MusikPersönliches
Der Sil­ve­ster­bei­trag 2009, aus belang­lo­sen Grün­den frü­her veröffentlicht

Das Jahr 2009 ist gera­de etwas mehr als elf Mona­te alt, und schon sind die ersten Jah­res­rück­blicke im Fern­se­hen zu sehen. Der Ein­druck, dass also im Dezem­ber kei­ne „Men­schen des Jah­res” mehr die Chan­ce bekom­men, sich recht­zei­tig als sol­che her­vor­zu­tun, ist sicher kei­ner, den man gewin­nen möch­te. Und was da auch immer für grau­si­ge Per­so­nen als Prot­ago­ni­sten auf­tre­ten! Wenn so das Jahr 2009 aus­sieht, habe jeden­falls ich auf das Jahr 2010 schon jetzt kei­ne Lust mehr.

Wie sich dann am tat­säch­li­chen Jah­res­en­de ohne­hin her­aus­stel­len wird, dass man so ziem­lich alles, was man sich für die ver­gan­ge­nen zwölf Mona­te vor­ge­nom­men hat­te, mal wie­der gründ­lich ver­geigt hat. Auch kur­ze Momen­te der Freu­de und des Ver­ges­sens kön­nen nur schwer­lich dar­über hin­weg­täu­schen, dass man noch immer der glei­che Mensch ist wie im letz­ten Jahr. Man hat noch immer die glei­chen Inter­es­sen, den glei­chen Musik­ge­schmack und die glei­che Ein­sam­keit, die an einem nagt wie der Zahn der Zeit in merk­wür­di­gen Sprich­wör­tern, die einen selbst zum Glück ohne­hin noch nicht betref­fen. (Und dann geht es ande­rer­seits doch immer schnel­ler, als man es selbst bemerkt.)

Vor dem nur wenig befüll­ten Text­fen­ster, in dem ich Zei­len wie die­se übli­cher­wei­se ent­wer­fe, sit­ze ich nun also, weil mir die eigent­li­che Idee zu die­sem Bei­trag gekom­men ist, und mache mir eigent­lich über­flüs­si­ge Gedan­ken dar­über, ob ihn über­haupt jemand lesen möch­te. Ich schrei­be Tex­te um des Schrei­bens Wil­len. Gedan­ken, die raus müs­sen, in die Öffent­lich­keit tra­gen und war­ten, bis sie im Archiv ver­schwin­den. Das uralte Prin­zip des Tage­buch­schrei­bens im digi­ta­len Zeit­al­ter, in dem man nicht noch nach Jahr­zehn­ten dar­aus zitiert. Gut so.

Ich wün­sche mir manch­mal, ich hät­te mehr Ideen. Schrei­ben ist eine lieb gewor­de­ne Tätig­keit. Das The­ma ist fast egal, so lan­ge es mich inter­es­siert. Manch­mal kommt dann eben auch was raus, was für den Betrach­ter nur unter Dro­gen Sinn ergibt. Das zählt dann als Krea­ti­vi­tät und stört mich also nicht.
Sel­ten erhal­te ich auch Vor­schlä­ge, zu wel­chen Lebens­be­rei­chen ich mich an die­ser Stel­le äußern könn­te. Vor eini­gen Tagen unter­hielt ich mich im IRC mit einer Lese­rin, die befürch­te­te, ich wür­de sie und ihren zwei­fels­oh­ne inter­es­san­ten Cha­rak­ter the­ma­ti­sie­ren wol­len. Ich äußer­te mich wie folgt:

(@Tux^verdreifelt) nein, ich blog­ge nicht über die cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von frau­en. als ich das letz­tes mal tat, hab ich danach nur gehört „du hast doch kei­ne ahnung .. bla­fa­sel … du bist ein dum­mes arsch­loch.. bla .. sülz .. fick dich”

Die Außen­wir­kung mei­ner Bei­trä­ge inter­es­siert mich sonst nur wenig. Aber wenn ich Gefahr lau­fe, auf­grund ihrer Ver­öf­fent­li­chung von sonst eigent­lich wohl­ge­son­ne­nen Per­so­nen nach­hal­tig beschimpft zu wer­den, sehe ich oft davon ab, sie zu schrei­ben. Das macht nichts, damit kann ich mich arrangieren.

