KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2008 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 2 von 24 der Serie Jahresrückblick

Hallo, lie­be Diesleser,
schon wie­der ist ein hal­bes Jahr ver­gan­gen, 2008 neigt sich dem Ende zu. Ein guter Zeitpunkt ist’s also, recht­zei­tig zu den letz­ten Weihnachtsein­käu­fen eine abschlie­ßen­de Rückschau auf die Alben des Jahres sowie der letz­ten Jahrzehnte zu halten.

Wie immer kann ich natür­lich nur jene Alben in die Rückschau auf­neh­men, die mir vor­lie­gen und die mir aus­rei­chend ver­traut sind. Dennoch ist zu hof­fen, dass der eine oder ande­re von euch sich mit der Retrospektive aus­ein­an­der­setzt und womög­lich etwas ent­deckt, was ihm gefällt. Ergänzungen, sofern auf soli­der Kenntnis des Ergänzten beru­hend, sind natür­lich jeder­zeit willkommen.

Der Vollständigkeit wegen:
Einige Alben, die mir beim Anspielen zwar spon­tan gefie­len, über die ich jedoch noch kein aus­rei­chen­des Urteil fäl­len konn­te, feh­len aus eben­die­sem Grund. Lieber einen Qualitätskauf zu wenig als einen Reinfall zu viel in der Liste.

Da sich auch mein Musikgeschmack indes hin und wie­der wan­delt, sei dies­mal vor­weg erwähnt, dass die Nummerierung zwar durch­aus eine „Topliste“, jedoch kei­ne geord­ne­te dar­stellt. Das Kapitel „Deutschrock“ möch­te ich aus Gründen der Übersicht dies­mal auch geson­dert anfügen.
Für alles, was im Folgenden auf­ge­führt wird, kann ich jeden­falls glei­cher­ma­ßen den Kauf empfehlen.

Frohes Hören daher bei die­sen Tonträgern:

Teil 1: Diverse Genres

  1. Tindersticks - The Hungry Saw
    „And still we try to reach for what is gone tonight, and they’­re here“ (Yesterday’s Tomorrow)

    Die bri­ti­sche Band Tindersticks um Sänger Stuart A. Staples ist mit ihren Werken kaum bekannt, wird für bekann­te­re Gruppen wie Nick Cave & The Bad Seeds aller­dings gern als Vorbild zitiert.

    Dabei haben sie musi­ka­lisch kaum gemeinsam:
    Das Album The Hungry Saw ist alles ande­re als lär­mig, das Genre Rockmusik lässt sich kei­nes­falls auf es anwen­den. Die ursprüng­li­che Besetzung wur­de mit die­sem Album zur Hälfte auf­ge­löst, so dass Perkussion und Streicher, die das Album weit­ge­hend bestim­men, eine noch melan­cho­li­sche­re Stimmung als noch auf sei­nen ver­gleichs­wei­se fröh­li­chen Vorgängern ver­brei­ten. Der tie­fe, gebro­che­ne Gesang, der Gegner die­ser Musikrichtung (spon­tan kommt mir das Wort „Kammerfolk“ in den Sinn) mit­un­ter an eine nicht all­zu kind­li­che Version von Kermit dem Frosch den­ken las­sen mag, lässt den Hörer am Ende des Albums merk­wür­dig leer, aber auch befreit zurück.

    Auf jeden Fall ist eine Hörprobe zu emp­feh­len, zum Beispiel Yesterday’s Tomorrow auf YouTube.

  2. The Hold Steady - Stay Positive
    „I know you’­re pret­ty pis­sed, I hope you’ll still let me kiss you.“ (Magazines)

    Um die Stimmung, in der The Hungry Saw den Hörer hin­ter­lässt, wie­der zu erwär­men, hilft wie so oft ein wenig Indie-Rock.
    The Hold Steady aus New York wer­den bis­wei­len mit Bruce Springsteen ver­gli­chen, machen aber weit­aus mehr Spaß.

    Vergleiche sind schwie­rig zu zie­hen; The Hold Steady haben einen durch­weg eige­nen Stil, der sie von den übri­gen Vertretern der in der Regel recht ein­tö­ni­gen „Indie-Welle“ (Kaiser Chiefs und wie sie alle hei­ßen) erfreu­lich unterscheidet.

    Der Name des Albums ist Programm, so abge­schmackt dies auch klin­gen mag. Optimistische Texte über ver­schie­de­ne Aspekte des Lebens, gepaart mit abwechs­lungs­rei­chen Melodien, ver­brei­ten ein Feeling, das sich gewa­schen hat, aber hallo.
    (Ich hof­fe, die Parodie auf moder­ne Medien ist mir halb­wegs gelungen.)

