KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2012 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 9 von 23 der Serie Jahresrückblick

Leck mich fett, is‘ schon wie­der Ende Juni? Dann wird’s Zeit für die all­se­mest­ri­ge Liste der schmack­haf­te­sten Studioalben der ersten sechs Monate, die mir bis dato unter­ge­kom­men sind. Diesmal habe ich sogar dar­an gedacht, sie eini­ger­ma­ßen regel­mä­ßig zu sichern, und kann die­se Vorgehensweise eben­so emp­feh­len wie fol­gen­de Musikalben. 

Wie immer habe ich es nicht geschafft, eini­ge von die­sen recht­zei­tig zu erwer­ben und zu bewer­ten, im Gegenzug wur­den eini­ge Musikalben dis­qua­li­fi­ziert; das Livealbum „The Gettysburg Address“ der Progressive-Rock-Band Moon Safari zum Beispiel ist zwar qua­li­ta­tiv sehr listen­taug­lich, aber eben ein Livealbum und somit eben­so wie die gleich­falls sehr gute Kompilation „Lost Tapes“ von Can nicht in Konkurrenz zu den ande­ren hier auf­ge­führ­ten Alben ste­hend. Auch die Neuauflage von Talk Talks „Spirit of Eden“, obwohl unbe­dingt hörens­wert, erfüllt lei­der nicht das not­wen­di­ge Kriterium „2012 erst­mals ver­öf­fent­licht“. Ich bit­te um Nachsicht.

Auf die sepa­ra­te Neubesprechung von „Big Fish“ der Cowboys From Hell ver­zich­te ich dies­mal und ver­wei­se statt­des­sen auf mei­nen ent­spre­chen­den Artikel vom Februar die­ses Jahres. Sollte mir jedoch, davon abge­se­hen, ein rele­van­tes Album gänz­lich ent­gan­gen sein, bit­te ich, wie immer, um eine kur­ze Notiz. Eine Anmerkung noch: Obwohl der groß­ar­ti­ge Musikdienst Grooveshark mit deut­scher IP-Adresse zur­zeit nicht zugäng­lich ist, habe ich ihn im Folgenden gele­gent­lich refe­ren­ziert. Selbstverständlich erklä­re ich bei Bedarf gern die Vorgehensweise, um ihn ver­wen­den zu kön­nen. Nun aber viel Spaß beim Erkunden der fol­gen­den Werke:

1. Kaufbefehle.

  1. Les Fragments de la Nuit - Musique de Nuit

    Wir las­sen es aus­nahms­wei­se mal ruhig ange­hen. Aus Frankreich stammt das Quintett Les Fragments de la Nuit, auf Deutsch „Die Fragmente der Nacht“, und zum Glück ver­zich­ten sie mit Ausnahme des zwei­mi­nü­ti­gen „La dame blan­che“ auf Gesang. Mit fran­zö­sisch­spra­chi­gen Texten wer­de ich ein­fach nicht warm.

    Stattdessen wird die „Musik der Nacht“ im instru­men­ta­len Klassikstil dar­ge­bo­ten. Trotzdem klingt das Gefiedel nur sel­ten ein wenig trä­ge, meist wird reich­lich Spannung erzeugt. Das könn­te auch dar­an lie­gen, dass sich „Musique de Nuit“ in die­se Liste, mehr oder weni­ger, hin­ein­ge­schum­melt hat: Zu Beginn ihrer Karriere im Jahr 2005 mach­ten Les Fragments de la Nuit vor­ran­gig Musik für Dokumentarfilme, also recht kur­ze, aber um so stim­mungs­vol­le­re Stücke. Tatsächlich sind auf „Musique de Nuit“ vie­le bereits älte­re, aber auch eini­ge neue­re Stücke zwi­schen 0:56 und nur zwei­mal über 3 Minuten enthalten.

    Zu der Neoklassik gesel­len sich Elemente aus Avantgarde und Postrock, etwa dann, wenn Violinen und Cello bewusst mit Dehnung und Dissonanz spie­len. Vergleiche? Wenn’s sein muss:

    Klassisches Instrumentarium, neo­klas­si­sche Ansatz, Experimentalkunst und Ambient mit selbst genann­ten Einflüssen wie Debussy, Erik Satie und Godspeed You! Black Emperor. Kopfkino für Fortgeschrittene.

    Gefällt mir. Wem noch?

    Herausfinden kann man’s mit den Hörproben auf Amazon.de, drei Stücke in vol­ler Länge sind auch auf der Internetseite von Denovali Records anzuhören.

  2. Die Ärzte - auch
    „Hast du nichts Besseres zu tun als die Die Ärzte zu hör’n?“ (ZeiDverschwÄndung)

    Die Ärzte legen nach: Auch nach 30 Jahren - net­to immer­hin 25 - ver­ei­nen sie soli­den Poprock mit bis­wei­len amü­san­ten Texten und koket­tie­ren mit den seit Jahren kur­sie­ren­den Gerüchten über die unver­meid­li­che bal­di­ge Auflösung.

    Dass auf „auch“, anders als noch auf dem Vorgänger „Jazz ist anders“, kei­ne sofort mit­gröl­ba­re „Hitsingle“ wie sei­ner­zeit „Junge“ zu fin­den ist, mag stim­men, obwohl das „lala-lala, lala­la lala-la-lala“ der ersten Single „ZeiDverschwÄndung“ (von mir bereits an ande­rer Stelle aus­führ­lich gut gefun­den) ziem­lich ins Ohr geht. Wer aber Die Ärzte hört, der erwar­tet nor­ma­ler­wei­se auch kei­ne Stadionkracher wie zum Beispiel von den Toten Hosen. Davon abge­se­hen sind die Unterschiede zu „Jazz ist anders“ nicht all­zu groß: Jenes kam in einer Miniaturpizzaschachtel daher, die­ses nun in einem Brettspielkarton. Beides ist enorm unprak­tisch für zum Insregalstellen, aber immer­hin krea­tiv. Enthalten ist auch ein Brettspiel, was für lan­ge Abende mit Freunden (und Alkohol) sicher­lich inter­es­sant ist.

    Natürlich ist es unver­meid­lich, dass man sich beim Texten nach ein paar Jahrzehnten auch mal wie­der­holt, ob mit Absicht oder aus Versehen. Das Lied „ZeiDverschwÄndung“ etwa beginnt so:

    Du surfst den gan­zen Tag schon durch das welt­wei­te Netz
    in der Hoffnung, dass viel­leicht mal irgend­ei­ner was petzt.

    Die zwei­te Strophe von „Rettet die Wale“, erschie­nen erst­mals auf der Single „Manchmal haben Frauen …“ aus dem Jahr 2000, beginnt so:

    Ihr sitzt bestimmt den gan­zen Tag am Bildschirm und ihr surft durchs Internet.

    Solche Details trü­ben den Hörspaß aber nur wenig. Schon zu Beginn neh­men sich Die Ärzte selbst auf die Schippe: Farin Urlaubs „Ist das noch Punkrock?“ beginnt mit Punkrock, ist im Refrain aber ein eher sanf­tes Liebeslied. In „TCR“ zitie­ren Die Ärzte Reggae, Death Metal und ihre eige­ne Frühphase mit Liedern wie „El Cattivo“, um iro­nisch ihre eige­ne sti­li­sti­sche Bandbreite dar­zu­le­gen und sich somit einer Schubladisierung („Die Ärzte sind ’ne Punkband“, von wegen!) zu entziehen.

    Bela B. hat sein zwei­tes Ich, den lusti­gen Vampir, bereits auf dem letz­ten Album „beer­digt“, Lieder über Gruften, Grafen und Untote trägt er dies­mal aus­nahms­wei­se also nicht bei, was dafür Platz macht für groß­ar­ti­ge Lieder wie „Miststück“. Selbst die Beiträge des Bassisten „Rod“ González (wohl nicht iden­tisch mit dem gleich­na­mi­gen Schlagzeuger von La Desooorden), dar­un­ter das gothi­crock­ar­ti­ge „Sohn der Leere“, sind über­aus gelun­gen. Und dann wäre da eben noch „ZeiDverschwÄndung“: Die Ärzte sin­gen dar­über, dass Die Ärzte eigent­lich gar nicht so inter­es­sant sind und die Hörer doch lie­ber eine ande­re Musikgruppe favo­ri­sie­ren soll­ten. Ob das funktioniert?

    Insgesamt ist „auch“ ein gutes Album; kein über­ra­gen­des wie einst „Planet Punk“ und „Le Frisur“, aber auch kein Griff ins Klo wie „Ist das alles?“. Besser als das, was ihre lang­jäh­ri­gen Weggefährten von den Toten Hosen mitt­ler­wei­le unter Musik ver­ste­hen (sie­he auch wei­ter unten), ist es alle­mal, und alles, was Die Ärzte aus­macht und bis­lang aus­ge­macht hat, ist auch auf „auch“ zu hören.

    Farin Urlaub hat vor ein paar Monaten in einem Interview gesagt, in zehn Jahren wol­le er defi­ni­tiv kei­ne Musik mehr machen. Dann ist er fast 60 Jahre alt und somit eigent­lich in einem guten Rockstaralter. Wenn vor­lie­gen­des Album also bereits Teil sei­nes „Alterswerkes“ ist, gebührt ihm und sei­nen bei­den Bandkollegen jede Hochachtung. Meinerseits erfolgt die­se ja sowie­so.

    Hörproben: Auf YouTube.com gibt es zur­zeit offi­zi­el­ler­wei­se kom­plet­te Musikvideos für jedes (!) der Lieder auf dem Album und der Single zu sehen.

  3. Disappears - Pre language
    „Minor pat­terns, not­hing hap­pens, chan­ges, stan­dards, doesn’t mat­ter.“ (Minor patterns)

    Ganz anders als die fröh­li­chen Poprock-Ärzte kom­men die vier Musiker von Disappears aus Chicago mit ihrem Noiserock daher. Spontane Assoziationen: The Fall und ein biss­chen Sonic Youth.

