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Musik 12/2009 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 5 von 18 der Serie Jahresrückblick

Fast hätte ich es vergessen: Ein weiteres Kalenderjahr ist bald vorbei, und das bedeutet außer arschkaltem Wetter und aufgewärmtem Billigfusel auf so genannten „Weihnachtsmärkten“ auch, dass ich wie üblich die formidabelsten Tonträger des Jahres – jedenfalls die unter ihnen, die nicht zum Halbjahr schon Erwähnung fanden – in Kürze vorstelle.

Und es waren so viele! – So sehr man eine solche Liste auch kürzen möchte, man wird immer das Gefühl nicht los, dass ein Album, das man rauswerfen möchte, eigentlich doch ganz wunderbar geworden ist. Also mussten andere Kriterien her. So fiel der Kürzung zum Beispiel das Album The Incident von Porcupine Tree zum Opfer, weil ich mich nur ungern wiederholen wollte.

Auch diesmal möchte ich neben aktuellen Alben anhand zeitloser Klassiker auch ein wenig Musikgeschichte der letzten 40 Jahre betreiben und einige Tonträger aufführen, die trotz zahlreicher guter Kritiken meine persönlichen Qualitätskriterien leider nicht erfüllen konnten.

Ich hoffe, dass dies nicht zu allgemeiner Verachtung führt, und wünsche frohes Stöbern:

Teil 1: Futter für die Plattensammlung.

  1. Astra – The Weirding
    „All the blind sight kills the white light“ (The Weirding)
     
    Das Coverbild deutet es schon an: Astra erschaffen Traumwelten. Psychedelischer Progressive Rock mit Hardrock-Einsprengseln steht auf dem Speiseplan. Sobald der Gesang – zum Beispiel in dem über 15-minütigen Titelstück – einsetzt, wird die Nähe zu Yes offensichtlich, aber auch The Beatles und Rush lassen grüßen, wilde Improvisationen (etwa in Ouroboros) fügen eine Dosis King Crimson hinzu. Hin und wieder ist auch ein Mellotron zu hören.

    Einzelne Stücke auf „The Weirding“ stammen wiederum aus völlig anderen Richtungen (so etwa das an eine Melange aus Europe und instrumentalen Van der Graaf Generator erinnernde Beyond To Slight The Maze). „The Weirding“ ist vielseitig, vielleicht gar eins der abwechslungsreichsten Alben des Jahres.

    „The Weirding“ ist ein vertonter Drogentrip. Nicht nur LSD, nicht nur Haschisch und nicht nur Kokain, ein bisschen von allem. Alles, was die späten 60-er und frühen 70-er Jahre musikalisch ausgemacht hat, wird hier komprimiert, ohne nur bereits vielfach Gehörtes zu wiederholen.
    Die beste Umgebung, um dieses Album zu hören: Licht gedämmt, Augen geschlossen und Kopfhörer aufgesetzt.

    Hörproben sind immer zu kurz, um einen aussagekräftigen Einblick in ein Album wie dieses gewinnen zu können. Wer jedoch den Blindkauf scheut, der findet die üblichen 30-sekündigen Ausschnitte auf Amazon.de. Gegenwärtig (3. Dezember 2009) ist das vollständige Album außerdem auf YouTube zu finden.

  2. Gargamel – Descending
    „Suddenly the silence covers the sea, disappears with the wind, it seems like a dream“ (Prevail)
     
    Lange Zeit hielt man Van der Graaf Generator für nur schwer zu imitieren, auch wegen des einmaligen Gesangs von Peter Hammill. Gargamel kommen dem aber schon recht nahe.

    Zwar verzichten sie auf ihrem Zweitling neben einigen King-Crimson-Einflüssen (zum Beispiel in Trap) weitgehend auf die Modifikation dessen, was Van der Graaf Generator mit Alben wie „H To He Who Am The Only One“ vorgelegt haben, aber das muss ja auch nicht sein. Stattdessen gibt es hier all das zu hören, was das Original ohne David Jackson schmerzlich vermissen lässt: Über 47 Minuten, verteilt auf gerade einmal vier Titel, ertönen Gitarre, Flöte, Saxofon und Gesang von Tom Uglebakken, den seine vier Mitmusiker nach Kräften unterstützen. Dazu gesellen sich mehrere Gastmusiker.

    Und wem der Bandname bekannt vorkommt: Gargamel, in der Fernsehserie auch Gurgelhals, ist der böse Zauberer aus den Die-Schlümpfe-Comics. Ich gratuliere demjenigen (also nicht dem Zauberer) zu seiner jugendkulturellen Bildung.

    Eine schlechte Nachricht allerdings noch: Hörproben konnte ich nicht finden. Wer Van der Graaf Generator schätzt, liegt mit Gargamel jedenfalls sicher nicht falsch. Allen anderen sei ein Probehören im Plattengeschäft empfohlen; der expressive Gesang ist sicher nicht jedermanns Sache. Irgendwie dann aber auch gut so.

  3. The Dead Weather – Horehound
    „Play dumb, play dead, trying to manipulate“ (Treat Me Like Your Mother)
     
    Jack White, seines Zeichens Musiker bei The White Stripes und The Raconteurs, ist mit seinen bisherigen Projekten offenbar noch nicht ausgelastet, und so rief er seine dritte „The“-Band ins Leben. The Dead Weather ist eine Alternative-Rock-Supergroup, also eine Band, die aus Mitgliedern mehrerer bereits bekannter Bands besteht. Neben Jack White, der hier ausnahmsweise das Schlagzeug und nur selten das Mikrofon bedient, sind Alison Mosshart, Sängerin des meinerseits bereits im vorigen Jahr ausreichend gewürdigten Duos The Kills, Gitarrist Dean Fertita von den Queens of the Stone Age und der Raconteurs-Bassist Jack Lawrence mit von der Partie.

    „Horehound“ – Andorn also – ist der Titel des bislang einzigen Albums dieser Formation. Nicht, dass das ein schlechtes Zeichen wäre: Das Album klingt nach Jack White, aber ist hörbar energiegeladener als alles, was er vorher gemacht hat. Rhythmusgetriebener Blues- und Funkrock gibt die Richtung vor, ein solides Fundament aus Bass und Schlagzeug treibt die Stücke voran, und der selbst in den ruhigeren Passagen hektisch wirkende Gesang tut ein übriges.

