Archiv für die Kategorie ‘IRC/Chat’.

Seit etwa 2003 ist das IRC mein zweites Zuhause. Lest hier, worüber ich mich dort so bepisse.

NetzfundstückePolitik
Klatschvieh, QuakeNet, Überwachung

Lesenswert (1): Stefan Niggemeier hat sich für ein paar Stunden zwischen das Publikum diverser Fernsehsendungen gesetzt und ist etwas irritiert.

René, der Warm-Upper, versucht sein Bestes, das Publikum bei Laune zu halten. Bald werden seine Ansagen in den Umbaupausen zu Durchhalteparolen: Nach Spiel neun, verspricht er, werde Wasser verteilt werden, und keine Sorge: Es sei genug für jeden da. Die ersten Worte der Mitarbeiterin, die endlich mit einem Gebinde von Plastikflaschen die Treppe herunterkommt, als Spiel vier, fünf, sechs, sieben, acht und neun vorbei sind, lauten dann: »Könnt ihr es euch bitte einteilen, wir haben nicht genug für alle.«

Wenigstens werden „leergeklatschte“ (ebd.) Zuschauer gelegentlich unauffällig durch frische, noch über Restwasser verfügende Personen ersetzt; sonst wäre das ja unmenschlich.


Lesenswert (2): Die Betreiber des IRC-Netzes QuakeNet finden die Angriffe auf IRC-Infrastruktur im Auftrag der britischen Regierung nicht zum Lachen.

We urge the British government to initiate an immediate and thorough public investigation into the actions of GCHQ and to assure users, companies and communities who rely on the internet that they are safe from being accidentally targeted by the broad, oppressive and legally grey hammer of agencies under their control.

Da bin ich mal gespannt.


Lesenswert (3): Das US-amerikanische Außenministerium findet, in Russland wird zu viel überwacht.

Besucher der Winterspiele im russischen Sotschi sollen davon ausgehen, dass ihre Kommunikation vom Staat und Kriminellen ausspioniert wird, warnt die US-Regierung.

So viel Einsicht hätte ich ihnen gar nicht zugetraut.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt LXXVII: „Ich esse ab morgen nur noch Digitalkameras.“

Kurze Durchsage aus Neuenkirchen: Es wird gar nicht alles teurer.

Dinge des täglichen Bedarfs wie Brot, Milch oder das Bier in der Kneipe sind mit der Einführung des Euro-Bargeldes tatsächlich deutlich teurer geworden. Der von vielen Menschen gefühlte Preisanstieg liegt deshalb höher. Waschmaschinen, Computer, TV-Geräte, Digitalkameras oder das Telefonieren sind heute aber deutlich billiger als zu D-Mark-Zeiten.

Danke, lieber Euro!

(@L2K12) ich ess ab morgen nur noch digitalkameras
(@L2K12) evtl kann man ja in einem pc wohnen

Da gucken die Dänen aber blöd. Die haben den Euro nicht, die kriegen ihr Bier noch billiger.

Der Euro – eine „Erfolgsgeschichte“, wie es heißt – ist erst 10 Jahre alt und treibt schon so viele Menschen zur Verzweiflung. Wie es wohl erst sein wird, wenn er in die Pubertät kommt?

(Danke an L.!)

PiratenparteiPolitik
Zu den niedersächsischen Kommunalwahlen 2011

Die Kommunalwahlen in Niedersachsen sind nun weitgehend entschieden, und eine Gemeinsamkeit all der beteiligten Bezirke ist festzustellen: Beinahe überall, wo die Piratenpartei antrat, konnte sie auch Sitze erringen, den diversen Unkenrufen, die Piraten kämen eh nicht rein, zum Trotz. Weiterlesen ‘Zu den niedersächsischen Kommunalwahlen 2011’ »

In den NachrichtenPiratenparteiPolitik
Durch die grüne Brille

Da schau her, in Baden-Württemberg haben die zweit- und drittstärkste Partei den Umstand, dass sie eben nicht die meistgewählten Parteien sind, als „ein klares (sic!) Regierungsauftrag“ missverstanden und stellen nun „wohl“ die Landesregierung. Eine „herbe Niederlage“, die sich dergestalt äußert, dass man weiterhin die stärkste Partei bleibt, würde ich, wäre ich Politiker, übrigens auch gern einmal erleiden.

Hübsch finde ich es da, dass Stefan Mappus nun entgegen meinen Befürchtungen doch endlich seinen Arsch (und sein Gesäß) aus dem bequemen Bürosessel erheben und künftig von seiner kargen Altersrente dahinvegetieren muss, sofern ihn kein großer Konzern im Aufsichtsrat haben möchte. Weniger hübsch ist nun das Selbstverständnis, mit dem die Anhänger von Claudia „Frosch“ Roth sich präsentieren. Im IRC etwa meldete sich ein bekennender Grüner stolz zu Wort:

(@Sebi`) die zukunft is grün
(@Sebi`) und ihr könnt NIX dagegen tun! :D
(@Sebi`) heute stuttgart, bald berlin! :D

Die Mutmaßung, die ein Mitlesender erwiderte, erscheint mir da beinahe wahrscheinlich:

(Exitus-_-) die zukunft wird krieg

Bei der grünen Vorstellung von „Zukunft“ kommt mir spontan ein Lied in den Sinn: „Für eine bess’re Zukunft…“. Die Grünen haben von Anfang an eine Mentalität als image gepflegt, die man vor allem dann zu wählen beabsichtigen sollte, wenn man sich ohnehin traditionell für „das kleinere Übel“ entscheidet. „Atomkraft? Nein danke!“: So weit ist die Piratenpartei auch seit ihrer Gründung, allerdings sprechen die AntiAtomPiraten von Anfang an vor allem die Gefahren der Atomkraft an und protestieren nicht, anders als die Grünen, letztlich gegen ihr eigenes Wahlprogramm.

