KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2012 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 10 von 24 der Serie Jahresrückblick

Noch bis zum 31. Dezember 2012 läuft auf Plattentests.de der „Jahrespoll“, und ich ken­ne nur einen sehr, sehr klei­nen Teil der dort auf­ge­führ­ten „Künstler“. Ich hat­te 2012 nun mal bes­se­re Musikalben zu hören als den immer­glei­chen Indiepop-Mist.

Und da schon wie­der Jahresende ist, freue ich mich dar­auf, euch mit gewohnt her­aus­ra­gen­der Grammatik den zwei­ten Teil (den ersten Teil gibt es hier) der Liste der mir am gefal­lend­sten Alben 2012 zu prä­sen­tie­ren. Keine Sorge, selbst­ver­ständ­lich trägt jedes auf­ge­führ­te Album das übli­che Gütesiegel: Ohne Phil Collins.

Big Big Train haben mit „English Electric Part I“ schon mal den ersten Teil eines Doppelalbums, das 2013 regu­lär erschei­nen soll, ver­öf­fent­licht. Ich wer­de mich dann 2013 dar­an set­zen, das Gesamtkunstwerk zu hören und wahl­wei­se weg­zu­wer­fen oder an die­ser Stelle zu wür­di­gen. Einmal muss rei­chen. Aufmerksame Leser wis­sen auch, dass ich es mir nicht neh­men las­se, auch zwi­schen den Rückschauen gele­gent­lich her­aus­ra­gen­de Musikalben zu emp­feh­len. Ich bit­te daher auch die neu­en Scheiben von Guilty Ghosts, Pixel, Last Remaining Pinnacle, Belleruche und Toc.Sin nicht aus den Augen zu verlieren.

Diesmal ent­hält die Rückschau eine Neuerung, näm­lich eine Liste der Alben, die zu gut sind, um sie zu igno­rie­ren, aber für die auf der Bestenliste dann doch kein Platz mehr war. Wie immer liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein rele­van­tes Album über­se­hen habe, den­noch bei unge­fähr 100 Prozent. Ergänzungen sind erwünscht, über mir bis­lang unbe­kann­te Musiker erfah­re ich gern etwas, es kann ja sein, dass ihre Aufnahmen selbst mir gefallen.

Leider konn­te ich nicht zu allen auf­ge­führ­ten Musikalben frei ver­füg­ba­re Hörproben fin­den, ich wer­de daher auch dies­mal gele­gent­lich auf Grooveshark zurück­grei­fen, das in Deutschland nur über Proxyserver erreich­bar ist; Erklärungen hier­zu kann ich bei Bedarf nach­rei­chen. Ich bit­te dies zu entschuldigen.

Nun ist’s aber genug des Geplänkels. Los geht es wie gewohnt mit der Hauptliste:

1. Kauft dies!

  1. Magma - Félicité Thösz

    Magma sind wie­der da - oder immer noch? Tatsächlich ist „Félicité Thösz“ in gewis­ser Weise ein Neuanfang: Mit den bei­den nach lan­ger Pause ver­öf­fent­lich­ten Vorgängeralben „K.A“ und „Ëmëhntëhtt-Ré“ wur­de die „Köhntarkösz“-Trilogie, deren Anfänge bereits in den 1970er Jahren auf Konzerten zu hören waren, abge­schlos­sen, „Félicité Thösz“ ist nun also das erste neue Magma-Album seit „Merci“ (1984).

    Wie sei­ner­zeit „Merci“ ist auch „Félicité Thösz“ für Magma eher unty­pisch: Der düste­re, aus­ufern­de, hyp­no­ti­sche Zeuhl klingt fast voll­kom­men anders. Statt der bom­ba­sti­schen Kompositionen sind kur­ze, beschwing­te Lieder zu hören, wenn­gleich alle bis auf eines im 28-minü­ti­gen Titelstück zusam­men­ge­fasst wur­den. Auch ande­re Gemeinsamkeiten mit „Merci“ fal­len auf: Mit „Les hom­mes sont venus“ ist auch mal wie­der ein Stück mit einem fran­zö­si­schen Titel ent­hal­ten - in der kobaïa­ni­schen Welt von Magma eine Seltenheit, die erwähnt wer­den soll­te. Die Gesamtlaufzeit von „Félicité Thösz“ beträgt 32:24 Minuten. Gilt das schon als kom­plet­tes Album, oder ist das noch ein/e EP?

    Vergleicht man „Félicité Thösz“ mit den vor­he­ri­gen Alben, sieht es mit einer Bewertung also eher schlecht aus, denn das Markenzeichen von Magma, eben der Zeuhl, schwä­chelt hier ein wenig. Die Bewertung des Albums soll­te also nicht im Kontext des Hauptwerkes von Magma erfol­gen, son­dern eigen­stän­dig. Und als ein eigen­stän­di­ges Werk ist „Félicité Thösz“ gleich viel besser:

    Wie schon auf „Merci“ herrscht eine fröh­li­che, bei­na­he aus­ge­las­se­ne Stimmung; Les hom­mes sont venus wird von zwei Sängerinnen zu rhyth­mi­scher Vibraphonbegleitung into­niert, ein­zig das repe­ti­ti­ve Muster kommt dem Magma-Freund bekannt vor.

    Alles ande­re als ein „typi­sches“ Magma-Album liegt hier also vor. Das ist eine merk­wür­di­ge und unge­wohn­te, aber will­kom­me­ne Abwechslung. Dass es so kurz ist, hat einen ein­fa­chen Grund: Zum Titelstück gehört eigent­lich noch ein zwei­tes, das aber laut Schlagzeuger, Gründer und master­mind Christian Vander nicht dazu pass­te. Es ist also abseh­bar, dass Magma noch lan­ge nicht in den Ruhestand gehen. Gut so.

    Hörproben:
    „Félicité Thösz“ gibt es via Grooveshark als voll­stän­di­gen Stream.

  2. DeWolff - DeWolff IV

    Die süd­nie­der­län­di­sche (die Himmelsrichtung muss dem Trio sehr wich­tig sein, denn sie beto­nen sie auf ihrer Internetseite an meh­re­ren Stellen) Formation DeWolff wur­de im Jahr 2007 von den bei­den Brüdern Pablo (Gesang, Gitarre) und Luka van de Poel (Schlagzeug) sowie Robin Piso (Orgel, Hintergrundgesang) gegrün­det. Auf ihrem im Juni erschie­ne­nen drit­ten (!) Vollzeitalbum „DeWolff IV“ - das unbe­ti­tel­te Debüt schaff­te es nur als EP mit sechs Stücken in den Handel - trei­ben DeWolff wei­ter­hin ihr Spiel mit den Genres. Bluesrock (Six Holes & A Ghost) trifft auf Psychedelic Rock, Hardrock und gele­gent­li­che Stoner-Rock-Anklänge (Devil’s Due).

    Ihre Plattenfirma ver­gleicht DeWolff voll­mun­dig mit Pink Floyd, Cream und Deep Purple und liegt damit nicht so sehr dane­ben, wie man das eigent­lich mei­nen soll­te, immer­hin sind Pink Floyd und Cream ein­an­der unge­fähr so ähn­lich wie Apple und das Rote Kreuz. Die Musiker selbst bezeich­nen ihren Stil als „psy­che­de­li­schen, elek­tri­fi­zier­ten, fuz­zge­tränk­ten, eksta­ti­schen, hart groo­ven­den Space-Rock-n’-Roll“. Immerhin ist das aus­sa­ge­kräf­ti­ger als „Wir sind eine Rockband“.

    Genrequark hin oder her: Gefällig ist das Zusammenspiel der drei Herren zwei­fels­oh­ne. Selbst der Sänger, der gele­gent­lich ein wenig nach Robert Plant, manch­mal auch nach den Beatles (die sich ja damals alle vier recht ähn­lich anhör­ten) klingt, gele­gent­lich aber auch ganz anders, schafft es, mich der­art zu über­zeu­gen, dass ich ihn hier sepa­rat erwäh­ne, was bekann­ter­ma­ßen nicht oft vor­kommt. Und obwohl man sich bei­na­he aus­nahms­los in den musi­ka­li­schen 1970-er Jahren bedient, hat man beim Konsum der 11 Stücke kei­ne Sekunde lang das Gefühl, das alles schon mal gehört zu haben.

    Natürlich ist ín den zitier­ten Genres auch mit­un­ter ein Ausfall zu ver­zeich­nen. Das ruhi­ge „Devil On A Wire / The Telephone“ etwa ist trotz der ange­schräg­ten Streicher(?)begleitung so unauf­fäl­lig, dass es das Hörvergnügen in kaum merk­li­chem Maße beein­träch­tigt; gesagt wer­den soll’s dann aber doch. Wobei es eigent­lich all­ge­mein Blödsinn ist, „DeWolff IV“ nach den ein­zel­nen Stücken zu bewer­ten, da die Übergänge qua­si flie­ßend sind und der Hörer somit die Titel- eher als Kapitelliste lesen soll­te. (Das reimt sich.) Das letz­te die­ser Kapitel, Vicious Times, stei­gert sich zum Ende hin zu einer dis­so­nan­ten Klimax und klingt dann, lei­se brum­mend, aus. Und obwohl die­ses Buch schwä­che­re Kapitel hat, ist es in der Summe ein sehr emp­feh­lens­wer­tes Werk, das man zumin­dest mal gele­sen haben sollte.

    Hörproben:
    Zurzeit (11. Dezember) steht auf der Website der Band das kom­plet­te Album zum Anhören zur Verfügung.

  3. Sebkha-Chott - The Ne[XXX]t Epilog v1.0

    Auf Sebkha-Chott (die etwai­ge Bedeutung des Namens ist mir, Verzeihung!, nicht bekannt) wur­de ich im, wenn ich mich recht ent­sin­ne, vor­letz­ten Jahr eher zufäl­lig auf­merk­sam. Sie wur­den gele­gent­lich im Zusammenhang mit der mitt­ler­wei­le auf­ge­lö­sten Avantgarde-Metal-Kabarett-Gruppe Sleepytime Gorilla Museum erwähnt. Beim ersten Anhören war mir das Dargebotene aller­dings deut­lich zu schräg, und wer mich oder auch nur eine mei­ner ver­gan­ge­nen Bestenlisten kennt, der weiß, dass das schon wirk­lich schräg sein muss.