    (Kurze Zwischenbemerkung zum Gesang: Alison Mosshart verstellt sich nicht. Ihre Stimme ist sicher nicht die einer Rockröhre, und die versucht sie hier auch nicht darzustellen. Um so interessanter ist es, ihrem sonst in ganz anderem Umfeld zu hörenden Gesang mal in einem solchen Kontext zu lauschen. Das Ergebnis klingt besser als viele andere, gezwungen wirkende Versuche, einer Rockband weiblichen Gesang beizufügen.)

    Zwischen krautigem Minimalismus (3 Birds) und Bad-Seeds-artigen Gitarreneskapaden (Bone House) ist viel Platz, und er wird genutzt. Keine Sekunde wird mit Belanglosem verschwendet, es darf gehüpft werden. Musik zum Aufdrehen und Durchdrehen.

    Hör- und Durchdrehproben:
    Amazon.de hat Ausschnitte aus dem Album zu bieten, auf YouTube kann man unter anderen das Video zu Treat Me Like Your Mother in voller Länge betrachten.

  4. Argos – Argos
    „‚Caravan‘ and ‚Soft Machine‘ and ‚Hatfield and the North'“ (Young Persons Guide To Argos)
     
    Kurzfassung:
    Diese Scheibe ist ein Witz. Und zwar ein guter.

    Langfassung:
    Argos wurde 2005 von Thomas Klarmann gegründet, der den Canterbury Sound der 70-er Jahre verehrte und zu Beginn sämtliche Instrumente allein spielte. Bis 2008 erweiterte sich die Besetzung zum multiinstrumentalen Trio, das neben Gitarren, Bass und Schlagzeug auch Flöte und Keyboards verwendet.

    Musikalisch bewegt man sich auf altbekannten Pfaden: Eine abwechslungsreiche Melange aus Retro-Prog und Canterbury, wobei mir besonders Caravan sowie Hatfield and the North als Einflüsse aufgefallen sind, ist zu hören. Während über weite Strecken des Albums die Inspiration durch Canterbury überwiegt, gibt es auch Titel wie Black Cat, die sich bei Retro-Prog-Bands wie The Flower Kings und The Tangent, die ja ihrerseits deutlich vom Canterbury Sound beeinflusst sind, bedienen. Selten (beispielsweise in Time For Love und Killer) ist auch eine Prise Genesis (als sie noch gut waren), Van der Graaf Generator (als sie noch jung waren) und The Beatles (als sie noch ständig unter Drogen standen) auszumachen.

    Und überhaupt, die Titel: „Argos“ ist Progressive-Rock-typisch in drei Stücke („parts“) aufgeteilt, die wiederum aus jeweils vier bis fünf „Kapiteln“ bestehen. Die Namen dieser drei Stücke (etwa Part 3: From Liverpool To Outer Space) geben bereits vor dem Hören Aufschluss darüber, wem hier Tribut gezollt werden soll.

    „Argos“ ist eine Verbeugung vor gemeinsamen musikalischen Vorbildern, quasi eine Hommage, und will auch gar nichts anderes sein. Die Texte (wer, wie ich, auch darauf achtet, muss sich bisweilen arg zusammenreißen, um nicht vor Lachen vom Sofa zu rollen) bekräftigen diesen Eindruck.

    Wer immer nur nach Innovation und neuen Ideen sucht, wird hier sicher nicht glücklich. Wer aber den Canterbury Sound und den ihm eigenen Gesangsstil mag, dem wird hier über fast 53 Minuten Länge viel geboten. Argos machen konsequent da weiter, wo The Tangent aufhören. Zu hoffen ist, dass dies nicht das letzte Album seiner Art bleiben wird.

    Hörproben:
    Zwar wird man bei Amazon.de nicht fündig, jedoch hat die Band ein informatives MySpace-Profil, wo sie auch Demostücke zum Anhören bereitstellt. Wärmstens empfohlen!

  5. Ahkmed – Distance
     
    „Schon wieder fast instrumentaler Postrock?!“, höre ich Leser schon stöhnen, bevor ich diesen Abschnitt überhaupt beendet habe.
    Ja, genau das ist es. Fast instrumentaler Postrock, auf dem ordentlich gebrettert wird. Folgerichtig nahm sich das Online-Magazin metal.de des Albums „Distance“ der australischen Band Ahkmed an, und man liest dort folgendes:

    Geboten wird mit „Distance“ ein langes Album für ebensolange Winterabende mit größtenteils instrumentalen Klanglandschaften voller wirren Riffs, seltsamen Rhythmen und jeder Menge spaciger Atmosphäre.

    Und so braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn selbst ein Lied, das knapp an der Zehn-Minuten-Grenze kratzt, letztendlich doch nur aus höchstens anderthalb Riffs besteht. Viele Variationen, der Gebrauch von weiträumigen Flangereffekten und das filigrane Spiel von Dynamik und Spannung sorgen jedoch dafür, dass „Distance“ nicht langweilig wird.

    Nein, langweilig ist „Distance“ sicher nicht. Ein Album von Ahkmed klingt entfernt wie ein Album von Mogwai, nur irgendwie rauer und psychedelischer. Gitarrenwände und seltsam flirrende, elektronische Klänge begleiten die Rhythmussektion, hin und wieder ertönt auch mit viel Hall versehener, hypnotischer Gesang (etwa in Caldera). Einschalten zum Abschalten. Gar nicht übel.

    Hörproben:
    Unter anderem Caldera, meinen derzeitigen Favoriten vom Album, gibt es auf MySpace zum Gratishören.

  6. The Warlocks – The Mirror Explodes
     
    Die kalifornische Band The Warlocks („die Hexenmeister“) hat ihren Namen sicher nicht nur zufällig gewählt. Auch The Velvet Underground traten in ihrer Anfangsphase unter diesem Namen auf, und mit diesen verbindet sie mehr als nur die US-amerikanische Herkunft.

    Das, was The Raveonettes (siehe auch weiter unten) auf ihrem aktuellen Album schmerzlich vermissen lassen, machen The Warlocks wieder wett: 43 Minuten lang murmelt Bobby Hecksher kaum verständliche Texte zu endlos wirkendem Lo-Fi-Gitarrenfeedback. Vergleichbares ist jedenfalls mir in den letzten Jahren nur von Darker My Love und The Black Angels aufgefallen, Ergänzungen sind jederzeit willkommen.

