Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

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Kurzkritik: The Brian Jonestown Massacre – Don’t Get Lost

The Brian Jonestown Massacre - Don't Get LostDas US-amerikanische Septett The Brian Jonestown Massacre – ein nicht unkluges Wortspiel unter Einbeziehung von Brian und Jim Jones – ist seit Jahren[/url] eine feste Instanz, wenn es um die musikalische (wenn auch nicht kulturelle) Nachfolge der unvergesslichen Velvet Underground geht. Außer schlechter Musik ist ihnen aber auch eine Pause fremd: 2017 erschien schon wieder ein Studioalbum von ihnen. Wer erwartet hat, dass ihnen wenigstens dieses misslungen sein könnte, der irrt.

Schleppenden Psychedelic Rock („Dropping Bombs On The Sun“) und Krautiges („Throbbing Gristle“, vermutlich benannt nach der leider aufgelösten Band gleichen Namens) gibt es auf „Don’t Get Lost“ (Amazon.de, TIDAL), eine Aufforderung, deren Befolgung angesichts des Coverbildes und der Liedtitel keine leichte Aufgabe ist, ebenso zu hören wie Shoegaze und den guten, alten Lo-Fi-Garagenpunk („Nothing New To Trash Like You“).

Dropping Bombs On The Sun

Auf die schlimme Früh-90er-Tanzmusik „Acid 2 Me Is No Worse Than War“ hätte die Band meinetwegen gern verzichten können, jedoch stimmt der Ausklang des Albums, „Ich bin Klang“, wieder versöhnlich: „Am Anfang war Ton“ erzählt eine in sich selbst verschränkte Frauenstimme, unterlegt mit schwappender 60er- und 80er-Elektronik, und dass die schönsten Muster die Musik male.

Wie wahr.

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Shob – Except I’m 65 // Eine Partei wie ein Unfall.

Heute mal nur eine kurze.Es ist Montag. Dem Internet sei es gedankt, dass der Weg hierher gesäumt war von Musik, die miteinander zu teilen letztlich alles ist, was bleibt. Klang gewordenes Glück ist die zweitbeste Art von Glück, die beste jedoch trägt zweifarbiges Fell.

Völlig internet- wie glücksfern hingegen sind ganz andere Gestalten: Den gestrigen SPD-Parteitag, in dessen Verlauf zwecks „Erneuerung“ der Partei eine alte Funktionärin an die Spitze gewählt wurde, was allein deshalb bereits als ein gutes Zeichen gilt, weil sie keinen Penis, sondern eine Vagina trägt, haben zu viele Menschen in meinem Umfeld aktiv verfolgt; die gleichen Leute regen sich über Gaffer bei einem Autounfall auf, obwohl ein Autounfall doch noch weniger Schaden anrichtet.

Am vergangenen Dienstag sabbelte Hannes Stein für das Medium „WELT ONLINE“ ins Web hinein, dass „die Medien“ sich mit den Pulitzer-Preisen selbst „feiern“, und zwar „zu Recht“. So reflektiert muss man ja auch erst mal sein. Noch weniger reflektiert allerdings der Betreiber eines anderen großen Webportals, der Facebook heißt und auf den öffentlichkeitswirksamen „Datenskandal“ folgendermaßen reagiert: Das soziale Netzwerk hat jetzt eine automatische Gesichtserkennung. – In einem wiederum anderen Medium empfahl der als „Erfinder des iPods“ (laut „heise online“ aber auch einfach nur des iPod) gescholtene Tony Fadell der Firma Apple, künftig etwas mehr dagegen zu tun, dass iPhones so viel benutzt würden. Eine Reaktion von Apple ist nicht überliefert, vermutlich lachen sie immer noch. Auch etwas zu lachen hatte ein unbekannter Bankkunde – die Deutsche Bank hatte ihm aus Versehen 28 Milliarden Euro irgendwohin überwiesen. Das sind Fehler, die unsereins gar nicht machen kann. Ich weiß aber noch nicht, ob mich das freuen sollte.

Beim Osterhasen und/oder beim Meucheln von Predigern handelt es sich, glaubt man dem „Christlichen Medienverbund KEP“, um einen Glaubensinhalt, über den man sich nicht lustig machen dürfe. Es bleibt unklar, warum sich ein vermeintlich aufgeklärtes Land noch immer eine Steuer zugunsten dieser fröhlichen Gesellen leistet. Man könnte das Geld doch viel sinnvoller anlegen, zum Beispiel in gute Musik.

Wie wäre es mit dieser hier?

SHOB – Except i'm 65 (feat Laurène P Magnani)

Guten Morgen.

