MusikSonstiges
Medienkritik LVIII: Tom Waits im Rolling Stone (wenigstens haben sie es versucht)

Eine (meist) liebe Leserin machte mich vor eini­gen Monat­en darauf aufmerk­sam, dass Tom Waits, seines Zeichens eigen­williger Sangeskün­stler, ziem­lich aufre­gende Musik her­vor­bringt. Unter dem Ein­druck von “Bone Machine”, dessen Schrägheit in wun­der­samer Weise mit mein­er Affinität zu musikalis­ch­er Schrägheit har­moniert, stimmte ich in ihre Lob­hudeleien ein; und erblick­te heute im Zeitschriften­re­gal eines Super­mark­tes eben­je­nen Tom Waits auf der Titel­seite des nor­maler­weise eher beliebi­gen Mag­a­zins “Rolling Stone”. Da ich noch ein wenig Zeit bis zum näch­sten Ter­min hat­te, wagte ich auf­grund des ver­heißungsvollen Titels den Kauf.

Es war undurch­dacht von mir, trotz gegen­teiliger Erfahrun­gen davon auszuge­hen, der “Rolling Stone” hätte sich aus­nahm­sweise dazu entschlossen, ser­iös zu wer­den. Tat­säch­lich wird des Titel­helden Schaf­fen nur wenig erwäh­nt, das Album “Bone Machine” kommt eben­so wie “Mule Vari­a­tions” und das Dreifachal­bum “Orphans: Brawlers, Bawlers & Bas­tards” je ein­mal, jew­eils eher beiläu­fig erwäh­nt vor, das vor­let­zte Album “Real Gone” immer­hin zweimal. Haupt­säch­lich geht es um “Bad As Me”, das aktuelle Album von Tom Waits, und um die Per­son des Inter­pre­ten, als wäre das eigentlich auch schon alles, was man von Tom Waits wis­sen muss.

Für die, die noch nie etwas von Tom Waits gehört haben, erk­lärt es Jörn Schlüter, offen­bar Schreiber­ling beim “Rolling Stone”, gern ein­mal am Beispiel des Stück­es “Hell Broke Luce” (“bru­tale Mil­itär-Per­si­flage”, J. Schlüter) von diesem aktuellen Album:

Das Lied schwankt durch die Schützen­gräben wie ein Panz­er auf Stelzen.

Fünf Euro in die Wort­spielka­sse bitte.

Dass ich noch nie einen Panz­er auf Stelzen gese­hen habe, der durch Schützen­gräben schwankt, kann ich dem Autor nicht zum Vor­wurf machen und führe es aus guter Absicht vor­erst auf meine fehlende mil­itärische Ver­gan­gen­heit zurück. Eines würde mich dann jedoch schon inter­essieren: Nehmen wir an, ein Panz­er auf Stelzen gerät auf dem Weg durch Schützen­gräben tat­säch­lich ins Schwanken — was genau hat das Lied damit zu tun?

Jörn Schlüter hätte diese Frage Tom Waits stellen sollen, denn diese Antwort hätte mich wirk­lich sehr inter­essiert: “Herr Waits, Ihr Lied ‘Hell Broke Luce’ schwankt durch die Schützen­gräben wie ein Panz­er auf Stelzen, warum ist das so?” Das hat er natür­lich nicht getan, son­dern weit­er an sein­er Rep­u­ta­tion gear­beit­et. Wahrschein­lich möchte Jörn Schlüter nicht, dass ihn nur die Leser dieses Artikels für verkrampft pein­lich und eigentlich gar nicht sehr an seinem zu beschreiben­den Objekt (Tom Waits) inter­essiert hal­ten, was er mehrfach zu ver­ste­hen gibt:

Mit “Orphans: Brawlers, Bawlers & Bas­tards” erschien ein Dreifach-Album mit Aus­geson­dertem und Vergessen­em. Man über­legte, ob Waits wohl in die Schlussrunde einge­bo­gen war.

(Her­vorhe­bung von mir.)

War er aber nicht, der Tom Waits, und so nutzte Jörn Schlüter die Gele­gen­heit, auch ihm, Tom Waits, gegenüber ein­mal zu zeigen, dass Musik mit Anspruch ihn, Jörn Schlüter, deut­lich über­fordert, und schaffte es in all sein­er Naiv­ität dann doch noch, mich zum Schmun­zeln zu brin­gen, indem er fragte:

Ihre Lyrics lesen sich manch­mal wie Gedichte — auch auf diesem Album erin­nert mich einiges an Charles Bukows­ki, der Sie zu Beginn Ihrer Kar­riere bee­in­flusst hat. Haben Sie ihn jemals getrof­fen?

Charles Bukows­ki ken­nt er zumin­d­est namentlich, vielle­icht auch nur vom Hören­sagen, und vielle­icht ist der Umstand, dass sich Tom Waits’ Lied­texte sel­ten reimen, auch schon die einzige Par­al­lele, die Jörn Schlüter zwis­chen Tom Waits, dem Musik­er, und Charles Bukows­ki, dem Poet­en, erken­nt. Grat­ulieren sollte man Jörn Schlüter aber zu der großar­ti­gen Erken­nt­nis, dass man Lied­texte, häu­fig rhyth­misch unter­legt, nicht nur als Prosa oder Bus­fahrplan (S. Gärt­ner), son­dern auch als Gedicht, als Lyrik (“lyrics”) eben, lesen kann. So sieht Musikjour­nal­is­mus 2011 aus.

Und ich ver­ste­he allmäh­lich, wieso Jörn Schlüter dieses Gespräch führen durfte: Die Alter­na­tive, ein Inter­view mit dem Jour­nal­is­ten gegenüber sel­ten tol­er­an­ten Lou Reed und Metal­li­ca, hätte er nicht lange durchge­s­tanden.

Senfecke:

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