    Ideen holt sich das Quintett bevorzugt aus den VU-Alben „The Velvet Underground & Nico“ und „White Light/White Heat“; sicher nicht die schlechtesten Quellen für kreative Musik. Die Interpretation geht in puncto Bass- und Schlagzeugarbeit auch durchaus über das bloße Kopieren hinaus: Während The Velvet Underground eher die Gitarre betonten und das Schlagzeug metronomartig eingesetzt wurde, ist letzteres bei The Warlocks als eine treibende Kraft mehr im Vordergrund zu hören, was den immerhin schon über 40 Jahre alten (trotzdem kaum gealterten) zugrunde liegenden Konzepten einen modernen Anstrich verleiht.

    Und, wie heute üblich, die Band stellt auch Hörproben zur Verfügung:
    In ihr bisheriges Schaffen kann man auf ihrer MySpace-Seite hineinhören, außerdem hat Amazon.de wieder kurze Ausschnitte aus dem Album im Angebot.

  7. Tortoise – Beacons Of Ancestorship
     
    Von den Vorbildern von gestern zu den Innovatoren von heute:
    Auch die Chicagoer Instrumentalband Tortoise, die man zu Unrecht immer wieder gern in die allzu pauschale Kategorie „Postrock“ steckt, legte 2009 nach fünf Jahren (wenn man das 2006 erschienene Coveralbum „The Brave and the Bold“ nicht mitzählt) endlich wieder ein reguläres Studioalbum vor und spaltete die Rezensentenwelt erwartungsgemäß in die, die es für ein Meisterwerk halten, und die, die es aus den verschiedensten Gründen nicht ausstehen können.

    Das Cover deutet es schon an: Auch im 18. Jahr ihres Bestehens als Tortoise widmet sich das Quintett dem experimentellen Minimalismus, ohne, wie zum Beispiel die Einstürzenden Neubauten es taten, vollends in das Avantgardistische abzudriften. Und wie immer werden hier die Genres wild vermischt: Gigantes mit seinem merkwürdig verschleppten Rhythmus etwa wird von lateinamerikanischer Perkussion begleitet, während Prepare Your Coffin von Muse-ähnlichen Keyboards lebt. Der etwas umständlich klingende Titel Yinxianghechengqi lässt Gitarren und elektronische Klangeffekte krachen.

    Immer wieder – an den Stellen, an denen man es nicht erwartet – endet ein Liedteil abrupt, und ein anderer, meist konträrer setzt ein. Refrains oder wenigstens wiederkehrende Muster sucht man hier vergebens.

    Die Hörproben kann man daher auch tatsächlich nur als solche betrachten: Kennt man eins, kennt man noch lange nicht alles andere.
    Bei Amazon.de gibt es nur die üblichen Schnipsel, dafür hat das MySpace-Profil der Band zurzeit unter anderem Prepare Your Coffin im Repertoire.

  8. Gong – 2032
    „We come from an alien nation to the city of self fascination“ (City of Self Fascination)
     
    Gong? Die gibt es immer noch?“
    Nein, genau genommen gibt es sie wieder. Seit Daevid Allen und seine damalige Lebensgefährtin Gilli Smyth im Jahr 1969 die Psychedelic-/Spacerock-Band Gong ins Leben riefen, ist die Geschichte der Formation durch Umbesetzungen und Kollaborationen sowie durch den Wechsel der Stilrichtung von Spacerock zu Jazzrock und wieder zurück gekennzeichnet. Zwischendurch hatte sich der mittlerweile verstorbene Schlagzeuger Pierre Moerlen mit eigenen Inkarnationen von Gong (Pierre Moerlen’s Gong und Gongzilla) selbstständig gemacht, und auch Daevid Allen war nicht untätig, so dass es bis heute neben der Hauptband ungefähr zehn andere Gongs gab und zum Teil auch noch gibt.

    Ebendiese Hauptband hat sich dazu entschlossen, zum 40. Jubiläum des Jazzfestes von Amougies, auf dem Gong erstmals nennenswerte Aufmerksamkeit bekam, wieder ein neues Album einzuspielen. Die Besetzung sowohl des Albums als auch der begleitenden Tour entspricht weitgehend der von 1973; so ist erstmals seit 1975 auch Steve Hillage (sonst unter anderem bei Arzachel und System 7 sowie solo aktiv) wieder an Bord.

    Erfreulicherweise klingt „2032“ auch so. Nach einigen Jahren des durch die Zusammenarbeit mit Acid Mothers Temple entstandenen japanisch-ausgeflippten psychedelischen Krautrocks hat Daevid Allen wieder Lust auf Spacerock bekommen, und auch Gilli Smyth ist wieder Mitglied des Ensembles. Letztere ist erneut auf dem gesamten Album nur als „Space Whisper“, also als seltsam verzerrtes Flüstern, zu hören, ein Stilmittel, das auch die frühen Gong-Alben geprägt hat. Bisweilen, etwa in Portal, wird auch herrlich gerockt; nicht schlecht, immerhin ist Daevid Allen in diesem Jahr schon 71 Jahre alt geworden.

    Wenn schon Altherrenmusik, dann doch bitte so!

    Nach all der Lobhudelei, so berechtigt sie auch sein mag, noch ein paar Hörproben:
    Das MySpace-Profil von Gong ist nur wenig hilfreich, ausnahmsweise empfehle ich daher, die Ausschnitte auf Amazon.de vorzuziehen. Auf YouTube ist außerdem unter anderem City of Self Fascination vollständig zu hören.

  9. Dream Theater – Black Clouds & Silver Linings
    „That where there is despair, I may bring hope“ (The Shattered Fortress)
     
    Hinter all den Anspruch hängen wir mal wieder ein wenig Kopfschüttelmusik (bejahendes Schütteln, kein bemitleidendes, versteht sich). Dream Theater, die vermutlich zu Recht bekannteste Progressive-Metal-Band mindestens des ganzen Planeten mit einem der umstrittensten Progressive-Metal-Sänger mindestens des ganzen Planeten, lässt mit „Black Clouds & Silver Linings“ mal wieder von sich hören.

