KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/​2009 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 3 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

Lie­be Leser,

das Jahr 2009 ist nun­mehr nicht mehr ganz neu, und so hat­ten wil­li­ge Musi­ker bereits viel Zeit, neue vor­treff­li­che und weni­ger vor­treff­li­che Klän­ge zu pro­du­zie­ren. Wie bereits vor unge­fähr einem Jahr und ein hal­bes Jahr spä­ter möch­te ich auch heu­te beson­ders beein­drucken­de Musik­al­ben, die in die­sem Jahr ver­öf­fent­licht wur­den, bewer­ben und anschlie­ßend ein wenig auf die Musik­ge­schich­te der ver­gan­ge­nen 40 Jah­re eingehen.

Für jedes die­ser Alben kann ich eine kla­re Blind­kauf­emp­feh­lung an all jene aus­spre­chen, die sich von der kur­zen Rezen­si­on ange­spro­chen füh­len. Die Hör­pro­ben, die ich zu jedem Album mög­lichst adäquat zu lie­fern ver­su­che, sind nur für die­je­ni­gen geeig­net, die sich zu sol­chen Ent­schei­dun­gen nicht durch­rin­gen kön­nen; ihre vol­le Wir­kung ent­fal­ten aber fast alle Alben in die­sem Bei­trag nur im Kon­text des gesam­ten Tonträgers.

Als Beson­der­heit kom­men dies­mal auch die­je­ni­gen Alben ins Gespräch, die das Feuil­le­ton zwar für kau­fens­wert hält, mich per­sön­lich jedoch eher ent­täuscht haben. Dies soll als Anre­gung zur Kri­tik ver­stan­den wer­den; ich kann hier, wie so oft, nur nach mei­nem per­sön­li­chen Geschmack urtei­len, bin mir aber wohl bewusst, dass Geschmäcker gera­de in Bezug auf Musik und ‑stil­rich­tun­gen stark dif­fe­rie­ren. Soll­te also jemand sich von einem hier beschrie­be­nen Album ein völ­lig ande­res Bild gemacht haben, nur her damit! Der Mei­nungs­viel­falt kommt es alle­mal zugute.

Nun jedoch wün­sche ich allen Inter­es­sier­ten erst ein­mal viel Spaß auf der ersten Rei­se durch das Musik­uni­ver­sum 2009:

Teil 1: Rock, Rock, Rock.

  1. Wob­bler – Afterglow

    Von der nor­we­gi­schen Band mit dem durch die Bewe­gun­gen von Fisch­kö­dern inspi­rier­ten Namen Wob­bler hat man recht lan­ge nichts gehört; das Vor­gän­ger­al­bum Hin­ter­land erschien 2005 auf dem Höhe­punkt der so genann­ten „Retro-Prog“-Welle, also der musi­ka­li­schen Rich­tung, die sich an den Pro­gres­si­ve-Rock-Bands der 60-er und frü­hen 70-er Jah­re wie Gene­sis und Gent­le Giant ori­en­tiert. Nun, vier Jah­re spä­ter, erscheint das von Anhän­gern des Gen­res schon lan­ge erwar­te­te Nach­fol­ge­al­bum, das neu auf­ge­nom­me­ne Stücke ent­hält, die inzwi­schen vor 10 Jah­ren (also 1999) geschrie­ben, aber nicht ver­öf­fent­licht wur­den und von denen es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bereits eini­ge Demo­auf­nah­men zu hören gab.

    Die Tat­sa­che, dass Wob­bler eine Instru­men­tal­band sind, auf Gesang also wie auch auf dem Debüt­al­bum mit Aus­nah­me zwei­er kur­zer Gesangs­pas­sa­gen in „Impe­ri­al Win­ter White“ voll­stän­dig ver­zich­tet wird, mag zunächst unge­wöhn­lich erschei­nen, stört aber nicht; eher im Gegen­teil: Die Mello­tron- und Bass­läu­fe bau­en Span­nungs­bö­gen auf, zu denen die Gitar­ren und Flö­ten sich gegen­sei­tig Geschich­ten zu erzäh­len schei­nen – Jet­hro Tull und die frü­hen King Crim­son las­sen deut­lich ihre Ein­flüs­se hören.

    Von King Crim­son und den oben bereits erwähn­ten Gent­le Giant stam­men auch die ver­zerr­ten Gitar­ren, die die male­ri­sche Stim­mung hin und wie­der in ein Gewit­ter ver­wan­deln, aber nie­mals stö­ren. „In Taber­na“, das strecken­wei­se von Flö­ten und Cel­lo domi­niert wird, erin­nert gar an das durch eine impo­san­te Weih­nachts­be­leuch­tung bekannt gewor­de­ne „Wizards in Win­ter“ vom Trans-Sibe­ri­an Orche­stra.

    Stö­rend sind auf die­sem Album allen­falls die drei kur­zen Lie­der – bis zu drei Minu­ten lang, was ange­sichts der bei­den „Haupt­stücke“ von 15 bzw. 13 Minu­ten Län­ge kaum ins Gewicht fällt -, die die unab­hän­gig von­ein­an­der geschrie­be­nen Stücke wohl mit einer Art „Rah­men­hand­lung“ ver­se­hen sol­len, was aber mei­nes Erach­tens gründ­lich misslingt.

    Ein­stei­gern in das Retro-Prog-Gen­re und jenen Zeit­ge­nos­sen, die den Neo-Prog-Ein­heits­brei von Bands wie den Flower Kings nicht mehr hören kön­nen, ist die­ses Album zu emp­feh­len; auch Freun­de der oben als Ver­gleich her­an­ge­zo­ge­nen Grup­pen kön­nen hier einen spon­ta­nen Kauf wagen.

    Alle ande­ren Inter­es­sier­ten fin­den im Inter­net Hör­pro­ben:
    Auf MySpace.com gibt es bspw. den Vier­tel­stün­der „Impe­ri­al Win­ter White“ eben­so zu hören wie das abschlie­ßen­de „Armou­ry“.

