KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2012 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 9 von 22 der Serie Jahresrückblick

Leck mich fett, is‘ schon wieder Ende Juni? Dann wird’s Zeit für die allsemestrige Liste der schmackhaftesten Studioalben der ersten sechs Monate, die mir bis dato untergekommen sind. Diesmal habe ich sogar daran gedacht, sie einigermaßen regelmäßig zu sichern, und kann diese Vorgehensweise ebenso empfehlen wie folgende Musikalben.

Wie immer habe ich es nicht geschafft, einige von diesen rechtzeitig zu erwerben und zu bewerten, im Gegenzug wurden einige Musikalben disqualifiziert; das Livealbum „The Gettysburg Address“ der Progressive-Rock-Band Moon Safari zum Beispiel ist zwar qualitativ sehr listentauglich, aber eben ein Livealbum und somit ebenso wie die gleichfalls sehr gute Kompilation „Lost Tapes“ von Can nicht in Konkurrenz zu den anderen hier aufgeführten Alben stehend. Auch die Neuauflage von Talk Talks „Spirit of Eden“, obwohl unbedingt hörenswert, erfüllt leider nicht das notwendige Kriterium „2012 erstmals veröffentlicht“. Ich bitte um Nachsicht.

Auf die separate Neubesprechung von „Big Fish“ der Cowboys From Hell verzichte ich diesmal und verweise stattdessen auf meinen entsprechenden Artikel vom Februar dieses Jahres. Sollte mir jedoch, davon abgesehen, ein relevantes Album gänzlich entgangen sein, bitte ich, wie immer, um eine kurze Notiz. Eine Anmerkung noch: Obwohl der großartige Musikdienst Grooveshark mit deutscher IP-Adresse zurzeit nicht zugänglich ist, habe ich ihn im Folgenden gelegentlich referenziert. Selbstverständlich erkläre ich bei Bedarf gern die Vorgehensweise, um ihn verwenden zu können. Nun aber viel Spaß beim Erkunden der folgenden Werke:

1. Kaufbefehle.

  1. Les Fragments de la Nuit – Musique de Nuit

    Wir lassen es ausnahmsweise mal ruhig angehen. Aus Frankreich stammt das Quintett Les Fragments de la Nuit, auf Deutsch „Die Fragmente der Nacht“, und zum Glück verzichten sie mit Ausnahme des zweiminütigen „La dame blanche“ auf Gesang. Mit französischsprachigen Texten werde ich einfach nicht warm.

    Stattdessen wird die „Musik der Nacht“ im instrumentalen Klassikstil dargeboten. Trotzdem klingt das Gefiedel nur selten ein wenig träge, meist wird reichlich Spannung erzeugt. Das könnte auch daran liegen, dass sich „Musique de Nuit“ in diese Liste, mehr oder weniger, hineingeschummelt hat: Zu Beginn ihrer Karriere im Jahr 2005 machten Les Fragments de la Nuit vorrangig Musik für Dokumentarfilme, also recht kurze, aber um so stimmungsvollere Stücke. Tatsächlich sind auf „Musique de Nuit“ viele bereits ältere, aber auch einige neuere Stücke zwischen 0:56 und nur zweimal über 3 Minuten enthalten.

    Zu der Neoklassik gesellen sich Elemente aus Avantgarde und Postrock, etwa dann, wenn Violinen und Cello bewusst mit Dehnung und Dissonanz spielen. Vergleiche? Wenn’s sein muss:

    Klassisches Instrumentarium, neoklassische Ansatz, Experimentalkunst und Ambient mit selbst genannten Einflüssen wie Debussy, Erik Satie und Godspeed You! Black Emperor. Kopfkino für Fortgeschrittene.

    Gefällt mir. Wem noch?

    Herausfinden kann man’s mit den Hörproben auf Amazon.de, drei Stücke in voller Länge sind auch auf der Internetseite von Denovali Records anzuhören.

  2. Die Ärzte – auch
    „Hast du nichts Besseres zu tun als die Die Ärzte zu hör’n?“ (ZeiDverschwÄndung)

    Die Ärzte legen nach: Auch nach 30 Jahren – netto immerhin 25 – vereinen sie soliden Poprock mit bisweilen amüsanten Texten und kokettieren mit den seit Jahren kursierenden Gerüchten über die unvermeidliche baldige Auflösung.

    Dass auf „auch“, anders als noch auf dem Vorgänger „Jazz ist anders“, keine sofort mitgrölbare „Hitsingle“ wie seinerzeit „Junge“ zu finden ist, mag stimmen, obwohl das „lala-lala, lalala lala-la-lala“ der ersten Single „ZeiDverschwÄndung“ (von mir bereits an anderer Stelle ausführlich gut gefunden) ziemlich ins Ohr geht. Wer aber Die Ärzte hört, der erwartet normalerweise auch keine Stadionkracher wie zum Beispiel von den Toten Hosen. Davon abgesehen sind die Unterschiede zu „Jazz ist anders“ nicht allzu groß: Jenes kam in einer Miniaturpizzaschachtel daher, dieses nun in einem Brettspielkarton. Beides ist enorm unpraktisch für zum Insregalstellen, aber immerhin kreativ. Enthalten ist auch ein Brettspiel, was für lange Abende mit Freunden (und Alkohol) sicherlich interessant ist.

    Natürlich ist es unvermeidlich, dass man sich beim Texten nach ein paar Jahrzehnten auch mal wiederholt, ob mit Absicht oder aus Versehen. Das Lied „ZeiDverschwÄndung“ etwa beginnt so:

    Du surfst den ganzen Tag schon durch das weltweite Netz
    in der Hoffnung, dass vielleicht mal irgendeiner was petzt.

    Die zweite Strophe von „Rettet die Wale“, erschienen erstmals auf der Single „Manchmal haben Frauen …“ aus dem Jahr 2000, beginnt so:

    Ihr sitzt bestimmt den ganzen Tag am Bildschirm und ihr surft durchs Internet.

    Solche Details trüben den Hörspaß aber nur wenig. Schon zu Beginn nehmen sich Die Ärzte selbst auf die Schippe: Farin Urlaubs „Ist das noch Punkrock?“ beginnt mit Punkrock, ist im Refrain aber ein eher sanftes Liebeslied. In „TCR“ zitieren Die Ärzte Reggae, Death Metal und ihre eigene Frühphase mit Liedern wie „El Cattivo“, um ironisch ihre eigene stilistische Bandbreite darzulegen und sich somit einer Schubladisierung („Die Ärzte sind ’ne Punkband“, von wegen!) zu entziehen.

    Bela B. hat sein zweites Ich, den lustigen Vampir, bereits auf dem letzten Album „beerdigt“, Lieder über Gruften, Grafen und Untote trägt er diesmal ausnahmsweise also nicht bei, was dafür Platz macht für großartige Lieder wie „Miststück“. Selbst die Beiträge des Bassisten „Rod“ González (wohl nicht identisch mit dem gleichnamigen Schlagzeuger von La Desooorden), darunter das gothicrockartige „Sohn der Leere“, sind überaus gelungen. Und dann wäre da eben noch „ZeiDverschwÄndung“: Die Ärzte singen darüber, dass Die Ärzte eigentlich gar nicht so interessant sind und die Hörer doch lieber eine andere Musikgruppe favorisieren sollten. Ob das funktioniert?

    Insgesamt ist „auch“ ein gutes Album; kein überragendes wie einst „Planet Punk“ und „Le Frisur“, aber auch kein Griff ins Klo wie „Ist das alles?“. Besser als das, was ihre langjährigen Weggefährten von den Toten Hosen mittlerweile unter Musik verstehen (siehe auch weiter unten), ist es allemal, und alles, was Die Ärzte ausmacht und bislang ausgemacht hat, ist auch auf „auch“ zu hören.

    Farin Urlaub hat vor ein paar Monaten in einem Interview gesagt, in zehn Jahren wolle er definitiv keine Musik mehr machen. Dann ist er fast 60 Jahre alt und somit eigentlich in einem guten Rockstaralter. Wenn vorliegendes Album also bereits Teil seines „Alterswerkes“ ist, gebührt ihm und seinen beiden Bandkollegen jede Hochachtung. Meinerseits erfolgt diese ja sowieso.

    Hörproben: Auf YouTube.com gibt es zurzeit offiziellerweise komplette Musikvideos für jedes (!) der Lieder auf dem Album und der Single zu sehen.

  3. Disappears – Pre language
    „Minor patterns, nothing happens, changes, standards, doesn’t matter.“ (Minor patterns)

    Ganz anders als die fröhlichen Poprock-Ärzte kommen die vier Musiker von Disappears aus Chicago mit ihrem Noiserock daher. Spontane Assoziationen: The Fall und ein bisschen Sonic Youth.

