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Musik 12/2011 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 8 von 24 der Serie Jahresrückblick

Leydiesendtschentelmen, herz­lich will­kom­men am Jahresende und damit zur übli­chen Retrospektive der pri­ma­sten Alben des Jahres, die es in die Halbjahresliste 2011 nicht mehr geschafft haben. Dabei ist das nicht ein­mal unbe­dingt eine Frage des Erscheinungsdatums, denn wie üblich hat­ten sich wie­der eini­ge Alben aus dem ersten Halbjahr geschickt vor mir versteckt.

Ich erhielt anläss­lich der Rückschau 06/2011 ver­ein­zel­te Kritik, es sei zu viel Material zusam­men gekom­men, um sich in einer ange­mes­se­nen Zeit damit beschäf­ti­gen zu kön­nen. Diesmal aber kann Peter, der glaubt, drei Alben wür­den rei­chen, auf­at­men: Diese Liste wird kür­zer als ange­nom­men. Hierfür gibt es einen guten und einen beschä­men­den Grund: Das selbst­be­ti­tel­te Debütalbum von broken.heart.collector etwa kann sich wie auch manch ande­res inter­es­san­tes Musikwerk längst eines sepa­ra­ten Artikels erfreu­en, vor allem aber hat noch wäh­rend der Zusammenstellung der zu rezen­sie­ren­den Alben mei­ne alte digi­ta­le Schreibmaschine beschlos­sen, die Priesterlaufbahn ein­zu­schla­gen, und ohne Umschweife etwas geseg­net, näm­lich das Zeitliche; und getreu Murphys immer­wäh­ren­dem Gesetz hat­te ich dies­mal kei­ne Sicherheitskopie angefertigt.

Daher seht es mir nach, wenn euer per­sön­li­ches Album des Jahres dies­mal fehlt, und lasst es mich wis­sen: Vielleicht gefällt es auch ande­ren Musikfreunden, die dies hier zufäl­lig entdecken. 

Ab geht’s mit einem Kopfsprung ins kal­te Wasser:

1. Fünfundzwanzig / Zweitausendundelf.

  1. Cave In - White Silence
    „Dead rise like ascen­ding angels“ (Vicious Circles)

    Kaltes Wasser trifft es ganz gut, denn Cave In tei­len kräf­tig aus. Mit „White Silence“ legt das Metalcore-Quartett das erste Album seit sechs Jahren vor, und obwohl die Gruppe bereits seit 1995 - mit Unterbrechungen - aktiv ist, war sie von mir bis­lang doch unbe­merkt geblie­ben, was mir nun, da ich „White Silence“ ken­ne, sehr Leid tut.

    Denn „Metalcore“ ist zwar eine vali­de Beschreibung der all­ge­mei­nen Ausrichtung der Musik von Cave In, aber sie ist nicht ansatz­wei­se voll­stän­dig. Das Titelstück „White Silence“ erin­nert mich als jeman­den, der mit sol­cher Musik eher sel­ten kon­fron­tiert wird, an Aphex Twin und gleich­zei­tig an diver­se Death-Metal-Gruppen: Ein mono­to­ner Schlagzeugrhythmus, weni­ge Akkorde auf kaum als sol­che erkenn­ba­ren Gitarren, ver­zerr­tes Schreien: „Wraith / tracking the taste of warm blood / white silence is brea­king the spi­rit / natu­re sews“. Nein, easy listening geht anders, und das gefällt mir.

    Das fol­gen­de „Serpents“ bleibt lär­mig und ist struk­tu­rell ange­lehnt an die Punkmusik, die unser­eins im Kindesalter auf völ­lig abge­nu­del­ten Audiokassetten gehört hat, und ist dann aber doch eher Metal. Cave In kön­nen aber auch anders: „Sing My Loves“ ist ein kraft­vol­ler Alternative Rocker mit auf­dring­li­chem Gesang, „Heartbreaks, Earthquakes“ gar eine beat­lesque Hommage an die frü­he Popmusik (allein das Wort schon!).

    Stephan Möller schreibt, „White Silence“ sei „ein zwar echt selt­sa­mes, aber auch wirk­lich span­nen­des Album“ und hat damit Recht. Warum es aller­dings „White Silence“ heißt, ver­steht man erst, wenn man mit dem Hören fer­tig gewor­den ist: Es wird schlag­ar­tig still.

    Hörproben: 30-sekün­di­ge Ausschnitte aus dem Album hat Amazon.de im Angebot, das Titelstück in gan­zer Länge kann man zum Beispiel via YouTube und Grooveshark hören.

  2. Daymoon - All Tomorrows
    „Dark fear in me - which soul is mine, which half am I?“ (Human Again)

    Daymoon ist der Name des gegen­wär­ti­gen, por­tu­gie­sisch­stäm­mi­gen Projekts von Fred Lessing, einem deut­schen Musiker, der hier zusam­men mit Andy Tillison, zwei Musikern von Isildurs Bane und eini­gen ande­ren Künstlern etwas her­vor­ge­bracht hat, das er selbst „regres­si­ve rock“ nennt. In der Tat ist man­ches an „All Tomorrows“ ziem­lich retro, aber das ist nicht etwa rück­stän­dig, son­dern famos.

    „Schräg-sanft“ ist eines der Attribute, mit denen „All Tomorrows“ in Verbíndung gebracht wird, ele­gisch ist eines, das ich selbst hier­mit anfü­gen möch­te. Ich tei­le nicht ein­mal die geläu­fi­ge Kritik, Fred Lessing sei als Sänger unge­eig­net, im Gegenteil gefällt sei­ne Darbietung und fügt sich har­mo­nisch ins musi­ka­li­sche Gefüge ein - auch dann, wenn sel­bi­ges der Harmonie zwi­schen­zei­tig zu ent­rin­nen versucht.

    Gentle Giant und ähn­li­che Musikgruppen stan­den ver­mut­lich Pate für den Refrain des eröff­nen­den Titelstücks (das scheint ja heut­zu­ta­ge Mode zu sein, dass das erste Stück so heißt wie das Album), das anschlie­ßen­de „TranscendenZ“ eröff­net mit eigen­ar­ti­gem Vokalteil und geht über in ein hek­ti­sches, instru­men­ta­les RIO-/Jazzrock-Gewirr (Henry Cow, Soft Machine und eine unko­or­di­nier­te Inkarnation von Andy Tillisons The Tangent las­sen grü­ßen), um vom bei­na­he ver­söhn­li­chen „Human Again“ abge­löst zu wer­den. „Arklow“ hat Anleihen an den Folk-Rock zu bie­ten. Überhaupt ist „All Tomorrows“ ein sti­li­stisch viel­sei­ti­ges Album, das sich jede Kategorisierung impli­zit ver­bit­tet. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, wie­so es lan­ge kei­ne Plattenfirma gab, die die Musiker ent­deckt hat­te, und des­halb eine Veröffentlichung als phy­si­scher Tonträger bis­lang aus­ge­blie­ben ist. Dies soll jedoch nun, da der rus­si­sche Progressive-Rock-Musikverlag Mals Daymoon unter Vertrag genom­men hat, bald fol­gen, wie ich per E-Mail erfuhr, nach­dem ich die­sen Absatz fer­tig geschrie­ben hat­te; Frechheit, das.

    Wie man eigent­lich auf den Namen Daymoon kommt, erklär­te Fred Lessing auf Rückfrage recht einleuchtend:

    Naja, ähm (Pein) (Schande) (Schäm), den hab’ ich erfun­den, als ich so 15 war oder so. „Daimon“ (grie­chisch oder so für Dämon – war unnö­ti­ger­wei­se an einem huma­ni­sti­schen Gymnasium, aber kei­ne Sorge, hab’s nicht bestan­den, mei­ne gan­zen 6 Jahre Latein sind flö­ten, dafür kann ich jetzt Flöten und Portugiesisch) gemischt mit dem Mond, dem man tags­über sieht (was ich ja auch schön fin­de, aber Dämon ist natür­lich völ­lig albern). Inzwischen ist’s nur noch der Mond, den man tags­über sieht. Ist auch unser Logo. Oh je, wenn das bekannt wird…

    Keine Sorge, es wird nicht verraten.

    Anhören und in digi­ta­ler Form kau­fen kann man das Album auf Bandcamp.com; die Erlöse die­nen einem guten Zweck, näm­lich der Pressung auf CD, und die­ses Anliegen ist eine Unterstützung wert, misst man es dar­an, wie viel Schrott heut­zu­ta­ge in den CD-Regalen gro­ßer Multimediaketten zu fin­den ist. Sozusagen zum Ausgleich.

  3. Cheer-Accident - No Ifs, Ands or Dogs

    Cheer-Accident wur­den 2011 30 Jahre alt und schaf­fen es immer noch, ihre ein­zig­ar­ti­ge Mischung aus Alternative Rock und Radiopopscheiß modern und frisch wir­ken zu las­sen. Dabei haben die Chicagoer es eigent­lich ver­dient, mehr Aufmerksamkeit zu bekom­men, aber sie kom­men in den Medien bis­lang schlicht nicht vor.

    Auf „No Ifs, And or Dogs“ („Keine Wenns, Unds oder Hunde“) folgt man, des­sen unge­ach­tet, dem bewähr­ten Schema: Zwischen gefäl­li­ge, ein­gän­gi­ge Poplieder wie etwa „Cynical Girl“, das sicher nicht zufäl­lig dem Lied „Penny Lane“ der Beatles ähnelt, hat das Quintett eini­ge kur­ze Interludien ein­ge­spielt, deren Titel („Drug You Down“, „Go Gaunt Green“) an Lieder vom sel­ben („Drag You Down“) oder von frü­he­ren („Go Gone Green“) Alben ange­lehnt sind; dass sie musi­ka­lisch nicht viel mit­ein­an­der zu tun haben, ist bei Cheer-Accident bei­na­he eine Selbstverständlichkeit.

    Natürlich behal­ten Cheer-Accident auch wei­ter­hin ihren schrä­gen Humor bei, so dass all­zu viel Rätselraten viel­leicht ein­fach nicht nötig ist: Dem Lied „Life In Pollyanna“ etwa, einem Jazzrock-Stück mit Anleihen an (mal wie­der) die Beatles, Frank Zappa und King Crimson, folgt als Gegensatz „Death By Pollyanna“, das von einer mono­ton-repe­ti­ti­ven Keyboardmelodie und dem eben­sol­chen Bass-/Schlagzeugspiel und dis­so­nan­tem Gesang beherrscht wird und so wie von einem Nebenprojekt der Dandy Warhols her­vor­ge­bracht klän­ge, wäre nicht der ein­ma­li­ge Gesang von Thymme Jones so mar­kant. Ist er aber.

    Verglichen mit dem Vorgängeralbum „Fear Draws Misfortune“ ist „No Ifs, Ands or Dogs“ zwar nach mei­nem Empfinden kein Meisterwerk, jedoch auch nicht merk­lich schlech­ter. Dass das Album kei­ne leich­te Kost ist, ist klar, fol­ge­rich­tig ist von Lob bis zu Missfallensbekundungen bei­na­he jede Form der Kritik über es zu lesen. Das soll den Musikfreund aber nicht stören.

    Hörproben zum Beweis gibt es unter ande­rem auf Amazon.de.

  4. Weedeater - Jason…the Dragon
    „My brain has come undo­ne“ (Palms And Opium)

    Weedeater. Grasfresser. Soso. Im Internet nann­te man „Jason…the Dragon“ in ein­präg­sa­mer Weise ein „Draußenindersonnegrillentrinkendrogennehmenalbum“, und das passt eigent­lich gar nicht, denn für Weedeater sind das zu vie­le Silben in zu kur­zer Zeit, und ande­rer­seits ist die Beschreibung inhalt­lich ide­al. Drogenmusik ohne die­sen Reggae-Unsinn.

    Ein wenig nach Graskonsum klingt die­ses Album ja auch tat­säch­lich, die Bedächtigkeit der Interpretation steht in kras­sem Kontrast zu den Orkanen, die das musi­ka­li­sche Fundament bil­den, soll hei­ßen: Sänger und Bassist „Dixie“ Dave Collins (allein schon die­ser Künstlername ist eigent­lich ein Brüller, misst man ihn an der Musik sei­ner Band) brüllt in alter Motörhead-Manier irgend­wel­che merk­wür­di­gen Texte ins Mikrofon, wäh­rend Gitarrist und Schlagzeuger dem Hörer Stoner-Metal par excel­lence in die Gehörgänge projizieren.

    Stoner, Gras und Dixie; doch, ja, sehr merk­wür­dig. Vom Stoner-Rock der Marke Colour Haze haben sich Weedeater immer­hin die ver­zerr­te Gitarre und die Darbietung abge­schaut. Wo ande­re Metalbands wüst schram­meln, kom­men Weedeater auf zwei bis drei Akkorde pro Sekunde, das lässt das Album län­ger erschei­nen und dreht aber vor allem an des Hörers Wahrnehmungsschraube. Sozusagen Mogwai in lang­sam und böse. Also: Noch böser.

    Natürlich soll­te man kei­ne Wunder erwar­ten. Wer das Vorgängeralbum, „God Luck and Good Speed“, kennt, der wird nicht viel Neues ent­decken.