    An Bord ist unter ande­rem Steve Shelley, einst ein­zig Schlagzeuger bei letz­te­ren und nun auch bei Disappears. Das macht Disappears aber noch nicht zu blo­ßen Kopisten: Die Versatzstücke aus Post-Punk, Feedback-Schleifen und Shoegaze wer­den ele­gant in den eige­nen Kontext ein­ge­wo­ben. Peter nann­te das „Psychedelic Rock“ und lag damit nicht mal all­zu sehr daneben.

    Die Klangwände aus Bass und Schlagzeug bil­den zusam­men mit den drecki­gen Gitarrenteppichen ein ange­neh­mes Fundament für die manch­mal gequäl­ten, manch­mal fle­hen­den, manch­mal gelang­weil­ten Deklamationen von Brian Case, der Mark E. Smith womög­lich unab­sicht­lich, aber doch bra­vou­rös nacheifert.

    Musikalisch bewegt man sich auf wei­tem Terrain: Klingt das Titelstück, vom Gesang abge­se­hen, nach den Fehlfarben in ihren besten Jahren, „Replicate“ und „Joa“ sind hyp­no­tisch groo­ven­de Indie-Rock-Stücke. Das Musikmagazin SSG Music brach­te den Terminus der Motorik ins Spiel, also den prä­zi­sen 4/4-Takt, der Krautrockgrößen wie NEU! und Kraftwerk angeb­lich cha­rak­te­ri­siert, aber die stoi­sche Schlichtheit des Rhythmus‘ ist nicht zwin­gend als Remineszenz, viel­mehr als Mittel zum Zweck zu werten.

    Mit „Krautrock“ hat „Pre lan­guage“ näm­lich - erfreu­li­cher­wei­se - anson­sten nur wenig zu tun, wenn man genann­te Vergleiche nicht gera­de pau­schal in die „Krautrock“-Schublade steckt (und von mir somit schief ange­blickt wür­de), obwohl Thomas Pilgrim das anders sieht:

    Diese dun­kel­grau­en Lieder ken­nen ihre Pappenheimer aus Post-Punk, Shoegaze und Krautrock - und sprin­gen ent­spre­chend unsanft mit ihnen um.

    Vielleicht ist es für uns Musikfreunde wirk­lich manch­mal das Beste, uns die Höreindrücke selbst zu ver­schaf­fen. Ich hof­fe, dazu mit die­ser Rezension aus­rei­chend ange­regt zu haben.

    Hörproben: Auf Amazon.de gibt es 30-sekün­di­ge Ausschnitte zu hören, auf YouTube.com unter ande­rem eine Liveversion des Titelstücks zu sehen.

  4. Field Music - Plumb
    „The nar­ra­ti­ves are so fami­li­ar…“ ((I Keep Thinking About) A New Thing)

    Aus Großbritannien stammt das Quartett Field Music, im Kern bestehend aus und gegrün­det von den bei­den Brüdern Peter und David Brewis, und es lässt auf sei­nem vier­ten Studioalbum „Plumb“, das Mitte Februar erschie­nen ist, kaum ein Klischee über bri­ti­sche Rockmusik aus.

    Field Music hat die Kreativpause bis zum Album „Measure“ (2010) offen­bar gut getan, denn seit­dem sind sie von der Indie-Rock-Schiene der Marke Maximo Park abge­wi­chen und wid­men sich ande­ren musi­ka­li­schen Sphären. Pink Floyd, die Beach Boys und vor allem natür­lich die unver­meid­li­chen Beatles („Sgt.-Pepper“-Phase, also nicht mal unbe­dingt die schlech­te­ste) hört der geneig­te Musikfreund sofort her­aus. Das ist viel­leicht nicht son­der­lich krea­tiv, aber es spricht an, und das ist nun ein­mal das Wichtigste an Musik, die gut sein soll.

    An Güte man­gelt es dann auch tat­säch­lich nicht. Die erste Single „(I Keep Thinking About) A New Thing“, auf dem Album erfreu­li­cher­wei­se das letz­te und nicht das erste Stück, beginnt mit Fanfaren, die in ein merk­wür­dig hek­ti­sches Bassmuster über­ge­hen, zu dem teils ein-, teils mehr­stim­mig gesun­gen wird. Funk klingt eben­so an wie der zu Unrecht nur wenig bekann­te New Wave von XTC. Vorwerfen könn­te man der Band hier nur, dass das Lied ein wenig zu kurz ist - oder wirkt es nur so? 3 Minuten und 16 Sekunden sind ja durch­aus üblich, und das ist bedauerlich.

    Während besag­te Single die Indie-Wurzeln der Band kaum ver­leug­nen kann, sind ande­re Stücke wie „A New Town“ eigen­stän­di­ger: Nach einem melan­cho­li­schen Akkordeon-Intro bricht der Funk mit hoher Stimmbegleitung wie­der los; die Melodie (Gesang wie Instrumente) bekommt man nur noch schwer aus dem Kopf. „Sorry Again, Mate“ ist ein eher unauf­fäl­li­ges, von Streichern beglei­te­tes Poplied im Stil der Beatles zu Zeiten von „Abbey Road“, das eröff­nen­de „Start The Day Road“ bedient sich bei den mehr­schich­ti­gen Experimenten von King Crimson und ihren Nacheiferern.

    Wer den Poprock der spä­ten 60-er Jahre schätzt, dem dürf­te „Plumb“ zwei­fels­oh­ne gefal­len. Gelegentliche Wechsel zwi­schen Gefälligkeit und Anspruch erhö­hen das Hörvergnügen auch für die­je­ni­gen unter jenen, die Abwechslung mögen. „Plumb“ ist ein selt­sa­mes Album - aber ein gutes.

    Hörproben: Zurzeit (Anfang Juni 2012) ist „Plumb“ auf nme.com im Stream zu hören, aber natür­lich stellt auch Amazon.de die übli­chen kur­zen Hörproben bereit.

  5. Soen - Cognitive
    „This is not the dust that we once came from“ (Savia)

    Vom Poprock zum Progressive Metal: „Cognitive“ ist das Debütalbum der „Supergroup“ Soen.

    Unter einer „Supergroup“ ver­steht man bekannt­lich eine Musikgruppe, an der bekann­te Musiker aus ande­ren Musikgruppen aktiv betei­ligt sind. Transatlantic und Cream sind bekann­te Beispiele, aber auch Soen wird gele­gent­lich als eine sol­che „Supergroup“ bezeich­net, obwohl nur zwei der vier Mitglieder sich bis­lang in ein­schlä­gi­gen Genres einen Namen gemacht haben.

    Bei die­sen han­delt es sich um Schlagzeuger Martin Lopez (ehe­mals Opeth und Amon Amarth) und dem spä­ter hin­zu­ge­sto­ße­nen Bassisten Steve DiGiorgio (unter ande­rem Death und Autopsy). Wohin die Reise zumin­dest instru­men­tal geht, ist da abseh­bar: Tool, Opeth und Dream Theater las­sen grüßen.

    Dass das bra­chia­le Element die­ser Bands hier bei­na­he gänz­lich fehlt, ist wohl auch Sänger Joel Ekelöf zu ver­dan­ken, der Gesang mit Wiedererkennungswert - eben „cogni­ti­ve“ - bei­steu­ert. Er ver­zich­tet dan­kens­wer­ter­wei­se auf stumpf­sin­ni­ges Gebrüll, singt sei­ne Parts statt­des­sen so sau­ber ein, dass man mit­un­ter einer Coverband von Porcupine Tree zu lau­schen glaubt, deren Sänger Steven Wilson ja gleich­falls recht mar­kant into­niert. In den ruhi­gen Phasen, etwa in „Oscillation“, singt er gele­gent­lich auch (absicht­lich?) so gekün­stelt, dass unser­ei­nem sofort Extra Life ein­fällt, obwohl die­se in der Regel weni­ger dezent musi­zie­ren.

    Dennoch ist die­se Melange aus ver­schie­den­sten Einflüssen oft so ein­gän­gig, dass sie sich im Kopf fest­setzt. „Delenda“ - zu über­set­zen wahl­wei­se mit „zu ent­fer­nen­de Dinge“ oder mit „die Frau, die zu zer­stö­ren ist“, wie wir Lateiner wis­sen - ist instru­men­tal ein ziem­lich ver­track­tes Metalstück, zu dem man den­noch - oder des­we­gen - gut durch die Gegend hüp­fen kann wie ein Bekloppter, der Kopf nickt zum Rhythmus von „Slithering“ (nicht etwa „Slytherin“), „Fraccions“, das erste, bereits 2010 ver­öf­fent­lich­te Lied der Gruppe, mit sei­ner eigen­ar­ti­gen Melodie ist Dream Theater so nahe wie sonst nur wenig auf dem Album.

    Der Name „Soen“ in qua­si belie­bi­ger Großschreibung steht laut Internet für „Solar Energy“, „Southern Oscillation El Niño“ oder irgend­wel­chen umgangs­sprach­li­chen Firlefanz aus irgend­wel­chen Fremdsprachen. Nun hat er end­lich auch eine für uns Musikfreunde greif­ba­re Bedeutung bekom­men, die von Naturgewalten - oder irgend­wel­chem umgangs­sprach­li­chen Firlefanz - etwas ent­fernt ist. Andererseits: Gewaltig ist das schon.

    Hörempfehlung? Natürlich! Hörproben? Bitte sehr:
    Auf Amazon.de gibt es Schnipsel zu hören, das Musikvideo zu oben erwähn­tem „Delenda“ auf YouTube.com zu sehen.