    An Bord ist unter anderem Steve Shelley, einst einzig Schlagzeuger bei letzteren und nun auch bei Disappears. Das macht Disappears aber noch nicht zu bloßen Kopisten: Die Versatzstücke aus Post-Punk, Feedback-Schleifen und Shoegaze werden elegant in den eigenen Kontext eingewoben. Peter nannte das „Psychedelic Rock“ und lag damit nicht mal allzu sehr daneben.

    Die Klangwände aus Bass und Schlagzeug bilden zusammen mit den dreckigen Gitarrenteppichen ein angenehmes Fundament für die manchmal gequälten, manchmal flehenden, manchmal gelangweilten Deklamationen von Brian Case, der Mark E. Smith womöglich unabsichtlich, aber doch bravourös nacheifert.

    Musikalisch bewegt man sich auf weitem Terrain: Klingt das Titelstück, vom Gesang abgesehen, nach den Fehlfarben in ihren besten Jahren, „Replicate“ und „Joa“ sind hypnotisch groovende Indie-Rock-Stücke. Das Musikmagazin SSG Music brachte den Terminus der Motorik ins Spiel, also den präzisen 4/4-Takt, der Krautrockgrößen wie NEU! und Kraftwerk angeblich charakterisiert, aber die stoische Schlichtheit des Rhythmus‘ ist nicht zwingend als Remineszenz, vielmehr als Mittel zum Zweck zu werten.

    Mit „Krautrock“ hat „Pre language“ nämlich – erfreulicherweise – ansonsten nur wenig zu tun, wenn man genannte Vergleiche nicht gerade pauschal in die „Krautrock“-Schublade steckt (und von mir somit schief angeblickt würde), obwohl Thomas Pilgrim das anders sieht:

    Diese dunkelgrauen Lieder kennen ihre Pappenheimer aus Post-Punk, Shoegaze und Krautrock – und springen entsprechend unsanft mit ihnen um.

    Vielleicht ist es für uns Musikfreunde wirklich manchmal das Beste, uns die Höreindrücke selbst zu verschaffen. Ich hoffe, dazu mit dieser Rezension ausreichend angeregt zu haben.

    Hörproben: Auf Amazon.de gibt es 30-sekündige Ausschnitte zu hören, auf YouTube.com unter anderem eine Liveversion des Titelstücks zu sehen.

  4. Field Music – Plumb
    „The narratives are so familiar…“ ((I Keep Thinking About) A New Thing)

    Aus Großbritannien stammt das Quartett Field Music, im Kern bestehend aus und gegründet von den beiden Brüdern Peter und David Brewis, und es lässt auf seinem vierten Studioalbum „Plumb“, das Mitte Februar erschienen ist, kaum ein Klischee über britische Rockmusik aus.

    Field Music hat die Kreativpause bis zum Album „Measure“ (2010) offenbar gut getan, denn seitdem sind sie von der Indie-Rock-Schiene der Marke Maximo Park abgewichen und widmen sich anderen musikalischen Sphären. Pink Floyd, die Beach Boys und vor allem natürlich die unvermeidlichen Beatles („Sgt.-Pepper“-Phase, also nicht mal unbedingt die schlechteste) hört der geneigte Musikfreund sofort heraus. Das ist vielleicht nicht sonderlich kreativ, aber es spricht an, und das ist nun einmal das Wichtigste an Musik, die gut sein soll.

    An Güte mangelt es dann auch tatsächlich nicht. Die erste Single „(I Keep Thinking About) A New Thing“, auf dem Album erfreulicherweise das letzte und nicht das erste Stück, beginnt mit Fanfaren, die in ein merkwürdig hektisches Bassmuster übergehen, zu dem teils ein-, teils mehrstimmig gesungen wird. Funk klingt ebenso an wie der zu Unrecht nur wenig bekannte New Wave von XTC. Vorwerfen könnte man der Band hier nur, dass das Lied ein wenig zu kurz ist – oder wirkt es nur so? 3 Minuten und 16 Sekunden sind ja durchaus üblich, und das ist bedauerlich.

    Während besagte Single die Indie-Wurzeln der Band kaum verleugnen kann, sind andere Stücke wie „A New Town“ eigenständiger: Nach einem melancholischen Akkordeon-Intro bricht der Funk mit hoher Stimmbegleitung wieder los; die Melodie (Gesang wie Instrumente) bekommt man nur noch schwer aus dem Kopf. „Sorry Again, Mate“ ist ein eher unauffälliges, von Streichern begleitetes Poplied im Stil der Beatles zu Zeiten von „Abbey Road“, das eröffnende „Start The Day Road“ bedient sich bei den mehrschichtigen Experimenten von King Crimson und ihren Nacheiferern.

    Wer den Poprock der späten 60-er Jahre schätzt, dem dürfte „Plumb“ zweifelsohne gefallen. Gelegentliche Wechsel zwischen Gefälligkeit und Anspruch erhöhen das Hörvergnügen auch für diejenigen unter jenen, die Abwechslung mögen. „Plumb“ ist ein seltsames Album – aber ein gutes.

    Hörproben: Zurzeit (Anfang Juni 2012) ist „Plumb“ auf nme.com im Stream zu hören, aber natürlich stellt auch Amazon.de die üblichen kurzen Hörproben bereit.

  5. Soen – Cognitive
    „This is not the dust that we once came from“ (Savia)

    Vom Poprock zum Progressive Metal: „Cognitive“ ist das Debütalbum der „Supergroup“ Soen.

    Unter einer „Supergroup“ versteht man bekanntlich eine Musikgruppe, an der bekannte Musiker aus anderen Musikgruppen aktiv beteiligt sind. Transatlantic und Cream sind bekannte Beispiele, aber auch Soen wird gelegentlich als eine solche „Supergroup“ bezeichnet, obwohl nur zwei der vier Mitglieder sich bislang in einschlägigen Genres einen Namen gemacht haben.

    Bei diesen handelt es sich um Schlagzeuger Martin Lopez (ehemals Opeth und Amon Amarth) und dem später hinzugestoßenen Bassisten Steve DiGiorgio (unter anderem Death und Autopsy). Wohin die Reise zumindest instrumental geht, ist da absehbar: Tool, Opeth und Dream Theater lassen grüßen.

    Dass das brachiale Element dieser Bands hier beinahe gänzlich fehlt, ist wohl auch Sänger Joel Ekelöf zu verdanken, der Gesang mit Wiedererkennungswert – eben „cognitive“ – beisteuert. Er verzichtet dankenswerterweise auf stumpfsinniges Gebrüll, singt seine Parts stattdessen so sauber ein, dass man mitunter einer Coverband von Porcupine Tree zu lauschen glaubt, deren Sänger Steven Wilson ja gleichfalls recht markant intoniert. In den ruhigen Phasen, etwa in „Oscillation“, singt er gelegentlich auch (absichtlich?) so gekünstelt, dass unsereinem sofort Extra Life einfällt, obwohl diese in der Regel weniger dezent musizieren.

    Dennoch ist diese Melange aus verschiedensten Einflüssen oft so eingängig, dass sie sich im Kopf festsetzt. „Delenda“ – zu übersetzen wahlweise mit „zu entfernende Dinge“ oder mit „die Frau, die zu zerstören ist“, wie wir Lateiner wissen – ist instrumental ein ziemlich vertracktes Metalstück, zu dem man dennoch – oder deswegen – gut durch die Gegend hüpfen kann wie ein Bekloppter, der Kopf nickt zum Rhythmus von „Slithering“ (nicht etwa „Slytherin“), „Fraccions“, das erste, bereits 2010 veröffentlichte Lied der Gruppe, mit seiner eigenartigen Melodie ist Dream Theater so nahe wie sonst nur wenig auf dem Album.

    Der Name „Soen“ in quasi beliebiger Großschreibung steht laut Internet für „Solar Energy“, „Southern Oscillation El Niño“ oder irgendwelchen umgangssprachlichen Firlefanz aus irgendwelchen Fremdsprachen. Nun hat er endlich auch eine für uns Musikfreunde greifbare Bedeutung bekommen, die von Naturgewalten – oder irgendwelchem umgangssprachlichen Firlefanz – etwas entfernt ist. Andererseits: Gewaltig ist das schon.

    Hörempfehlung? Natürlich! Hörproben? Bitte sehr:
    Auf Amazon.de gibt es Schnipsel zu hören, das Musikvideo zu oben erwähntem „Delenda“ auf YouTube.com zu sehen.