    Hörproben:
    Amazon.de hat 30-sekün­di­ge Hörproben im Archiv.

    Leider bringt auch Stay Positive die unan­ge­neh­me Eigenart vie­ler „Indie“-Alben mit, dass sich beim drit­ten oder vier­ten Hördurchlauf der „Aha-“ bzw. „Oho-Effekt“ weit­ge­hend abge­nutzt hat. Damit kei­ne Langeweile auf­kommt, geht’s direkt wei­ter mit dem näch­sten Album:

  3. Sigur Rós - Með suð í­ eyrum við spilum endalaust
    „Allt gley­mist í smás­má stund og rætist samt, opna augun, ó nei!“ (Inní­ Mér Syngur Vitleysingur)

    Die Isländer mit dem eigen­ar­ti­gen Falsettgesang sind zurück, ohne jemals weg gewe­sen zu sein, und sie legen nach ihrem inzwi­schen drei Jahre altem Werk Takk… („Danke…“), das mit sei­ner gera­de­zu sprü­hen­den Fröhlichkeit - wie immer dies aus­se­hen mag - nach dem ele­gi­schen, nach­denk­li­chen Doppelalbum () einen Bruch im Stil des Quartetts dar­stell­te, einen Nachfolger vor, der dies kon­se­quent weiterführt.

    „Mit einem Brummen in den Ohren spie­len wir end­los wei­ter“, in der Tat, dies schei­nen sie zu tun:
    Wäre nicht der erste Teil des Albums mit den ein­gän­gi­gen Mitsumm-Melodien der selt­sam hei­te­ren Single Gobbledigook und des oben bereits zitier­ten Inní­ Mér Syngur Vitleysingur, so könn­te man die­ses Album in der Endlosschleife hören, ohne es direkt zu bemer­ken; bereits wenig spä­ter näm­lich brei­ten Sigur Rós wie­der ihre Klangwelten aus.

    Und da bei Sigur Rós, anders als bei vie­len die­ser ekli­gen Chartsmusiker, kein Album das glei­che ist wie sein Vorgänger, gibt es auch auf Með suð í­ eyrum við spilum enda­l­aust vie­le Details zu ent­decken. So wird zum Beispiel All Alright erst­mals auf (immer­hin schlecht ver­ständ­li­chem) Englisch into­niert; in Stück 7 (Ára Bátur) wirkt gar das Londoner Sinfonieorchester mit.

    Das (pas­sen­de) Titelfoto - eini­ge fröh­li­che Nackte in frei­er Natur - wur­de übri­gens kon­se­quent in das Video zu Gobbledigook über­führt. So ist auch für’s Auge was dabei.

    Hörproben:
    Auf YouTube.com gibt es die Videos zu Gobbledigook und Inní­ Mér Syngur Vitleysingur zu beäu­gen. Viel Spaß!

  4. Cog - Sharing Space
    „I don’t listen at all to the government“ (Swamp)

    Von schwe­ben­der Esoterik nun­mehr wie­der zurück zu erdi­gem Rock.
    Bezüglich der austra­li­schen Gruppe Cog ist den mei­sten Lesern die­ser Zeilen ver­mut­lich nur bekannt, dass ihr aktu­el­les Album, obwohl nicht mehr „brand­neu“, bei Amazon.de lächer­lich weni­ge Kundenrezensionen (zum Zeitpunkt des Verfassens exakt 1) hat und folg­lich kei­nen all­zu hohen Verbreitungsgrad zu haben scheint.

    Das ist durch­aus scha­de, denn Cog machen wirk­lich gute Musik. Das Gitarrengeschrammel fin­det nicht im Vordergrund, son­dern als Liedbegleitung statt, statt­des­sen haut der Schlagzeuger drauf, dass es kracht.
    (Das ist aus­nahms­wei­se nicht bild­lich gemeint.)

    Warum die eng­li­sche Wikipedia Cog als pro­gres­si­ve rock ein­stuft, wun­dert mich ein wenig; sich selbst nennt die Band schlicht eine Rockband. Ich wür­de zudem noch das Adjektiv „Independent“ dazu­packen, denn trotz aller Gefälligkeit: Im Radio lau­fen sie mei­nes Wissens nie.
    (Gegenbelege bit­te jeder­zeit zukom­men lassen!)

    Textlich haben Cog ein paar sehr gute Ideen parat - ein Beispiel habe ich oben zitiert -, und wer jetzt noch her­aus­fin­det, an wen mich der Sänger erin­nert, tut mir einen gro­ßen Gefallen. Ich kom­me nicht darauf.