  2. 65daysofstatic – Escape from New York

    Blei­ben wir im instru­men­ta­len Bereich, wech­seln aber das Gen­re: Als ich mir die­ses Album zuleg­te, war ich, zuge­ge­ben, ange­trie­ben von zahl­rei­chen Rezen­sio­nen, die für das neue­ste Werk von 65daysofstatic eine unbe­ding­te Kauf­emp­feh­lung aus­spra­chen. Gleich beim ersten Titel, „Dro­ve Through Ghosts To Get Here“, ein ver­mut­lich über­rasch­ter Gesichts­aus­druck mei­ner­seits: Anschwel­len­der Applaus, Gejoh­le – ah, ein Live­al­bum! Nun ist der instru­men­ta­le, sphä­ri­sche Post­rock, den 65daysofstatic gekonnt fabri­zie­ren, eine Musik­rich­tung, die beson­ders live, also ohne nach­träg­li­che Glät­tung mit­tels Stu­dio­tech­nik, ihre Stär­ken aus­spie­len kann, und erfreu­li­cher­wei­se ist hier, anders als bei vie­len Live­auf­nah­men ande­rer Bands, die Musik im Vor­der­grund zu hören, nur sel­ten von Ova­tio­nen beglei­tet, die aber den Hör­ge­nuss kei­nes­falls trüben.

    Die Über­gän­ge zwi­schen den ein­zel­nen Stücken sind flie­ßend, so dass der Ein­druck eines ein­zel­nen Stückes ent­steht, wenn­gleich zwi­schen den Gitar­ren­wän­den immer wie­der Über­ra­schen­des her­vor­blitzt; wer schon immer mal wis­sen woll­te, wie es klän­ge, spiel­te man Tech­no mit Instru­men­ten statt Com­pu­tern, sieht die­sen Wunsch im zwei­ten Stück („No Use Cry­ing Over (Some Tech­no)“) erfüllt: Nicht schlecht, wür­de ich sagen.

    65daysofstatic spie­len hier ein groß­ar­ti­ges Kon­zert, auf dem auch Stücke wie „Pri­mer“ nichts von ihrer Atmo­sphä­re ver­lie­ren. Der Schluss­ap­plaus nach „A Fail­safe“ wirkt gera­de­zu befrei­end. Kopf­hö­rer wärm­stens empfohlen!

    Hör­pro­ben:
    Einen Ein­druck von der Span­nung, die 65daysofstatic erzeu­gen, ver­mit­telt unter ande­rem das offi­zi­el­le Video zu „Dro­ve Through Ghosts To Get Here“; ein Live­vi­deo („Radio Pro­tec­tor“, auch auf dem Album ent­hal­ten) gibt es auf der Web­site der Band zu sehen.

  3. Obscu­ra – Cosmogenesis
    „Each step is infi­ni­te, each step sub­li­me.“ (Choir of Spirits)

    Ich bin mir auch beim Schrei­ben die­ser Zei­len noch nicht ganz sicher, ob ich für die­ses Album eine Emp­feh­lung aus­spre­chen soll; immer­hin han­delt es sich um Death Metal (Death Metal!), stil­echt mit Gegrun­ze und wüstem Gitar­ren­schram­meln und damit für einen melo­die­lie­ben­den Musik­freund eigent­lich völ­lig ungeeignet.

    Eigent­lich aller­dings ist die Musik, die die deut­schen Pro­gres­si­ve-Death-Metal­ler Obscu­ra auf die­sem Album spie­len, weit­aus viel­schich­ti­ger, als das Gen­re­kor­sett des Death Metals zunächst ver­mu­ten las­sen könn­te („Mann schlägt Kat­ze mit wahn­sin­ni­ger Geschwin­dig­keit auf eine Müll­ton­ne“, die übli­chen Kli­schees sind ja bekannt). Bei Cos­mo­ge­ne­sis, des­sen Ener­gie bis­wei­len mit der von Bands wie Cynic und Necro­pha­gist ver­gli­chen wird, han­delt es sich text­lich um ein Kon­zept­al­bum zum The­ma „Das Uni­ver­sum und wir“, wie bereits der grie­chi­sche Titel („Ent­ste­hung des Uni­ver­sums“) erah­nen lässt.

    Auch musi­ka­lisch birgt die­ses Album mehr Anspruch als nur Gitar­ren­lärm und Gebrüll, was mei­ne Ein­lei­tung viel­leicht sug­ge­riert; das Wort „Pro­gres­si­ve“ deu­tet es ja schon an: Die bei­den Gitar­ren spie­len kom­ple­xe Melo­die­bö­gen und der Bas­sist beweist, dass auch in die­sem gitar­ren­do­mi­nier­ten Gen­re ein Bass­so­lo Platz fin­den kann. Ein Amazon.de-Rezensent nann­te den Stil die­ses Albums Jazz-Death und liegt damit gar nicht mal falsch. Tat­säch­lich besitzt Cos­mo­ge­ne­sis ein durch­weg hohes Niveau und ist trotz der natur­ge­mäß nicht son­der­lich abwechs­lungs­rei­chen Growls melo­diö­ser als so man­ches, was sich in der Hit­pa­ra­de findet.

    Die Tex­te des Albums sind hier nach­zu­le­sen; wer einen meta­pho­ri­schen Kopf­sprung ins kal­te Was­ser bevor­zugt, dem sei­en die Hör­pro­ben angetragen:
    Auf YouTube.com ist ein Video zum Eröff­nungs­stück „Anti­cos­mic Over­load“ zu sehen, mit dem so ziem­lich alle weit­hin bekann­ten Metal­kli­schees bedient wer­den. Das Instru­men­tal­stück „Orbi­tal Ele­ments“ ist dort eben­falls zu hören.

  4. Zu – Carboniferous

    Ein anstren­gen­des Album von Anfang an. Das ein­lei­ten­de Stück „Ost­ia“ wird mit Schlag­zeug und elek­tro­ni­schem Brum­men ein­ge­lei­tet und erst nach etwa drei­ein­halb Minu­ten von einem plötz­li­chen schril­len Quiet­schen unter­bro­chen, des­sen erzeu­gen­des Instru­ment bis zum Ende des Stückes eine immer wie­der­keh­ren­de, schril­le Melo­die zu wil­dem Schlag­zeug und besag­tem Brum­men spielt. Ähn­lich beginnt auch das Nach­fol­ge­stück „Chtho­ni­an“, bei dem jedoch schon kurz nach Beginn ver­zerr­tes Gitar­renbrat­zen ein­setzt und nach einem ruhi­ge­ren Zwi­schen­teil fort­ge­führt wird.