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Der Antimusikpreis

Man stelle sich eine Auszeichnung vor, die all jenen erteilt wird, die nicht etwa musikalisch oder wenigstens textlich bedeutsame Werke mit Tiefgang und von überragender Kreativität und Qualität hervorbringen, sondern die das Geschäft, in dem es darum geht, mit möglichst wenig eigener Leistung, indem man sich zum Beispiel von Dieter Bohlen oder einem der ungezählten Hilfsschreiber der Industrie Melodie und Text vorgeben lässt und dann nur noch, wegen mangelnden Könnens stark verfremdet, einen klinisch rein tönenden Computer begleitet, möglichst viel kurzfristigen Erfolg (engl. „airplay“) zu erzielen, verstanden haben und zu nutzen wissen.

Im Rahmen einer möglichen Gala, die unter ausschließlicher Berücksichtigung von möglichen Reizen zur Lockerung des Portemonnaies um diese Auszeichnung herum geschneidert würde, könnten dann zum Beispiel irgendwelche Kinderstars auftreten und, um diesen Auftritt wenigstens semantisch zu begründen, ein Kinderliedchen singen oder ein Gedicht, lyrics also, aufsagen („rappen“). Im Vorfeld geäußerte Bedenken gegen dieses Gedicht würden sicherstellen, dass die Gala viel gut bezahlte Aufmerksamkeit verschafft. Auch schlecht gelaunte Zuschauer sind Zuschauer. Dass derjenige Preisträger, der – ganz Punk – die lautesten Bedenken gegen das undeutlich Erzählte äußert, diese Auszeichnung dennoch als Ehre begreift, wäre dabei selbstverständlich, denn die Auszeichnung könnte ja nichts dafür, dass man sie nicht für Qualität erhält. Ein vernünftiger Künstler würde sich durch eine solche Auszeichnung beleidigt fühlen, darum würden vernünftige Künstler gar nicht erst nominiert.

Man stelle sich vor, diesen Unsinn nennte man dann einen Musik- und nicht etwa einen Konsumpreis, obwohl das für seine Existenz Wesentliche doch der Konsum und nicht das Konsumierte ist. Unter etwas anderen Umständen wäre diese Vorstellung wohl eine Mediensatire, jedoch heißt sie in Deutschland schlicht „Echo“ und beschäftigt die Medien und deren Empfänger seit Tagen, als wäre die Auszeichnung von minderqualitativem Murks ein Symptom eines Problems und nicht etwa der Kern des Konzepts „Echo“.

Eine lebenswerte Gesellschaft etablierte „Vorsicht: Echo-Gewinner!“ als Warnschild auf einschlägigen Tonträgern, auf dass dem neugierigen Käufer schon im Voraus klar sein möge, dass er es hier mit Funktionsmusik zu tun haben wird, deren wesentliche Fähigkeit es ist, Lebenszeit zu verschwenden. Eine Gesellschaft andererseits, die sich überhaupt einen solchen Antimusikpreis leistet, wird so lebenswert niemals sein.


Nachtrag vom 18. April 2018: „Wer so redet, versteht Hip-Hop nicht.“

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Sammal – Ylistys ja kumarrus

Die Detonation steht unmittelbar bevor.Es ist Montag. Das ist ziemlich schade, denn montags gilt es aufzustehen und etwas für die Wirtschaft zu tun, denn sie muss brummen wie sonst nur ein Pandabär und/oder der Schädel nach einer durchzechten Nacht, die man brauchte, um sich mental auf den Montag vorzubereiten. Der Mensch ist sein Laster.

Apropos Laster: Der Iwan wird auch medial in Syrien bekämpft. Dem Schurkenstaat Israel sowie der deutschen Kanzlerin gefällt das. Die Welt, teilte Boris Johnson mit, sei „vereint in ihrer Empörung über den Gebrauch von chemischen Waffen“, jedoch verschwieg er, dass die Welt Angriffskrieg auch gegen die Bösen oft nicht so gut findet. Bomben gegen Tode! Da weiß man, was man an den Medien hat; woher sonst sollte man seine ausreichend aufgeheizte Stimmung noch beziehen?

Wir bleiben bei Volltrotteln: Bernd Riexinger von den Berliner „Linken“ möchte, wie „Linke“ das eben so machen, Vermieter enteignen lassen. Alles wie früher in Berlin. Es war ja nicht alles schlecht. Passend dazu komme, jubelt schwer leitartikelnd der „musikexpress“, die Audiokassette zurück. Ob es wohl im Sommer auch wieder Prilblumen geben wird?

