KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2009 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 3 von 23 der Serie Jahresrückblick

Liebe Leser,

das Jahr 2009 ist nun­mehr nicht mehr ganz neu, und so hat­ten wil­li­ge Musiker bereits viel Zeit, neue vor­treff­li­che und weni­ger vor­treff­li­che Klänge zu pro­du­zie­ren. Wie bereits vor unge­fähr einem Jahr und ein hal­bes Jahr spä­ter möch­te ich auch heu­te beson­ders beein­drucken­de Musikalben, die in die­sem Jahr ver­öf­fent­licht wur­den, bewer­ben und anschlie­ßend ein wenig auf die Musikgeschichte der ver­gan­ge­nen 40 Jahre eingehen.

Für jedes die­ser Alben kann ich eine kla­re Blindkaufempfehlung an all jene aus­spre­chen, die sich von der kur­zen Rezension ange­spro­chen füh­len. Die Hörproben, die ich zu jedem Album mög­lichst adäquat zu lie­fern ver­su­che, sind nur für die­je­ni­gen geeig­net, die sich zu sol­chen Entscheidungen nicht durch­rin­gen kön­nen; ihre vol­le Wirkung ent­fal­ten aber fast alle Alben in die­sem Beitrag nur im Kontext des gesam­ten Tonträgers.

Als Besonderheit kom­men dies­mal auch die­je­ni­gen Alben ins Gespräch, die das Feuilleton zwar für kau­fens­wert hält, mich per­sön­lich jedoch eher ent­täuscht haben. Dies soll als Anregung zur Kritik ver­stan­den wer­den; ich kann hier, wie so oft, nur nach mei­nem per­sön­li­chen Geschmack urtei­len, bin mir aber wohl bewusst, dass Geschmäcker gera­de in Bezug auf Musik und -stil­rich­tun­gen stark dif­fe­rie­ren. Sollte also jemand sich von einem hier beschrie­be­nen Album ein völ­lig ande­res Bild gemacht haben, nur her damit! Der Meinungsvielfalt kommt es alle­mal zugute.

Nun jedoch wün­sche ich allen Interessierten erst ein­mal viel Spaß auf der ersten Reise durch das Musikuniversum 2009:

Teil 1: Rock, Rock, Rock.

  1. Wobbler - Afterglow

    Von der nor­we­gi­schen Band mit dem durch die Bewegungen von Fischködern inspi­rier­ten Namen Wobbler hat man recht lan­ge nichts gehört; das Vorgängeralbum Hinterland erschien 2005 auf dem Höhepunkt der so genann­ten „Retro-Prog“-Welle, also der musi­ka­li­schen Richtung, die sich an den Progressive-Rock-Bands der 60-er und frü­hen 70-er Jahre wie Genesis und Gentle Giant ori­en­tiert. Nun, vier Jahre spä­ter, erscheint das von Anhängern des Genres schon lan­ge erwar­te­te Nachfolgealbum, das neu auf­ge­nom­me­ne Stücke ent­hält, die inzwi­schen vor 10 Jahren (also 1999) geschrie­ben, aber nicht ver­öf­fent­licht wur­den und von denen es in den ver­gan­ge­nen Jahren bereits eini­ge Demoaufnahmen zu hören gab.

    Die Tatsache, dass Wobbler eine Instrumentalband sind, auf Gesang also wie auch auf dem Debütalbum mit Ausnahme zwei­er kur­zer Gesangspassagen in „Imperial Winter White“ voll­stän­dig ver­zich­tet wird, mag zunächst unge­wöhn­lich erschei­nen, stört aber nicht; eher im Gegenteil: Die Mellotron- und Bassläufe bau­en Spannungsbögen auf, zu denen die Gitarren und Flöten sich gegen­sei­tig Geschichten zu erzäh­len schei­nen - Jethro Tull und die frü­hen King Crimson las­sen deut­lich ihre Einflüsse hören.

    Von King Crimson und den oben bereits erwähn­ten Gentle Giant stam­men auch die ver­zerr­ten Gitarren, die die male­ri­sche Stimmung hin und wie­der in ein Gewitter ver­wan­deln, aber nie­mals stö­ren. „In Taberna“, das strecken­wei­se von Flöten und Cello domi­niert wird, erin­nert gar an das durch eine impo­san­te Weihnachtsbeleuchtung bekannt gewor­de­ne „Wizards in Winter“ vom Trans-Siberian Orchestra.

    Störend sind auf die­sem Album allen­falls die drei kur­zen Lieder - bis zu drei Minuten lang, was ange­sichts der bei­den „Hauptstücke“ von 15 bzw. 13 Minuten Länge kaum ins Gewicht fällt -, die die unab­hän­gig von­ein­an­der geschrie­be­nen Stücke wohl mit einer Art „Rahmenhandlung“ ver­se­hen sol­len, was aber mei­nes Erachtens gründ­lich misslingt.

    Einsteigern in das Retro-Prog-Genre und jenen Zeitgenossen, die den Neo-Prog-Einheitsbrei von Bands wie den Flower Kings nicht mehr hören kön­nen, ist die­ses Album zu emp­feh­len; auch Freunde der oben als Vergleich her­an­ge­zo­ge­nen Gruppen kön­nen hier einen spon­ta­nen Kauf wagen.

    Alle ande­ren Interessierten fin­den im Internet Hörproben:
    Auf MySpace.com gibt es bspw. den Viertelstünder „Imperial Winter White“ eben­so zu hören wie das abschlie­ßen­de „Armoury“.