  6. Madonna – MDNA
    „Some girls are not like me, I’m everything you ever dreamed of“ (Some Girls)

    „Madonna? Echt jetzt?!“

    Ja, echt jetzt. Natürlich sollte man wie schon vor fast 30 Jahren darauf verzichten, das Werk von Frau Ciccone unter einem streng audiophilen Gesichtspunkt zu betrachten, zumal der Cher-Effekt – die schlichte Weigerung zu altern – nebst Vocodereinsatz hier auch keine Neuigkeit mehr ist. Madonna macht aber, wie schon vor 30 Jahren, prima Tanzmusik, und die Single „Girl Gone Wild“ (nur echt mit anzüglichem Video) zeigt schon, was sich seit „Ray of Light“ (1998) getan hat, nämlich ’ne Menge.

    Die Phase von Madonnas musikalischer Neuerfindung beziehungsweise ihrer Rückkehr zum Elektropop war spätestens ab „Music“ (2000) mit dem wenigstens noch einigermaßen bekannten Titelstück nicht zu überhören, danach wurde es ein wenig wirr; zuerst kamen allerlei Kompilationen auf den Markt, auf dem Altbekanntes wieder durchgekaut wurde, die wirklich neuen Studioalben, zuletzt „Hard Candy“ (2008), habe ich nicht einmal mehr mitbekommen.

    Nun also „MDNA“.

    „There’s only one Queen, and that’s Madonna, bitch!“
    — „I Don’t Give A“

    Der Titel ist so aussagekräftig wie sonst nur wenige („Music“, ach was?): Bescheidenheit hat Madonna längst nicht mehr nötig, der überheblichen Selbstlobhudelei von minderqualitativen Imitatorinnen wie Lady Gaga aber setzt sie ein mächtiges Zeichen entgegen: Seht her, ich kann’s immer noch besser als ihr. Und das ist nicht mal übertrieben.

    „All the biters have to go standing in the front row.“
    — „I Don’t Give A“

    „MDNA“ – wiederholt in „I’m Addicted“ zu hören – bedeutet auch die Kontraktion, die Reduktion aufs Wesentliche. Zurück zu den Wurzeln, dem Schlichten. Um die message zu verdeutlichen, holte sie sich die beiden Rapperinnen M.I.A. und Nicki Minaj ins Boot, die an geeigneten Stellen Madonnas Großartigkeit loben. Musikalisch meint es nur wenig Pompöses, sondern eben so Radiopop; allerdings solchen, der mir persönlich als jemandem, der es gern etwas vertrackter mag, ziemlich gut gefällt. Gelegentliche Totalausfälle („uhlala, you’re my superstar“) fallen da kaum ins Gewicht.

    Beziehungsweise eben: Wenn ausgerechnet „MDNA“ eins der besten Popmusikalben des Halbjahres ist, hat die Musikindustrie was falsch gemacht. Hat sie dann wohl.

    Hörproben gibt es auf Amazon.de in gebotener Kürze, das Video zu „Girl Gone Wild“ in voller Länge auf YouTube.com zu konsumieren.

  7. Thinking Plague – Decline and Fall
    „Eat more, think less, drink more, sleep less, die more.“ (Sleeper Cell Anthem)

    Thinking Plague – trotz des Namens keine Plage – existieren nunmehr seit 30 Jahren und schaffen es immer noch, sich nicht nur noch zu wiederholen. Das ist in ihrem Sektor – die einschlägigen Schubladendenker sprechen meist von „RIO/Avant“ – aber (zum Glück) auch nicht schwer.

    „Avant(garde)“ ist hier ein so zutreffendes Genre wie sonst nur selten. Die momentane Sängerin (dieser Posten wird ja sozusagen ständig neu besetzt) Elaine di Falco, deren Stimme mitunter, etwa in „I Cannot Fly“, lautmalerisch als zusätzliches Instrument agiert, statt nur als Transportmittel für die übrigens auch mal erwähnenswerten Texte zu dienen, fügt sich trefflich in das Gesamtgefüge ein. Freunden belanglosen Schönklangs wird das Dargebotene ziemliche Kopfschmerzen bereiten; mir gefällt es um so besser.

    Ach ja, die Texte. „Abstieg und Fall“, so der übersetzte Titel des Albums, sind inhaltlich prägend, wobei der Abstieg der menschlichen Gesellschaft eines der Themen bildet. Ob man ihnen aber folgen sollte? Ich behaupte: Nein. „Decline and Fall“ ist sicherlich von solcher Musik, bei der man normalerweise mitsingen kann, weit entfernt. Thinking Plague sind vielmehr so abgefahren wie zuletzt broken.heart.collector, so schräg wie Henry Cow und dergleichen, so komplex wie Gentle Giant, obwohl die Gesangsharmonien da jede Ähnlichkeit eigentlich verbieten sollten.

    Mit letzteren hat man aber aufgrund der kammermusikalischen Elemente noch mehr gemeinsam; beziehungsweise eben:

    Vom ersten Moment an gibt es hier komplexen, kantigen Kammerrock zu hören, der seine Beeinflussung durch moderne Klassik nicht verleugnen kann. Seltsam verquere Melodielinien von Holzblasinstrumenten (meist Saxophon, gelegentlich auch Klarinette) dringen auf krummen Wegen in die Gehörgänge ein, begleitet von filigran-verzwirbelter Gitarre und einer komplex agierenden Rhythmussektion. (…) Ergänzt wird das Ganze um dezente Tastenklänge, unter denen sich hin und wieder ein sanftes Mellotron befindet.

    „Kantig“ – ein hervorragendes, weil ungemein treffendes Adjektiv. Vom Einheitsbrei ist „Decline and Fall“ auch deshalb weit entfernt. Das finde ich gut. Und wem es gefällt, der sollte sich außer diesem Album auch „Rainbro“ von Inner Ear Brigade zulegen, das ebenfalls 2012 erschien und mit sehr ähnlichen Zutaten arbeitet. (Zwei Kaufbefehle in nur einer Rezension, wo sonst gibt es das schon?)

    Hörproben: Amazon.de hat Ausschnitte, Grooveshark das ganze Album im Repertoire.

  8. A Whisper in the Noise – To Forget

    Nach so viel lauter Musik schlage ich wieder leisere Töne an. Ein Flüstern im Krach. A Whisper in the Noise.

    Eigentlich hatte man A Whisper in the Noise ja schon für scheintot erklärt, nachdem aus einigen Mitgliedern dieser Musikgruppe Wive entstand, die ich 2010 für ihre großartige CD-Verpackung lobte (und die aber auch ganz okaye Musik machen). Übrig geblieben ist nach der kurzzeitigen Auflösung nach dem Album „Dry Land“ auch tatsächlich nur noch das Duo West Thordson (Schlagzeug, Gitarre, Gesang, diverses) und Sonja Larson (Violine und ebenfalls Gesang).

    Dabei scheinen die Gemeinsamkeiten mit Wive anfangs gar nicht einmal so groß zu sein, die instrumentale Eröffnung, nämlich das Titelstück, lässt A Whisper in the Noise den Japanern Mono nahe erscheinen, aber bereits im zweiten Stück, „Black Shroud“, schlägt die Stimmung um. Von der unterdrückten, zurückhaltenden Aggression von „Dry Land“ ist nichts mehr zu hören und zu spüren, Melancholie und elegische Verträumtheit behalten die Oberhand.

    Wäre da nicht der zurückhaltende, beinahe ängstliche Paargesang, man könnte „To Forget“ für ein Spätwerk von Talk Talk halten (oder für eine Coverversion davon). Slint immerhin, wie Talk Talk Pioniere des Postrocks, nennt man gelegentlich als Referenz, und so schließt sich der Kreis dann ja doch noch beinahe.

    Ein Flüstern im Krach. So klingt „To Forget“: Still, zerbrechlich, zurückhaltend. Unaufdringlich wie diese Sätze. Schön.

    Ich empfehle Unentschlossenen folgende Hörproben:
    Amazon.de hat die gewohnten Klangschnipsel vorrätig, die Band selbst hat auf SoundCloud die beiden Stücke „Your Hand“ und „Black Shroud“ hochgeladen. Empfehlenswert.

  9. Meshuggah – Koloss
    „My rules apply to all. You’ll heed me, bleed for me.“ (I am Colossus)

    In der zweiten Halbjahresliste 2011 hatte ich Cave In lobend erwähnt und war damals schon nicht sicher, welches Genre angemessen wäre:

    „Metalcore“ ist zwar eine valide Beschreibung der allgemeinen Ausrichtung der Musik von Cave In, aber sie ist nicht ansatzweise vollständig.

