste Stück Colours Running Out erinnert unsereinen an The Cure, The Smiths, The Raveonettes und ähnliche Musikgruppen. Das klingt zwar wie schon mal irgendwo gehört, aber keinesfalls schlecht. El Hunt vom Webmagazin DIY schreibt:

    The sprawling post-rock of My Bloody Valentine is ever-present, hints of Captain Beefheart and the avant-garde rock of Can too. It’s nigh on impossible to listen to this album, in fact, without countless touchstones springing to mind.

    Das soll auch nicht bedeuten, dass Toy keinen eigenen Stil pflegen würden: Bereits das folgende The Reasons Why hat etwas von The Who und den Strokes (und diesem bereits angedeuteten 80-er-Jahre-Stil), klingt aber trotzdem erfrischend modern. Interessant sind die psychedelischen, instrumentalen Zwischenspiele etwa in Dead & Gone, die mich als einen bekennenden Anhänger schrägen Krautrocks insbesondere davon ablenken, dass der Gesang eher so mittel ist, weil ihm eben die eigenständige Note fehlt. Diese Ablenkung ist gut, denn so ist das Album noch gut genug, um auf dieser selbstverständlich unumstößlichen Liste zu landen. Genießt es!

    Hörproben:
    Momentan (Stand: 15. Dezember 2012) ist das Album auf musicomh.com in voller Länge zu hören.

  15. Broken Water – Tempest

    Stürmische Zeiten für Musikliebhaber: Wie das neue Album von Bob Dylan heißt auch selbiges von den US-Amerikanern Broken Water. Während ersterer, Herrn Dylans, Sturm jedoch eher ein laues Lüftchen bleibt, gibt’s von letzterem Trio stürmischen Noisepop um die Ohren.

    Broken Water werden im Föjetong nur allzu gern mit Sonic Youth verglichen. Natürlich, von Vergleichen lebt der Musikschreiberling. Natürlich hört der geneigte Musikfreund überall, wo’s noisig scheppert, „Goo“ heraus, aber das ist nicht alles. Bei all der Lo-Fi-Ästhetik, die Broken Water pflegen, sind sie nämlich doch auch melodiös und tatsächlich beinahe radiotauglich. So weit ist zum Beispiel Paranoid nicht von den allzu mainstreamigen The Cure (in weniger jaulig) entfernt, beziehungsweise eben:

    Noisige Gitarrenwände treffen auf wütenden Punk auf wundervoll poppige Strukturen, und alles macht (sic!) zusammen Sinn.

    Anders als bei den anderen Noisepopbands kommt hier auch mal ein Mann zu Wort; Jon Hanna, der einzige Mann im Trio und neben Schlagzeugerin Kanako Pooknyw Gründer von Broken Water, übernimmt in einigen Stücken den Gesang, in anderen ist eine der beiden Frauen (die zweite ist Bassistin Abigail Ingram) zu hören. In jedem Fall steht er den rauen Eskapaden der Instrumente beinahe als ruhiger Gegenpol gegenüber, in River Under The River etwa erinnert die betonte Lässigkeit von Frau Ingram an die von Lou Reed in seinen jungen Jahren, der sich von aufgetürmten Gitarren-Feedbackwänden auch nicht aus der Ruhe bringen ließ. The Velvet Underground, ohne geht’s eben doch nicht.

    Das alles ist laut und lärmend und eingängig und gut und sollte unbedingt mal gehört werden. Das hier ist mehr als heiße Luft.

    Hörproben:
    30 Sekunden genügen? Dann ist Amazon.de eine gute Quelle für’s Reinhören.

  16. Pontiak – Echo Ono

    Die US-amerikanische Psychedelic-Rock-Band Pontiak – nicht zu verwechseln mit dem Ottawa-Häuptling und/oder der Automarke Pontiac – hatte ich ganz vergessen, bis mir zufällig ihr diesjähriges Album „Echo Ono“ unterkam. Zu meiner persönlichen Freude hat es mit Yoko Ono so wenig zu tun, dass ich es direkt mal weiterempfehlen möchte.

    Pontiak wurden 2005 von drei Brüdern gegründet, die bis heute zusammen spielen. Das ist ja durchaus keine Selbstverständlichkeit.