    Jason… is essen­ti­al­ly a varia­ti­on on God Luck…. Almost like when jazz play­ers release 25 live ver­si­ons of their work. That’s per­fect­ly accep­ta­ble the­re, inde­ed, it’s a pivo­tal part of jazz: how many ver­si­ons of a melo­dy can one make? How inven­ti­ve can a play­er get?

    Wer von Weedeater aber noch nie etwas gehört hat und gegen ein wenig def­ti­gen Metalkrach nicht grund­sätz­lich etwas ein­zu­wen­den hat oder wer auch ein­fach nur gern mehr von ihnen hören möch­te, dem lege ich „Jason…the Dragon“ nahe.

    Hörproben: Einige Beispiele dafür, wie Weedeater so klin­gen, gibt es auf BrooklynVegan.com und zum Beispiel Amazon.de auf die Ohren.

  5. Circle - Infektio

    Nach dem Genuss von Draußenindersonnegrillentrinkendrogennehmenundmetalhören ist erneut ein wenig Abwechslung nicht ver­kehrt. Circle aus Finnland sind dann auch ein anschau­li­ches Gegenteil von Weedeater. Diese instru­men­ta­le Gruppe ist nicht nur pro­duk­ti­ver als letzt­ge­nann­te - allein 2007 erschie­nen mit „Katapult“, „TOWER“ und „Tyrant“ drei (3!) regu­lä­re Studioalben -, sie ist auch sonst bemer­kens­wert anders.

    Circle, nicht mit der Jazzband glei­chen Namens, die in den frü­hen 70-er Jahren aktiv war, zu ver­wech­seln, wur­de 1991 von Jussi Lehtisalo, der als Gitarrist begann, auf „Infektio“ aber den Bass spielt, und zwei mitt­ler­wei­le nicht mehr in Circle invol­vier­ten Mitstreitern gegrün­det. (An die­ser Stelle alles Gute zum Zwanzigsten.)

    Circle ist eine Postrockband. Musikalisch ist man bei den Finnen, des­sen unge­ach­tet, anschei­nend so unstet wie in Sachen Besetzung: Das Debütalbum „Meronia“ war durch­setzt von Spacerockeinflüssen. Das psy­che­de­li­sche Element hielt sich bis ins neue Jahrtausend hin­ein, „TAANTUMUS“ (2001) könn­te man auch als Krautrock kenn­zeich­nen, kämen die Musiker aus Deutschland. Tun sie aber nicht. „Hollywood“ (Januar 2010) war durch­setzt vom Progressive Rock, selbst King Crimson war aus­zu­ma­chen und ein Sänger (Bruce Duff) war auch an Bord.

    Nun also „Infektio“. Der Sänger ist längst wie­der weg, der Progressive Rock ist es auch. Dafür hat man anschei­nend sei­ne Wurzeln wie­der­ent­deckt. Achim Breiling schrieb:

    Mit „Infektio“ keh­ren Circle offen­hör­lich zu den krau­tig-expe­ri­men­tel­len Postrock-Gefilden zurück, in denen sie sich beson­ders ger­ne um das Jahr 2000 her­um auf­ge­hal­ten haben. (…) E-Gitarren sind klang­be­stim­mend, viel­schich­tig, hal­lend, post-psy­che­de­lisch und spa­cig. Dazu kom­men aller­lei Tastenklänge, schwe­ben­de Keyboardfüllsel, diver­ses elek­tro­ni­sches Fiepen, Flirren und Zischen und ver­schie­de­ne brum­men­de und knur­ren­de Fragmente vom Bass. Eher gemäch­lich vor­an­ge­trie­ben wird das hyp­no­tisch dahin­glei­ten­de Gemenge von sehr kar­gem, selt­sam erra­tisch wir­ken­dem Getrommel.

    Das klingt nicht nur beim Lesen nach Can und den diver­sen Besetzungen von Neu!, La Düsseldorf und der­glei­chen, auch das Ohr hat sei­ne Freude. Verspielt wie eh und je gibt es mal bedroh­li­chen Cineasten-Postrock („Peruuttamaton“), mal Sigur-Rós-Remineszenzen („Salvos“), mal von Bass und Klavier domi­nier­te Avantgarde-Beschallung („Maatunut“) zu hören, all dies durch­setzt mit den für Circle typi­schen Zutaten wie Murmeln und Stöhnen im Hintergrund sowie dis­so­nan­te Klaviereinwürfe an den merk­wür­dig­sten Stellen.

    „Postrock? Das war doch die­ses Genre, in dem alles gleich klingt.“ - Man spie­le dem, der sol­ches äußert, ein­mal „Infektio“ vor und freue sich an sei­nem stau­nen­den Gesichtsausdruck.

    Oder man stau­ne selbst, etwa anläss­lich der Hörproben auf Amazon.de und Grooveshark.

  6. Wooden Shjips - West
    „Stare at the sun … clouds“ (Lazy Bones)

    Alles im Griff auf dem höl­zer­nen Schjiff?

    Nein, höl­zern agie­ren die vier Mannen aus San Francisco kei­nes­falls. Dass sie auch schon mal mit den Black Angels auf Tour waren, zeigt, wohin die Wooden Shjips fah­ren, näm­lich gera­de­wegs in den Velvet Underground Calescher Ära. Da brum­men die dro­nes, irr­lich­tern die immer glei­chen Akkordfolgen, auch die Keyboards kön­nen dem repe­ti­ti­ven Rhythmus nur wenig ent­ge­gen­set­zen, und das klingt dann etwa, als …

    (…) wären Black Rebel Motorcycle Club in einer mil­chi­gen Zeitblase gefan­gen, wo ihnen nichts ande­res übrig­bleibt, als immer wie­der das­sel­be Riff zu spielen.

    Gelegentlich kom­men auch The Smiths um die Ecke, etwa in den ersten Minuten von „Flight“, ver­drücken sich aber schnell wie­der, denn der Siebenminüter gip­felt titel­ge­treu in einer Spacerock-Explosion, die ihre Wurzeln im Psychedelic Rock der 60-er Jahre, etwa Jefferson Airplane, mit obses­si­ver Keyboardarbeit nicht etwa ver­steckt, son­dern deut­lich betont. „Lazy Bones“ hin­ge­gen ist nicht ein­mal vier Minuten lang, aber die Stooges wären auf die­se Kaskade aus noi­se, Lo-Fi und Lärm sicher­lich eben­so stolz gewe­sen wie Sonic Youth, als sie noch wirk­lich gut waren; als hät­te die Aufgabe gehei­ßen, das längst legen­dä­re „Sister Ray“ in höch­stens einem Viertel der ursprüng­li­chen Zeit zu spie­len. (Dass der Text da auf der Strecke bleibt und mit Drogen- und Gewaltexzessen also nicht viel zu tun hat, soll nicht wei­ter stören.)

    Trotz all der Referenzen auf Musiker der Ostküste, wie es auch die Bandmitglieder selbst sind, heißt das Album „West“. Angeblich übt der ame­ri­ka­ni­sche Westen, nicht nur der Wilde, mit sei­ner Geschichte und sei­ner Kultur auf die Band eine eigen­ar­ti­ge Faszination aus. „West“ ist gleich­sam mit sei­ner audio­vi­su­el­len Bildsprache - am art­work isst das Auge mit - eine Hommage an die­sen Teil der USA. Die Anziehungskraft, die die­ser Westen aus­übt, ver­sucht die Band an ihre Hörer zu ver­mit­teln. Und tat­säch­lich reißt das kal­ku­lier­te musi­ka­li­sche Chaos den auf­merk­sa­men Genießer immer tie­fer in sei­nen Sog, nur sel­ten gibt es eine (kur­ze) Möglichkeit, sich am Geländer festzuhalten.

    „West“ wirkt so wie eine Droge, es ver­setzt den Konsumenten in Trance und ent­reißt ihn sei­ner Welt; und Musik ist ja auch nicht die schlech­te­ste Droge, von der man abhän­gig sein kann.

    Zum Anfixen emp­feh­le ich die Hörproben auf Amazon.com, die vol­le Dröhnung gibt es auf Grooveshark.com. Gute Reise!

  7. Portugal. The Man - In the Mountain in the Cloud
    „I can’t make no sen­se of this at all“ (Senseless)

    Portugal. The Man kann ich mitt­ler­wei­le guten Gewissens als Garanten für gute Laune bezeich­nen. „Censored Colors“ hat mich vor drei Jahren schon erhei­tert, „In the Mountain in the Cloud“ schafft es wie­der. Dass zwi­schen­zeit­lich mit „The Satanic Satanist“ und „American Ghetto“ zwei wei­te­re Alben erschie­nen waren, auf denen wenig geschah - 2009 mein­te ich Stagnation zu erken­nen -, soll die­sen Eindruck nun kei­nes­falls schmälern.

    „Luftig“ ist ein Adjektiv, das den Progressive-Rock-nahen elek­tro­nik­durch­setz­ten Poprock der fünf Herren gut beschreibt; inso­fern ist „In the Mountain in the Cloud“ („Auf dem Berg(,) auf der Wolke“) end­lich mal wie­der ein spre­chen­der Titel, was für eine Musikgruppe, die sich laut eige­nen Aussagen nach einem per­so­ni­fi­zier­ten euro­päi­schen Land benannt hat, ja nicht unbe­dingt selbst­ver­ständ­lich ist.

    Zu „Censored Colors“ hat man hier auch wie­der zurück­ge­fun­den, weg von dem Versuch des schlech­ten Sichselbstneuerfindens auf „American Ghetto“. Das geht alles wie­der mehr in Richtung Radiopop, aber es ist kei­ner, an dem irgend­wie Leute wie Stefan Raab oder Dieter Bohlen betei­ligt sind, son­dern es ist rich­tig guter, irgend­wo zwi­schen Mando Diao und Franz Ferdinand und Oasis und den unver­meid­li­chen Beatles, aber eben viel sphä­ri­scher, ent­rück­ter, wozu sicher­lich die Instrumentierung ihren Teil beiträgt.

    Dominant sind immer noch die Synthesizer und John Gourleys Falsettgesang, zuz­sam­men­ge­hal­ten von Bass und Schlagzeug, das hier, unter­stützt durch die feder­leich­te Darbietung der übri­gen Instrumente, manch­mal so schnei­dend und peit­schend daher­kommt wie das Rhythmusfundament auf Sigur Rós‘ „Með suð í eyrum við spilum enda­l­aust“. Mitunter ist’s Pop, mit­un­ter ziem­lich rockend, etwa in dem noch dazu für Portugal.-The-Man-Verhältnisse ziem­lich poli­ti­schen Eröffner „So American“:

    You are the one they call Jesus Christ.
    Who did­n’t know no rock and roll.
    Just a mis­si­on made of guns that they give boys in Vietnam
    and a heart that always told you
    there’s a mad­ness in us all.

    Wer Sarah Palin - auch die Band stammt aus Alaska - fin­det, darf sie behal­ten. Und wer guten Elektropoprockdings schätzt, der soll­te zugrei­fen. More of the same höre ich hier mit viel Vergnügen.

    Reinhören könnt ihr zum Beispiel auf Amazon.de.

  8. Continuo Renacer - The Great Escape

    Apropos Alben, die Spaß machen: Continuo Renacer sind ein Progressive-Death-Metal-Trio, das mitt­ler­wei­le ohne Sänger gemein­sam musi­ziert und das „Death“ im von der Band selbst via Myspace kol­por­tier­ten Genre dan­kens­wer­ter­wei­se nur noch pro for­ma vor sich her­trägt. Das kommt euch spa­nisch vor? Das ist kein Zufall, denn Continuo Renacer stam­men von dort.

    Dieses zwei­te Album (das Debüt erschien bereits 2005) ist mit 34 Minuten und 9 Sekunden allen­falls etwas zu kurz gera­ten, aber anson­sten gibt es selbst für mich als eher anspruchs­vol­len Musikfreund kaum Grund zur Klage. Das domi­nan­te Instrument ist der Bass, der den Metalriffs mit kräf­ti­gem Jazzrock ent­ge­gend­röhnt. Vergleichbar ist das wohl am ehe­sten mit Liquid Tension Experiment, aber weni­ger blut­leer, oder zum Beispiel Cynic.

    Mit etwas mehr als einer Viertelstunde Spieldauer beschließt „The Newborn“ das Album, und allein die­ses Stück ist schon jeden gedank­li­chen Applaus wert. King Crimson aus der „Doppeltrio“-Phase stan­den hier eben­so Pate wie (mal wie­der) Tool und Cynic. Apropos King Crimson: Es gibt Melodic Death Metal, habe ich mal gele­sen. Nicht aber hier: Krumme Rhythmen, dis­so­nan­te Keyboardeinwürfe (wenn auch viel­leicht nicht aus rich­ti­gen Keyboards) und dann wie­der der Bass, der alles ver­schlin­gen wür­de, wenn man ihn nur ließe.

    Eigentlich ist die­ses Album auch ide­al, um mal sei­ne Lautsprecher und Kopfhörer auf ihre Qualität zu über­prü­fen: Wer hoch­kommt, kommt nicht auto­ma­tisch auch run­ter. Kurz gesagt:

    This is some wan­ky, jazzy, death-injec­ted prog that does­n’t suck.

    Und damit man sich unter die­sen Adjektiven auch etwas vor­stel­len kann, gibt es Hörproben:
    Auf Myspace gibt es ver­schie­de­ne Stücke vom ersten und zwei­ten Album kom­plett zu hören. Ach ja, das gute alte Myspace.