    Für die direkten Vorgängeralben fanden Rezensenten meist nur wenig warme Worte; zu unkreativ schien der Versuch, Dream Theater durch Zitate aus mehreren Jahrzehnten Progressive-Rock-Geschichte neu zu definieren, und zu erfolglos blieb er dann auch; Dream Theater bleiben eben Dream Theater, und als Dream Theater sind sie einzigartig.

    Das haben sie jetzt wohl auch eingesehen, und so ist „Black Clouds & Silver Linings“ eine Platte geworden, die wieder so klingt, wie man es von Dream Theater erwartet: Der Bass poltert, die Gitarren jaulen, die Keyboards unterstützen jedes Instrument, wo sie es können, und James LaBrie intoniert von John Petrucci und Mike Portnoy geschriebene Texte, die nach wie vor sehr persönlich gefärbt sind, was bis zu Kindheitserinnerungen der Bandmitglieder reicht (das Einstiegsstück A Nightmare To Remember handelt angeblich von einem Autounfall, den Gitarrist Petrucci als Kind miterlebt hatte).

    Sicher sind die Texte oft auch nur belanglos, aber der Qualität des Albums schadet das nicht auffallend. Ich gehe so weit, an dieser Stelle zu behaupten, dass „Black Clouds & Silver Linings“ das beste Dream-Theater-Album seit dem überragenden Konzeptalbum „Metropolis Pt. II – Scenes From A Memory“ (1999) geworden ist. Gut Ding will manchmal eben doch Weile haben.

    Hörproben:
    Auf YouTube gibt es unter anderem das feine A Rite of Passage zu hören, auch das MySpace-Profil der Band ist sehens- und hörenswert. Das vollständige Album kann man im Schnelldurchlauf, wie gewohnt, auch auf Amazon.de konsumieren.

  10. Friska Viljor – For New Beginnings
    „A heart is much bigger than a mind that’s upset“ (Daj Daj Die)
     
    Friska Viljor ist angeblich eine schwedische Indiefolkband. „Wie geht das, Indie und Folk?“, fragen sich nun vielleicht einige meiner Leser. Nun, ich weiß es auch nicht, aber ich möchte es mir auch nicht herausnehmen, selbst eine Kategorisierung finden zu müssen. Dass Genreschubladen nur selten zutreffen, zeigt sich am Beispiel dieses Duos.

    Was sie so genau machen, ist tatsächlich mit Worten nur schwer einzugrenzen. Bewegt man sich im eröffnenden Daj Daj Die bereits zwischen den Stilen – eine Folkmelodie mit einem Refrain, der ebensogut aus dem letzten Sigur-Rós-Albums stammen könnte, und einer zerbrechlichen Gesangsstimme, die man so sonst nur von Indierock-Bands kennt -, so gibt man den Versuch des Schubladendenkens spätestens beim Anhören eines zweiten Stückes auf. Lied Nummer 7, People Are Getting Old, ist zum Beispiel ein veritabler Indierocksong, der auch im Repertoire der Kaiser Chiefs Platz fände.

    Folk wäre aber wahrscheinlich auch eine höchst unpassende Schublade für Lieder, die Titel wie Sunny Day tragen und von der Freude am Leben (oder doch am Tod?) handeln. Nicht umsonst klingt so manches Lied auf dem Album wie ein Trinklied, ohne dass man dafür den Text beachten müsste. Eine Art Selbsttherapie, so liest man allerorts, sollte die Band Friska Viljor darstellen. Liebeskummer in Alkohol und Gedanken über das Leben zu ertränken ist immerhin eine altbewährte Methode, mit ihm fertig zu werden.

    Die Vergangenheitsbewältigung klingt, in Worten beschrieben, dann ungefähr so:

    Ja, alle anderen bauen Häuser und gründen Familien, und Friska Viljor touren im klapprigen Bus durch die Weltgeschichte und schreiben im Wald traurige Lieder über das Leben. Lieder, die Titel wie Daj Daj Die oder If I Die Now tragen und sich vor allem damit befassen, wer und wo man eigentlich sein möchte.

    Das klingt rätselhaft und bedarf einiger Hörproben zur Erklärung. Die wiederum findet der interessierte Leser dieser Zeilen im MySpace-Profil der Band sowie in aller Kürze auch auf Amazon.de.
    Ich wünsche entspanntes Sinnieren.

  11. Nihiling – M[e]iosis
    „Words I say won’t reach you“ (Captives)
     
    Nihiling darf natürlich in dieser Liste nicht fehlen, nachdem ich mich vorigen Monat von ihrem Konzert mit Hermelin, deren Debütalbum ich letztes Jahr an dieser Stelle schon ausführlich gelobt hatte, herrlich unterhalten ließ. Die Energie eines Konzerts kann natürlich ein Tonträger niemals wiedergeben, zumal kein im Studio aufgenommener. Dennoch bleibt „M[e]iosis“ eine feine Scheibe.

    Wer Nihiling noch nie gehört hat, für den möchte ich hier ein wenig name-dropping betreiben: Oceansize. Isis. Tool.

    Natürlich könnte ich jetzt auch hier eine lange Lobrede formulieren, aber ich würde mich wahrscheinlich nur wiederholen. Dafür ist mir inzwischen endlich eine total schlagfertige Reaktion ähnlichen Niveaus eingefallen:

    Was kommt heraus, wenn man Nihiling einpflanzt?
    Eine Gorke. Brahaha.

    Genug davon; nicht, dass ich mir hier noch Feinde fürs Leben mache. Musik sollte Menschen zusammenbringen und nicht dazu einladen, gegen den Grundsatz der Witzemacher („keine Witze über Namen!“) zu verstoßen. Wird nicht wieder vorkommen, versprochen.