    Geplant wurde „Echo Ono“ als expressionistisches Album. Die Musik sollte nicht nur Farben malen, sondern Farben sein. „Echo Ono“ stellt sozusagen ein Gemälde aus Musik dar. Während die bisherigen Alben eine lose Ansammlung von Liedern waren, die eine Momentaufnahme der jeweiligen Zeit waren, wurde „Echo Ono“ konsequenterweise erstmals als vollständiges Album konzipiert. Tatsächlich ist das Zusammenspiel, das Ineinandergreifen der einzelnen Stücke hier präsenter als gewohnt.

    Der Hörer wird begrüßt von Stoner-Rock-Gitarrengewittern. Der Gesang ist angenehm, irgendwo zwischen den Strokes und Mando Diao anzusiedeln, also irgendwie unscheiße. Über die ganze Länge des Albums hinweg spielt das Trio einen psychedelischen, rhythmischen Indie-Rock, der sich weigert, einem Genre eindeutig zuzuordnen zu sein, was ich schon aus Prinzip ziemlich gut finde. Kleinere Längen (etwa das für mich persönlich völlig uninteressante The Expanding Sky, das irgendwo zwischen Aerosmith und den späten Pink Floyd herumirrt) fallen nicht weiter ins Gewicht.

    Michael Bambas fasst zusammen:

    „Echo Ono“ sprüht vor inspirierter und damit einhergehend auch inspirierender Musik, in der zeitlose Leidenschaft und Lebensgefühl von unschätzbarem Wert sind; in ungefähr derselben Kategorie wäre dieses Kleinod einzuordnen.

    Etwaige Langeweile kommt gar nicht erst auf, da auch ruhige Passagen immer wieder durch heftige Stoner-Rock-Eruptionen unterbrochen werden. Ein großartiges Album, um Weihnachtsmärkte oder ähnliche Veranstaltungen schadlos zu überstehen.

    Hörproben:
    Enttäuscht muss ich den geneigten Leser diesmal auf Amazon.com verweisen. Dort gibt es zumindest 30-sekündige Ausschnitte aus den Liedern.

Das war es eigentlich schon. Aber ich hatte ja eingangs etwas von einer neuen Liste geschrieben. Ja, es gibt einige gute Musikalben, die in diesem Jahr veröffentlicht wurden und über die ich nicht viele Worte verlieren kann oder möchte. Nach der bisherigen Vorgehensweise hätte ich diese einfach unterschlagen – das ist natürlich nicht im Sinne dieser Rückschauen. Also widme ich ihnen einen komplett eigenen Abschnitt. Die einzige Regel: Ein Absatz pro Album muss genügen.

2. Beachtet auch dies!

  1. Gudrun Gut – Wildlife
    Gudrun Gut hat 1980 die Einstürzenden Neubauten mitgegründet, die sie kurz darauf wieder verließ, 1981 dann Malaria!, die irgendwas über kaltes, klares Wasser zum Besten gegeben haben. „Wildlife“ – 31 bzw. 32 Jahre später – klingt immer noch genau so: Elektronisches Geschepper, Minimalismus, ein Tina-Turner-Cover (Simply The Best), Instrumentales, Besungenes. Wer die „Neubauten“ und/oder Faust mag, der möge hier mal reinhören.
  2. Kayo Dot – Gamma Knife
    Die Rückkehr von maudlin of the Well vor einigen Jahren blieb wohl leider auf das Album „part the Second“ (ich berichtete) beschränkt. Toby Driver konzentriert sich nunmehr wieder auf deren mehr oder weniger offizielle Nachfolgeband Kayo Dot. Vom behäbigen Anfang mit bedrohlichen Glockenklängen und Choralgesang (Lethe) sollte man sich nicht täuschen lassen: Es folgt ziemlich experimenteller Doom-Metal-Avant-Indie-Poprock oder wie auch immer man das zu nennen beliebt. Die Kehrseite? Das Album dauert nur eine halbe Stunde. Aber die ist keinesfalls verschwendete Zeit.
  3. Periphery – Periphery II: This Time It’s Personal
    Periphery – nie gehört? Das Debüt von 2010 war eines der ersten herausragenden Alben, die das Metal-Subgenre Djent begründeten; Vorreiter waren, glaubt man der englischsprachigen Wikipedia, die Schweden Meshuggah. Angeblich beschwerten sich jedoch zu viele Hörer über den etwas zu sterilen Klang, dem Periphery in der Folge den Garaus gemacht haben. Dieses Mal ist es etwas Persönliches. In einem Begriff: Verfrickelter Brüllmetal. Ein Album für den Freitagabend und das ganze Wochenende hindurch. Nur der Montag wird einem dann missfallen.
  4. Alberta Cross – Songs of Patience
    „Alberta Cross“ ist angeblich als Anagramm von „Scab Realtors“, „Krustenmakler“, entstanden. Das klingt ziemlich blöde und vor allem nach Metal. Ich bitte die geneigte Hörerschar zu entschuldigen, dass trotzdem kein Metal zu hören ist. Stattdessen: Viel Portugal. The Man, ein wenig Sigur Rós, ein wenig Red Hot Chili Peppers, viel zu selten auch ein wenig … Trail of Dead. Herausragend und hörenswert ist ausnahmsweise auch der Gesang. Wer erwähnte Musikgruppen mag, ist hier nicht völlig verkehrt.