  9. Zombi - Spirit Animal

    Tja, hm, Zombi und Continuo Renacer sind so ver­schie­den, dass mir gera­de kei­ne gute Überleitung ein­fal­len will, und das heißt viel­leicht sogar etwas. Als jeman­dem, der nur sel­ten mal die Welt der Computerspiele betritt, fiel mir auf, wie her­vor­ra­gend sich „Spirit Animal“ als Untermalung für ein belie­bi­ges MMORPG eig­net, und ent­we­der habe ich da zufäl­lig Recht oder ich spie­le ein­fach zu wenig. Aber ich schwei­fe ab.

    Zombi, da fehlt doch was?“, denkt jetzt viel­leicht der auf­merk­sa­me Leser; aber außer dem „e“ fehlt hier (obwohl es einen Film gibt, der eben­falls „Zombi“ heißt) tat­säch­lich nichts, nicht ein­mal der groo­ve, und das ist ja mitt­ler­wei­le nicht mehr üblich und dar­um beson­ders lobens­wert. Zombi ist aus­nahms­wei­se kein unto­tes, son­dern ein spring- und quick­le­ben­di­ges Spacerock-Duo aus Pennsylvania, also aus den Vereinigten Staaten, des­sen zwei mul­ti­in­stru­men­ta­le Mitglieder die vor­han­de­nen Instrumente gerecht unter sich aufteilen.

    Ach, jetzt habe ich schon wie­der den Fehler gemacht, von Genres zu spre­chen. Spacerock steht zwar in der Wikipedia, aber was sagt das schon wirk­lich aus? Vielleicht soll­te man die gan­zen Schubladen schlie­ßen und die Musik ganz anders sor­tie­ren. Sicher, den Spacerock kann der auf­merk­sa­me Hörer wohl ver­or­ten, aber es ist nun mal nicht alles space (oder jeden­falls kraut), was flirrt.

    Auf „Spirit Animal“ las­sen die 1980-er Jahre grü­ßen. Nicht die furcht­ba­ren Bonbonsynthesizer zwar, wohl aber der exzes­si­ve Gebrauch von Elektronik. Und mit Elektronik kann man wirk­lich viel anstel­len, zum Beispiel kann man sie mal nach alten Computerspielen, mal nach Ambient, mal nach King Crimson (die schon wie­der!), mal nach Harold Faltermeyer, mal nach Tangerine Dream, mal nach Pink Floyd klin­gen las­sen. Das, was Kreidler fehlt, machen Zombi sozu­sa­gen genau richtig.

    Was Zombi vom Genre des Spacerock aller­dings offen­kun­dig all­zu gern über­nom­men haben, ist die Lust an der Wiederholung. In dem über 17 Minuten lan­gen Stück „Through Time“, das das Album beschließt, pas­siert in den letz­ten acht Minuten eigent­lich nichts mehr, die letz­ten drei­ein­halb Minuten sind ein lang­sa­mes, lei­ses Abklingen des Gehörten. Das ist nicht lang­wei­lig, nicht ein­schlä­fernd - das ist psy­che­de­lisch.

    Schließlich herrscht alles ande­re als Monotonie, eröff­net doch jedes der fünf Stücke sei­ne eige­ne Welt.
    Hörproben: Auf Amazon.de kann man jeweils 30 Sekunden lang den Zauber zu ergrün­den versuchen.

  10. sleep­makes­wa­ves - …and so we destroy­ed everything

    Dass sleep­makes­wa­ves erst jetzt ihr Debütalbum ver­öf­fent­licht haben, dürf­te vie­le erstau­nen, hat­te sich das austra­li­sche Quartett doch schon mit meh­re­ren EPs einen Namen gemacht, „In Today Already Walks Tomorrow“ wird mit­un­ter gar als erstes Album geführt. Tatsächlich aber ist „… and so we destroy­ed ever­ything“ ihr erstes wirk­li­ches Album in vol­ler Länge.

    Die „vol­le Länge“ beträgt hier 52 Minuten und 15 Sekunden, im Postrock fühlt sich das bei­na­he an wie eine (sehr ange­neh­me) Ewigkeit. Deswegen soll­ten eigent­lich viel mehr Bands Postrock machen: Auch mit nur einer Viertelstunde Laufzeit schaf­fen sie den Hörer mehr in ihren Bann zu zie­hen als mit irgend­wel­chem Popquatsch. Leider scheint das nicht genug Inspiration zu bieten.

    Inspiriert wur­den sleep­makes­wa­ves hin­ge­gen durch­aus, zum Beispiel von Explosions In The Sky und hin und wie­der God Is An Astronaut. Zu hören ist nicht ganz instru­men­ta­ler Postrock (im abschlie­ßen­den Titelstück ist sogar kaum ver­ständ­li­cher Choralgesang zu ver­neh­men, aller­dings ist die­ser eher zusätz­li­ches Instrument als sonst­wie rele­vant) im bekann­ten Gewand.

    Man macht reich­lich Gebrauch von Elektronik: Zu den Gitarrenwänden gesel­len sich aller­lei Klangspielereien, Gastinstrumente sind Trompete, Violine und aku­sti­sche Gitarre, lei­der nicht im sel­ben Stück. Auch sonst hält man nicht viel von fest­ge­fah­re­nen Mustern, das alte Laut-Leise-Spiel im Postrock begei­stert die vier Musiker anschei­nend nicht son­der­lich. Das gewähl­te Schema, das Setzen auf kon­ti­nu­ier­li­che Emotionalität ohne struk­tur­be­ding­te Pausen, ist genau das rich­ti­ge:

    Das Album kann gut am Stück gehört wer­den, auch neben­her, geht run­ter wie Öl und sorgt zwi­schen ambi­en­ten Momenten und mäch­ti­ge, vom bemer­kens­wer­ten Schlagzeugspiel auf Kurs gehal­te­nen Wall Of Sound für woh­li­ge Zufriedenheit.

    Verglichen mit frü­he­ren Veröffentlichungen klin­gen sleep­makes­wa­ves auf „…and so we destroy­ed ever­ything“ rei­fer und run­der, als wüss­ten sie jetzt end­lich, wohin ihre Reise füh­ren soll. Der Schlaf macht Wellen, und sie tra­gen weit hin­aus in ent­fern­te Sphären. Keine Flaute hin­dert sie dar­an. Na dann: Volle Kraft voraus!

    Hörproben: Momentan ist das Album kom­plett auf sleepmakeswaves.com anhör- und kaufbar.

  11. Karmakanic - In a Perfect World
    „The flowers in the air, they turn towards the sun / end of love and hate, riot in the name of free­dom“ (1969)

    Nach so viel instru­men­ta­lem Schönklang darf es ruhig auch mal wie­der Gesang sein. Karmakanic beherr­schen die­sen ganz gut.

    Bandgründer Jonas Reingold von den Flower Kings bringt aller­dings auch eine Menge Erfahrung mit; und wer die Flower Kings kennt, der ahnt, was ihn auf „In a Perfect World“ erwar­tet, näm­lich aller­lei Yes, Styx und Genesis.

    Schubladenfreunde dür­fen Hardrock und Retro-Prog aus­packen, wenn sie halt gera­de nichts bes­se­res zu tun haben. Dabei ist das hier Gehörte viel kom­ple­xer, allein schon das eröff­nen­de „1969“ ist eine wah­re Schatztruhe an Referenzen und Einflüssen, erin­nert anfangs an Pink Floyds „High Hopes“, geht in einen Hardrock-Teil mit Anleihen an Yes‘ „Don’t go“ über, gegen Mitte kün­di­gen sich dann mit viel Bass und Keyboards die Flower Kings an, kom­men aber dann eben doch nicht her­aus, son­dern las­sen sich wie­der­um ablö­sen vom Hardrock, und so wei­ter und so fort; nein, lang­wei­lig ist das nicht.

    Ganz anders Stück 2, „Turn It Up“, eine Art Transatlantic mit mehr Pop und irgend­wie mat­schig klin­gen­der Gitarre von Krister Jonsson. Zwischendurch wird die Melodie des Refrains von Cluesos „Gewinner“ zitiert bezie­hungs­wei­se eben nicht, mit einer begrenz­ten Anzahl an mög­li­chen Noten kann man eben kei­ne unbe­grenz­te Anzahl an Melodien schreiben.

    Sonst so: Gentle Giant und Mr. Bungle und merk­wür­di­ger „lalala“-Gesang („Can’t Take It With You“), hier und da auch mal Elton John, aber vor allem viel Yes, bevor­zugt aus ihrer 70-er-Phase.

    In den 70-ern ver­wur­zelt, „suck­ing in the Seventies“, wie einst die Rolling Stones, so sieht’s aus. Die 70-er Jahre sind ja auch nicht unbe­dingt das schlech­te­ste Jahrzehnt, an dem man sich bedie­nen kann. Der Titel des Albums ist übri­gens kei­nes­falls Programm: Das eher ruhi­ge Stück „When fear came to town“ - etwas zu lang gera­ten aller­dings - nimmt Bezug auf ein Selbstmordattentat.

    Weniger trau­rig sind die Hörproben auf Amazon.de. Mögen sie gefallen!

  12. Yes - Fly from Here
    „You’re riding a tiger, riding a tiger“ (Life On A Film Set)

    Apropos Yes: Ich hat­te mich ja im April schon dar­auf gefreut, bald ein neu­es Werk der Heroen hören zu dür­fen. Nun, so recht zufrie­den bin ich damit nicht. (Regelmäßigen Lesern wird ein klei­ner Teil die­ser Rezension bereits seit April bekannt vor­kom­men, ich bit­te für die hier­durch viel­leicht ent­stan­de­ne Verwirrung um Entschuldigung.)

    Nach der Veröffentlichung des Vorgängeralbums „Magnification“ im Jahr 2001 und einer anschlie­ßen­den Tour mit dem European Festival Orchestra ver­lie­ßen Rick Wakeman und Jon Anderson die Band erst aus gesund­heit­li­chen, dann aus irgend­wel­chen ande­ren Gründen. Das ist in der Geschichte von Yes ja durch­aus nicht unge­wöhn­lich, band­in­ter­ne Zerwürfnisse kamen immer mal wie­der zum Vorschein, und Bassist Chris Squire ist fol­ge­rich­tig der ein­zi­ge Musiker, der seit der Gründung Mitglied jeder Yes-Besetzung war. Dazu gehört sicher eine Menge Toleranz oder wenig­stens Dickköpfigkeit, mei­nes Kompliments hier­für kann er sich sicher sein.

    Dass Chris Squires mar­kan­tes Bassspiel nun seit über 40 Jahren ein essen­zi­el­ler Bestandteil von Yes‘ Musik ist, lässt mich eines schon mal vor­weg­neh­men: Er kann es immer noch.

    Nun ist „Fly from Here“ nicht das erste, son­dern bereits das zwei­te Album ohne den Gesang Jon Andersons. Die Studioarbeit nach dem durch­wach­se­nen Album „Tormato“, das die vor­läu­fi­ge Abkehr vom Bombast-Prog ein­läu­te­te, ver­lief offen­bar nicht ganz nach den Vorstellungen der Musiker, und so ver­ließ er mit Rick Wakeman, der sei­ne Tätigkeit bei Yes ja alle paar Jahre mal been­det und wie­der auf­nimmt, die Band. Die ver­blie­be­nen Mitglieder hat­ten aller­dings kei­ne Lust, wegen sol­cher Personalien das Musizieren ein­zu­stel­len. Praktischerweise waren die Buggles („Video kil­led the radio star“), Trevor Horn und Geoff Downes, gera­de zuge­gen, um Yes ein paar Liedideen anzu­bie­ten, also mach­te man Nägel mit Köpfen und nahm die Buggles als Vollwertmitglieder auf. Diese bis­lang ein­ma­li­ge Formation spiel­te das gleich­falls ein­ma­li­ge Album „Drama“ ein, die Buggles gin­gen danach wie­der eige­ne Wege, Yes besetz­ten sich noch mal um und nah­men unter ande­rem das scheuß­li­che „Owner of a lonely heart“ (1983) auf.

    Von den Aufnahmen für „Drama“ blieb anschei­nend eini­ges Material übrig, für das die Buggles kei­ne Verwendung mehr hat­ten. Dieses Material lag dann eini­ge Jahrzehnte lang her­um. Zwischendurch hat­te sich Yes mal wie­der umbe­setzt: Für Rick Wakeman kam sein Sohn Oliver Wakeman, für Jon Anderson kam Benoît David, Sänger von Mystery und ehe­mals Frontmann der Yes-Coverband Close to the Edge.

    Chris Squire nun erin­ner­te sich vor einer Weile dar­an, dass zu „Drama“-Zeiten das Stück „We can fly from here“ live gespielt, aber nie im Studio auf­ge­nom­men wur­de, und rief Trevor Horn an, um das Vorhaben in die Tat umzu­set­zen. Keyboarder Geoff Downes folg­te bald und ersetz­te Oliver Wakeman, der auf dem Album stel­len­wei­se noch zu hören ist und den das also ziem­lich über­rasch­te. Ja, so schnell kann es gehen bei Yes.

    Mit Ausnahme des Gesangs ist „Fly from Here“ also sozu­sa­gen die Fortsetzung von „Drama“. Was bedeu­tet das? Nun, zunächst ein­mal nicht viel.