  6. Madonna - MDNA
    „Some girls are not like me, I’m ever­ything you ever drea­med of“ (Some Girls)

    „Madonna? Echt jetzt?!“

    Ja, echt jetzt. Natürlich soll­te man wie schon vor fast 30 Jahren dar­auf ver­zich­ten, das Werk von Frau Ciccone unter einem streng audio­phi­len Gesichtspunkt zu betrach­ten, zumal der Cher-Effekt - die schlich­te Weigerung zu altern - nebst Vocodereinsatz hier auch kei­ne Neuigkeit mehr ist. Madonna macht aber, wie schon vor 30 Jahren, pri­ma Tanzmusik, und die Single „Girl Gone Wild“ (nur echt mit anzüg­li­chem Video) zeigt schon, was sich seit „Ray of Light“ (1998) getan hat, näm­lich ’ne Menge.

    Die Phase von Madonnas musi­ka­li­scher Neuerfindung bezie­hungs­wei­se ihrer Rückkehr zum Elektropop war spä­te­stens ab „Music“ (2000) mit dem wenig­stens noch eini­ger­ma­ßen bekann­ten Titelstück nicht zu über­hö­ren, danach wur­de es ein wenig wirr; zuerst kamen aller­lei Kompilationen auf den Markt, auf dem Altbekanntes wie­der durch­ge­kaut wur­de, die wirk­lich neu­en Studioalben, zuletzt „Hard Candy“ (2008), habe ich nicht ein­mal mehr mitbekommen.

    Nun also „MDNA“.

    „There’s only one Queen, and that’s Madonna, bitch!“
    – „I Don’t Give A“

    Der Titel ist so aus­sa­ge­kräf­tig wie sonst nur weni­ge („Music“, ach was?): Bescheidenheit hat Madonna längst nicht mehr nötig, der über­heb­li­chen Selbstlobhudelei von min­der­qua­li­ta­ti­ven Imitatorinnen wie Lady Gaga aber setzt sie ein mäch­ti­ges Zeichen ent­ge­gen: Seht her, ich kann’s immer noch bes­ser als ihr. Und das ist nicht mal übertrieben.

    „All the biters have to go stan­ding in the front row.“
    – „I Don’t Give A“

    „MDNA“ - wie­der­holt in „I’m Addicted“ zu hören - bedeu­tet auch die Kontraktion, die Reduktion aufs Wesentliche. Zurück zu den Wurzeln, dem Schlichten. Um die mes­sa­ge zu ver­deut­li­chen, hol­te sie sich die bei­den Rapperinnen M.I.A. und Nicki Minaj ins Boot, die an geeig­ne­ten Stellen Madonnas Großartigkeit loben. Musikalisch meint es nur wenig Pompöses, son­dern eben so Radiopop; aller­dings sol­chen, der mir per­sön­lich als jeman­dem, der es gern etwas ver­track­ter mag, ziem­lich gut gefällt. Gelegentliche Totalausfälle („uhla­la, you’­re my super­star“) fal­len da kaum ins Gewicht.

    Beziehungsweise eben: Wenn aus­ge­rech­net „MDNA“ eins der besten Popmusikalben des Halbjahres ist, hat die Musikindu­strie was falsch gemacht. Hat sie dann wohl.

    Hörproben gibt es auf Amazon.de in gebo­te­ner Kürze, das Video zu „Girl Gone Wild“ in vol­ler Länge auf YouTube.com zu konsumieren.

  7. Thinking Plague - Decline and Fall
    „Eat more, think less, drink more, sleep less, die more.“ (Sleeper Cell Anthem)

    Thinking Plague - trotz des Namens kei­ne Plage - exi­stie­ren nun­mehr seit 30 Jahren und schaf­fen es immer noch, sich nicht nur noch zu wie­der­ho­len. Das ist in ihrem Sektor - die ein­schlä­gi­gen Schubladendenker spre­chen meist von „RIO/Avant“ - aber (zum Glück) auch nicht schwer.

    „Avant(garde)“ ist hier ein so zutref­fen­des Genre wie sonst nur sel­ten. Die momen­ta­ne Sängerin (die­ser Posten wird ja sozu­sa­gen stän­dig neu besetzt) Elaine di Falco, deren Stimme mit­un­ter, etwa in „I Cannot Fly“, laut­ma­le­risch als zusätz­li­ches Instrument agiert, statt nur als Transportmittel für die übri­gens auch mal erwäh­nens­wer­ten Texte zu die­nen, fügt sich treff­lich in das Gesamtgefüge ein. Freunden belang­lo­sen Schönklangs wird das Dargebotene ziem­li­che Kopfschmerzen berei­ten; mir gefällt es um so besser.

    Ach ja, die Texte. „Abstieg und Fall“, so der über­setz­te Titel des Albums, sind inhalt­lich prä­gend, wobei der Abstieg der mensch­li­chen Gesellschaft eines der Themen bil­det. Ob man ihnen aber fol­gen soll­te? Ich behaup­te: Nein. „Decline and Fall“ ist sicher­lich von sol­cher Musik, bei der man nor­ma­ler­wei­se mit­sin­gen kann, weit ent­fernt. Thinking Plague sind viel­mehr so abge­fah­ren wie zuletzt broken.heart.collector, so schräg wie Henry Cow und der­glei­chen, so kom­plex wie Gentle Giant, obwohl die Gesangsharmonien da jede Ähnlichkeit eigent­lich ver­bie­ten sollten.

    Mit letz­te­ren hat man aber auf­grund der kam­mer­mu­si­ka­li­schen Elemente noch mehr gemein­sam; bezie­hungs­wei­se eben:

    Vom ersten Moment an gibt es hier kom­ple­xen, kan­ti­gen Kammerrock zu hören, der sei­ne Beeinflussung durch moder­ne Klassik nicht ver­leug­nen kann. Seltsam ver­que­re Melodielinien von Holzblasinstrumenten (meist Saxophon, gele­gent­lich auch Klarinette) drin­gen auf krum­men Wegen in die Gehörgänge ein, beglei­tet von fili­gran-verz­wir­bel­ter Gitarre und einer kom­plex agie­ren­den Rhythmussektion. (…) Ergänzt wird das Ganze um dezen­te Tastenklänge, unter denen sich hin und wie­der ein sanf­tes Mellotron befindet.

    „Kantig“ - ein her­vor­ra­gen­des, weil unge­mein tref­fen­des Adjektiv. Vom Einheitsbrei ist „Decline and Fall“ auch des­halb weit ent­fernt. Das fin­de ich gut. Und wem es gefällt, der soll­te sich außer die­sem Album auch „Rainbro“ von Inner Ear Brigade zule­gen, das eben­falls 2012 erschien und mit sehr ähn­li­chen Zutaten arbei­tet. (Zwei Kaufbefehle in nur einer Rezension, wo sonst gibt es das schon?)

    Hörproben: Amazon.de hat Ausschnitte, Grooveshark das gan­ze Album im Repertoire.

  8. A Whisper in the Noise - To Forget

    Nach so viel lau­ter Musik schla­ge ich wie­der lei­se­re Töne an. Ein Flüstern im Krach. A Whisper in the Noise.

    Eigentlich hat­te man A Whisper in the Noise ja schon für schein­tot erklärt, nach­dem aus eini­gen Mitgliedern die­ser Musikgruppe Wive ent­stand, die ich 2010 für ihre groß­ar­ti­ge CD-Verpackung lob­te (und die aber auch ganz okaye Musik machen). Übrig geblie­ben ist nach der kurz­zei­ti­gen Auflösung nach dem Album „Dry Land“ auch tat­säch­lich nur noch das Duo West Thordson (Schlagzeug, Gitarre, Gesang, diver­ses) und Sonja Larson (Violine und eben­falls Gesang).

    Dabei schei­nen die Gemeinsamkeiten mit Wive anfangs gar nicht ein­mal so groß zu sein, die instru­men­ta­le Eröffnung, näm­lich das Titelstück, lässt A Whisper in the Noise den Japanern Mono nahe erschei­nen, aber bereits im zwei­ten Stück, „Black Shroud“, schlägt die Stimmung um. Von der unter­drück­ten, zurück­hal­ten­den Aggression von „Dry Land“ ist nichts mehr zu hören und zu spü­ren, Melancholie und ele­gi­sche Verträumtheit behal­ten die Oberhand.

    Wäre da nicht der zurück­hal­ten­de, bei­na­he ängst­li­che Paargesang, man könn­te „To Forget“ für ein Spätwerk von Talk Talk hal­ten (oder für eine Coverversion davon). Slint immer­hin, wie Talk Talk Pioniere des Postrocks, nennt man gele­gent­lich als Referenz, und so schließt sich der Kreis dann ja doch noch beinahe.

    Ein Flüstern im Krach. So klingt „To Forget“: Still, zer­brech­lich, zurück­hal­tend. Unaufdringlich wie die­se Sätze. Schön.

    Ich emp­feh­le Unentschlossenen fol­gen­de Hörproben:
    Amazon.de hat die gewohn­ten Klangschnipsel vor­rä­tig, die Band selbst hat auf SoundCloud die bei­den Stücke „Your Hand“ und „Black Shroud“ hoch­ge­la­den. Empfehlenswert.

  9. Meshuggah - Koloss
    „My rules app­ly to all. You’ll heed me, bleed for me.“ (I am Colossus)

    In der zwei­ten Halbjahresliste 2011 hat­te ich Cave In lobend erwähnt und war damals schon nicht sicher, wel­ches Genre ange­mes­sen wäre:

    „Metalcore“ ist zwar eine vali­de Beschreibung der all­ge­mei­nen Ausrichtung der Musik von Cave In, aber sie ist nicht ansatz­wei­se vollständig.

