Netzfundstücke
„xD“, lol ^^

Mit­un­ter amü­sie­re ich mich auf so Sei­ten, deren Inhalt dar­auf aus­ge­rich­tet ist, für Zeit­ge­nos­sen und die Nach­welt Zita­te aus IRC und instant mes­sen­gern (Jab­ber, ICQ und was man heu­te eben so benutzt) zu sam­meln. Auch, wenn die Leser jener Sei­ten nicht sel­ten Zita­te von ande­ren Inter­net­sei­ten als eige­nes Fund­stück aus­ge­ben, so ist doch mit­un­ter ein amü­san­tes Bon­mot dabei.

In der letz­ten Zeit aller­dings bemer­ke ich jeden­falls in den deutsch­spra­chi­gen Ver­tre­tern die­ser Gat­tung Inter­net­sei­te eine Ent­wick­lung, die mir miss­fällt, näm­lich die Häu­fung über­flüs­si­ger Emo­ti­con-Sur­ro­ga­te wie „^^“ und „xD“. Ich möch­te nun aus­nahms­wei­se ein­mal nicht als gran­te­li­ger Greis erschei­nen, aber doch jeden­falls für mei­ne mit die­sem The­ma nicht ver­trau­te Leser­schaft in der gebo­te­nen Aus­führ­lich­keit dar­le­gen, was ich mei­ne.

Wir erin­nern uns: Anfang der 80-er Jah­re wur­den in einem uni­ver­si­tä­ren Bul­le­tin Board die Zei­chen­fol­ge :-) und ihr Kom­ple­ment :-( zwar ver­mut­lich nicht erst­mals, aber mit erst­mals nach­hal­ti­gen Fol­gen als Lösung für das bereits von Vla­di­mir Nabo­kov erwähn­te Pro­blem, dass es bis dahin kei­ne ein­heit­li­che typo­gra­fi­sche Dar­stel­lung eines Lächelns, etwa zur Kenn­zeich­nung eines Scher­zes, gab, vor­ge­schla­gen, und die sich ver­netzt unter­hal­ten­de Mensch­heit war dank­bar für die­se drin­gend benö­tig­ten Zei­chen­se­quen­zen, die den ver­gleichs­wei­se umständ­li­chen Inflek­tiv oder gar Pro­sa­er­klä­run­gen über­flüs­sig mach­ten. So ging das über mehr als eine Deka­de wei­ter, und es ent­stan­den Abwand­lun­gen wie ;-) und :-D.

Mit dem Auf­kom­men japa­ni­schen Bild­hu­mors aber tra­ten ver­mehrt neue Emo­ti­cons auf. Wer ein­mal Poké­mon oder ähn­li­che Seri­en (oder wenig­stens die South-Park-Fol­ge, die Poké­mon auf die Schip­pe nahm) gese­hen hat, dem bleibt der typi­sche Zei­chen­stil ver­mut­lich noch lan­ge in Erin­ne­rung. Japa­ni­sches Lächeln näm­lich sieht im Man­ga­stil unge­fähr so aus:

Dar­aus ent­wickel­te sich das Emo­ti­con ^^, das mit Unter­stri­chen nahe­zu belie­big in die Län­ge gezo­gen wer­den kann, um ein brei­tes Grin­sen dar­zu­stel­len: ^_______^.

Unge­fähr zu die­ser Zeit auch gewann das Inter­net für die Mas­se an Com­pu­ter­nut­zern jün­ge­ren Alters an Bedeu­tung, und wer sich die­se Bedeu­tung nicht vor­stel­len kann, dem spen­die­re ich gern ein­mal eine Tages­kar­te für den Bus­ver­kehr einer eigent­lich belie­bi­gen deut­schen Groß­stadt, damit er ein­mal die Zeit mes­sen möge, wie lan­ge es dau­ert, bis ihm der erste Jüng­ling „Lol“ oder „Rofl“ im Über­schwang bei­na­he ins Ohr brüllt. Da die­se Gene­ra­ti­on sozu­sa­gen die erste war, die einen gro­ßen Teil ihrer Frei­zeit oft damit ver­brach­te, sich im noch jun­gen „Web“ statt off­line zu unter­hal­ten, wur­de die Nut­zung von Emo­ti­cons für sie eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Die­se ver­lo­ren so ihre eigent­li­che Bedeu­tung und wur­den als­bald nur mehr schmücken­des Bei­werk. Wer in einem die­ser Online-Chats statt der übli­chen Dis­kus­sio­nen über die reich­hal­tig­ste Quel­le für Kin­der­por­no­gra­fie oder die neue­sten Angriffs­pla­nun­gen auf den Frie­den in deut­schen Groß­städ­ten ein­mal einen Dia­log zwei­er Men­schen ver­folgt, die einen Satz statt mit einem Punkt mit ^^ been­den, der kann ver­su­chen, jedes ^^ in Gedan­ken durch *lächel* zu erset­zen, damit er ver­steht, wor­auf ich anspie­le.