    Zurück zur Musik also: Solche wie die von Nihiling ist nur unzureichend in bloßem Text zu beschreiben. Peter hat’s versucht:

    Nihiling ist eine Gitarrenband (der Trend geht eindeutig zum Drittgitarristen), eine Rockband, die es richtig krachen lässt, sich aber die Zeit zum Ausruhen nimmt. Irgendwo zwischen Oceansize und Mogwai. Irgendwo zwischen Progressive, Metal und Post-Rock ((ziemlich unpräziser Begriff)). Die Präzison und Schärfe in einigen Songs erinnert den geneigten Hörer auch an Tool. Ausfälle gibt es auf dem Album nicht zu vermelden. Auf höchsten Niveau vollbringen Nihiling den Spagat zwischen all dessem, was mir in der Rockmusik gut und wichtig ist. Das Spiel zwischen Progressive und Post-Rock, mal Instrumental („Diaphanous Gate“ ), mal mit Gesang und nicht unfröhlich („Captives„, „Nascent“ ), traumhafte Melodien („The World Ends With Me„), dann wieder eher ambient und entspannend oder im wohlbekanntem Leise- Lautspiel („Not Even Close To Your Understanding Of…„). All das wird von den Hamburgern traumhaft umgesetzt und Nihiling erreichen gleich mit ihrem ersten Album eine sichere Umlaufbahn um den Post-Rock-Planeten, auf dem alle Menschen glücklich sind.

    Hörproben:
    Ein Livevideo des von der Band selbst nicht sonderlich geschätzten Stückes Moth Gate und einige Lieder aus bisherigen Veröffentlichungen (zwei EPs und ein Album) gibt es auf MySpace.com zum kostenfreien Gutfinden. Wer es eilig hat, kann auch auf Amazon.de kurz in das Album hineinhören; aber Eile ist hier nicht angebracht. Dieses Album braucht, wie vieles andere aus der großen Postrockkiste, vor allem Zeit und Geduld. Wer beides aufbringt, wird garantiert belohnt. Und wenn Nihiling irgendwann in eurer Nähe auftreten: Geht hin! Ihr werdet es nicht bereuen.

  12. The Void’s Last Stand – A Sun By Rising Set
    „Six bodies burst through the outermost gate“ (Under The Ardent Sun)
     
    Noch ein wenig anstrengende Musik zum Ausklang. Die Aachener Band The Void’s Last Stand musiziert wirr. Das Album „A Sun By Rising Set“ besteht aus zwei Stücken von jeweils etwas über 25 Minuten Länge und grasen dabei so ziemlich jeden Musikstil ab, der ihnen beim Komponieren gerade zwischen die Finger gekommen ist.

    Sänger Jonas Wingens wurde offenbar von Magma, Damo Suzuki und zahlreichen weiteren Musikern inspiriert, seine Mitstreiter wechseln derweil alle paar Minuten das Genre. Mother Sun And The Other Sun (Part I) könnte ebensogut aus Demoaufnahmen einer Zusammenarbeit von Can und Ruins stammen, wären da nicht die Bluesrockelemente und der beinahe radiotaugliche, popinspirierte Schluss. Under The Ardent Sun klingt eigentlich genau so.

    Nik Brückner nannte dieses Album „erfrischend unblöd“ – ein völlig zutreffendes Adjektiv. Nie wird die Musik, die diese Band spielt, eintönig oder artet in sinnlosen Lärm aus. Wenn man sie unbedingt als „die neuen Wer-auch-immer“ bezeichnen möchte, dann schlage ich „die neuen (und besseren) The Mars Volta“ vor. Und kaufen kann man das Ding für vier Euro (plus Porto) direkt bei der Band, also kann man hier durchaus auch mal einen Blindkauf wagen. Blind könnte man leider auch vom Booklet werden, in dem die Texte abgedruckt sind; aber das ist ein, wie ich meine, recht kleines Manko.

    Hörproben:
    Wer aus welchem Grund auch immer nicht die Katze im Sack kaufen möchte, der findet im MySpace-Profil von The Void’s Last Stand das gesamte Album zum Probehören. Beide Stücke wurden hierfür (und eigentlich auch, nur nicht separat aufgeteilt, auf dem Album) in durchnummerierte Kapitel aufgeteilt. Das hilft zwar auch nicht, die Zusammensetzung des Albums zu verstehen, aber es ist interessant zu lesen.

Teil 2: Deutsche Texte mit Verstand.

  1. Rammstein – Liebe ist für alle da
    „Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“ (Pussy)

    Wie ich voll des Lobes schon zu erwähnen wusste: Rammstein ist zurück, und es wird wieder auf die Pauke gehauen. Seit Mitte November ist der Titel „Ich tu dir weh“ wegen einer allseits bekannten, absurden Entscheidung der BPjM nur noch als indizierte Version auf dem Album zu finden, das tut der Freude aber keinen Abbruch.

    Ich zitiere mich mal wieder:

    „Liebe ist für alle da“ ist ein durchaus mit Bedacht gewählter Titel für das Album; mit Ausnahme des Rammlieds handeln tatsächlich alle Titel von Liebe in seelischer oder rein körperlicher Form – natürlich, in Rammstein-Manier, mit sadomasochistischen Zügen inklusive einer Schilderung des Inzestfalls von Amstetten, all dies untermalt von Musik der härteren Gangart, wie sie zuletzt auf „Herzeleid“ und „Sehnsucht“ so ausufernd zu hören war. Dazu schreit und singt Till Lindemann, der seine Stimme um gleich mehrere Nuancen erweitert zu haben scheint, mit einer Kraft, dass es eine wahre Freude ist. Schön, dass sie wieder zu ihrer alten Form gefunden haben. Jetzt bitte so bleiben!

    Mir bleibt nun nur, dies mit Hörproben zu untermauern. Die gibt es als 30-Sekunden-Schnipsel auf Amazon.de, das so genannte Skandalvideo zur ersten Single Pussy indes ist inzwischen auf Redtube.com zu finden.

    Und apropos „so bleiben“:

  2. Die Goldenen Zitronen – Die Entstehung der Nacht
    „Denk mal an die Möglichkeiten, komm mir nicht mit Arbeitszeiten“ (Lied der Medienpartner)

    Die ehemalige Punkband Die Goldenen Zitronen, die ich vor einem Jahr noch als vermutete Inspiration für 1000 Robota erwähnte, war noch nie dafür bekannt, Erwartungen zu erfüllen, und sie bleibt sich treu. „Die Entstehung der Nacht“ ist, so gesehen, die logische Fortsetzung des Vorgängeralbums „Lenin“ als Kritik an der Gesellschaft des ausgehenden Jahrzehnts. Musikalisch überwiegt die Elektronik, aber hin und wieder wird auch, wie noch auf „Schafott zum Fahrstuhl“, dem Alternative Rock gefrönt (Lied der Medienpartner) bis zum Tode Jörg Haiders (Der Landeshauptmanns letzter Weg) alles, was die Gesellschaft sonst hinter vorgehaltener Hand zu raunen pflegt, in seine Bestandteile zerlegt und überdreht wieder zusammengefügt.