Alles Schlechte kommt von oben, zum Beispiel Viren. Die Woche aber beginnen wir lieber, indem wir mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und stattdessen erdige Musik hören, etwa solche aus Finnland.

Sammal: Ylistys ja kumarrus (Official Music Video)

Guten Morgen.

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Kurzkritik: Sounds Of New Soma – Moebius Tunnel

Sounds Of New Soma - Moebius TunnelWas verbindet man mit Krefeld?

Was auch immer hier die erste Antwort gewesen sein mag, sie lautete wahrscheinlich nicht „Krautrock“. Genau solchen aber bringt seit einigen Jahren das Krefelder Duo Sounds Of New Soma („Klänge des neuen Körpers“ o.s.ä.) hervor. Das 2016 veröffentlichte Album „Moebius Tunnel“ (Bandcamp.com, Amazon.de) legt hierüber ein Zeugnis ab, das kaum überhört werden kann. Die Eckdaten versprechen schon Freude: Gemastert wurde „Moebius Tunnel“ von Eroc, dem früheren Schlagzeuger und späteren Nachlassverwalter der Hagener Krautrockmeister Grobschnitt.

Die Titel allein sprechen eigentlich bereits für sich: Das erste Stück heißt „Lysergdelfin“ und klingt auch genau so.

Sounds Of New Soma – Lysergdelfin

Ansonsten dominieren vor allem Space- und Psychedelic Rock: Das folgende „Kosmonautenglück“, das „Lysergdelfin“ klanglich in den Weltraum verfrachtet, stimmt den Hörer auf „Subraumverzerrung“ ein, das sich mit seinem treubenden Rhythmus den grandiosen Hawkwind und deren Weggefährten weiter annähert. „Stech/Apfel“ ergänzt Geräusche, die mich an eine Sitar erinnern, allerdings kann ich die fernöstlichen Instrumente bislang noch nicht immer zuverlässig auseinanderhalten.

Im Überelfminüter „Morgengebet“, für Religionsallergiker mit erfreulich fehlendem spirituellen Bezug, wird aus einem elektronischen Blubbern eine ausgedehnte Gedankenreise, auf der man sich plötzlich und überraschend wiederfindet. Mit „Neuland“ – es war 2016, da ging das noch – klingt das Album leise und wiederum mit fernöstlichem touch aus.

Hat man das alles schon mal irgendwo gehört? Na klar! Ist es deshalb schlecht? Natürlich nicht! „Moebius Tunnel“ gefällt und entspannt; und ist das nicht alles, was zählt?

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Field Music – Count It Up // Auszuhaltende Fakes.

Endlich wieder zu hell!Es ist Montag. Die Sonne scheint, die Innenstädte riechen endlich wieder nach Menschen. Aus unklarem Grund sind andere Menschen darüber nicht unerfreut und begeben sich, bizarr gekleidet, in die Eisdielen, denn die ersten Sonnenstrahlen leiten nicht nur zu warmer, sondern auch zu kalter Speise ein. Eigentlich ist also alles wie noch im Winter, nur die Pandabären finden keinen Schnee mehr zum Spielen. Das ist ein bisschen bedauerlich.

Für Schnee ist aber auch ein anderes Land bekannter als das unsere, passenderweise tobte um es in der vergangenen Woche abermals eine Medienschlacht von angemessen fehlender Tiefe. Russland nämlich ist, glaubt man den Medien, das einzige Land, dessen Spione einen Mord mithilfe des allertödlichsten Gifts überleben. Rasputin war ein Witz dagegen. Liegt es am Wodka oder sind einfach nur die Medien nicht mehr ganz nüchtern? – Der grundsätzlich lesenswerte Hal Faber behauptete auf „heise online“ in seiner wöchentlichen Rückschau, die von „Russia Today“ getroffene Annahme, Carles Puigdemont sei politischer Gefangener gewesen, sei ein „auszuhaltender Fake“, ohne das freilich zu begründen. Die Nennung von „Russia Today“ als Quelle muss Qualitätsmedien als Argument genügen.

Ein letzter Blick ins Inland: Fefe stellt fest, dass München sich vor allem darin von Berlin unterscheide, dass dort auch mal Dinge repariert und nicht nur kaputtgemacht werden, was über Berlin alles mitteilt, was man wissen sollte, wenn man noch nie dort war.

Wir brauchen, las ich gestern, mehr Menschenschutzvereine – und immer und auf jeden Fall auch: mehr Musik.

Field Music – Count It Up (Official Music Video)

Guten Morgen.