  2. 65daysofstatic - Escape from New York

    Bleiben wir im instru­men­ta­len Bereich, wech­seln aber das Genre: Als ich mir die­ses Album zuleg­te, war ich, zuge­ge­ben, ange­trie­ben von zahl­rei­chen Rezensionen, die für das neue­ste Werk von 65daysofstatic eine unbe­ding­te Kaufempfehlung aus­spra­chen. Gleich beim ersten Titel, „Drove Through Ghosts To Get Here“, ein ver­mut­lich über­rasch­ter Gesichtsausdruck mei­ner­seits: Anschwellender Applaus, Gejohle - ah, ein Livealbum! Nun ist der instru­men­ta­le, sphä­ri­sche Postrock, den 65daysofstatic gekonnt fabri­zie­ren, eine Musikrichtung, die beson­ders live, also ohne nach­träg­li­che Glättung mit­tels Studiotechnik, ihre Stärken aus­spie­len kann, und erfreu­li­cher­wei­se ist hier, anders als bei vie­len Liveaufnahmen ande­rer Bands, die Musik im Vordergrund zu hören, nur sel­ten von Ovationen beglei­tet, die aber den Hörgenuss kei­nes­falls trüben.

    Die Übergänge zwi­schen den ein­zel­nen Stücken sind flie­ßend, so dass der Eindruck eines ein­zel­nen Stückes ent­steht, wenn­gleich zwi­schen den Gitarrenwänden immer wie­der Überraschendes her­vor­blitzt; wer schon immer mal wis­sen woll­te, wie es klän­ge, spiel­te man Techno mit Instrumenten statt Computern, sieht die­sen Wunsch im zwei­ten Stück („No Use Crying Over (Some Techno)“) erfüllt: Nicht schlecht, wür­de ich sagen.

    65daysofstatic spie­len hier ein groß­ar­ti­ges Konzert, auf dem auch Stücke wie „Primer“ nichts von ihrer Atmosphäre ver­lie­ren. Der Schlussapplaus nach „A Failsafe“ wirkt gera­de­zu befrei­end. Kopfhörer wärm­stens empfohlen!

    Hörproben:
    Einen Eindruck von der Spannung, die 65daysofstatic erzeu­gen, ver­mit­telt unter ande­rem das offi­zi­el­le Video zu „Drove Through Ghosts To Get Here“; ein Livevideo („Radio Protector“, auch auf dem Album ent­hal­ten) gibt es auf der Website der Band zu sehen.

  3. Obscura - Cosmogenesis
    „Each step is infi­ni­te, each step sub­li­me.“ (Choir of Spirits)

    Ich bin mir auch beim Schreiben die­ser Zeilen noch nicht ganz sicher, ob ich für die­ses Album eine Empfehlung aus­spre­chen soll; immer­hin han­delt es sich um Death Metal (Death Metal!), stil­echt mit Gegrunze und wüstem Gitarrenschrammeln und damit für einen melo­die­lie­ben­den Musikfreund eigent­lich völ­lig ungeeignet.

    Eigentlich aller­dings ist die Musik, die die deut­schen Progressive-Death-Metaller Obscura auf die­sem Album spie­len, weit­aus viel­schich­ti­ger, als das Genrekorsett des Death Metals zunächst ver­mu­ten las­sen könn­te („Mann schlägt Katze mit wahn­sin­ni­ger Geschwindigkeit auf eine Mülltonne“, die übli­chen Klischees sind ja bekannt). Bei Cosmogenesis, des­sen Energie bis­wei­len mit der von Bands wie Cynic und Necrophagist ver­gli­chen wird, han­delt es sich text­lich um ein Konzeptalbum zum Thema „Das Universum und wir“, wie bereits der grie­chi­sche Titel („Entstehung des Universums“) erah­nen lässt.

    Auch musi­ka­lisch birgt die­ses Album mehr Anspruch als nur Gitarrenlärm und Gebrüll, was mei­ne Einleitung viel­leicht sug­ge­riert; das Wort „Progressive“ deu­tet es ja schon an: Die bei­den Gitarren spie­len kom­ple­xe Melodiebögen und der Bassist beweist, dass auch in die­sem gitar­ren­do­mi­nier­ten Genre ein Basssolo Platz fin­den kann. Ein Amazon.de-Rezensent nann­te den Stil die­ses Albums Jazz-Death und liegt damit gar nicht mal falsch. Tatsächlich besitzt Cosmogenesis ein durch­weg hohes Niveau und ist trotz der natur­ge­mäß nicht son­der­lich abwechs­lungs­rei­chen Growls melo­diö­ser als so man­ches, was sich in der Hitparade findet.

    Die Texte des Albums sind hier nach­zu­le­sen; wer einen meta­pho­ri­schen Kopfsprung ins kal­te Wasser bevor­zugt, dem sei­en die Hörproben angetragen:
    Auf YouTube.com ist ein Video zum Eröffnungsstück „Anticosmic Overload“ zu sehen, mit dem so ziem­lich alle weit­hin bekann­ten Metalklischees bedient wer­den. Das Instrumentalstück „Orbital Elements“ ist dort eben­falls zu hören.

  4. Zu - Carboniferous

    Ein anstren­gen­des Album von Anfang an. Das ein­lei­ten­de Stück „Ostia“ wird mit Schlagzeug und elek­tro­ni­schem Brummen ein­ge­lei­tet und erst nach etwa drei­ein­halb Minuten von einem plötz­li­chen schril­len Quietschen unter­bro­chen, des­sen erzeu­gen­des Instrument bis zum Ende des Stückes eine immer wie­der­keh­ren­de, schril­le Melodie zu wil­dem Schlagzeug und besag­tem Brummen spielt. Ähnlich beginnt auch das Nachfolgestück „Chthonian“, bei dem jedoch schon kurz nach Beginn ver­zerr­tes Gitarrenbrat­zen ein­setzt und nach einem ruhi­ge­ren Zwischenteil fort­ge­führt wird.