    So geht es mir auch bei „Koloss“, dem neu­en Album von Meshuggah. Die „Babyblauen Seiten“ füh­ren sie als „Prog-Death-Thrash-Metal aus Schweden“, ich wür­de sie spon­tan vor allem unter „b“ wie „böse“ ein­sor­tie­ren. „Prog“ ist unser­eins dann doch etwas zurück­hal­ten­der gewohnt, wäre da nicht Dick Lövgren, des­sen Bassspiel die­sem Koloss („Koloss“, wis­sen­schon) von Musik eine Prise Tool hin­zu­fügt, was wohl schon genügt, um pau­schal „Prog“ drauf­zu­schrei­ben. Ach, man könn­te meschug­ge wer­den davon.

    Apropos meschug­ge, blei­ben wir bei Meshuggah. Von der Urbesetzung - for­miert immer­hin bereits 1987, was im Musikgeschäft inzwi­schen durch­aus eine ansehn­li­che Zeitspanne ist - sind nur noch Jens Kidman (Gesang) und Fredrik Thordendal (Gitarren) an Bord, die Quintettbesetzung vom Vorgängeralbum „obZen“ ist indes unver­än­dert geblieben.

    Auch nach 25 Jahren sind sie noch kein biss­chen lei­ser gewor­den. „Gesang“ ist hier nicht all­zu wört­lich zu neh­men, kli­sche­e­taug­lich wird ins Mikrofon gebrüllt. Konterkariert wird das Klischee von den eini­ger­ma­ßen ver­track­ten Rhythmen und Melodien, die zei­gen, dass es eben nicht nur um blo­ße bra­chia­le musi­ka­li­sche Gewalt geht. Natürlich gibt es auch auf „Koloss“ trotz­dem mäch­tig auf die Zwölf:

    Das Album bril­liert mit einer der­ma­ßen her­vor­ra­gen­den Balance, dass zur Perfektion nur noch ein Wimpernschlag zu feh­len scheint. Riffs, Gitarrenarbeit, Schlagwerk, Komposition, Arrangements und Klang - sämt­li­che Zutaten, von Mikrobestandteilen zu den gro­ben Fragmenten, die ein Album, einen Song aus­ma­chen, fügen sich auf „Koloss“ zu einem Gesamtbild zusam­men, wel­ches den Hörer mit einer erbar­mungs­lo­sen Kanonade von Hiteinschlägen niederwalzt.

    Der Fauxpas „Hiteinschläge“, also „Schlageinschläge“, sei geschenkt: Hinzuzufügen ist dem anson­sten nichts mehr.

    Hörproben: Amazon.de hat 30-sekün­di­ge Ausschnitte und eine Sonderauflage mit DVD, Grooveshark das kom­plet­te Album zum Streamen.

  10. Graham Coxon - A + E
    „Going down to the city hall, a bil­li­on lights in front of me…“ (City Hall)

    Aus dem nähe­ren Umkreis der mal mehr, mal weni­ger akti­ven Britpop-Gruppe Blur hört man gegen­wär­tig vor allem von Damon Albarn, neben­bei Vordenker der Gorillaz und sonst­wie hyper­ak­tiv, so man­ches. Dass bei Blur außer ihm auch ande­re Musiker spiel­ten und/oder spie­len, geht dabei fast voll­kom­men unter.

    Einer von die­sen ande­ren Musikern ist Graham Coxon, eben­dort einst und nun, nach erfolg­ter Aussöhnung, wie­der für’s Gitarrenspielen zustän­dig. Dieser nun ver­öf­fent­lich­te 2012 mit „A + E“ ein eigen­ar­tig beti­tel­tes (sein inzwi­schen ach­tes) Musikalbum mit noch eigen­ar­ti­ge­rer Musik drauf, das ich bereits im April für nicht weni­ger als gran­di­os hielt. An die­ser Einschätzung mei­ner­seits hat sich bis­lang nichts Wesentliches geändert.

    Was „A + E“ oder „A+E“ - die ein­zig wah­re Schreibweise ist mir gera­de nicht geläu­fig - bedeu­ten soll, ist rät­sel­haft, aber das A und O des Lo-Fi-Garagenrocks beherrscht Graham Coxon aus dem ff. „Lo-Fi“ ist dabei aus­nahms­wei­se mal nicht nur ble­cher­nes Geschrammel: Produzent Ben Hillier hielt ein wach­sa­mes Auge dar­auf, dass nichts entgleist.

    Zugegebenermaßen haben Textfreunde wie ich nur wenig Spaß an den eher spär­li­chen Zeilen. In „City Hall“ genügt eine Zeile, die immer wie­der wie­der­holt wird, das Elektropop-Lied „What’ll It Take“ hat immer­hin schon zwei: „What’ll it take to make you peop­le dance?“, das muss dann aber für eine Strophe auch rei­chen. Allerdings: „Dance“, ja, zum Tanzen oder jeden­falls leid­lich rhyth­mi­schen Herumwackeln eig­net sich „A + E“ eben­so wie die mei­sten Alben der Dandy Warhols, was ja nun auch nicht die schlech­te­ste Referenz ist, jedoch wirkt der Gesang letz­te­rer Musiker eher müde (nicht schlecht-müde, son­dern müde-müde), was ein inter­es­san­tes Stilmittel ist, „A + E“ aber dann doch wie­der etwas fer­ner rücken lässt. Das ist gut, denn wer braucht schon unge­zähl­te Musikalben, die einem eigent­lich doch nur das glei­che zu sagen haben?

    Übrigens wird das letz­te Lied „Ooh, Yeh, Yeh“ als „Explicit Lyrics“ ange­prie­sen, als text­lich womög­lich nicht sehr jugend­frei also, und nach Durchsicht des­sel­ben leuch­tet mir das nicht ein. In ande­ren Ländern ist man jedoch manch­mal etwas eigen, was die Bewertung von Versen betrifft, was ich ein­fach mal unter „ach, die­se US-Amerikaner“ ver­bu­che. (Graham Coxon ist übri­gens gebür­ti­ger Niedersachse, Blur stam­men aus Großbritannien, aber „Explicit Lyrics“ ist ein Etikett, das von Niedersachsen und Briten gewöhn­lich eher sel­ten ver­ge­ben wird.)

    Fieser Trickser, der er ist, hat Graham Coxon „Advice“ an den Anfang sei­nes Albums gesetzt, sti­li­stisch nahe den (frü­hen) Kinks zu ver­or­ten und kaum als Zusammenfassung des gan­zen Albums geeig­net, was wie­der ein­mal zeigt, dass es nicht nur stil-, son­dern meist auch sinn­los ist, sich aus einem Musikalbum ein Lied her­aus­zu­picken und die­ses als Kaufentscheidung heranzuzuiehen.

    Sonst so? Nine Inch Nails, The Cure, Joy Division und so wei­ter und so fort, alle­samt ver­edelt mit der dem Musiker eige­nen Prise Minimalismus und Monotonie (Kraftwerk!), die „A + E“ oder „A+E“ oder jeden­falls die­ses Album so erfri­schend anders klin­gen lässt. Prima Musik, das.

    Hörproben: Zurzeit (11. Juni 2012) ist „A + E“ per SoundCloud zu strea­men, anson­sten gibt’s auch Amazon.de mit den gewohn­ten 30-Sekunden-Ausschnitten und einer Auflage mit DVD, auf der es Liveversionen zu hören gibt, was bei sol­cher Musik ja durch­aus auch mal ganz inter­es­sant ist.

  11. The Magnetic Fields - Love at the Bottom of the Sea
    „I want the who­le bloo­dy place red with your girlfriend’s face“ (Your Girlfriend’s Face)

    Ja. Was? - Das waren mei­ne unge­fäh­ren Gedanken beim ersten Hören die­ses Albums.

    The Magnetic Fields sind eine 1990 in Boston gegrün­de­te Folkpop-/Indiepop-/Noisepop-/Irgendwas-mit-Pop-Band, behaup­tet das Internet. „Schon wie­der Pop?“, ach, nein, so ein­fach mache ich es mir dann doch nicht. „Love at the Bottom of the Sea“ ist genau so „Pop“ oder „nicht Pop“ wie alles ande­re hier in die­ser Liste. Tatsächlich spie­len The Magnetic Fields hier mit Popklischees, aber sind schon rein text­lich nicht son­der­lich kom­pa­ti­bel mit dem air­play der Massensender.

    „The moment he wal­ked on the sta­ge my tail began to wag,
    wag like a litt­le wei­ner dog for Andrew in drag“
    – Andrew In Drag

    Die harm­lo­sen, wohl­klin­gen­den Melodien die­nen The Magnetic Fields somit als Katalysator für die schwar­zen Texte, was viel­leicht den einen oder ande­ren an „Weird Al“ Yankovic erin­nern mag, der aller­dings noch ein wenig alber­ner ist. Gesungen wer­den sel­bi­ge Texte zum Teil von Bandgründer Stephen Merritt, aber auch Shirley Simms (Ukulele) und Bandmanagerin Claudia Gonson (Klavier, Perkussion) sind am Mikrofon zu vernehmen.

    Musikalisch höre ich eine inter­es­san­te Mischung aus - unter ande­rem - den Raveonettes (sehr gut zu hören in „Your Girlfriend’s Face“), diver­sen Britpop-Bands, den Dandy Warhols und New Wave (allein schon das prä­gnan­te Synthesizer-Blubbern) her­aus. Die Synthesizer sind (wie­der) neu, die vor­he­ri­gen drei Alben kamen ohne sie aus (wes­halb man anders­wo von der „No-Synths-Trilogie“ spricht, was irgend­wie dann doch albern ist), sie erwei­tern das Klangbild um inter­es­san­te Facetten.

    „Love at the Bottom of the Sea“ ist in all sei­ner Poppigkeit ziem­lich selt­sam, ziem­lich hör­bar und ein ziem­lich gutes Sommeralbum. Dafür gibt es mei­ne wärm­ste Empfehlung, wenn das Wetter schon nicht reicht.