    Hier wird schon die Rich­tung des Albums deut­lich: Förm­lich aus jeder Sekun­de auf Car­bo­ni­fe­rous weht der sprich­wört­li­che Geist von King Crim­son, ins­be­son­de­re der Con­struKc­tion“-Pha­se mit dem vier­ten Teil des inzwi­schen ins­ge­samt über 30 Jah­re alten „Larks‘ Tongues in Aspic“. Den­noch schaf­fen Zu es, eige­ne Akzen­te zu set­zen; sei­en es Klei­nig­kei­ten wie die ver­zerr­ten Sprach­fet­zen in „Soulym­pics“, das, zudem mit sei­ner Bass­la­stig­keit, an die frü­hen Mr. Bung­le, deren Sän­ger Mike Pat­ton übri­gens tat­säch­lich hier mit­wirkt, oder eine durch­ge­dreh­te Ver­si­on der Nine Inch Nails (zu Fra­gi­le-Zei­ten) erin­nert, oder das fol­gen­de „Axi­on“, das auch im Reper­toire von Black-Metal-Bands Platz fän­de, wären da nicht die schrä­gen Momen­te, die uner­war­te­ten Brü­che mit­ten im Stück.

    Zum Glück haben Zu auch dar­auf ver­zich­tet, einen Sän­ger zu enga­gie­ren; so ist in die­sem Jahr zwar eine Häu­fung an Instru­men­tal­al­ben in die­ser Liste zu fin­den, jedoch blie­be über all dem elek­tro­ni­schen Gitar­ren- und Bass­brum­men kaum Platz für Tex­te, zumal für pas­sen­de. Die Sil­ben­ein­wür­fe in „Mimo­sa Hosti­lis“ zei­gen, dass Gesang in jed­wel­cher Form hier nur als schmücken­des Bei­werk dien­lich wäre und selbst dann eher stö­rend wirkt – zu fra­gil sind die hier gleich­sam in oder aus Stein gehaue­nen Wer­ke kon­stru­iert worden.

    Car­bo­ni­fe­rous ist, das schrieb ich anders­wo, das beste Album, das die aktu­el­le Inkar­na­ti­on von King Crim­son nie auf­ge­nom­men hat, und eine unbe­ding­te Kauf­emp­feh­lung für Freun­de des impro­vi­sier­ten Pro­gres­si­ve Rocks, die gegen eine etwas här­te­re Gang­art nichts ein­zu­wen­den haben, und Metal­an­hän­ger, die neue Her­aus­for­de­run­gen suchen; wer die in obi­gem Text genann­ten Ver­gleichs­grup­pie­run­gen mag, soll­te eben­falls einen Kauf erwägen.

    Anson­sten blei­ben als Hör­pro­ben eini­ge Stücke aus dem Album auf der MyS­pace-Sei­te der Band. Für mich schon jetzt ein Anwär­ter auf das Album des Jah­res 2009.

  5. Cheer-Acci­dent – Fear Draws Misfortune

    Die RIO-Band Cheer-Acci­dent musi­ziert nun bereits seit 1981 mit­ein­an­der, ist hier­zu­lan­de aber erst mit ihrem Auf­tritt in Würz­burg im ver­gan­ge­nen Jahr auf ein brei­te­res Audi­to­ri­um gesto­ßen; eigent­lich höchst scha­de ange­sichts des hohen Unter­hal­tungs­wer­tes, den die mei­sten ihrer bis­he­ri­gen Ton­trä­ger zwei­fels­oh­ne besitzen.

    Zwar ist Cheer-Acci­dent kei­ne Instru­men­tal­band, aller­dings ist auch bei ihnen der Gesang, den dies­mal unter ande­rem Car­la Kihl­stedt von der RIO-Metal-Band Slee­py­ti­me Goril­la Muse­um bei­steu­ert, im Ver­gleich zum Vor­gän­ger­al­bum What Sequel? stark redu­ziert wor­den. Ein adäqua­ter Nach­fol­ger zu dem von mir innig ver­ehr­ten „Cra­zy“, des­sen Refrain aus schier end­lo­sen Wie­der­ho­lun­gen eben­die­ses Wor­tes besteht, ist hier das eröff­nen­de „Sun Dies“, das von der Can­ter­bu­ry-Grö­ße Egg, aber auch von Gent­le Giant inspi­riert zu sein scheint; man ver­glei­che deren „Pro­cla­ma­ti­on“ ein­mal mit die­sem Stück („Hail… hail…“ wird hier zu „Live… live…“).

    Eine sti­li­sti­sche Ein­ord­nung ist daher auch hier nicht leicht zu tref­fen. Gegen­über sol­cher­lei Per­so­nen, die musik­hi­sto­ri­sche Schub­la­den bevor­zu­gen, wür­de ich Cheer-Acci­dent als Can­ter­bu­ry-Free­jazz-Rock beschrei­ben und der Band, die jedem Album neue Akzen­te hin­zu­zu­fü­gen weiß, noch immer Unrecht tun. Las­sen wir also eine zwei­te Mei­nung zu Wort kommen:

    Cheer-Acci­dent bie­ten flot­ten Kam­mer­prog, der kein biss­chen düster aus den Boxen pol­tert, gemischt mit retro­p­rog­gi­gen Crim­son-Remi­nis­zen­sen (gera­de bei der Gitar­ren­ar­beit) und sogar ein biss­chen Pop-Appeal in den Melo­dien. Das Gan­ze ist far­big und reich­hal­tig instru­men­tiert. Die diver­sen Blä­ser und gele­gent­li­che har­te Pia­no­läu­fe sor­gen für aller­lei ange­jazz­te Momen­te. Das gemein­sa­me Tou­ren mit Slee­py­ti­me Goril­la Muse­um hat offen­sicht­lich nicht nur die­se beein­druckt (Nils Fryk­dahl schwärm­te am Ran­de eines Kon­zerts in Würz­burg in höch­sten Tönen von Cheer-Acci­dent), son­dern eben auch umge­kehrt. So hat ein biss­chen was der Anar­cho-Metal-Atti­tü­de von SGM Ein­gang in die Musik auf „Fear Draws Mis­for­tu­ne“ gefun­den, so dass es schon mal kra­chig-laut wird. Aber immer mit einem Augen­zwin­kern, denn Cheer-Acci­dent neh­men offen­sicht­lich nichts all­zu ernst. Wavi­ge Klän­ge, ein biss­chen Elek­tro­nik und indu­stri­ell-schlei­fen­de Sounds run­den den Klang­cock­tail ab. Der dün­ne, hohe Gesang hat schon das Debüt beglei­tet und das ist auch hier so. Dar­an ändern auch die Gast­vo­ka­li­stIn­nen nicht viel, außer, dass es ab und zu exal­tier­ten Chor­ge­sang zu hören gibt (viel­leicht auch hier eine klei­ne Ver­beu­gung vor SGM). Aber irgend­wie stört das in die­sem Gebräu auch über­haupt nicht.