    So geht es mir auch bei „Koloss“, dem neuen Album von Meshuggah. Die „Babyblauen Seiten“ führen sie als „Prog-Death-Thrash-Metal aus Schweden“, ich würde sie spontan vor allem unter „b“ wie „böse“ einsortieren. „Prog“ ist unsereins dann doch etwas zurückhaltender gewohnt, wäre da nicht Dick Lövgren, dessen Bassspiel diesem Koloss („Koloss“, wissenschon) von Musik eine Prise Tool hinzufügt, was wohl schon genügt, um pauschal „Prog“ draufzuschreiben. Ach, man könnte meschugge werden davon.

    Apropos meschugge, bleiben wir bei Meshuggah. Von der Urbesetzung – formiert immerhin bereits 1987, was im Musikgeschäft inzwischen durchaus eine ansehnliche Zeitspanne ist – sind nur noch Jens Kidman (Gesang) und Fredrik Thordendal (Gitarren) an Bord, die Quintettbesetzung vom Vorgängeralbum „obZen“ ist indes unverändert geblieben.

    Auch nach 25 Jahren sind sie noch kein bisschen leiser geworden. „Gesang“ ist hier nicht allzu wörtlich zu nehmen, klischeetauglich wird ins Mikrofon gebrüllt. Konterkariert wird das Klischee von den einigermaßen vertrackten Rhythmen und Melodien, die zeigen, dass es eben nicht nur um bloße brachiale musikalische Gewalt geht. Natürlich gibt es auch auf „Koloss“ trotzdem mächtig auf die Zwölf:

    Das Album brilliert mit einer dermaßen hervorragenden Balance, dass zur Perfektion nur noch ein Wimpernschlag zu fehlen scheint. Riffs, Gitarrenarbeit, Schlagwerk, Komposition, Arrangements und Klang – sämtliche Zutaten, von Mikrobestandteilen zu den groben Fragmenten, die ein Album, einen Song ausmachen, fügen sich auf „Koloss“ zu einem Gesamtbild zusammen, welches den Hörer mit einer erbarmungslosen Kanonade von Hiteinschlägen niederwalzt.

    Der Fauxpas „Hiteinschläge“, also „Schlageinschläge“, sei geschenkt: Hinzuzufügen ist dem ansonsten nichts mehr.

    Hörproben: Amazon.de hat 30-sekündige Ausschnitte und eine Sonderauflage mit DVD, Grooveshark das komplette Album zum Streamen.

  10. Graham Coxon – A + E
    „Going down to the city hall, a billion lights in front of me…“ (City Hall)

    Aus dem näheren Umkreis der mal mehr, mal weniger aktiven Britpop-Gruppe Blur hört man gegenwärtig vor allem von Damon Albarn, nebenbei Vordenker der Gorillaz und sonstwie hyperaktiv, so manches. Dass bei Blur außer ihm auch andere Musiker spielten und/oder spielen, geht dabei fast vollkommen unter.

    Einer von diesen anderen Musikern ist Graham Coxon, ebendort einst und nun, nach erfolgter Aussöhnung, wieder für’s Gitarrenspielen zuständig. Dieser nun veröffentlichte 2012 mit „A + E“ ein eigenartig betiteltes (sein inzwischen achtes) Musikalbum mit noch eigenartigerer Musik drauf, das ich bereits im April für nicht weniger als grandios hielt. An dieser Einschätzung meinerseits hat sich bislang nichts Wesentliches geändert.

    Was „A + E“ oder „A+E“ – die einzig wahre Schreibweise ist mir gerade nicht geläufig – bedeuten soll, ist rätselhaft, aber das A und O des Lo-Fi-Garagenrocks beherrscht Graham Coxon aus dem ff. „Lo-Fi“ ist dabei ausnahmsweise mal nicht nur blechernes Geschrammel: Produzent Ben Hillier hielt ein wachsames Auge darauf, dass nichts entgleist.

    Zugegebenermaßen haben Textfreunde wie ich nur wenig Spaß an den eher spärlichen Zeilen. In „City Hall“ genügt eine Zeile, die immer wieder wiederholt wird, das Elektropop-Lied „What’ll It Take“ hat immerhin schon zwei: „What’ll it take to make you people dance?“, das muss dann aber für eine Strophe auch reichen. Allerdings: „Dance“, ja, zum Tanzen oder jedenfalls leidlich rhythmischen Herumwackeln eignet sich „A + E“ ebenso wie die meisten Alben der Dandy Warhols, was ja nun auch nicht die schlechteste Referenz ist, jedoch wirkt der Gesang letzterer Musiker eher müde (nicht schlecht-müde, sondern müde-müde), was ein interessantes Stilmittel ist, „A + E“ aber dann doch wieder etwas ferner rücken lässt. Das ist gut, denn wer braucht schon ungezählte Musikalben, die einem eigentlich doch nur das gleiche zu sagen haben?

    Übrigens wird das letzte Lied „Ooh, Yeh, Yeh“ als „Explicit Lyrics“ angepriesen, als textlich womöglich nicht sehr jugendfrei also, und nach Durchsicht desselben leuchtet mir das nicht ein. In anderen Ländern ist man jedoch manchmal etwas eigen, was die Bewertung von Versen betrifft, was ich einfach mal unter „ach, diese US-Amerikaner“ verbuche. (Graham Coxon ist übrigens gebürtiger Niedersachse, Blur stammen aus Großbritannien, aber „Explicit Lyrics“ ist ein Etikett, das von Niedersachsen und Briten gewöhnlich eher selten vergeben wird.)

    Fieser Trickser, der er ist, hat Graham Coxon „Advice“ an den Anfang seines Albums gesetzt, stilistisch nahe den (frühen) Kinks zu verorten und kaum als Zusammenfassung des ganzen Albums geeignet, was wieder einmal zeigt, dass es nicht nur stil-, sondern meist auch sinnlos ist, sich aus einem Musikalbum ein Lied herauszupicken und dieses als Kaufentscheidung heranzuzuiehen.

    Sonst so? Nine Inch Nails, The Cure, Joy Division und so weiter und so fort, allesamt veredelt mit der dem Musiker eigenen Prise Minimalismus und Monotonie (Kraftwerk!), die „A + E“ oder „A+E“ oder jedenfalls dieses Album so erfrischend anders klingen lässt. Prima Musik, das.

    Hörproben: Zurzeit (11. Juni 2012) ist „A + E“ per SoundCloud zu streamen, ansonsten gibt’s auch Amazon.de mit den gewohnten 30-Sekunden-Ausschnitten und einer Auflage mit DVD, auf der es Liveversionen zu hören gibt, was bei solcher Musik ja durchaus auch mal ganz interessant ist.

  11. The Magnetic Fields – Love at the Bottom of the Sea
    „I want the whole bloody place red with your girlfriend’s face“ (Your Girlfriend’s Face)

    Ja. Was? – Das waren meine ungefähren Gedanken beim ersten Hören dieses Albums.

    The Magnetic Fields sind eine 1990 in Boston gegründete Folkpop-/Indiepop-/Noisepop-/Irgendwas-mit-Pop-Band, behauptet das Internet. „Schon wieder Pop?“, ach, nein, so einfach mache ich es mir dann doch nicht. „Love at the Bottom of the Sea“ ist genau so „Pop“ oder „nicht Pop“ wie alles andere hier in dieser Liste. Tatsächlich spielen The Magnetic Fields hier mit Popklischees, aber sind schon rein textlich nicht sonderlich kompatibel mit dem airplay der Massensender.

    „The moment he walked on the stage my tail began to wag,
    wag like a little weiner dog for Andrew in drag“
    — Andrew In Drag

    Die harmlosen, wohlklingenden Melodien dienen The Magnetic Fields somit als Katalysator für die schwarzen Texte, was vielleicht den einen oder anderen an „Weird Al“ Yankovic erinnern mag, der allerdings noch ein wenig alberner ist. Gesungen werden selbige Texte zum Teil von Bandgründer Stephen Merritt, aber auch Shirley Simms (Ukulele) und Bandmanagerin Claudia Gonson (Klavier, Perkussion) sind am Mikrofon zu vernehmen.

    Musikalisch höre ich eine interessante Mischung aus – unter anderem – den Raveonettes (sehr gut zu hören in „Your Girlfriend’s Face“), diversen Britpop-Bands, den Dandy Warhols und New Wave (allein schon das prägnante Synthesizer-Blubbern) heraus. Die Synthesizer sind (wieder) neu, die vorherigen drei Alben kamen ohne sie aus (weshalb man anderswo von der „No-Synths-Trilogie“ spricht, was irgendwie dann doch albern ist), sie erweitern das Klangbild um interessante Facetten.

    „Love at the Bottom of the Sea“ ist in all seiner Poppigkeit ziemlich seltsam, ziemlich hörbar und ein ziemlich gutes Sommeralbum. Dafür gibt es meine wärmste Empfehlung, wenn das Wetter schon nicht reicht.