    Hörproben: Ein Stream ist über musikexpress.de zu errei­chen, anson­sten hat Amazon.de wie­der Dreißigsekünder im Angebot.

  12. RAK - The Book of Flight - Lepidoptera II

    Kehren wir nun zurück zu etwas Musik mit mehr Tiefgang: „The Book of Flight - Lepidoptera II“ ist - wer hätt’s gedacht? - der Nachfolger des 2004 erschie­ne­nen Albums „Lepidoptera“. Dass RAK (eigent­lich der Künstlername des Keyboarders Marc Grassi) dafür acht Jahre gebraucht haben, ist nahe lie­gend, immer­hin stammt das Quintett aus der nicht gera­de für ihre Agilität bekann­ten Schweiz.

    Gespielt wird kli­schee­haf­ter (und trotz­dem recht guter, sonst wäre er nicht hier zu fin­den) key­board­la­sti­ger Neoprog. Sechs Stücke fül­len etwas über 64 Minuten, womit klar sein dürf­te, dass es auch die­ses Album wahr­schein­lich nie­mals in die Radios schaf­fen wird. Allein schon der Titel - latei­ni­scher Name der Schmetterlinge - dürf­te die mei­sten typi­schen Radiohörer hoff­nungs­los über­for­dern. (Bedenkt man, dass zum Beispiel die Braunschweiger Zeitung einen Bericht über aus­ge­rech­net Justin Bieber auf ihrer Kulturseite zwi­schen Film, Lyrik und Theater unter­brach­te, erscheint die­se Befürchtung noch untertrieben.)

    Das ist zu bedau­ern, denn „The Book of Flight - Lepidoptera II“ hat es in sich:

    In sechs über­wie­gend lan­gen Songs erzählt Grassi die Geschichte des „Book of Flight“. Gewaltige Tastengebirge wer­den auf­ge­wor­fen, schar­fe Synthie-, Orgel- und Pianoleads durch­pflü­gen die­se Klanglandschaften. Die Gitarre setzt mal mit krei­schen­den E-Gitarren-Soli, mal mit nahe­zu metal­li­schem Riffing, mal mit blues­ge­tränk­ten Harmonien ein ums ande­re Mal Gänsehaut-Akzente. Im Untergrund toben wuse­lig-vir­tuo­sen Drums, die dem Ganzen mit einem ordent­lich kom­ple­xen Rhythmusgeflecht Feuer geben. Da macht sich nicht mal das Fehlen eines etat­mä­ßi­gen Bassisten bemerk­bar, soviel Druck und Zug ent­wickeln die Kompositionen. Die Arrangements ber­sten förm­lich vor Details und Wendungen, die es nach und nach zu ent­decken gilt.

    (Nach weni­gen Stunden noch mal obi­ges Zitat lesen, sich end­lich über das Wort „etat­mä­ßi­gen“ wun­dern und trotz­dem nicht das Zitat ver­fäl­schen: Erledigt.)

    Um meta­pho­ri­sche Schmetterlinge geht es auch in den Texten, genau­er gesagt um die Stärke und Selbstbestimmung des Individuums und den Widerstand gegen Autoritäten. Die deut­sche Popgruppe Echt nann­te eines ihrer Alben „Freischwimmer“ und woll­te damit zum Ausdruck brin­gen, dass sie sich befreit haben von ihrem frü­he­ren Dasein, RAK ging es von Anfang an um das Freisein. Schmetterlinge, Schmetterlinge 2. Wie wohl der Nachfolger hei­ßen wird?

    Störend ist gele­gent­lich nur der eng­lisch­spra­chi­ge Gesang von Dave Thwaites, der stimm­lich doch sehr an den grau­en­vol­len „Grafen“ von Unheilig erin­nert. Aber dar­über sehe ich gern hin­weg, immer­hin ist er wohl­tu­end nach hin­ten gemischt wor­den und somit nur wenig aufdringlich.

    Hörproben: Auf Amazon.de gibt es zwar nur die MP3-Version des Albums (eklig in „Kapitel“ zer­schnit­ten) zu kau­fen, jedoch kann hin­ein­ge­hört wer­den. Das kom­plet­te Album ist auf Grooveshark.com streambar.

  13. Motorpsycho & Ståle Storløkken - The Death Defying Unicorn

    Die nor­we­gi­sche Musikgruppe Motorpsycho, seit 1989 bestehend, macht nor­ma­ler­wei­se eigent­lich ganz guten Retro-Prog, Hardrock oder wie man es auch immer nen­nen möch­te (die irgend­wo im Internet auf­ge­schnapp­te Bezeichnung „Alternative-Psychedelic-Hard-Progger“ ist recht zutref­fend). Diese eigent­lich ganz gute Musik muss irgend­wann Ståle Storløkken, Keyboarder der gleich­falls nor­we­gi­schen, jedoch eher jazz­na­hen (und eben­falls guten) Avantgarde-Musikgruppe Supersilent zu Ohren gekom­men sein, der für das 40-jäh­ri­ge Jubiläum des Molde-Jazzfestivals noch etwas Musik bei­tra­gen wollte.

    So rief er besag­te Musikgruppe (Motorpsycho), das Trondheim Jazz Orchestra, die Streichergruppe Trondheimsolistene und den Jazzviolinisten Ola Kvernberg zusam­men, um Großes zu erschaf­fen. Das Ergebnis - fast instru­men­tal - war unge­fähr zwei Stunden lang und wur­de 2010 urauf­ge­führt. Im wei­te­ren Verlauf fand man sich gemein­sam im Studio ein, kürz­te das Werk so, dass es auf ein Doppelalbum (etwas weni­ger als 84 Minuten Gesamtlaufzeit) passt, füg­te noch eini­ge Strukturen und Texte (letz­te­re stam­men von Bent Sæther, der hier und bei Motorpsycho singt und Bass spielt) hin­zu und fer­tig war das „Death Defying Unicorn“, das dem Tod trot­zen­de Einhorn. Progressive-Rock-Freunde ken­nen ja das Klischee von den eso­te­ri­schen Texten über Elfen und Einhörner - allein das soll­te schon ein Grund sein, das Album mal zu hören.

    Auch, wenn eben­falls groß Motorpsycho drauf­steht: Drin ist vor allem Ståle Storløkken. Das ist gut, denn er setzt als Avantgarde-Jazzmusiker bei der Komposition ande­re Schwerpunkte. Wie das klingt? Ziemlich überragend!

    Natürlich kann ein Doppelalbum stel­len­wei­se etwas lang­at­mig wir­ken, etwa dann, wenn es minu­ten­lang nur bedeu­tungs­voll aus dem Lautsprecher wabert. Gerade die­se Abwechslung ist es aber, die das „Death Defying Unicorn“ befeu­ert. Das Trondheim Jazz Orchestra lei­stet gan­ze Arbeit, die Bläser (unter ande­rem zwei Trompeter und diver­se Saxophonisten) sind ein eben­so druck­vol­les Element der Musik wie (natür­lich) die Keyboards von Ståle Storløkken, des­sen spa­ce­rocki­ges (ist das über­haupt ein Wort?) Keyboardspiel dem von Patrick Moraz (unter ande­rem auf dem pracht­vol­len Album „Relayer“ von Yes zu hören) oft recht nahe kommt.

    Ach, Yes: Motorpsycho ver­leug­nen ihre Wurzeln auch auf „The Death Defying Unicorn“ nicht. Bereits erwähn­te Yes („Mutiny“) ste­hen hier gleich­be­rech­tigt neben Simon & Garfunkel („Into The Gyre“) und Lis Er Stille, sozu­sa­gen ein beherz­ter Griff in die Retro-Tüte.

    „Retro“ ist auch das Konzept, immer­hin ist „The Death Defying Unicorn“ sozu­sa­gen eine Rockoper wie einst „Tommy“ und „The Wall“; bezie­hungs­wei­se eben kei­ne Rockoper, son­dern „ein Wahnsinn“ (Christian Preußer), denn in ein enges Genrekorsett lässt sich das „Einhorn“ beim besten Willen nicht zwän­gen. Die Rahmenhandlung ist fol­gen­der­ma­ßen überliefert:

    Es ist der Reisebericht eines selt­sa­men jun­gen Kerls, der unter Seekrankheit lei­det, sich aber trotz­dem an Bord eines Schiffes schleicht. Das Schiff geht unter, er stran­det auf einer Insel und muss sich mit der Natur, Halluzinationen und Visionen, und noch manch ande­rem aus­ein­an­der­set­zen. Es ist eine Art psy­che­de­lisch-meta­phy­si­scher Trip, des­sen Ende - wie so vie­les im Leben und Tod - offen bleibt.

    Trotz oder gera­de wegen all die­ser Klischees, vom Einhorn bis zur Metaphysik, bleibt eigent­lich nur ein Schluss: „The Death Defying Unicorn“ ist anspruchs­voll, anstren­gend, ein­gän­gig, viel­sei­tig, fili­gran und rockig zugleich - kurz: Ein ver­flixt gutes Album. Schon jetzt ein star­ker Anwärter auf das Album des Jahres.

    Hörproben gibt es auf Amazon.de, CD 1 als Streaming auch auf Grooveshark.com.

  14. Liars - WIXIW
    „Teach me how to be a per­son.“ (Flood to Flood)

    Von den Liars (den „Lügnern“) hör­te man zuletzt im Jahr 2010, als sie das Album „Sisterworld“ ver­öf­fent­lich­ten, das ich sei­ner­zeit sehr gut fand. Zu hören waren Noise-Rock und Post-Punk, die Texte erzähl­ten von Kriminalität und son­sti­gen Abgründen in der Großstadt. Mit „Sisterworld“, „Schwesterwelt“, war der eige­ne pri­va­te Raum gemeint, den Bewohner einer sol­chen Stadt errich­ten, um ihr Leben weit­ge­hend unge­hin­dert leben zu können.