    Bes­ser hät­te ich es nicht aus­drücken kön­nen, und so bleibt mir nur ein Ver­weis auf die Hör­pro­ben:
    Klang­bei­spie­le aus ihrem bis­he­ri­gen Œuvre bie­tet die Band gra­tis auf ihrer Web­site an.
    Viel Spaß!

  6. The Rif­les – The Gre­at Escape
    „Who knows what’s around the bend /​ Stay up, get drunk with all your best friends“ (The Gre­at Escape)

    Nicht, dass es heißt, ich kon­su­mie­re nur schier unhör­ba­ren Lärm; 2009 hat natür­lich auch ker­ni­gen Rock zu bie­ten, zum Bei­spiel von der eng­li­schen Indie-Rock-Band The Rif­les. Angeb­lich von Igitt­igitt-Brit­pop­grup­pen wie Blur und den Punk­rockern von The Clash geprägt, ist von erste­ren zum Glück und von zwei­te­ren lei­der nur wenig zu hören.

    Die Inspi­ra­tio­nen von The Rif­les sind weit dif­fe­ren­zier­ter her­aus­zu­hö­ren: „For The Mean­ti­me“ erin­nert bereits in den ersten Tak­ten an Bal­la­den der Beat­les (ins­be­son­de­re „Pen­ny Lane“ und „For No One“), wäh­rend „Some­ti­mes“ ein veri­ta­bler Rocker im Sti­le der Kai­ser Chiefs ist und das radio- und chart­taug­li­che Titel­stück „The Gre­at Escape“ mit dem ein­gän­gi­gen Refrain musi­ka­lisch noch am ehe­sten The Clash nahe kommt, aber ohne deren Rot­zig­keit zu kopie­ren (man stel­le sich vor, Franz Fer­di­nand wür­den sie covern, dann erhält man unge­fähr die­ses Lied).

    Sicher, hier und da schim­mern Oasis und Kon­sor­ten durch, zum Bei­spiel in „Out in the Past“. Den­noch bleibt die­ses Album soli­de Arbeit und ist ein Pro­be­hö­ren auf jeden Fall wert.

    Eini­ge Hör­pro­ben als Audio und Video hat der mul­ti­me­dia­le Inter­net­auf­tritt der Band zu die­sem Zweck im Angebot.

  7. The Pains of Being Pure at Heart – The Pains of Being Pure at Heart
    „But you’­ve got litt­le left to give /​ His touch is not a thing you’ll ever miss“ (A Teen­ager in Love)

    Die Band mit dem spre­chen­den Namen The Pains of Being Pure at Heart hat 2009 ihr Debüt­al­bum ver­öf­fent­licht und klingt fast genau so, wie man sich Musik einer Band vor­stellt, die The Pains of Being Pure at Heart heißt, also nach einer Stil­mix­tur aus Bel­le and Seba­sti­an und den bra­vou­rö­sen The Raveo­net­tes. Auch text­lich wagt man kei­ne Expe­ri­men­te, im Wesent­li­chen beschrän­ken sie sich auf Tex­te zum The­ma Liebe.

    Dies ist aber kei­nes­falls als har­te Kri­tik zu ver­ste­hen: The Pains of Being Pure at Heart betre­ten zwar kein Neu­land, lie­fern aber soli­de Arbeit für auf­ge­schlos­se­ne Hörer, die gegen hand­werk­lich gut gemach­ten Indie-Pop (aus­ge­schrie­ben also „Inde­pen­dent Popu­lar Music“, was nach einem Wider­spruch aus­sieht, aber kei­ner ist, wenn man „Popu­lar Music“ in die Gren­zen natio­na­ler Hit­pa­ra­den ver­weist und mit „Inde­pen­dent“ einen Stil bezeich­nen will, der mit dem Hit­pa­ra­den­pop alber­ner Hupfdoh­len wie Han­nah Mon­ta­na nun mal so ziem­lich gar nichts zu tun hat; aber ich schwei­fe ab, bit­te um Ver­zei­hung und gelo­be Bes­se­rung) nichts ein­zu­wen­den haben.

    Pri­ma Musik zum neben­bei Hören, weni­ger träu­me­risch als King­s­bu­ry, weni­ger anstren­gend als The Raveo­net­tes und weni­ger spar­ta­nisch als The Kills, dabei mit jeder die­ser Bands ein biss­chen ver­gleich­bar. In der Liste der eige­nen Ein­flüs­se sind Namen wie The Ramo­nes und My Bloo­dy Valen­ti­ne zu lesen, aber dar­aus soll­te man kei­nes­falls ver­su­chen sich die Musik die­ser Band vor­zu­stel­len; viel zu melo­disch ist hier der Gesang, viel zu vie­le Stil­ein­flüs­se wer­den vermengt.

    Bes­ser ist es, man greift zu den Hör­pro­ben:
    Das MyS­pace-Pro­fil der vier Musi­ker ent­hält eini­ge Stücke des Albums zum kosten­lo­sen Gutfinden.

  8. Man­do Diao – Give Me Fire
    „I will soon come visit you /​ and talk about the time we had tog­e­ther /​ and our town is fil­led with tears“ (Cry­s­tal)

    Ich geste­he: Man­do Diao kann­te ich bis­lang nur als eine der zahl­lo­sen skan­di­na­vi­schen Indierock­bands, die wäh­rend der hie­si­gen Indierock­wel­le in den Medi­en hin und wie­der zu sehen, zu hören und zu lesen waren, denen ich aber bis­lang kaum Beach­tung geschenkt habe; im Regel­fall (vgl. zum Bei­spiel Franz Fer­di­nand) trifft die­ses sich jeweils recht ähn­lich anhö­ren­de, text­lich anspruchs­lo­se Geschram­mel mei­nen Geschmack nur selten.