    Hörproben:
    In ihrem MySpace-Profil kann man eini­ge Lieder von Cog gra­tis anhö­ren und mit der rich­ti­gen Technik auch her­un­ter­la­den.

    :)

    Eine Melange aus dem Gesang und der Fröhlichkeit von Sigur Rós und der Independent-Attitüde von Cog und The Hold Steady hat das fol­gen­de Album zu bieten:

  5. Portugal. The Man - Censored Colors
    „Lay me back down in the holes and the warm­th that we’­ve war­med up.“ (Lay Me Back Down)

    Ich ertap­pe mich selbst nur sel­ten dabei, Lieder im ÖPNV, in Mathematikvorlesungen und/oder wäh­rend der Körperreinigung mit­zu­sum­men, aber Lay Me Back Down ist ein ver­damm­ter Ohrwurm, seit Monaten schon. Das vom Feuilleton geprie­se­ne Vorgängerwerk Church Mouth war durch­aus auch recht nett, aber Censored Colors ist schlicht grandios.

    Das Eröffnungsstück (das nun schon mehr­fach erwähn­te Lay Me Back Down) führt, was heut­zu­ta­ge nicht mehr (?) all­zu selbst­ver­ständ­lich ist, tat­säch­lich in die Stimmung des Albums ein; es mag durch­aus sein, dass da der Überschwang aus mir spricht (und im Kopf den Refrain von Lay Me Back Down mit­summt), jedoch ist die sprich­wört­li­che Sonne, die beim Hören aus dem Gesäß des Konsumenten strahlt, noch eine fast zu blas­se Metapher.

    Der hohe Gesang wird ver­mut­lich an sich nicht jeder­manns Geschmack ent­spre­chen, aber er passt zur Musik. Mal im Ernst: Metal-Gegrunze zu Sommermelodien?

    Ein Amazon.de-Rezensent hat das Album übri­gens wie folgt bewertet:

    Wer in die Platte rein­hört, bemerkt schnell, dass es sich hier um eine Band mit einem unver­wech­sel­ba­ren Sound han­delt. Egal, ob sie lei­se­re Töne anschlägt, die an Cake, Deus, At-the-Drive-In erin­nert. Oder ob die Band 40 Jahre Rockmusik wie durch ein Kaleidoskop in völ­lig eigen­stän­di­ge, extrem tanz­ba­re Songstrukturen inte­griert. Dabei schafft es die Band immer wie­der, Tempo- und Stilwechsel inner­halb eines Stücks ohne jede Bruchstelle har­mo­nisch ein­zu­fan­gen. Viele der Songs wir­ken so wie Hymnen, die bei jedem Hören wach­sen und wachsen.

    „Tanzbar“ ist, wenn auch ein recht meta­pho­ri­scher Kunstbegriff, eins der bei­den Wörter, mit dem sich die­ses Album am besten zusam­men­fas­sen lässt. Das ande­re ist „fröh­lich“, aber das habe ich oben schon verbraucht.

    ;)

    Hörprobe:
    Es erscheint vor­aus­sicht­lich nur wenig über­ra­schend; als Hörprobe zu die­sem Album emp­feh­le ich das Video zu Lay Me Back Down auf YouTube.com. Mitsummen oder ent­rü­stet schlie­ßen; ihr habt die Wahl!

  6. The Ascent Of Everest - How lonely sits the city !Auch die Abschlussliste 2008 muss nicht auf ein wenig instru­men­ta­len Postrock ver­zich­ten. Das Leerzeichen vor dem Ausrufezeichen gehört, soweit mir bekannt ist, zum Titel des Albums und ist daher kein Schreibfehler.
    Wobei es doch schwer genug ist, beim Rezensieren die­ses Albums kei­ne Schreibfehler zu machen: Titel wie As the City Burned We Trembled for We Saw the Making of Their Undoing in Our Own Hearts und Mountains: c) Sing Out as Hope Rises With the First Breath of Dawn zei­gen, wo The Ascent Of Everest anzu­sie­deln sind. Auch die Genregrößen Mogwai, deren Musik The Ascent Of Everest sich oft nähern, sind dafür bekannt, ihren Stücken gern über­lan­ge Titel (ein Beispiel: I Love You, I’m Going To Blow Up Your School) zu geben.

    Da The Ascent Of Everest, von den Sprachfetzen in A Threnody For the Victims of November Second abge­se­hen, auf Gesang ver­zich­ten, kann man nur spe­ku­lie­ren, was die Titel zu bedeu­ten haben; aber ent­schei­dend ist, was drin ist.
    Und das ist eine gan­ze Menge.