Dass die Pünktchenpartei derweil einige Stimmen verloren hat, wird wieder einmal als Anlass gewertet, direkt oder indirekt den Rücktritt von Guido Westerwelle zu fordern. Auf die Idee, dass das miserable Abschneiden der Partei nicht daran liegt, dass die einzig schillernde Persönlichkeit unter all den mausgrauen Lobbyisten sich mitunter in der Wortwahl vergreift, sondern daran, dass die Absichten der Partei kaum einem Bürger, von den Neoliberalen einmal abgesehen, sympathisch erscheinen. Die fünf Komma irgendwas Prozent, die der F.D.P. derzeit noch angetragen wurden, sind, so meine ich, nur zustande gekommen, weil der vorlaute Parteichef manchem Erstwähler sympathisch vorkam; dies vollkommen unabhängig von dem Senf, den er in die Umwelt trötet.

Als „Juniorpartner“ eines ebenfalls traditionellen „Juniorpartners“ sind die Grünen nun nicht unbedingt ein Symbol für Änderung; auch, wenn sie Änderungen ja mit Vorliebe an sich selbst vornehmen, ist doch von der linken Kommunardenpartei nur mehr ein konservatives Häuflein ohne herausragende Persönlichkeiten übrig geblieben, die aufgrund parlamentarischer Zwänge (bedeutet: zwecks Machterhalts) gern mal ihre früheren Ideale Ideale sein lassen.

So also stellt sich der deutsche Wähler Erneuerung vor. Das wird ein Spaß!

Fenster zu!

Apropos digitales Prekariat: Was mir im IRC dieser Tage häufig begegnet, sind Wetter-Bots.

IRC-„Bots“ (kurz für „robots“) sind, kurz erklärt, Computerprogramme, die im IRC bestimmte Aktionen durchführen; sie antworten etwa automatisch auf bestimmte Begriffe oder verwalten Benutzerlisten. Die meisten mir bekannten Wetter-Bots funktionieren dergestalt, dass sie von einer Internetseite das aktuelle (!) Wetter für die gewünschte Postleitzahl abrufen und ausgeben.

Das sieht dann, um farbliche Hervorhebungen gekürzt, ungefähr so aus:

(@Bluewater) !wetter 24109
(@MFC) Wetterdaten für 24109 werden gelesen, bitte habe ein (sic!) Moment Geduld.
(@MFC) -=( Wetter für Kiel, Deutschland (24109) )=-=( Wetterlage: Bewoelkt ? Sicht: 10,0 km ? Gemessene Temp.: -2°C ? Gefühlte Temp.: -8°C ? Taupunkt: -7°C ? Luftfeuchtigkeit: 63 % ? Luftdruck: 1024,0 hPa ? UV-Index: 0 (Minimal) ? Wind: aus dem Osten mit 19 km/h )=-

Da sitzen also die Leute mit ihrem erfüllten real life im IRC, berichten von ihren Erfolgen in irgendwelchen virtuellen Welten und informieren sich über das Leben vor ihrem Fenster, indem sie mit Computern reden. Mein Dank gilt der weltweiten Vernetzung, erspart sie solchen Menschen doch den langen, aufwändigen Weg zum Fenster oder gar zur Haustür.

(Gesetzt den Fall, es hat auch nur irgendeinen Einfluss auf ihr Leben, wie draußen im real life das Wetter ist; wie die Radiomeldungen über „Flitzer-Blitzer“ ja auch nur diejenigen Autofahrer interessieren, die von sich behaupten, die Straßenverkehrsordnung im Schlaf aufsagen zu können.)

Ich wundere mich dann später ein bisschen.

Netzfundstücke
„xD“, lol ^^

Mitunter amüsiere ich mich auf so Seiten, deren Inhalt darauf ausgerichtet ist, für Zeitgenossen und die Nachwelt Zitate aus IRC und instant messengern (Jabber, ICQ und was man heute eben so benutzt) zu sammeln. Auch, wenn die Leser jener Seiten nicht selten Zitate von anderen Internetseiten als eigenes Fundstück ausgeben, so ist doch mitunter ein amüsantes Bonmot dabei.

In der letzten Zeit allerdings bemerke ich jedenfalls in den deutschsprachigen Vertretern dieser Gattung Internetseite eine Entwicklung, die mir missfällt, nämlich die Häufung überflüssiger Emoticon-Surrogate wie „^^“ und „xD“. Ich möchte nun ausnahmsweise einmal nicht als granteliger Greis erscheinen, aber doch jedenfalls für meine mit diesem Thema nicht vertraute Leserschaft in der gebotenen Ausführlichkeit darlegen, was ich meine.

Wir erinnern uns: Anfang der 80-er Jahre wurden in einem universitären Bulletin Board die Zeichenfolge :-) und ihr Komplement :-( zwar vermutlich nicht erstmals, aber mit erstmals nachhaltigen Folgen als Lösung für das bereits von Vladimir Nabokov erwähnte Problem, dass es bis dahin keine einheitliche typografische Darstellung eines Lächelns, etwa zur Kennzeichnung eines Scherzes, gab, vorgeschlagen, und die sich vernetzt unterhaltende Menschheit war dankbar für diese dringend benötigten Zeichensequenzen, die den vergleichsweise umständlichen Inflektiv oder gar Prosaerklärungen überflüssig machten. So ging das über mehr als eine Dekade weiter, und es entstanden Abwandlungen wie ;-) und :-D.

Mit dem Aufkommen japanischen Bildhumors aber traten vermehrt neue Emoticons auf. Wer einmal Pokémon oder ähnliche Serien (oder wenigstens die South-Park-Folge, die Pokémon auf die Schippe nahm) gesehen hat, dem bleibt der typische Zeichenstil vermutlich noch lange in Erinnerung. Japanisches Lächeln nämlich sieht im Mangastil ungefähr so aus:

Daraus entwickelte sich das Emoticon ^^, das mit Unterstrichen nahezu beliebig in die Länge gezogen werden kann, um ein breites Grinsen darzustellen: ^_______^.