    Die fünf­tei­li­ge - plus Ouvertüre - suite „Fly from Here“ ist das Überbleibsel, das der Anlass für das Album war. Die Zerstückelung in fünf „Akte“ hät­te nicht sein müs­sen, durch sie wirkt das Werk nicht homo­gen, aber denkt man sich die­se Zwischenräume weg, eröff­net sich „Fly from Here“ dem Hörer. Mit dem groß­ar­ti­gen „Machine Messiah“ von „Drama“ hat das Gehörte nicht viel zu tun, es ist fröh­li­cher, bom­ba­sti­scher. Benoît David tut sein Bestes, um mehr wie Jon Anderson (damit hat er ja Erfahrung) und weni­ger wie Trevor Horn zu klin­gen, und der Yes-typi­sche Duettgesang trägt sein Übriges dazu bei, dass auch Teil 2, „Sad Night at the Airfield“, trotz der bedrücken­den Stimmung nicht zum Ausfall wird. Teil 4, „Bumpy Ride“, ist selt­sam, es klingt, wie es heißt. Zusammengehalten wird das Ganze vom Thema des Wegfliegens, „we can fly from here“, Teil 5 ist fol­ge­rich­tig das repri­se des Eingangsthemas. Nur, falls noch jemand dach­te, Yes könn­ten kei­nen Progressive Rock mehr spielen.

    Außer die­sem Kern des Albums gibt es auch wie­der die typi­schen kür­ze­ren Yes-Stücke zu hören, Gitarrist Steve Howe steu­ert mit „Solitaire“ auch mal wie­der ein for­mi­da­bles Solostück bei, Chris Squire mit „The Man You Always Wanted Me To Be“ ein ein­gän­gi­ges Poprockstück, das eigent­lich mal für eines sei­ner Soloalben vor­ge­se­hen war. Bekannt soll­te den Anhängern der betei­lig­ten Musiker übri­gens „Life On A Film Set“ vor­kom­men, das in einer frü­hen Version als Demoaufnahme unter ande­rem Namen auf neu­en Auflagen des zwei­ten Buggles-Albums „Adventures in Modern Recording“ zu fin­den ist.

    Sicher, hier und da kommt zum Vorschein, dass eben doch eine ande­re als die „klas­si­sche“ Besetzung hier zu hören ist. In die­sen weni­gen Momenten klin­gen Yes wie eine Band, die eine Band covert, die Yes covert und der auch Änglagård, Gentle Giant und Wobbler nicht fremd sind. Aber soll­te man das mit Punktabzug bestra­fen und nicht viel­mehr als Zeichen dafür wer­ten, dass Yes trotz der Rückkehr in ihre musi­ka­li­schen 70-er und frü­hen 80-er Jahre immer noch frisch, modern und unver­braucht sind? Sollte man Yes dafür bestra­fen, dass auch nach 43 Jahren ein Yes-Album immer die Summe der Beiträge der jewei­li­gen Mitglieder und nie ein wirk­lich homo­ge­nes Werk ist? Ich mei­ne: Nein. Vergäbe ich Punkte, ich ver­gä­be für „Fly from Here“ die vol­le Punktzahl. Aus Überzeugung.

    Hörproben: Ausschnitte aus dem Album gibt es auf Amazon.de, das gesam­te Album auf Grooveshark zu hören.

  13. Zun Zun Egui - Katang
    „Sexy worm went out and got the bird, hey!“ (Fandango Fresh)

    Von alten Meistern zu neu­en Besen: Gerade höre ich anläss­lich die­ser Rezension noch­mals „Katang“ von Zun Zun Egui und bin rat­los. Was wol­len die drei Jungs und das Mädel aus Bristol uns eigent­lich mitteilen?

    „Tropical Thrash“ wird ihr Schaffen genannt, wenn es nicht gera­de „Heavy Dance“ genannt wird, und dage­gen haben sie nichts ein­zu­wen­den. Ja, ein tro­pi­scher Einfluss lässt sich nicht ver­leug­nen, die Südseegitarre und der Bongo-Klang sind zu prä­sent. Aber was ist dar­an „thrash“? Die Texte viel­leicht? Die sind auf Englisch und Französisch und Kreolisch und einer Fantasiesprache ver­fasst und trotz extro­ver­tier­ter Darbietung von mei­stens Kushal Gaya auch aku­stisch schwer genug zu ver­ste­hen, viel­leicht ist das Absicht. Was man ver­steht, ist schon ver­wir­rend genug. (Was, bit­te, ist an einem Wurm ero­tisch?) Das soll­te aber nie­man­den erstau­nen, heißt „zun zun egui“ auf Japanisch doch so viel wie „über­aus selt­sa­mes Vorspulen“, es ist also vor allem schnell und verrückt.

    Der mul­ti­kul­tu­rel­le Klang von „Katang“ könn­te in der Ethnie der Bandmitglieder begrün­det lie­gen: Eines stammt aus Japan, eines von Mauritius, die bei­den Rhythmusgeber indes sind Briten. Anscheinend hat jedes Mitglied Musik aus sei­ner Heimat als Inspiration mit ein­ge­bracht, was ein biss­chen an Kula Shaker erin­nert, aber gar nicht nach Indien klingt. Dieses Durcheinander nennt man andern­orts „inter­es­sant und anders“ und meint das gar nicht so posi­tiv, wie es klingt, und das fin­de ich schade.

    Dieses Interessante, Andere klingt nach ein biss­chen Talking Heads, ein biss­chen The Mars Volta, ein biss­chen System of a Down und ein biss­chen „Was um alles in der Welt soll das sein?“. Die psy­cho­dro­gen­in­du­zier­ten Klangexperimente der zwei­ten Hälfte der 1960-er Jahre sind viel­leicht eine wich­ti­ge Inspiration für Zun Zun Egui gewe­sen, viel­leicht auch nicht, und wer auf eine mei­ner Empfehlungen hin mal The Void’s Last Stand gehört hat, der ent­deckt auch so man­che Ähnlichkeit, obwohl die­se wahr­schein­lich eher ober­fläch­lich ist, denn Zun Zun Egui wech­seln nicht stän­dig die Stile, son­dern klin­gen immer glei­cher­ma­ßen durch­ge­knallt. Ach ja, Mr. Bungle mal wie­der: Dieser dezen­te Popanstrich, mäch­tig über­deckt von mit Bedacht struk­tu­rier­tem Tohuwabohu. Katang, tschingderassabumm.

    Noch nicht abge­schreckt? Tapfer, sage ich, und ver­wei­se auf die Hörproben:
    Auf YouTube gibt es das merk­wür­di­ge Video zu „Fandango Fresh“ zu sehen, auf Amazon.de 30-sekün­di­ge Ausschnitte aus dem Album zu hören. Viel Glück!

  14. Earth Flight - Blue Hour Confessions
    „Thinking of you always tears me apart“ (By The Light Of The Moon)

    Zurück in etwas weni­ger obsku­re Gefilde und nach, mehr oder weni­ger, Deutschland, genau genom­men nach Nürnberg. Von dort stammt mit Earth Flight eine her­aus­ra­gen­de Psychedelic-Metal-Band, die mit „Blue Hour Confessions“ bereits im Februar ihr aktu­el­les Album auf die Menschheit losließ.

    Psychedelic Metal? Ja, die Einflüsse des zwei­fels­oh­ne psy­che­de­li­schen Stoner Rocks sind unüber­hör­bar. Und sonst so:

    Mal darf die Gitarre ele­gisch wei­nen, mal alter­na­ti­ve-rockig schram­meln, dazwi­schen sogar mal wie bei U2 klin­geln, mei­stens aber fett rif­fen und da reicht die Härte durch­aus läs­sig in metal­li­sche Gefilde. Und je nach Saitenanschlag ent­wickelt sich dann ein veri­ta­bler Rocker oder ein psy­che­de­lisch ange­hauch­ter leicht bal­la­des­ker Song mit die­sem New Artrock-Feeling oder auch atmo­sphä­ri­scher Progmetal, so ein biss­chen in Richtung neue­re Fates Warning. Die Rhythmusfraktion lie­fert dazu ein soli­des Fundament mit kraft­vol­len Bassläufen und vita­lem, mode­rat ver­track­tem Drumming.

    Tobias Brunner ergänzt die­se Darbietung mit mal schrä­gem, mal ele­gisch-lyri­schem Gesang und beherrscht den Hardrock eben­so wie das Geknödel eines Brian Molko, was man natür­lich jetzt nicht unbe­dingt gut fin­den muss.

    Obwohl die Plattenfirma laut Werbetexten nicht so ganz ver­stan­den hat, was Progressive Rock eigent­lich ist („star­ke Riffs und eine aus­drucks­kräf­ti­ge Stimme“), liegt hier doch ein recht pro­gres­si­ves Werk vor, was für eine Band aus der Doom-Metal-Szene eher unge­wöhn­lich ist. Ihre Wurzeln („Earth Flight“ ist der Titel eines Stückes von Pentagram) haben die Musiker aber gekonnt hin­ter sich gelas­sen und wan­deln nun frei zwi­schen den Stühlen umher. Dabei gelingt ihnen das Kunststück, zugäng­li­che und den­noch kom­ple­xe Musik zu machen. Das allein ist bereits ein Grund, die­ses Album zu emp­feh­len, wenn die musi­ka­li­sche Zusammenfassung noch nicht genug Anlass bot.

    Hörproben: Das kom­plet­te Album kann man der­zeit auf recent-records.de probehören.

  15. Tom Waits - Bad As Me
    „The dog is in the kit­chen and the war drags on“ (Talking At The Same Time)

    Tom Waits ist ein Liedermacher. Das könn­te ich jetzt so ste­hen las­sen und mich vol­ler Schadenfreude ergöt­zen an der Reaktion derer, die jetzt einen zwei­ten Reinhard Mey erwar­tet haben, aber das wäre ja nicht nett.

    Mit Reinhard Mey ver­bin­det Tom Waits allen­falls die Bissigkeit der Texte. Feinsinniges passt nicht zu ihm. Und auch auf „Bad As Me“ - „Böse wie ich“ - ent­täuscht er sei­ne Hörerschaft nich‘; und am erstaun­lich­sten ist es immer noch, dass auch das spie­ßi­ge Föjetong von FAZ bis Focus die­se sper­ri­ge Musik von die­sem dem Schönklang noch nicht erle­ge­nen alten Mann zu schät­zen weiß. Tom Waits ist offen­bar eine Institution, an der man schon lan­ge nicht mehr her­um­mäkelt. Vielleicht liegt das aber auch dar­an, dass er nie­man­den mehr über­rascht, von den armen Seelen abge­se­hen, die sonst nur so Schmusescheiße hören und dann von Scherzbolden wie mir unvor­be­rei­tet erst­mals mit sei­ner Musik kon­fron­tiert wer­den. Spaß muss sein.

    Der eröff­nen­de Blues „Chicago“ beginnt mit hek­ti­schem Bläserrhythmus, schon nach zehn Sekunden setzt der gewohnt raue Gesang ein: „The seeds are plan­ted here / But they won’t grow / We won’t have to say good­bye / If we all go / Maybe things will be bet­ter in Chicago…“ Bei der FAZ frag­te man sich:

    Hat er mit Schotter gegur­gelt und mit Reißzwecken nachgespült?

    Auch mit 61 Jahren klingt Tom Waits immer noch nach Tom Waits und nicht, wie Bob Dylan, nach einer Parodie sei­ner selbst. Das soll nun nicht bedeu­ten, dass sei­ne Lieder seit Jahrzehnten klin­gen, als wäre er ein alter, vom Alkohol gezeich­ne­ter Mann. Mit sei­ner Stimme kann er immer noch spie­len wie mit einem Instrument, und die Kombinationen schei­nen uner­schöpf­lich: Sei es Falsettgesang zu lang­sam schwin­gen­dem Noir-Jazz („Talking At The Same Time“), sei­en es die klas­si­schen Waits-Balladen, die trotz aller Schnulzigkeit nie seicht klin­gen („Kiss Me“), sei es Sprech- oder bes­ser Bellgesang zu Marsch- und Rockmusik wie etwa in „Hell Broke Luce“, einem Lied, über das man anders­wo schrieb, es schwan­ke „durch die Schützengräben wie ein Panzer auf Stelzen“, wie auch immer man sich das vor­zu­stel­len hat. Apropos Gitarren: Tom Waits‘ alter Weggefährte Keith Richards ist auf „Bad As Me“ als Instrumentalist zu hören, im Stück „Last Leaf“, in dem das lyri­sche Ich sei­ne Existenz als „letz­tes Blatt am Baum“ beklagt, ist er auch als Duettpartner zu hören.

    Tom Waits revan­chiert sich, indem er in „Satisfied“ nicht nur das Rolling-Stones-Lied „Satisfaction“ und Mick Jaggers Gesangsstil par­odiert, son­dern auch einen Seitenhieb auf die bei­den krea­ti­ven Köpfe der Altherrencombo hinterlässt:

    Now Mr. Jagger and Mr. Richards: I will scratch whe­re I’ve been itching.