    Die gen­re­ty­pi­schen Gitarrenwände, wie sie zum Beispiel Oceansize oder die von mir in der Halbjahresrückschau hoch bewer­te­ten Dear John Letter auf­bau­en, las­sen The Ascent Of Everest weit­ge­hend unauf­ge­baut, den­noch gibt es hier durch­schnitt­lich 10-minü­ti­ge Instrumentalorgien mit Crescendi und Decrescendi auf die Ohren.

    Damit man mich nicht falsch versteht:
    The Ascent Of Everest sind soli­der Postrock, wie man ihn kennt und toll fin­det. Nicht über­ra­gend gut, aber auch nicht über­ra­gend schlecht.
    Dieses Album ist viel­mehr reprä­sen­ta­tiv für die ande­ren Werke die­ser musi­ka­li­schen Schublade zu betrach­ten, die in die­sem Jahr erschie­nen, dar­un­ter auch The Hawk Is Howling von Mogwai, das in der Presse bereits aus­rei­chend, so mei­ne ich, gewür­digt wurde.

    Hörproben:
    Teile des Albums stellt die Band in ihrem MySpace-Profil zum kosten­lo­sen Hören bereit.

    Zusatztipp:
    Wer auch am Ende die­ses Jahres von die­ser Musikrichtung noch nicht genug hat, dem sei der Sampler 2008 der bei­den Labels Cavity Records und The Mylene Sheath ans Herz gelegt, auf dem unter ande­rem die gran­dio­se Band If These Trees Could Talk sich aus­to­ben darf.
    Mehr dazu unten.

Womit wir auch schon bei einer zen­tra­len Frage wären:
Am Jahresende ist oft kein Geld mehr für Tonträger übrig - was tun?

Kein Problem:

Teil 2: Kostenlos muss nicht schlecht sein

Radiohead haben es vor­ge­macht (In Rainbows), Marillion (ihr wisst schon, die mit Kayleigh) haben in die­sem Jahr mit dem Doppelalbum Happiness Is The Road nachgelegt:
Auch Musik, die man kau­fen kann, muss nicht teu­er sein.

Einer der für alle Beteiligten posi­ti­ven Effekte des Internets ist die Möglichkeit, die eige­nen Werke einem gro­ßen Publikum in kur­zer Zeit zugäng­lich zu machen.
Auch auf die Gefahr hin, dass die­se Vorgehensweise auch auf lan­ge Sicht wenig ein­träg­lich bleibt - Radius System, auf deren Album Escape / Restart ich zum ersten Halbjahr 2008 an die­ser Stelle hin­ge­wie­sen hat­te, haben sich mitt­ler­wei­le auf­ge­löst -, so bie­ten im Internet doch auch wei­ter­hin gute, jedoch weit­hin unbe­kann­te Bands ihr gei­sti­ges Eigentum frei an.

In die­sem Halbjahr sind mir (bzw. Peter) neben den unver­meid­li­chen Marillion vor allem die­se Gruppen aufgefallen:

  1. Hermelin - HermelinHermelin kom­men aus Hannover und machen - was auch sonst? - Post-/Alternative Rock. Dabei gehen sie reich­lich bis­sig zu Werke, was ich hier bereits vor einer Weile anmerk­te; sowohl die Postrockheroen Isis und Mogwai als auch die Noiserocker Sonic Youth sind erkenn­ba­re Inspirationen.Bezugsmöglichkeiten:
    Das Album kann man wahl­wei­se bei 12rec.net, der Plattenfirma der Band, oder bei eMule herunterladen.

    Wer mei­ne Begeisterung für Gitarrentürme resp. -stür­me nicht teilt, für den ist viel­leicht eher dies interessant:

  2. The Woodlouses - Life … And Simple PleasuresThe Woodlouses („die Kellerasseln“) kom­men aus Frankreich, aber das merkt man nicht.
    Ihre Musik beschrieb Peter folgendermaßen:

    Musikalisch wird ordent­lich aus­ge­teilt. Zwischen knacki­gen Alternative und noi­si­gen Gitarrensounds, catchy Melodien und rup­pi­ge Ausbrüche ist alles vor­han­den, was das Herz begehrt.

    Es wird erfreu­lich wenig gebratzt, statt­des­sen musi­zie­ren The Woodlouses irgend­wo zwi­schen The Velvet Underground, Oasis und Oceansize, zwi­schen Noise und Pop/Rock.
    Gefällt!

    Bezugsmöglichkeiten:
    Das Album gibt es auf der Webseite der Band als Gesamtpaket oder ein­zeln zum Herunterladen; bei eMule steht’s aber auch herum.