    Nun geriet ich in den Besitz des aktu­el­len Albums Give Me Fire und fand die Muße, ihm mei­ne Auf­merk­sam­keit zu wid­men – offen­bar eine gute Entscheidung:
    Auf ihrem inzwi­schen fünf­ten Album agie­ren Man­do Diao deut­lich dif­fe­ren­zier­ter, als die mei­ner Mei­nung nach unsäg­li­chen Sin­gle­ti­tel „Dance with Some­bo­dy“ und „Glo­ria“ ver­mu­ten lassen.

    Bereits das ein­lei­ten­de „Blue Lining White Trench­coat“ hebt sich deut­lich von dem ab, was ähn­li­che skan­di­na­vi­sche Bands in die­sem Jahr pro­du­zier­ten; ein­zig mit The Hives las­sen sich Berüh­rungs­punk­te fin­den. Den an sich belang­lo­sen Text, ihre Klei­dung betref­fend, schrei­en die bei­den Sän­ger in „Platz da!“-Manier dem Hörer ent­ge­gen. Im Kon­trast dazu steht mein ande­res Lieb­lings­lied auf die­sem Album, „High Heels“, das in der Tra­di­ti­on von Jazz und Chan­son steht und zum unmerk­li­chen Mit­wip­pen und Fin­ger­schnip­pen ver­lei­tet. Ein mar­kan­ter Bass mit Unter­stüt­zung durch das Schlag­zeug (schlich­ter 4/​4‑Takt, wenn mich mei­ne Ohren nicht täu­schen) gibt den Grund­rhyth­mus an, dazu ertönt die ver­träumt wir­ken­de Stim­me des Sän­gers, der die ver­gan­ge­ne Lie­bes- oder zumin­dest Sexu­al­nacht Revue pas­sie­ren lässt. Ein for­mi­da­bles Stück Musik, das allein schon einen Kauf rechtfertigt.

    Auch die ande­ren Stücke auf dem Album sind über­aus abwechs­lungs­reich, zum Bei­spiel das Rock’n’Roll-Lied „You Got Not­hing On Me“ oder das vom Coun­try beein­fluss­te „Go Out Tonight“. Ange­sichts des­sen sind auch die weni­gen Aus­fäl­le ohne grö­ße­ren Scha­den zu ignorieren.

    Und wer mei­nen Schil­de­run­gen nicht traut, der möge sich mit­tels der Hör­pro­ben selbst ein Bild machen:
    Auf YouTube.com gibt es „High Heels“ und eine Aku­stik­ver­si­on von „Blue Lining White Trench­coat“ in brauch­ba­rer Qua­li­tät zu hören und zu begucken.

  9. Hourg­lass – Obli­vious to the Obvious
    „This is how life is meant to be /​ just ano­t­her drea­mer living my dream“ (Home­ward Bound)

    Ent­fer­nen wir uns wie­der ein wenig von der Indie-Rock-Schie­ne: Die ame­ri­ka­ni­sche Pro­gres­si­ve-Metal-/Hard­rock­band Hourg­lass hat in die­sem Jahr ein Dop­pel­al­bum ver­öf­fent­licht, das wahr­lich nicht von schlech­ten Eltern stammt.

    Wäh­rend der über zwei Stun­den Lauf­zeit – 21 allein für „38th Floor“ auf der ersten CD – begeg­net dem gedul­di­gen Hörer fast alles, was in den letz­ten 30 Jah­ren Hard­rock, Pro­gres­si­ve Rock oder Pro­gres­si­ve Metal gespielt hat, in kom­pri­mier­ter Form wie­der; sei­en es Dream Thea­ter, Rush oder auch eine Melan­ge aus Yes und den Flower Kings.

    Anders aus­ge­drückt:

    Wie selbst­ver­ständ­lich fol­gen im Ver­lauf des Albums def­ti­ge Metal-Pas­sa­gen auf medi­ta­ti­ve und lyri­sche Sequen­zen oder umge­kehrt; Gefrickel folgt auf tol­les Song­wri­ting, Gesang auf lan­ge Instru­men­tal­pas­sa­gen, Schram­mel-Gitar­ren auf frip­per­tro­ni­sche Zer­deh­nun­gen. Alle Instru­men­te kom­men zu ihren Glanz­mi­nu­ten – auch und mehr­fach der Bass! Und alles wirkt so selbst­ver­ständ­lich, weil es so selbst­ver­ständ­lich sein kann – wenn man nicht in Gen­re-Gren­zen denkt.

    Text­lich befas­sen sich Hourg­lass namens­ge­recht mit der Suche nach dem Sinn und mit der Ver­gäng­lich­keit des Lebens; bezeich­nend ist die Zei­le „The time is now to chan­ge my life“ am Ende von „38th Floor“. Alle Tex­te las­sen sich auf der Inter­net­sei­te der Band nachlesen.

    Für das erste Pro­be­hö­ren beim CD-Händ­ler eures Ver­trau­ens ist das erste Lied auf der ersten CD – „On the brink“ – exzel­lent geeig­net. Es bil­det einen wür­di­gen Ein­stieg in die­ses viel­schich­ti­ge Album mit­samt Yes-Mit­tel­teil (ich den­ke hier ins­be­son­de­re an „Gates of Deli­ri­um“, aber ohne den Chor­ge­sang) und Neo­prog-Anlei­hen (quiet­schen­de Key­boards, frickeln­de Gitar­ren und dazu ein dröh­nen­der Bass); mit sei­nen fast 13 Minu­ten ist es auch nur unwe­sent­lich län­ger als das eben­falls sehr neo­prog­ge­färb­te Instru­men­tal­stück „Deli­ri­um“ (10 Minu­ten) auf der zwei­ten CD, die mit der halb­stün­di­gen, fünf­tei­li­gen Suite „Obli­vious to the Obvious“ einen krö­nen­den Abschluss findet.

    Auch von die­sem Album gibt es natür­lich Hör­pro­ben:
    Inn­der­halb des MyS­pace-Pro­fils der Band ist unter ande­rem „On the brink“ zu hören.