    Vermutlich ver­lie­fen die Aufnahmen hier­zu recht fröh­lich, wenn­gleich „fröh­lich“ nicht unbe­dingt etwas ist, was man gemein­hin mit Tom Waits asso­zi­iert. Tatsächlich ist „Bad As Me“, unge­ach­tet sei­nes Namens, für sei­ne Verhältnisse ein Album, das in dop­pel­tem Sinne Spaß macht. Ja, es schien, als wäre die Karriere des Künstlers nun vor­über, ließ die Kreativität doch nach dem, was man so liest, auf dem vor­he­ri­gen Album zu wün­schen übrig. Klar ist, dass sich jedes sei­ner Alben an den bei­den Extremen „Bone Machine“ und „Rain Dogs“ mes­sen las­sen muss, die Musikjournaille braucht ja immer ein „klingt wie“ im Satzanfang. Betrachtet man die­se bei­den Ausnahmewerke des Ausnahmemusikers aber als sol­che, erscheint mir jeder Verriss von „Bad As Me“ als deplatziert.

    Es soll nur nie­mand wagen, „Bad As Me“ als Alterswerk zu deklas­sie­ren. Vom alten Eisen ist Tom Waits künst­le­risch noch weit ent­fernt. Möge dies noch lan­ge erhal­ten bleiben!

    Hörproben hat Amazon.de reich­lich im Angebot.

  16. „Weird Al“ Yankovic - Alpocalypse
    „You need a quickie con­fes­si­on? We’ll start a water­boar­ding ses­si­on.“ (Party In The CIA)

    Auch nicht mehr der Jüngste ist „Weird Al“ Yankovic, und auch bei ihm ist kei­ne künst­le­ri­sche Schwäche zu erken­nen. Sein mitt­ler­wei­le 13. Studioalbum „Alpocalypse“ ent­hält zwölf Lieder, in denen er jeweils ent­we­der ein bekann­tes Musikstück oder den Stil eines Künstlers par­odiert. Das mag manch einer für unkrea­tiv hal­ten, phä­no­me­nal ist es aber immer noch.

    Der Name des Albums wur­de pas­send zum für 2011 ange­kün­dig­ten Weltuntergang gewählt. Es ist erfreu­lich, dass er nicht ein­ge­tre­ten ist, denn sonst müss­ten wir nun wahr­schein­lich auf die­ses Album und auf unser Leben verzichten.

    In sei­nem Bemühen, auf sei­nen Alben stets die momen­ta­ne Popwelt abzu­bil­den (wie vie­le der par­odier­ten Künstler auf dem Vorgängeralbum „Straight Outta Lynwood“ von 2006 sind 2011 von gleich blei­ben­der Bedeutung?), hat dies­mal Lady Gaga, selbst nach eige­nem Bekunden Anhänger des Musikers, die Ehre, Galionsfigur sei­nes Albums zu sein. Im ersten Stück, „Perform This Way“, nimmt er zur Melodie ihres Liedes „Born This Way“ ihren Hang zur Selbstinszenierung text­lich und in einem höchst alber­nen Musikvideo auf die Schippe:

    I might be wea­rin‘ Swiss chee­se or may­be cove­r­ed with bees
    It does­n’t mean I’m cra­zy - I per­form this way

    Das übli­che Polka-Medley hört fol­ge­rich­tig auf den Namen - Achtung - „Polka Face“ und beginnt mit einer Parodie von „Poker Face“, das eigent­lich auch schon kei­ner mehr hören kann, aber im Polkagewand bekommt man­ches einen völ­lig neu­en Klang. Dass die Polka-Medleys nor­ma­ler­wei­se eher eine Resteverwertung der Lieder sind, für deren Umtextung „Weird Al“ die zün­den­de Idee fehl­te, schränkt ihren Spaßfaktor kei­nes­wegs ein.

    Von die­sem Popunfug abge­se­hen beruft sich „Weird Al“ Yankovic wie auch Tom Waits auf alte Meister, zwar ohne Rolling-Stones-Parodie, aber mit einer sol­chen auf die Doors („Craigslist“). Fachmännische Unterstützung hier­bei erfolgt sei­tens Ray Manzareks, selbst Mitglied der Doors, am Keyboard.

    „Weird Al“ Yankovic beweist auf „Alpocalypse“ erneut, dass es ihm an Ideen für absur­de Situationen und die Betextung der­sel­ben nicht man­gelt. Es gibt weni­ge Musiker, die ihr Niveau über eine so lan­ge Zeitspanne hal­ten kön­nen. „Weird Al“ Yankovic gehört auf jeden Fall dazu.

    Zum Reinhören ver­wei­se ich noch­mals auf das Video zu „Perform This Way“ und zum Vollständighören auf Grooveshark.

  17. 3 - The Ghost You Gave To Me
    „The voices echo in your head“ (Only Child)

    Noch so eine Band, die ich bis­her nicht ein­mal bemerkt hat­te, nennt sich 3. Versucht da mal brauch­ba­re Informationen im Internet zu finden.

    Dabei ist das Quartett gar nicht so unbe­kannt, wie Touren mit Porcupine Tree, Cynic Opeth und Dream Theater nahe legen, womit dann auch schon klar zu sein scheint, was hier wahr­schein­lich gespielt wird, näm­lich Metal. METAL! \m/

    Stimmt aber nicht.

    Tatsächlich gibt es auf „The Ghost You Gave To Me“ hoch­klas­si­gen, pro­gres­si­ven Alternative/Indie Rock auf die Ohren. Das ein­lei­ten­de „Sirenum Scopuli“ gewährt bereits Einblick: Ambiente Gitarrenklänge zu völ­lig unag­gres­si­vem, hohem Gesang lei­ten über in das zwei­te Stück, „React“, das so unver­mit­telt anfängt, dass man den Übergang kaum bemerkt. „React“ aber hat erst­mals einen Refrain und ist min­de­stens so ener­gie­ge­la­den wie Mando Diao außer­halb ihrer seich­ten Popliedchen. Wie dreckig die Band aber auch zu klin­gen ver­sucht, der cara­vanesque, selt­sam schwe­ben­de und enyamäßig hal­len­de Gesang von Joey Eppard lässt all das immer unwirk­lich, wie im Traum erscheinen.

    Das ist eigent­lich auch schon das gro­ße Manko des Albums, denn die­ser alles in eine unwirk­li­che Traumebene schie­ben­de Gesang sorgt dafür, dass die groß­ar­ti­gen Melodien, wie verfrickelt sie auch sein mögen, im „gro­ßen Ganzen“ bei­na­he unter­ge­hen bezie­hungs­wei­se dass das gan­ze Album auch beim Bügeln im Hintergrund lau­fen könn­te und man wür­de es wahr­schein­lich nicht mer­ken. Wenn man sich aber bewusst auf die­ses Album ein­lässt, wird die Spielfreude der Musiker über­tra­gen als Lauschfreude des Hörers, und das ist ziem­lich famos.

    Den Geist, den man ihnen gab, geben sie hier frei­mü­tig und lei­den­schaft­lich zurück. Gefällt mir. Plus eins.

    Hörproben gibt es unter ande­rem auf Amazon.de.

  18. Flaming Row - Elinoire

    Apropos METAL! \m/ - dies­mal wirk­lich: Flaming Row, Musikgruppe deut­schen Ursprungs, deren Mitglied Marek Arnold auch bei Toxic Smile, Seven Steps To The Green Door und mitt­ler­wei­le auch Stern-Combo Meißen aktiv ist, erzählt auf „Elinoire“ eine Geschichte. Metal-Konzeptalben erfreu­en des Progressive-Rock-Hörers Herz.

    Die Geschichte, die die Texte erzäh­len, klingt bemerkenswert:

    Textlich dreht sich das Ganze um eine eng­li­sche Familie, wo die Mutter (Lea) bei der Geburt der Tochter (Elinoire)stirbt und der Vater (Adam) damit lan­ge nicht klar­kommt und so der Opa (Cyrus) erst­mal die Vaterrolle über­nimmt, bevor eini­ge Dinge aus Leas Vergangenheit in einem neu­en Licht erschei­nen. Was sich zunächst recht ein­fach gestrickt anhört, ist kom­plex ent­wickelt mit Charakteren, deren Emotionen (u.a. Liebe und Wut) sowie Dimensionen (u.a. Zeit und Tod) jeweils durch ande­re zuge­ord­ne­te Stimmen Leben ein­ge­haucht wird!

    Dass die Texte in eng­li­scher Sprache ver­fasst wor­den sind, der Texter aber gele­gent­lich über eng­li­sche Phrasen stol­pert und sich anschei­nend ziem­lich weh tut, fällt nur wenig ins Gewicht. Die Qualität der Musik gleicht das wie­der aus. Dabei ist der Gesang an sich ein tra­gen­des Element des Albums: Neben Sängerin Kiri Geile (hihi) sind als Gastmusiker unter ande­rem zwölf geson­der­te Vokalisten zu hören, dar­un­ter Billy Sherwood, der vor vie­len Jahren mal bei Yes musi­zier­te und heu­te mit Circa: und Yoso noch immer in deren wei­te­rem Umfeld zu fin­den ist.

    Das Konzept (eine mit ver­schie­de­nen Stimmen für ver­schie­de­ne Charaktere erzähl­te, ziem­lich dra­ma­ti­sche Geschichte) ist viel­leicht schon von Ayreons eben­falls groß­ar­ti­gem Album „The Human Equation“ bekannt, und auch musi­ka­li­sche Ähnlichkeiten sind durch­aus vor­han­den. Da wird sti­li­stisch quer durch die Genreschubladen gefah­ren, es gibt Country („Do you like coun­try grand­pa?“) neben Growlgebrüll („Rage of des­pair“), vor allem aber viel Gitarre und - Marek Arnold sei Dank - eine Menge Keyboards. Dream Theater sind sel­ten fern.

    „Elinoire“ ist gemes­sen dar­an, dass es als Debütalbum ver­öf­fent­licht wur­de, nicht nur ein ambi­tio­nier­tes, son­dern auch ein unglaub­lich viel­sei­ti­ges Album. Ganz gro­ßes Kopfkino.

    Reinhören kann man zum Beispiel per Grooveshark und soll­te dies unbe­dingt auch ein­mal tun!

  19. Black Box Revelation - My Perception
    „The wood is whe­re your soul lives“ (My Perception)

    Ziemlich dreckig und eigent­lich gar nicht nach einem bel­gi­schen Duo, bestehend aus zwei Herren Anfang 20, klingt „My Perception“, das drit­te Album von Black Box Revelation. Als Produzent konn­te man Alain Johannes gewin­nen, der in Stoner-Rock-Kreisen kein Unbekannter ist und auch auf „My Perception“ klang­li­chen Eindruck hin­ter­las­sen hat.

    Zu hören ist Gitarren-Indie-Rock, der mit den Dandy Warhols (und somit auch The Velvet Underground) nicht unbe­dingt die schlech­te­sten Paten hat. „Madhouse“ eröff­net das Album ent­spre­chend mit Bluesriffs, Jan Paternoster sprechs­ingt dazu, stimm­lich Mick Jagger nicht unähn­lich, in guter, alter Lou-Reed-Manier, auch Hintergrundgesang ist dort, wo man ihn erwar­tet; nur das Schlagzeug schlägt die Brücke in neue Gefilde und bringt The Strokes und The White Stripes - ins­be­son­de­re im Mittelteil von „Madhouse“ sind die­se domi­nant - ins Spiel.

    Das bedeu­tet aller­dings bei­lei­be kei­ne Monotonie. „Skin“ etwa ist ein veri­ta­bles, tanz­ba­res Popstück mit viel Elektronik, „New Sun“ eine Folkballade mit eigen­ar­ti­gem Gitarreneinsatz; und dann eben auch immer wie­der der Stoner Rock wie in „2 Young Boys“, das zwar nicht ohne Unterlass vor sich hin­schep­pert, aber doch das Herz des Verzerrerfreundes zum Hüpfen bringt. (Sieht übri­gens merk­wür­dig aus.)

    Tja, was ist das nun? Damals hät­te man es wohl Rock’n’Roll genannt; aber Elvis, der Inbegriff die­ses Stils, ist hier fern. Anderswo ver­gleicht man Black Box Revelation mit Tool und ist wahr­schein­lich ziem­lich froh dar­über, dass es kein Kommentarfeld unter der Rezension gibt, in dem man sei­nen Unmut hier­über kund­tun kann, aber schreibt anson­sten weni­ger Quatsch:

    Das ist Rock ohne Keyboards, Oldschool, mit vie­len Gitarrenhooklines, schö­nen ver­zerr­ten Parts und melo­diö­sen Soli, die nach alten Verstärkern klingen.

    So muss Rockmusik sein. Nehmt euch ein Beispiel dar­an, ihr strunz­lang­wei­li­gen Kettcar!

    Anhören und angucken kann man das Ganze bei­spiels­wei­se, indem man das eigen­ar­ti­ge Video zum Titelstück auf Dailymotion.com betrach­tet. Tut dies!

  20. Baby Woodrose - Mindblowing Seeds And Disconnected Flowers
    „Baby Woodrose blows your mind“ (Baby Blows)

    Und weil so Rockalben ja immer zu kurz sind, schie­ben wir gleich noch eins hinterher.

    „Baby Woodrose“ ist einer der Namen für die Hawaiianische Holzrose, deren Bestandteile eine LSD ähn­li­che Wirkung erzie­len. Das ist wahr­schein­lich eben­so­we­nig dem Zufall geschul­det wie der Titel des Albums, wobei zumin­dest bei erste­rem Bandkopf und ein­zi­ges kon­stan­tes Mitglied Lorenzo Woodrose sein (angeb­li­cher) Name gele­gen gekom­men sein dürf­te. Tjaja, den Verstand in die Luft jagen muss man ja nicht mit Sprengstoff.