    Allerdings habe ich seit­dem viel Musik gehört, die mein Schrägheitsempfinden ein wenig gedehnt hat. Dem neu­en Album von Sebkha-Chott - „The Ne[XXX]t Epilog v1.0“ - gewähr­te ich also eine zwei­te Chance, und das war im Nachhinein nicht die schlech­te­ste von mir jemals getrof­fe­ne Entscheidung.

    Warum v1.0? Nun, es han­delt sich um ein „wach­sen­des“ Album, das bereits die Fortentwicklung des Albums „Nigla(h) - Tapisseries Fines en XXX Scripts et LXX/X Trompettes“ von 2008 ist und zum Großteil aus über­ar­bei­te­ten Versionen der glei­chen Stücke besteht. Mit v0.9, das nur Phial Shapes und den kur­zen Free Software Song ent­hält, wur­de am 1. Oktober 2012 die erste Fassung ver­öf­fent­licht. Während v1.0 - nun in vol­ler Länge - auf einem phy­si­schen Tonträger daher­kommt, wird das Album qua­si kon­ti­nu­ier­lich wei­ter­ent­wickelt. Am 1. Dezember die­ses Jahres wur­de „Version 1.1“ auf der Website der Band (die lei­der ziem­lich unüber­sicht­lich ist) ver­öf­fent­licht, aller­dings (so weit mir bekannt ist) ledig­lich als Stream. Damit ent­geht dem Musikfreund ziem­lich gutes art­work in Form eines schlich­ten Pappkartons mit reich­lich kom­ple­xem Spinnennetz-Muster, das die Titel der Stücke und eini­ge wei­te­re Informationen beinhal­tet. Die Stücke tra­gen Namen wie Nigla(h) und sind unter­teilt in bis zu neun „Kapitel“, die schon mal Titel wie Nigla(h) I: Variations hemor­ra­gi­ques sur l’Agnus Dei tra­gen. Komplex? Ja. Somit jedoch mehr als nur pas­send zur Musik.

    Laut der Plattenfirma Musea haben Sebkha-Chott ihren Stil „Mekanik Metal Disco“ genannt. Das Wort „Mekanik“ soll­te nun eben­so wie Vergleiche mit Magma nie­man­den in den Glauben ver­set­zen, es han­de­le sich um Zeuhl. Mitnichten! Sebkha-Chott sind bereits zusam­men mit Extra Life und uneXpect auf Tour gewe­sen. Das trifft es wahr­schein­lich besser.

    Dass die mehr oder weni­ger renom­mier­te Website Progarchives.com für „The Ne[XXX]t Epilog v1.0“ momen­tan 1 von 5 Punkten („nur für Sammler“) ver­gibt, ist wahr­schein­lich ein Qualitätskriterium - der Punktegeber war womög­lich gleich­sam über­for­dert wie ich.

    Aber was ist das hier über­haupt? Vermutlich wäre es mit „Avantgarde-Kabarett-Metal-Rock“ gut umschrie­ben. Es wech­seln sich auf Französisch gespro­che­ne und gekreisch­te Passagen, instru­men­ta­le und nur mit Geräuschen unter­leg­te eben­sol­che, Blasmusik und Death-irgend­was in rascher Folge ab. Hier wird etwas erzählt, dort bricht bereits das Gewitter los, nur um gleich wie­der zu ver­stum­men. Geht das als „Musik“ durch? Zumindest sind’s Klänge. Den Avantgardefreund freut es. Zu Nigla(h) I gibt es sogar ein gleich­falls ziem­lich unnor­ma­les Video. Das ist har­te Kost, aber man soll­te sie mal pro­biert haben.

    Hörproben:
    Per Bandcamp.com sind sämt­li­che Musikalben der Band - inklu­si­ve The Ne[XXX]t Epilog v1.0 und v1.1 - anhör­bar und käuflich.

  4. echo­lyn
    „She’d love to fly but the sky won’t hold her.“ (Past Gravity)

    Die Symphonic-Progressive-Rock-Band echo­lyn aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die nor­ma­ler­wei­se ja nicht gera­de als die Wiege des Progressive Rock bekannt sind, hat sich im Jahr 2012 auf beein­drucken­de Weise nach sie­ben Jahren Pause wie­der ein­mal zurückgemeldet.

    Das neue Album trägt kei­nen Titel, auf dem Coverbild ist jedoch ein Fenster zu sehen. Es liegt daher nahe, es wie vie­le die­ser Rezensions-Websites „The Window Album“ oder schlicht - wie bereits das Debüt von 1991 - „echo­lyn“ zu nen­nen, wenn man denn unbe­dingt einen Namen braucht. Namen jedoch, Freunde, sind Schall und Rauch. Lassen wir statt­des­sen die Musik für sich sprechen!

    Und die ist beein­druckend: Das Doppelalbum - bestehend aus zwei­mal vier Stücken, die ins­ge­samt auch auf eine ein­zi­ge CD gepasst hät­ten, aber man hat sich sicher­lich etwas dabei gedacht - beginnt mit Island, mit 16:37 Minuten das läng­ste der Stücke, und somit mit (recht gutem) Rock.

    Alte Stärken - ver­track­te Melodieläufe mit inter­es­san­tem Gitarrenspiel (The Cardinal and I) - tref­fen auf unge­wohn­te Neuerungen wie das fast elf­mi­nü­ti­ge (Speaking In) Lampblack, das in sei­ner Melancholie und Besinnlichkeit an Sigur Rós‘ schreck­lich über­be­wer­te­te Großtat „( )“ erin­nert. Dabei ist gera­de (Speaking In) Lampblack auch aus musik­hi­sto­ri­scher Sicht inter­es­sant, immer­hin erweist die Band mit ihm einer der älte­sten bekann­ten hör­ba­ren Aufzeichnungen von mensch­li­cher Stimme ihre Reverenz. „The Cardinal and I“ als letz­tes Stück auf dem Album endet uner­war­tet mit einer reich­lich schrä­gen Barbershop-Remineszenz.

    Interessant sind auch die Texte:

    Es lohnt sich mal einen Blick auf die Texte zu wer­fen oder ein­fach genau hin­zu­hö­ren. Da gibt es mal ein Sprachsample, wel­ches gerüch­te­wei­se ein zufäl­lig ent­stan­de­ner Mitschnitt eines Streits in der Nachbarschaft von Ray Weston ist. Hier wird völ­lig unvoy­eu­ri­stisch ein all­täg­li­ches Drama als Grundlage eines nach­denk­li­chen Songs ein­ge­baut, faszinierend.

    Natürlich kann man kein zwei­tes Monumentalwerk wie „mei“ erwar­ten, das in der Diskografie von echo­lyn uner­reicht blei­ben dürf­te. In punc­to musi­ka­li­scher Vielseitigkeit, Reife und nicht zuletzt Tiefe aber ist das 2012er Werk der US-Amerikaner ein gro­ßer Schritt nach vorn. Es wird schwer, das zu über­bie­ten - aber auch eine hohe Messlatte soll­te stets ein Ansporn und kei­ne Hürde sein. Auf den näch­sten Sprung bin ich gespannt; hof­fent­lich nicht erst in sie­ben Jahren.

    Hörproben:
    Amazon.de bie­tet die übli­chen Hörschnipsel an.

  5. Beak> - »

    Beak>. Schnabel>. Ja, zwei­fels­oh­ne. Der Zweitling „»“ lässt sich ent­spre­chend inter­pre­tie­ren: Zwei Schnäbel, das zwei­te Album von „Schnabel>“ oder ein­fach nur schnel­les Vorspulen?

    Interessant ist, was die Mannen um Portishead-Mitglied Geoff Barrow hier vor­le­gen, völ­lig unab­hän­gig vom Titel, denn der etwas ein­schlä­fern­de Trip-Hop sei­ner ande­ren Hauptband ist hier einer pri­ma­en Melange aus Krautrock, Ambient und Pop gewi­chen. Jochen Rindfrey von den Babyblauen Seiten erkennt Neu! und Harmonia als Inspirationsquellen. In Stücken wie Wulfstan II klingt das Trio gele­gent­lich auch nach eben­falls ziem­lich guten Musikanten wie WIVE (man höre etwa deren Teethy zum Vergleich).

    Erfreulicherweise wird auch (etwa in „Yatton“) gesun­gen, und das nicht mal übel. Carolin van Mark schreibt im Magazin „Intro“, Ausgabe 204, über den Gesang:

    Drum-Parts zie­hen sich wie eine Art Tempomat durch die Songs, die gele­gent­lich auf­tau­chen­de Stimme for­mu­liert eben­falls eine Spannung aus, die sel­ten auf­ge­löst wird. Wie wenn man nie­sen muss – aber nur beinah.

    Kurz gesagt: Hier bro­delt es stän­dig bis kurz vor dem Ausbruch, aber der kommt nicht. Das ist gut und hält die Spannung auf­recht. Wer im Juni 2011 mei­ner Empfehlung von Kreidlers „Tank“ folg­te und dies nicht bereu­te, der möge hier eben­falls zugreifen.

    Muss ja nicht blind sein.

    Hörproben:
    Hörproben (soll hei­ßen: das kom­plet­te ver­damm­te Album) gibt’s für lau auf Bandcamp oder, wie üblich, aus­zugs­wei­se auf Amazon.de zum Streamen.

  6. The Melvins - Freak Puke

    Mit einem Brummen und merk­wür­di­gem Rasseln, Tuten und Quietschen beginnt das Album „Freak Puke“ der US-ame­ri­ka­ni­schen Musikgruppe The Melvins (gele­gent­lich auch: Melvins). Diese Geräusche gehen nach einer Weile über in so etwas wie eine Rockfassung von Pink Floyds Money mit Registrierkassenklingeln und ande­ren Geräuschen, die Frontmann Buzz Osborne nach einer wei­te­ren Weile mit einer elek­tri­schen Gitarre beglei­tet und dazu sphä­ri­schen Gesang wie einst­mals das Duo Roger Waters und David Gilmour vor­trägt. Das Stück Mr. Rip Off trägt sei­nen Namen viel­leicht nicht zu Unrecht.