  10. Long Distance Cal­ling – Avoid The Light

    Schlie­ßen möch­te ich die­sen Teil der Liste mit einem wei­te­ren beacht­li­chen Instrumentalalbum:
    Die Mün­ste­ra­ner Musik­grup­pe Long Distance Cal­ling hat mit ihrem aktu­el­len Album Avoid The Light ein recht gro­ßes Medi­en­echo erhal­ten, und dies, wie ich mei­ne, durch­aus nicht zu Unrecht.

    Die Selbst­be­schrei­bung der Band gibt die Rich­tung von Avoid The Light bereits tref­fend wieder:

    Avoid The Light opens a big gate which you step through to find a gre­at diver­si­ty of moods and atmo­s­phe­res. The basics con­sist of instru­men­tal gui­tar rock with an ambi­ent fla­vour, an oscil­la­ti­on of psy­che­de­lic and pro­gres­si­ve rock ele­ments. At the same time, Avoid The Light is an album which requi­res few words to com­mu­ni­ca­te a lot. Should we call it post rock? Or perhaps new art rock? The label is irrele­vant, it’s the con­tent that matters.

    Tat­säch­lich klingt das Album, pas­send zum träu­me­ri­schen Front­bild, anfangs nach einem som­mer­li­chen Son­nen­auf­gang; die ersten Vögel zwit­schern und die Stadt erwacht zum Leben, hin­ter dem Hori­zont wird es lang­sam hel­ler. Die Stim­mung auf dem Album ähnelt der auf Mog­wais The Hawk Is How­ling; ruhi­gen Ambi­ent-Pas­sa­gen fol­gen Gitar­ren­ge­wit­ter á la Por­cu­p­i­ne Tree, hin und wie­der kommt auch Rock zum Vor­schein. Eben­falls haben Bands wie Oce­an­si­ze hör­ba­re Spu­ren hinterlassen.

    Beson­ders auf­fäl­lig ist das Stück „The Nea­ring Gra­ve“, zu dem Kata­to­nia-Schlag­zeu­gerSän­ger Jonas Renkse Gesang bei­steu­ert. Zusam­men mit der atmo­sphä­ri­schen Gitar­ren- und Schlag­zeug­ku­lis­se im Hin­ter­grund ergibt sich eine Melan­cho­lie, die jeden­falls mir sonst nur von Dear John Let­ter bekannt ist.

    Hör­pro­ben? Aber klar doch:
    Man navi­gie­re zum (übri­gens sehr hüb­schen) MyS­pace-Pro­fil der Band und schwel­ge in den Klängen.
    Kopf­hö­rer nicht vergessen!

Außer Kon­kur­renz lau­fen auch in die­sem Jahr wie­der eini­ge Alben, die von offi­zi­el­ler Sei­te für lau zu haben sind; sie fol­gen im zwei­ten Teil.

Teil 2: Qua­li­tät hat kei­nen Preis.

  1. Our Cea­sing Voice – Steadi­ed Stars In The Mor­phi­um Sky EP

    Als einer der ver­mut­lich letz­ten Schrei­ber­lin­ge berich­te auch ich nun von die­ser öster­rei­chi­schen Post­rock-/Am­bi­ent­band. Ihr Debüt­ton­trä­ger Steadi­ed Stars In The Mor­phi­um Sky war in der Erst­auf­la­ge von 50 Stück recht schnell aus­ver­kauft; bei einem der­art auf­wän­di­gen art­work kaum über­ra­schend. Die Zweit­auf­la­ge, eben­falls in Manu­fak­tur her­ge­stell­te Uni­ka­te, ist offen­bar noch zu haben.

    Doch zunächst zur Musik: Nicht ganz eine hal­be Stun­de füllt das Quar­tett mit psy­che­de­li­schen Klang­flä­chen, die hier und da auch mal durch Gitar­ren­wän­de unter­bro­chen wer­den. Das erste Stück „The Ine­vi­ta­ble Fall“ baut sich lang­sam auf und ver­stummt auf dem Höhe­punkt dann plötz­lich. „Of Lives Once Lost“ plät­schert über die gesam­ten 8 Minu­ten bei­na­he unauf­fäl­lig dahin, bis es in der Mit­te abrupt explo­diert, nur um sich kurz dar­auf wie­der flä­chig auszubreiten.

    Für Ein­stei­ger in das Postrock­gen­re, die es auch mal etwas ruhi­ger mögen, sind die fünf Euro bei Gefal­len recht gut inve­stiert; die hoch­qua­li­ta­ti­ve digi­ta­le Fas­sung gibt es gra­tis, sozu­sa­gen zum Anfixen.

    Bezugs­quel­len:
    Zu kau­fen ist die (der?) EP hier, her­un­ter­zu­la­den mit Cover­bil­dern und Infor­ma­ti­ons­ma­te­ri­al auf Archive.org oder bei eMu­le.

  2. Pet Slim­mers of the Year – Pet Slim­mers of the Year EP

    Bei den Schall­gren­zen stieß ich auf die­se bri­ti­sche Pro­gres­si­ve-Metal-Band. Deren selbst­be­ti­tel­te EP ist mit einer hal­ben Stun­de Lauf­zeit auch nicht gera­de lang, aber gewal­tig: Bands wie Oce­an­si­ze ver­strö­men hier ihre Ener­gie, auch Tool las­sen gera­de in den bass­be­ton­ten Momen­ten von sich hören. Zudem hat das Schlag­zeug einen herr­li­chen Wumms. Die Pet Slim­mers of the Year nen­nen ihre Musik selbst Post-Metal, und in der Tat sind auch Anlei­hen am Post­rock zu hören, deut­lich zum Bei­spiel der Span­nungs­auf­bau im letz­ten Stück „One Down“.

    Die­ses Album ist ide­al zum Ablas­sen auf­ge­stau­ter Ener­gie; zum wil­den Her­um­hüp­fen lädt es gera­de­zu ein. Glaubt ihr nicht? Hört selbst!

    Bezugs­quel­len:
    Das gan­ze Ding gibt es beim Net­la­bel Lost Child­ren und natür­lich auch bei eMu­le in vol­ler .mp3-Qua­li­tät mit­samt art­work zum Herunterladen.