    Bereits das Titelbild des Albums, inspi­riert von den Blumenkinderplakaten der spä­ten 60-er Jahre, zeigt: Anhänger von groß­ar­ti­gen Gruppen wie Vibravoid (die aller­dings mehr Pink Floyd als The Who sind) kom­men auch hier auf ihre Kosten. Psychedelischer Garagenrock domi­niert. Dabei ist die hier zu hören­de Musik nicht ein­mal neu.

    Vor 10 Jahren, 2001, erschien nach zwei Jahren Arbeit das Debütalbum „Blows Your Mind“. Den dort zu fin­den­den Stücken ging, wie üblich, ein krea­ti­ver Prozess vor­aus, der zahl­rei­che Demoversionen her­vor­brach­te, die nach und nach „geschlif­fen“ und irgend­wann für das Album und den 7″-EP - wie­der so etwas, was lei­der aus der Mode gerät - „Disconnected Flowers“ final auf­ge­nom­men und gemischt wur­den. Auf „Mindblowing Seeds And Disconnected Flowers“ befin­den sich ins­ge­samt 15 Lieder aus die­ser Phase in einem frü­hen Zustand, ähn­lich dem Beatles-Album „Let it be… naked“ ohne all­zu viel Nachbearbeitung. Eigentlich ist „Mindblowing Seeds And Disconnected Flowers“ somit eher eine Sammlung von Demoversionen als ein neu­es Studioalbum, aber tat­säch­lich erblicken die hier zu fin­den­den Versionen erst­mals das Licht der Öffentlichkeit.

    Demoversionen sind ja dafür bekannt, noch nicht unter über­mä­ßi­ger Kantenglättung zu lei­den. Was hier zu hören ist, hat Biss. Dass die ein­zi­ge ent­hal­te­ne Coverversion „City of People“ von der US-ame­ri­ka­ni­schen Garage-Punk-Band The Illusions und aus dem Jahr 1966 stammt, ist ein Beleg dafür, wo Lorenzo Woodrose sei­ne musi­ka­li­schen Wurzeln ausmacht.

    Dass die fünf­zehn Lieder - groß­teils als „Explicit Lyrics“, expli­zi­te Lyrik also, beinhal­tend gekenn­zeich­net - natür­lich auch nur eine begrenz­te Gesamtlaufzeit haben und daher nie län­ger, meist kür­zer als unge­fähr drei­ein­halb Minuten sind, fällt kaum ins Gewicht, damals, in den 60-ern, waren Singles ja sel­ten län­ger, und wer mit der dama­li­gen Musik nicht viel anfan­gen kann, der kann Baby Woodrose auch unter „muss ich nicht hören“ ablegen.

    Sicherlich ist die­ses Album auch sonst kein „muss ich hören“, wenn man die Entwicklung von Baby Woodrose von Anfang an ver­folgt hat. Wer das ver­passt hat, dem bie­tet Bad Afro Records hier noch­mals die Gelegenheit, ihre Musik ken­nen und schät­zen zu ler­nen. Ein Angebot, das man nicht aus­schla­gen sollte.

    Wildes Kopfschütteln und Reinhören sei auf Amazon.de gewährt.

  21. this­quiet­ar­my - Vessels

    Im Mai die­ses Jahres erschien als Vorläufer des im November erschie­ne­nen Albums „Resurgence“ der/die/das EP „Vessels“ von this­quiet­ar­my, dem Soloprojekt von Eric Quach, Gitarrist der Instrumentalrocker destroyall­drea­mers. (Erkennt ihr das Muster?)

    Anders als die Musik letz­te­rer Protagonisten ist das Album von this­quiet­ar­my genau das: Still. Es wird beherrscht von Seefahrts-/Unterwassergeräuschen, mal pfei­fen die Kessel, mal tropft es. Eric Quach ver­mischt hier ambi­en­te Klangflächen mit dro­nes, also Bordunklängen, zu einer bro­deln­den Masse.

    Das sech­ste und letz­te (Bonus-)Stück „New Dawn Fades“, von Gesang und auf­dring­li­chem Schlagzeug beglei­tet, fällt hier bei­na­he aus dem Rahmen, es gibt dem Dargebotenen abschlie­ßend einen Dark-Wave-Anstrich, der Sisters of Mercy und ähn­li­che Musikgruppen zitiert. Das erstaunt nur wenig, han­delt es sich doch um eine Coverversion des gleich­na­mi­gen Stückes von Joy Division.

    Frei über­setzt und etwas tech­ni­scher for­mu­liert klingt das so:

    Indem er sei­ne Gitarre als einen Klangfarbenerzeuger erforscht, erwei­tert er die Grenzen sei­nes Instruments durch die Benutzung meh­re­rer Effektverarbeiter und Echtzeit-Loopsampler, die Form und Klang des Gitarrensignals ändern, Texturen über Texturen blen­den, eine umfang­rei­che Kombination aus Klngen zusam­men­fü­gen und die Melodien ent­wickeln, die in die­sen Klangkaskaden ver­bor­gen sind. Bestimmte musi­ka­li­sche Ideen wer­den oft mit­tels Neuinterpretation, De- und Rekonstruktion sei­ner eige­nen Improvisationen entwickelt.

    Das klingt span­nend und ist enorm. Musik für Kopf-Hörer und lan­ge Nächte.

    Hörproben: „The Pacific Theater“ und „The Black Sea“ kön­nen geneig­te Musikfreunde auf Bandcamp.com in vol­ler Länge hören.

  22. The Canyon Observer - Chapter 1 - The Current of Her Ocean Brings Me To My Knees

    Noch ein EP, dies­mal aus Slowenien, berei­chert dank Peters Fürsprache die­se Liste: „The Current of Her Ocean Brings Me To My Knees“ ist der Erstling von The Canyon Observer, mit einer unge­fäh­ren hal­ben Stunde Laufzeit aber schon nicht übel befüllt.

    Was gibt es auf die Ohren?

    (…) eine nicht unin­ter­es­san­te Mischung aus Sludge, Hardcore, Post-Rock und noi­si­gen (sic!) Ambient (…)

    Nun, die Band selbst sor­tiert sich unter ande­rem in „ska“, „sludge“ und „punk rock“ ein. Nimm dies, gen­re­g­ei­le Musikpresse. „Sludge“ passt noch am ehe­sten, laut Wikipedia gehört dies dazu:

    Insgesamt ist die Musik eher schlep­pend und zäh, mit beson­de­rer Hervorhebung der Gitarrenriffs. Der Gesang besteht vor­nehm­lich aus hard­core­ar­ti­gem Geschrei und Gekeife, aber auch Death-Metal-typi­sche Growls kön­nen vorkommen.

    So ist das. Ska? Fehlanzeige. Das ist gut, ich mag kei­nen Ska.

    Dass „The Current of Her Ocean Brings Me To My Knees“ irgend­wie belie­big klingt, mag sein. Wenn man viel Zeit mit einer ein­zi­gen Musikausrichtung ver­bringt, wird man irgend­wann das Gefühl haben, das alles schon mal irgend­wo gehört zu haben. Mir als Freund schrä­gen Lärms ist der­lei jedoch noch ziem­lich unbe­kannt, und mich erfreut die Kombination aus Behäbigkeit und Aggression. Auf die fol­gen­den Kapitel („Chapter“) bin ich gespannt.

    Wer Besagtes eben­falls schätzt, dem rate ich, mal rein­zu­hö­ren:
    Auf Bandcamp.com ist das gesam­te Werk hör- und kaufbar.

  23. Lou Reed & Metallica - Lulu
    „I want to see your sui­ci­de, I want to see you give it up, give it up, your life of rea­son.“ (The View)

    Ach, was haben die Herren da nur los­ge­tre­ten? Cheer-Accident hat­te ich oben als kon­tro­vers beschrie­ben, gegen „Lulu“ aber ver­blasst jede Kontroverse. Auf Amazon.de sind hei­ße Diskussionen ent­brannt, ob Lou Reed oder sei­ne Begleitband Metallica die stö­ren­den Elemente auf dem Album sind. Natürlich sind die Anhänger letz­te­rer Combo ande­ren Gesang gewohnt:

    Man soll­te mal unter­su­chen, ob Leute, die ger­ne Lou Reed hören, sich auch ger­ne aus­peit­schen las­sen, oder ob Leute, die sich aus­peit­schen las­sen, dabei ger­ne Lou Reed hören, qua­si um den Effekt zu ver­stär­ken :o)
    Aber das nur am Rande …

    Nicht, dass Lou Reed so etwas nicht gewohnt wäre: Als er mit The Velvet Underground unter Andy Warhols schüt­zen­der Hand die New Yorker Kunstszene pro­vo­zier­te, wur­de sei­ne krea­ti­ve Ader von der Presse nicht gewür­digt. Jahrzehnte spä­ter weiß man, dass das damals eine Weg wei­sen­de Stilrichtung war, die man erst viel zu spät als eine sol­che erkann­te. Ob es mit „Lulu“ auch so sein wird?

    Für eini­ge - weni­ge - fans von Metallica ist „Lulu“ der längst über­fäl­li­ge Befreiungsschlag, aber die mei­sten haben offen­bar nicht ver­stan­den, dass es eben kein Metallica-Album ist. Merke: Wo nicht nur Metallica drauf­steht, ist nicht nur Metallica drin.

    Wahrscheinlich ist „Lulu“ aber das Anspruchsvollste, wor­an sich Metallica je betei­ligt haben. Text und Musik stam­men von Lou Reed auf Basis des Theaterstücks „Lulu“, geschrie­ben von ihm und Robert Wilson auf Basis des gleich­na­mi­gen Stückes von Frank Wedekind, eine Theateradaption sei­ner Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“. Letzten Endes gro­ße deut­sche Kunst also.

    Dass man sich mit „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ beschäf­ti­gen soll­te, um die­ses Album in sei­ner Gänze zu begrei­fen, ist wahr. Es geht aber auch ohne, die Texte las­sen kaum Missverständnisse offen:

    Ein lei­der ech­ter Spiegel zur Seele der Menschheit, kein Disney-Zerrspiegel. Reed inter­pre­tiert Wedekind wenig über­ra­schend, dafür mit der inhalt­li­chen Treffsicherheit des alten Fuchses. Berlin wird ame­ri­ka­ni­siert und in den grim­men Händen Lous zum psy­cho­ana­ly­tisch fein aus­ta­rier­ten Bastard aus Hubert Selby, Burroughs und der den­talboh­ren­den Präzision eines Hemingway. Sadomasochismus, Egoismus, Vergewaltigung, Kälte, Verführung, Sinnlichkeit, Tod, Ekel und ein klei­nes Tröpfchen Liebe. Der Mensch als Abschaum der Schöpfung. Schön klingt das in der Tat zu Anfang nicht.

    Klassisches Lou-Reed-Material eben, zuletzt so umfang­reich auf­ge­ar­bei­tet auf sei­nem Album „Berlin“, das Tristesse, Depression und Apathie als Grundlagen mensch­li­cher Handlungen kol­por­tier­te. Quasi als Gegensatz zu dem melan­cho­lisch ruhi­gen „Berlin“ fun­giert also das aggres­siv pol­tern­de „Lulu“, ein einst geschmäh­tes, exi­sten­zia­li­sti­sches Werk in einer gleich­falls geschmäh­ten Vertonung. Dieser Gegensatz ist aber nur musi­ka­li­scher Natur, so heißt es etwa in „Cheat On Me“:

    I have no real fee­lings in my soul
    Where most have pas­si­on I got a hole
    I real­ly got nobo­dy else

    Apathie muss nicht still sein.

    Trotz all die­ser Metallica-unty­pi­schen Elemente soll­te man nicht über­se­hen, dass durch­aus Metal gespielt wird. „Pumping Blood“ lädt in sei­ner rhyth­mi­schen Schlichtheit zum kräf­ti­gen Kopfnicken ein, das groß­ar­ti­ge „Dragon“ steu­ert gar auf einen musi­ka­li­schen und (text­lich) sexu­el­len Höhepunkt zu. „Oh, oh, you’­re so spe­cial“. Wie oft sonst sieht man Lou Reed beim Musizieren lächeln?

    Natürlich ist „Lulu“ anstren­gend. Natürlich wird kein Lied aus dem Album es in irgend­wel­che Klingeltonhitparaden schaf­fen. Na und?
    Das, wer­te Herrschaften, ist Kunst. Es muss nicht jedem gefal­len - mir jeden­falls gefällt es.

    Reinhören: Das gesam­te Album nebst Textbeilage ist der­zeit auf loureedmetallica.com ein­zu­se­hen und ein­zu­hö­ren. Empfohlen wird das vor allem denen, die Metallica schät­zen - für sie ist „Lulu“ beson­ders har­te Kost.

  24. The Void’s Last Stand - Rakash
    „… but a dream that lives fore­ver is never born“ (Glass Cabinet)

    Dass ich vor zwei Jahren das Debütalbum der deut­schen Formation The Void’s Last Stand rezen­sier­te, ver­schaff­te mir offen­bar aus­rei­chend Reputation, denn gera­de noch recht­zei­tig für die­se Liste fand ich nun­mehr ihren Zweitling, „Rakash“, im Briefkasten. Das fin­de ich gut.