    Mehrere Sprachversionen der Wikipedia betrach­ten die Liars kon­se­quen­ter­wei­se als ehe­mals im Dance-Punk behei­ma­te­te expe­ri­men­tel­le Rock- und Post-Punk-Band, hef­ten ihnen also ähn­li­che Etiketten wie The Velvet Underground an. Dumm nur: „WIXIW“ („Wish you“, weiß der Teufel, wie man auf so eine Aussprache kommt) klingt schon wie­der ganz anders.

    Die Gitarren sind sphä­ri­scher Elektronik gewi­chen, das Ergebnis erin­nert eher an Kreidler als an Sonic Youth. Vielerorts liest man auch Vergleiche mit Radiohead, mit denen die Liars einst tour­ten, aber dafür ist „WIXIW“ mei­nes Erachtens ein­fach zu gut - das grau­en­haf­te Gejaule eines Thom Yorke ist mit dem ange­neh­men Gesang von Angus Andrew erfreu­li­cher­wei­se auch nicht zu vergleichen.

    Es regiert die ver­meint­li­che Tanzmusik, die aber unter der Oberfläche immer noch so verz­wir­belt ist wie man es von den Liars eigent­lich erwar­tet hat­te. Beziehungsweise eben:

    Düstere Beats, der Gesang an ande­rer Stelle nur ein rezi­ta­ti­ves Stimmengewirr, schwe­re, kunst­voll ver­schlauf­te Sythievariationen – (…) hier ist kein Bit falsch gesetzt. Der Titeltrack (…) als expe­ri­men­tel­le, auch ato­na­le Fuge, die nach einem Drittel in ein Trommelsperrfeuer mün­det, der Tranceteppich von „Who Is The Hunter“ und das brat­zi­ge, tja „Brats“ – kein Schwachpunkt auszumachen.

    „WIXIW“ mag das bis­her zugäng­lich­ste Werk der Liars sein, es zu unter­schät­zen wäre trotz­dem ein gewal­ti­ger Fehler. Die Platte wächst bei jedem Hördurchlauf. Intensiv, berau­schend, gran­di­os. Beinahe ver­gisst man, dass der alte Gitarren-Schrammelrock auch nicht so schlecht war. Nur weni­gen Musikgruppen gelingt es, sich neu zu erfin­den, ohne dass die Anhängerschar mit den Augen rollt und sich der Konkurrenz zuwen­det. Die Liars mei­stern dies augen- bzw. ohren­schein­lich mit Leichtigkeit. Auf wei­te­re Überraschungen die­ser Art freue ich mich jedenfalls.

    Als Hörprobe gibt es unter ande­rem auf vimeo.com das Video zur ersten Single „No.1 Against The Rush“ zu bestau­nen, Amazon.de hat der­weil Ausschnitte aus allen 11 Stücken im Angebot. Das kom­plet­te Album ist auf Grooveshark streambar.

  15. Astra - The Black Chord
    „Chasing the bright side, losing the way.“ (Barefoot in the Head)

    Eines der scheuß­lich­sten Biere, die ich je getrun­ken habe, trägt den glei­chen Namen wie die­se Musikgruppe. Von über­mä­ßi­gem Konsum von „The Black Chord“ fühlt man sich jedoch nicht ganz so übel wie vom gleich­na­mi­gen Getränk. Auch das Fahrzeugmodell des wie­der­um glei­chen Namens, gebaut im Auftrag von Opel, ist ver­gli­chen mit die­sem Album gera­de ein­mal mittelklassig.

    Die erfreu­li­chen Möglichkeiten, eben­falls mit­tel­klas­si­ge Wortspiele mit ihrem Namen zu machen, sind aber nur ein Vorteil der Musikgruppe Astra (lat. „Sterne“). Im Dezember 2009 pries ich das Vorgängeralbum „The Weirding“ und nann­te es einen „ver­ton­ten Drogentrip“. Seitdem hat sich, ober­fläch­lich betrach­tet, nicht viel geän­dert: „The Black Chord“ ist erneut ziem­lich dro­gig. (Wer hat die­ses Wort eigent­lich erdacht?)

    Zwar stam­men sie aus den USA, aber sie holen doch die Tugenden der guten bri­ti­schen Rockmusik wie­der her­vor. Tief in den 70-ern ver­wur­zelt spie­len sie krau­ti­ge Psychedelic mit Tiefgang. Die alten Pink Floyd, Glass Hammer und Hawkwind tref­fen auf jun­ge Retrobands wie Änglagård. Freunde von Prog-Klischees dürf­te es freu­en, dass drei der fünf Mitglieder über Mellotrone und/oder Moog-Synthesizer ver­fü­gen, wenn sie nicht gera­de Gitarre oder Keyboard spie­len. Nur Schlagzeuger/Flötist David Hurley und Bassist Stuart Sclater hal­ten sich von der­lei fern, dafür beherr­schen sie ihre eige­nen Instrumente vortrefflich.

    Gesang steht kon­se­quen­ter­wei­se nicht vorn in der Prioritäten-Rangliste, das fast neun Minuten lan­ge Instrumentalstück „Cocoon“ lei­tet das Album mit dezen­tem Spacerock ein, stei­gert sich aber über sei­ne vol­le Länge und mün­det in einem ziem­lich mit­rei­ßen­den Finale. Ja, so war das bei guter Musik irgend­wann mal üblich. („In The Court Of The Crimson King“ funk­tio­nier­te nach einem ähn­li­chen Prinzip und ist immer noch klas­se.) Es folgt das vier­tel­stün­di­ge Titelstück „The Black Chord“, das zu Beginn Marillion zur Zeit ihrer ersten Alben in Erinnerung ruft, bevor nach etwa zwei Minuten der har­mo­ni­sche Gesang ein­setzt. Treibende Instrumente: Tasteninstrumente und Gitarre, beglei­tet von gele­gent­li­chen Bass- und Schlagzeugeinwürfen.

    Noch im glei­chen Stück winkt gele­gent­lich Genesis‘ „Trespass“ (man höre zuerst deren „The Knife“ und dann die­ses Album oder umge­kehrt) von Weitem, auch wegen der ähn­li­chen Gesangs- und son­sti­gen Effekte. Brian Ellis fügt ein paar druck­vol­le Gitarrensolo-Passagen hin­zu, die er im fol­gen­den Stück „Quake Meat“, das mit sei­nem kräf­ti­gen bei­na­he aggres­siv wirkt, noch­mals über­trifft. „Drift“ bringt wie­der ein wenig Ruhe ins Album und ist so eine gute Überleitung zum vor­letz­ten Stück „Bull Torpis“, in dem der Spacerock sich noch­mals nach­drück­lich bemerk­bar macht. „Barefoot in the Head“ ist ein wür­di­ges Ende für die­ses Album - noch ein­mal wird eine Spannungskurve errich­tet, die schließ­lich in einem ful­mi­nan­ten Finale mündet.

    Verglichen mit „The Weirding“ sind die Ingredienzen zwar weit­ge­hend gleich geblie­ben, aber Astra sind hör­bar gereift. Das Ergebnis zu über­tref­fen könn­te schwer wer­den, an ihm erfreu­en kann man sich jedoch hof­fent­lich noch für lan­ge Zeit.

    Hörproben: Unter ande­rem „Quake Meat“ gibt es auf YouTube zu hören, in alle Stücke hin­ein­hö­ren lässt sich auf Amazon.de.

  16. Wassermanns Fiebertraum - Brandung

    Zum Schluss der dies­halb­jäh­ri­gen Bestenliste gibt es noch einen Kaufbefehl für Freunde digi­ta­ler Musik, denn als einen phy­si­schen Tonträger gibt es das Album „Brandung“, erschie­nen im April die­ses Jahres, mei­nes Wissens allen­falls auf Konzerten der Regensburger Formation Wassermanns Fiebertraum zu erwerben.

    Gesang? Trotz Liedtiteln wie „Flackerndes Sonnenlicht“ und „Zerkratzte Luft“ Fehlanzeige. Das ist ein biss­chen scha­de, aber tut nicht weh. Gemäß der Eigenbeschreibung auf der Website der Band han­delt es sich bei Wassermanns Fiebertraum um …

    (…) eine instru­men­tel­le deutsch-öster­rei­chi­sche Alternative/Post-Rock-Gruppe, ver­kör­pert von vier Musikern, wel­che über­wie­gend in Städten an der Donau woh­nen. Sie ver­zich­ten auf ver­ba­le Sprache, und kom­mu­ni­zie­ren nur durch Klänge und leb­haf­te Visuals. In WASSERMANNS FIEBERTRAUM ver­mi­schen sich Wahrheit und Unwirklichkeit, Melancholie, Leid und Bildung, Rausch und Phantasie.

    Obwohl der Bandname nach einem bis­lang unver­öf­fent­lich­ten Titel von Hölderlin oder auch Amon Düül II klingt, wird zwar gerockt, aber nicht gekrau­tet. Alle Signale ste­hen auf Postrock der lau­ten, drecki­gen Gangart. Der ope­ner „Flackerndes Sonnenlicht“ beginnt noch mit eher ruhi­gen Gitarrenklängen, aber nach etwa acht­zig Sekunden scheppert’s im Karton. „Scheppern“ ist hier auch so gemeint, das Schlagzeug schep­pert; ich schät­ze, hier wäre eine bes­se­re Produktion hilf­reich gewe­sen. Das ist aber auch schon das ein­zi­ge Manko, das ich vor­zu­brin­gen habe.

    Das Quartett hat zwar nur zwei statt der gewohn­ten drei Gitarristen, aber die kom­men kurz und um so prä­gnan­ter auf den Punkt. Ach ja, kurz: zwi­schen etwa zwei­ein­halb und fünf Minuten beträgt die Laufzeit der neun Stücke, und mit 36:38 Minuten Gesamtdauer wird jede dro­hen­de Länge - ein bekann­tes Problem vie­ler ande­rer Postrockgruppen - gar nicht erst zuge­las­sen. Das ist erfreulich.