„Aber… aber wer soll sich denn all diese tolle Musik leisten können?“ fragt ihr jetzt vielleicht. Nun, keine Sorge, auch an den kleinen Geldbeutel (nämlich meinen) wurde gedacht; das Jahr 2012 brachte auch so manches vorzügliches Musikalbum mit sich, das euch auch ohne so Tauschbörsen keinen Aufpreis abverlangt, unter anderem diese:

3. Saugt nun dies!

  • The Echelon Effect – Field Recordings

    The Echelon Effect sind in letzter Zeit häufige Gäste in meinen Rückschauen, zuletzt im Dezember 2011. Nachdem alle vier Jahreszeiten ihr/ eigene/n/s EP bekommen haben, gibt es wieder ein richtiges Album. Das geht immer schnell im Hause The Echelon Effect.

    Diesmal ging es noch schneller als geplant, denn die Veröffentlichung von „Field Recordings“ wurde vorgezogen, um die Verbreitung von Bootlegs einzudämmen. Das Duo (Multiinstrumentalist Dave Wolters bekam beim Einspielen der Schlagzeugspuren Unterstützung von Steve Tanton) scheint inzwischen recht beliebt zu sein.

    Zu hören gibt es gewohnt gute ambiente Elektronikklänge, malerische Landschaften, keinen Gesang. Instrumentale soundscapes ohne viel Drumherum. „Field Recordings“ ist Begleitmusik für Tagträume und lange Winterabende.

    „This album is about flying“ steht auf der Bandcamp-Seite zum Album. Eigentlich ist damit alles gesagt.

    Runterholen:
    Auf Bandcamp.com gibt’s den kompletten Stream und eine Kaufmöglichkeit (ab 0 Euro), alternativ hilft das gute alte eMule weiter.

  • when whales collide – By Default

    when whales collide. Postrock aus Kalifornien. Der Name passt so gut wie sonst nur wenig:

    Wenn Wale kollidieren, ganz es ganz schön krachen. Nach diesem unglückseligen Szenario hat sich das Quartet When Whales Collide aus San Diego, Kalifornien benannt. Und sie lassen es dementsprechen ordentlich scheppern. Auf einem Fundament aus ambienten Post-Rock werden die Songs ziemlich lässig mit Metal und Hardcore unterfüttert. Gesungen wird auch. Und das sehr ordentlich.

    Nach dem/der EP namens „.ep“ (Februar) wurde „By Default“ im September 2012 veröffentlicht. Fast 28 Minuten dauert der Spaß. Ist das schon ein Album? Egal. Einflüsse gibt das Quartett nicht bekannt, ich tippe unter anderem auf Mogwai und God Is An Astronaut.

    Runterholen:
    Per Bandcamp kann man „By Default“ hören und (ab 0 Euro) kaufen, auch auf physischem Tonträger mit hübschem Coverbild, ansonsten hilft das Maultier weiter.

  • Rhún – Ïh

    Erst vor wenigen Tagen, am 14. Dezember 2012, erblickte „Ïh“ das Licht der Welt. „Iiih“. Ach Quatsch. Der Buchstabe „Ï“ sollte doch schon klarmachen, wohin das Löffeltier hoppelt. „Ïh“ ist (natürlich französischer) Zeuhl, wie er sein muss. Mit etwas mehr als 21 Minuten Laufzeit liegt hier zwar mal wieder „nur“ ein/e EP vor, aber das sollte nicht stören.