Ungefähr zu dieser Zeit auch gewann das Internet für die Masse an Computernutzern jüngeren Alters an Bedeutung, und wer sich diese Bedeutung nicht vorstellen kann, dem spendiere ich gern einmal eine Tageskarte für den Busverkehr einer eigentlich beliebigen deutschen Großstadt, damit er einmal die Zeit messen möge, wie lange es dauert, bis ihm der erste Jüngling „Lol“ oder „Rofl“ im Überschwang beinahe ins Ohr brüllt. Da diese Generation sozusagen die erste war, die einen großen Teil ihrer Freizeit oft damit verbrachte, sich im noch jungen „Web“ statt offline zu unterhalten, wurde die Nutzung von Emoticons für sie eine Selbstverständlichkeit. Diese verloren so ihre eigentliche Bedeutung und wurden alsbald nur mehr schmückendes Beiwerk. Wer in einem dieser Online-Chats statt der üblichen Diskussionen über die reichhaltigste Quelle für Kinderpornografie oder die neuesten Angriffsplanungen auf den Frieden in deutschen Großstädten einmal einen Dialog zweier Menschen verfolgt, die einen Satz statt mit einem Punkt mit ^^ beenden, der kann versuchen, jedes ^^ in Gedanken durch *lächel* zu ersetzen, damit er versteht, worauf ich anspiele.

Der Charakter Eric Cartman aus der bereits erwähnten Serie South Park prägte, als die Sättigung an ^^ und Artverwandtem ausreichend groß war, hierzulande eine weitere Ausdrucksform des Lächelns, nämlich xD, das zuvor ein Nischendasein in Animefilmen fristen musste. Man wende seinen Kopf so lange um jeweils ungefähr 90 Grad, bis man es erkennt:

Auch dieses xD allerdings hat inzwischen einen gewissen Sättigungsgrad erreicht, was wohl auch deshalb nicht lange dauerte, weil es die traditionsbewusste Nachwuchsgeneration als neu und vor allem individuell pries; in dem Browserspiel Galaxy Network gab es bereits zweimal eine Allianz aus Spielern, die sich ebenfalls „xD“ nannte, was die Herabstufung zu einer leeren Phrase beispielhaft verdeutlicht. Kürzlich nun fand dieses Zitat seinen Weg ins WWW:

[Steve] omg heute zu geil aufn weg nach mcs xDD
[D´] ?
[Steve] mein bruder hat ja son tom tom navi , und da is dann iwie sone app oda so drauf das das navi die sms vorliest wenn mein bruder welche während der fahr bekommt
[D´] jaa okay … und weiter ?
[Steve] ja auf jeden fall saßen wir dann zu zweit hinten Kai und ich und dann tippt kai iwas in sein handy ein und auf einmal hört man nur noch vorne das navi sagen “ sie haben eine sms von blaa blaa “ fahr bitte rechts ran ich muss kacken “ xDDD
[Steve] und das mit dieser geilen computer stimme xDD ich konnt nich mehr vor lachen xDD
[D´] fail xDDDDD

Über die Unart, dass die Leute heutzutage ihre „zu geilen“ Geschichten nicht einfach erzählen, sondern erst darauf warten, dass einer Interesse heuchelt, mokiere ich mich eventuell später, ebenso über das unsägliche Gebrabbel wie „Ja, auf jeden Fall haben/sind/waren wir dann…“ statt einfach nur „Wir haben/sind/waren…“, wenn man doch andererseits die Ansicht zu vertreten scheint, bei der Kommunikation im Internet ginge es vor allem darum, vermeintlich überflüssige Zeichen zu sparen. Das Zitat zeigt allerdings die Erbärmlichkeit der von mir kritisierten ausschließlich oberflächlichen Hyperemotionalisierung in ganzer Pracht.

Anonymus „Raupe“ schrieb zu der Inflation des Lächelns unbewusst selbstironisch das, was sie, die Inflation, wohl am treffendsten beschreibt:

irgend ein depp hats erfunden, alle anderen deppen machens nach xD

Je mehr digitale Ausdrucksformen für Lächeln es gibt, desto weniger zählt ein Lächeln noch, so lautet mein Resümee.
Man könnte depressiv werden in diesem Internet.

(Jeder Kommentator unter diesem Beitrag, dem, unabhängig vom Inhalt, ein „xD“ herausrutscht, sinkt, sofern dies möglich ist, in meiner Achtung in immensem Maße.)

In den NachrichtenPolitikProjekteSonstiges
Terror: Keine Überraschung!

Wir werden übrigens allesamt in Bälde eines grausigen Todes sterben, weil verdächtig aussehende Menschen wie dieser hier nur wegen der ausgesetzten Vorratsdatenspeicherung in Deutschland Anschläge begehen werden können, zumindest höchstwahrscheinlich, denn:

Dafür, dass Kashmiri im Moment an Anschlagsplänen für Europa feilt, gibt es zwar keine Bestätigung. (…) Sicherheitsbehörden wären jedoch keineswegs überrascht, sollte sich herausstellen, dass der Pakistaner solche Operationen plant.

Gleich in die Luft sprengen, das ganze Terrorland!
(Also Pakistan jetzt, nicht die USA.)


In eigener Sache (1): Während ich gemeinsam mit Mike® daran arbeitete, das hier verwendete theme ein bisschen besser weniger schlecht zu gestalten, fiel mir auf, dass anstelle der blauen Hintergrundfläche das Einfügen eines Hintergrundbildes womöglich eine sinnvolle Änderung wäre.

Hierfür nehme ich gern Anregungen entgegen. :)


In eigener Sache (2): Heute vor 10 Jahren wurde die erste Version von Gamers.IRC veröffentlicht, mehr dazu kann der geneigte Leser auf gamersirc.net erfahren. Obwohl ich selbst erst seit 2003 Mitglied der Entwicklergemeinschaft bin, so möchte ich dieses Projekt doch jedem Windowsnutzer ans Herz legen. Im IRC selbst empfehle ich den Kanal #La-Familia im QuakeNet, dessen herrlich absurde Diskussionen mich in den vergangenen Jahren nicht selten lachen machten.

In den Nachrichten
Medienkritik XXXIII: The Art Of Love. (Guckt mal, Leichen!)