    Stilistisch ange­lehnt ist das zu Hörende an ande­re (über­wie­gend) instru­men­ta­le Postrockbands wie Explosions In The Sky und Mogwai, zieht man deren Theatralik und Hang zur Überlänge ab.

    Hörproben: Wassermanns Fiebertraum hat einen YouTube-Kanal, der viel­leicht von Interesse ist. Das Album „Brandung“ indes kann man nicht nur für 6 Euro (lei­der nicht auf CD) per bandcamp.com ordern, son­dern oben­drein eben­dort ohne Aufpreis in vol­ler Länge anhö­ren, was ich dann jetzt auch ein­fach mal empfehle.

Das erste Halbjahr 2012 hat­te nicht nur aller­lei Kommerzmusik im Portfolio, auch so man­che kosten­lo­se Delikatesse erblick­te das Tageslicht. Einige davon habe ich im Folgenden zusam­men­ge­tra­gen und füge kur­ze Erläuterungen bei:

2. Herunterladbefehle.

  1. Petrels - All things in com­mon (EP)

    Ein wenig selt­sam wirkt es viel­leicht schon, dass die­se fast zwan­zig­mi­nü­ti­ge EP aus nur zwei Stücken besteht. Die haben es aber in sich.

    Petrels heißt ein Projekt von Oliver Barrett, nor­ma­ler­wei­se mit Bleeding Heart Narrative unter­wegs. Das Debütalbum „Haeligewielle“ wird beglei­tet von einer frei ver­füg­ba­ren EP namens „All things in com­mon“. Die musi­ka­li­schen Wege der Stammband beschrei­tet er solo nicht: Ambiente Klangteppiche (Tangerine Dream, Klaus Schulze) sind hier eben­so zu hören wie fast kako­pho­ni­sche, wüten­de Noise-Ausbrüche. Gelegentlich erin­nert das Treiben an jün­ge­re Veröffentlichungen von Sigur Rós, ist aber rau­er und weni­ger dem Schönklang verschrieben.

    Die bei­den Stücke auf der EP hei­ßen „Thomas Müntzer“ und „Leonora Christine“. Thomas Müntzer, laut Wikipedia, war ein Theologe und Revolutionär in der Zeit des Bauernkrieges (also in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts) und wur­de spä­ter auf der 5-Mark-Note der DDR sozu­sa­gen ver­ewigt. Leonora Christina war etwa hun­dert bis hun­dert­fünf­zig Jahre spä­ter eine däni­sche Schriftstellerin und Prinzessin, die auf­grund ihrer zahl­rei­chen Geburten (und Reisen) kaum Zeit für eine ange­mes­se­ne Ausbildung hat­te (an wel­che deut­sche Politikerin der Gegenwart erin­nert uns das?), hat es aber nicht auf eine Banknote geschafft.

    Was das zu bedeu­ten hat? Ich weiß es nicht, Texte gibt es nicht. Aber muss man immer alles verstehen?

    Runterholen und anhö­ren geht sowohl per Bandcamp als auch via eMule.

  2. The Next Hundred Years - Troppo

    Etwas erdi­ger als Petrels gehen die Kanadier The Next Hundred Years zu Werke, und das schon, wie man hört, seit Jahren von Plattenfirmen igno­riert. Das ist gut für uns arme Musikfreunde, aber scha­de für die Musiker, denn sie ver­rich­ten ihr Tun vortrefflich.

    „Troppo“ heißt das dies­jäh­ri­ge Album der Band, was Italienisch ist und „zu viel“ bedeu­tet. Zu viel ist das aber alles natür­lich nicht, son­dern eher viel zu wenig. Fünf Herren mit Gitarren, Bass, Keyboard, Schlagzeug und Violine, unter­stützt von einer Cellistin und einem Trompeter als Gastmusikerduo, oben­drein gibt es Gesang. Und zwar ziem­lich guten. Ich zitie­re unge­fragt und unverfälscht:

    Knifflige Rhytmusabteilung, aku­ra­te Tempowechsel, Wahnsinns-Gesang, schnit­ti­ge Gitarren-Riffs mit allem Pipapo.Ich schmeiss hier ein­fach mal ein paar Begriffe in den Raum. Tool, Russian Circle, Kyuss und Queens of the Stone Age. Oder anders her­um, Musik im Spannungsfeld zwi­schen geer­de­ten Progressive-Rock, Psychedelic, Metal und Stoner-Rock.

    Dem füge ich noch ein zag­haf­tes Oceansize hin­zu und sonst nichts. Nur noch so viel: Wenn so die näch­sten hun­dert Jahre klin­gen, wird der Rest mei­nes Lebens noch span­nen­der als erwartet.
    Ich freue mich jetzt schon.

    Runterholen und anhö­ren kann man „Troppo“ auf bandcamp.com sowie wie­der­um via eMule.

  3. ter­ra­for­mer - the sea shaper

    Wiederum instru­men­tal spielt das bel­gi­sche Trio ter­ra­for­mer (anschei­nend kom­plett klein geschrie­ben, obwohl die Plattenfirma Großbuchstaben ver­wen­det) auf. Nach dem ersten Hördurchlauf schrieb ich in ein Forum hin­ein, die­ses Album sei mit­un­ter „etwas lang­at­mig“, aber das ist noch nicht alles.

    Mathrock, Postrock und Postmetal fin­den hier zusam­men. Die drei hau­en dabei der­art auf die Kacke, dass sogar Punknews.org einen wohl­wol­len­den Bericht hat, und dort ist man schon nament­lich nicht unbe­dingt offen für kom­ple­xe­re Musik. Mastodon und die guten, alten Pelican kom­men dem Hörer eben­so in den Sinn wie Mogwai (aber selten).

    Die Eigenbeschreibung der Band ist rätselhaft:

    Three pie­ces. Instrumental. Oh My God Climax. Almost shred­ding. Wild. Fake poly­ryth­ms. Cheesy lay­ers. Rash loo­ping. Evil pat­terns. Semi mosh. Catchy tap­pings. Messy. Sexy lads. Br00tal! Barefaced. Mickey. Emergency. Booby hatch. Ham rot­ten. Homeric. Ethereal. Celurean. Dragon. Terrestrial. Epic. Méduse. Explosions. Tasty shirts. Wolfes. Hibou. Ethyl. Beast. Puddles. Summoning creatures.

    Das klingt nach jeder Menge Spaß und ist sehr hörenswert.

    Runterholen und Anhören (und Kauf der CD) die­ses spa­ßi­gen Albums ist auf bandcamp.com mög­lich, alter­na­ti­ves Herunterladen klappt via eMule.

  4. Elias Schwerdtfeger - Die sin­gen­de Maschine

    „Manche nen­nen es Musik, doch für die mei­sten ist es Krach“ - dies sang Farin Urlaub im „Intro“ sei­nes Solodebüts vor eini­gen Jahren. Ganz anders als Herr Urlaub emp­fin­det Herr Schwerdtfeger, nach wie vor brot­lo­ser Künstler aus Hannover, jedoch für Musik.

    Auf sei­nem - laut eige­ner Beschreibung - vor­letz­ten in die­ser Form ver­öf­fent­lich­ten Album „Die sin­gen­de Maschine“ ist zu hören, was drauf­steht: Allerlei maschi­nel­le Klänge und Gesang, wie der Vorgänger „Temple of Void“ (ich berich­te­te) ver­se­hen mit sub­til oder direkt gesell­schafts­kri­ti­schen Texten.

    Da wird schon mal ein Paragraph des Sozialgesetzbuches von schwä­bi­schen Grüßen beglei­tet („Sozialgesetzbuch“), und auch Sven Regeners ver­werf­li­ches Geschwätz über Rockmusik und fie­se Raubmordkopierer wur­de zu einem Elektromusikstück ver­wur­stet. (Eigentlich ist es selt­sam, dass es dar­über noch kein mir bekann­tes Rockmusikstück gibt.)

    Überwiegend ist „Die sin­gen­de Maschine“ ohne­hin befüllt mit dem, was vom Vorgänger übrig blieb, sozu­sa­gen also eine Resteverwertung. Das macht das Album kei­nes­falls schlech­ter. „Die sin­gen­de Maschine“ ist düster, depri­mie­rend, mono­ton und expe­ri­men­tell, und nie­mand wird davon je eine Single aus­kop­peln. Das ist ein gutes Qualitätsmerkmal.

    Bezugsquellen sind die Webseite zum Album (der dor­ti­ge Stream wird sofort abge­spielt, ich emp­feh­le Vorsichtsmaßnahmen) und eMule. Viel Vergnügen.

Was hin­ge­gen über­haupt kein Vergnügen berei­tet, sind die Reinfälle der ersten sechs Monate die­ses Jahres. Leider las­se auch ich mich von über­schwäng­li­chen Rezensionen manch­mal dazu hin­rei­ßen, von den Medien für Pflichtkäufe gehal­te­ne Musikalben zu hören, die sich mir dann als eher lästig offen­ba­ren. Zum Beispiel die folgenden:

3. Ignorierbefehle.

  • Tindersticks - The Something Rain
    Langweilig.
  • Vibravoid - Gravity Zero
    Belanglos.
  • The Stranglers - Giants
    Erschreckend schlech­ter Gesang, der das eigent­lich über­durch­schnitt­lich gute Album kom­plett zerstört.
  • Crippled Black Phoenix - (Mankind) The Crafty Ape
    Ermüdend.
  • The Intersphere - Hold On Liberty
    Mainstreamquatsch.
  • The Mars Volta - Noctourniquet
    Mau.