    Hörproben: Ein Stream ist über musikexpress.de zu erreichen, ansonsten hat Amazon.de wieder Dreißigsekünder im Angebot.

  12. RAK – The Book of Flight – Lepidoptera II

    Kehren wir nun zurück zu etwas Musik mit mehr Tiefgang: „The Book of Flight – Lepidoptera II“ ist – wer hätt’s gedacht? – der Nachfolger des 2004 erschienenen Albums „Lepidoptera“. Dass RAK (eigentlich der Künstlername des Keyboarders Marc Grassi) dafür acht Jahre gebraucht haben, ist nahe liegend, immerhin stammt das Quintett aus der nicht gerade für ihre Agilität bekannten Schweiz.

    Gespielt wird klischeehafter (und trotzdem recht guter, sonst wäre er nicht hier zu finden) keyboardlastiger Neoprog. Sechs Stücke füllen etwas über 64 Minuten, womit klar sein dürfte, dass es auch dieses Album wahrscheinlich niemals in die Radios schaffen wird. Allein schon der Titel – lateinischer Name der Schmetterlinge – dürfte die meisten typischen Radiohörer hoffnungslos überfordern. (Bedenkt man, dass zum Beispiel die Braunschweiger Zeitung einen Bericht über ausgerechnet Justin Bieber auf ihrer Kulturseite zwischen Film, Lyrik und Theater unterbrachte, erscheint diese Befürchtung noch untertrieben.)

    Das ist zu bedauern, denn „The Book of Flight – Lepidoptera II“ hat es in sich:

    In sechs überwiegend langen Songs erzählt Grassi die Geschichte des „Book of Flight“. Gewaltige Tastengebirge werden aufgeworfen, scharfe Synthie-, Orgel- und Pianoleads durchpflügen diese Klanglandschaften. Die Gitarre setzt mal mit kreischenden E-Gitarren-Soli, mal mit nahezu metallischem Riffing, mal mit bluesgetränkten Harmonien ein ums andere Mal Gänsehaut-Akzente. Im Untergrund toben wuselig-virtuosen Drums, die dem Ganzen mit einem ordentlich komplexen Rhythmusgeflecht Feuer geben. Da macht sich nicht mal das Fehlen eines etatmäßigen Bassisten bemerkbar, soviel Druck und Zug entwickeln die Kompositionen. Die Arrangements bersten förmlich vor Details und Wendungen, die es nach und nach zu entdecken gilt.

    (Nach wenigen Stunden noch mal obiges Zitat lesen, sich endlich über das Wort „etatmäßigen“ wundern und trotzdem nicht das Zitat verfälschen: Erledigt.)

    Um metaphorische Schmetterlinge geht es auch in den Texten, genauer gesagt um die Stärke und Selbstbestimmung des Individuums und den Widerstand gegen Autoritäten. Die deutsche Popgruppe Echt nannte eines ihrer Alben „Freischwimmer“ und wollte damit zum Ausdruck bringen, dass sie sich befreit haben von ihrem früheren Dasein, RAK ging es von Anfang an um das Freisein. Schmetterlinge, Schmetterlinge 2. Wie wohl der Nachfolger heißen wird?

    Störend ist gelegentlich nur der englischsprachige Gesang von Dave Thwaites, der stimmlich doch sehr an den grauenvollen „Grafen“ von Unheilig erinnert. Aber darüber sehe ich gern hinweg, immerhin ist er wohltuend nach hinten gemischt worden und somit nur wenig aufdringlich.

    Hörproben: Auf Amazon.de gibt es zwar nur die MP3-Version des Albums (eklig in „Kapitel“ zerschnitten) zu kaufen, jedoch kann hineingehört werden. Das komplette Album ist auf Grooveshark.com streambar.

  13. Motorpsycho & Ståle Storløkken – The Death Defying Unicorn

    Die norwegische Musikgruppe Motorpsycho, seit 1989 bestehend, macht normalerweise eigentlich ganz guten Retro-Prog, Hardrock oder wie man es auch immer nennen möchte (die irgendwo im Internet aufgeschnappte Bezeichnung „Alternative-Psychedelic-Hard-Progger“ ist recht zutreffend). Diese eigentlich ganz gute Musik muss irgendwann Ståle Storløkken, Keyboarder der gleichfalls norwegischen, jedoch eher jazznahen (und ebenfalls guten) Avantgarde-Musikgruppe Supersilent zu Ohren gekommen sein, der für das 40-jährige Jubiläum des Molde-Jazzfestivals noch etwas Musik beitragen wollte.

    So rief er besagte Musikgruppe (Motorpsycho), das Trondheim Jazz Orchestra, die Streichergruppe Trondheimsolistene und den Jazzviolinisten Ola Kvernberg zusammen, um Großes zu erschaffen. Das Ergebnis – fast instrumental – war ungefähr zwei Stunden lang und wurde 2010 uraufgeführt. Im weiteren Verlauf fand man sich gemeinsam im Studio ein, kürzte das Werk so, dass es auf ein Doppelalbum (etwas weniger als 84 Minuten Gesamtlaufzeit) passt, fügte noch einige Strukturen und Texte (letztere stammen von Bent Sæther, der hier und bei Motorpsycho singt und Bass spielt) hinzu und fertig war das „Death Defying Unicorn“, das dem Tod trotzende Einhorn. Progressive-Rock-Freunde kennen ja das Klischee von den esoterischen Texten über Elfen und Einhörner – allein das sollte schon ein Grund sein, das Album mal zu hören.

    Auch, wenn ebenfalls groß Motorpsycho draufsteht: Drin ist vor allem Ståle Storløkken. Das ist gut, denn er setzt als Avantgarde-Jazzmusiker bei der Komposition andere Schwerpunkte. Wie das klingt? Ziemlich überragend!

    Natürlich kann ein Doppelalbum stellenweise etwas langatmig wirken, etwa dann, wenn es minutenlang nur bedeutungsvoll aus dem Lautsprecher wabert. Gerade diese Abwechslung ist es aber, die das „Death Defying Unicorn“ befeuert. Das Trondheim Jazz Orchestra leistet ganze Arbeit, die Bläser (unter anderem zwei Trompeter und diverse Saxophonisten) sind ein ebenso druckvolles Element der Musik wie (natürlich) die Keyboards von Ståle Storløkken, dessen spacerockiges (ist das überhaupt ein Wort?) Keyboardspiel dem von Patrick Moraz (unter anderem auf dem prachtvollen Album „Relayer“ von Yes zu hören) oft recht nahe kommt.

    Ach, Yes: Motorpsycho verleugnen ihre Wurzeln auch auf „The Death Defying Unicorn“ nicht. Bereits erwähnte Yes („Mutiny“) stehen hier gleichberechtigt neben Simon & Garfunkel („Into The Gyre“) und Lis Er Stille, sozusagen ein beherzter Griff in die Retro-Tüte.

    „Retro“ ist auch das Konzept, immerhin ist „The Death Defying Unicorn“ sozusagen eine Rockoper wie einst „Tommy“ und „The Wall“; beziehungsweise eben keine Rockoper, sondern „ein Wahnsinn“ (Christian Preußer), denn in ein enges Genrekorsett lässt sich das „Einhorn“ beim besten Willen nicht zwängen. Die Rahmenhandlung ist folgendermaßen überliefert:

    Es ist der Reisebericht eines seltsamen jungen Kerls, der unter Seekrankheit leidet, sich aber trotzdem an Bord eines Schiffes schleicht. Das Schiff geht unter, er strandet auf einer Insel und muss sich mit der Natur, Halluzinationen und Visionen, und noch manch anderem auseinandersetzen. Es ist eine Art psychedelisch-metaphysischer Trip, dessen Ende – wie so vieles im Leben und Tod – offen bleibt.

    Trotz oder gerade wegen all dieser Klischees, vom Einhorn bis zur Metaphysik, bleibt eigentlich nur ein Schluss: „The Death Defying Unicorn“ ist anspruchsvoll, anstrengend, eingängig, vielseitig, filigran und rockig zugleich – kurz: Ein verflixt gutes Album. Schon jetzt ein starker Anwärter auf das Album des Jahres.

    Hörproben gibt es auf Amazon.de, CD 1 als Streaming auch auf Grooveshark.com.

  14. Liars – WIXIW
    „Teach me how to be a person.“ (Flood to Flood)

    Von den Liars (den „Lügnern“) hörte man zuletzt im Jahr 2010, als sie das Album „Sisterworld“ veröffentlichten, das ich seinerzeit sehr gut fand. Zu hören waren Noise-Rock und Post-Punk, die Texte erzählten von Kriminalität und sonstigen Abgründen in der Großstadt. Mit „Sisterworld“, „Schwesterwelt“, war der eigene private Raum gemeint, den Bewohner einer solchen Stadt errichten, um ihr Leben weitgehend ungehindert leben zu können.