    Zunächst ein­mal zu den Äußerlichkeiten: Die Zeiten schwer zu ent­zif­fern­der Superengschrift ist vor­über, jeder bei­geleg­te Text, selbst das Liedtextheftchen, ist ohne gro­ße Schwierigkeiten zu lesen. Auch sonst ist von dem, nun, eigen­wil­li­gen und viel kri­ti­sier­ten art­work des Debüts nicht viel übrig geblie­ben. Das Titelbild erin­nert mich an …And You Will Know Us by the Trail of Dead oder die neue­ren Alben von King Crimson, die aller­dings weni­ger quietsch­bunt daher kom­men. Helmut Wenske, so erfährt man anhand der Beschriftung des Tonträgerummantelungsdingens, hat hier in sei­nem typi­schen Stil ein wenig Kreativität aus­ge­übt. Sehr geehr­te Musiker jed­wel­cher musi­ka­li­schen Ausrichtung: Würden weni­ger von euch dar­auf erpicht sein, ihre Fressen auf ihre CDs zu drucken, und mehr von euch auf der­ar­ti­ge Gemäldekunst zurück­grei­fen, so wäre es für eure Vermarktungsabteilungen ein Leichtes, mehr Geld mit Postern, Vinylplatten und ähn­li­chen Reproduktionen zu ver­die­nen. Macht das doch mal.

    Aber eigent­lich geht es hier ja um die Musik. Und was höre ich da? Nun, es wirkt geord­ne­ter, weni­ger ver­wir­rend als das Debüt. Los geht es mit „Mother Sun and the other Son (Part III)“, sozu­sa­gen der Fortsetzung von „Mother Sun and the other Son (Part I)“. (Ob es jemals einen Teil 2 gab, weiß wohl nur die Band allein.) Dieses ist auch das ein­zi­ge Stück, auf dem die Legende von Elagabal noch­mals erwähnt wird. Dem Personenkult bleibt man aber treu: In „Cut Open Feet“ etwa wird der Tänzer Vaslav Nijinsky, in „Glass Cabinet“ He-Man besungen.

    Von „Mother Sun …“ abge­se­hen geht es musi­ka­lisch bei­na­he gemä­ßigt zu:

    (…) eigent­lich sind das alles nicht über­mä­ßig for­dern­de Retro-Rock-Stücke, (…).

    Je nach­dem, wo man sei­ne Maßstäbe ansetzt, wür­de ich sagen, die­se Kritik trifft nicht den Kern. Jonas Wingens klingt immer noch, als hät­te er zum Frühstück die Can-Diskografie (mit Malcolm Mooney und Damo Suzuki) ver­speist, die zap­paesquen Stil- und Rhythmuswechsel sind immer noch da, aber es klingt weni­ger nach „wir spie­len jetzt mal, was wir gera­de im Kopf haben, und neh­men das auf“.

    Etwas unge­wöhn­lich ist auch das Ende: Stück Nummer 7 ist ein gespro­che­nes Gedicht, eine „Ode an Antoine Marie Joseph Artaud“, einen bekann­ten fran­zö­si­schen Schauspieler mit reich­lich selt­sa­mem Tod:

    Am 4. März 1948 wur­de er in sit­zen­der Haltung im Bett mit einem Schuh in der Hand tot aufgefunden.

    Das Gedicht trägt pas­sen­der­wei­se den Untertitel „Poesy in Asylum“.

    So haben bei­de Alben ihren Reiz: Das Debüt spricht Freunde impro­vi­sier­ten Durcheinanders an, der Zweitling erfreut das Herz von Can-Jüngern. Ich als jemand, der bei­de Welten bereist, kann kei­nen Qualitätsverlust fest­stel­len. Das irre Element, des­sen bin ich mir sicher, wird die­se Band jeden­falls so schnell nicht verlieren.

    „Rakash“ ist groß­ar­tig. Keine Widerrede geduldet.

    Hörproben: Man schaue ein­mal bei Grooveshark hinein.

  25. Das Niveau - Volle Album
    „Wir brin­gen euch Niveau, wo nie Niveau war…“ (Niwowoniniwowa)

    Auf so Veranstaltungen lernt man ja immer mal so Musiker ken­nen und schät­zen. Zum Abschluss bei­na­he ver­söhn­lich klingt das „Volle Album“ von Das Niveau, nach dem „Losen Album“ deren Zweitling und nicht sehr niveauvoll.

    Ja, es ist so weit, die Stunde hat geschlagen,
    Das Niveau darf end­lich wie­der „ficken“ sagen!
    Ficken, Ficken!, was für ein schö­nes Wort,
    alles zwi­schen Liebemachen und Leistungssport …

    Was gibt es zu hören? Nun, vor­ran­gig Liedermacher- bezie­hungs­wei­se, ihrer Selbsteinordnung zufol­ge, Bardenduette, in denen es sich vor allem dar­um dreht, dass die bei­den Protagonisten dicke cojo­nes haben, Frauen toll fin­den und gern stink­reich wären. Im Gegensatz zu den Hip-Hop-Querflöten hier­zu­lan­de ver­su­chen sie aber gar nicht, das wie Ernst klin­gen zu lassen.

    Mit „Am näch­sten Galgen“ ist auch, wie schon „Der letz­te Stern“ auf dem Debütalbum, das tra­di­tio­nel­le Zeigefingerstück dabei:

    Wenn Menschen lie­ber kniend leb’n
    anstatt ste­hend im Kampf niederzugeh’n,
    kei­ner die Freiheit kennt,
    jeder Sklaverei sein Schicksal nennt -

    dann nimm dei­ne Rüstung und geh, (wdh.)
    sonst will ich dich am näch­sten Galgen seh’n.

    Es muss ja nicht immer nur um’s Pimpern gehen. Für gro­ße Literatur reicht’s nicht, aber dar­um geht es auch gar nicht.

    Man sieht zwei Musiker, die sicht­lich Spaß dar­an haben, ihre Rolle als Blödelbarden voll aus­zu­fül­len, und es neben­bei schaf­fen, auch so etwas wie eine ern­ste mes­sa­ge rüber­zu­brin­gen, Alter. Ich wer­de oft dafür geschol­ten, dass mei­ne prä­fe­rier­ten Klangkünstler zu anspruchs­voll für den gele­gent­li­chen Genuss sind. Wie wäre es mal damit?

    Hörproben: Eine akzep­ta­ble Konzertaufnahme von „Niwowoniniwowa“ gibt es zum Beispiel auf YouTube zu sehen, wo ich zwecks Genusses eini­ger ande­rer Lieder auch einen Blick in das Profil eines der Mitglieder empfehle.

Nachdem ihr also nun euer gesam­tes rest­li­ches Weihnachtsgeld für so viel tol­le Musik aus­ge­ge­ben habt, ist es viel­leicht ange­mes­sen, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es 2011 auch noch mehr Musik gab, die es frei her­un­ter­zu­la­den gilt. Ich nen­ne sie …

2. Freibier.

  1. The Echelon Effect - Seasons (pt.2 & 3)

    Seit Sommer war David Walters, die trei­ben­de Kraft hin­ter The Echelon Effect, nicht untä­tig und setz­te sei­ne „Seasons“-Reihe fort. Das Jahr hat vier Jahreszeiten, gegen­wär­tig (23. Dezember 2011) sind aller­dings erst Teil 2 und 3 erschie­nen. Ein wenig Eile wäre angebracht.

    Musikalisch hat sich nicht viel geän­dert: Ruhiger, melan­cho­li­scher, instru­men­ta­ler Ambient-Postrock plät­schert lei­se aus den Lautsprechern. Wie das klingt? Nach Erwachen nach einem lan­gen, ent­span­nen­den Schlaf, nach fei­er­li­chem Tanz, nach Krokussen. Selbst im Sommer. Wenn das Schlagzeug sich regt, trifft man auch schon mal auf walls of sound, aber nie aggres­siv, stets ver­hal­ten und entspannend.

    Dass es alle drei Teile vor dem Herunterladen auf der Projektwebseite zum kom­plet­ten strea­ming gibt, erspart mir übri­gens eine Menge Geschwätz: Hört’s euch ein­fach selbst an.

    Runterholen könnt ihr euch den Spaß gleich­falls auf besag­ter Seite, auf Bandcamp.com und per eMule.

  2. Toehider - Children of the Sun

    Mike Mills aus Australien ist musi­ka­lisch recht rege, wie es scheint. Mit sei­ner Band Toehider (deren Debütalbum alberner­wei­se „To Hide Her“ heißt) hat er zwi­schen April 2009 und Mai 2010 ins­ge­samt 13 EPs auf­ge­nom­men, die 2011 als „The First Six“, „The Last Six“ und eben „Children of the Sun“ erschienen.

    Warum „Children of the Sun“ geson­dert ver­öf­fent­licht wur­de, hat recht­li­che Gründe: Seine musi­ka­li­schen Grundlagen waren vor allem Themen aus aller­lei Zeichentrickserien aus den 1980-er Jahren, deren Rechteinhaber mit dem Verkauf deri­va­ti­ver Werke nicht immer ein­ver­stan­den waren, so dass „Children of the Sun“ kosten­los per Internet ver­teilt wer­den muss. Das ist ja auch kei­ne Schande. Die Titel hei­ßen zum Beispiel „M.A.S.K.“ und „Death of Optimus Prime“. Wer erkennt’s?

    Die musi­ka­li­sche Umsetzung ist, wie ich fin­de, her­vor­ra­gend gelun­gen: Keyboards, Retro-Prog, Neoprog, aber auch schlich­ter, wenn­gleich extro­ver­tier­ter Pop/Rock mit hohem Spaßfaktor bestim­men das Geschehen.

    Als mul­ti­me­dia­ler Künstler hat Mike Mills auch einen YouTube-Kanal ein­ge­rich­tet, auf dem unter ande­rem auch eini­ge Videos zu „Children of the Sun“ zu fin­den sind, etwa ein Musikvideo zu „Mysterious Cities of Gold“, aus des­sen Text auch die Zeile „Children of the Sun“ stammt. Auch hier ist natür­lich das Anhören vorm tat­säch­li­chen Herunterladen mög­lich: Alle Stücke wer­den zur­zeit auf der Toehider-Website gestreamt.

    Runterholen geht eben­dort sowie per eMule.

  3. Guilty Ghosts - Veils

    Weniger spa­ßig agiert Tristan O’Donnell, der sich Guilty Ghosts nennt (ein ein­zi­ger Geist wür­de viel­leicht nicht genü­gen). Nach eige­ner Aussage hat er das Album in den eige­nen vier Wänden auf­ge­nom­men. Stört nicht.

    In sei­ner Selbstbeschreibung hat er selbst unbe­schei­den behauptet:

    Seine Lieder pas­sen ide­al zu reg­ne­ri­schen Tagen, ewig andau­ern­den Abenden und melan­cho­li­schen Momenten der Einsamkeit.

    Ich weiß nicht, ob ich mir sol­che Momente nun her­bei­wün­schen soll­te, um das zu veri­fi­zie­ren. Zu hören gibt es jeden­falls

    Drone-Gitarren, Breakbeats und Tape-Loops. Ambient, Drone und Electronica. Unbestimmt und dif­fus. Gitarrenmusik. Elektronische Musik. Gesang.

    Schön, ja.

    Runterzuholen ist’s für einen belie­big wähl­ba­ren Preis auf Bandcamp.com (Reinhören inklu­si­ve) und per eMule.

  4. The Beauty Of Drowning - The Beauty Of Drowning

    2011 ist das Jahr des Ertrinkens, scheint mir. Tsunamis und son­sti­ge Naturkatastrophen erträn­ken hau­fen­wei­se Menschen, Steven Wilson nennt sein neu­es Album „Grace for drow­ning“, ein deut­sches Trio nennt sich gar The Beauty Of Drowning und sein erstes Album auch nicht anders.

    Musik? Psychedelic Rock. Post-Rock. Metal. Viel Atmosphäre.
    Vergleiche? Pink Floyd. Oceansize. Dear John Letter.
    Noch Fragen?

    Runterholen und rein­hö­ren kann man auf Bandcamp.com. Aber nicht, dass ihr mir hier ertrinkt.

Und weil nicht alles Gold ist, was glänzt und sich dreht, und weil die Not lei­den­de Musikindustrie für Scheiße anschei­nend immer noch zu viel Geld hat, wur­de in den Medien auch im wei­te­ren Verlauf des Jahres so man­ches als total pri­ma hoch­sti­li­siert, was sich letzt­lich als ziem­li­cher Murks herausstellte:

3. Klangbrei, rund mit Loch drin.

  • Boris - Heavy Rocks
    Klingt in Einzelteilen gut, aber zusam­men­ge­klebt eher mau.
  • Arctic Monkeys - Suck it and see
    Ich saug­te es und sah, dass es nicht gut war.
  • dEUS - Keep you close
    Ich hal­te mich lie­ber fern.
  • Frequency Drift - Ghosts…
    Wenn die Ambientpassagen nicht so ein­schlä­fernd wären, wäre die­ses Album eigent­lich rich­tig klas­se. Davon merkt man im Schlaf nur nichts.
  • Nihiling - Egophagus
    Aus der einst über­durch­schnitt­li­chen Postrock-Truppe wur­den Screamos; der näch­ste logi­sche Schritt ist dann 80s-Pop, rich­tig? Schade.
  • Ske - 1000 Autunni
    Belangloses Geklimper.