Als Prolog und Anlass für diesen Artikel darf heute mal folgender Ausschnitt aus einem Dialog herhalten, den ich soeben führte:

[Kuole] was gibts sonst neues?
[ich] berichte über die love parade auf spiegel.de
[Kuole] zusammenfassung? ^^
[ich] alles voll traurig und schrecklich und grausam, und auf den folgenden zehn seiten sehen Sie, liebe leser, exklusiv nahaufnahmen der leichen (oder so)
[ich] wie immer halt

Ihr habt es, liebe Leser, sicher mitbekommen: Gestern starben bei einer Massenpanik auf der Love Parade einige Personen. Auch wenn es für mich schwer ist, das übliche Treiben auf dieser Festivität von einer Massenpanik zu unterscheiden, so hat wohl laut übereinstimmenden Zeugenaussagen tatsächlich eine solche stattgefunden, Stampede mit Todesfolge inklusive.

So unangenehm das auch ist (wer eigentlich zum Feiern und/oder Bumsen und/oder Rauschgiftkauf in den Ruhrpott reist, der erwartet normalerweise, einigermaßen unbeschadet wieder heimfahren zu können, nehme ich an), so gewöhnlich bleibt die Berichterstattung.

Als Beispiel nehme ich einmal den Nachrichtenticker von SPIEGEL Online heran, den ich seit einiger Zeit abonniert habe und der mir somit Recherchearbeit spart. Ab 18:02 Uhr („Zehn Tote bei Massenpanik auf Love Parade“) trafen dort immer wieder neue Berichte von den überwiegend gleichen Autoren ein, illustriert mit zunächst weitgehend harmlosen Abbildungen. Hierbei wurde außer der Zahl der bekannten Toten nur wenig geändert, was die Intention der Autoren ohnehin bereits fragwürdig macht; wollte man nur immer wieder ganz oben in den Nachrichtentickern stehen? Ich greife mal willkürlich eine der vielen Zahlen heraus, um zu illustrieren, was ich meine.

18:02 Uhr („zehn Tote“):
Die Bundespolizei war mit über 1200 Polizeibeamten im Einsatz. Die Love Parade wurde rund um das Gebiet des alten Duisburger Güterbahnhofs gefeiert.

19:32 Uhr („viele Tote“):
1200 Polizisten waren in Einsatz, aber die Zahl der Raver, die in Duisburg ihren Spaß suchten, lag bei rund einer Million.

22:04 Uhr („mindestens 19 Menschen gestorben“):
Zeugen schildern, dass (…) 1200 Polizisten nicht genug seien, um ein solches Ereignis mit mehr als einer Million Teilnehmern zu sichern.

Was genau will man eigentlich bei SPIEGEL Online mit diesen Zahlen anfangen – etwa eine Statistik erstellen?
Wer übrigens ebenfalls hin und wieder auf SPIEGEL Online herumliest und den Liveticker von der Massenpanik schon für eine sensationslüsterne Perversion hielt, der hat die bisherige Klimax des Grauens (damit meine ich nicht den Vorfall an sich) noch nicht gesehen:

Seit 00:43 Uhr ist ein Artikel mit Zeugenaussagen, allerdings ohne die Zahl der anwesenden Polizisten (vergessen?), online, in alter BILD-Manier mit reißerischem Titel versehen („Neben mir ist ein Mädchen gestorben“); jeder Klick bringt Geld, so läuft das im Journalismus, nich‘ wahr? Und was da für ekliger Unfug zitiert wird!

Udo, n-tv-Kameramann und Zeuge: Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor, na, als n-tv-Kameramann sollte man eigentlich wissen, wie Krieg aussieht. Noch neu in dem Geschäft?

Ja, es ist wahrlich grausam anzusehen, wenn Menschen totgetrampelt werden, und es ist ein ganz großes Unglück. Und was macht man, wenn man für ein großes deutsches Nachrichtenmedium arbeitet und irgendwie illustrieren soll, wie grausam das Grausame so ist? Richtig: Man baut in jeden der bislang sechs weitgehend redundanten Berichte zu dem Ereignis eine Klickstrecke mit ganz vielen bunten Fotos ein. Sechsundzwanzig Stück. Leichte Unterhaltung für den bequemen Voyeur.

Apropos BILD-Manier: BILD.de konsumiere ich übrigens nach wie vor nicht, laut Menschen, die damit anders verfahren, sieht es dort jedoch nicht viel besser aus.

Schöne, neue Medienwelt.

(Nachtrag von 22:08 Uhr: Die Veranstalter trifft keine Schuld, der Tunnel war groß genug!11!1elf)

In den NachrichtenPiratenparteiPolitik
Von Kraken und anderen Leuchten

Ich hatte es für einen Scherz gehalten, als man mir davon erzählte, es gebe ein Krakenorakel, das bislang jedes Ergebnis der deutschen Fußballnationalmannschaft korrekt vorhergesagt habe. Soeben scrollte jedoch im IRC-Kanal der Piratenpartei dies an mir vorbei:

(laromeid) +++++ BREAKING NEWS +++++ DAS KRAKENORAKEL VERSPRICHT SIEG FÜR DEUTSCHLAND! +++++ RTL II TOP-NEWS +++++

Ich folgte den folgenden Verweisen und war entsetzt:
Tatsächlich gibt es im Oberhausener Aquarium offenbar einen Kraken, dem man jeweils die entsprechenden Flaggen kredenzt, die er mittels Tentakelbewegungen dann als „Siegerflagge“ kennzeichnet. Das Viech scheint nunmehr Anerkennung als Orakel gefunden zu haben.

Und jetzt sagt es voraus, dass Deutschland auch gegen Argentinien gewinnen wird.

Man muss schon ein ziemlich verquer denkender Mensch sein, um derlei als einer Fernsehnachricht würdig zu erachten, was mich nebenbei auch darin bekräftigt, mich von RTL II, der BILD und ähnlichen Idiotenmedien konsequent fernzuhalten; aber dass dieses Tier auch von Leuten für halbwegs ernst genommen wird, denen ich eigentlich mehr zugetraut hätte, ist erschreckend.

Na, spätestens am Sonntag gibt’s Frischfleisch im Fischgeschäft. Selber schuld.