    Hier wird schon die Richtung des Albums deut­lich: Förmlich aus jeder Sekunde auf Carboniferous weht der sprich­wört­li­che Geist von King Crimson, ins­be­son­de­re der ConstruKction“-Phase mit dem vier­ten Teil des inzwi­schen ins­ge­samt über 30 Jahre alten „Larks‘ Tongues in Aspic“. Dennoch schaf­fen Zu es, eige­ne Akzente zu set­zen; sei­en es Kleinigkeiten wie die ver­zerr­ten Sprachfetzen in „Soulympics“, das, zudem mit sei­ner Basslastigkeit, an die frü­hen Mr. Bungle, deren Sänger Mike Patton übri­gens tat­säch­lich hier mit­wirkt, oder eine durch­ge­dreh­te Version der Nine Inch Nails (zu Fragile-Zeiten) erin­nert, oder das fol­gen­de „Axion“, das auch im Repertoire von Black-Metal-Bands Platz fän­de, wären da nicht die schrä­gen Momente, die uner­war­te­ten Brüche mit­ten im Stück.

    Zum Glück haben Zu auch dar­auf ver­zich­tet, einen Sänger zu enga­gie­ren; so ist in die­sem Jahr zwar eine Häufung an Instrumentalalben in die­ser Liste zu fin­den, jedoch blie­be über all dem elek­tro­ni­schen Gitarren- und Bassbrummen kaum Platz für Texte, zumal für pas­sen­de. Die Silbeneinwürfe in „Mimosa Hostilis“ zei­gen, dass Gesang in jed­wel­cher Form hier nur als schmücken­des Beiwerk dien­lich wäre und selbst dann eher stö­rend wirkt - zu fra­gil sind die hier gleich­sam in oder aus Stein gehaue­nen Werke kon­stru­iert worden.

    Carboniferous ist, das schrieb ich anders­wo, das beste Album, das die aktu­el­le Inkarnation von King Crimson nie auf­ge­nom­men hat, und eine unbe­ding­te Kaufempfehlung für Freunde des impro­vi­sier­ten Progressive Rocks, die gegen eine etwas här­te­re Gangart nichts ein­zu­wen­den haben, und Metalanhänger, die neue Herausforderungen suchen; wer die in obi­gem Text genann­ten Vergleichsgruppierungen mag, soll­te eben­falls einen Kauf erwägen.

    Ansonsten blei­ben als Hörproben eini­ge Stücke aus dem Album auf der MySpace-Seite der Band. Für mich schon jetzt ein Anwärter auf das Album des Jahres 2009.

  5. Cheer-Accident - Fear Draws Misfortune

    Die RIO-Band Cheer-Accident musi­ziert nun bereits seit 1981 mit­ein­an­der, ist hier­zu­lan­de aber erst mit ihrem Auftritt in Würzburg im ver­gan­ge­nen Jahr auf ein brei­te­res Auditorium gesto­ßen; eigent­lich höchst scha­de ange­sichts des hohen Unterhaltungswertes, den die mei­sten ihrer bis­he­ri­gen Tonträger zwei­fels­oh­ne besitzen.

    Zwar ist Cheer-Accident kei­ne Instrumentalband, aller­dings ist auch bei ihnen der Gesang, den dies­mal unter ande­rem Carla Kihlstedt von der RIO-Metal-Band Sleepytime Gorilla Museum bei­steu­ert, im Vergleich zum Vorgängeralbum What Sequel? stark redu­ziert wor­den. Ein adäqua­ter Nachfolger zu dem von mir innig ver­ehr­ten „Crazy“, des­sen Refrain aus schier end­lo­sen Wiederholungen eben­die­ses Wortes besteht, ist hier das eröff­nen­de „Sun Dies“, das von der Canterbury-Größe Egg, aber auch von Gentle Giant inspi­riert zu sein scheint; man ver­glei­che deren „Proclamation“ ein­mal mit die­sem Stück („Hail… hail…“ wird hier zu „Live… live…“).

    Eine sti­li­sti­sche Einordnung ist daher auch hier nicht leicht zu tref­fen. Gegenüber sol­cher­lei Personen, die musik­hi­sto­ri­sche Schubladen bevor­zu­gen, wür­de ich Cheer-Accident als Canterbury-Freejazz-Rock beschrei­ben und der Band, die jedem Album neue Akzente hin­zu­zu­fü­gen weiß, noch immer Unrecht tun. Lassen wir also eine zwei­te Meinung zu Wort kommen:

    Cheer-Accident bie­ten flot­ten Kammerprog, der kein biss­chen düster aus den Boxen pol­tert, gemischt mit retro­p­rog­gi­gen Crimson-Reminiszensen (gera­de bei der Gitarrenarbeit) und sogar ein biss­chen Pop-Appeal in den Melodien. Das Ganze ist far­big und reich­hal­tig instru­men­tiert. Die diver­sen Bläser und gele­gent­li­che har­te Pianoläufe sor­gen für aller­lei ange­jazz­te Momente. Das gemein­sa­me Touren mit Sleepytime Gorilla Museum hat offen­sicht­lich nicht nur die­se beein­druckt (Nils Frykdahl schwärm­te am Rande eines Konzerts in Würzburg in höch­sten Tönen von Cheer-Accident), son­dern eben auch umge­kehrt. So hat ein biss­chen was der Anarcho-Metal-Attitüde von SGM Eingang in die Musik auf „Fear Draws Misfortune“ gefun­den, so dass es schon mal kra­chig-laut wird. Aber immer mit einem Augenzwinkern, denn Cheer-Accident neh­men offen­sicht­lich nichts all­zu ernst. Wavige Klänge, ein biss­chen Elektronik und indu­stri­ell-schlei­fen­de Sounds run­den den Klangcocktail ab. Der dün­ne, hohe Gesang hat schon das Debüt beglei­tet und das ist auch hier so. Daran ändern auch die GastvokalistInnen nicht viel, außer, dass es ab und zu exal­tier­ten Chorgesang zu hören gibt (viel­leicht auch hier eine klei­ne Verbeugung vor SGM). Aber irgend­wie stört das in die­sem Gebräu auch über­haupt nicht.