Mir wird geschlechtMontagsmusikNetzfundstücke
Birth of Joy – You Got Me Howling

Der Osterhase hat eine Eule versteckt.Es ist Montag. Daran hat gestern mal wieder niemand gedacht und auch heute tun es nur wenige, denn es ist Feiertag. Irgendwo in Südeuropa standen zu viele Menschen und ließen einen alten Mann einen Zauberspruch aufsagen. Ab morgen gilt aber wieder, begleitet von täglichem Geläute, dass wir in einer aufgeklärten Zeit leben und Sekten im Wortsinne brandgefährlich sind und unbedingt gemieden werden sollen, denn nur Dumme lassen sich so leicht verführen, wenn’s nicht gerade der Papst versucht. Es irrt der Mensch, solang er strebt.

Gestern war im Übrigen der 1. April, sicherheitshalber habe ich also alle Qualitätsmedien ungelesen belassen und mir lediglich Blogs angesehen, denen jeder Humor völlig abgeht. Hierbei habe ich unter anderem ein Interview mit „Don Alphonso“ gelesen, dessen Lektüre zumindest erhellend ist. Es ist die Botschaft zu beurteilen und nicht der Bote, was in einer schnelllebigen Medienwelt oft die Schlagzeilerei erschwert. Ein bisschen blöder fühle ich mich hingegen nach dem Lesen dieser überraschenden Meldung: Ein Gericht hat herausgefunden, dass Google mit Android Geld verdient und es sich daher um ein kommerzielles Betriebssystem handelt.

Ebenso blöd: Franziska Giffey (natürlich SPD) habe in ihrer Eigenschaft als „junge Frau“ (F. Giffey, Jahrgang 1978, über F. Giffey), las ich anderntags und -orts („FAZ.net“), beklagt, dass eine Zwangsheirat, bei der Frauen allenfalls die Wahl zwischen verschiedenen Cousins haben, diese Frauen unterdrückte, wogegen man etwas tun müsse, als wäre es undenkbar, dass sich diese Cousins nicht freiwillig für ihre Zwangsfrauen entschieden hätten. Schlau ist allenfalls Brad Pitt, denn warum sollte eine moderne, aufgeklärte Feministin, die sich jede Beurteilung von Körperlichem verbittet, ihn sonst verehren?

Ohne Zweifel und ohne ein Aber verehrenswert bleibt ganz körperlos: Musik.

Birth of Joy – «You Got Me Howling»

Guten Morgen.

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Kurzkritik: Melt Downer

Melt DownerAls Zeichen meiner Unerschrockenheit und zur angemessenen Würdigung des Tages der bescheuerten Witze wage ich heute mal wieder etwas, wovon ich mir selbst meist eher abraten würde: Ich höre Musik aus Österreich.

Österreichischer Musik haftet zumeist nicht der Ruf an, besonders grandioser Qualität oder auch nur Vielfalt zu sein. Gemeinhin als „Austropop“ klassifizierte Lieder mit doppeltem Textboden mögen gelegentlich positiv hervorstechen, sind jedoch musikalisch von wenig Überraschungen geprägt. Zum Glück gibt es auch in Österreich mehr als nur eine Musikrichtung.

In eine völlig andere nämlich dringen Melt Downer mit ihrem Debütalbum (Bandcamp) vor, das 2017 veröffentlicht wurde. Über eine Stunde lang stoner- und postrocken die drei Herren in klassischer Rockbandbesetzung (Gitarre/Gesang, Schlagzeug, Bass) sich in Ohren und Verstand des unvorbereiteten Publikums (hier: die meinen).

Melt Downer – Back Down For The People Of The Past (Studio A Session)

Nach den ersten elf Stücken folgt als Schlussakkord und Höhepunkt des Albums das beinahe halbstündige „Dawner“, über das mit dem dort zu hörenden Ausruf, den man wohl als „wuhu!“ transkribieren kann, eigentlich alles gesagt ist: Gitarren- und Rhythmuseskapaden explodieren aus dem Kopfhörer, unerbittlich treiben die Musiker die Welle voran. „Lasst den Mann in Ruhe!“ fordert ein als Film- oder wenigstens Serienzitat erkennbares, mehrfach wiederholtes Sprach-Sample gegen Ende desselben Stücks. Ich bin nicht unglücklich darüber, dass die Band dem erst einige Minuten später Folge leistete.

Das Durchstehen, schrieb Florian Kölsch für den „musikexpress“, lohne sich sehr. Das halte ich für maßlos untertrieben.