    Ansonsten sind zu hören: Schräge Streicher- und son­sti­ge Klangexperimente („Inner Ear Rupture“) und aller­lei Post-Punk- und Grunge-Anleihen (Baby, Won’t You Weird Me Out), die Stimmung ist aus­ge­las­sen bis mit­un­ter mor­bid (Worm Farm Waltz). „Leon vs. The Revolution“ erklärt, wie­so die Melvins in der eng­lisch­spra­chi­gen Wikipedia als Sludge-Metal-Band bezeich­net werden.

    Woher die­se Experimentierfreude? Nun, auf „Freak Puke“ spielt unter ande­rem Bassist Trevor Dunn, der anson­sten mit Mike Patton (Mr. Bungle), John Zorn und ähn­li­chen Experimentalmusikern zusam­men­ar­bei­te­te und zusam­men­ar­bei­tet. An sei­ner Stelle muss­ten die regu­lä­ren Bandmitglieder Jared Warren (Bass) und Coady Willis (zwei­tes Schlagzeug) zu Hause blei­ben. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass allein die­se Personalie schon gro­ßen Einfluss dar­auf hat­te, wie „Freak Puke“ klingt.

    Dabei sind die Melvins trotz der (hier) klas­si­schen Punkband-Besetzung (Schlagzeug, Bass, Gitarre/Gesang) noch nie ein­deu­tig einem Genre zuzu­ord­nen gewe­sen. Seit ihrer Gründung 1983 haben sie 21 Studioalben in ver­schie­de­nen Besetzungen ver­öf­fent­licht, außer Buzz Osborne ist von der Originalbesetzung nie­mand mehr geblie­ben. Auffällig ist allen­falls, dass es in den letz­ten 29 Jahren über­wie­gend eine sol­che Triobesetzung gab.

    Obwohl sie sti­li­stisch eine eige­ne Nische beset­zen, ist der Einfluss der Melvins auf ande­re Musikgruppen unver­kenn­bar; unter ande­rem bezeich­ne­te Kurt Cobain (Nirvana) sie gele­gent­lich als sei­ne Lieblingsband. (Dass auf „Freak Puke“ mit Let Me Roll It auch ein Stück von Paul McCartney und den Wings geco­vert wird, ist schon des­halb ein recht wit­zi­ger Einfall.)

    Gefallen könn­te „Freak Puke“ allen, die Post-Punk (und eine zah­me Version von Mr. Bungle) mögen. Wer davon noch nie etwas gehört hat, dem emp­feh­le ich, zunächst ein­mal hineinzuhören.

    Hörproben:
    Mit Auszügen kann Amazon.de auf­war­ten, via Grooveshark gibt es „Freak Puke“ in vol­ler Länge zu hören.

  7. The Hirsch Effekt - holon : anamnesis
    „Wer sich jetzt noch umdreht, ist sel­ber schuld.“ (Anamnesis)

    The Hirsch Effekt, die ich bereits 2010 einen musi­ka­li­schen Wahnsinn nann­te, nah­men Anfang die­ses Jahres ihren Zweitling „holon : ana­mne­sis“ (zu Deutsch unge­fähr „Seiendes: Erinnerung“) als Nachfolger von „holon : hiber­no“ (zu Deutsch sicher­lich auch irgend­et­was) auf, der Ende August schließ­lich offi­zi­ell erschien. Die VISIONS (Nr. 234) mag die­ses Album und ich mag es trotz­dem auch.

    Verglichen mit dem Debütalbum hat sich nur wenig ver­än­dert. Die Stilvielfalt, der hek­ti­sche Wechsel zwi­schen Klassik und METAL \m/ haut den erfah­re­nen The-Hirsch-Effekt-Hörer nicht mehr über­rascht vom Stuhl, was ein biss­chen scha­de ist, denn vor­lie­gen­des Album ist, was man so leicht ver­kennt, qua­si der ulti­ma­ti­ve rocken­de Wolpertinger.

    Die Zahl der Gastmusiker ist noch­mals gestie­gen, ich zäh­le 32 (ver­gli­chen mit den 17 vom Debütalbum, auf dem aller­dings auch der Kammerchor Hannover mit­wirk­te). Zu die­sen Gastmusikern gehört auch Tobias Lietz von Caleya, mit denen The Hirsch Effekt gele­gent­lich gemein­sam musi­zier­ten und 2010 unter dem Titel „Apogæum / Perigæum“ eines die­ser neu­mo­di­schen Split-EPs ver­öf­fent­lich­ten und deren Album „Trÿmmermensch“ (pro­du­ziert von Nils Wittrock, Sänger und Gitarrist bei The Hirsch Effekt) ich 2011 emp­fahl. Tobias Lietz steu­ert Gesang bei, aber das macht nichts.

    Mit Kammermusik beginnt das Album: Anamnesis haut dem Hörer nicht gleich die vol­le Breitseite über den Schädel, son­dern ist eine bei­na­he sanf­te Einleitung in das zwei­te Stück Limerent. Der Übergang ist flie­ßend. Die neun Stücke sind trotz­dem neun Stücke, weil zwi­schen dem bra­chia­len Mara und dem beein­drucken­den Indie-Rock-Stück Irrath eine opern­haf­te Choralpassage mit Sopransängerin, Tenor, Bass und Countertenor ein­ge­scho­ben ist, die in den liner notes zwar kei­nen eige­nen Namen hat, aber als „Teil dazwi­schen“ bezeich­net wird. Irre, nicht nur wegen des unge­wöhn­li­chen Musikstils.

    Gesungen wird wei­ter­hin - mit Ausnahme des Satzes What took you so long? in Limerent, bei des­sen Lesen ich umge­hend an den gleich­na­mi­gen Popquatsch von Emma Bunton, dem ehe­ma­li­gen ehe­ma­li­gen Spice Girl, dach­te, was zeigt, dass MTV mei­ne frü­he Jugend nach­hal­tig ver­dor­ben hat; aber zurück zu The Hirsch Effekt - auf Deutsch. Ob man von Gesang spre­chen soll­te? Nils Wittrock kann zwar auch har­mo­nisch, aber er bevor­zugt Wildheit. Von Banausen oft geschol­te­nes Geschrei fehlt hier wie schon auf dem Debüt nicht, ist aller­dings jeden­falls für mich nicht als Ausdruck von Gefährlichkeit - „raaah, wir sind so böse!“ - zu erken­nen, son­dern als Parodie auf ein gan­zes Genre. Wo es passt, wird auch schon mal Aggression her­aus­ge­brüllt. Der Titel Ira (latei­nisch „Zorn“) trägt sei­nen Namen nicht zu Unrecht.

    Apropos: Die Texte sind gewohnt klas­se. Es geht wie schon bis­her vor allem um unglück­li­che Liebe, was ja nicht schlimm ist, wenn man es in Worte und vor allem Melodien klei­det, aus denen nicht der Schmalz trieft. Obwohl die Metapher vom „Kotzen vor Glücklichsein“ noch­mals auf­ge­grif­fen wird, kann man sich über man­geln­de Kreativität offen­sicht­lich nicht bekla­gen: Was ist schon der Tod im Verhältnis zu dir und der Kunst, die Gelassenheit, die mir so fehlt, zu haben? (Agitation)

    The Hirsch Effekt betrei­ben hier nicht nur Denkmalpflege, sie ent­wickeln ihren Stil kon­se­quent wei­ter. Zwar ist der Überraschungseffekt auf dem zwei­ten Album ver­flo­gen, dafür wur­de der bekann­te Stil ver­fei­nert. Die Arrangements, die die Musik beglei­ten, sind erst­klas­sig. Das abschlie­ßen­de Datorie rührt mit der Kombination aus Streichern und Text (Und das, was mir hier so fehlt, / ist ganz bestimmt nicht bil­lig, / sonst wärst du ja noch hier) zu Tränen. Das Stück stei­gert sich - das wird all­mäh­lich zur Gewohnheit auf Musikalben - in eine leicht schrä­ge Klimax mit zur Wut gestei­ger­tem Gesang, und das Album ist bei­na­he aus.

    „holon : ana­mne­sis“ ist kei­ne Stagnation auf hohem Niveau. Es wird nicht sta­gniert, es wird poliert. Man bewun­de­re den Feinschliff ehr­fürch­tig und labe sich an die­sem Album.

    Hörproben:
    Wer glaubt, dass ihm 30 Sekunden genü­gen, der möge auf Amazon.de in das Album hineinhören.

  8. Dinosaur Jr. - I Bet on Sky
    „I’ve been left with a bad taste now can you see it“ (See it on your side)

    Dinosaur Jr. (das „Jr.“ häng­ten sie kurz nach ihrer Gründung Mitte der 1980-er Jahre an ihren Namen, um eine älte­re Hippieband namens Dinosaurs zu ärgern) sind schon eine gan­ze Weile im Geschäft. Alle drei am Debütalbum „Dinosaur Jr.“ (1985) betei­lig­ten Musiker sind noch bezie­hungs­wei­se wie­der Mitglied der Gruppe. Die sie­ben Jahre Auszeit, die sich Dinosaur Jr. von 1998 bis 2005 nah­men, hat ihnen sicht­lich und vor allem hör­lich gut getan.

    Zu hören ist erdi­ger Bluesrock mit Einsprengseln von Alternative, Noise und Punk. („Punk ist tot“ ist tot.) Jörn Schlüter („Rolling Stone“) schreibt ein wenig differenzierter:

    [D]ie Band ins­ge­samt bei ihren Leisten: schwan­ken­de Midtempo-Hardrocker mit Black-Sabbath-Riffs, dünn-gebro­che­ner Gesang, schmat­zen­de Crazy-Horse-Soli, ultratrau­ri­ge, im Gitarreninferno ver­senk­te Popschmachter und pum­pen­de Punkrock-Explosionen.

    Und immer die­se Texte: Caring is rude / and natu­re is cru­el (Rude). Zuversichtlich ist hier nichts. Der Protagonist sämt­li­cher Texte ist zumeist zynisch-depri­miert und hoff­nungs­los. Can you help me along with things?, fragt er in Stick a toe in und war­tet gar nicht erst auf eine Antwort. Möge der Himmel helfen.

    „I Bet on Sky“. Wer nicht auf Texte ach­tet, den dürf­te die­ses Album in Feierstimmung ver­set­zen, wer es tut, dem könn­te es ein trö­sten­der Begleiter sein: Schau, ande­ren geht’s auch nicht bes­ser. Die Musik jeden­falls ist Rock, wie ich ihn die­ses Jahr lei­der viel zu sel­ten gehört habe. Und von guter Rockmusik kann man nie genug haben.

