Arbeitsministerin von der Leyen hält nichts von “Hartz IV”.
So weit schon mal gut.
Aber wie wir Frau von der Leyen kennen, kann sie immer noch einen draufsetzen; das Gegenteil von “gut gemacht” ist, bekanntlich, gut gemeint:
Sie meint aber nur den Ausdruck[.]
Seht ihr? Und die Begründung ist noch wunderlicher:
Das Wort sei so negativ besetzt, dass es eine differenzierte Debatte über Langzeitarbeitslosigkeit behindere.
“Hartz IV” ist ein negativ besetzter Terminus, das ist richtig. Und das liegt keinesfalls an der Wortwahl.
Nehmen wir an, das ALG II hieße stattdessen “Leyengeld”. Würde das etwas daran ändern, dass dann eben statt Hartz IV das Leyengeld dafür verantwortlich zu machen ist, dass seit Jahren sämtliche Arbeitslosen- und Verarmungsstatistiken für dieses Land kompletter Käse sind?
Und dann aber immerhin:
Neue Begriffe könne man nicht von oben verordnen. “Das geht nur, indem sich das Bild in der Bevölkerung zum Positiven verändert.” (…) Am Beginn der Diskussion müsse nicht die Drohkulisse stehen, sondern die Perspektive. Arbeitsangebote müssten eine echte Brücke aus der Arbeitslosigkeit bieten, sagte die CDU-Politikerin.
Ich korrigiere: Nicht der Begriff ist “negativ besetzt”, sondern das, wofür er steht. Perspektiven will das verarmte Volk, ja, und die bekommt es nicht, indem man mit Phrasen jongliert. Ich kann einen Krieg alternativ auch als “Friedenseinsatz” oder “kriegsähnlichen Zustand” bezeichnen, beides verringert nicht die Zahl der Getöteten. Will ich etwas etablieren und vermeiden, dass man es verflucht, gebe ich ihm keinen lustigen Namen, sondern ändere es dem Willen meiner potenziellen Kunden (lies: Wähler) gemäß.
Konstruktive Vorschläge hat Frau von der Leyen nicht anzubieten. Der Regelsatz sei angemessen, und überhaupt, kann denn nicht endlich einmal einer an die Kinder denken? (Helen Lovejoy, “Die Simpsons”):
“Alleinerziehende brauchen keine Arbeitspflicht, sie brauchen Kinderbetreuung.”
Gut, aber zurück zum Thema Hartz IV, das ja nicht nur Alleinerziehende betrifft. Was macht man mit denen, abgesehen davon, dass sie zukünftig einen anderen Begriff verachten sollen?
Arbeitsangebote müssten eine echte Brücke aus der Arbeitslosigkeit bieten, sagte die CDU-Politikerin.
Ah, da kommen wir dann dem Kern der Sache doch schon näher. Statt die Leute mit irgendwelchem Arbeitslosengeld bei Laune zu halten, sollte man (sollte! und man!, so sprach die gut situierte Arbeitsministerin in der Hoffnung, dass irgendein man sich zum sollen bereit erklären möge) ihnen Arbeitsplätze geben. Den Vorschlag ihres Parteikollegen Roland Koch, Arbeitsunwillige zum Arbeiten zu zwingen, lehnte sie immerhin ab (‘türlich: Wo keine Arbeitsplätze frei sind, da kann auch keiner arbeiten), aber einen Punkt hat sie, so scheint mir, vergessen:
Wer als Arbeitsloser Hartz IV beziehen kann, der wird sich in einer Zeit der Globalisierung (lies: Verlagerung von Arbeitsplätzen in ein Land, in dem man mit weniger Lohn zufrieden ist) meist hüten, sich nach einer womöglich schlecht bezahlten und unsicheren Arbeitsstelle umzusehen; die Vorbereitung auf das spätere Leben in der angeblich zivilisierten Gesellschaft beginnt nicht erst mit dem Schulabschluss. Uta Meier-Gräwe, unter anderem Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen, schrieb bereits 2008:
Wenn (…) Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit bei den Jugendlichen dominieren, ist (…) Lernverweigerung mit der Begründung „Ich werd eh Hartz IV“ eben auch nicht verwunderlich.
Das Volk hat längst erkannt, dass das ALG II, unabhängig von seiner Bezeichnung, ein taktischer Fehler und eine wirtschaftliche Katastrophe war. Vielleicht sollte man die Kriegskasse stattdessen nutzen, um Arbeitsplätze, die im Inland verbleiben, zu subventionieren. Enorme Ausgaben trotz einer geschätzten Staatsverschuldung von fast zwei Billionen Euro sind ja spätestens seit der letzten Unternehmens- und Bankenrettungsphase (Hauptsache, die Boni stimmen) kein Problem mehr, der Steuerzahler zahlt’s. Sind dann erst einmal genügend Stellen frei, bleibt den zuständigen Entscheidern genug Freiraum, um dieses unsägliche “Hartz IV” feierlich seines Amtes zu entheben und sich etwas besseres auszudenken; dann hat die nächste Regierung wenigstens was zu tun.
Klingt undurchdacht? Wartet’s ab.


So läuft das eben: Man muss dem Kind den richtigen Namen geben, um auch den letzten Schund verkaufen zu können. Das Beste daran ist: Es funktioniert genauso. Schon seit Menschengedenken. Es wird auch immer wieder so funktionieren, denn jeden Morgen steht mindestens ein Dummer auf.
Das Volk hat nichts erkannt und wird auch künftig nichts erkennen. Man bewegt sich auf dem Niveau von Schreisendungen.