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Tanzverbot für Phil Collins

In der Zeit vor Ostern wird traditionell auch in dem Land, das sich dringend darum zu bemühen sucht, sich auf seine christlichen Traditionen (i.s. Kreuzzüge und Judenverfolgung) zu besinnen, um sich von den Moslems abzugrenzen, alljährlich Religionskritik laut, denn wie auch an Heiligabend – was aus unklarem Grund selten zur Sprache kommt – soll an Karfreitag allenfalls traurig getanzt werden.

Da es nur wenig gibt, was trauriger wäre als Hannover, hielt ich die Website der Stadt Hannover für eine geeignete Quelle, um das genauer zu erforschen. Und tatsächlich gibt es dort Informationen:

Nach dem Niedersächsischen Feiertagsgesetz (NFeiertagsG) sind Tanzveranstaltungen am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag unzulässig.

Dass dieselbe Stadt Hannover auch am kommenden Karfreitag zum Tanz lädt, lasse ich hier aus dramaturgischen Gründen weitgehend unkommentiert und gucke mir stattdessen das NFeiertagsG an.

Was zunächst auffällt, ist, dass es explizit regelt, wann Videotheken öffnen dürfen. Es ist erfrischend, dass die Digitalisierung noch nicht überall um sich greift. Für den vorliegenden Kasus relevant ist aber insbesondere § 5 NFeiertagsG:

An den in § 3 genannten Tagen sind während der Zeit von 7 bis 11 Uhr morgens folgende Veranstaltungen und Handlungen verboten (…):

a) öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel und öffentliche Aufzüge, die nicht mit dem Gottesdienst zusammenhängen; das Grundrecht der Versammlungsfreiheit ( Artikel 8 Abs. 2 des Grundgesetzes) wird insoweit eingeschränkt;

Man muss ja Prioritäten setzen: Christentum oder Versammlungsfreiheit? Die Entscheidung lag doch wohl auf der Hand!

b) die der Unterhaltung oder dem Vergnügen dienenden Veranstaltungen, bei denen nicht ein höheres Interesse der Kunst, der Wissenschaft oder der Volksbildung vorliegt;
c) Veranstaltungen und Handlungen, soweit sie religiöse oder weltanschauliche Feiern stören oder den Besucherinnen oder Besuchern dieser Feiern den Zugang erschweren.

Dass es Religionen geben soll, die zu ihren Ausdrucksmitteln den freudigen Tanz zählen, sei hier aufgrund meines ausbleibenden Interesses, diese Behauptung zu verifizieren, nur als Pointe angebracht. Entscheidend scheint mir aber Satz „b“ zu sein: Zählt es nicht bereits als Volksbildung, wenn man als Protest gegen dieses für einen vorgeblich säkulären Staat sonderbare Gesetz eine Tanzveranstaltung abhält, durch die möglicherweise Bürger dazu bewegt werden, sich mit der gängigen Rechtsprechung aktiv statt nur passiv zu beschäftigen? Welches höhere Interesse hat „die Kunst“ und was ist eigentlich Kunst? Wer schließlich bestimmt, was Vergnügen bereitet und was nicht? Mir zum Beispiel bereitet die Musik von Phil Collins anhaltende Schmerzen – ist es mir also weiterhin gestattet, an einem Karfreitag mit schmerzverzerrter Miene zu Phil Collins zu tanzen?

Andernfalls hätte ich gegen eine Ausweitung der Gültigkeit des Gesetzes auf einen Großteil des übrigen Jahres nämlich nichts einzuwenden.

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Dungen – Häxan // Das Geschwätz und wir

Ich weiß doch auch nicht

Es ist Montag. In Deutschland werden Exilpräsidenten zur Abwechslung mal festgenommen, bei den ehemaligen Präsidenten von Irak und Libyen war man nicht so zimperlich. Vielleicht kann der Bundespräsident, der in einem früheren politischen Amt Murat Kurnaz in einem Folterknast gefangen halten ließ, intervenieren. Aber wer wären wir, der spanischen Regierung in ihre Politik reinzureden?

Anfällig für Geschwätz sind wir. „Ausgerechnet“ Donald Trump, quatschte am Donnerstag ausgerechnet „WELT ONLINE“, habe die „weltweit beste Klimabilanz“. Ausgerechnet! Beinahe wäre man ein bisschen wütend, aber dann bemerkt man noch rechtzeitig, dass dann auch Menschen im persönlichen Umfeld merken könnten, dass man manchmal „WELT ONLINE“ liest, und das gilt es unbedingt zu vermeiden. Grummeln wir also heimlich weiter! Andere Medien haben auch dumme Meldungen: Offensichtlich handelt es sich bei Liedern, die inzwischen seit Jahrhunderten zum volkstümlichen Liedgut gehören, um „SS-Lieder“, weil sie auch in SS-Liedbüchern auftauchten. Es möge „Backe, backe Kuchen“ niemals auf seinen politischen Hintergrund untersucht werden.