    Hörproben:
    Halbminütig darf auf Amazon.de, kom­plett auf Grooveshark.com rein­ge­hört werden.

  9. The Flower Kings - Banks of Eden
    „In the cen­ter of grief it’s the hour of need, the bell strikes for dar­ker days.“ (Pandemonium)

    In den 1990-er Jahren wuchs das Retro-Prog-Genre, des­sen Vertreter sich über­wie­gend auf Yes, Genesis und Gentle Giant beru­fen, her­an zu einem unüber­schau­bar wuchern­den Gestrüpp, in dem man sich leicht ver­fan­gen konn­te. Einige weni­ge Vertreter (zum Beispiel Änglagård, Beardfish und die oben bereits erwähn­ten echo­lyn) schaff­ten es, sich mit einem eigen­stän­di­gen Stil aus der Masse posi­tiv abzu­he­ben, eini­ge ande­re gin­gen glück­li­cher­wei­se unter.

    Und dann sind da noch die Flower Kings.

    Von den Flower Kings hal­te ich nicht mehr als nötig. Gründer Roine Stolt kann man zugu­te­hal­ten, dass er zumin­dest den Progressive Rock noch aus erster Hand kennt, immer­hin war er in den 1970-er Jahren (und noch­mals vor weni­gen Jahren) in der schwe­di­schen Band Kaipa aktiv. Dass Kaipa seit ihrer Reformierung im Jahr 2000 wie die Flower Kings klin­gen, ist eine iro­ni­sche Fußnote. Roine Stolt ist sozu­sa­gen der schwe­di­sche Billy Sherwood: Sobald er betei­ligt ist, klingt alles nach Roine Stolt. (Dass ich das, was Roine Stolt tut, grund­sätz­lich musi­ka­lisch bes­ser fin­de als das, was Billy Sherwood tut, soll­te die­ser Aussage zumin­dest bei­gefügt werden.)

    Mein per­sön­li­ches Problem mit den Flower Kings ist die Beliebigkeit, mit der sie agie­ren. Natürlich ist das, was sie auf ihren Alben zu Gehör brin­gen, hand­werk­lich gut, aber es klingt eben immer irgend­wie gleich. Man stel­le sich vor, Genesis ohne Phil Collins und mit Steve Hackett wür­den vier­zig Jahre spä­ter gemein­sam musi­zie­ren. Das sind die Flower Kings. (Wer jetzt, wie ich, das Gummibärenlied im Kopf hat: Selbst schuld.)

    Vor die­sem Hintergrund ist „Banks of Eden“ nicht mal schlecht. Dass es außer der nor­ma­len Ein-CD-Version auch ein Doppelalbum gibt, das außer ein wenig mehr Musik auch ein Interview mit den Musikern zur Entstehung des Albums beinhal­tet, sei mal ver­zie­hen, gera­de im Progressive-Rock-Sektor wer­den Einzel-CDs heut­zu­ta­ge schon fast als Rarität betrach­tet. (Der geneig­te Musikfreund ärgert sich ein wenig dar­über, dass Plattenfirmen das vor vier­zig Jahren anders gese­hen haben.) Man muss es ja nicht gleich über­trei­ben wie King Crimson, deren „Larks‘ Tongues in Aspic“ in die­sem Jahr auf 13 (drei­zehn!) CDs, 1 DVD-Audio und 1 Blu-Ray-Scheibe (macht 15 Scheiben ins­ge­samt) neu auf­ge­legt wur­de. Aber wir schwei­fen ab.

    Das Album selbst - die Einzel-CD-Version - hat eine Spielzeit von 53:25 Minuten und ist damit durch­aus län­ger als das durch­schnitt­li­che Album heut­zu­ta­ge. Das könn­te zwar reich­lich ein­tö­nig wer­den, aber die Chance, dass doch noch irgend­was Herausragendes pas­siert, ist auf län­ge­ren Alben bekannt­lich grö­ßer als auf kür­ze­ren. Und tat­säch­lich: Obwohl „Banks of Eden“ gele­gent­lich aus alt­be­kann­tem AOR in unauf­fäl­li­gen Takten besteht, gibt es doch die Aha-Momente; viel­leicht häu­fi­ger als auf den mei­sten vor­he­ri­gen Flower-Kings-Alben.

    So ein Moment ist etwa For The Love Of Gold, in dem die Musiker sich alle Mühe geben, ihr zwei­tes gro­ßes Vorbild Yes aus­führ­lich zu wür­di­gen. Das mar­kan­te Bassspiel Chris Squires fehlt zwar auch wei­ter­hin, aber sel­ten waren die Flower Kings so weit ent­fernt vom immer­glei­chen Stadionrock. Mit Numbers (25:20 Minuten) gibt es auch wie­der - wie für die Flower Kings üblich, die­se Marotte haben sie eben­falls bei ihren Vorbildern abge­schaut - einen long­track zu hören. Ich wage zu behaup­ten: Wer Yes und Genesis mag und auch nichts gegen etwas weni­ger fal­set­tier­ten Gesang ein­zu­wen­den hat, dem gefällt „Banks of Eden“ eben­falls. Und dann wird er sich alles ande­re kau­fen, was die Flower Kings bis­her ver­öf­fent­licht haben, und dem Rest die­ser Liste kei­ne Aufmerksamkeit mehr wid­men, weil das so lan­ge dau­ert und er es danach ver­ges­sen haben wird. Schade. Ich hof­fe, das geht nicht vie­len so. Übrigens haben Kaipa in die­sem Jahr mit „Vittjar“ eben­falls ein neu­es Album her­aus­brin­gen las­sen, das ich nicht uner­wähnt las­sen möchte.

    Ich mag Genesis ohne Phil Collins.

    Hörproben:
    In alle Musikstücke von bei­den (!) CDs kann man unter ande­rem auf Amazon.de hineinhören.

  10. Neneh Cherry & The Thing - The Cherry Thing
    „Keep tho­se dreams bur­nin‘ fore­ver“ (Dream Baby Dream)

    Neneh Cherry ist halb­ge­schwi­ster­lich mit Eagle-Eye Cherry (Save Tonight) ver­wandt und hat 1994 gemein­sam mit dem mir gleich­falls erfreu­lich unbe­kann­ten Youssou N’Dour die grau­en­vol­le Single 7 Seconds auf­ge­nom­men und/oder ver­öf­fent­li­chen las­sen, die im Radio eine Zeitlang rauf und run­ter lief.

    Hat euch das abge­schreckt? Das ist bedau­er­lich! Hier näm­lich ist Neneh Cherry aus­nahms­wei­se nicht mit irgend­ei­nem schlech­ten Popmusiker zusam­men zu hören, son­dern mit dem skan­di­na­vi­schen Free-Jazz-Trio The Thing, deren Mitglieder (Paal Nilssen-Love, Mats Gustafsson und Ingebrigt Håker Flaten) in die­sem Genre alle­samt kei­ne Unbekannten sind. Free Jazz - ich erklä­re es kurz - ist das, was eure Eltern „MACH DEN MIST AUS!“ nennen.

    Diese Wandlung ist nur wenig über­ra­schend, Neneh Cherrys Stiefvater Don Cherry war ein dem Vernehmen nach nicht unta­len­tier­ter und nicht unbe­kann­ter Free-Jazz-Trompeter. Konsequenterweise ist auf „The Cherry Thing“ nur wenig Pop zu hören, statt­des­sen wird ein so frei­er Jazz gespielt, dass auch RIO/Avant-Freunde wie ich auf ihre Kosten kom­men. Wer Jazz zu lang­wei­lig fin­det, der könn­te „The Cherry Thing“ trotz­dem - oder erst recht - mögen. Von „kon­trol­lier­tem Chaos“ ist im Internet die Rede. Der geneig­te Musikfreund ver­nimmt zudem - und sei’s nur die Instrumentierung - Erinnerungen an die längst legen­dä­re und viel zu früh auf­ge­lö­ste Slow-Rock-Gruppe Morphine, die die Jugend heut­zu­ta­ge natür­lich auch längst nicht mehr kennt. Das ist ärgerlich.

    Ben Hiltrop beschreibt’s so:

    Zwar bre­chen The Thing ger­ne in typi­sches Jazz-Gefrickel aus und schei­nen unkon­trol­liert ihre Instrumente zu mal­trä­tie­ren, doch in den genau rich­ti­gen Momenten zügeln sie ihre Spielfreude, um ihrer Frontfrau wie­der ein ange­mes­se­nes Sound-Bett zu garan­tie­ren. (…) [D]ie Fusion aus einem Jazz-Grundgerüst und der Attitüde einer Bristol-TripHop-Platte ist der­zeit einmalig.

    Die Kombination aus dem rück­sichts­lo­sen Lärm, den The Thing seit jeher einem meist begei­ster­ten Publikum ser­vie­ren, und dem Avant-Pop und Trip-Hop, den Neneh Cherry außer­halb ihrer Chartskarriere übli­cher­wei­se ver­öf­fent­licht, ergibt eine ziem­lich ein­zig­ar­ti­ge Mischung. Dabei stört auch nicht, dass sechs der acht Stücke Coverversionen (dar­un­ter auch Golden Heart von Don Cherry) sind, denn die betei­lig­ten Musiker beschrän­ken sich nicht auf blo­ßes Nachspielen. „The Cherry Thing“ klingt wie aus einem Guss, der Charakter der Musik von sowohl The Thing als auch Neneh Cherry prägt qua­si jeden Takt. So wenig ich auch von Jazz ver­ste­he: Im Jazz-Umfeld ist dies hier ein­deu­tig mei­ne Platte des Jahres.

    „The Cherry Thing“. Das Kind in mir lacht sich kaputt.

    Hörproben:
    Ich bezweif­le, dass blo­ßes Anspielen ein­zel­ner Stücke genügt, um die­sem Album gerecht zu wer­den. Wer’s denn unbe­dingt möch­te, der wird zum Beispiel auf Amazon.de fündig.

  11. Barberos - OOO

    „OOO“. Bisweilen auch „000“ genannt. Soso. Was kann bei so einem Titel schon schiefgehen?