    Besser hät­te ich es nicht aus­drücken kön­nen, und so bleibt mir nur ein Verweis auf die Hörproben:
    Klangbeispiele aus ihrem bis­he­ri­gen Œuvre bie­tet die Band gra­tis auf ihrer Website an.
    Viel Spaß!

  6. The Rifles - The Great Escape
    „Who knows what’s around the bend / Stay up, get drunk with all your best friends“ (The Great Escape)

    Nicht, dass es heißt, ich kon­su­mie­re nur schier unhör­ba­ren Lärm; 2009 hat natür­lich auch ker­ni­gen Rock zu bie­ten, zum Beispiel von der eng­li­schen Indie-Rock-Band The Rifles. Angeblich von Igittigitt-Britpopgruppen wie Blur und den Punkrockern von The Clash geprägt, ist von erste­ren zum Glück und von zwei­te­ren lei­der nur wenig zu hören.

    Die Inspirationen von The Rifles sind weit dif­fe­ren­zier­ter her­aus­zu­hö­ren: „For The Meantime“ erin­nert bereits in den ersten Takten an Balladen der Beatles (ins­be­son­de­re „Penny Lane“ und „For No One“), wäh­rend „Sometimes“ ein veri­ta­bler Rocker im Stile der Kaiser Chiefs ist und das radio- und chart­taug­li­che Titelstück „The Great Escape“ mit dem ein­gän­gi­gen Refrain musi­ka­lisch noch am ehe­sten The Clash nahe kommt, aber ohne deren Rotzigkeit zu kopie­ren (man stel­le sich vor, Franz Ferdinand wür­den sie covern, dann erhält man unge­fähr die­ses Lied).

    Sicher, hier und da schim­mern Oasis und Konsorten durch, zum Beispiel in „Out in the Past“. Dennoch bleibt die­ses Album soli­de Arbeit und ist ein Probehören auf jeden Fall wert.

    Einige Hörproben als Audio und Video hat der mul­ti­me­dia­le Internetauftritt der Band zu die­sem Zweck im Angebot.

  7. The Pains of Being Pure at Heart - The Pains of Being Pure at Heart
    „But you’­ve got litt­le left to give / His touch is not a thing you’ll ever miss“ (A Teenager in Love)

    Die Band mit dem spre­chen­den Namen The Pains of Being Pure at Heart hat 2009 ihr Debütalbum ver­öf­fent­licht und klingt fast genau so, wie man sich Musik einer Band vor­stellt, die The Pains of Being Pure at Heart heißt, also nach einer Stilmixtur aus Belle and Sebastian und den bra­vou­rö­sen The Raveonettes. Auch text­lich wagt man kei­ne Experimente, im Wesentlichen beschrän­ken sie sich auf Texte zum Thema Liebe.

    Dies ist aber kei­nes­falls als har­te Kritik zu ver­ste­hen: The Pains of Being Pure at Heart betre­ten zwar kein Neuland, lie­fern aber soli­de Arbeit für auf­ge­schlos­se­ne Hörer, die gegen hand­werk­lich gut gemach­ten Indie-Pop (aus­ge­schrie­ben also „Independent Popular Music“, was nach einem Widerspruch aus­sieht, aber kei­ner ist, wenn man „Popular Music“ in die Grenzen natio­na­ler Hitparaden ver­weist und mit „Independent“ einen Stil bezeich­nen will, der mit dem Hitparadenpop alber­ner Hupfdohlen wie Hannah Montana nun mal so ziem­lich gar nichts zu tun hat; aber ich schwei­fe ab, bit­te um Verzeihung und gelo­be Besserung) nichts ein­zu­wen­den haben.

    Prima Musik zum neben­bei Hören, weni­ger träu­me­risch als Kingsbury, weni­ger anstren­gend als The Raveonettes und weni­ger spar­ta­nisch als The Kills, dabei mit jeder die­ser Bands ein biss­chen ver­gleich­bar. In der Liste der eige­nen Einflüsse sind Namen wie The Ramones und My Bloody Valentine zu lesen, aber dar­aus soll­te man kei­nes­falls ver­su­chen sich die Musik die­ser Band vor­zu­stel­len; viel zu melo­disch ist hier der Gesang, viel zu vie­le Stileinflüsse wer­den vermengt.

    Besser ist es, man greift zu den Hörproben:
    Das MySpace-Profil der vier Musiker ent­hält eini­ge Stücke des Albums zum kosten­lo­sen Gutfinden.

  8. Mando Diao - Give Me Fire
    „I will soon come visit you / and talk about the time we had tog­e­ther / and our town is fil­led with tears“ (Crystal)

    Ich geste­he: Mando Diao kann­te ich bis­lang nur als eine der zahl­lo­sen skan­di­na­vi­schen Indierockbands, die wäh­rend der hie­si­gen Indierockwelle in den Medien hin und wie­der zu sehen, zu hören und zu lesen waren, denen ich aber bis­lang kaum Beachtung geschenkt habe; im Regelfall (vgl. zum Beispiel Franz Ferdinand) trifft die­ses sich jeweils recht ähn­lich anhö­ren­de, text­lich anspruchs­lo­se Geschrammel mei­nen Geschmack nur selten.