  3. Cavity Records / The Mylene Sheath - Sampler 2008Unter dem Stichwort The Ascent Of Everest erwähn­te ich die­se Kompilation bereits kurz.
    In Kürze: Es han­delt sich um eine Zusammenstellung von Stücken, deren Interpreten bei den Labels Cavity Records oder The Mylene Sheath unter Vertrag ste­hen, dar­un­ter auch bekann­te Gruppen wie Caspian und If These Trees Could Talk. Genre(s): Postrock und/oder Shoegazing. Kurz genug?

    Bezugsmöglichkeiten:
    Herunterladen kann man sich das Archiv von der Internetpräsenz von The Mylene Sheath oder bei eMule.

„Halt“, höre ich da die Stimmen auf den preis­wer­ten Plätzen ein­wen­den, „was ist mit der deut­schen Musik?“

Die Frage ist schnell beant­wor­tet, denn, wie ich ein­gangs anmerk­te, es folgt ein wei­te­rer Teil die­ses Beitrags:

Teil 3: Deutschrock

Im Jahr 2008 gab es natür­lich nicht nur viel Indie- und Postrock, son­dern auch soli­den Rock mit deut­schen Texten. Vier nicht üble Vertreter die­ser Gattung folgen:

  1. Sport - Unter den Wolken
    „Ohne Worte fällt das Sprechen schwer.“ (Der Schmerz)

    Die Hamburger Gruppe Sport, der auch Kante-Gitarrist Felix Müller ange­hört, habe ich, Asche auf mein ergrau­tes Haupt, in der Zeitschrift VISIONS zum ersten Mal zur Kenntnis genommen.
    Und das offen­bar durch­aus nicht zu früh: Schon das erste Lied Gehirnerschütterung über­trifft das offen­bar als melo­di­sche Inspiration die­nen­de Tag mit Schutzumschlag von Bela B. an Schlagkraft. Die Gehirnerschütterung ist indes kei­ne Folge über­trie­be­ner Leibesertüchtigung; viel­mehr dre­hen sich die Texte um Interhumanes wie das lei­di­ge Thema Liebe oder Zweifel. Und obwohl die­se Texte auch Ekelpopgruppen wie den Killerpilzen zuzu­trau­en wären, möch­te ich doch beto­nen: Hier wird sozu­sa­gen gerockt, ohne Luft zu holen.

    Auf Amazon.de heißt es in Originalorthografie:

    Über den Wolken muss die Freiheit wohl gren­zen­los sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blie­ben dar­un­ter ver­bor­gen, nerv­te einst Reinhard Mey. Das Hamburger Trio Sport beschäf­tigt sich natür­lich trotz­dem lie­ber mit dem Elend „Unter den Wolken“ und bohrt mit intel­li­gen­ten und kitsch­frei­en Texten in man­cher Wunde. Es geht um geschei­ter­te Sinsuche, Verlust, Depresssion.

    Hörproben:
    Reinhören kann man natür­lich eben­falls auf Amazon.de. Es ist eine gute Idee.

    Aber auch die schon län­ger eta­blier­ten Musiker waren 2008 recht produktiv:

  2. Farin Urlaub Racing Team - Die Wahrheit übers Lügen
    „Ich bin nur ein Mann, aber auch ich hab Gefühle; ich gebe gern zu, es sind nicht so vie­le.“ (Krieg)

    Nicht schlecht:
    Kaum ist die aktu­el­le Tour sei­ner Stammband Die Ärzte vor­über, geht Farin Urlaub wie­der ins Aufnahmestudio und spielt mit sei­ner per­sön­li­chen Begleitband, dem Racing Team, des­sen Name nun erst­mals auf dem Titelbild eines Studioalbums zu lesen lst, andert­halb neue Alben ein.

    Warum andert­halb?

    Nun, tat­säch­lich besteht das Album aus bei­na­he zwei Alben; das erste, grö­ße­re („Büffelherde“) besteht aus elf Rocksongs, unter ande­rem aus der Vorabsingle Nichimgriff, auf dem zwei­ten („Ponyhof“) gibt es vier Ska-Stücke zu hören.

    Der deut­lich­ste Unterschied zum vori­gen Studioalbum Am Ende der Sonne liegt, wie so oft, in den Texten:
    Von weni­gen Ausnahmen (u. a. Die Leiche) abge­se­hen kann man sich über die mei­sten von ihnen wie­der herr­lich amüsieren.
    „Der Papst sagt: In der Nase bohrn ist noch kein In-sich-gehn!“ (I.f.d.g.) - jawohl!

    (Alle Texte des Albums gibt es hier zum Lesen.)