    Mehrere Sprachversionen der Wikipedia betrachten die Liars konsequenterweise als ehemals im Dance-Punk beheimatete experimentelle Rock- und Post-Punk-Band, heften ihnen also ähnliche Etiketten wie The Velvet Underground an. Dumm nur: „WIXIW“ („Wish you“, weiß der Teufel, wie man auf so eine Aussprache kommt) klingt schon wieder ganz anders.

    Die Gitarren sind sphärischer Elektronik gewichen, das Ergebnis erinnert eher an Kreidler als an Sonic Youth. Vielerorts liest man auch Vergleiche mit Radiohead, mit denen die Liars einst tourten, aber dafür ist „WIXIW“ meines Erachtens einfach zu gut – das grauenhafte Gejaule eines Thom Yorke ist mit dem angenehmen Gesang von Angus Andrew erfreulicherweise auch nicht zu vergleichen.

    Es regiert die vermeintliche Tanzmusik, die aber unter der Oberfläche immer noch so verzwirbelt ist wie man es von den Liars eigentlich erwartet hatte. Beziehungsweise eben:

    Düstere Beats, der Gesang an anderer Stelle nur ein rezitatives Stimmengewirr, schwere, kunstvoll verschlaufte Sythievariationen – (…) hier ist kein Bit falsch gesetzt. Der Titeltrack (…) als experimentelle, auch atonale Fuge, die nach einem Drittel in ein Trommelsperrfeuer mündet, der Tranceteppich von „Who Is The Hunter“ und das bratzige, tja „Brats“ – kein Schwachpunkt auszumachen.

    „WIXIW“ mag das bisher zugänglichste Werk der Liars sein, es zu unterschätzen wäre trotzdem ein gewaltiger Fehler. Die Platte wächst bei jedem Hördurchlauf. Intensiv, berauschend, grandios. Beinahe vergisst man, dass der alte Gitarren-Schrammelrock auch nicht so schlecht war. Nur wenigen Musikgruppen gelingt es, sich neu zu erfinden, ohne dass die Anhängerschar mit den Augen rollt und sich der Konkurrenz zuwendet. Die Liars meistern dies augen- bzw. ohrenscheinlich mit Leichtigkeit. Auf weitere Überraschungen dieser Art freue ich mich jedenfalls.

    Als Hörprobe gibt es unter anderem auf vimeo.com das Video zur ersten Single „No.1 Against The Rush“ zu bestaunen, Amazon.de hat derweil Ausschnitte aus allen 11 Stücken im Angebot. Das komplette Album ist auf Grooveshark streambar.

  15. Astra – The Black Chord
    „Chasing the bright side, losing the way.“ (Barefoot in the Head)

    Eines der scheußlichsten Biere, die ich je getrunken habe, trägt den gleichen Namen wie diese Musikgruppe. Von übermäßigem Konsum von „The Black Chord“ fühlt man sich jedoch nicht ganz so übel wie vom gleichnamigen Getränk. Auch das Fahrzeugmodell des wiederum gleichen Namens, gebaut im Auftrag von Opel, ist verglichen mit diesem Album gerade einmal mittelklassig.

    Die erfreulichen Möglichkeiten, ebenfalls mittelklassige Wortspiele mit ihrem Namen zu machen, sind aber nur ein Vorteil der Musikgruppe Astra (lat. „Sterne“). Im Dezember 2009 pries ich das Vorgängeralbum „The Weirding“ und nannte es einen „vertonten Drogentrip“. Seitdem hat sich, oberflächlich betrachtet, nicht viel geändert: „The Black Chord“ ist erneut ziemlich drogig. (Wer hat dieses Wort eigentlich erdacht?)

    Zwar stammen sie aus den USA, aber sie holen doch die Tugenden der guten britischen Rockmusik wieder hervor. Tief in den 70-ern verwurzelt spielen sie krautige Psychedelic mit Tiefgang. Die alten Pink Floyd, Glass Hammer und Hawkwind treffen auf junge Retrobands wie Änglagård. Freunde von Prog-Klischees dürfte es freuen, dass drei der fünf Mitglieder über Mellotrone und/oder Moog-Synthesizer verfügen, wenn sie nicht gerade Gitarre oder Keyboard spielen. Nur Schlagzeuger/Flötist David Hurley und Bassist Stuart Sclater halten sich von derlei fern, dafür beherrschen sie ihre eigenen Instrumente vortrefflich.

    Gesang steht konsequenterweise nicht vorn in der Prioritäten-Rangliste, das fast neun Minuten lange Instrumentalstück „Cocoon“ leitet das Album mit dezentem Spacerock ein, steigert sich aber über seine volle Länge und mündet in einem ziemlich mitreißenden Finale. Ja, so war das bei guter Musik irgendwann mal üblich. („In The Court Of The Crimson King“ funktionierte nach einem ähnlichen Prinzip und ist immer noch klasse.) Es folgt das viertelstündige Titelstück „The Black Chord“, das zu Beginn Marillion zur Zeit ihrer ersten Alben in Erinnerung ruft, bevor nach etwa zwei Minuten der harmonische Gesang einsetzt. Treibende Instrumente: Tasteninstrumente und Gitarre, begleitet von gelegentlichen Bass- und Schlagzeugeinwürfen.

    Noch im gleichen Stück winkt gelegentlich Genesis‚ „Trespass“ (man höre zuerst deren „The Knife“ und dann dieses Album oder umgekehrt) von Weitem, auch wegen der ähnlichen Gesangs- und sonstigen Effekte. Brian Ellis fügt ein paar druckvolle Gitarrensolo-Passagen hinzu, die er im folgenden Stück „Quake Meat“, das mit seinem kräftigen beinahe aggressiv wirkt, nochmals übertrifft. „Drift“ bringt wieder ein wenig Ruhe ins Album und ist so eine gute Überleitung zum vorletzten Stück „Bull Torpis“, in dem der Spacerock sich nochmals nachdrücklich bemerkbar macht. „Barefoot in the Head“ ist ein würdiges Ende für dieses Album – noch einmal wird eine Spannungskurve errichtet, die schließlich in einem fulminanten Finale mündet.

    Verglichen mit „The Weirding“ sind die Ingredienzen zwar weitgehend gleich geblieben, aber Astra sind hörbar gereift. Das Ergebnis zu übertreffen könnte schwer werden, an ihm erfreuen kann man sich jedoch hoffentlich noch für lange Zeit.

    Hörproben: Unter anderem „Quake Meat“ gibt es auf YouTube zu hören, in alle Stücke hineinhören lässt sich auf Amazon.de.

  16. Wassermanns Fiebertraum – Brandung

    Zum Schluss der dieshalbjährigen Bestenliste gibt es noch einen Kaufbefehl für Freunde digitaler Musik, denn als einen physischen Tonträger gibt es das Album „Brandung“, erschienen im April dieses Jahres, meines Wissens allenfalls auf Konzerten der Regensburger Formation Wassermanns Fiebertraum zu erwerben.

    Gesang? Trotz Liedtiteln wie „Flackerndes Sonnenlicht“ und „Zerkratzte Luft“ Fehlanzeige. Das ist ein bisschen schade, aber tut nicht weh. Gemäß der Eigenbeschreibung auf der Website der Band handelt es sich bei Wassermanns Fiebertraum um …

    (…) eine instrumentelle deutsch-österreichische Alternative/Post-Rock-Gruppe, verkörpert von vier Musikern, welche überwiegend in Städten an der Donau wohnen. Sie verzichten auf verbale Sprache, und kommunizieren nur durch Klänge und lebhafte Visuals. In WASSERMANNS FIEBERTRAUM vermischen sich Wahrheit und Unwirklichkeit, Melancholie, Leid und Bildung, Rausch und Phantasie.

    Obwohl der Bandname nach einem bislang unveröffentlichten Titel von Hölderlin oder auch Amon Düül II klingt, wird zwar gerockt, aber nicht gekrautet. Alle Signale stehen auf Postrock der lauten, dreckigen Gangart. Der opener „Flackerndes Sonnenlicht“ beginnt noch mit eher ruhigen Gitarrenklängen, aber nach etwa achtzig Sekunden scheppert’s im Karton. „Scheppern“ ist hier auch so gemeint, das Schlagzeug scheppert; ich schätze, hier wäre eine bessere Produktion hilfreich gewesen. Das ist aber auch schon das einzige Manko, das ich vorzubringen habe.

