KaufbefehleMusikkritik
Rammstein — Liebe ist für alle da

Fleißige Leser dieser flauschi­gen Inter­net­präsenz haben sich­er in eini­gen mein­er Beiträge schon eine Affinität zu melodis­ch­er Frick­el­musik erken­nen kön­nen. Ich hoffe, all jene, die solcher­lei erkan­nt haben, ver­fü­gen über starke Ner­ven oder sitzen ger­ade auf einem vor verse­hentlichem Herun­ter­fall­en geschützten Möbel­stück, denn ich muss nach eini­gen Stun­den inten­siv­en Hörens ein wom­öglich über­raschen­des Geständ­nis machen:

Das neue Album von Ramm­stein ist klasse.

Man kann von den Brachial­rock­ern hal­ten, was man will, man kann sie auch auf­grund ihrer ost­deutschen Herkun­ft in einem Atemzug mit Tokio Hotel nen­nen, wie es der früher eigentlich mal ganz okaye Musik­ex­press in der aktuellen Aus­gabe tut und sich damit jegliche Sym­pa­thien bei mir ver­spielt hat, aber man kommt nur schw­er­lich an ihnen vor­bei.

Nach den bei­den schwachen Alben “Reise, Reise” und “Rosen­rot”, erschienen in den Jahren 2004 und 2005, hörte man nicht mehr viel von dem Sex­tett. Zwis­chen­drin erschien mit “Völker­ball” ein Liveal­bum, das aber nicht beson­ders viel Auf­se­hen erregte. Ich habe es anfangs nicht ein­mal bemerkt.

Erst im Som­mer 2009 war die Band wieder in den Schlagzeilen, allerd­ings mit ein­er Schlagzeile, die nicht unbe­d­ingt für all­ge­meine Freude gesorgt hat: Nach­dem Auss­chnitte aus dem Album “Liebe ist für alle da”, um das es hier geht, ihren Weg ins Inter­net “gefun­den” hat­ten, gab es Abmah­nun­gen in nicht geringer Zahl sowie eine min­destens eben­so große Zahl an davon bee­in­flussten Schmähkri­tiken in deutschsprachi­gen Weblogs zu lesen. Ich habe mich da mal vornehm zurück­ge­hal­ten; Auss­chnitte aus urhe­ber­rechtlich geschützten Werken und Hin­weise hierzu unge­fragt auf irgendwelchen Nachricht­en­seit­en zu veröf­fentlichen ist nichts, was man als Kün­stler ignori­eren müsste, Bürg­er­rechte hin oder her. Wer immer für diese Abmah­n­welle ver­ant­wortlich war: Es war sein gutes Recht. Kor­rek­tur: Es war zumin­d­est aber nicht nett. (Danke an Peter für den Hin­weis. Manch­mal schreibe ich mich verse­hentlich in Rage und vergesse dabei einige nicht ganz unwichtige Details.)

Nach­dem also jeden­falls die Propheten des Unter­gangs des Abend­lan­des allmäh­lich ver­s­tummt waren, rück­te man endlich mit der Sprache raus und machte wieder das, was man in den weichge­spül­ten Vorgänger­al­ben vor Eingängigkeit ganz überse­hen hat­te; Man brach Tabus.
Die Sex­u­al­isierung in der Musik ist nun kein unbe­d­ingt neues The­ma mehr, ein Musikvideo als Pornofilm zu drehen nur kon­se­quent. Den­noch wurde dieser Schritt natür­lich all­ge­mein als Tabubruch beze­ich­net, ohne dass irgend­je­mand mal dazu geschrieben hätte, welch­es noch beste­hende gesellschaftliche Tabu denn mit­tels dieses Videos nun gebrochen sei. Die Darstel­lung sex­ueller Aktiv­itäten im Inter­net ist jeden­falls sich­er nicht gemeint, und im Fernse­hen läuft, so weit mir bekan­nt ist, auss­chließlich eine zen­sierte Fas­sung.

Das ehe­ma­lige Nachricht­en­magazin Der Spiegel hat das mit der Ironie noch immer nicht so ganz ver­standen und zitiert Paul Lan­ders infor­ma­tiv, aber auch sug­ges­tiv:

Gitar­rist Paul Lan­ders behauptet, die Pro­voka­tion sei keine bewusste Strate­gie. “Wir sitzen doch nicht am Schreibtisch und fra­gen uns: Wo kön­nten wir noch provozieren?”, sagt er, während seine Nieten und Ket­ten klap­pern, “so komisch es klingt: Die Pro­voka­tion find­et uns”.

Die Her­vorhe­bun­gen sind, wie meist, von mir.

Sich­er kann man Ramm­stein dergestalt als fortwährend irgendwelche “Tabus” brechende Bösewichte darstellen, und sie sind auch nicht ganz unschuldig daran. Dies jedoch möchte ich von nun an wieder den etablierten Klatschme­di­en über­lassen und lieber wieder zum The­ma zurück­kom­men:

Das neue Album von Ramm­stein ist klasse.

