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Medi­en­kri­tik XXXIII: The Art Of Love. (Guckt mal, Lei­chen!)

Als Pro­log und Anlass für die­sen Arti­kel darf heu­te mal fol­gen­der Aus­schnitt aus einem Dia­log her­hal­ten, den ich soeben führ­te:

[Kuo­le] was gibts sonst neu­es?
[ich] berich­te über die love para­de auf spiegel.de
[Kuo­le] zusam­men­fas­sung? ^^
[ich] alles voll trau­rig und schreck­lich und grau­sam, und auf den fol­gen­den zehn sei­ten sehen Sie, lie­be leser, exklu­siv nah­auf­nah­men der lei­chen (oder so)
[ich] wie immer halt

Ihr habt es, lie­be Leser, sicher mit­be­kom­men: Gestern star­ben bei einer Mas­sen­pa­nik auf der Love Para­de eini­ge Per­so­nen. Auch wenn es für mich schwer ist, das übli­che Trei­ben auf die­ser Festi­vi­tät von einer Mas­sen­pa­nik zu unter­schei­den, so hat wohl laut über­ein­stim­men­den Zeu­gen­aus­sa­gen tat­säch­lich eine sol­che statt­ge­fun­den, Stam­pe­de mit Todes­fol­ge inklu­si­ve.

So unan­ge­nehm das auch ist (wer eigent­lich zum Fei­ern und/oder Bum­sen und/oder Rausch­gift­kauf in den Ruhr­pott reist, der erwar­tet nor­ma­ler­wei­se, eini­ger­ma­ßen unbe­scha­det wie­der heim­fah­ren zu kön­nen, neh­me ich an), so gewöhn­lich bleibt die Bericht­erstat­tung.

Als Bei­spiel neh­me ich ein­mal den Nach­rich­ten­ticker von SPIEGEL Online her­an, den ich seit eini­ger Zeit abon­niert habe und der mir somit Recher­che­ar­beit spart. Ab 18:02 Uhr („Zehn Tote bei Mas­sen­pa­nik auf Love Para­de“) tra­fen dort immer wie­der neue Berich­te von den über­wie­gend glei­chen Autoren ein, illu­striert mit zunächst weit­ge­hend harm­lo­sen Abbil­dun­gen. Hier­bei wur­de außer der Zahl der bekann­ten Toten nur wenig geän­dert, was die Inten­ti­on der Autoren ohne­hin bereits frag­wür­dig macht; woll­te man nur immer wie­der ganz oben in den Nach­rich­ten­tickern ste­hen? Ich grei­fe mal will­kür­lich eine der vie­len Zah­len her­aus, um zu illu­strie­ren, was ich mei­ne.

18:02 Uhr („zehn Tote“):
Die Bun­des­po­li­zei war mit über 1200 Poli­zei­be­am­ten im Ein­satz. Die Love Para­de wur­de rund um das Gebiet des alten Duis­bur­ger Güter­bahn­hofs gefei­ert.

19:32 Uhr („vie­le Tote“):
1200 Poli­zi­sten waren in Ein­satz, aber die Zahl der Raver, die in Duis­burg ihren Spaß such­ten, lag bei rund einer Mil­li­on.

22:04 Uhr („min­de­stens 19 Men­schen gestor­ben“):
Zeu­gen schil­dern, dass (…) 1200 Poli­zi­sten nicht genug sei­en, um ein sol­ches Ereig­nis mit mehr als einer Mil­li­on Teil­neh­mern zu sichern.