    Die ständig wachsende Vielseitigkeit der Goldenen Zitronen wird auch in anderen Titeln deutlich; so ist Der Flötist an den Toren der Dämmerung nicht nur im Titel eine Verbeugung vor Pink Floyd, das von Michaela Mélian gesungene Beautiful People könnte ebenso von Nico stammen.

    Ein Album der Goldenen Zitronen ist immer auch ein Stück Avantgarde, dessen sollte man sich bewusst sein, bevor man sich auf sie einlässt. Sie konzentrieren das, was popkulturell relevante Medien als Popkultur bezeichnen, und dabei haben sie mit Pop (also popular music) noch nie etwas zu tun haben wollen, geschweige denn solchen gespielt. Die Genreschubladen bleiben versperrt.

    Und wer es mir nicht glaubt, der möge sich an den Hörproben erfreuen:
    Auf Amazon.de gibt es die üblichen 30-Sekunden-Schnipsel aus dem Album zu hören, YouTube hat mit Mila immerhin eins meiner Favoriten von „Lenin“ in einer klanglich feinen und bildlich leider unguten Liveversion im Angebot.

    Klanglich fein ist auch das, was wiederum eine ganz andere Band vorzuweisen hat:

  3. Jennifer Rostock – Der Film
    „Die Welt um uns wird alt, aber wir bleiben jung und schön“ (Jung und schön)

    Auch auf die Gefahr hin, mit schrägen Blicken gemustert zu werden und neue Leser aus skurrilen Ecken zu bekommen:
    Ich mag dieses Album.

    Jennifer Rostock wirft man im Allgemeinen mit der Liebesliedercombo Silbermond in einen Topf, aber das passt nicht zusammen. Die Musik von Jennifer Rostock ist grundsätzlich vielmehr das Gegenstück: Die Protagonistin (ich nehme nicht an, dass die Texte immer allzu autobiografisch sind) ist keine Romantikerin und das Lied ist keine Ballade.

    Natürlich geht es in den Texten auch um zwischenmenschliche Beziehungen, aber es geht härter zur Sache. Es geht um gemeinsame Nächte, Betrügen und Egoismus, vorgebracht mit einer Inbrunst, von der sich andere Sängerinnen noch eine Scheibe abschneiden könnten, kombiniert mit einer Portion Schrammelrock (in den besseren Momenten) oder Gitarrenpop (in den schlechteren). Obwohl die Band ein Massenpublikum anspricht, hat ihre Frontfrau eine Stimme, die man auch als solche bezeichnen kann.

    Und damit sich der geneigte Leser so ungefähr vorstellen kann, was ich mit Inbrunst meine, verweise ich als Hörprobe auf insbesondere die letzte Minute des Liedes Nenn mich nicht Jenny. Jau!

    Immer noch nicht überzeugt? Ihr mögt keinen Frauengesang oder haltet nicht viel von Poprock, selbst wenn er gut gemacht ist?
    Dann hätte ich noch einen Vorschlag zu machen:

  4. Bela B – Code B
    „Ihr habt Verständnis, logo, wenn ich jetzt mal aufs Klo go“ (Bobotanz)

    Ich hatte nach dem Konsum des Solodebüts „Bingo!“ die Hoffnung verworfen, von Bela B, der derzeit offenbar ohne Punkt geschrieben wird, noch mal Solomaterial hören zu dürfen, das seinen Beiträgen zum Werk der Die Ärzte gerecht wird; sicher, während letztere sich insgesamt selbst nicht so ganz ernst nehmen, sind ihre drei Mitglieder dennoch ambitionierte Musiker, und es wäre nicht konsequent, würden sie in ihrem Solowerk nicht andere Wege beschreiten.

    Nun, Herr B ist, wie er selbst mehrfach verlauten ließ, Vater geworden. Das ist in der Regel ein Erlebnis, das den Menschen verändert, und es macht sich in „Code B“ bemerkbar; nicht nur, weil er seinem Nachwuchs eigens ein Schlaflied (Dein Schlaflied) widmet, sondern auch, weil das Album tatsächlich viel weniger verkrampft als „Bingo!“ wirkt und Spaß macht, selbst in den Liedern, die eigentlich gar nicht so offensichtlich witzig gemeint sind wie zum Beispiel der Bobotanz.

    Ach, ja, der Bobotanz: Angeblich als Satire auf irgendein Lied von Olli Schulz, von dem wiederum ich bis heute noch nichts kenne, geschrieben ist dieses Stück Musik eins der spaßigeren Lieder. Des Weiteren hat „Code B“ auch zynisches (Hilf dir selbst) und Stücke über das für Bela nach wie vor typische Thema Liebe (Altes Arschloch Liebe) in allen Formen (Ninjababypowpow) im Repertoire, das obligatorische Vampirlied (Rockula) muss schon gar nicht mehr erwähnt werden.

    Nicht, dass falsche Erwartungen keimen: Bela B klingt auch auf „Code B“ wie Bela B, er versucht nicht, sich anzubiedern, und er definiert sich auch nicht neu. Er hat ein Album aufgenommen, mit dem er niemandem mehr etwas beweisen muss, und das klingt so locker wie seit Jahren nicht mehr.

    Leute, die mit dieser Art von Musik noch nie etwas anfangen konnten, werde ich trotz aller Worte nicht überzeugen können, also lasse ich die Hörproben sprechen:
    Amazon.de hat die üblichen kurzen Ausschnitte im Angebot.

Von dem Mangel an guter deutschsprachiger Musik bekommt man fast schlechte Laune. Schon schade, dass das Angebot an selbiger offenbar jährlich abnimmt.
Schnell also ein anderes Thema:

Teil 3: Billig will ich.

Das Internet setzt sich endlich als Vertriebsweg durch: Moderne Lizenzen wie die Creative-Commons-Lizenz by-nc-sa ermöglichen es den Künstlern, ihre Werke einem interessierten Publikum kostenlos bekannt zu machen, ohne Verluste durch Privatkopien einzufahren. Hierbei reicht die Bandbreite von völlig kostenlosem Verteilen bis zur Zahlung einer frei wählbaren Gebühr, sozusagen als Belohnung für eine freiwillige Spende.