Bere­its das erste Stück, “Ramm­lied”, zeigt, dass “Liebe ist für alle da” wieder den Stil der ersten Alben “Herzeleid” und “Sehn­sucht” auf­greift. Melodis­che, bal­ladeske Selt­samkeit­en, wie sie auf den bei­den Vorgänger­al­ben vorherrscht­en, sind hier nur noch eingeschränkt zu find­en. Stattdessen begin­nt das Album mit — ich schreib’s noch mal — dem “Ramm­lied”, das an das Lied “Ramm­stein” vom Album “Herzeleid” anknüpft, mich textlich bei jedem Hören an “Super Drei von den Ärzten erin­nert und zu dem man ordentlich auf die sprich­wörtliche Kacke hauen kann. Auf diesem Niveau geht es erfreulicher­weise auch weit­er, Aus­fälle gibt es nicht. Mit “Früh­ling in Paris” ist auch mal wieder eine Bal­lade im Stil des furcht­bar eingängi­gen “Ohne dich” dabei, die aber den guten Ein­druck auch nicht mehr ruinieren kann.

“Liebe ist für alle da” ist ein dur­chaus mit Bedacht gewählter Titel für das Album; mit Aus­nahme des Ramm­lieds han­deln tat­säch­lich alle Titel von Liebe in seel­is­ch­er oder rein kör­per­lich­er Form — natür­lich, in Ramm­stein-Manier, mit sado­masochis­tis­chen Zügen inklu­sive ein­er Schilderung des Inzest­falls von Amstet­ten, all dies unter­malt von Musik der härteren Gan­gart, wie sie zulet­zt auf “Herzeleid” und “Sehn­sucht” so ausufer­nd zu hören war. Dazu schre­it und singt Till Lin­de­mann, der seine Stimme um gle­ich mehrere Nuan­cen erweit­ert zu haben scheint, mit ein­er Kraft, dass es eine wahre Freude ist. Schön, dass sie wieder zu ihrer alten Form gefun­den haben. Jet­zt bitte so bleiben!

Schrieb ich schon, dass das Album klasse ist?

Nach­trag vom 6. Novem­ber: Ange­blich ist das Album nun indiziert. Ein weit­er­er Kau­fan­reiz für das jün­gere Pub­likum, wie ich annehme.

Senfecke:

  1. Es ging nicht ums Urhe­ber­recht, es ging darum, das diese Vollp­fos­ten die Presse, die darüber lediglich berichtet hat­te, abmah­n­ten bzw abmah­nen liessen. (sind dann ja wieder zurück­gerud­ert. Du schreist doch hier immer nach Frei­heit. Für mich sind das nur berech­nende Arschgeigen die mit Rechen­schieber und Lin­eal Musik KONSTRUIEREN. Die kön­nten auch einen Grosskonz­ern leit­en.

  2. Natür­lich. Aber wenn ich meine Leser direkt auf irgendwelche urhe­ber­rechtlich geschützten Inhalte ver­weise, kriegen sie mich, salopp gesagt, am Sack. Ob ich die Dateien selb­st anbi­ete oder nicht, ändert nichts.

    Sich­er bin ich für Frei­heit, und beken­nen­der Raubkopiert­er­ror­ist bin ich auch noch, aber ich halte es auch für ver­ständlich, wenn die “andere Seite” eben­so auf ihre Frei­heit pocht, etwas dage­gen zu unternehmen. So lange die Pirat­en nicht an der Regierung sind, sind wir gezwun­gen, gewisse Ein­schränkun­gen hinzunehmen…

    Lei­der!

  3. Es geht nicht um den Ver­weis auf irgendwelche Dat­en. Laut.de wurde abgemah­nt, weil sie über den (ohne Wer­tung) Sachver­halt berichtet haben. Darum geht‘s.

  4. Wenn eine Seite schreibt “Im Inter­net, zwinker, zwinker, gibt es das Album schon”, dann ist das zwar dur­chaus eine Infor­ma­tion, aber keine, die auf ihre Leser den Charak­ter ein­er bloßen Infor­ma­tion hat, son­dern jemand, der das liest, wird sich doch umge­hend auf­machen und mal schauen, wie da die Quelle lautet. Zumal, wenn es Monate vor der Veröf­fentlichung passiert.

    Ich feile noch ein biss­chen an der For­mulierung…

  5. Und der Haifisch, der hat Trä­nen
    Und die laufen vom Gesicht
    Doch der Haifisch lebt im Wass­er
    So die Trä­nen sieht man nicht…

    Ich liebe das neue Album. beson­ders Haifisch! (wem das nicht bekan­nt vorkommt, hat in der Schule nicht aufgepasst;) )
    Ramm­stein <3

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