    Über die Identität von Gobi Todic, des Titelhelden eines der Stücke, wird im Internet der­zeit auch viel­fach dis­ku­tiert. Ob er ein kom­mu­ni­sti­scher Kämpfer war oder eine fik­ti­ve Figur ist, ist mei­nes Wissens noch immer unge­klärt, das ist aber auch nicht Gegenstand die­ser Rezension. Das Lied indes gefällt mir.

    Dass das Stück Insel von der zwei­ten CD Seeed min­de­stens kopiert, wenn nicht gar pri­ma par­odiert, und der Refrain von Monster unfer­tig klingt, tut dem Gesamteindruck kei­nen Abbruch.
    (Zum Glück muss ich hier kei­ne Punkte vergeben!)

    Hörprobe:
    Das offi­zi­el­le Video zu Nichimgriff gibt es natür­lich auf YouTube.com, wo man mit ein wenig Geduld ver­mut­lich auch den einen oder ande­ren Mitschnitt ande­rer Lieder des Albums fin­den kann.

    ;)

    Und wer lie­ber Krach als Rock mag, dem kann natür­lich auch in die­sem Jahr gehol­fen werden:

  3. Die Toten Hosen - In aller Stille
    „Schau dich an, willst du unsterb­lich sein? Gott sei Dank: Leben ist töd­lich.“ (Leben ist tödlich)

    Das aktu­el­le Album der Punkrockgruppe Die Toten Hosen heißt In aller Stille und ist das neue­ste Album die­ser Rückschau, damit auch das, mit dem ich noch am wenig­sten ver­traut bin.
    Somit ist fol­gen­der Text ein rela­tiv unbe­darf­ter erster Höreindruck und beleuch­tet ver­mut­lich vie­le Bestandteile des Albums nur unzureichend.

    Ähnlich dem oben beschrie­be­nen Die Wahrheit übers Lügen des Herrn Farin Urlaub ist auch auf In aller Stille ein Stilwechsel zu hören.
    Obwohl das der­weil bereits vier Jahre alte Vorgänger-Studioalbum Zurück zum Glück eini­ge durch­weg gute Lieder bot (mein Favorit: Ich bin die Sehnsucht in dir), aber für das weit­ge­hen­de Fehlen der bekann­ten „Mitgrölhymnen“ viel­fach kri­ti­siert wur­de, blei­ben Die Toten Hosen, dies sei ihnen zuge­stan­den, auf dem ein­ge­schla­ge­nen Kurs.

    In der ersten Single Strom steckt viel Kraft, die mit weni­gen Ausnahmen auch dem Rest des Albums inne­wohnt. Von den eher ruhi­gen Nummern sticht Auflösen, ein Duett (mit einer Frau! Was ist pas­siert?), text­lich her­vor; bei den Ärzten wür­de solch ein Lied wie­der zu wochen­lan­gen Diskussionen dar­über füh­ren, ob das ein Zeichen für eine bevor ste­hen­de Trennung der Gruppe ist, herr­je. „Wenn wir uns jetzt auflösen…“

    Zudem auf­ge­fal­len sind mir Disco, unge­wohnt mit Discoklängen unter­legt, und Leben ist töd­lich, das text­lich auf Unsterblich vom gleich­na­mi­gen Album Bezug nimmt.

    Hörproben:
    Auf der Website der Toten Hosen gibt es der­zeit eine Sonderseite zum Album, auf der man auch Hörproben findet.

    Das ist noch zu wenig experimentell?

    Es folgt eine letz­te kur­ze Kaufempfehlung:

  4. 1000 Robota - Du nicht er nicht sie nicht
    „Du fragst dich sicher: Warum ver­schwen­dest du dei­ne Zeit?“ (Mein Traum)

    Auf die­se knuf­fi­gen Jungmusiker aus Hamburg (ich hof­fe, hier stim­men mei­ne Informationen) bin ich, wie so oft, bei den Schallgrenzen gestoßen.
    Und noch am 31. Oktober schrieb ich dort:

    ich weiß nicht.. werd mit denen nicht grün :)
    irgend­wo zwi­schen, hm, fehl­far­ben und toco­tro­nic, nur monotoner…

    Inzwischen muss ich die­se Kritik ein wenig abschwächen.
    Bei den von mir erlausch­ten Inspiratoren Fehlfarben und Tocotronic blei­be ich, hin­zu kommt aller­dings noch eine Prise Die Goldenen Zitronen (Mein Traum), und schon sieht das ganz anders aus und klingt auch im Unterbewussten viel angenehmer.

    Textlich und gesang­lich ist die Inspiration durch die Fehlfarben mei­nes Erachtens die deut­lich­ste, der größ­te Unterschied liegt dar­in, dass die Texte der 1000 Robota - wie schon die der oben erwähn­ten Sport - sich pri­mär um Interhumanes drehen.