Drei dieser Alben, allesamt bei den Schallgrenzen entdeckt, folgen:

  1. Her Name is Calla – The Heritage

    Die Band Her Name is Calla kommt aus Großbritannien und macht tieftraurige Musik mit Postrock- und New-Wave-Einflüssen; das klingt also, anders ausgedrückt, ungefähr so, als hätten sich die Tindersticks mit durch Rauschmittel in Trance gesetzten The Cure zusammengetan, nur ganz anders. Im Hintergrund passiert eine Menge, von dem man nichts mitbekommt, wenn man den Fehler macht und sich auf den Gesang konzentriert, und das Gegenteil führt natürlich zu einem ähnlichen Ergebnis. „The Heritage“ ist spitze, und man entdeckt immer wieder neue Nuancen. Es passiert nicht viel, und gerade das ist das Reizvolle an dieser Art von Musik. Der Expressionismus hat ein Sprachrohr gefunden. Dringend empfohlen: Vorher tief durchatmen.

    Konsum:
    Als Stream steht das vollständige Album auf Denovali.com zum kostenlosen Anhören und Mitschneiden bereit; wer Tonträger bevorzugt, kann die CD bei Denovali Records für wenig Geld käuflich erstehen.

  2. atlantis – San Diablo EP

    Ich gebe es zu: Dieser Tonträger hat mich digital entjungfert.
    Will sagen: Ich bin, wie einige von euch wissen, ein Freund von physischen Tonträgern und habe an öden Bits ohne artwork nur selten Freude.Nun aber ist der/die/das „San Diablo EP“ von atlantis ausschließlich als „DigiBuy“ erhältlich, also für ein wenig Kleingeld erhält man einen Coupon, mit dem man die Musik herunterladen kann, wahlweise im MP3- oder in einem verlustfreien Format und, so weit ich das sehen kann, ohne störende DRM- oder sonstige Beschränkungen.

    Und die Musik geht gut ab: Ambient-artige Klangstrukturen (Mongoose vs. Cobra) treffen auf Noise- und Postrockwände, selbst die Nine Inch Nails (Welcome home San Diablo) sind nicht fern. Leider dauert das Vergnügen nur wenig mehr als 24 Minuten, aber das ist für eine/einen/ein EP, wie ich meine, durchaus zu verschmerzen.

    Konsum:
    Zu einem frei wählbaren Preis ab 2 Euro ist der Coupon hier erhältlich.

  3. Masske – The Earth That Breathed

    Drittens und schließlich dann noch etwas abgedrehtere postrockartige Musik von Masske, wiederum aus Großbritannien. Der Eigenbeschreibung („Densely layered guitar form rhythmic psychedelia that is at once frantic and premeditated.“) ist eigentlich nichts hinzuzufügen, ich zitiere trotzdem mal:

    Die Vertonung der Apocalypse mit Hilfe von Gitarre, Effekten und Synthies. (…) Fette Beats und eine Menge düstere Effekte fräsen sich in das Ohr des Verschwörungstheoretikers. Hört mal rein, lohnt sich für Freunde von Massive Attack , NIN und Konsorten.

    Neugierig geworden?

    Konsum:
    „The Earth That Breathed“ ist auf der Internetpräsenz von Wise Owl Records und natürlich auch via eMule zu beziehen.

Neben obigen grandiosen Werken gab es im Jahr 2009 auch schon einigen Murks, der von verschiedenen Musikblogs und ihren Kommentatoren aus für mich persönlich völlig unverständlichen Gründen in die Liste der besten Alben 2009 gewählt wurde. Vier Vertreter dieser Gattung, die mich trotz der allgegenwärtigen Lobeshymnen bestenfalls gelangweilt haben, folgen zur Abschreckung:

Teil 4: Mitbringsel für ungeliebte Bekannte.

  1. Eels – Hombre Lobo
    Eintöniges Geschrammel und einschläfernder Gesang mit nerviger Stimme. Ist das heute „in“? Na, danke.
  2. Portugal. The Man – The Satanic Satanist
    Ich höre Stagnation. War der Vorgänger „Censored Colors“ noch lobenswert, so ist „The Satanic Satanist“ deutlich zu kurz und lässt dem Hörer viel zu wenig Zeit. Als EP zu „Censored Colors“ hätte es mir vielleicht sogar eine positive Wertung abringen können, aber außer dem gleichfalls viel zu kurzen Sit Back and Dream ist dieses Album schlicht überflüssig. (Vielleicht das schlimmste Attribut, das man einem Album anheften kann.)
  3. Muse – The Resistance
    Aua! Wegmachen, schnell! Fort mit der Scheibe! Aspirin! Hilfe!
  4. The Raveonettes – In And Out Of Control
    Was ist das denn? The Raveonettes haben mehrfach erfreuliche Alben mit Anspruch veröffentlicht, und jetzt ärgern sie mich mit so einem radiokompatiblen Mist. Schade drum, gibt keine Kaufempfehlung.

Zum Abschluss, bevor mir noch der Schaum vom Mund tropft, steigen wir lieber noch mal in unsere Zeitmaschine und schauen, wie es in den letzten 40 Jahren in der Musikwelt aussah. Was hatten die Jahrzehnte zu bieten?

Teil 5: Neues von gestern.