Und bevor ich euch, die ihr es bis hier­hin geschafft habt, zu eurer Ausdauer und eurem Musikgeschmack (denn sonst hät­tet ihr längst auf­ge­hört zu lesen) beglück­wün­sche, mache ich noch einen Abstecher in die Musikgeschichte und schaue, wie üblich, zurück, was sich in den letz­ten vier­zig Jahren so getan hat.

4. Es war einmal …

  • Vor 40 Jahren:
    Can - Tago Mago

    Mich beschleicht all­mäh­lich der Eindruck, 1971 ist ein Jahr, in dem so etwas wie schlech­te Musik schlicht nicht exi­stier­te. So ver­öf­fent­lich­te etwa die noch jun­ge Gruppe Yes mit „The Yes Album“ - nicht mit dem Debütalbum „Yes“ zu ver­wech­seln - in die­sem Jahr ein weg­wei­sen­des Werk, auf dem mit „Starship Trooper“ bereits einer ihrer gro­ßen Symphonic-Prog-hits ver­tre­ten ist. Die deut­sche Jazzrockformation Alcatraz mach­te mit dem von Soft Machine und Colosseum beein­fluss­ten Debütalbum „Vampire State Building“ von sich reden, zur glei­chen Zeit tum­mel­ten sich The Masters Apprentices, her­vor­ge­gan­gen aus The Mustangs, mit „Choice Cuts“ und der Top-15-Single „Because I Love You“ im psy­che­de­li­schen Hardrock und Gitarrenpop. Etwas ganz ande­res mach­ten die Kölner von Can, ihr (regu­lä­rer) Zweitling „Tago Mago“ näm­lich ist das Krautrock-Album gewor­den. Neuzugang Damo Suzuki am Mikrofon drück­te den avant­gar­di­schen Klangexperimenten sei­ne eige­ne, unver­wech­sel­ba­re Note auf. „Halleluhwah“ ist eine 18 Minuten und 32 Sekunden lan­ge Geräuschorgie. Monotoner Rhythmus. Seltsames Flirren. Wie (?) im Drogenrausch schreit der Frontmann eigen­ar­ti­ge Sätze ins Leere. „Lalalalalalalalalala, let him up“. Verstehe. „Aumgn“, etwa eine Minute kür­zer? Auch nicht bes­ser. „Bring Me Coffee or Tea“ ist da bei­na­he ver­söhn­lich, könn­te ein Überbleibsel aus Beatles-Drogenzeiten sein. Wobei: Dieser eigen­ar­ti­ge, hyp­no­ti­sche Rhythmus, der alles zusam­men­zu­fü­gen scheint? Dieser ver­stö­ren­de Gesang? Nein, doch kei­ne Beatles; bis heu­te jedoch eins der wich­tig­sten Alben deut­scher Musikgeschichte. Einmal hören und verstehen.

  • Vor 35 Jahren:
    Ethos - Ardour

    Bereits 1976 hat­te die Musikwelt ande­re Prioritäten: Schicke Führs Fröhling ver­öf­fent­lich­ten mit „Symphonic Pictures“ ihr Debütalbum, das heu­te als Meisterwerk des instru­men­ta­len Jazzrocks gefei­ert wird, unter­des­sen leg­ten Ethos mit „Ardour“, gleich­falls ihr Debütalbum, einen der Grundsteine für Bands wie The Tangent, die trotz aller Referenzen mehr nach Ethos als nach Yes klin­gen. Mit Yes, Weather Report und King Crimson teil­te man sich unter ande­rem Festivals, King Crimson waren auch einer der gro­ßen Vorbilder: Gitarrist Will Sharpe gab 1999 zu Protokoll, man habe ver­zwei­felt ver­sucht, die ame­ri­ka­ni­sche Antwort auf King Crimson zu sein, jedoch woll­te Amerika die­se Antwort nicht hören. Entmutigt löste man sich nach dem Folgealbum „Open Up“ (1977) auf. Was bleibt, sind fünf­zig­tau­send ver­kauf­te Einheiten des Debüts und, rech­net man die Resteverwertung „Relics“ von 2000 mit, drei Alben mit packend pro­gres­si­ver, sym­pho­ni­scher Rockmusik. Schade, dass es so endete.

  • Vor 30 Jahren:
    John Cale - Honi Soit

    Nach drei Jahren Pause kehr­ten 1981 Amon Düül II mit dem akzep­ta­blen, aber nur noch sel­ten an „Phallus-Dei“-Zeiten anknüp­fen­de „Vortex“ wie­der auf die Bildfläche zurück. Ebenfalls ins Seichte ver­ab­schie­de­ten sich Genesis mit dem letz­ten mei­ner­seits noch ver­tret­ba­ren, erstaun­lich expe­ri­men­tel­len Album „Abacab“ (was danach kam, war fast aus­nahms­los belang­lo­ser Radiomüll) und Grobschnitt, deren „Illegal“ den Anfang vom Ende mar­kier­te. An deutsch­spra­chi­gen Popgruppen man­gel­te es in den Folgejahren bekannt­lich nicht. Woran es aber sehr wohl man­gel­te, war gute Musik mit Anspruch. Tja, die 80-er Jahre. Zum Glück mel­de­te sich John Cale, Waliser Avantgarde-Pionier und über­wie­gend für sei­ne Beiträge für The Velvet Underground bekannt, wie­der zu Wort: „Honi Soit“ ist ein her­vor­ra­gen­des Artpop-Album, das den Werken von Peter Hammill um nichts nach­steht. Pop („Dead or Alive“), Uptempo-Rock („Fighter Pilot“ mit den Bomberettes - amü­san­ter Einfall - als Hintergrundchor, „Russian Roulette“), merk­wür­dig schrä­ge Melancholie („The Streets of Laredo“); all dies ver­fei­nert von des Herrn Cale ein­ma­li­gem, wei­chem Gesang. Habe ich gera­de „merk­wür­dig“ geschrie­ben? Das Titelstück über­trifft das noch: Viola und Gitarre lie­fern sich ein kur­zes Duell, unver­se­hens ver­stum­men bei­de, und eine Trompete bläst den Marsch. Dazu gibt’s Tex-Mex-Musik und einen Hintergrundchor, der wie­der­holt „Honi soit qui mal y pen­se“ („Ein Schuft, wer Böses dabei denkt“) singt. Diesen Teppich beschrei­tet John Cale bedäch­tig mit fran­zö­sisch­spra­chi­gem Gesang, unter­stützt gele­gent­lich aber auch den Chor. Zum Ohrwurm eig­net sich die­ses Stück vor­treff­lich, und wie­der fra­ge ich mich, war­um John Cales Plattenfirma anschei­nend so wenig Geld in gele­gent­li­che Radiovorführungen inve­stiert. So muss der geneig­te Musikfreund eben rein zufäl­lig auf die­ses groß­ar­ti­ge Stück Musik sto­ßen. Mancher Zufall führt zu über­ra­schen­den Entdeckungen.

  • Vor 20 Jahren:
    Nirvana - Nevermind

    Ein erneu­ter Zeitsprung in das Jahr 1991: Die Postrock-Urgesteine Talk Talk ver­öf­fent­lich­ten mit „Laughing Stock“ lei­der ihr letz­tes, jedoch her­vor­ra­gen­des Album. Ganz und gar nicht her­vor­ra­gend war das, was die bei­den zer­strit­te­nen Yes-Lager (Yes und Anderson, Bruford, Wakeman & Howe) 1991 auf den Markt war­fen: Man ver­ein­te sich - mehr for­mell als ideell - wie­der zu einer ein­zi­gen Band, die aus ins­ge­samt acht Mitgliedern bestand und in die­ser Formation auf Tour ging. Dass die Plattenfirma dafür eini­ges an Geld bekom­men haben dürf­te und - for­mell - wie­der Yes drin war, wo Yes drauf­stand, kann den Ärger hin­ter den Kulissen nicht unge­sche­hen machen: Mehrere betei­lig­te Musiker sind auf dem Album kaum zu hören, im Studio wur­den ihre Beiträge so lan­ge nach­ge­spielt, bis alle an der Produktion Beteiligten leid­lich zufrie­den waren. Aber der Progressive Rock inter­es­sier­te die jun­ge Generation bereits nur noch wenig, mit Nirvana hat­te sie ihre neu­en Idole. „Nevermind“, „das, wo Smells Like Teen Spirit drauf ist“, war erst deren zwei­tes Album, ist jedoch bis heu­te ihr bekann­te­stes und erfolg­reich­stes, Werbung sei Dank. Dabei war die­ser radio­freund­lich glatt­po­lier­te sound nie im Sinne Kurt Cobains, das letz­te Album „In Utero“ (1993) ist inso­fern eher als ech­tes Nirvana-Album anzu­se­hen. „Nevermind“ hät­te es nie geben sol­len; even­tu­ell hät­te Kurt Cobain dann die Nase von dem Musikgeschäft nicht so gestri­chen voll gehabt und könn­te noch leben. Es ist noch heu­te ein schreck­lich über­be­wer­te­tes Album; aber es ent­hält doch die wesent­li­chen Bestandteile von Nirvanas Musik. Klar ist, dass es eins der Alben ist, die man mal gehört haben soll­te. Und dann gibt es eigent­lich nur zwei vali­de Reaktionen: Must-have - oder: Nevermind. (Nebenbei bemerkt: Wortwitze, die nur auf Englisch funk­tio­nie­ren, machen mir kei­nen Spaß.) Für mich gilt: Gut, dass es spä­ter „In Utero“ gab, denn sonst könn­te ich über Nirvana nur wenig Positives berichten.

  • Vor 10 Jahren:
    Sleepytime Gorilla Museum - Grand Opening And Closing

    2001 war auch ein Jahr der Livealben: Magma ver­öf­fent­lich­ten erst­mals eine im sel­ben Jahr auf­ge­nom­me­ne Livefassung der Trilogie „Theusz Hamtaahk“, King Crimson grif­fen mit „Vroom Vroom“ und dar­auf ent­hal­te­nen Livekonzerten von 1995 und 1996 etwas tie­fer in die Mottenkiste. Die pol­ni­schen Jazz-/„Krautrocker“ SBB über­bo­ten das noch­mals und beglück­ten ihre Anhänger mit „Live in Karlstad 1975“, das eigent­lich eine Konzertaufnahme von 1975 (ja, wirk­lich!) ist. Neu in der Musikwelt waren hin­ge­gen unter ande­rem das Berliner Stoner-Rock-Trio Rotor, das mit dem Album „1“ schon ankün­dig­te, dass eine „2“ fol­gen soll­te (inzwi­schen sind sie bei „4“ ange­langt), und das höchst selt­sa­me Avantgarde-Kollektiv Sleepytime Gorilla Museum. Mit „Grand Opening And Closing“ („Große Eröffnung und Schließung“) haben sie auch einen viel­sa­gen­den Titel für ihr Debütalbum gewählt, denn ihre Konzerte erin­ner­ten oft an Zirkusvorstellungen. Die Musik? Ha, was für Musik? Geräusche. Bekloppt. [E]in erfri­schen­des Konglomerat aus über­ra­schen­den, kom­ple­xen Klangkonstrukten, hef­ti­gen Ausbrüchen, schrä­gen, mit­un­ter fast kako­pho­ni­schen Tonlandschaften, bizar­ren Geräuschen und Soundideen, ver­spiel­ter Perkussion und der­bem Getrommle, metal­li­schem Geriffe, dis­so­nan­tem (Grunz)Gesang und knall­har­ten Akkorden von Gitarre und Bass, die aber meist irgend­wie „dane­ben“ zu lie­gen schei­nen. Das hat es so nur sel­ten gege­ben, nun, da Sleepytime Gorilla Museum nicht mehr exi­stiert, gibt es mit Gruppen wie uneXpect jede Menge neu­es Material für die­je­ni­gen Verrückten, die mit „Grand Opening And Closing“ auf den Geschmack gekom­men sind. Bandviolinistin Carla Kihlstedt ist auch nach dem Ende der Band noch in ähn­li­chen Formationen, etwa The Book of Knots, die ich im August bereits gewür­digt hat­te, tätig. Wer hat da gesagt, die Musik hät­te nichts Neues mehr zu sagen?

Damit sind wir auch schon wie­der am Ende ange­langt. Ich hof­fe, eini­ge erle­se­ne Fundstücke haben auch euch gefallen.
In einem hal­ben Jahr gibt es, wenn bis dahin kein Unglück eine Fortführung ver­hin­dert, die näch­ste Rückschau.

Ich dan­ke für die Aufmerksamkeit und wün­sche allen Feiernden ein ange­neh­mes Feiern.

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Senfecke:

  1. Und was unter­schei­det jetzt dei­nen von dir selbst alle naselang erwähn­ten „Musikgeschmack“ von hun­der­ten ande­rer Blogs? Gute Güte, nimm dich nicht so wich­tig, Mister Aufpluster! Hirnfick.

  2. Ich erhe­be nicht den Anspruch, die ulti­ma­ti­ve Liste zusam­men­ge­stellt zu haben.
    Vielleicht ist das schon ein gro­ßer Unterschied.

    Nimm dich nicht so wich­tig, Mister Aufpluster!

  3. „Ich habe ledig­lich so etwas wie Musikgeschmack. Aber davon ver­stehst du nach­weis­lich nichts mit dei­ner Dreampopscheiße.“

    Interessant

  4. Jemand, der Dreampop mag, wird mei­nen Musikgeschmack wahr­schein­lich nicht ver­ste­hen, rich­tig. Was dar­an braucht Erläuterung?

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