    Freunde min­de­stens der Fehlfarben kön­nen einen Blindkauf wagen, für alle ande­ren gibt es eine Hörprobe:
    Das Lied 1234567 gibt es sei­tens der Plattenfirma Tapete Records gra­tis zum Herunterladen.

Teil 4: Rückschau

Auch dies­mal möch­te ich mei­ne Analyse des dies­jäh­ri­gen Musikkonsummarktes mit einer Rückschau auf die letz­ten 40 Jahre der Musikgeschichte schlie­ßen, wie immer von hin­ten nach vorn und wie immer ohne Anspruch auf all­ge­mein aner­kann­ten Musikgeschmack.
Ergänzungen sind natür­lich auch hier jeder­zeit gern gesehen.

  • Vor 40 Jahren:
    The Velvet Underground - White light / White heat

    1968 war ein über­aus pro­duk­ti­ves Jahr für die Rockmusik.
    Benebelt vom Sommer der Liebe tanz­ten die Blumenkinder zu den psy­che­de­li­schen Klängen von Listening und der bereits mit Klangcollagen arbei­ten­den West Coast Pop Art Experimental Band, die Beatles ver­öf­fent­lich­ten das selbst­be­ti­tel­te Doppelalbum, das heut­zu­ta­ge wegen sei­nes Covers meist das Weiße Album genannt wird, und in New York mach­ten sich The Velvet Underground, seit ihren ersten Auftritten im Rahmen der Schau Exploding Plastic Inevitable als Andy Warhols Todesschwadron bekannt, selbstständig.

    Das Album White light / White heat, erst­mals unab­hän­gig von ihrem ehe­ma­li­gen Mentor pro­du­ziert und somit auch ohne die von die­sem geför­der­te Sängerin Nico, ist das expe­ri­men­tell­ste Album der Gruppe geblie­ben. Ein gefäl­li­ges, radio­taug­li­ches Lied wie das wei­che Sunday Morning vom Debütalbum ist hier nicht zu fin­den, der Einsatz von Rückkopplungen und Verzerrung ist sogar noch ver­stärkt wor­den. Einzig auf Here She Comes Now, das auch von Nirvana sein könn­te, hal­ten sich die vier Musiker ein wenig zurück, den­noch klingt auch die­ses Stück, als wür­de jeder­zeit der Ausbruch erfol­gen. Die Abblendung mag dann doch über­ra­schend scheinen.

    The Gift, von mir im Zusammenhang mit Nick Cave schon ein­mal erwähnt, ist eine Kurzgeschichte über ein Liebespaar, an deren Ende - natür­lich - Blut fließt. Das Titelstück White light / White heat hin­ge­gen ist Avantgarderock ähn­lich European Son vom Erstalbum.

    Der Höhepunkt der sechs durch­weg - für dama­li­ge Verhältnisse - bru­ta­len kako­pho­ni­schen Krachorgien ist das abschlie­ßen­de, über 17 Minuten lan­ge Sister Ray, des­sen sur­rea­li­sti­scher Text von Drogen, Mord und Transvestitismus handelt.
    Kleiner Ausschnitt gefällig?

    Cecil’s got his new pie­ce, he cocks and shoots bet­ween three and four,
    he aims it at the sailor, shoots him down dead on the floor.
    „Aw, you should­n’t do that!
    Don’t you know you’ll stain the carpet?
    Don’t you know you’ll stain the carpet?
    And by the way man, have you got a dollar?“

    Durchaus har­ter Stoff im Jahr der Liebe, die gewoll­te Provokation hat ihr Ziel indes sicher­lich nicht verfehlt.
    Leider warf Lou Reed den eher avant­gar­di­sti­schen John Cale noch im sel­ben Jahr aus der Band, so dass die Nachfolgealben aus künst­le­ri­scher Sicht ver­gleichs­wei­se belang­los blieben.
    Das Erbe der radi­ka­len The Velvet Underground bleibt jedoch bis heu­te in Bands wie Joy Division, Sonic Youth und vie­len ande­ren erhalten.

  • Vor 30 Jahren:
    The Rolling Stones - Some Girls

    1978 war, bedingt auch durch den Aufstieg des Punk, außer dem Progressive Rock erst­mals auch eine wei­te­re bis dahin popu­lä­re Musikrichtung im Abwind:
    Die Gegner der Disco-Kultur kri­ti­sier­ten die ver­gleichs­wei­se bana­len Texte und die ein­falls­lo­sen Rhythmen. Bis die Initiative „Death to Disco“ um den DJ Steve Dahl sich for­mie­ren soll­te, dau­er­te es noch ein Jahr. Bis dahin blieb Bands wie den Rolling Stones wie auch zahl­lo­sen frü­hen Metalbands die Wahl, sich mit der neu­en Jugendkultur zu arran­gie­ren oder sie zu ignorieren.