Zum Glück war das nicht immer so. Zum Abschluss die­ses Beitrags unter­neh­men wir, wie gewohnt, eine kur­ze Zeitreise durch 40 Jahre Musikgeschichte:

4. Sammelbefehle.

  • Vor 40 Jahren:
    Matching Mole - Matching Mole
    1972 stand der neu erwach­se­ne Progressive Rock kurz vor sei­nem Höhepunkt, nur weni­ge Musikgruppen, etwa die Rolling Stones mit ihrem Meisterwerk „Exile on Main St.“, hiel­ten dage­gen. Krautrockbands wie das kana­disch-deut­sche Duo Emtidi, das mit „Saat“ ihr ein­zi­ges, hör­bar unter Drogeneinfluss ent­stan­de­nes Krautfolk-Album über das „Pilz“-label ver­öf­fent­li­chen ließ, konn­ten sich eben­so gro­ßer Beliebtheit beim Publikum freu­en wie sym­pho­ni­sche „Progger“ wie Jonesy, die mit „No Alternative“ ein heu­te fast ver­ges­se­nes Album auf­ge­nom­men hat­ten, das rei­chen Mellotroneinsatz mit kräf­ti­gem Hardrock ver­mengt. Diese Erfolge waren natür­lich auch die Erfolge der Pioniere der pro­gres­si­ven Musik, sei­en es King Crimson, sei­en es die Canterbury-Bands wie Caravan und Soft Machine. Letztere hat­ten im Vorjahr Schlagzeuger Robert Wyatt vor die Tür gesetzt, was die­ser zum Anlass nahm, mit Matching Mole („machi­ne mol­le“ ist angeb­lich Französisch und bedeu­tet unge­fähr „wei­che Maschine“…) eine frü­he „Supergroup“ aus ehe­ma­li­gen Mitgliedern von Caravan, Delivery und Quiet Sun zusam­men­zu­stel­len. Die Auflösung erfolg­te noch im sel­ben Jahr, für zwei Studioalben und eini­ge spä­ter ver­öf­fent­lich­te Archivaufnahmen hat die­se kur­ze Zeitspanne jedoch genügt. Das Debüt glänzt mit frei­för­mi­gem Jazzrock im Canterbury-Stil, dem Dave Sinclair sei­ne unver­wech­sel­ba­ren Keyboardklänge bei­gefügt hat. 1973 fiel Robert Wyatt aus einem Fenster und ist seit­dem quer­schnitts­ge­lähmt, was Pläne für eine Neuformierung von Matching Mole lei­der zunich­te mach­te. Was bleibt, ist ein groß­ar­ti­ges Zeitdokument, das in man­cher Hinsicht sei­nes­glei­chen sucht.
  • Vor 35 Jahren:
    Hawkwind - Quark, Strangeness And Charm
    Schon fünf Jahre spä­ter kam der Punk auf und mach­te alles kaputt, seufz!; die Sex Pistols wur­den mit „Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“ fre­ne­tisch beklatscht bezie­hungs­wei­se bepogt, und die Progressive-Rock-Musiker, die um ihren Erfolg bang­ten, ver­such­ten sich an einer Neuausrichtung. Während Yes sich mit „Going for the One“ und dem Yes-Stück „Awaken“ ein vor­erst letz­tes Mal auf­bäum­ten, bevor sie sich im Popdschungel ver­irr­ten, hat­ten Magma mit „Attahk“ nicht nur ein scheuß­li­ches Coverbild, son­dern auch eine teil­wei­se Abwendung vom Zeuhl nebst Hinwendung zur Populärmusik der eher ein­tö­ni­gen Sorte zu ver­bu­chen. Erfreuliches hin­ge­gen kam aus dem Spacerock-Lager: Das Quintett Hawkwind, aus des­sen Reihen auch der wegen über­mä­ßi­gen Drogenkonsums gefeu­er­te Motörhead-Gründer Lemmy Kilmister stammt, leg­te mit „Quark, Strangeness And Charm“ einen Klassiker in ihrem Katalog vor. Das Bekannteste der ent­hal­te­nen Stücke dürf­te „Spirit Of The Age“ sein, das aus ihrem Repertoire nicht mehr weg­zu­den­ken ist. Simon Houses Violine ist eben­so prä­gnant wie die futu­ri­sti­sche und berech­nen­de Kälte die­ses Albums, die wohl auch eine Folge des Weggangs von Saxophonist Nik Turner und Schlagzeuger Alan Powell ist. Der Gesundheitszustand von Sänger Robert Calvert, der bereits wäh­rend der Aufnahmen unter mani­scher Depression litt, ver­an­lass­te Dave Brock, Hawkwind im Folgejahr auf­zu­lö­sen; die Reunion 1979 fand - mit Ausnahme von Dave Brock und Schlagzeuger Tim Blake - in neu­er Besetzung statt. Auch die fol­gen­den Besetzungen waren zu Großem fähig, „Quark, Strangeness And Charm“ soll­te man den­noch ein­mal gehört haben.
  • Vor 30 Jahren:
    Cassiber - Man or Monkey
    Hawkwind lie­fer­ten 1982 mit „Choose Your Masques“ und „Church of Hawkwind“ zwei eher maue Alben ab, dafür lie­ßen King Crimson wie­der von sich hören: Das zwei­te 80-er-Album der neu for­mier­ten Progressive-Rock-Pioniere, „Beat“, zitier­te im trocke­nen, indu­stri­el­len New-Wave-Gewand Beat-Dichter wie Allen Ginsberg. Vom main­stream zum Glück weit­ge­hend unbe­ach­tet war der­weil die oft so geschol­te­ne Frickelszene auch nicht untä­tig: Als Cassiber hat­ten sich drei deut­sche Musiker, dar­un­ter der Pianist und Bassist Heiner Goebbels (nicht iden­tisch mit dem ande­ren „Heiner“ Goebbels), mit dem eng­li­schen RIO/Avant-Schlagzeuger Chris Cutler (Henry Cow, Art Bears, Pere Ubu und ande­re) zusam­men­ge­tan und spiel­ten mit „Man Or Monkey“ ein - die frei rezi­tier­ten Texte ein­ge­schlos­sen - kom­plett impro­vi­sier­tes Musikalbum ein, das ihnen trotz sei­ner Unzugänglichkeit eine Einladung zum Frankfurt Jazz Festival 1982 bescher­te. Dass aus­ge­rech­net „Die Verunreinigung des Flusses ist gera­de noch erträg­lich“ ein Instrumentalstück ist, ist ein wenig scha­de, denn einen Text hier­zu hät­te ich gern ein­mal gehört. Die Texte ste­hen hier näm­lich kei­nes­falls im Dienst der Musik: In „Our Colourful Culture“ etwa singt Christoph Anders zu, nun, Karnevalsmusik Zeilen wie „I came from the coun­try! / Arriba! Arriba! / They were kil­ling my fami­ly! / Ha ha ha ha!“. Arriba, arri­ba. „Man or Monkey“ ist schräg, skur­ril, expe­ri­men­tell und so groß­ar­tig, dass es bedau­er­lich ist, dass sich Cassiber bereits 1992 nach nur vier Studioalben wie­der auf­lö­sten. Chris Cutler ist bis heu­te musi­ka­lisch aktiv, und eine Beschäftigung mit sei­nen zahl­rei­chen Projekten ist loh­nens­wert. Cassiber indes blei­ben bis heu­te einzigartig.
  • Vor 15 Jahren:
    Genesis - Calling All Stations
    In der durch­kom­mer­zia­li­sier­ten Musikwelt der 1990-er Jahre war es schwie­rig, Neues zu wagen, ohne dafür alles aufs Spiel zu set­zen. Die Ärzte hat­ten im Vorjahr ihr bis­her ein­zi­ges Konzeptalbum „Le Frisur“ ver­öf­fent­licht, das (unter ande­rem bei mir) als eines ihrer besten Werke gilt. Im sel­ben Jahr ver­ließ Phil Collins die Gruppe Genesis, nach­dem er sie mit sei­ner grau­si­gen Popscheiße gründ­lich gegen die Wand gefah­ren hat­te, um das Radiopublikum fort­an mit Soloschnulzen zu ner­ven. Die ver­blie­be­nen Mitglieder ver­such­ten einen Neubeginn mit Sänger Ray Wilson und zwei Schlagzeugern, dar­un­ter Nick D’Virgilio von Spock’s Beard. Mit dem Album „Calling All Stations“ besan­nen sie sich zurück auf alte Tugenden und ver­zich­te­ten auf die Produktion von Hitsingles (wenn­gleich „Congo“ dann doch eine wur­de) zugun­sten des Formats Musikalbum. Trotz (oder wegen?) des Titels und der Neuausrichtung beach­te­ten die Radiosender die­ses Album aber nur wenig, die Soloaktivitäten von Phil Collins waren ihnen - wohl wegen des Namens - wich­ti­ger. Das Kapitel Genesis war wenig spä­ter qua­si been­det, ein Neuaufguss mit (wie­der­um) Phil Collins blieb eine ein­ma­li­ge Angelegenheit. Da bis heu­te kei­ne offi­zi­el­le Auflösung erfolgt ist, kann der geneig­te Musikfreund trotz alle­dem auf bes­se­re Zeiten hof­fen. Das tu‘ ich dann mal.

Tja, damit wären wir auch schon wie­der am Ende ange­langt. Wenn ihr die­se Zeilen lest, dann habe ich bereits begon­nen, Material für die Jahresendliste zu sam­meln. Unter ande­rem echo­lyn, Änglagård und die Flower Kings läu­ten das zwei­te Halbjahr mit jeweils neu­en Veröffentlichungen schon recht pro­gres­siv ein. Ob sich das Warten gelohnt hat? In einem hal­ben Jahr wis­sen wir, wie gewohnt, mehr.

Bis dahin wün­sche ich allen Musikfreunden ein paar ange­neh­me Höreindrücke und dan­ke euch für die Aufmerksamkeit: Danke sehr!

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