Apropos Piratenpartei übrigens:

„Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“, sagte Gauck dem Abendblatt. „In unserem Land mit unserer Geschichte darf all das, was in gedruckter Form verboten ist, im Netz nicht ohne Weiteres erlaubt sein.“

Aufstachelung zum Rassenhass oder Anstiftung zum Terrorismus könnten nicht außerhalb des Rechtsstaates stattfinden, forderte der ehemalige DDR-Bürgerrechtler. „Deswegen müssen solche Inhalte aus dem Netz gelöscht werden.“ Der Ruf etwa der Piratenpartei nach unbegrenzter Freiheit habe „einen Hang zur Vermessenheit“, kritisierte er.

(Hervorhebung von mir.)

Seltsam; mir war, als wäre „Löschen statt Sperren“ genau das, was die Piratenpartei bereits seit Jahren fordert. Sollte ich mich da etwa geirrt haben, oder kann es auch nur sein, dass Joachim Gauck, der im Internet meist als bestgeeigneter Kandidat beschrieben wird, schlichtweg keine Ahnung hat, was für einen Unsinn er sich da zusammenfabuliert hat?

Mir graut es bereits vor dem Ergebnis der Präsidentschaftswahl. Au, weia.
Vielleicht doch lieber ein Knödel?

MusikPersönlichesSonstiges
Die Definition der Liebe aus drei Perspektiven

Liebe bedeutet, sich im Angesicht des Anderen wohlig, sicher zu fühlen. Liebe ist das Gemeinsame, nicht das Individuelle. Individuelle Liebe ist Selbstliebe. Liebe ist vor allem aber auch blind, taub und naiv. Wer liebt, kann und wird verlieren, unvermeidlich und nur unter Selbstaufgabe aufschiebbar. Liebe ist die Bereitschaft, sich selbst überzeugend zu belügen.

(Hierzu zwei Erlebnisse: Unterhält sich doch heute im ÖPNV ein kreischstimmiges Frollein mit einem anderen kreischstimmigen Frollein und erzählt eine Begebenheit aus dem offenbar näheren gemeinsamen Bekanntenkreis; sieso, einen ihn nachäffend: „‚Oah, ja, ich vermisse sie voll und so‘, und weißte, wie oft er sie angerufen hat? Nicht einmal, weißte? Tolle Liebe!“ – Liebe wird, scheint’s, mitunter in Worten gemessen.

Meint doch gestern im IRC ein allzu selbstbewusstes gleichfalls Frollein zu mir, es sei geradezu unmännlich, auf den Austausch jedwelcher Körpersekrete, rational betrachtet, verzichten zu können; zumal selbst ich, ließe sie es darauf ankommen, nur allzu willig würde. Männer seien nun einmal bekannt dafür, von der bloßen Gegenwart betonter weiblicher Körperformen in ihrer Rationalität ausreichend eingeschränkt zu werden und umgehend zu lieben zu beginnen; „sich lieben“ habe nicht grundlos verschiedene Bedeutungsebenen, und wer jemanden wahrhaft liebe, suche quasi unvermeidlich auch die körperliche Annäherung. – Das Selbstverständnis mancherlei moderner Frau lässt mich erschaudern.)

Was weißt denn du von Liebe?
Von Liebe weißt du nichts.

– Fettes Brot: Emanuela

In den NachrichtenSonstiges
32. März 2010.

So, 1. April is‘. Den jeweiligen Aprilscherz in den einschlägigen Wochenzeitschriften (inkl. der c’t) haben meine geschätzten Leser sicherlich schon zur Kenntnis genommen und, je nach Gusto, für amüsant befunden. Und im Laufe des Tages werden auch die üblichen Webseiten wieder zu den gewohnt witzigen Ideen der letzten Jahre greifen, darunter der Dauerbrenner „Wir schalten unsere Dienste für immer ab“ und das auch recht beliebte CSS-Spielchen „Willkommen zu unserem neuen Ekeldesign„, und die Nachrichtenseiten werden wieder über irgendwelchen Unsinn berichten. Jedes Jahr bin ich wieder gewillt, selbst – blöde Witze kenne ich wahrlich in nicht geringer Zahl! – mein Scherflein zu der allgemeinen Blöde-Witze-Stimmung beizutragen, allein fehlt’s mir an Motivation; und es wäre ohnehin alles schon mal da gewesen.

Wenngleich dieser Scherz zwar Nerven raubend, aber mir durchaus noch neu war:

Pünktlich um 01:00 Uhr GMT+1 fing der in den meisten Chatkanälen im Quakenet anwesende Verwaltungsbot „Q“ an, willkürliche Nicknamen aus seinem jeweiligen Fundus zu ziehen und mit virtuellen Auszeichnungen, darunter, was zu meiner Erheiterung beitrug, auch Ferris Bueller, zu überschütten:

(01:00:09) (@Q) [vader[off]] has earned the achievement [Leased Line]!
(01:00:12) (@Q) [k0ks] has earned the achievement [Optical Fibre]!
(01:00:20) (@Q) [Divunator] has earned the achievement [Ferris Bueller]!
(01:00:38) (@Q) [Tux^verdreifelt] has earned the achievement [Leased Line]!

Einige Minuten und ratlose Äußerungen im IRC später folgte eine Erklärung vom Ankündigungsbot „N“, der erklärte, dass es sich bei den achievements um ein neues Punktesystem handle:

(N) (Broadcast) As you may have noticed, Q is spamming a bit more than usual. This is on purpose, you can safely ignore it. It’s part of our amazing new achievements system! How many points do you have?