Und schon wie­der bin ich vom The­ma abge­kom­men. Zurück zu ihm:

Was bedeu­tet ein neu­es Jahr? Man nimmt sich irgend­was vor, schiebt es nach hin­ten, und irgend­wann ist schon wie­der viel zu wenig Jahr übrig. Wenn auf­ge­stell­te Plä­ne nicht mehr stim­men, ist der klüg­ste Vor­satz für das kom­men­de Jahr, kei­ne Plä­ne mehr zu machen.
Wo doch über­haupt ein „neu­es Jahr” meist am Fern­seh­pro­gramm zu erken­nen ist. Auf Sat.1 und RTL unter­bie­tet man sich gegen­sei­tig mit den unlu­stig­sten Spaß­ma­chern der letz­ten vier­zig Jah­re (Mario Barth, Rudi Car­rell und lei­der auch fast alle dazwi­schen), und dann immer die­se sau­däm­li­chen Schla­ger­charts. (Und an Neu­jahr füllt sich dann immer mei­ne Fest­plat­te mit Lie­dern, die ich im Sekt­rausch total toll fand. Favo­rit im vor­vor­letz­ten Jahr: Lisa Stans­field – Been around the world. Favo­rit im letz­ten Jahr: Mouth & Mac­Ne­al – How do you do?. Vor­letz­tes Jahr wur­de mit so Leu­ten ver­bracht, ver­mut­lich zum Glück. Mal sehen, wie es die­ses Mal läuft.)

Statt allein fern­zu­se­hen, kann man an Sil­ve­ster auch zu ande­ren Leu­ten, die man nüch­tern nicht erträgt, fah­ren und mit ihnen zusam­men fern­se­hen. (Oder sich gegen­sei­tig Wit­ze erzäh­len, die man letz­tes Sil­ve­ster im Fern­se­hen gehört hat.) Das macht tie­risch Freu­de, wenn man gemein­sam über Wit­ze lacht, für die man sich schämt, sobald man sie ver­stan­den hat, was aber meist erst viel spä­ter eintritt.

Der Welt­geist will es, dass zu die­sen ande­ren Leu­ten nur sel­ten der im Grun­de ein­zi­ge Mensch gehört, der einem wirk­lich was bedeu­tet. Das hat sicher auch Vor­tei­le, man macht sich unter zu viel Alko­hol­ein­fluss nur vor Leu­ten zum Affen, denen man letzt­end­lich ohne­hin egal ist (vice ver­sa), aber es hält auch die Ein­sam­keit jung und frisch. Dann steht, sitzt oder liegt man da mit einem Glas bil­li­gen Fusels und fragt sich, was sie gera­de macht, und man schreibt ihr viel­leicht im nicht mehr all­zu nüch­ter­nen Zustand eine Nach­richt und erhält einen fra­gen­den Blick, und dann, am näch­sten Tag, liest man sei­ne Nach­richt noch mal und ver­steht sie selbst nicht. Es war schlau von der Natur, unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­reit­schaft und ‑fähig­keit unse­rem Alko­hol­pe­gel anzu­pas­sen. Guter Vor­satz für die­ses Sil­ve­ster: Mehr auf die eige­ne Natur hören.

You go the­re, you’­re gone fore­ver, I go the­re, I’ll lose my way,
if we stay here we’­re not tog­e­ther, any­whe­re is.

– Enya

Senfecke:

  1. Ich nen­ne Vagi­nas „neu­es Jahr”, weil man erst rein­rutscht und dann kurz danach einschläft.

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