    Den Musikfreund wird’s viel­leicht freu­en, dass „OOO“ - in einer Auflage von vor­erst 500 Exemplaren - nur als Vinyl und Download ver­füg­bar ist. Das ist schön, mein CD-Schrank ist näm­lich bereits voll genug. Zeit, einen Vinylschrank zu kau­fen. Das Coverbild soll­te man auch im Großformat gut fin­den kön­nen: Drei von Fernrohren durch­sto­ße­ne Schädel mit Würmern und ähn­li­chem Inhalt. Interessant. (Schädel, immer­hin, sind hier nicht völ­lig ver­kehrt: Barberos sind in der spa­ni­schen Sprache schlicht Friseure.)

    Beteiligt sind dann auch exakt drei mir nament­lich unbe­kann­te Musiker, näm­lich zwei Schlagzeuger und einer, der für diver­se Tasteninstrumente (Synthesizer, Keyboards und der­glei­chen) zustän­dig ist. Das Ergebnis ist inter­es­san­te (instru­men­ta­le) Polyrhythmik. In ihrer Selbstbeschreibung fin­den die Musiker ihr Bühnenspiel bei­na­he inter­es­san­ter als die eigent­li­che Musik:

    Barberos infu­se ele­ments of jazz, noi­se, dub, break­core and prog, framed in heart racing thea­trics using costu­me and pro­jec­tions to com­mu­ni­ca­te their joy­ful dan­ce­ab­le musings to their ever wide­ning audience.

    Das ist ziem­lich gut und ziem­lich schräg. Wer RIO/Avant mag, dem sei’s eben­so wärm­stens emp­foh­len wie denen, die „»“ von Beak> (sie­he oben) mögen; die elek­tro­ni­schen Spielereien mit mono­to­nen Mustern (etwa in „Hot Squash“) sind sel­bi­gem recht ähn­lich, wenn­gleich wegen der zwei Schlagzeuger deut­lich mehr rhythmusfixiert.

    Was trotz­dem ein biss­chen fehlt, ist Gesang. Der wür­de „OOO“ zwar zusätz­lich abrun­den, wei­gert sich jedoch par­tout, hier zu erschei­nen. Nichtsdestoweniger ist das joy­ful dan­ce­ab­le musing aus­rei­chend pri­ma, um hier auf­ge­führt zu wer­den. Ich mache das hier ja nicht zum ersten Mal und behaup­te daher, dass das ein posi­ti­ves Qualitätskriterium ist.

    Hörproben:
    „OOO“ gibt es zum Streamen und Kaufen per Bandcamp als Komplettpaket.

  12. Stolen Babies - Naught
    „All the things I think when I am weak are kil­ling me.“ (Swimming Hole)

    Apropos schräg; Auch die Stolen Babies mel­den sich mit einem neu­en Album zurück.

    Seit ich im Jahr 2007 erst­mals über die­se Musikgruppe berich­te­te, war nur mehr wenig von ihnen zu hören. Das lan­ge ange­kün­dig­te zwei­te Album wur­de immer wie­der ver­scho­ben, es wur­den ledig­lich nach­ein­an­der die Lieder Grubbery und Splatter ver­öf­fent­licht. Das war schön, denn so konn­te man sehen, dass man noch mit den Stolen Babies rech­nen konnte.

    Nun erschien also „Naught“. Es zu bekom­men erwies sich als trick­reich: Die Plattenfirma lie­fert nicht nach Deutschland, Amazon hat den Liefertermin nach Erscheinen erst mal zwei Wochen nach hin­ten gescho­ben. Letztendlich konn­te ich mit­tels heim­li­cher Kontaktierung fin­ste­rer Gestalten (und über den Amazon-„Marktplatz“) doch noch schnell ein Exemplar ergat­tern. Mein Fazit: Nun ja.

    Vielleicht hat mich der Genuss aller­lei schrä­ger Musik in den letz­ten Jahren - etwa der oben erwähn­ten Sebkha-Chott - ein wenig taub gemacht für die eigent­li­che Radikalität der Musik auf „Naught“, viel­leicht ist der Oha-Effekt des Debütalbums nach fünf Jahren auch ein­fach nur ver­flo­gen; vom Hocker haut mich das hier Dargebotene jeden­falls nicht.

    Das soll kei­nes­falls bedeu­ten, dass sel­bi­ges irgend­wie schlecht wäre. Die Stolen Babies blei­ben sich treu und spie­len eine eigen­ar­ti­ge Mischung aus Thrash und Metal und Gothic und Zirkus, dass es eigent­lich eine wah­re Freude ist. Frontfrau und Akkordeonistin Dominique Lenore Persi (mit dem Namen kann man eigent­lich kaum etwas ande­res wer­den als Künstlerin) trägt dazu ihre bekann­ten, mit­un­ter rasan­ten Wechsel zwi­schen ver­füh­re­ri­schem Säuseln und qua­si teuf­li­schem Schreien bei. Stagnation auf hohem Niveau sozu­sa­gen. Für Ohrwürmer ist jeden­falls auch wie­der gesorgt. Allein schon Splatter ist ziem­lich spit­ze und ver­bleibt für eine Weile im Gedächtnis.

    Beinahe under­state­ment zeigt das art­work dies­mal. Keine Feuer, kei­ne Monster, kei­ne ren­nen­den Kinder - „Naught“ wird ver­ziert von einer ruhi­gen Comiclandschaft mit einem rosa Schaf. Klappt man das Album jedoch auf, ent­fal­tet sich eine ganz ande­re Landschaft:

    Inlay von "Naught"

    Das spielt ein­drucks­voll mit der Erwartungshaltung des Hörers, der sich dann mit Texten wie die­sem kon­fron­tiert sieht (Dried Moat): No one ever gets out­side without losing part of their life.

    Da ist sie wie­der, die Tim-Burton-Atmosphäre. Wer das Debütalbum mag, der soll­te „Naught“ längst haben; wer bei­de Alben noch nicht kann­te, der soll­te das schleu­nigst nach­ho­len. Die Stolen Babies sind eine die­ser Musikgruppen, die man ent­we­der mag oder nicht mag. Ich mag sie, und ihr soll­tet das auch tun.

    Hörproben:
    Als ich mit die­ser Rückschau begann, gab es noch man­chen offi­zi­el­len Stream für „Naught“. Inzwischen ist Grooveshark eine der weni­gen ver­blie­be­nen lega­len, ver­läss­li­chen Quellen.

  13. SH.TG.N

    Noch mal zurück zum guten, alten (bezie­hungs­wei­se in die­sem Fall neu­en) RIO/Avant. SH.TG.N (sprich wahr­schein­lich: Shotgun, ergän­ze also: O/U) kom­men aus Belgien. Die sechs Musiker ver­eint gemäß eige­ner Aussage eine Faszination für Frank Zappa, Dillinger Escape Plan, Naked City und James Last. Ungefähr so muss man sich das Debütalbum - lässt man das selbst­pro­du­zier­te Livealbum von 2011 unbe­rück­sich­tigt - auch vor­stel­len. Hat es eigent­lich einen Namen, heißt es wie die Musikgruppe selbst? Das ist zumin­dest mir bis­her nicht ganz klar.

    Das Coverbild ist bemer­kens­wert: Unter Bäumen, an denen jemand Tiere (eine Gans, einen Hasen und diver­se ande­re) auf­ge­hängt hat, tan­zen zwei (ver­mut­lich) Frauen mit Totenschädeln anstel­le ihrer Köpfe. Nein, fröh­li­chen, beschwing­ten Pop braucht hier schon mal kei­ner zu erwar­ten. Auffällig ist auch die Besetzungsliste: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang und ein Vibraphon wer­den auf­ge­führt. Dass das Vibraphon ein Instrument ist, das bei all­zu frei­för­mi­ger Musik oft unter­geht, ist eine berech­tig­te Befürchtung, die hier jedoch nicht not­wen­dig ist.

    Die Band selbst nennt ihren Stil „psy­cho­ti­schen zeit­ge­nös­si­schen pom­pö­sen Heavy Metal“. Der Pressetext wird etwas prä­zi­ser und umschreibt das Tun von SH.TG.N als Konzentration der dunk­len, gewalt­sa­men Energie des Metal mit den for­dern­den und auf­re­gen­den Strukturen zeit­ge­nös­si­scher Musik und der Freiheit des Jazz. Jazz? Finde ich gut. Sollte irgend­je­mand von euch, lie­be Leser, Jazz mit ödem Getröte (zum Beispiel Miles Davis) gleich­set­zen, dann hat er obi­ge Rezension zu „The Cherry Thing“ anschei­nend auch noch nicht gele­sen und soll­te sich von mir an die­ser Stelle geschol­ten fühlen.

    Sänger Mikrofonbediener Fulco Ottervanger klingt gele­gent­lich (Camera Obscura) nach Toby Hoffmann (Ira!), gele­gent­lich auch nach einem die­ser heu­ti­gen Hard-Rock-Shouter (ist das über­haupt ein Wort?), und ver­sucht gar nicht erst, Wohlklang zu erzeu­gen. Er schreit, kreischt und brüllt über die alles ande­re als grad­li­ni­ge Instrumentalbasis ein­fach hin­weg, was inter­es­san­ter­wei­se nicht mal als unpas­send wahr­ge­nom­men wird. Je ver­track­ter die Musik, desto ver­track­ter die Vokalakrobatik. Hörbare Einflüsse? Jello Biafra, Frank Zappa, eine Schlägerei. „Es geht hier um alles ande­re als mas­sen­taug­li­che Musik“ schreibt „MP“ auf Rezensator.de wie zur Warnung. Aber ist die wirk­lich notwendig?

    Trotz all der Verworrenheit hat das Album, wie auch immer es nun hei­ßen mag, den „Tipp des Monats November 2012“ auf den aus­rei­chend renom­mier­ten Babyblauen Seiten errin­gen kön­nen. Diesem Tipp möch­te ich mich vor­be­halt­los anschließen.

    Hörproben:
    Die Website der Belgier ist voll von sol­chen, nicht nur auf die­ses Album beschränkt. Man mache reich­lich Gebrauch davon.

  14. Toy

    Und noch ein Album, das eigent­lich kei­nen Titel hat. „Selbstbetitelte“ Alben, also sol­che, die man­gels erkenn­ba­rem Titel ein­fach mal den Namen des Interpreten auf­ge­drückt bekom­men, sind ja gera­de in Mode. (Mit die­sem Unsinn ange­fan­gen haben mei­nes Wissens 60-er-Jahre-Musiker wie die Beatles mit ihrem „wei­ßen Album“, das nun mal schlicht kei­nen Namen hat; ich las­se mich übri­gens in jeden­falls die­sem Fall gern eines Besseren belehren.)