Im weiteren Verlauf wurde offenbar, dass es zudem eine Rangliste gibt, in der man unter anderem durch konstantes Fluten der Netzbots und Diskussionskanäle aufsteigen kann. Das gefiel. Selbst, wenn es morgen wieder abgeschaltet wird, so hatte man doch wenigstens ein bisschen Spaß daran. :)

Schön, wenn es noch immer eine neue hübsche Idee am 1. April gibt. Bevor jedenfalls ich irgendeinen abgedroschenen Scherz nochmals aufwärme, lehne ich mich lieber zurück, durchstöbere meine Feedabonnements nach allzu offensichtlichen Falschmeldungen, höre ein wenig Webradio und freue mich über die vorlesungsfreien Tage und auf die Umsetzung der vielen Ideen, sie zu verbringen. (Da beschwert sich doch gerade der Didi bei mir, dass ich nicht jeden Tag zwei Beiträge absondere. Nein, am Ende hält man mich noch für ein Mitglied der „Blogosphäre“ und erwartet von mir qualitativ hochwertige Analysen des gegenwärtigen Weltgeschehens und Einträge in irgendwelchem Web-2.0-Firlefanz. Das muss nicht sein, und daher schreibe ich lieber etwas weniger Masse mit etwas mehr Bedacht.)

Netzfundstücke
Vulva.

Die Benutzerschaft der deutschsprachigen Wikipedia pflegt den Brauch, jeden Tag einen Artikel des Tages, kurz „AdT“, auszuwählen. Heute hat sie ins Schwarze getroffen; die Wahl fiel auf den Artikel Vulva, natürlich mit Bebilderung.

Und weil die Wikipedia zwar eine Enzyklopädie darstellen soll, aber eben dummerweise auch von Leuten fragwürdiger Moralvorstellungen konsumiert wird, dauert eine erbauliche Diskussion (der Verweis führt aus Archivgründen zu einer Version von 15:40 Uhr) über diese Entscheidung an. Es dürfe nicht angehen, dass womöglich deutschsprachige Muslime oder gar Kinder in einer Enzyklopädie auf Abbildungen eines unbedeckten Geschlechtsteiles stoßen, die nun, ohweia!, seit bereits fast zwei Jahren unverändert dort zu finden sind! Igitt!

Der Untergang des Abendlandes steht nahe bevor! Schlimm genug, dass Kinder heutzutage diesen widerlichen Sexualkundeunterricht erleiden müssen, nun ist auch noch das Internet ein Hort der Unzucht!

(Ich frage mich ja, ob die Moralisten, die nun den Zeigefinger schwingen, ihre Kinder unbeaufsichtigt duschen lassen. Oder bekommen sie dann einen Blickschutz umgeschnallt?)

Der Wikipedia-Gründer höchstpersönlich hat vorhin im Wikipedia-Diskussionskanal auch seinen US-amerikanischen Prüderiesenf abgegeben:

(jwales) Well, I am complaining. :)
(Thogo) jwales: it will be replaced in 9 hours automatically.
(jwales) Thogo: that’s 9 hours too long if you ask me
(OffToHades) jwales, why? May i ask, it is understood that wikipedia is not censored. What is the complaint?
(jwales) I think my comment said it well: Principle of Least Astonishment

Das „Prinzip der geringsten Anstößigkeit“ ist also gefragt; anders ausgedrückt: Was irgendjemandem missfallen könnte, ist ungeeignet. (Ob Chinesen ein Problem damit hätten, Tibet als AdT zu sehen, weiß ich nicht; ich nehme allerdings an, der Zugang zur Wikipedia ist dort ohnehin gesperrt.) Immerhin verkündete Herr Wales dies ausdrücklich nur als persönliche Anmerkung, nicht als Auftrag an die deutschen Administratoren. Eine Enzyklopädie, die nur das als ausgezeichneten Artikel zulässt, was garantiert niemandem sauer aufstößt, ist überflüssig, und religiöse oder gar moralische Wertvorstellungen sind nicht Ausschlag gebend. (Man stelle sich eine Wikipedia ohne Artikel über Erdgeschichte, Adolf Hitler, Geschlechter, Religionen oder elektronische Geräte vor.)

Wer nicht will, dass seine Kinder erfahren, mittels welcher Instrumente sie einst entstanden, sollte sie von Internet, Jugendmagazinen und Schule fernhalten, vom Fernseher einmal ganz zu schweigen. Ob es allzu förderlich für die Entwicklung des Nachwuchses ist, wenn man sie womöglich bis ins Erwachsenenalter von dem Unterschied zwischen den Geschlechtern fernhält, mag nun jemand anders entscheiden, ich jedenfalls bezweifle es.

(Schön auch, völlig unabhängig von der Wikipedia-Geschichte, ist die ungute Wortwahl, die ich soeben auf dem ansonsten suboptimalen Radiosender 89.0 RTL hören musste: Der ehemalige Produzent der Chartsplage Lady Gaga versucht sie auf ein paar Millionen Euro zu verklagen. Begründung laut ebenjenem Radiosender: Es wird vermutet, dass er in seiner Rolle als Produzent auch einige ihrer Lieder mitproduziert habe. Unglaublich, darauf wäre sicher niemand gekommen.)

Mir wird geschlechtNetzfundstücke
Bushido und der Feminismus

Ich befürchte, mit meinem vorigen Text eine Grenze überschritten zu haben, die nun unabänderlich diese Internetpräsenz mit einem weithin sichtbaren Zeichen belegt hat. Unter anderem vermutlich geschuldet dem Umstand, dass ich mit dem verlinkten Weibe einen gehobenen Diskurs über Eiskauf führte, in dessen Verlauf ich tatsächlich das Wort „süüüüüüß“ (ich fasse es nicht!) zu lesen bekam, wurden auch umstrittene Feministinnen („Männerquoten sind sexistisch, keine Frauenquoten ebenfalls“) aufmerksam und beehrten mich mit ihrem Besuch. Natürlich macht es mir nichts aus, Interessenten zu gewinnen; ich habe nur ein bisschen Angst davor, wo und in welchem Kontext ich zukünftig zitiert werde. Au Backe.

Während ich also furchterfüllt den Ansturm zur Kenntnis nahm, verfolgte ich im IRC-Kanal der Piratenpartei eine Diskussion über A-cappella-Musik, die nebenbei die Kommerzialisierung etablierter Gruppen wie der Wise Guys zum Thema hatte, und entdeckte dort dieses Video dieser Combo, das ich insbesondere nach Genuss der Betrachterkommentare als ein durchaus amüsantes empfehlen möchte, wenngleich dieser Eindruck keinesfalls allgemein geteilt werden muss. Wer jedenfalls Nightwish und das Genre, dem sie angehören, – wie ich – nicht ausstehen kann, der möge sein besonderes Augenmerk auf die Instrumente und die Diskussionen zum Video legen. Herrlich!