Der Cha­rak­ter Eric Cart­man aus der bereits erwähn­ten Serie South Park präg­te, als die Sät­ti­gung an ^^ und Art­ver­wand­tem aus­rei­chend groß war, hier­zu­lan­de eine wei­te­re Aus­drucks­form des Lächelns, näm­lich xD, das zuvor ein Nischen­da­sein in Ani­me­fil­men fri­sten muss­te. Man wen­de sei­nen Kopf so lan­ge um jeweils unge­fähr 90 Grad, bis man es erkennt:

Auch die­ses xD aller­dings hat inzwi­schen einen gewis­sen Sät­ti­gungs­grad erreicht, was wohl auch des­halb nicht lan­ge dau­er­te, weil es die tra­di­ti­ons­be­wuss­te Nach­wuchs­ge­ne­ra­ti­on als neu und vor allem indi­vi­du­ell pries; in dem Brow­ser­spiel Gala­xy Net­work gab es bereits zwei­mal eine Alli­anz aus Spie­lern, die sich eben­falls „xD“ nann­te, was die Her­ab­stu­fung zu einer lee­ren Phra­se bei­spiel­haft ver­deut­licht. Kürz­lich nun fand die­ses Zitat sei­nen Weg ins WWW:

[Ste­ve] omg heu­te zu geil aufn weg nach mcs xDD
[D´] ?
[Ste­ve] mein bru­der hat ja son tom tom navi , und da is dann iwie sone app oda so drauf das das navi die sms vor­liest wenn mein bru­der wel­che wäh­rend der fahr bekommt
[D´] jaa okay … und wei­ter ?
[Ste­ve] ja auf jeden fall saßen wir dann zu zweit hin­ten Kai und ich und dann tippt kai iwas in sein han­dy ein und auf ein­mal hört man nur noch vor­ne das navi sagen “ sie haben eine sms von blaa blaa “ fahr bit­te rechts ran ich muss kacken “ xDDD
[Ste­ve] und das mit die­ser gei­len com­pu­ter stim­me xDD ich konnt nich mehr vor lachen xDD
[D´] fail xDDDDD

Über die Unart, dass die Leu­te heut­zu­ta­ge ihre „zu gei­len“ Geschich­ten nicht ein­fach erzäh­len, son­dern erst dar­auf war­ten, dass einer Inter­es­se heu­chelt, mokie­re ich mich even­tu­ell spä­ter, eben­so über das unsäg­li­che Gebrab­bel wie „Ja, auf jeden Fall haben/sind/waren wir dann…“ statt ein­fach nur „Wir haben/sind/waren…“, wenn man doch ande­rer­seits die Ansicht zu ver­tre­ten scheint, bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on im Inter­net gin­ge es vor allem dar­um, ver­meint­lich über­flüs­si­ge Zei­chen zu spa­ren. Das Zitat zeigt aller­dings die Erbärm­lich­keit der von mir kri­ti­sier­ten aus­schließ­lich ober­fläch­li­chen Hyper­emo­tio­na­li­sie­rung in gan­zer Pracht.

Anony­mus „Rau­pe“ schrieb zu der Infla­ti­on des Lächelns unbe­wusst selbst­iro­nisch das, was sie, die Infla­ti­on, wohl am tref­fend­sten beschreibt:

irgend ein depp hats erfun­den, alle ande­ren dep­pen machens nach xD

Je mehr digi­ta­le Aus­drucks­for­men für Lächeln es gibt, desto weni­ger zählt ein Lächeln noch, so lau­tet mein Resü­mee.
Man könn­te depres­siv wer­den in die­sem Inter­net.

(Jeder Kom­men­ta­tor unter die­sem Bei­trag, dem, unab­hän­gig vom Inhalt, ein „xD“ her­aus­rutscht, sinkt, sofern dies mög­lich ist, in mei­ner Ach­tung in immensem Maße.)

Senfecke:

  1. Ich möch­te nun aus­nahms­wei­se ein­mal nicht als gran­te­li­ger Greis erschei­nen, aber doch jeden­falls für mei­ne mit die­sem The­ma nicht ver­trau­te Leser­schaft…

    Kaum zurück, wird er schon wie­der zickig. Der­ar­ti­ge Gemüts­schwan­kun­gen ken­ne ich sonst nur von Frau­en. Muss ein har­tes Wochen­en­de gewe­sen sein.Oder er ist nur sau­er, aber mir fiel beim besten Wil­len nichts ein.

  2. Ich ver­wen­de regel­mä­ßig: :-) und ;-)

    (Aller­dings las­se ich inzwi­schen die Nase weg:

    :)

    Wer heu­te noch Nasen in Smi­lies ver­wen­det, gilt als alt und nicht up-to-date.

    Man kann aller­dings auch ein paar net­te Varia­tio­nen ein­bau­en, z.B.:

    :^)

    Auch gut ist der hier:

    („,)

    Und WARUM ver­wen­de ich lachen­de und augen­zwin­kern­de Smi­lies? Zur Absi­che­rung! Jeder zwei­te etwas rup­pi­ge oder iro­ni­sche Satz, den ich im Inter­net schrei­be, wird als Angriff miss­ver­stan­den, wenn ich kei­nen Smi­lie dran klat­sche. Die Din­ger sind also zumin­dest für mich über­le­bens­wich­tig.

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