  3. maud­lin of the Well – part the Second
    „Silence fil­led each sphe­re that from my lips esca­p’d“ (Keep Light Near You, Even When Dying)

    Auf­se­hen erregt hat in die­sem Jahr auch die Rück­kehr von maud­lin of the Well, aus denen 2003 die Avant­gar­de-Metal-Band Kayo Dot ent­stand. Band­chef Toby Dri­ver hat­te noch eini­ge unver­öf­fent­lich­te, teil­wei­se auch noch nicht auf­ge­nom­me­ne Stücke im Archiv und teil­te dies der Öffent­lich­keit mit. Die Freun­de der Band spen­de­ten ein wenig finan­zi­el­len Zuschuss, und schon wur­de ein neu­es – womög­lich nun das letz­te – Album produziert.

    Bis auf das letz­te Wort kon­se­quent klein geschrie­ben, wie übri­gens auch der Name des Albums, agiert das Quin­tett nebst vier Gast­mu­si­kern auf den fünf Stücken sehr abwechs­lungs­reich und las­sen nur sel­ten pas­sen­de Ver­glei­che zu. Die Stim­mung auf dem Album wird getra­gen von Strei­chern und Dri­vers Gesang.

    Müssen’s unbe­dingt Ver­glei­che sein? Nun gut: Das erste Stück mit dem sper­ri­gen Titel „Excerpt from 6,000,000,000,000 Miles Befo­re the First, or, the Revi­si­ta­ti­on of the Blue Ghost“ beginnt mit einem retro­pro­gar­ti­gen Instru­men­tal­teil, bis die Strei­cher ein­set­zen und wie­der ver­stum­men, um den Haupt­teil des Stückes ein­zu­lei­ten, der nach Pink Floyd (in der Medd­le-Pha­se) klän­ge, wäre da nicht der wär­me­re, unauf­dring­li­che Gesang. Der Refrain des Stückes erzeugt Gän­se­haut und erin­nert an „Hurt“ von den Nine Inch Nails, ist aber weit weni­ger elek­tro­nisch. Nach der zwei­ten Stro­phe und dem erneu­ten Refrain folgt der Mit­tel­teil mit anschwel­len­den Strei­chern zu Bass- und Schlag­zeug­un­ter­ma­lung, der in einen Yes-arti­gen Teil mün­det, bald aber wie­der in den Grund­rhyth­mus des Lie­des über­geht und bis zum Ende des Stückes in einem wie­der etwas lau­te­ren, vom Spa­ce­rock inspi­rier­ten Teil mit David-Gil­mour-Gitar­re ausklingt.

    Das vier­te Stück „Clover Gar­land Island“ steht mit sei­nen ver­zerr­ten Gitar­ren­so­li und sei­nem jeden­falls mich an The Cure erin­nern­den, wei­ner­li­chen Gesang in Kon­trast hier­zu, eben­falls der zwi­schen Pro­gres­si­ve Metal und Neo­prog anzu­sie­deln­de Schluss von „Rose Quartz Tur­ning to Glass“. Wie erwähnt: Es ist schwie­rig, hier Ver­glei­che zu fin­den, und über eine Gen­re-Ein­ord­nung wage ich lie­ber gar nicht erst zu ent­schei­den, auch Sig­gy Zielin­ski schreibt:

    Auf „part the Second“ über­wie­gen ein­deu­tig sanf­te, even­tu­ell durch Pink Floyd inspi­rier­te Töne, die sich mit har­mo­ni­schem Kam­mer­rock und melo­diö­sem Post­rock ver­mi­schen. Mög­li­cher­wei­se rücken die ein­falls­rei­chen, leicht orche­stral ange­hauch­ten Arran­ge­ments das Pro­jekt in die Nähe von New Art­Rock. Chor­ge­sän­ge, Gei­gen, Saxo­phon und aku­sti­sche Gitar­re gehö­ren eben­so zum Klang­bild, wie eini­ge reich­lich Retro­prog ähneln­de Pas­sa­gen. […] Der Hörer weiss bei motW anno 2009 eben nicht, ob er als Näch­stes postrocki­ge, sym­pho­ni­sche, retro­p­rog­gi­ge oder sonst­wie gear­te­te Ein­fäl­le zu hören bekommt.

    Wer sich von all der Abwechs­lung nicht abge­schreckt fühlt, der soll­te ein Rein­hö­ren ris­kie­ren. Es lohnt sich.

    Bezugs­quel­len:
    Das Album ist als .mp3, .flac oder .wav auf der Inter­net­sei­te zum Album her­un­ter­zu­la­den, in erste­ren bei­den For­ma­ten auch bei eMu­le.

Außer den oben auf­ge­führ­ten erfreu­li­chen musi­ka­li­schen Wer­ken gab es in die­sem Jahr bis­lang auch eher uner­freu­li­che Musi­ka­li­en, für die die diver­sen Musik­zeit­schrif­ten und Online­me­di­en eine Kauf­emp­feh­lung aus­spra­chen, die aber in mei­nem Hör­test ent­täu­schend unin­spi­riert und lang­wei­lig abschnit­ten. Als Kauf­ab­schreckung daher nun fol­gen­de Liste, unbe­bil­dert und in Kurzform:

Teil 3: Ent­täu­schun­gen und Fehlkäufe.

  • Gazpa­cho – Tick Tock
    Lang­wei­li­ges Album, das jeden­falls auf mich recht ein­schlä­fernd wirkt.
  • Pure Rea­son Revo­lu­ti­on – Amor Vin­cit Omnia
    Obwohl ich den Titel des Albums durch­aus gut­hei­ßen kann, spie­len „PRR“ hier zu viel mit 80er-Syn­thies. Nach dem tol­len Vor­gän­ger eine ech­te Enttäuschung.
  • Lob­ster New­berg – Actress
    Das Feuil­le­ton preist die­se Band als letz­ten Schrei, ich fand’s zum Schrei­en. Zu kraft­los, um nach­hal­tig zu wirken.

Teil 4: Rück­schau 1969 – 2009.