Neues hingegen wissen die Medien vom Spielgeld: Bitcoins sind in Deutschland unter Umständen illegal. Es ist ja nicht alles schlecht in der Blockchainforschung.

Es ist Montag und kein Pandabär ist zugegen. Stets zugegen wie rettend aber ist Musik.

Dungen – Häxan | The Furious Sessions en Sol de Sants Studios (Barcelona)

Guten Morgen.

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Kurzkritik: awakebutstillinbed – what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you

awakebutstillinbed - what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see youAls Bandwortfreund „guteshoerenistwichtig“ im Februar das Album „what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you“ (Amazon.de, TIDAL, Bandcamp) von awakebutstillinbed – manche eher ungeduldige Leute werfen mir vor, dass meine Sätze ihnen zu lang sind, aber für diesen hier kann ich nur teilweise etwas – anpries, blieb bei mir beim ersten Hören nur die Vermutung hängen, dass ich es mir vielleicht schönhören könnte. Den Versuch war es möglicherweise wert.

Das Quartett awakebutstillinbed („um Shannon Taylor“, als wäre die Aufgabe einer Musikgruppe lediglich die, dekorativ um die Sängerin herumzustehen) kommt aus Kalifornien und macht trotzdem ziemlich britische Musik. Von den Texten sehen wir mal ab, denn wer solche Musik („Post-Hardcore-Pop-Punk vielleicht“, ebd.) macht, dem liegt der Effekt näher als die Offenbarung. Das ist völlig in Ordnung, so lange der Effekt stimmt. Dass das erste Lied „Opener“ und das letzte „Closer“ heißt, wirkt insofern unbeholfener als es müsste.

awakebutstillinbed – fathers

Denn neben energischem Hard- („safe“) und fröhlichem Punkrock („life“, „fathers“, „closer“) mit heiserem Schreigesang einer- und sanftem Säuseln („stumble“) andererseits weisen die vier auch ein auffallendes Talent zu Singer-Songwritertum, wenn auch immer ein wenig brodelnd, auf und scheinen gegen gelegentliche Ausflüge in elektronisch-verspielte Regionen auch keine grundsätzliche Abneigung zu haben, was das erstaunliche „floor“, dessen Text man dann leider doch problemlos versteht, zu dem Lied auf dem Album macht, das mich dann doch noch mal reinhören ließ.

awakebutstillinbed – floor

Es gibt so Momente, in denen „what people call low self​-​esteem is really just seeing yourself the way that other people see you“ ungefähr exakt die Musik ist, die ich gerade zwecks Frustabbaus durchaus gutheißen kann. Die stilistisch trotz größerer Unterschiede nicht völlig anderswo zu verortenden Friends of Gas habe ich vor einem Jahr bereits entsprechend gewürdigt. Interessant ist das hier Gehörte daher durchaus und zumindest ein Album, das ich in meinem Bestand behalte. Man weiß ja nie, wann es mal wieder so Momente gibt.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Yes – Machine Messiah // Die Freiheit der Anderen

Deutsche Bahn (Symboleule)Es ist Montag. Die Deutsche Bahn AG („schon im Sommer an den Winter denken“, schreibt sie in einem Medienpaket; klar: wenn ich im August aus dem Fenster gucke, ist da auch kein Schnee) zeigt sich überrascht von Märztemperaturen im März und beugte sich dem „Wintereinbruch“ (bahn.de), indem sie den Betrieb einstellte. Andererseits: Wer will schon nach Leipzig? In Leipzig ist es immerhin ziemlich kalt und Pandabären gibt es dort auch nicht.

An einem anderen kalten Ort wurde gestern gewählt. Der neue russische Präsident ist der alte russische Präsident. Genau mein Humor: Diejenigen deutschen Medien, in deren Vorständen Funktionäre von CDU/CSU und/oder SPD sitzen, beklagen sich über eine große Einflussnahme des Staates auf die russischen Medien. Überraschungsarmut ist ihr Mittel. Was läuft im deutschen Fernsehen falsch, wenn mir schon zehn Minuten ohne Ton reichen, um eine Wette auf den Fortgang der Handlung abzuschließen? – Etwas überraschender sind dann doch die Finanznachrichten: Nicht mal die Lufthansa will den Berliner Flughafen noch haben. Und auch die SPD ist in Feierlaune, wie den einschlägigen Nachrichten zu entnehmen ist: Kurden fliehen vor deutschen Panzern – da sage noch mal jemand, die Sozialdemokratie habe nichts erreicht!