    „Ïh“ ist dabei nach der 2009er Demo-CD „Fanfare du Chaos“ sozusagen das Debüt. Zwei Stücke von „Fanfare du Chaos“, nämlich Toz und Dunb, wurden hier neu (und besser) aufgenommen, das dritte (das leider nur kurze Kammerrock-Stück Interlude) ist völlig neu. Kammerrock? Fürwahr: Die üblichen Bestandteile des Zeuhl werden von Rhún mittels klassischer Instrumente wie Flöte und Oboe um eine interessante Nuance erweitert. Auf „Ïh“ sind insgesamt neun solcher Instrumente, teilweise eingespielt vom Ensemble Pantagrulair, zu hören.

    Falls irgendwer dachte, Zeuhl müsse immer wie die Genrepioniere Magma klingen: Falsch gedacht.

    Runterholen:
    Da Rhún aus unerfindlichem Grund noch eine Plattenfirma zu fehlen scheint, gibt es „Ïh“ zurzeit als Stream und freien Download in fast jedem gewünschten Format auf Bandcamp.com sowie im FLAC- und MP3-Format per eMule. Stört mich nicht. Viel Vergnügen!

So weit zum Positiven. Aber was wäre so ein Jahr ohne Musikalben, die die Presse unter „Muss man haben“ einsortiert, die dem geneigten Musikfreund aber allenfalls ein müdes Lächeln abzuringen vermögen?

4. Verachtet dies!

Davon gab es auch 2012 mehr als im Juni beschrieben, zum Beispiel diese hier (wie gewohnt ohne allzu viele Worte darüber zu verlieren):

  • Gekko Project – Electric Forest
    Trotz Vergleichen mit Camel: Die guten Melodien werden in elektronischem Blubbern ertränkt. Schade.
  • Stabat Akish – Nebulos
    Der Beweis, dass Jazzrock/RIO auch schrecklich langweilig sein kann.
  • The xx – Coexist
    Der Titel des Albums sagt es bereits: Belangloser Schöngeistpop, der niemandem wehtut.
  • Barock Project – Coffee In Neukölln
    Es ist bedauerlich, dass an sich gute Retro-Prog-Bands fast immer einen unauffälligen Durchschnittssänger engagieren. Auch diese.
  • Between The Buried And Me – The Parallax II: Future Sequence
    Queen, Spock’s Beard, The Beatles, Metal mit lächerlich wirkendem Klischee-Growling. Einzeln nett, aber zusammen eigentlich nur verwirrend.

Und sonst? Klar, die Reise in die Vergangenheit steht noch an, 40 Jahre zurück und was dann folgte. Wie schnell sich die Musikwelt wandelt, kann nur wenig besser offenbaren als ein Überblick über musikalische Entwicklungen im Schnelldurchlauf.

Beginnen wir mit 1972:

5. Erinnert euch an dies!

  • Vor 40 Jahren:
    Roxy Music – Roxy Music

    1972. Die Musikwelt hat schon schlimmere Jahre erlebt. Das Hard-Rock-Quintett Bang eiferte auf „Mother“ Black Sabbath nach, Gentle Giant veröffentlichten in rascher Folge „Three Friends“ und das Weg weisende „Octopus“, das eine Vielzahl an Musikgruppen nachhaltig beeinflussen sollte. Kunstlehrer Bryan Ferry hatte unterdessen bereits ein Jahr zuvor zusammen mit Freunden und Freundesfreunden (unter anderem Brian Eno) die Musikgruppe Roxy Music – eine Gruppe namens Roxy gab es bereits – ins Leben gerufen. Peter Sinfield, bis zum 1971 erschienenen „Islands“ für Texte, Produktion und Beleuchtung zuständiges Mitglied von King Crimson, übernahm die Rolle des Produzenten für das Debütalbum. Auf dem Coverbild räkelt sich Model Kari-Ann Muller, die Roxy-Music-Tradition von anzüglichen Plattencovern wurde damit also begründet. Bereits das eröffnende „Re-Make/Re-Model“ sollte man mal gehört haben. Der Artrock, den Roxy Music hier spielen, ist bereits eine ziemlich ausgereifte Variante dessen, was die folgenden Alben bringen sollten. Dass Brian Eno sich nach den Aufnahmen zum zweiten Album von Roxy Music trennte und so Platz für den nicht minder talentierten Eddie Jobson machte, ist dennoch bedauerlich, das Ergebnis der Zusammenarbeit aber bleibt ein Stück Musikgeschichte.