  • Vor 40 Jahren:
    Ihre Kin­der – Ihre Kinder
    1969 war ein Jahr, das die Musik­ge­schich­te nach­hal­tig ver­än­dert hat: Das Festi­val nahe Wood­stock stell­te das letz­te Auf­bäu­men der Hip­pie­ge­ne­ra­ti­on dar, die im Jahr zuvor ihre Hoch­pha­se erlebt hat­te, The Vel­vet Under­ground, nun ohne John Cale, nah­men auf Wei­sung ihres neu­en Mana­gers erst­mals ein nahe­zu unex­pe­ri­men­tel­les Album auf und in Groß­bri­tan­ni­en erfan­den King Crim­son mit ihrem Debüt­al­bum den Pro­gres­si­ve Rock. Auch in Deutsch­land begann das Jahr­zehnt des „Krautrocks“ nur wenig spä­ter; deutsch­spra­chi­ge Tex­te wur­den unter ande­rem von der Nürn­ber­ger Band Ihre Kin­der ver­brei­tet, die gesell­schafts­kri­ti­sche The­men wie Dro­gen­miss­brauch und Apart­heid besan­gen, ohne dabei radi­kal zu wer­den wie Ton Stei­ne Scher­ben zwei Jah­re spä­ter. Ihre Kin­der, die selbst nur noch weni­ge Jah­re bestan­den, wur­den somit zum Vor­rei­ter für eine gan­ze Genera­ti­on an deutsch­spra­chi­gen Rock­mu­si­kern, die die Hit­pa­ra­den der näch­sten Jah­re beherr­schen sollten.
  • Vor 30 Jahren:
    The Clash – Lon­don Calling
    Im glei­chen Jahr, in dem Pink Floyd ihr wohl ambi­tio­nier­te­stes Werk The Wall auf­nah­men, hat­te die Punk­sze­ne in ihrem Hei­mat­land Groß­bri­tan­ni­en den Pro­gres­si­ve Rock eigent­lich längst abge­löst. Eine beson­ders ein­fluss­rei­che Band aus die­sem Gen­re war The Clash, deren drit­tes Album Lon­don Cal­ling als einer der Mei­len­stei­ne des Punk­rock gilt und mit „The Guns of Brixton“ einen der bekann­te­sten Titel der Band ent­hält, den spä­ter auch Die Toten Hosen geco­vert haben. Auch ande­re Musik­sti­le sind zu hören; so ist zum Bei­spiel „Spa­nish Bombs“, das sich mit dem spa­ni­schen Bür­ger­krieg befasst, im Reg­gae­stil gehal­ten. Einen ähn­li­chen Erfolg konn­ten The Clash erst wie­der drei Jah­re spä­ter mit Com­bat Rock erzie­len, den­noch bleibt Lon­don Cal­ling die Blau­pau­se für vie­le wei­te­re Bands, die sich spä­ter auf sei­nen Ein­fluss beru­fen sollten.
  • Vor 20 Jahren:
    Ander­son Bruford Wak­e­man Howe – Ander­son Bruford Wak­e­man Howe
    Die Wie­der­ent­deckung des Pro­gres­si­ve Rock durch Bands wie Maril­li­on ver­schaff­te auch Bands wie Yes wie­der grö­ße­re Popu­la­ri­tät. 1989 waren Yes aller­dings durch zahl­rei­che Umbe­set­zun­gen längst im Pop ange­langt, vom ursprüng­li­chen Yes-Stil war in Lie­dern wie Owner of a Lonely Heart nur noch der mar­kan­te Bass zu hören. Der Ver­such von Sän­ger Jon Ander­son, die an dem erfolg­rei­chen Album Fra­gi­le (1972) betei­lig­te Beset­zung wie­der zusam­men­zu­füh­ren, schei­ter­te am Wider­stand von Bas­sist Chris Squi­re, der die Namens­rech­te an Yes besaß. Kur­zer­hand ver­ließ Ander­son die Band, um mit Bill Bruford, Rick Wak­e­man und Ste­ve Howe unter dem Kür­zel ABWH sein Vor­ha­ben umzu­set­zen. Das Ergeb­nis war ein Album, das sich wie­der stär­ker am Pro­gres­si­ve Rock ori­en­tier­te und mit dem von Tony Levin gespiel­ten Bass auch an den alten Stil anknüp­fen konn­te. Es soll­te vor­läu­fig das letz­te Album die­ser Art blei­ben: 1991 konn­te mit dem Album Uni­on die ange­streb­te Ver­ei­ni­gung bei­der Beset­zun­gen voll­zo­gen wer­den, die merk­li­che Spiel­freu­de auf „ABWH“ konn­te aber erst 2001 mit dem bis­lang letz­ten Album Magni­fi­ca­ti­on wie­der erreicht werden.
  • Vor 10 Jahren:
    Red Hot Chi­li Pep­pers – Californication
    Gegen Ende der 90-er Jah­re ori­en­tier­te man sich nach eini­gen Jah­ren der schlich­ten Pop­mu­sik wie­der stär­ker am Rock der 70-er Jah­re, ver­such­te dabei jedoch, mög­lichst eigen­stän­dig zu wir­ken. Die Red Hot Chi­li Pep­pers waren hier­bei recht erfolg­reich, sie schu­fen das Gen­re des „Funk­rock“, das Dis­co- und Hard­rock-Ein­flüs­se ver­ein­te. Neben der Sin­gle­aus­kopp­lung „Cali­for­ni­ca­ti­on“ bie­tet das eben­so benann­te Album mit dem weni­ger bekann­ten „Scar Tissue“ auch ein wei­te­res gran­dio­ses Lied, das noch immer regel­mä­ßig von diver­sen Radio­sen­dern gespielt wird. Die Ent­wick­lung der Band zu einem här­te­ren, expe­ri­men­tel­len Stil nahm mit die­sem Album ihren Anfang und fand ihren vor­läu­fi­gen Höhe­punkt im Nach­fol­ge­al­bum By the Way; das aktu­el­le Sta­di­um Arca­di­um ent­fernt sich wie­der ein wenig von die­ser Richtung.

Das war es auch schon wie­der für’s Erste; aber wir haben ja noch ein paar Mona­te vor uns, bevor das Jahr zu Ende geht.
Ich hof­fe, euch bis dahin eine neue Liste prä­sen­tie­ren zu kön­nen, zum Bei­spiel mit dem neu­en Album von Por­cu­p­i­ne Tree, das am 18. Sep­tem­ber erscheint.

Der­weil dan­ke für die Aufmerksamkeit!

Seri­en­na­vi­ga­ti­on« Musik 12/​​2008 – Favo­ri­ten und Ana­ly­seMusik 12/​​2009 – Favo­ri­ten und Analyse »

Senfecke:

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