    Nun geriet ich in den Besitz des aktu­el­len Albums Give Me Fire und fand die Muße, ihm mei­ne Aufmerksamkeit zu wid­men - offen­bar eine gute Entscheidung:
    Auf ihrem inzwi­schen fünf­ten Album agie­ren Mando Diao deut­lich dif­fe­ren­zier­ter, als die mei­ner Meinung nach unsäg­li­chen Singletitel „Dance with Somebody“ und „Gloria“ ver­mu­ten lassen.

    Bereits das ein­lei­ten­de „Blue Lining White Trenchcoat“ hebt sich deut­lich von dem ab, was ähn­li­che skan­di­na­vi­sche Bands in die­sem Jahr pro­du­zier­ten; ein­zig mit The Hives las­sen sich Berührungspunkte fin­den. Den an sich belang­lo­sen Text, ihre Kleidung betref­fend, schrei­en die bei­den Sänger in „Platz da!“-Manier dem Hörer ent­ge­gen. Im Kontrast dazu steht mein ande­res Lieblingslied auf die­sem Album, „High Heels“, das in der Tradition von Jazz und Chanson steht und zum unmerk­li­chen Mitwippen und Fingerschnippen ver­lei­tet. Ein mar­kan­ter Bass mit Unterstützung durch das Schlagzeug (schlich­ter 4/4-Takt, wenn mich mei­ne Ohren nicht täu­schen) gibt den Grundrhythmus an, dazu ertönt die ver­träumt wir­ken­de Stimme des Sängers, der die ver­gan­ge­ne Liebes- oder zumin­dest Sexualnacht Revue pas­sie­ren lässt. Ein for­mi­da­bles Stück Musik, das allein schon einen Kauf rechtfertigt.

    Auch die ande­ren Stücke auf dem Album sind über­aus abwechs­lungs­reich, zum Beispiel das Rock’n’Roll-Lied „You Got Nothing On Me“ oder das vom Country beein­fluss­te „Go Out Tonight“. Angesichts des­sen sind auch die weni­gen Ausfälle ohne grö­ße­ren Schaden zu ignorieren.

    Und wer mei­nen Schilderungen nicht traut, der möge sich mit­tels der Hörproben selbst ein Bild machen:
    Auf YouTube.com gibt es „High Heels“ und eine Akustikversion von „Blue Lining White Trenchcoat“ in brauch­ba­rer Qualität zu hören und zu begucken.

  9. Hourglass - Oblivious to the Obvious
    „This is how life is meant to be / just ano­t­her drea­mer living my dream“ (Homeward Bound)

    Entfernen wir uns wie­der ein wenig von der Indie-Rock-Schiene: Die ame­ri­ka­ni­sche Progressive-Metal-/Hardrockband Hourglass hat in die­sem Jahr ein Doppelalbum ver­öf­fent­licht, das wahr­lich nicht von schlech­ten Eltern stammt.

    Während der über zwei Stunden Laufzeit - 21 allein für „38th Floor“ auf der ersten CD - begeg­net dem gedul­di­gen Hörer fast alles, was in den letz­ten 30 Jahren Hardrock, Progressive Rock oder Progressive Metal gespielt hat, in kom­pri­mier­ter Form wie­der; sei­en es Dream Theater, Rush oder auch eine Melange aus Yes und den Flower Kings.

    Anders aus­ge­drückt:

    Wie selbst­ver­ständ­lich fol­gen im Verlauf des Albums def­ti­ge Metal-Passagen auf medi­ta­ti­ve und lyri­sche Sequenzen oder umge­kehrt; Gefrickel folgt auf tol­les Songwriting, Gesang auf lan­ge Instrumentalpassagen, Schrammel-Gitarren auf frip­per­tro­ni­sche Zerdehnungen. Alle Instrumente kom­men zu ihren Glanzminuten – auch und mehr­fach der Bass! Und alles wirkt so selbst­ver­ständ­lich, weil es so selbst­ver­ständ­lich sein kann – wenn man nicht in Genre-Grenzen denkt.

    Textlich befas­sen sich Hourglass namens­ge­recht mit der Suche nach dem Sinn und mit der Vergänglichkeit des Lebens; bezeich­nend ist die Zeile „The time is now to chan­ge my life“ am Ende von „38th Floor“. Alle Texte las­sen sich auf der Internetseite der Band nachlesen.

    Für das erste Probehören beim CD-Händler eures Vertrauens ist das erste Lied auf der ersten CD - „On the brink“ - exzel­lent geeig­net. Es bil­det einen wür­di­gen Einstieg in die­ses viel­schich­ti­ge Album mit­samt Yes-Mittelteil (ich den­ke hier ins­be­son­de­re an „Gates of Delirium“, aber ohne den Chorgesang) und Neoprog-Anleihen (quiet­schen­de Keyboards, frickeln­de Gitarren und dazu ein dröh­nen­der Bass); mit sei­nen fast 13 Minuten ist es auch nur unwe­sent­lich län­ger als das eben­falls sehr neo­prog­ge­färb­te Instrumentalstück „Delirium“ (10 Minuten) auf der zwei­ten CD, die mit der halb­stün­di­gen, fünf­tei­li­gen Suite „Oblivious to the Obvious“ einen krö­nen­den Abschluss findet.

    Auch von die­sem Album gibt es natür­lich Hörproben:
    Innderhalb des MySpace-Profils der Band ist unter ande­rem „On the brink“ zu hören.