Derart unterhalten pfiff ich mir abschließend Alice Schwarzers Abrechnung mit Bushido rein, der, so ist aus unerfindlichen Gründen auf musikerpedia.de zu lesen, zu sehen und zu hören, eine Einladung zu einem öffentlichen Gespräch mit ihr deshalb ausschlug, weil er befürchtete, sie würde niveaulose Fragen über seine Mutter stellen, was, so Bushido, den ich vor einer Weile noch für menschlich gar nicht mal allzu verkehrt hielt, völlig inakzeptabel sei. So was könne er keinesfalls gutheißen, und auf solcherlei plumpe Provokationen würde er schlicht und sinngemäß mit „f*ck dich, du Fotze“ reagieren. (Wortzensur erneut aus Gründen der Suchmaschinenidiotie, nicht aus vermeintlicher Pietät; wir sind ja hier zum Glück noch nicht in den moralisch verkorksten USA.)

Weil er es, so Bushido, schon immer so gemacht habe. Erklärt natürlich einiges.

In den NachrichtenMusikkritikNerdkrams
Tocotronic – Schall und Wahn

Tocotronic ist eine dieser Musikgruppen, von denen man schon mal irgendwo irgendwas gehört hat und mit denen man irgendwas assoziieren kann, selbst ohne bewusst ein Lied von ihnen zu kennen. Was mir spontan bei Tocotronic einfällt: Popkultur. Spex, musikexpress und wie sie alle heißen. Und was mir wiederum bei Popkultur einfällt: Allein das Wort schon!

Vor drei Jahren kam ich erstmals bewusst mit der Musik von Tocotronic in Berührung, begann mich mit deren frühen Alben anzufreunden. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein„, zitierte auch ich schon und empfand es schon Jahre, bevor ich das Lied kannte, wie wohl die meisten Jugendlichen bisweilen einem Herdentrieb und dem Wunsch folgend, irgendwo Anschluss zu finden. Was das für ein Genre war, war mir damals einigermaßen egal; irgendwie auffällig eigenständiges Indiegeschrammel mit deutschen Texten, die nicht immer einen Sinn ergaben, manchmal aber auch einen, der nach der Hineininterpretation einer möglichst Zeigefinger schwingenden Bedeutung geradezu zu schreien schien; „Geschrammel“ möchte ich hier übrigens keinesfalls als Wertung, lediglich als Beschreibung verstanden wissen.

Dann kam „Kapitulation“, und es stellte einen Richtungswechsel dar: Die Lieder wurden nicht länger, aber ruhiger. Nach dem Abtritt von Blumfeld schienen Tocotronic, wenngleich noch immer kaum politisch textend, ihr musikalisches Erbe antreten zu wollen, und sie machten ihre Sache gut. Stücke wie Harmonie ist eine Strategie oder das Titellied zeigten eine veränderte Band, die längere Texte und mehr Melodie auf auch weiterhin nur kurzer Laufzeit unterbrachte, und selbst ihre juvenil-aggressiven, an frühe Ton Steine Scherben erinnernden Momente (Sag alles ab) klangen irgendwie reifer und, letztlich, besser. Es blieb Geschrammel, aber auf hohem Niveau.

Und jetzt also „Schall und Wahn“. Tocotronic haben sich mit „Kapitulation“ offenbar bei den üblichen Rezensenten beliebt gemacht, und so überschlagen sich die ins Internet schreibenden Hörer quasi vor blinder Begeisterung, und die wenigsten von ihnen versuchen dabei nicht, irgendwelchen Sinn hinter offenkundig albernen Liedern wie „Bitte oszillieren Sie“ zu finden, wirkliche Verrisse gibt es nicht einmal auf Amazon.de zu lesen, wo sich sonst die Schreihälse der Rezensentenszene zu tummeln pflegen. „Schall und Wahn“ ist ein Phänomen. Peter nennt die Presseschau hierzu sinngemäß eine blinde Heldenverehrung von schwafelnden Angebern, und damit hat er vermutlich ebenso Recht wie Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, der, nach der Bedeutung der Texte befragt, eine zu naive Herangehensweise kritisiert. (Eine der besten Antworten, die ich von einem Musiker je auf eine dumme Frage lesen durfte: „Ich finde [die Frage], ehrlich gesagt, doof.“)

Das Album ist keine Offenbarung voller kryptischer Botschaften, die entschlüsselt werden müssten. Es ist allerdings tatsächlich das am ausgereiftesten klingende Album, das Tocotronic bislang veröffentlicht haben. Der auf „Kapitulation“ eingeschlagene Weg wird weiter verfolgt und geschliffen, in den Texten ist die Weltverbesserung Nonsens („Bitte oszillieren Sie“, „Macht es nicht selbst“) und Reflexion („Im Zweifel für den Zweifel“) gewichen. Mit „Stürmt das Schloss“, ein Lied in der Tradition von „Sag alles ab“, ist auch ein krachender Ohrwurm auf dem Album zu finden. (Ist „SdS“ eine Abkürzung für „Stürmt das Schloss“, oder hat es eine tiefere Bedeutung? Ein nicht zu unterschätzender Vorteil von Liedern, deren Text man versteht, ist es ja, dass die Interpretation allein einem selbst überlassen bleibt – so kann man einem Lied gleich mehrfach etwas abgewinnen und muss dafür nicht einmal kryptische Musikmagazine kaufen.)

Tocotronic sind erwachsen geworden, und sie unterlassen es zum Glück, das auch zu zeigen. Ich nehme an, „Schall und Wahn“ wird in diesem Jahr eins der wenigen guten Indierockalben bleiben, und ich freue mich über jeden Versuch, den Gegenbeweis anzutreten. Das Album gibt es derzeit auf Deezer.com zum Probehören. Nicht übel. Gar nicht übel.