Was genau will man eigent­lich bei SPIEGEL Online mit die­sen Zah­len anfan­gen – etwa eine Sta­ti­stik erstel­len?
Wer übri­gens eben­falls hin und wie­der auf SPIEGEL Online her­um­liest und den Live­ticker von der Mas­sen­pa­nik schon für eine sen­sa­ti­ons­lü­ster­ne Per­ver­si­on hielt, der hat die bis­he­ri­ge Kli­max des Grau­ens (damit mei­ne ich nicht den Vor­fall an sich) noch nicht gese­hen:

Seit 00:43 Uhr ist ein Arti­kel mit Zeu­gen­aus­sa­gen, aller­dings ohne die Zahl der anwe­sen­den Poli­zi­sten (ver­ges­sen?), online, in alter BILD-Manier mit rei­ße­ri­schem Titel ver­se­hen („Neben mir ist ein Mäd­chen gestor­ben“); jeder Klick bringt Geld, so läuft das im Jour­na­lis­mus, nich‘ wahr? Und was da für ekli­ger Unfug zitiert wird!

Udo, n‑tv-Kame­ra­mann und Zeu­ge: Über­all lagen Men­schen auf dem Boden her­um. So stel­le ich mir Krieg vor, na, als n‑tv-Kame­ra­mann soll­te man eigent­lich wis­sen, wie Krieg aus­sieht. Noch neu in dem Geschäft?

Ja, es ist wahr­lich grau­sam anzu­se­hen, wenn Men­schen tot­ge­tram­pelt wer­den, und es ist ein ganz gro­ßes Unglück. Und was macht man, wenn man für ein gro­ßes deut­sches Nach­rich­ten­me­di­um arbei­tet und irgend­wie illu­strie­ren soll, wie grau­sam das Grau­sa­me so ist? Rich­tig: Man baut in jeden der bis­lang sechs weit­ge­hend red­un­dan­ten Berich­te zu dem Ereig­nis eine Klick­strecke mit ganz vie­len bun­ten Fotos ein. Sechs­und­zwan­zig Stück. Leich­te Unter­hal­tung für den beque­men Voy­eur.

Apro­pos BILD-Manier: BILD.de kon­su­mie­re ich übri­gens nach wie vor nicht, laut Men­schen, die damit anders ver­fah­ren, sieht es dort jedoch nicht viel bes­ser aus.

Schö­ne, neue Medi­en­welt.

(Nach­trag von 22:08 Uhr: Die Ver­an­stal­ter trifft kei­ne Schuld, der Tun­nel war groß genug!11!1elf)

Senfecke:

  1. Ich weiß nicht, was du da immer anstellst. Im Spam steht nix.
    Versuch’s jetzt noch mal. Ich habe mal die Wortb­lack­list geleert. :)

  2. Aus fami­liä­ren Grün­den hat­te ich eini­ge Male die Gele­gen­heit, die
    Love-Para­de in Ber­lin mit­zu­ma­chen. Rich­tig wohl­ge­fühlt hat­te ich
    mich dabei nie, nach­dem ich bemerkt hat­te, dass es bei einer ev.
    Mas­sen­pa­nik zu kei­ner Sei­te ein Ent­rin­nen gab. Ich habe mich dann
    auf das Wesent­li­che auf den Wagen kon­zen­triert :oops: Neben­bei:
    Nach­dem ich die­ses Foto gese­hen hat­te, war mir klar, war­um Du
    gestern so wenig online aktiv warst. Wie hast Du es nur über­all die
    Weh­re zu uns geschafft?
    http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/150-Teilnehmer-beim-Beerfloating-auf-der-Ihme-in-Hannover

  3. Nein, ich ver­wen­de nur bot-trap, aber das wür­de dich auf eine spe­zi­el­le Sei­te lei­ten, das wür­dest du dann schon mer­ken.

    Komisch, geht doch! Kei­ne Ahnung, wor­an es lag.
    Hihi. Nein, ich fah­re nicht frei­wil­lig nach Han­no­ver. Pff.

  4. Ja, und so abwech­se­lungs­reich: Wenn man Eure Fuß­gän­ger­zo­ne
    rauf­geht, deren Ende in weni­ger als einer Minu­te erreicht sein
    dürf­te, haut man sich am ein­zi­gen Kiosk eine Fla­sche Wod­ka rein, um
    zu ver­ges­sen. Dann geht man die Pas­sa­ge wie­der run­ter und hat doch
    etwas Unbe­kann­tes und Neu­es erlebt.

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