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Tocotronic — Schall und Wahn

Tocotron­ic ist eine dieser Musik­grup­pen, von denen man schon mal irgend­wo irgend­was gehört hat und mit denen man irgend­was assozi­ieren kann, selb­st ohne bewusst ein Lied von ihnen zu ken­nen. Was mir spon­tan bei Tocotron­ic ein­fällt: Pop­kul­tur. Spex, musik­ex­press und wie sie alle heißen. Und was mir wiederum bei Pop­kul­tur ein­fällt: Allein das Wort schon!

Vor drei Jahren kam ich erst­mals bewusst mit der Musik von Tocotron­ic in Berührung, begann mich mit deren frühen Alben anzufre­un­den. “Ich möchte Teil ein­er Jugend­be­we­gung sein”, zitierte auch ich schon und emp­fand es schon Jahre, bevor ich das Lied kan­nte, wie wohl die meis­ten Jugendlichen bisweilen einem Her­den­trieb und dem Wun­sch fol­gend, irgend­wo Anschluss zu find­en. Was das für ein Genre war, war mir damals einiger­maßen egal; irgend­wie auf­fäl­lig eigen­ständi­ges Indiegeschram­mel mit deutschen Tex­ten, die nicht immer einen Sinn ergaben, manch­mal aber auch einen, der nach der Hinein­in­ter­pre­ta­tion ein­er möglichst Zeigefin­ger schwin­gen­den Bedeu­tung ger­adezu zu schreien schien; “Geschram­mel” möchte ich hier übri­gens keines­falls als Wer­tung, lediglich als Beschrei­bung ver­standen wis­sen.

Dann kam “Kapit­u­la­tion”, und es stellte einen Rich­tungswech­sel dar: Die Lieder wur­den nicht länger, aber ruhiger. Nach dem Abtritt von Blum­feld schienen Tocotron­ic, wen­ngle­ich noch immer kaum poli­tisch tex­tend, ihr musikalis­ches Erbe antreten zu wollen, und sie macht­en ihre Sache gut. Stücke wie Har­monie ist eine Strate­gie oder das Titel­lied zeigten eine verän­derte Band, die län­gere Texte und mehr Melodie auf auch weit­er­hin nur kurz­er Laufzeit unter­brachte, und selb­st ihre juve­nil-aggres­siv­en, an frühe Ton Steine Scher­ben erin­nern­den Momente (Sag alles ab) klan­gen irgend­wie reifer und, let­ztlich, bess­er. Es blieb Geschram­mel, aber auf hohem Niveau.

Und jet­zt also “Schall und Wahn”. Tocotron­ic haben sich mit “Kapit­u­la­tion” offen­bar bei den üblichen Rezensen­ten beliebt gemacht, und so über­schla­gen sich die ins Inter­net schreiben­den Hör­er qua­si vor blind­er Begeis­terung, und die wenig­sten von ihnen ver­suchen dabei nicht, irgendwelchen Sinn hin­ter offenkundig alber­nen Liedern wie “Bitte oszil­lieren Sie” zu find­en, wirk­liche Ver­risse gibt es nicht ein­mal auf Amazon.de zu lesen, wo sich son­st die Schrei­hälse der Rezensen­ten­szene zu tum­meln pfle­gen. “Schall und Wahn” ist ein Phänomen. Peter nen­nt die Press­eschau hierzu sin­ngemäß eine blinde Helden­verehrung von schwafel­nden Ange­bern, und damit hat er ver­mut­lich eben­so Recht wie Sänger und Gitar­rist Dirk von Lowt­zow, der, nach der Bedeu­tung der Texte befragt, eine zu naive Herange­hensweise kri­tisiert. (Eine der besten Antworten, die ich von einem Musik­er je auf eine dumme Frage lesen durfte: “Ich finde [die Frage], ehrlich gesagt, doof.”)

Das Album ist keine Offen­barung voller kryp­tis­ch­er Botschaften, die entschlüs­selt wer­den müssten. Es ist allerd­ings tat­säch­lich das am aus­gereiftesten klin­gende Album, das Tocotron­ic bis­lang veröf­fentlicht haben. Der auf “Kapit­u­la­tion” eingeschla­gene Weg wird weit­er ver­fol­gt und geschlif­f­en, in den Tex­ten ist die Weltverbesserung Non­sens (“Bitte oszil­lieren Sie”, “Macht es nicht selb­st”) und Reflex­ion (“Im Zweifel für den Zweifel”) gewichen. Mit “Stürmt das Schloss”, ein Lied in der Tra­di­tion von “Sag alles ab”, ist auch ein krachen­der Ohrwurm auf dem Album zu find­en. (Ist “SdS” eine Abkürzung für “Stürmt das Schloss”, oder hat es eine tief­ere Bedeu­tung? Ein nicht zu unter­schätzen­der Vorteil von Liedern, deren Text man ver­ste­ht, ist es ja, dass die Inter­pre­ta­tion allein einem selb­st über­lassen bleibt — so kann man einem Lied gle­ich mehrfach etwas abgewin­nen und muss dafür nicht ein­mal kryp­tis­che Musik­magazine kaufen.)

Tocotron­ic sind erwach­sen gewor­den, und sie unter­lassen es zum Glück, das auch zu zeigen. Ich nehme an, “Schall und Wahn” wird in diesem Jahr eins der weni­gen guten Indie­rock­alben bleiben, und ich freue mich über jeden Ver­such, den Gegen­be­weis anzutreten. Das Album gibt es derzeit auf Deezer.com zum Probe­hören. Nicht übel. Gar nicht übel.

Schon eher übel ist es allerd­ings, dass das IRC-Netz freenode.net, das unter anderem als Heim­statt für Pro­jek­te wie die Wikipedia und Miran­da IM Bekan­ntheit erlangt hat, bis zu ein­er lange angekündigten Server­erneuerung im Laufe des heuti­gen Tages wochen­lang mit­tels ein­er Lücke in Fire­fox von Spam­bots heimge­sucht wurde und der Plage, anders als andere Net­ze, nicht Herr zu wer­den schien. Mir scheint, die tech­nis­chen Ken­nt­nisse manch­er Net­zw­erkad­min­is­tra­toren beschränken sich darauf, Benutzer bei Bedarf aus dem Netz wer­fen zu kön­nen. (Nach­trag von 22:42 Uhr: Das Prob­lem ist mit­tler­weile ver­mut­lich beseit­igt, ich habe den Text entsprechend geän­dert.)

Aber Ahnung von der Materie ist, wie es scheint, auch nicht mehr unbe­d­ingt nötig, wenn man an den Hebeln sitzt:

“Das alleinige Löschen ein­er IP-Adresse führt damit nicht zum Ver­schwinden der schreck­lichen Bilder aus dem Inter­net.” sagte [BKA-Präsi­dent] Zier­cke laut Welt am Son­ntag.

Das Löschen ein­er IP-Adresse. Ich ver­ste­he.
Ich per­sön­lich glaube ja, dass das Löschen von 127.0.0.1 eigentlich schon genü­gen würde; und, rein präven­tiv, kön­nte man doch auf Her­rn Zier­ck­es Com­put­er damit begin­nen.

Nur, um keinen Ver­dacht aufkom­men zu lassen.

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