    Das Quartett hat zwar nur zwei statt der gewohnten drei Gitarristen, aber die kommen kurz und um so prägnanter auf den Punkt. Ach ja, kurz: zwischen etwa zweieinhalb und fünf Minuten beträgt die Laufzeit der neun Stücke, und mit 36:38 Minuten Gesamtdauer wird jede drohende Länge – ein bekanntes Problem vieler anderer Postrockgruppen – gar nicht erst zugelassen. Das ist erfreulich.

    Stilistisch angelehnt ist das zu Hörende an andere (überwiegend) instrumentale Postrockbands wie Explosions In The Sky und Mogwai, zieht man deren Theatralik und Hang zur Überlänge ab.

    Hörproben: Wassermanns Fiebertraum hat einen YouTube-Kanal, der vielleicht von Interesse ist. Das Album „Brandung“ indes kann man nicht nur für 6 Euro (leider nicht auf CD) per bandcamp.com ordern, sondern obendrein ebendort ohne Aufpreis in voller Länge anhören, was ich dann jetzt auch einfach mal empfehle.

Das erste Halbjahr 2012 hatte nicht nur allerlei Kommerzmusik im Portfolio, auch so manche kostenlose Delikatesse erblickte das Tageslicht. Einige davon habe ich im Folgenden zusammengetragen und füge kurze Erläuterungen bei:

2. Herunterladbefehle.

  1. Petrels – All things in common (EP)

    Ein wenig seltsam wirkt es vielleicht schon, dass diese fast zwanzigminütige EP aus nur zwei Stücken besteht. Die haben es aber in sich.

    Petrels heißt ein Projekt von Oliver Barrett, normalerweise mit Bleeding Heart Narrative unterwegs. Das Debütalbum „Haeligewielle“ wird begleitet von einer frei verfügbaren EP namens „All things in common“. Die musikalischen Wege der Stammband beschreitet er solo nicht: Ambiente Klangteppiche (Tangerine Dream, Klaus Schulze) sind hier ebenso zu hören wie fast kakophonische, wütende Noise-Ausbrüche. Gelegentlich erinnert das Treiben an jüngere Veröffentlichungen von Sigur Rós, ist aber rauer und weniger dem Schönklang verschrieben.

    Die beiden Stücke auf der EP heißen „Thomas Müntzer“ und „Leonora Christine“. Thomas Müntzer, laut Wikipedia, war ein Theologe und Revolutionär in der Zeit des Bauernkrieges (also in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts) und wurde später auf der 5-Mark-Note der DDR sozusagen verewigt. Leonora Christina war etwa hundert bis hundertfünfzig Jahre später eine dänische Schriftstellerin und Prinzessin, die aufgrund ihrer zahlreichen Geburten (und Reisen) kaum Zeit für eine angemessene Ausbildung hatte (an welche deutsche Politikerin der Gegenwart erinnert uns das?), hat es aber nicht auf eine Banknote geschafft.

    Was das zu bedeuten hat? Ich weiß es nicht, Texte gibt es nicht. Aber muss man immer alles verstehen?

    Runterholen und anhören geht sowohl per Bandcamp als auch via eMule.

  2. The Next Hundred Years – Troppo

    Etwas erdiger als Petrels gehen die Kanadier The Next Hundred Years zu Werke, und das schon, wie man hört, seit Jahren von Plattenfirmen ignoriert. Das ist gut für uns arme Musikfreunde, aber schade für die Musiker, denn sie verrichten ihr Tun vortrefflich.

    „Troppo“ heißt das diesjährige Album der Band, was Italienisch ist und „zu viel“ bedeutet. Zu viel ist das aber alles natürlich nicht, sondern eher viel zu wenig. Fünf Herren mit Gitarren, Bass, Keyboard, Schlagzeug und Violine, unterstützt von einer Cellistin und einem Trompeter als Gastmusikerduo, obendrein gibt es Gesang. Und zwar ziemlich guten. Ich zitiere ungefragt und unverfälscht:

    Knifflige Rhytmusabteilung, akurate Tempowechsel, Wahnsinns-Gesang, schnittige Gitarren-Riffs mit allem Pipapo.Ich schmeiss hier einfach mal ein paar Begriffe in den Raum. Tool, Russian Circle, Kyuss und Queens of the Stone Age. Oder anders herum, Musik im Spannungsfeld zwischen geerdeten Progressive-Rock, Psychedelic, Metal und Stoner-Rock.

    Dem füge ich noch ein zaghaftes Oceansize hinzu und sonst nichts. Nur noch so viel: Wenn so die nächsten hundert Jahre klingen, wird der Rest meines Lebens noch spannender als erwartet.
    Ich freue mich jetzt schon.

    Runterholen und anhören kann man „Troppo“ auf bandcamp.com sowie wiederum via eMule.

  3. terraformer – the sea shaper

    Wiederum instrumental spielt das belgische Trio terraformer (anscheinend komplett klein geschrieben, obwohl die Plattenfirma Großbuchstaben verwendet) auf. Nach dem ersten Hördurchlauf schrieb ich in ein Forum hinein, dieses Album sei mitunter „etwas langatmig“, aber das ist noch nicht alles.

    Mathrock, Postrock und Postmetal finden hier zusammen. Die drei hauen dabei derart auf die Kacke, dass sogar Punknews.org einen wohlwollenden Bericht hat, und dort ist man schon namentlich nicht unbedingt offen für komplexere Musik. Mastodon und die guten, alten Pelican kommen dem Hörer ebenso in den Sinn wie Mogwai (aber selten).

    Die Eigenbeschreibung der Band ist rätselhaft:

    Three pieces. Instrumental. Oh My God Climax. Almost shredding. Wild. Fake polyrythms. Cheesy layers. Rash looping. Evil patterns. Semi mosh. Catchy tappings. Messy. Sexy lads. Br00tal! Barefaced. Mickey. Emergency. Booby hatch. Ham rotten. Homeric. Ethereal. Celurean. Dragon. Terrestrial. Epic. Méduse. Explosions. Tasty shirts. Wolfes. Hibou. Ethyl. Beast. Puddles. Summoning creatures.

    Das klingt nach jeder Menge Spaß und ist sehr hörenswert.

    Runterholen und Anhören (und Kauf der CD) dieses spaßigen Albums ist auf bandcamp.com möglich, alternatives Herunterladen klappt via eMule.

  4. Elias Schwerdtfeger – Die singende Maschine

    „Manche nennen es Musik, doch für die meisten ist es Krach“ – dies sang Farin Urlaub im „Intro“ seines Solodebüts vor einigen Jahren. Ganz anders als Herr Urlaub empfindet Herr Schwerdtfeger, nach wie vor brotloser Künstler aus Hannover, jedoch für Musik.

    Auf seinem – laut eigener Beschreibung – vorletzten in dieser Form veröffentlichten Album „Die singende Maschine“ ist zu hören, was draufsteht: Allerlei maschinelle Klänge und Gesang, wie der Vorgänger „Temple of Void“ (ich berichtete) versehen mit subtil oder direkt gesellschaftskritischen Texten.

    Da wird schon mal ein Paragraph des Sozialgesetzbuches von schwäbischen Grüßen begleitet („Sozialgesetzbuch“), und auch Sven Regeners verwerfliches Geschwätz über Rockmusik und fiese Raubmordkopierer wurde zu einem Elektromusikstück verwurstet. (Eigentlich ist es seltsam, dass es darüber noch kein mir bekanntes Rockmusikstück gibt.)

    Überwiegend ist „Die singende Maschine“ ohnehin befüllt mit dem, was vom Vorgänger übrig blieb, sozusagen also eine Resteverwertung. Das macht das Album keinesfalls schlechter. „Die singende Maschine“ ist düster, deprimierend, monoton und experimentell, und niemand wird davon je eine Single auskoppeln. Das ist ein gutes Qualitätsmerkmal.

    Bezugsquellen sind die Webseite zum Album (der dortige Stream wird sofort abgespielt, ich empfehle Vorsichtsmaßnahmen) und eMule. Viel Vergnügen.

Was hingegen überhaupt kein Vergnügen bereitet, sind die Reinfälle der ersten sechs Monate dieses Jahres. Leider lasse auch ich mich von überschwänglichen Rezensionen manchmal dazu hinreißen, von den Medien für Pflichtkäufe gehaltene Musikalben zu hören, die sich mir dann als eher lästig offenbaren. Zum Beispiel die folgenden:

3. Ignorierbefehle.

  • Tindersticks – The Something Rain
    Langweilig.
  • Vibravoid – Gravity Zero
    Belanglos.
  • The Stranglers – Giants
    Erschreckend schlechter Gesang, der das eigentlich überdurchschnittlich gute Album komplett zerstört.
  • Crippled Black Phoenix – (Mankind) The Crafty Ape
    Ermüdend.
  • The Intersphere – Hold On Liberty
    Mainstreamquatsch.
  • The Mars Volta – Noctourniquet
    Mau.