  10. Long Distance Calling - Avoid The Light

    Schließen möch­te ich die­sen Teil der Liste mit einem wei­te­ren beacht­li­chen Instrumentalalbum:
    Die Münsteraner Musikgruppe Long Distance Calling hat mit ihrem aktu­el­len Album Avoid The Light ein recht gro­ßes Medienecho erhal­ten, und dies, wie ich mei­ne, durch­aus nicht zu Unrecht.

    Die Selbstbeschreibung der Band gibt die Richtung von Avoid The Light bereits tref­fend wieder:

    Avoid The Light opens a big gate which you step through to find a gre­at diver­si­ty of moods and atmo­s­phe­res. The basics con­sist of instru­men­tal gui­tar rock with an ambi­ent fla­vour, an oscil­la­ti­on of psy­che­de­lic and pro­gres­si­ve rock ele­ments. At the same time, Avoid The Light is an album which requi­res few words to com­mu­ni­ca­te a lot. Should we call it post rock? Or perhaps new art rock? The label is irrele­vant, it’s the con­tent that matters.

    Tatsächlich klingt das Album, pas­send zum träu­me­ri­schen Frontbild, anfangs nach einem som­mer­li­chen Sonnenaufgang; die ersten Vögel zwit­schern und die Stadt erwacht zum Leben, hin­ter dem Horizont wird es lang­sam hel­ler. Die Stimmung auf dem Album ähnelt der auf Mogwais The Hawk Is Howling; ruhi­gen Ambient-Passagen fol­gen Gitarrengewitter á la Porcupine Tree, hin und wie­der kommt auch Rock zum Vorschein. Ebenfalls haben Bands wie Oceansize hör­ba­re Spuren hinterlassen.

    Besonders auf­fäl­lig ist das Stück „The Nearing Grave“, zu dem Katatonia-SchlagzeugerSänger Jonas Renkse Gesang bei­steu­ert. Zusammen mit der atmo­sphä­ri­schen Gitarren- und Schlagzeugkulisse im Hintergrund ergibt sich eine Melancholie, die jeden­falls mir sonst nur von Dear John Letter bekannt ist.

    Hörproben? Aber klar doch:
    Man navi­gie­re zum (übri­gens sehr hüb­schen) MySpace-Profil der Band und schwel­ge in den Klängen.
    Kopfhörer nicht vergessen!

Außer Konkurrenz lau­fen auch in die­sem Jahr wie­der eini­ge Alben, die von offi­zi­el­ler Seite für lau zu haben sind; sie fol­gen im zwei­ten Teil.

Teil 2: Qualität hat kei­nen Preis.

  1. Our Ceasing Voice - Steadied Stars In The Morphium Sky EP

    Als einer der ver­mut­lich letz­ten Schreiberlinge berich­te auch ich nun von die­ser öster­rei­chi­schen Postrock-/Ambientband. Ihr Debüttonträger Steadied Stars In The Morphium Sky war in der Erstauflage von 50 Stück recht schnell aus­ver­kauft; bei einem der­art auf­wän­di­gen art­work kaum über­ra­schend. Die Zweitauflage, eben­falls in Manufaktur her­ge­stell­te Unikate, ist offen­bar noch zu haben.

    Doch zunächst zur Musik: Nicht ganz eine hal­be Stunde füllt das Quartett mit psy­che­de­li­schen Klangflächen, die hier und da auch mal durch Gitarrenwände unter­bro­chen wer­den. Das erste Stück „The Inevitable Fall“ baut sich lang­sam auf und ver­stummt auf dem Höhepunkt dann plötz­lich. „Of Lives Once Lost“ plät­schert über die gesam­ten 8 Minuten bei­na­he unauf­fäl­lig dahin, bis es in der Mitte abrupt explo­diert, nur um sich kurz dar­auf wie­der flä­chig auszubreiten.

    Für Einsteiger in das Postrockgenre, die es auch mal etwas ruhi­ger mögen, sind die fünf Euro bei Gefallen recht gut inve­stiert; die hoch­qua­li­ta­ti­ve digi­ta­le Fassung gibt es gra­tis, sozu­sa­gen zum Anfixen.

    Bezugsquellen:
    Zu kau­fen ist die (der?) EP hier, her­un­ter­zu­la­den mit Coverbildern und Informationsmaterial auf Archive.org oder bei eMule.

  2. Pet Slimmers of the Year - Pet Slimmers of the Year EP

    Bei den Schallgrenzen stieß ich auf die­se bri­ti­sche Progressive-Metal-Band. Deren selbst­be­ti­tel­te EP ist mit einer hal­ben Stunde Laufzeit auch nicht gera­de lang, aber gewal­tig: Bands wie Oceansize ver­strö­men hier ihre Energie, auch Tool las­sen gera­de in den bass­be­ton­ten Momenten von sich hören. Zudem hat das Schlagzeug einen herr­li­chen Wumms. Die Pet Slimmers of the Year nen­nen ihre Musik selbst Post-Metal, und in der Tat sind auch Anleihen am Postrock zu hören, deut­lich zum Beispiel der Spannungsaufbau im letz­ten Stück „One Down“.

    Dieses Album ist ide­al zum Ablassen auf­ge­stau­ter Energie; zum wil­den Herumhüpfen lädt es gera­de­zu ein. Glaubt ihr nicht? Hört selbst!

    Bezugsquellen:
    Das gan­ze Ding gibt es beim Netlabel Lost Children und natür­lich auch bei eMule in vol­ler .mp3-Qualität mit­samt art­work zum Herunterladen.