    The Rolling Stones ent­schie­den sich für erste­res; auf dem Album Some Girls fin­den sich neben dem bekann­ten Beast of Burden auch zwei eher unty­pi­sche Stücke:

    Während Shattered durch Mick Jaggers Sprechgesang auf­fällt und sich somit musi­ka­lisch wie auch text­lich zwi­schen Funk und frü­hem Rap bewegt, stellt Miss you mit sei­nem mar­kan­ten Bass, den mehr­stim­mi­gen Chören und dem Saxofonsolo eine Verbeugung vor der Discomusik dar.

    Wieso die­ses Album regel­mä­ßig als einer der schlech­te­sten Stones-Tonträger bewer­tet wird, ist für mich unbegreiflich.
    Es ist mein per­sön­li­cher Favorit.

  • Vor 20 Jahren:
    The Fall - The Frenz Experiment

    1988: Das Jahrzehnt der Retortenmusik ist fast vor­über. Dass Video Killed The Radio Star des New-Wave-Duos The Buggles, das die Ära des Musikfernsehens ein­läu­te­te, von einem Album des Titels The Age of Plastic stammt, war im Nachhinein ein Wink des Schicksals.

    Bereits zwölf Jahre zuvor wur­de die Avantgarde-Rock-Band The Fall gegrün­det, die sich ähn­lich wie ihre musi­ka­li­schen Vorbilder The Velvet Underground durch expe­ri­men­tel­len Noise Gehör verschafften.

    Im Jahr 1988 erschie­nen zwei Alben, deren erstes den Titel The Frenz Experiment trägt und sich gegen­über ande­ren Werken der Band dadurch unter­schei­det, dass man die ver­zerr­ten Texte des Sängers Mark E. Smith ver­ste­hen kann.

    ;)

    Dass The Fall trotz allen Anspruchs bis heu­te weit­ge­hend unbe­ach­tet blei­ben, konn­te auch John Peel, der beken­nen­der Anhänger der Band war, nur wenig beein­flus­sen. Schön ist’s jeden­falls zu wis­sen, dass der Avantgarde-Rock sich nicht von zeit­wei­li­gen neu­en Musikströmungen ver­drän­gen ließ und lässt.

  • Vor 10 Jahren:
    J.B.O. - Meister der Musik

    Das Ende der 90-er Jahre hat­te außer ekli­gem Kindergeburtstags-Pop wie Aqua und Blümchen auch die Wiederentdeckung des Progressive Rock durch Bands wie Echolyn im Gepäck; dies aller­dings ver­lief zunächst weit­ge­hend unbemerkt.

    Und so ist es hof­fent­lich auch wenig erstaun­lich, dass ich die musi­ka­li­sche Entwicklung der 90-er Jahre dies­mal am Beispiel des Albums Meister der Musik der frän­ki­schen Metalkomiker J.B.O. auf­zei­gen möchte.

    Mit Meister der Musik nah­men J.B.O. ihr vor­erst letz­tes Album mit wenig anspruchs­vol­len, aber durch­weg sau­kom­i­schen Coverversionen bekann­ter Musikstücke auf; der Nachfolger Sex Sex Sex fiel eher durch sei­ne gro­tesk erschei­nen­de Death-Metal-Attitüde (Ein klei­ner Vampir) als durch Fäkalhumor auf.

    Aber zurück zu Meister der Musik:
    Dieser Tonträger ent­hält tat­säch­lich alles, was man von J.B.O., deren Schlumpfozid im Stadtgebiet wie auch das Album Explizite Lyrik weni­ge Jahre zuvor auf Jugendpartys recht ver­brei­tet schien, zu erwar­ten hat­te. Metallica wur­den auf dem Werk, das auch eine Art „Rahmenhandlung“ beinhal­tet, eben­so par­odiert wie Mike Oldfield und ande­re Musikanten diver­ser Stile.

    So zotig Meister der Musik aller­dings auch sein mag:
    Es ist vom musi­ka­li­schen Aspekt über­aus gelun­gen und, ver­gli­chen mit Gruppen der Art Knorkator oder Donald Dark, sicher nicht die schlech­te­ste Trinkfeierbeschallung.

Mit die­ser illu­stren Liste von Tonträgern endet nun­mehr also mei­ne Musikrückschau 2008.
Bei aus­rei­chend Zuspruch gibt es 2009 eine neue.

Auf dann!

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Senfecke:

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