Am Speaker’s Corner gilt seit einiger Zeit anscheinend die Regel, dass nicht mehr alles, was nichts mit dem Königshaus zu tun hat, gesagt werden darf: Nachdem erst Martin Sellner mitsamt seiner Entourage ausgewiesen, dann Lutz Bachmann, von dessen Leben und Wirken man sicherlich manches halten kann, aber nicht muss, daran gehindert wurde, nach Großbritannien zu reisen, um dessen Rede zu übernehmen, wurde sie nun unter vielfachem Gekreische – denn so laufen „Debatten“ in der entpolitisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zumeist ab – von Tommy Robinson gehalten, der den Vorteil hat, selbst Engländer zu sein. Eine Gesellschaft, die es zulässt, dass ihre Regierung eine sonstwie offensichtlich bescheuerte Meinung als gesellschaftsfeindlich abtut und ihren Inhaber mit dieser Begründung des Landes verweist, wird sehr bald eine sehr unerträgliche Gesellschaft sein. Wem nützt eine Welt, in der jede Reibefläche hinter Mauern in den Köpfen verschwindet?

Auf „ZEIT Campus“ habe ich gestern gelernt, dass mit Kacke jeder etwas anfangen könne. Da ich das, was jeder tut, meist zu überbieten beabsichtige, beginne ich diese Woche mit Musik, die ganz besonders unkacke ist.

Yes – Machine Messiah – Live in Lyon 2009

Guten Morgen.

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Turbine Stollprona – Rosa Teil

Kann man schon Frühling?Es ist Montag. Wenn man diesen Satz oft genug liest, bekommt man spontan Lust auf Wochenende, also empfehle ich einfach weiterzulesen, statt nochmals zum Anfang zu springen. Je weiter man sich von einem geschriebenen Montag entfernt, desto balder ist er vorüber, wenngleich sein Ende zur Stunde noch auf sich warten lässt, als wäre es der noch immer zu seltene Nachwuchs eines Pandabären. Eine Woche sollte sowieso mit der Vorstellung von Pandabären beginnen. Ich erwäge das zu wiederholen.

Auf sich warten lässt auch die oft beschworene Onlinedemokratie, aber diejenigen, die behaupten, sie erfunden zu haben, die Grünen nämlich, wollen sie nicht mehr haben. Und warum wollen sie das nicht? Na, wegen der nicht quotierten Rednerlisten natürlich! – Einzig ihren natürlichen Partner ist es zu verdanken, dass es jemanden gibt, für den man sich noch mehr schämt: Abgeordnete der SPD haben ein Problem mit gezeigtem Rückgrat. An Überraschungen ist dieses noch junge Jahr kaum arm.

Der Unrechtsstaat Türkei präsentiert der kommenden Bundesregierung eine der zahlreichen Möglichkeiten, ihre Überwachungssoftware („Bundestrojaner“) unauffällig im Volk zu verteilen. Wenigstens wird das künftig nicht mehr so schnell gehen. Apropos Unrechtsstaat: In Großbritannien wird man neuerdings vorübergehend eingesperrt, weil man bekannt rechtsflügelig ist. Die politische Verschiebung Europas ist sicherlich nur ein bedauerlicher Zufall und nicht etwa bedingt durch einen totalitären Umgang mit Sokratikern.

Wir leben in einer Zeit, in der das von mir noch zu Beginn der nunmehr vergangenen Woche gescholtene Berlin beinahe wie ein Hort der Vernunft wirkt. Wenn dort auch sonst alles in Trümmern liegt: Die Musik trotzt der Brandung.

Turbine Stollprona – Rosa Teil

Guten Morgen.

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Kurzkritik: Bubblemath – Edit Peptide

Bubblemath - Edit Peptide1995 wurde in Minneapolis, von der Weltöffentlichkeit unter anderem wegen der bedauerlich fehlenden Vernetzung jener Tage kaum beachtet, die einigermaßen alberne Gruppe Bubblemath gegründet. Ihr Debütalbum „Such Fine Particles Of The Universe“ erschien 2001 und fand einigen Zuspruch für seine klangliche Nähe zu den sowieso überragenden echolyn.