  3. maud­lin of the Well - part the Second
    „Silence fil­led each sphe­re that from my lips esca­p’d“ (Keep Light Near You, Even When Dying)

    Aufsehen erregt hat in die­sem Jahr auch die Rückkehr von maud­lin of the Well, aus denen 2003 die Avantgarde-Metal-Band Kayo Dot ent­stand. Bandchef Toby Driver hat­te noch eini­ge unver­öf­fent­lich­te, teil­wei­se auch noch nicht auf­ge­nom­me­ne Stücke im Archiv und teil­te dies der Öffentlichkeit mit. Die Freunde der Band spen­de­ten ein wenig finan­zi­el­len Zuschuss, und schon wur­de ein neu­es - womög­lich nun das letz­te - Album produziert.

    Bis auf das letz­te Wort kon­se­quent klein geschrie­ben, wie übri­gens auch der Name des Albums, agiert das Quintett nebst vier Gastmusikern auf den fünf Stücken sehr abwechs­lungs­reich und las­sen nur sel­ten pas­sen­de Vergleiche zu. Die Stimmung auf dem Album wird getra­gen von Streichern und Drivers Gesang.

    Müssen’s unbe­dingt Vergleiche sein? Nun gut: Das erste Stück mit dem sper­ri­gen Titel „Excerpt from 6,000,000,000,000 Miles Before the First, or, the Revisitation of the Blue Ghost“ beginnt mit einem retro­pro­gar­ti­gen Instrumentalteil, bis die Streicher ein­set­zen und wie­der ver­stum­men, um den Hauptteil des Stückes ein­zu­lei­ten, der nach Pink Floyd (in der Meddle-Phase) klän­ge, wäre da nicht der wär­me­re, unauf­dring­li­che Gesang. Der Refrain des Stückes erzeugt Gänsehaut und erin­nert an „Hurt“ von den Nine Inch Nails, ist aber weit weni­ger elek­tro­nisch. Nach der zwei­ten Strophe und dem erneu­ten Refrain folgt der Mittelteil mit anschwel­len­den Streichern zu Bass- und Schlagzeuguntermalung, der in einen Yes-arti­gen Teil mün­det, bald aber wie­der in den Grundrhythmus des Liedes über­geht und bis zum Ende des Stückes in einem wie­der etwas lau­te­ren, vom Spacerock inspi­rier­ten Teil mit David-Gilmour-Gitarre aus­klingt.

    Das vier­te Stück „Clover Garland Island“ steht mit sei­nen ver­zerr­ten Gitarrensoli und sei­nem jeden­falls mich an The Cure erin­nern­den, wei­ner­li­chen Gesang in Kontrast hier­zu, eben­falls der zwi­schen Progressive Metal und Neoprog anzu­sie­deln­de Schluss von „Rose Quartz Turning to Glass“. Wie erwähnt: Es ist schwie­rig, hier Vergleiche zu fin­den, und über eine Genre-Einordnung wage ich lie­ber gar nicht erst zu ent­schei­den, auch Siggy Zielinski schreibt:

    Auf „part the Second“ über­wie­gen ein­deu­tig sanf­te, even­tu­ell durch Pink Floyd inspi­rier­te Töne, die sich mit har­mo­ni­schem Kammerrock und melo­diö­sem Postrock ver­mi­schen. Möglicherweise rücken die ein­falls­rei­chen, leicht orche­stral ange­hauch­ten Arrangements das Projekt in die Nähe von New ArtRock. Chorgesänge, Geigen, Saxophon und aku­sti­sche Gitarre gehö­ren eben­so zum Klangbild, wie eini­ge reich­lich Retroprog ähneln­de Passagen. […] Der Hörer weiss bei motW anno 2009 eben nicht, ob er als Nächstes postrocki­ge, sym­pho­ni­sche, retro­p­rog­gi­ge oder sonst­wie gear­te­te Einfälle zu hören bekommt.

    Wer sich von all der Abwechslung nicht abge­schreckt fühlt, der soll­te ein Reinhören ris­kie­ren. Es lohnt sich.

    Bezugsquellen:
    Das Album ist als .mp3, .flac oder .wav auf der Internetseite zum Album her­un­ter­zu­la­den, in erste­ren bei­den Formaten auch bei eMule.

Außer den oben auf­ge­führ­ten erfreu­li­chen musi­ka­li­schen Werken gab es in die­sem Jahr bis­lang auch eher uner­freu­li­che Musikalien, für die die diver­sen Musikzeitschriften und Onlinemedien eine Kaufempfehlung aus­spra­chen, die aber in mei­nem Hörtest ent­täu­schend unin­spi­riert und lang­wei­lig abschnit­ten. Als Kaufabschreckung daher nun fol­gen­de Liste, unbe­bil­dert und in Kurzform:

Teil 3: Enttäuschungen und Fehlkäufe.

  • Gazpacho - Tick Tock
    Langweiliges Album, das jeden­falls auf mich recht ein­schlä­fernd wirkt.
  • Pure Reason Revolution - Amor Vincit Omnia
    Obwohl ich den Titel des Albums durch­aus gut­hei­ßen kann, spie­len „PRR“ hier zu viel mit 80er-Synthies. Nach dem tol­len Vorgänger eine ech­te Enttäuschung.
  • Lobster Newberg - Actress
    Das Feuilleton preist die­se Band als letz­ten Schrei, ich fand’s zum Schreien. Zu kraft­los, um nach­hal­tig zu wirken.

Teil 4: Rückschau 1969 - 2009.