    Wo’s schon an Oberflächlichkeiten fehlt, kommt der Inhalt um so bes­ser zur Geltung. Ziemlich guten Indie-Rock mit New-Wave- und Noiserock-Einflüssen spielt das bri­ti­sche Quintett Toy auf sei­nem Debütalbum. Toy sind sozu­sa­gen Abtrünnige der im letz­ten Jahrzehnt mehr oder weni­ger akti­ven Londoner Band Joe Lean and the Jing Jang Jong, aus deren ange­kün­dig­tem Album offen­bar nichts wur­de. Das haben Toy nun nach­ge­holt. Dabei wird das Andenken an ver­gan­ge­ne musi­ka­li­sche Hochzeiten hoch gehal­ten; ein aktu­el­les Foto der fünf Herren weckt Erinnerungen. Und über­haupt: Die Achtziger.

    Bereits das erste Stück Colours Running Out erin­nert unser­ei­nen an The Cure, The Smiths, The Raveonettes und ähn­li­che Musikgruppen. Das klingt zwar wie schon mal irgend­wo gehört, aber kei­nes­falls schlecht. El Hunt vom Webmagazin DIY schreibt:

    The spraw­ling post-rock of My Bloody Valentine is ever-pre­sent, hints of Captain Beefheart and the avant-gar­de rock of Can too. It’s nigh on impos­si­ble to listen to this album, in fact, without count­less touch­stones sprin­ging to mind.

    Das soll auch nicht bedeu­ten, dass Toy kei­nen eige­nen Stil pfle­gen wür­den: Bereits das fol­gen­de The Reasons Why hat etwas von The Who und den Strokes (und die­sem bereits ange­deu­te­ten 80-er-Jahre-Stil), klingt aber trotz­dem erfri­schend modern. Interessant sind die psy­che­de­li­schen, instru­men­ta­len Zwischenspiele etwa in Dead & Gone, die mich als einen beken­nen­den Anhänger schrä­gen Krautrocks ins­be­son­de­re davon ablen­ken, dass der Gesang eher so mit­tel ist, weil ihm eben die eigen­stän­di­ge Note fehlt. Diese Ablenkung ist gut, denn so ist das Album noch gut genug, um auf die­ser selbst­ver­ständ­lich unum­stöß­li­chen Liste zu lan­den. Genießt es!

    Hörproben:
    Momentan (Stand: 15. Dezember 2012) ist das Album auf musicomh.com in vol­ler Länge zu hören.

  15. Broken Water - Tempest

    Stürmische Zeiten für Musikliebhaber: Wie das neue Album von Bob Dylan heißt auch sel­bi­ges von den US-Amerikanern Broken Water. Während erste­rer, Herrn Dylans, Sturm jedoch eher ein lau­es Lüftchen bleibt, gibt’s von letz­te­rem Trio stür­mi­schen Noisepop um die Ohren.

    Broken Water wer­den im Föjetong nur all­zu gern mit Sonic Youth ver­gli­chen. Natürlich, von Vergleichen lebt der Musikschreiberling. Natürlich hört der geneig­te Musikfreund über­all, wo’s noi­sig schep­pert, „Goo“ her­aus, aber das ist nicht alles. Bei all der Lo-Fi-Ästhetik, die Broken Water pfle­gen, sind sie näm­lich doch auch melo­di­ös und tat­säch­lich bei­na­he radio­taug­lich. So weit ist zum Beispiel Paranoid nicht von den all­zu main­strea­mi­gen The Cure (in weni­ger jau­lig) ent­fernt, bezie­hungs­wei­se eben:

    Noisige Gitarrenwände tref­fen auf wüten­den Punk auf wun­der­voll pop­pi­ge Strukturen, und alles macht (sic!) zusam­men Sinn.

    Anders als bei den ande­ren Noisepopbands kommt hier auch mal ein Mann zu Wort; Jon Hanna, der ein­zi­ge Mann im Trio und neben Schlagzeugerin Kanako Pooknyw Gründer von Broken Water, über­nimmt in eini­gen Stücken den Gesang, in ande­ren ist eine der bei­den Frauen (die zwei­te ist Bassistin Abigail Ingram) zu hören. In jedem Fall steht er den rau­en Eskapaden der Instrumente bei­na­he als ruhi­ger Gegenpol gegen­über, in River Under The River etwa erin­nert die beton­te Lässigkeit von Frau Ingram an die von Lou Reed in sei­nen jun­gen Jahren, der sich von auf­ge­türm­ten Gitarren-Feedbackwänden auch nicht aus der Ruhe brin­gen ließ. The Velvet Underground, ohne geht’s eben doch nicht.

    Das alles ist laut und lär­mend und ein­gän­gig und gut und soll­te unbe­dingt mal gehört wer­den. Das hier ist mehr als hei­ße Luft.

    Hörproben:
    30 Sekunden genü­gen? Dann ist Amazon.de eine gute Quelle für’s Reinhören.

  16. Pontiak - Echo Ono

    Die US-ame­ri­ka­ni­sche Psychedelic-Rock-Band Pontiak - nicht zu ver­wech­seln mit dem Ottawa-Häuptling und/oder der Automarke Pontiac - hat­te ich ganz ver­ges­sen, bis mir zufäl­lig ihr dies­jäh­ri­ges Album „Echo Ono“ unter­kam. Zu mei­ner per­sön­li­chen Freude hat es mit Yoko Ono so wenig zu tun, dass ich es direkt mal wei­ter­emp­feh­len möchte.

    Pontiak wur­den 2005 von drei Brüdern gegrün­det, die bis heu­te zusam­men spie­len. Das ist ja durch­aus kei­ne Selbstverständlichkeit.

    Geplant wur­de „Echo Ono“ als expres­sio­ni­sti­sches Album. Die Musik soll­te nicht nur Farben malen, son­dern Farben sein. „Echo Ono“ stellt sozu­sa­gen ein Gemälde aus Musik dar. Während die bis­he­ri­gen Alben eine lose Ansammlung von Liedern waren, die eine Momentaufnahme der jewei­li­gen Zeit waren, wur­de „Echo Ono“ kon­se­quen­ter­wei­se erst­mals als voll­stän­di­ges Album kon­zi­piert. Tatsächlich ist das Zusammenspiel, das Ineinandergreifen der ein­zel­nen Stücke hier prä­sen­ter als gewohnt.

    Der Hörer wird begrüßt von Stoner-Rock-Gitarrengewittern. Der Gesang ist ange­nehm, irgend­wo zwi­schen den Strokes und Mando Diao anzu­sie­deln, also irgend­wie unschei­ße. Über die gan­ze Länge des Albums hin­weg spielt das Trio einen psy­che­de­li­schen, rhyth­mi­schen Indie-Rock, der sich wei­gert, einem Genre ein­deu­tig zuzu­ord­nen zu sein, was ich schon aus Prinzip ziem­lich gut fin­de. Kleinere Längen (etwa das für mich per­sön­lich völ­lig unin­ter­es­san­te The Expanding Sky, das irgend­wo zwi­schen Aerosmith und den spä­ten Pink Floyd her­um­irrt) fal­len nicht wei­ter ins Gewicht.

    Michael Bambas fasst zusam­men:

    „Echo Ono“ sprüht vor inspi­rier­ter und damit ein­her­ge­hend auch inspi­rie­ren­der Musik, in der zeit­lo­se Leidenschaft und Lebensgefühl von unschätz­ba­rem Wert sind; in unge­fähr der­sel­ben Kategorie wäre die­ses Kleinod einzuordnen.

    Etwaige Langeweile kommt gar nicht erst auf, da auch ruhi­ge Passagen immer wie­der durch hef­ti­ge Stoner-Rock-Eruptionen unter­bro­chen wer­den. Ein groß­ar­ti­ges Album, um Weihnachtsmärkte oder ähn­li­che Veranstaltungen schad­los zu überstehen.

    Hörproben:
    Enttäuscht muss ich den geneig­ten Leser dies­mal auf Amazon.com ver­wei­sen. Dort gibt es zumin­dest 30-sekün­di­ge Ausschnitte aus den Liedern.

Das war es eigent­lich schon. Aber ich hat­te ja ein­gangs etwas von einer neu­en Liste geschrie­ben. Ja, es gibt eini­ge gute Musikalben, die in die­sem Jahr ver­öf­fent­licht wur­den und über die ich nicht vie­le Worte ver­lie­ren kann oder möch­te. Nach der bis­he­ri­gen Vorgehensweise hät­te ich die­se ein­fach unter­schla­gen - das ist natür­lich nicht im Sinne die­ser Rückschauen. Also wid­me ich ihnen einen kom­plett eige­nen Abschnitt. Die ein­zi­ge Regel: Ein Absatz pro Album muss genügen.