  • Vor 30 Jahren:
    Marillion – Market Square Heroes

    Die musikalischen Achtziger. Den Mantel des Schweigens bitte jetzt ausbreiten. Unter diesem Mantel darf gemütlich gemauschelt werden. Außer der Neuen Deutschen Welle waren auch in Deutschland gelegentlich gute Musiker zugegen. An der Krautrockband Grobschnitt ging besagte Welle leider nicht spurlos vorüber: Auf „Razzia“ wurde konsequent auf deutsche Texte gesetzt, musikalische Einflüsse von NDW und der zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits vor sich hin siechenden Punkmusik sind zu hören. Die Texte sind interessant („Wir wollen sterben“), aber letzten Endes verzichtbar. Nach „Razzia“ nahm Mitgründer, Schlagzeuger und kreativer Grobschnitt-Kopf Eroc konsequenterweise seinen Hut, was alles, was danach kam, nicht unbedingt verbesserte. Auch die Hannoveraner Eloy befanden sich noch mitten in ihrem Kreativitätsschub und ließen „Time to Turn“ auf den Markt bringen, laut dem Internet die letzte wirklich überzeugende Eloy-Scheibe für lange, lange Zeit. Die britische Band Marillion, die gerade erst um Sänger Fish bereichert wurden, publizierte derweil ihre ersten Gehversuche mit der Single „Market Square Heroes“, deren über 17-minütige B-Seite Grendel insbesondere die Vorbilder Genesis mit Peter Gabriel hervorhob. Dass Marillion das noch junge Genre des „Neo-Prog“ entscheidend prägen würden, war damals freilich noch nicht abzusehen, das 1983 erschienene Debütalbum „Script for a Jester’s Tear“ eignete sich jedoch hervorragend, um diese Vermutung zu festigen.

  • Vor 20 Jahren:
    Änglagård – Hybris

    Zumindest Yes haben die 1980-er Jahre trotz grauenvoller radiokompatibler Singles wie Owner of a Lonely Heart weitgehend schadlos überstanden. Nun, was heißt „schadlos“? Die DVD „Union Tour Live“ zeigt eine heillos zerstrittene Band, die auf Drängen der Plattenfirma notdürftig aus den beiden existierenden und miteinander konkurrierenden Gruppen Yes und Anderson, Bruford, Wakeman, Howe zusammengeklebt wurde. Diese Formation zerbrach dann auch bald, was durchaus kein Verlust war. Bei Emerson, Lake & Palmer sah es nicht besser aus: Die Reunion im Jahr 1991 führte zu dem einfallslosen, von AOR und Pop geprägten Album „Black Moon“, auf das der geneigte Musikfreund gut verzichten könnte. Etwas besser sah’s im Acid Jazz aus: Die britische Formation Corduroy machte mit dem merkwürdig benannten, beinahe komplett instrumentalen Debüt „Dad Man Cat“ positiv auf sich aufmerksam. Ein anderes Debütalbum stammt aus Schweden: Die kurzlebigen Änglagård – drei der Musiker waren damals erst 17 Jahre alt – kombinierten auf ihrem Debütalbum „Hybris“ Retro-Prog und Folk (inklusive Flöte) mit einer eigenständigen Note zu etwas, das nicht weniger als ein Meisterwerk ist. Gesungen wird auf Schwedisch, die Stimmungen erreichen beeindruckende Tiefen. Vier Stücke lang erschaffen die Schweden Retro-Welten, wie sie schöner und schillernder kaum sein könnten. Ein Album später lösten sich Änglagård wieder auf, hinterließen noch einen Live-Mitschnitt („Buried Alive“) und kehrten etwa zehn Jahre später auf die musikalische Bühne zurück. Ihr 2012 erschienenes spätes comeback-Album „Viljans Öga“ – leider inzwischen ohne Gesang – zeigt, dass die fünf bis heute nichts verlernt haben.

