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Das neue Prekariat der internationalen Elite

Manches beginnt harmlos. Ich schaute zum Beispiel mal wieder auf Wakoopa vorbei, einer Art „sozialem Netzwerk“, das dem Zweck dient, dass seine Nutzer einen Überblick darüber bekommen, wer wann wie oft und wie lange welche Programme auf seinem Computer verwendet. Jedes Programm kann kommentiert und bewertet werden, so dient Wakoopa auch als Möglichkeit, Informationen über mögliche Alternativen zu erhalten, etwa über Vim.

Eigentlich wollte ich dort nur noch fehlende Daten zu einem von mir bereits vor einigen Tagen gepriesenen Programm einfügen, dann jedoch las ich im hierfür zu verwendenden Eingabeformular dies:

Most of our users are international, so please use English text only in descriptions.

(Abweichende Hervorhebungen von mir.)

Unbedarfte Zeitgenossen, etwa ich, denken bei der Betonung auf Internationalität vielleicht daran, mehrsprachige Texte zu verfassen und so Besuchern aus verschiedenen Nationen mit unterschiedlichen Nationalsprachen – internationalen Besuchern eben – keinen verminderten Funktionsumfang bieten zu müssen, aber ich bin auch nur ein unbedeutender Insinternetreinschreiber und nicht der Schlüsselmeister des neuesten Web-2.0-Quatsches und habe somit keine Ahnung. Internationalität bedeutet nämlich offensichtlich nicht mehr, dass das so ausgezeichnete Produkt unabhängig von der Herkunft seines Benutzers uneingeschränkt nutzbar wäre, sondern, dass Besucher aus Nationen, in denen meine Muttersprache nicht die Verkehrssprache ist, die Möglichkeit haben, bei der Benutzung des internationalen Produkts ihre Kenntnisse meiner Muttersprache, der einzig wahren, zu vertiefen. (Man stelle sich einmal, nur zur persönlichen Belustigung, vor, die Gründer der Wikipedia hätten ihrerzeit beschlossen, Internationalität sei nur prima, wenn sie auf Englisch stattfände.)

Englisch, die Sprache des Internets? Mitnichten und ohne Neffen, wurde doch erst im November 2010 die vierzehnmillionste .de-Domain registriert, die zahlreichen deutschsprachigen Internetseiten, die etwa auf .org und .net enden, bleiben ungezählt. Man muss nicht einmal Englisch können, um das Internet bedienen zu können, schließlich gibt es auch in deutscher Sprache ausreichend viele verschiedene Zugangsmöglichkeiten. Dass man das Programm mit dem lustigen roten Viech auch „Browser“ nennt, muss man als Anwender nicht wissen, nicht einmal als einer, der selbst Inhalte veröffentlichen möchte.

Nun könnte man natürlich so weit gehen wie Michael Seemann und hinter all dem in einem trotzdem lesenswerten Beitrag eine Verschwörung gegen Deutschland, ausgeheckt von einer „neuen, globalen Elite“, deren einzige Kompetenz es ist, einen Internetzugang zu besitzen, wittern. Wer im Zeitalter der Globalisierung noch immer keine Lust hat, sich langweilige US-amerikanische Serien, sofern es eine qualitativ akzeptable deutsche Übersetzung gibt, im Original anzusehen, und Nachrichtenquellen, die Deutsch sprechen, gegenüber denen, für die er jedes Mal zum Wörterbuch greifen muss, bevorzugt, ist, so seine Argumentation, kein Teil der erwähnten Elite beziehungsweise ihrer „intellektuellen Mittelschicht“. Was solche Menschen in seinen Augen stattdessen sind, verschweigt der Verfasser leider, merkt aber an, dass ihn Deutschland nur mehr langweile und er eines Tages auswandern würde. Dass er in anderen Ländern auf angenehmere Umstände als in Deutschland stoßen würde, ist zu bezweifeln; da ihm jedenfalls die deutsche Regierung missfällt, dürfte er nicht einmal in den fürchterlichen USA, die er sprachlich und „kulturell“ doch so sehr schätzt (wer braucht schon nationale Kultur, wenn er das Internet hat?), seinen Seelenfrieden finden.

Wer so rastlos immer auf der Suche nach einer neuen Identifikation und willens ist, sein jeweiliges kulturelles Umfeld gegen ein neues auszutauschen, der ist nicht zu beneiden. Ich finde Halt in einer Kultur, mit der ich aufgewachsen bin und die mir bislang noch keinen potenziellen Freundeskreis aufgrund sprachlicher Differenzen verschlossen hielt. Ich stelle wagemutig eine These auf: Die Behauptung, Globalisierung bedinge sprachliche Gleichschaltung der Individuen statt, im Gegenteil, Offenheit für ihre Vielfalt, ist hanebüchener Mumpitz, erfunden von devoten Mitgliedern elitärer Zirkel, deren geistige Reserven nur noch zum Erlernen eines gebrochenen Englischs genügen und die ansonsten nur ungern mit anderen Menschen in Kontakt treten.

Die katholische Kirche hat sich auch lange nicht darum geschert, dass ihre Gläubigen beim Gottesdienst ungern gleichzeitig beten und einem Simultanübersetzer für Latein lauschen wollen. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Schöne Elite, das.

Senfecke

Bisher gibt es 9 Senfe:

  1. Wieviel Menschen sprechen weltweit Englisch, wieviel Menschen sprechen weltweit deutsch ? keine wirklich schwere Antwort…dementsprechend tut sich der einzelne durchaus was gutes, wenn er vor hat über den Tellerrand seines eigenen kleinen Landes hinauszusehen ,und sich eine Sprache anzueignen die zumindest in der westlichen Hemisphäre von den meisten, wenn auch z.T. nur rudimentär beherrscht wird.
    Es mag durchaus ein Problem darstellen das sich wie hier angeprangert, das Englisch in manchen Bereichen als absolutes elitäres „must-to-have“ angesehen wird. Auf der anderen Seite ist es aber genauso verwerflich, sich fremden Sprachen und Kulturen komplett zu verschließen. Aber genau das ist in Deutschland eher die Regel als die Ausnahme, denn aufgrund unser fast perfektionierten Übersetzungsindustrie kann der einzelne faul bleiben und sich alles schön mundgerecht ins Deutsche übersetze in den Rachen stecken lassen. Das hat dann schon wieder was von dem bayrischen „mia san mia“ Gefühl und die Welter ausserhalb unserer Grenzen ist böse, gemein und abstoßend, darum bleiben wir doch lieber unter uns mit unserer ach so schönen deutschen Sprache.

  2. „must-to-have“, so viel dann zum Englischen. Übrigens, wusstest du schon, dass die häufigste Landessprache in Europa (Tellerrand!) Deutsch ist?

  3. Hier in Deutschland kaum. Jedenfalls nicht das, was viele für Deutsch halten.

  4. Die Rechtsprechung behauptet das Gegenteil.

  5. Nachweis?

  6. Habe ich nicht zur Hand.

  7. Ach nee… also wieder einmal ein unsubstantiierter und damit unbeachtlicher Sachvortrag.

  8. Oller Nörgler. DU hast doch immer aktuelle Gesetze zur Hand.

  9. Ich und Nörgler. Wer im Glashaus sitzt…ergänze sinngemäß. Da ich keine Informatiklehrbücher zur Hand habe, halte ich mich mit entsprechenden Aussagen lieber zurück. Das erspart ein Nachhaken.

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