2. Beachtet auch dies!

  1. Gudrun Gut - Wildlife
    Gudrun Gut hat 1980 die Einstürzenden Neubauten mit­ge­grün­det, die sie kurz dar­auf wie­der ver­ließ, 1981 dann Malaria!, die irgend­was über kal­tes, kla­res Wasser zum Besten gege­ben haben. „Wildlife“ - 31 bzw. 32 Jahre spä­ter - klingt immer noch genau so: Elektronisches Geschepper, Minimalismus, ein Tina-Turner-Cover (Simply The Best), Instrumentales, Besungenes. Wer die „Neubauten“ und/oder Faust mag, der möge hier mal rein­hö­ren.
  2. Kayo Dot - Gamma Knife
    Die Rückkehr von maud­lin of the Well vor eini­gen Jahren blieb wohl lei­der auf das Album „part the Second“ (ich berich­te­te) beschränkt. Toby Driver kon­zen­triert sich nun­mehr wie­der auf deren mehr oder weni­ger offi­zi­el­le Nachfolgeband Kayo Dot. Vom behä­bi­gen Anfang mit bedroh­li­chen Glockenklängen und Choralgesang (Lethe) soll­te man sich nicht täu­schen las­sen: Es folgt ziem­lich expe­ri­men­tel­ler Doom-Metal-Avant-Indie-Poprock oder wie auch immer man das zu nen­nen beliebt. Die Kehrseite? Das Album dau­ert nur eine hal­be Stunde. Aber die ist kei­nes­falls ver­schwen­de­te Zeit.
  3. Periphery - Periphery II: This Time It’s Personal
    Periphery - nie gehört? Das Debüt von 2010 war eines der ersten her­aus­ra­gen­den Alben, die das Metal-Subgenre Djent begrün­de­ten; Vorreiter waren, glaubt man der eng­lisch­spra­chi­gen Wikipedia, die Schweden Meshuggah. Angeblich beschwer­ten sich jedoch zu vie­le Hörer über den etwas zu ste­ri­len Klang, dem Periphery in der Folge den Garaus gemacht haben. Dieses Mal ist es etwas Persönliches. In einem Begriff: Verfrickelter Brüllmetal. Ein Album für den Freitagabend und das gan­ze Wochenende hin­durch. Nur der Montag wird einem dann missfallen.
  4. Alberta Cross - Songs of Patience
    „Alberta Cross“ ist angeb­lich als Anagramm von „Scab Realtors“, „Krustenmakler“, ent­stan­den. Das klingt ziem­lich blö­de und vor allem nach Metal. Ich bit­te die geneig­te Hörerschar zu ent­schul­di­gen, dass trotz­dem kein Metal zu hören ist. Stattdessen: Viel Portugal. The Man, ein wenig Sigur Rós, ein wenig Red Hot Chili Peppers, viel zu sel­ten auch ein wenig … Trail of Dead. Herausragend und hörens­wert ist aus­nahms­wei­se auch der Gesang. Wer erwähn­te Musikgruppen mag, ist hier nicht völ­lig verkehrt.

„Aber… aber wer soll sich denn all die­se tol­le Musik lei­sten kön­nen?“ fragt ihr jetzt viel­leicht. Nun, kei­ne Sorge, auch an den klei­nen Geldbeutel (näm­lich mei­nen) wur­de gedacht; das Jahr 2012 brach­te auch so man­ches vor­züg­li­ches Musikalbum mit sich, das euch auch ohne so Tauschbörsen kei­nen Aufpreis abver­langt, unter ande­rem diese:

3. Saugt nun dies!

  • The Echelon Effect - Field Recordings

    The Echelon Effect sind in letz­ter Zeit häu­fi­ge Gäste in mei­nen Rückschauen, zuletzt im Dezember 2011. Nachdem alle vier Jahreszeiten ihr/ eigene/n/s EP bekom­men haben, gibt es wie­der ein rich­ti­ges Album. Das geht immer schnell im Hause The Echelon Effect.

    Diesmal ging es noch schnel­ler als geplant, denn die Veröffentlichung von „Field Recordings“ wur­de vor­ge­zo­gen, um die Verbreitung von Bootlegs ein­zu­däm­men. Das Duo (Multiinstrumentalist Dave Wolters bekam beim Einspielen der Schlagzeugspuren Unterstützung von Steve Tanton) scheint inzwi­schen recht beliebt zu sein.

    Zu hören gibt es gewohnt gute ambi­en­te Elektronikklänge, male­ri­sche Landschaften, kei­nen Gesang. Instrumentale sound­s­capes ohne viel Drumherum. „Field Recordings“ ist Begleitmusik für Tagträume und lan­ge Winterabende.

    „This album is about fly­ing“ steht auf der Bandcamp-Seite zum Album. Eigentlich ist damit alles gesagt.

    Runterholen:
    Auf Bandcamp.com gibt’s den kom­plet­ten Stream und eine Kaufmöglichkeit (ab 0 Euro), alter­na­tiv hilft das gute alte eMule weiter.

  • when wha­les col­li­de - By Default

    when wha­les col­li­de. Postrock aus Kalifornien. Der Name passt so gut wie sonst nur wenig:

    Wenn Wale kol­li­die­ren, ganz es ganz schön kra­chen. Nach die­sem unglück­se­li­gen Szenario hat sich das Quartet When Whales Collide aus San Diego, Kalifornien benannt. Und sie las­sen es dem­entspre­chen ordent­lich schep­pern. Auf einem Fundament aus ambi­en­ten Post-Rock wer­den die Songs ziem­lich läs­sig mit Metal und Hardcore unter­füt­tert. Gesungen wird auch. Und das sehr ordentlich.

    Nach dem/der EP namens „.ep“ (Februar) wur­de „By Default“ im September 2012 ver­öf­fent­licht. Fast 28 Minuten dau­ert der Spaß. Ist das schon ein Album? Egal. Einflüsse gibt das Quartett nicht bekannt, ich tip­pe unter ande­rem auf Mogwai und God Is An Astronaut.

    Runterholen:
    Per Bandcamp kann man „By Default“ hören und (ab 0 Euro) kau­fen, auch auf phy­si­schem Tonträger mit hüb­schem Coverbild, anson­sten hilft das Maultier weiter.

  • Rhún - Ïh

    Erst vor weni­gen Tagen, am 14. Dezember 2012, erblick­te „Ïh“ das Licht der Welt. „Iiih“. Ach Quatsch. Der Buchstabe „Ï“ soll­te doch schon klar­ma­chen, wohin das Löffeltier hop­pelt. „Ïh“ ist (natür­lich fran­zö­si­scher) Zeuhl, wie er sein muss. Mit etwas mehr als 21 Minuten Laufzeit liegt hier zwar mal wie­der „nur“ ein/e EP vor, aber das soll­te nicht stören.

    „Ïh“ ist dabei nach der 2009er Demo-CD „Fanfare du Chaos“ sozu­sa­gen das Debüt. Zwei Stücke von „Fanfare du Chaos“, näm­lich Toz und Dunb, wur­den hier neu (und bes­ser) auf­ge­nom­men, das drit­te (das lei­der nur kur­ze Kammerrock-Stück Interlude) ist völ­lig neu. Kammerrock? Fürwahr: Die übli­chen Bestandteile des Zeuhl wer­den von Rhún mit­tels klas­si­scher Instrumente wie Flöte und Oboe um eine inter­es­san­te Nuance erwei­tert. Auf „Ïh“ sind ins­ge­samt neun sol­cher Instrumente, teil­wei­se ein­ge­spielt vom Ensemble Pantagrulair, zu hören.

    Falls irgend­wer dach­te, Zeuhl müs­se immer wie die Genrepioniere Magma klin­gen: Falsch gedacht.

    Runterholen:
    Da Rhún aus uner­find­li­chem Grund noch eine Plattenfirma zu feh­len scheint, gibt es „Ïh“ zur­zeit als Stream und frei­en Download in fast jedem gewünsch­ten Format auf Bandcamp.com sowie im FLAC- und MP3-Format per eMule. Stört mich nicht. Viel Vergnügen!

So weit zum Positiven. Aber was wäre so ein Jahr ohne Musikalben, die die Presse unter „Muss man haben“ ein­sor­tiert, die dem geneig­ten Musikfreund aber allen­falls ein müdes Lächeln abzu­rin­gen vermögen?

4. Verachtet dies!

Davon gab es auch 2012 mehr als im Juni beschrie­ben, zum Beispiel die­se hier (wie gewohnt ohne all­zu vie­le Worte dar­über zu verlieren):

  • Gekko Project - Electric Forest
    Trotz Vergleichen mit Camel: Die guten Melodien wer­den in elek­tro­ni­schem Blubbern ertränkt. Schade.
  • Stabat Akish - Nebulos
    Der Beweis, dass Jazzrock/RIO auch schreck­lich lang­wei­lig sein kann.
  • The xx - Coexist
    Der Titel des Albums sagt es bereits: Belangloser Schöngeistpop, der nie­man­dem wehtut.
  • Barock Project - Coffee In Neukölln
    Es ist bedau­er­lich, dass an sich gute Retro-Prog-Bands fast immer einen unauf­fäl­li­gen Durchschnittssänger enga­gie­ren. Auch diese.
  • Between The Buried And Me - The Parallax II: Future Sequence
    Queen, Spock’s Beard, The Beatles, Metal mit lächer­lich wir­ken­dem Klischee-Growling. Einzeln nett, aber zusam­men eigent­lich nur verwirrend.

Und sonst? Klar, die Reise in die Vergangenheit steht noch an, 40 Jahre zurück und was dann folg­te. Wie schnell sich die Musikwelt wan­delt, kann nur wenig bes­ser offen­ba­ren als ein Überblick über musi­ka­li­sche Entwicklungen im Schnelldurchlauf.

Beginnen wir mit 1972:

5. Erinnert euch an dies!

  • Vor 40 Jahren:
    Roxy Music - Roxy Music

    1972. Die Musikwelt hat schon schlim­me­re Jahre erlebt. Das Hard-Rock-Quintett Bang eifer­te auf „Mother“ Black Sabbath nach, Gentle Giant ver­öf­fent­lich­ten in rascher Folge „Three Friends“ und das Weg wei­sen­de „Octopus“, das eine Vielzahl an Musikgruppen nach­hal­tig beein­flus­sen soll­te. Kunstlehrer Bryan Ferry hat­te unter­des­sen bereits ein Jahr zuvor zusam­men mit Freunden und Freundesfreunden (unter ande­rem Brian Eno) die Musikgruppe Roxy Music - eine Gruppe namens Roxy gab es bereits - ins Leben geru­fen. Peter Sinfield, bis zum 1971 erschie­ne­nen „Islands“ für Texte, Produktion und Beleuchtung zustän­di­ges Mitglied von King Crimson, über­nahm die Rolle des Produzenten für das Debütalbum. Auf dem Coverbild räkelt sich Model Kari-Ann Muller, die Roxy-Music-Tradition von anzüg­li­chen Plattencovern wur­de damit also begrün­det. Bereits das eröff­nen­de „Re-Make/Re-Model“ soll­te man mal gehört haben. Der Artrock, den Roxy Music hier spie­len, ist bereits eine ziem­lich aus­ge­reif­te Variante des­sen, was die fol­gen­den Alben brin­gen soll­ten. Dass Brian Eno sich nach den Aufnahmen zum zwei­ten Album von Roxy Music trenn­te und so Platz für den nicht min­der talen­tier­ten Eddie Jobson mach­te, ist den­noch bedau­er­lich, das Ergebnis der Zusammenarbeit aber bleibt ein Stück Musikgeschichte.

