KaufbefehleMusikkritik
Die Ärzte – keine ZeiDverschwÄndung. (Auch: Kritik der Kritik.)

Nebenbei traf heute der/die/das EP “ZeiDverschwÄndung“ der Die Ärzte – der Artikel ist Teil des Bandnamens – ein, die auch im (brutto) 30. Jahr ihres Bestehens keine große Lust haben, der Ankündigung, es werde nie wieder Die Ärzte geben (getätigt etwa im Beiheft der Kompilation „Das Beste von kurz nach früher bis jetze“, 1994), Taten folgen zu lassen, was mich keinesfalls enttäuscht.

Denn Die Ärzte waren zwar nie musikalisch hochklassig oder wenigstens dissonant-abstrakt, dennoch sind ihre Texte seit Mitte der 1990er Jahre ständige Begleiter meines Lebens, und deshalb lege ich hier andere Maßstäbe an; und ich kann mir das erlauben. Dass viele gerade jüngere Anhänger des Trios musikalisch unerfahren sind (und etwa von The Who noch nie etwas gehört haben), mag ihnen allerdings gelegentlich zugute kommen.

Jetzt also „ZeiDverschwÄndung“. Enthalten sind vier Lieder, wie üblich von jedem der drei Mitglieder überwiegend separat bei-, nicht aber vorgetragen, und bereits das erste Lied namens, na, so was!, „ZeiDverschwÄndung“ ist gar keine. Die Schummler. Worum es geht?

Hast du nichts Besseres zu tun, als die Die Ärzte zu hör’n?

Im Stil neueren Indie-Poprocks, wie üblich angereichert mit allerlei musikalischen Zitaten, und mit der wohl merkwürdigsten Gesangsmelodie, der Bela B. je gefolgt ist, beschweren sich die Die Ärzte darüber, dass einige ihrer Anhänger im Laufe der seit der Auflösung von Soilent Grün (das war im Frühjahr 1982) vergangenen Jahre einen Personenkult um sie errichtet haben und ihr Leben dem Die-Ärzte-Fantum widmen. Um das zugehörige und auf dem/der/dem EP enthaltene Video zu verstehen, bedarf es allerdings einiger Erfahrung: Es zeigt die drei Protagonisten inmitten ihrer eigenen Geschichte. Gwendoline und die „Bestie in Menschengestalt“ tauchen, nur in Bildform, ebenso auf wie markante Zeilen früherer Ärztelieder, darunter „Geh’n wie ein Ägypter“ und „Rod loves you“.

Apropos Videos: Jedes der vier Lieder wird zumindest im Internet von einem Video begleitet, das die Die Ärzte als „Stop-Motion“-Animationsfiguren zeigt. Weitere Videos sind, in einer recht rätselhaften Ankündigung, in Aussicht gestellt worden. Moment, vier Lieder? Ja: Neben „ZeiDverschwÄndung“ sind auf dem/der/dem EP auch „Mutig“, „Quadrophenia“ und „Will dich zurück“ zu finden, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Mit „Mutig“ knüpft Farin Urlaub thematisch an seine älteren Lieder „Hart“ und „Gefährlich“ an, dazu gibt es (wenig dezenten) Gitarren-Indierock (sagt man das noch so?) zu hören. „Quadrophenia“ – der Name sagt es schon – ist eine musikalisch treffende Hommage an die Rockmusik der 1970er Jahre und vermag zu gefallen. „Will dich zurück“ schließlich hat zwar einen ziemlich blöden Refrain, ist aber ansonsten ein sehr eingängiges Stück Elektropop.

Fest steht: Die Ärzte haben sich musikalisch gewandelt. Beweisen müssen sie schon lange niemandem mehr etwas. „ZeiDverschwÄndung“ wurde auf den einschlägigen Internetseiten von denen, die ein weiteres „Planet Punk“ oder „13“ erwartet hatten, als ein weiterer Beleg für den unaufhaltsamen Niedergang der einstmals „besten Band der Welt“ gewertet, dabei belegt es eigentlich nur die mangelnde Bereitschaft der Kritiker, sich Neuem zu öffnen. Wenn mir der Stilwandel (und somit die musikalische Weiterentwicklung) einer geschätzten Musikgruppe missfällt, dann laste ich das nicht der Musikgruppe an, die es gewagt hat, meinen Erwartungen nicht mehr zu genügen, sondern höre stattdessen etwas anderes, begleitet allenfalls von einem oder zwei Sätzen der Begründung für meine Abkehr von der Verehrung einer Combo, so etwa im Vorjahr im Fall von Nihiling geschehen.

Viele Rezensenten sind offenbar der Meinung, Künstler, deren Werke sie zu bewerten beabsichtigen, sollten sich allein um ihre Gunst bemühen. Da werden im Vorfeld Erwartungen aufgebaut, deren Erfüllung niemals in Aussicht stand, deren Nichterfüllung aber unweigerlich zu einem Verriss führt. Natürlich sind Rezensionen stets subjektiv geprägt, meine eigenen nehme ich davon keineswegs aus, aber wenn mir eine musikalische Änderung allzu sehr missfällt, dann nehme ich das zwar meist betrübt zur Kenntnis und bringe das gegebenenfalls auch zum Ausdruck, werde jedoch auch von gehässigen Kritiken später veröffentlichter Musikalben absehen und nicht noch das zehnte Album eines Musikers an seinem ersten messen, wenn mir schon das zweite partout nicht mehr gefiel. (Aus diesem Grund habe ich zum Beispiel auch die Geschicke von iLiKETRAiNS nach dem gelungenen Debüt und dem scheußlichen Zweitling kaum mehr weiter verfolgt.)

„Menschen haben keine Ahnung…“
— Die Goldenen Zitronen

Im April jedenfalls folgt voraussichtlich das Album „auch“, Gerüchten zufolge mal wieder das diesmal wirklich letzte vor der endgültigen Auflösung. Diese Stümper: Wenn Michael Jacksons Tod der Welt eines gezeigt hat, dann, dass nicht das letzte Album vor dem Karriereende sich am besten verkauft, sondern das erste nach ihm.

Aber so ist’s natürlich auch Recht.

Senfecke:

  1. und mit der wohl merkwürdigsten Gesangsmelodie, der Bela B. je gefolgt ist

    Noch ’n bisschen Schnupfen dazu könnte’s als Xaver Dingenskrichen durchgehen. Mich nervt’s tierisch. Mal schauen ob das kommende Album mehr hergibt, die „Single“ ist mir entschieden zu ernst (und gleichzeitig zu hohl) und viel zu nah an neudeutscher Befindlichkeitsmusik.

  2. Ernst? Die Ärzte? Seit wann?

    Hohl ist klasse, hohl mag ich. Nervig ist nach mehrmaligem Hören eigentlich nur der öde Lass-uns-kuscheln-Text von Quadrophenia, der könnte partiell – wie der von „Will dich zurück“ – tatsächlich von Xavier stammen (obwohl der wohl nie The Who gehört und/oder gemocht hat).

  3. The Wer? :p

    Wg. Hohl, ich rede nicht vom typischen Ärzte-hohl, sondern vom ganz normalen hohl-hohl. Dieses typische neudeutsche Geseier a la Mia und Pia und wie sie nich alle heissen. Dachte, das wäre endlich überwunden, nun ziehen die Ärzte das wieder hoch…

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