  • Vor 10 Jahren:
    echolyn – mei

    Abseits der progressiven Rockmusik gab es im Jahr 2002 ein Aufhorchen: Mitglieder von Rage Against the Machine schlossen sich mit Soundgarden-Sänger Chris Cornell zu Audioslave zusammen und knüpften stilistisch nahtlos an beide „Vorgängergruppen“ an. Fünf Jahre später war Schluss. Als zäher erwies sich die oben bereits lobend erwähnte US-amerikanische Progressive-Rock-Band echolyn, die sich nach vier Jahren Trennung – Sony Music verweigerte den Musikern die Unterstützung, wahrscheinlich waren sie zu kreativ – im Jahr 2000 wieder zusammengefunden hatte. Kompromisse mochten sie aber immer noch nicht. Im Jahr 2002 erschien mit „mei“ – Kleinbuchstaben sind eines ihrer Markenzeichen – ihr fünftes Studioalbum; oder sollte man es eine „Langzeit-Single“ nennen? Tatsächlich ist genau ein Stück – eben mei – enthalten, das es auf 49:33 Minuten Spielzeit bringt. Den geneigten Musikfreund freut es, immerhin ist es so nahezu unmöglich, die einzelnen Bestandteile des Stückes sinnvoll zu einer „Best-of“-Zusammenstellung zusammenzukleben. Ich wage zu behaupten, „mei“ bleibt auch musikalisch von echolyn unerreicht. Es handelt sich (natürlich) um ein Konzeptalbum, auch textlich: Der Protagonist, von der Liebe enttäuscht, irrt umher, verzweifelt an seiner Situation, beschließt, Held zu werden, wird dann doch keiner und kehrt in die Zivilisation zurück. So weit die Zusammenfassung. Musik: Kansas? Spock’s Beard? Sicher. Vor allem aber: echolyn. Dass echolyn bekennende Anhänger von Gentle Giant sind, wird selten so deutlich wie in den (viel zu kurzen) dreistimmigen Passagen („What have I done“ / „Here I am“ / „Live through me“) von „mei“, kurze Keyboard-Momente klingen direkt wie von Gentle Giant geliehen. Verpackt wird es in einem einmaligen Retro-Prog-Gewand, der Gesang variiert je nach Textzeile von Depression (The Cure) bis Zuversicht (U2), ohne jemals deplatziert zu wirken. Wie die Zeit vergeht, bemerkt der Hörer nicht einmal. Eine Liveversion von mei wurde 2003 auf dem Bootleg „Jersey Tomato vol. 2 (live at the Metlar Bodine Museum)“ veröffentlicht, inzwischen, da nicht mehr offiziell erhältlich, ist dieses Bootleg auszugsweise auf der Website der Band zu hören. Ohne „mei“ wäre der Retro-Prog vermutlich viel ärmer. Zum Glück müssen wir uns das nicht vorstellen.

So weit von mir.

Habt ihr etwas gefunden, was euch gefällt? Gibt es Kommentare, Ergänzungen, Beschimpfungen? Ich hoffe, letztere bleiben aus.

Ich wünsche viel Spaß beim Hören und sage: Nichts zu danken!
Die nächste Rückschau folgt, wenn bis dahin nicht die Welt untergeht, im Juni 2013. Es wäre schön, wenn ihr dann wieder dabei seid.

Bis dann.

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Senfecke:

  1. Und doch (zu danken). Zusammen mit UliUlis Blog (AufeinNeues) sind diese Rückschauen unverzichtbare Kompendien der Gutmusik.

  2. Ich: Narzist.
    Daher: Kontrolliert, warum ich verdammt nochmal kein Dankeschön – … ähem.
    Peinlich berührt, Selbstbeschimpfung.
    Lernen popernen: Conditio sine qua non für den Erhalt einer Antwort ist das Hinterlassen einer Antwortadresse.

    UliUli beackert sozusagen die Galaktische Eastside unserer Milchstraße, ohne den Blues zu bekommen (na, auch DEN deutschen Raumfahrtepos als Kind verschlungen und für immer immun gegen diesen schnarchlangweiligen Star-Wars-Quatsch geworden? Wenn nein: Öder Insiderscherz, egal). Daß ich jemals mit Freude Prog-Rock hören würde (Echolyn), unfaßbar. Andererseits: Wieder ein Stein für das Mauerwerk des Elfenbeinturms, na danke auch (-;

  3. Oder häufiger mal hier reinschauen – spart die Adresse und freut meine Besucherzahlen. Von denen ich halt auch nix habe, wenn keiner meinen Amazon-Links kaufwillig folgt. Mist.

    Ich finde UliUlis Musikempfehlungen beim Überblicken interessant, da mir komplett unbekannt. Mal gucken, ob ich irgendwann mal die Muße finde, reinzuhören. Natürlich: Gelesen. Star Wars? Buh!

    Wenn dir echolyn gefällt, könnte ich dir nun diverse andere Anspieltipps geben. Aber dann kommst du zu nichts anderem mehr. Ich freue mich aber sehr, wenn meine Tipps wenigstens einem Menschen Freude bereiten konnten. Dann kommt mir mein eigenes Tun nicht so sinnlos vor.

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