  • Vor 30 Jahren:
    Marillion - Market Square Heroes

    Die musi­ka­li­schen Achtziger. Den Mantel des Schweigens bit­te jetzt aus­brei­ten. Unter die­sem Mantel darf gemüt­lich gemau­schelt wer­den. Außer der Neuen Deutschen Welle waren auch in Deutschland gele­gent­lich gute Musiker zuge­gen. An der Krautrockband Grobschnitt ging besag­te Welle lei­der nicht spur­los vor­über: Auf „Razzia“ wur­de kon­se­quent auf deut­sche Texte gesetzt, musi­ka­li­sche Einflüsse von NDW und der zu die­sem Zeitpunkt eigent­lich bereits vor sich hin sie­chen­den Punkmusik sind zu hören. Die Texte sind inter­es­sant („Wir wol­len ster­ben“), aber letz­ten Endes ver­zicht­bar. Nach „Razzia“ nahm Mitgründer, Schlagzeuger und krea­ti­ver Grobschnitt-Kopf Eroc kon­se­quen­ter­wei­se sei­nen Hut, was alles, was danach kam, nicht unbe­dingt ver­bes­ser­te. Auch die Hannoveraner Eloy befan­den sich noch mit­ten in ihrem Kreativitätsschub und lie­ßen „Time to Turn“ auf den Markt brin­gen, laut dem Internet die letz­te wirk­lich über­zeu­gen­de Eloy-Scheibe für lan­ge, lan­ge Zeit. Die bri­ti­sche Band Marillion, die gera­de erst um Sänger Fish berei­chert wur­den, publi­zier­te der­weil ihre ersten Gehversuche mit der Single „Market Square Heroes“, deren über 17-minü­ti­ge B-Seite Grendel ins­be­son­de­re die Vorbilder Genesis mit Peter Gabriel her­vor­hob. Dass Marillion das noch jun­ge Genre des „Neo-Prog“ ent­schei­dend prä­gen wür­den, war damals frei­lich noch nicht abzu­se­hen, das 1983 erschie­ne­ne Debütalbum „Script for a Jester’s Tear“ eig­ne­te sich jedoch her­vor­ra­gend, um die­se Vermutung zu festigen.

  • Vor 20 Jahren:
    Änglagård - Hybris

    Zumindest Yes haben die 1980-er Jahre trotz grau­en­vol­ler radio­kom­pa­ti­bler Singles wie Owner of a Lonely Heart weit­ge­hend schad­los über­stan­den. Nun, was heißt „schad­los“? Die DVD „Union Tour Live“ zeigt eine heil­los zer­strit­te­ne Band, die auf Drängen der Plattenfirma not­dürf­tig aus den bei­den exi­stie­ren­den und mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­den Gruppen Yes und Anderson, Bruford, Wakeman, Howe zusam­men­ge­klebt wur­de. Diese Formation zer­brach dann auch bald, was durch­aus kein Verlust war. Bei Emerson, Lake & Palmer sah es nicht bes­ser aus: Die Reunion im Jahr 1991 führ­te zu dem ein­falls­lo­sen, von AOR und Pop gepräg­ten Album „Black Moon“, auf das der geneig­te Musikfreund gut ver­zich­ten könn­te. Etwas bes­ser sah’s im Acid Jazz aus: Die bri­ti­sche Formation Corduroy mach­te mit dem merk­wür­dig benann­ten, bei­na­he kom­plett instru­men­ta­len Debüt „Dad Man Cat“ posi­tiv auf sich auf­merk­sam. Ein ande­res Debütalbum stammt aus Schweden: Die kurz­le­bi­gen Änglagård - drei der Musiker waren damals erst 17 Jahre alt - kom­bi­nier­ten auf ihrem Debütalbum „Hybris“ Retro-Prog und Folk (inklu­si­ve Flöte) mit einer eigen­stän­di­gen Note zu etwas, das nicht weni­ger als ein Meisterwerk ist. Gesungen wird auf Schwedisch, die Stimmungen errei­chen beein­drucken­de Tiefen. Vier Stücke lang erschaf­fen die Schweden Retro-Welten, wie sie schö­ner und schil­lern­der kaum sein könn­ten. Ein Album spä­ter lösten sich Änglagård wie­der auf, hin­ter­lie­ßen noch einen Live-Mitschnitt („Buried Alive“) und kehr­ten etwa zehn Jahre spä­ter auf die musi­ka­li­sche Bühne zurück. Ihr 2012 erschie­ne­nes spä­tes come­back-Album „Viljans Öga“ - lei­der inzwi­schen ohne Gesang - zeigt, dass die fünf bis heu­te nichts ver­lernt haben.

  • Vor 10 Jahren:
    echo­lyn - mei

    Abseits der pro­gres­si­ven Rockmusik gab es im Jahr 2002 ein Aufhorchen: Mitglieder von Rage Against the Machine schlos­sen sich mit Soundgarden-Sänger Chris Cornell zu Audioslave zusam­men und knüpf­ten sti­li­stisch naht­los an bei­de „Vorgängergruppen“ an. Fünf Jahre spä­ter war Schluss. Als zäher erwies sich die oben bereits lobend erwähn­te US-ame­ri­ka­ni­sche Progressive-Rock-Band echo­lyn, die sich nach vier Jahren Trennung - Sony Music ver­wei­ger­te den Musikern die Unterstützung, wahr­schein­lich waren sie zu krea­tiv - im Jahr 2000 wie­der zusam­men­ge­fun­den hat­te. Kompromisse moch­ten sie aber immer noch nicht. Im Jahr 2002 erschien mit „mei“ - Kleinbuchstaben sind eines ihrer Markenzeichen - ihr fünf­tes Studioalbum; oder soll­te man es eine „Langzeit-Single“ nen­nen? Tatsächlich ist genau ein Stück - eben mei - ent­hal­ten, das es auf 49:33 Minuten Spielzeit bringt. Den geneig­ten Musikfreund freut es, immer­hin ist es so nahe­zu unmög­lich, die ein­zel­nen Bestandteile des Stückes sinn­voll zu einer „Best-of“-Zusammenstellung zusam­men­zu­kle­ben. Ich wage zu behaup­ten, „mei“ bleibt auch musi­ka­lisch von echo­lyn uner­reicht. Es han­delt sich (natür­lich) um ein Konzeptalbum, auch text­lich: Der Protagonist, von der Liebe ent­täuscht, irrt umher, ver­zwei­felt an sei­ner Situation, beschließt, Held zu wer­den, wird dann doch kei­ner und kehrt in die Zivilisation zurück. So weit die Zusammenfassung. Musik: Kansas? Spock’s Beard? Sicher. Vor allem aber: echo­lyn. Dass echo­lyn beken­nen­de Anhänger von Gentle Giant sind, wird sel­ten so deut­lich wie in den (viel zu kur­zen) drei­stim­mi­gen Passagen („What have I done“ / „Here I am“ / „Live through me“) von „mei“, kur­ze Keyboard-Momente klin­gen direkt wie von Gentle Giant gelie­hen. Verpackt wird es in einem ein­ma­li­gen Retro-Prog-Gewand, der Gesang vari­iert je nach Textzeile von Depression (The Cure) bis Zuversicht (U2), ohne jemals deplatz­iert zu wir­ken. Wie die Zeit ver­geht, bemerkt der Hörer nicht ein­mal. Eine Liveversion von mei wur­de 2003 auf dem Bootleg „Jersey Tomato vol. 2 (live at the Metlar Bodine Museum)“ ver­öf­fent­licht, inzwi­schen, da nicht mehr offi­zi­ell erhält­lich, ist die­ses Bootleg aus­zugs­wei­se auf der Website der Band zu hören. Ohne „mei“ wäre der Retro-Prog ver­mut­lich viel ärmer. Zum Glück müs­sen wir uns das nicht vorstellen.

So weit von mir.

Habt ihr etwas gefun­den, was euch gefällt? Gibt es Kommentare, Ergänzungen, Beschimpfungen? Ich hof­fe, letz­te­re blei­ben aus.

Ich wün­sche viel Spaß beim Hören und sage: Nichts zu danken!
Die näch­ste Rückschau folgt, wenn bis dahin nicht die Welt unter­geht, im Juni 2013. Es wäre schön, wenn ihr dann wie­der dabei seid.

Bis dann.

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Senfecke:

  1. Und doch (zu dan­ken). Zusammen mit UliUlis Blog (AufeinNeues) sind die­se Rückschauen unver­zicht­ba­re Kompendien der Gutmusik.

  2. Ich: Narzist.
    Daher: Kontrolliert, war­um ich ver­dammt noch­mal kein Dankeschön - … ähem.
    Peinlich berührt, Selbstbeschimpfung.
    Lernen poper­nen: Conditio sine qua non für den Erhalt einer Antwort ist das Hinterlassen einer Antwortadresse.

    UliUli beackert sozu­sa­gen die Galaktische Eastside unse­rer Milchstraße, ohne den Blues zu bekom­men (na, auch DEN deut­schen Raumfahrtepos als Kind ver­schlun­gen und für immer immun gegen die­sen schnarch­lang­wei­li­gen Star-Wars-Quatsch gewor­den? Wenn nein: Öder Insiderscherz, egal). Daß ich jemals mit Freude Prog-Rock hören wür­de (Echolyn), unfaß­bar. Andererseits: Wieder ein Stein für das Mauerwerk des Elfenbeinturms, na dan­ke auch (-;

  3. Oder häu­fi­ger mal hier rein­schau­en - spart die Adresse und freut mei­ne Besucherzahlen. Von denen ich halt auch nix habe, wenn kei­ner mei­nen Amazon-Links kauf­wil­lig folgt. Mist.

    Ich fin­de UliUlis Musikempfehlungen beim Überblicken inter­es­sant, da mir kom­plett unbe­kannt. Mal gucken, ob ich irgend­wann mal die Muße fin­de, rein­zu­hö­ren. Natürlich: Gelesen. Star Wars? Buh!

    Wenn dir echo­lyn gefällt, könn­te ich dir nun diver­se ande­re Anspieltipps geben. Aber dann kommst du zu nichts ande­rem mehr. Ich freue mich aber sehr, wenn mei­ne Tipps wenig­stens einem Menschen Freude berei­ten konn­ten. Dann kommt mir mein eige­nes Tun nicht so sinn­los vor.

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