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MusikPersönliches
Der Silvesterbeitrag 2009, aus belanglosen Gründen früher veröffentlicht

Das Jahr 2009 ist gerade etwas mehr als elf Monate alt, und schon sind die ersten Jahresrückblicke im Fernsehen zu sehen. Der Eindruck, dass also im Dezember keine „Menschen des Jahres“ mehr die Chance bekommen, sich rechtzeitig als solche hervorzutun, ist sicher keiner, den man gewinnen möchte. Und was da auch immer für grausige Personen als Protagonisten auftreten! Wenn so das Jahr 2009 aussieht, habe jedenfalls ich auf das Jahr 2010 schon jetzt keine Lust mehr.

Wie sich dann am tatsächlichen Jahresende ohnehin herausstellen wird, dass man so ziemlich alles, was man sich für die vergangenen zwölf Monate vorgenommen hatte, mal wieder gründlich vergeigt hat. Auch kurze Momente der Freude und des Vergessens können nur schwerlich darüber hinwegtäuschen, dass man noch immer der gleiche Mensch ist wie im letzten Jahr. Man hat noch immer die gleichen Interessen, den gleichen Musikgeschmack und die gleiche Einsamkeit, die an einem nagt wie der Zahn der Zeit in merkwürdigen Sprichwörtern, die einen selbst zum Glück ohnehin noch nicht betreffen. (Und dann geht es andererseits doch immer schneller, als man es selbst bemerkt.)

Vor dem nur wenig befüllten Textfenster, in dem ich Zeilen wie diese üblicherweise entwerfe, sitze ich nun also, weil mir die eigentliche Idee zu diesem Beitrag gekommen ist, und mache mir eigentlich überflüssige Gedanken darüber, ob ihn überhaupt jemand lesen möchte. Ich schreibe Texte um des Schreibens Willen. Gedanken, die raus müssen, in die Öffentlichkeit tragen und warten, bis sie im Archiv verschwinden. Das uralte Prinzip des Tagebuchschreibens im digitalen Zeitalter, in dem man nicht noch nach Jahrzehnten daraus zitiert. Gut so.

Ich wünsche mir manchmal, ich hätte mehr Ideen. Schreiben ist eine lieb gewordene Tätigkeit. Das Thema ist fast egal, so lange es mich interessiert. Manchmal kommt dann eben auch was raus, was für den Betrachter nur unter Drogen Sinn ergibt. Das zählt dann als Kreativität und stört mich also nicht.
Selten erhalte ich auch Vorschläge, zu welchen Lebensbereichen ich mich an dieser Stelle äußern könnte. Vor einigen Tagen unterhielt ich mich im IRC mit einer Leserin, die befürchtete, ich würde sie und ihren zweifelsohne interessanten Charakter thematisieren wollen. Ich äußerte mich wie folgt:

(@Tux^verdreifelt) nein, ich blogge nicht über die charaktereigenschaften von frauen. als ich das letztes mal tat, hab ich danach nur gehört „du hast doch keine ahnung .. blafasel … du bist ein dummes arschloch.. bla .. sülz .. fick dich“

Die Außenwirkung meiner Beiträge interessiert mich sonst nur wenig. Aber wenn ich Gefahr laufe, aufgrund ihrer Veröffentlichung von sonst eigentlich wohlgesonnenen Personen nachhaltig beschimpft zu werden, sehe ich oft davon ab, sie zu schreiben. Das macht nichts, damit kann ich mich arrangieren.

Und schon wieder bin ich vom Thema abgekommen. Zurück zu ihm:

Was bedeutet ein neues Jahr? Man nimmt sich irgendwas vor, schiebt es nach hinten, und irgendwann ist schon wieder viel zu wenig Jahr übrig. Wenn aufgestellte Pläne nicht mehr stimmen, ist der klügste Vorsatz für das kommende Jahr, keine Pläne mehr zu machen.
Wo doch überhaupt ein „neues Jahr“ meist am Fernsehprogramm zu erkennen ist. Auf Sat.1 und RTL unterbietet man sich gegenseitig mit den unlustigsten Spaßmachern der letzten vierzig Jahre (Mario Barth, Rudi Carrell und leider auch fast alle dazwischen), und dann immer diese saudämlichen Schlagercharts. (Und an Neujahr füllt sich dann immer meine Festplatte mit Liedern, die ich im Sektrausch total toll fand. Favorit im vorvorletzten Jahr: Lisa Stansfield – Been around the world. Favorit im letzten Jahr: Mouth & MacNeal – How do you do?. Vorletztes Jahr wurde mit so Leuten verbracht, vermutlich zum Glück. Mal sehen, wie es dieses Mal läuft.)

Statt allein fernzusehen, kann man an Silvester auch zu anderen Leuten, die man nüchtern nicht erträgt, fahren und mit ihnen zusammen fernsehen. (Oder sich gegenseitig Witze erzählen, die man letztes Silvester im Fernsehen gehört hat.) Das macht tierisch Freude, wenn man gemeinsam über Witze lacht, für die man sich schämt, sobald man sie verstanden hat, was aber meist erst viel später eintritt.

Der Weltgeist will es, dass zu diesen anderen Leuten nur selten der im Grunde einzige Mensch gehört, der einem wirklich was bedeutet. Das hat sicher auch Vorteile, man macht sich unter zu viel Alkoholeinfluss nur vor Leuten zum Affen, denen man letztendlich ohnehin egal ist (vice versa), aber es hält auch die Einsamkeit jung und frisch. Dann steht, sitzt oder liegt man da mit einem Glas billigen Fusels und fragt sich, was sie gerade macht, und man schreibt ihr vielleicht im nicht mehr allzu nüchternen Zustand eine Nachricht und erhält einen fragenden Blick, und dann, am nächsten Tag, liest man seine Nachricht noch mal und versteht sie selbst nicht. Es war schlau von der Natur, unsere Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit unserem Alkoholpegel anzupassen. Guter Vorsatz für dieses Silvester: Mehr auf die eigene Natur hören.

You go there, you’re gone forever, I go there, I’ll lose my way,
if we stay here we’re not together, anywhere is.

– Enya