Es dauerte bis 2017, bevor der Nachfolger „Edit Peptide“, mittlerweile von der gleichfalls überragenden Plattenfirma Cuneiform herausgegeben, eine Hörerschaft erschließen konnte, die sich inzwischen an das Wiederaufleben der verspielten Musik der 1970-er Jahre gewöhnt haben könnte. Der Titel des Albums – inzwischen sind wir bei Chemie statt Physik, nerdig möchte das Quintett aber offensichtlich weiterhin wirken – sieht auf dem Coverbild viel weniger seltsam aus als er klingt.

Bubblemath – Avoid That Eye Candy

Immer noch da sind auch nach 16 Jahren die Canterbury-Einflüsse mitsamt des verschachtelten Gesangs („Perpetual Notion“, „The Sensual Con“), der gelegentlich eine leicht angriffslustige Note hat. Für angenehmen Gesang habe ich ja, wie regelmäßige Leser wissen, eine wenig gut versteckte Schwäche. Mitunter wird sich am klassischen Progressive Rock – die Stücke haben treffenderweise Längen von bis zu 12:41 Minuten – wie auch am Sommerrock des letzten Jahrzehnts (Jeavestone) bedient. Ich finde das gut.

Bubblemath – The Sensual Con (Official Audio)

Bedauerlicherweise ist das Album gegenwärtig nur auf CD und als Download zu haben, jedoch würde ich annehmen, dass dieser Makel zu verschmerzen ist. Ein Genuss ist „Edit Peptide“ allemal.

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Kein Wort zu Patrick Gensings Musikgeschmack.

Moritz Tschernak vom ansonsten oft zumindest lehrreichen Metablog „BILDblog“ hat, möchte man beim Blick in die einschlägigen sozialen Netzwerke beinahe annehmen, einen Coup gelandet, indem er festgestellt hat, dass Julian Reichelt („BILD“) einen Tweet eines rechten Twitterers mit seinen Followern teilte, der hämisch (sinngemäß) kommentierte, dass es nicht unbedingt für Patrick Gensing („faktenfinder“, tagesschau.de) spreche, dass dieser bereits 2016 der vom mecklenburg-vorpommerischen Verfassungsschutz 2011 als „explizit anti-staatlich“ deklarierten Combo Feine Sahne Fischfilet eine gewisse Stilsicherheit nicht absprechen wollte, ohne sich dabei unbedingt auf die Texte zu beziehen.

Infolge der Veröffentlichung des Artikels entwickelte sich eine ziemlich langweilige und vorhersehbare Diskussion, die vor allem auf Twitter geführt wurde und sich darum drehte, ob man zum Gutfinden einer Musikgruppe deren vorrangig ausgedrückte Weltanschauung unbedingt teilen müsse; als wäre ein Hörer der Toten Hosen automatisch auch ein Partylöwe mit Affinität zu Bioläden, Alkohol und Reimverlust, als wäre ein Hörer von Philipp Poisel automatisch auch ein trauriger Langweiler, als wäre ein Hörer von Sebkha-Chott automatisch auch ein geisteskranker Franzose. Ich kann auch der einigermaßen linken Band FJØRT etwas abgewinnen und habe bisher dennoch noch nicht das Bedürfnis verspürt, ein (zumal in fremdem Besitz befindliches) Automobil in Flammen aufgehen zu lassen.

Nicht, dass die Gegenseite weniger kurz dächte: Moritz Tschernaks Artikel dreht sich maßgeblich um die Frechheit, dass ein hochrangiges Redaktionsmitglied eines Revolverblattes sich weigert, rechten Twitterern nicht allein deswegen keine weitere „Reichweite“ zu verschaffen, weil sie rechte Dinge, mitunter gar die Unwahrheit, publizieren. Leider schreibt der Autor nicht in seinen Artikel hinein, wessen Tweets stattdessen „geteilt“ werden dürfen – die vom „BILDblog“ und die von Feine Sahne Fischfilet vermutlich schon, aber welche noch? Zählt der Bote vor der Botschaft, ist der Himmel also grün, wenn ein Rechter ihn blau nennt, wie es tatsächlich aus linken Kreisen seit Jahren vorgeschlagen wird? Ist, was fast noch interessanter zu erfahren ist, der Musikgeschmack endlich erlaubterweise ein wesentlicher Faktor bei der Bewertung eines Menschen? Über wen sagt dieser Faktor was aus?

Fest steht: Weniger Wie und mehr Was täte dem politischen Diskurs in den „sozialen Medien“ mitunter gut. 2019 ist wieder ein bundesweites Wahljahr. Welche Musik hört eigentlich Andrea Nahles am liebsten? Ist das wichtig und wofür?

Ich warte einfach, bis die beiden sich für irgendwas entscheiden,
und solang hör ich Musik.
Die Ärzte: Worum es geht