Zum Glück war das nicht immer so. Zum Abschluss dieses Beitrags unternehmen wir, wie gewohnt, eine kurze Zeitreise durch 40 Jahre Musikgeschichte:

4. Sammelbefehle.

  • Vor 40 Jahren:
    Matching Mole – Matching Mole
    1972 stand der neu erwachsene Progressive Rock kurz vor seinem Höhepunkt, nur wenige Musikgruppen, etwa die Rolling Stones mit ihrem Meisterwerk „Exile on Main St.“, hielten dagegen. Krautrockbands wie das kanadisch-deutsche Duo Emtidi, das mit „Saat“ ihr einziges, hörbar unter Drogeneinfluss entstandenes Krautfolk-Album über das „Pilz“-label veröffentlichen ließ, konnten sich ebenso großer Beliebtheit beim Publikum freuen wie symphonische „Progger“ wie Jonesy, die mit „No Alternative“ ein heute fast vergessenes Album aufgenommen hatten, das reichen Mellotroneinsatz mit kräftigem Hardrock vermengt. Diese Erfolge waren natürlich auch die Erfolge der Pioniere der progressiven Musik, seien es King Crimson, seien es die Canterbury-Bands wie Caravan und Soft Machine. Letztere hatten im Vorjahr Schlagzeuger Robert Wyatt vor die Tür gesetzt, was dieser zum Anlass nahm, mit Matching Mole („machine molle“ ist angeblich Französisch und bedeutet ungefähr „weiche Maschine“…) eine frühe „Supergroup“ aus ehemaligen Mitgliedern von Caravan, Delivery und Quiet Sun zusammenzustellen. Die Auflösung erfolgte noch im selben Jahr, für zwei Studioalben und einige später veröffentlichte Archivaufnahmen hat diese kurze Zeitspanne jedoch genügt. Das Debüt glänzt mit freiförmigem Jazzrock im Canterbury-Stil, dem Dave Sinclair seine unverwechselbaren Keyboardklänge beigefügt hat. 1973 fiel Robert Wyatt aus einem Fenster und ist seitdem querschnittsgelähmt, was Pläne für eine Neuformierung von Matching Mole leider zunichte machte. Was bleibt, ist ein großartiges Zeitdokument, das in mancher Hinsicht seinesgleichen sucht.
  • Vor 35 Jahren:
    Hawkwind – Quark, Strangeness And Charm
    Schon fünf Jahre später kam der Punk auf und machte alles kaputt, seufz!; die Sex Pistols wurden mit „Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“ frenetisch beklatscht beziehungsweise bepogt, und die Progressive-Rock-Musiker, die um ihren Erfolg bangten, versuchten sich an einer Neuausrichtung. Während Yes sich mit „Going for the One“ und dem Yes-Stück „Awaken“ ein vorerst letztes Mal aufbäumten, bevor sie sich im Popdschungel verirrten, hatten Magma mit „Attahk“ nicht nur ein scheußliches Coverbild, sondern auch eine teilweise Abwendung vom Zeuhl nebst Hinwendung zur Populärmusik der eher eintönigen Sorte zu verbuchen. Erfreuliches hingegen kam aus dem Spacerock-Lager: Das Quintett Hawkwind, aus dessen Reihen auch der wegen übermäßigen Drogenkonsums gefeuerte Motörhead-Gründer Lemmy Kilmister stammt, legte mit „Quark, Strangeness And Charm“ einen Klassiker in ihrem Katalog vor. Das Bekannteste der enthaltenen Stücke dürfte „Spirit Of The Age“ sein, das aus ihrem Repertoire nicht mehr wegzudenken ist. Simon Houses Violine ist ebenso prägnant wie die futuristische und berechnende Kälte dieses Albums, die wohl auch eine Folge des Weggangs von Saxophonist Nik Turner und Schlagzeuger Alan Powell ist. Der Gesundheitszustand von Sänger Robert Calvert, der bereits während der Aufnahmen unter manischer Depression litt, veranlasste Dave Brock, Hawkwind im Folgejahr aufzulösen; die Reunion 1979 fand – mit Ausnahme von Dave Brock und Schlagzeuger Tim Blake – in neuer Besetzung statt. Auch die folgenden Besetzungen waren zu Großem fähig, „Quark, Strangeness And Charm“ sollte man dennoch einmal gehört haben.
  • Vor 30 Jahren:
    Cassiber – Man or Monkey
    Hawkwind lieferten 1982 mit „Choose Your Masques“ und „Church of Hawkwind“ zwei eher maue Alben ab, dafür ließen King Crimson wieder von sich hören: Das zweite 80-er-Album der neu formierten Progressive-Rock-Pioniere, „Beat“, zitierte im trockenen, industriellen New-Wave-Gewand Beat-Dichter wie Allen Ginsberg. Vom mainstream zum Glück weitgehend unbeachtet war derweil die oft so gescholtene Frickelszene auch nicht untätig: Als Cassiber hatten sich drei deutsche Musiker, darunter der Pianist und Bassist Heiner Goebbels (nicht identisch mit dem anderen „Heiner“ Goebbels), mit dem englischen RIO/Avant-Schlagzeuger Chris Cutler (Henry Cow, Art Bears, Pere Ubu und andere) zusammengetan und spielten mit „Man Or Monkey“ ein – die frei rezitierten Texte eingeschlossen – komplett improvisiertes Musikalbum ein, das ihnen trotz seiner Unzugänglichkeit eine Einladung zum Frankfurt Jazz Festival 1982 bescherte. Dass ausgerechnet „Die Verunreinigung des Flusses ist gerade noch erträglich“ ein Instrumentalstück ist, ist ein wenig schade, denn einen Text hierzu hätte ich gern einmal gehört. Die Texte stehen hier nämlich keinesfalls im Dienst der Musik: In „Our Colourful Culture“ etwa singt Christoph Anders zu, nun, Karnevalsmusik Zeilen wie „I came from the country! / Arriba! Arriba! / They were killing my family! / Ha ha ha ha!“. Arriba, arriba. „Man or Monkey“ ist schräg, skurril, experimentell und so großartig, dass es bedauerlich ist, dass sich Cassiber bereits 1992 nach nur vier Studioalben wieder auflösten. Chris Cutler ist bis heute musikalisch aktiv, und eine Beschäftigung mit seinen zahlreichen Projekten ist lohnenswert. Cassiber indes bleiben bis heute einzigartig.
  • Vor 15 Jahren:
    Genesis – Calling All Stations
    In der durchkommerzialisierten Musikwelt der 1990-er Jahre war es schwierig, Neues zu wagen, ohne dafür alles aufs Spiel zu setzen. Die Ärzte hatten im Vorjahr ihr bisher einziges Konzeptalbum „Le Frisur“ veröffentlicht, das (unter anderem bei mir) als eines ihrer besten Werke gilt. Im selben Jahr verließ Phil Collins die Gruppe Genesis, nachdem er sie mit seiner grausigen Popscheiße gründlich gegen die Wand gefahren hatte, um das Radiopublikum fortan mit Soloschnulzen zu nerven. Die verbliebenen Mitglieder versuchten einen Neubeginn mit Sänger Ray Wilson und zwei Schlagzeugern, darunter Nick D’Virgilio von Spock’s Beard. Mit dem Album „Calling All Stations“ besannen sie sich zurück auf alte Tugenden und verzichteten auf die Produktion von Hitsingles (wenngleich „Congo“ dann doch eine wurde) zugunsten des Formats Musikalbum. Trotz (oder wegen?) des Titels und der Neuausrichtung beachteten die Radiosender dieses Album aber nur wenig, die Soloaktivitäten von Phil Collins waren ihnen – wohl wegen des Namens – wichtiger. Das Kapitel Genesis war wenig später quasi beendet, ein Neuaufguss mit (wiederum) Phil Collins blieb eine einmalige Angelegenheit. Da bis heute keine offizielle Auflösung erfolgt ist, kann der geneigte Musikfreund trotz alledem auf bessere Zeiten hoffen. Das tu‘ ich dann mal.

Tja, damit wären wir auch schon wieder am Ende angelangt. Wenn ihr diese Zeilen lest, dann habe ich bereits begonnen, Material für die Jahresendliste zu sammeln. Unter anderem echolyn, Änglagård und die Flower Kings läuten das zweite Halbjahr mit jeweils neuen Veröffentlichungen schon recht progressiv ein. Ob sich das Warten gelohnt hat? In einem halben Jahr wissen wir, wie gewohnt, mehr.

Bis dahin wünsche ich allen Musikfreunden ein paar angenehme Höreindrücke und danke euch für die Aufmerksamkeit: Danke sehr!

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Senfecke:

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