  • Vor 40 Jahren:
    Van der Graaf Generator – The Aerosol Grey Machine
    Im Jahr 1969 wagte man noch Experimente. Die New Yorker Band The Koala, die, um skurriler zu wirken, ihren Namen bewusst australisch klingen ließ, nahm ihr selbstbetiteltes Album, das ihr einziges bleiben sollte, auf und legte so einen Grundstein für viele spätere Stoner-Rock-Bands wie Colour Haze, in München spielte die von Drogen befeuerte Künstlerkommune Amon Düül hin und wieder gemeinsam psychedelische Musik, die später „Krautrock“ genannt werden sollte, und die neu gegründete Studentenband Van der Graaf Generator war auf der Suche nach ihrer Identität. Schon das im Folgejahr erscheinende „The Least We Can Do Is Wave to Each Other“ hat nichts mehr mit der blumigen Hippie-Atmosphäre gemein, die „The Aerosol Grey Machine“ ausmacht und dieses Album so aus dem übrigen Werk der Band abhebt. Der junge Peter Hammill sang über verflossene Liebe und Hoffnung. Afterwards bleibt mit seiner Orgeluntermalung und seinem dezenten Schlagzeugeinsatz bis heute eins der schönsten Stücke von Van der Graaf Generator.
  • Vor 35 Jahren:
    King Crimson – Red
    Nach fünf Jahren andauernder Besetzungswechsel und sechs Studioalben beschloss Robert Fripp, den karmesinroten König erst einmal schlafen zu legen. Zum Abschluss gab es mit „Red“ das wohl kraftvollste Werk der nach einhelliger Meinung besten King-Crimson-Besetzung, das einen ungefähren Eindruck vom Potenzial des Trios und seiner zahlreichen Gastmusiker – darunter Mel Collins, der später für Harald Schmidt ins Saxofon blies – vermittelte. Das sah auch Steven Wilson (Porcupine Tree) so, der, während ich diese Zeilen schreibe, gemeinsam mit Robert Fripp alle Alben bis „Three Of A Perfect Pair“ (1984) digital entstaubt und nach und nach veröffentlicht. „Red“ ist eines der ersten drei, die schon erschienen sind. Nach „Red“ kam lange nichts mehr, was den Namen King Crimson verdient hätte. Schade eigentlich.
  • Vor 25 Jahren:
    Univers Zero – Uzed
    Sicher waren die 80-er Jahre ein Jahrzehnt, auf das die Musikwelt im Nachhinein auch gut hätte verzichten können; abseits vom Plastik-Mainstream stand fast nur noch die Avantgarde. Mit Univers Zero schickte sie aber durchaus starke Vertreter ins Rennen, die sich nicht schlecht machten. Beeinflusst von Zeuhl- und Freejazz-Bands wie Magma und Art Zoyd veröffentlichten sie 1984 eine Platte, die dennoch eine große Eigenständigkeit besitzt. Instrumentaler, von Bass und Schlagzeug getriebener Freejazz frisst sich ins Ohr des Hörers und bleibt dort nicht lange haften, das wäre ein Zeichen für Eintönigkeit; nein, hinter jedem Takt, den Univers Zero spielen, kann die nächste Überraschung warten. Psychedelisch, elegisch, dann wieder druckvoll und fröhlich – so viel Abwechslung hatte der Freejazz seit King Crimsons „Lizard“ nicht mehr zu bieten.
  • Vor 20 Jahren:
    Can – Rite Time
    Gegen Ende des Plastikjahrzehnts besann man sich in der Musikwelt wieder auf alte Werte. Man hatte endlich auch selbst die Nase voll von den Synthie- und Keyboardklängen, die aus jedem Lied trieften, nur Robert Fripp, der King Crimson gerade wieder einmal auf Eis gelegt hatte, schwamm wie gewohnt gegen den Strom und veröffentlichte Neuauflagen seiner 1980 und 1981 gemeinsam mit The League of Gentlemen und Gastmusikern wie David Byrne (Talking Heads) eingespielten Discoplatten. Die Pixies ließen die Massen zu ihrem Überwerk Doolittle die Köpfe schütteln, und in Köln fand sich die Krautrockband Can wieder in der Urbesetzung zusammen. Nachdem man gegen Ende der 70-er Jahre mit dem Ausstieg von Damo Suzuki (1974) und Holger Czukay (1978) der musikalischen Avantgarde abgeschworen hatte und sich unter der Obhut der Plattenfirma EMI vergebens den kommerziellen Erfolg zu erreichen suchte, hatte man es gegen Mitte der 80-er Jahre satt, Däumchen zu drehen, und so fand sich erstmals seit 1970 das Gründerquintett mit Sänger Malcolm Mooney zu einer einmaligen Reunion zusammen. Heraus kam das letzte avantgardistische Krautrock-Album des 20. Jahrhunderts, das anschließend unerreicht bleiben sollte. Michael Karoli verstarb 2001.
  • Vor 10 Jahren:
    dEUS – The Ideal Crash
    Die 90-er Jahre waren – auch „dank“ Oasis und Blur – das Jahrzehnt des Indie-Poprock. Aus der Masse der immer ähnlich klingenden Kopierbands eine herauszupicken, die einer besonderen Erwähnung bedürfte, ist nicht leicht, also erweitere ich den Suchkreis und werde fündig: Die belgische Band dEUS veröffentlichte 1999 ihr drittes Album „The Ideal Crash“, das schwer zu beschreiben ist. Anders als viele andere Indiebands zur gleichen Zeit bedienten sie sich nicht bei den Beatles, sondern entwickelten ihren eigenen Stil, der sich aus Stilelementen der späten The Velvet Underground, Placebo und The Verve zusammensetzt. Wenn man heute die Neunziger kopieren möchte, dann doch bitte so!

Und schon sind wir wieder am Ende.
Vielleicht ist einigen von euch, liebe Leser, diese Liste wieder ein Kaufanreiz oder zumindest eine Inspiration, vielleicht geht sie auch einfach unbeachtet an euch vorbei; mir jedenfalls hat es Spaß gemacht, ein wenig in den Archiven zu wühlen.
Die Fortsetzung folgt, wie gewohnt, im Sommer 2010, falls bis dahin die Welt nicht schon wieder untergeht.

Danke fürs Lesen!

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Senfecke

Bisher gibt es 8 Senfe:

  1. So, jetzt habe ich alles durchgelesen. Hut ab. Ein sehr schöner und lesenswerter Beitrag zum Ende des Jahres. Und der erste auf diesem Blog, den ich halbwegs verstanden habe, ohne bunte Pillen einzuschmeissen. Abgesehen von Teil 2 (finde ich allesamt richtig Scheisse) eine sehr interessante und informative Rückschau. Respekt, mein Lieber.

  2. Danke, ein Lob von höchster Stelle ehrt mich natürlich. Schön, dass sich die Arbeit gelohnt hat. :)

  3. ja! noch bevor ich eine einzige zeile gelesen habe, weiß ich schon jetzt, dass ich mich nun mit einer kritik beschäftigen werde, bei der sich das lesen lohnt. ich freue mich darauf. auf geht’s!

  4. Hi hi!

    Jetzt erst gelesen und Kompliment…
    Das mit Muse ist übrigens volll Korrekttt.
    8O

  5. Danke!

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