  • Vor 40 Jahren:
    Ihre Kinder - Ihre Kinder
    1969 war ein Jahr, das die Musikgeschichte nach­hal­tig ver­än­dert hat: Das Festival nahe Woodstock stell­te das letz­te Aufbäumen der Hippiegeneration dar, die im Jahr zuvor ihre Hochphase erlebt hat­te, The Velvet Underground, nun ohne John Cale, nah­men auf Weisung ihres neu­en Managers erst­mals ein nahe­zu unex­pe­ri­men­tel­les Album auf und in Großbritannien erfan­den King Crimson mit ihrem Debütalbum den Progressive Rock. Auch in Deutschland begann das Jahrzehnt des „Krautrocks“ nur wenig spä­ter; deutsch­spra­chi­ge Texte wur­den unter ande­rem von der Nürnberger Band Ihre Kinder ver­brei­tet, die gesell­schafts­kri­ti­sche Themen wie Drogenmissbrauch und Apartheid besan­gen, ohne dabei radi­kal zu wer­den wie Ton Steine Scherben zwei Jahre spä­ter. Ihre Kinder, die selbst nur noch weni­ge Jahre bestan­den, wur­den somit zum Vorreiter für eine gan­ze Generation an deutsch­spra­chi­gen Rockmusikern, die die Hitparaden der näch­sten Jahre beherr­schen sollten.
  • Vor 30 Jahren:
    The Clash - London Calling
    Im glei­chen Jahr, in dem Pink Floyd ihr wohl ambi­tio­nier­te­stes Werk The Wall auf­nah­men, hat­te die Punkszene in ihrem Heimatland Großbritannien den Progressive Rock eigent­lich längst abge­löst. Eine beson­ders ein­fluss­rei­che Band aus die­sem Genre war The Clash, deren drit­tes Album London Calling als einer der Meilensteine des Punkrock gilt und mit „The Guns of Brixton“ einen der bekann­te­sten Titel der Band ent­hält, den spä­ter auch Die Toten Hosen geco­vert haben. Auch ande­re Musikstile sind zu hören; so ist zum Beispiel „Spanish Bombs“, das sich mit dem spa­ni­schen Bürgerkrieg befasst, im Reggaestil gehal­ten. Einen ähn­li­chen Erfolg konn­ten The Clash erst wie­der drei Jahre spä­ter mit Combat Rock erzie­len, den­noch bleibt London Calling die Blaupause für vie­le wei­te­re Bands, die sich spä­ter auf sei­nen Einfluss beru­fen sollten.
  • Vor 20 Jahren:
    Anderson Bruford Wakeman Howe - Anderson Bruford Wakeman Howe
    Die Wiederentdeckung des Progressive Rock durch Bands wie Marillion ver­schaff­te auch Bands wie Yes wie­der grö­ße­re Popularität. 1989 waren Yes aller­dings durch zahl­rei­che Umbesetzungen längst im Pop ange­langt, vom ursprüng­li­chen Yes-Stil war in Liedern wie Owner of a Lonely Heart nur noch der mar­kan­te Bass zu hören. Der Versuch von Sänger Jon Anderson, die an dem erfolg­rei­chen Album Fragile (1972) betei­lig­te Besetzung wie­der zusam­men­zu­füh­ren, schei­ter­te am Widerstand von Bassist Chris Squire, der die Namensrechte an Yes besaß. Kurzerhand ver­ließ Anderson die Band, um mit Bill Bruford, Rick Wakeman und Steve Howe unter dem Kürzel ABWH sein Vorhaben umzu­set­zen. Das Ergebnis war ein Album, das sich wie­der stär­ker am Progressive Rock ori­en­tier­te und mit dem von Tony Levin gespiel­ten Bass auch an den alten Stil anknüp­fen konn­te. Es soll­te vor­läu­fig das letz­te Album die­ser Art blei­ben: 1991 konn­te mit dem Album Union die ange­streb­te Vereinigung bei­der Besetzungen voll­zo­gen wer­den, die merk­li­che Spielfreude auf „ABWH“ konn­te aber erst 2001 mit dem bis­lang letz­ten Album Magnification wie­der erreicht werden.
  • Vor 10 Jahren:
    Red Hot Chili Peppers - Californication
    Gegen Ende der 90-er Jahre ori­en­tier­te man sich nach eini­gen Jahren der schlich­ten Popmusik wie­der stär­ker am Rock der 70-er Jahre, ver­such­te dabei jedoch, mög­lichst eigen­stän­dig zu wir­ken. Die Red Hot Chili Peppers waren hier­bei recht erfolg­reich, sie schu­fen das Genre des „Funkrock“, das Disco- und Hardrock-Einflüsse ver­ein­te. Neben der Singleauskopplung „Californication“ bie­tet das eben­so benann­te Album mit dem weni­ger bekann­ten „Scar Tissue“ auch ein wei­te­res gran­dio­ses Lied, das noch immer regel­mä­ßig von diver­sen Radiosendern gespielt wird. Die Entwicklung der Band zu einem här­te­ren, expe­ri­men­tel­len Stil nahm mit die­sem Album ihren Anfang und fand ihren vor­läu­fi­gen Höhepunkt im Nachfolgealbum By the Way; das aktu­el­le Stadium Arcadium ent­fernt sich wie­der ein wenig von die­ser Richtung.

Das war es auch schon wie­der für’s Erste; aber wir haben ja noch ein paar Monate vor uns, bevor das Jahr zu Ende geht.
Ich hof­fe, euch bis dahin eine neue Liste prä­sen­tie­ren zu kön­nen, zum Beispiel mit dem neu­en Album von Porcupine Tree, das am 18. September erscheint.

Derweil dan­ke für die Aufmerksamkeit!

Seriennavigation« Musik 12/2008 - Favoriten und AnalyseMusik 12/2009 - Favoriten und Analyse »

Senfecke:

Comments are closed.

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
mehr...
 

Erlaubte Tags:
<strong> <em> <pre> <code> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <span style=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Ihre IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details finden Sie hier.