KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/​2010 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 5 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

Das ging schnell; schon wie­der ist das erste hal­be Jahr bei­na­he vor­bei. Zeit also wird es, die sehn­süch­ti­gen Gedan­ken ein­mal bei­sei­te zu wischen und statt­des­sen einen Blick auf die präch­tig­sten Musik­ver­öf­fent­li­chun­gen der letz­ten sechs Mona­te zu wer­fen, ob Rock oder Pop, ob gra­tis oder teu­er, ob Kauf­be­fehl oder völ­li­ger Reinfall.

Auf eine sepa­ra­te Liste für deutsch­spra­chi­ge Alben habe ich dies­mal ver­zich­tet, die drei­ein­halb Exem­pla­re habe ich statt­des­sen in der Haupt­li­ste unter­ge­bracht. Das hat einen ganz ein­fa­chen Grund: Ich habe zu spät dar­an gedacht. Selbst­ver­ständ­lich tut mir die­ser Faux­pas unglaub­lich Leid, für die Rück­schau 12/​2010 gelo­be ich Bes­se­rung. (Nach­trag vom 13. Dezem­ber 2010: Lei­der gab das Jahr kei­nen Anlass, eine sol­che Liste anzulegen.)

Wie üblich jeden­falls wird die­se Liste auch die­ses Mal wie­der gekrönt von einer Rück­schau auf 40 Jah­re wech­seln­den Zeit­geists in der Musik. Viel­leicht fin­det ja jemand von euch, mei­ne geschätz­ten Leser, wie­der einen klei­nen Schatz dar­un­ter, der nur dar­auf war­tet, von euch geho­ben zu werden.

Viel Spaß beim Erforschen!


Teil 1: Gute CDs zum Kaufen.

  1. The Hirsch Effekt – Holon : Hiberno
    „Und zum Glück fällst du mir nicht mehr ein, wenn ich hier kot­ze vor Scheiß­glück­lich­sein“ (Epi­stel)
     
    Ich hat­te es vor einer Wei­le schon aus­führ­lich erwähnt, und dar­um nimmt es wohl auch nur kaum Wun­der, wenn ich auch die erste Halb­jah­res­re­zen­si­on die­ses Jah­res mit die­sem Album beginne:

    „Holon : Hiber­no“ ist die bis­lang posi­tiv­ste musi­ka­li­sche Über­ra­schung die­ser Deka­de. Ich zitie­re von’nen Schallgrenzen:

    Nichts auf “Holon : Hiber­no” ist vor­her­seh­bar, ein Wie­gen in Sicher­heit nicht ange­ra­ten. Gleich sprin­gen dir blut­grät­schen­de Gitar­ren ent­ge­gen, infer­na­li­scher Gesang (es wird übri­gends deutsch gesun­gen) lässt dich in die Knie gehen und von hin­ten bekommst du noch einen hunds­ge­mei­nen Tem­po­wech­sel ins Kreuz. Hei­land Gewit­ter, direkt aus dem Irren­haus. Aber dort fin­den wir die Genies, die sich aus hun­der­ten Töp­fen bedie­nen, Kon­ven­tio­nen mir nichts, dir nichts über Bord schmei­ssen und den Rezen­sen­ten mit dicken Kopf im Regen ste­hen lassen.

    Begei­stert war und bin nicht nur ich (wer mei­ne aus­führ­li­che Rezen­si­on ver­passt hat, der möge hier klicken und dies nach­ho­len), begei­stert bezeu­gen auch die Rezen­sen­ten der Baby­blau­en Sei­ten ihre Bewun­de­rung für die­se Band und die­ses Album, und sie sind damit nicht allein: Auch in der jewei­li­gen Redak­ti­on der Zeit­schrif­ten Visi­ons und eclip­sed sowie des Ox-Fan­zines war man hell­auf begei­stert. So ungern ich auch in die Eupho­rie um Grup­pen und/​oder Alben ein­fal­le, die ich meist eher skep­tisch betrach­te: Kauft euch das ver­damm­te Album. Es ist es wert.

    Mei­ne Zusa­ge allein genügt noch nicht? Ihr wollt mehr? Angst vor der Kat­ze im Sack? (Gibt es dafür eigent­lich auch so einen hüb­schen grie­chi­schen Namen, der auf ‑pho­bie endet?)
    In dem Fall jeden­falls kann ich die übli­chen Hör­pro­ben auf dem MyS­pace-Pro­fil der Band wärm­stens emp­feh­len. Rein­hö­ren, süch­tig wer­den und tage­lang nichts ande­res mehr hören wol­len; so jeden­falls lief’s bei mir.

    All die schö­ne Klang­welt ist euch zu laut? „Zu viel Metal“? Ihr seid weit über 30 und mögt’s lie­ber etwas behä­bi­ger? Dann ris­kiert doch mal anders­wo euer Ohr:

  2. Jaga Jaz­zist – One-Armed Bandit
     
    Mei­nen übli­chen Hör­ge­wohn­hei­ten kei­nes­falls ent­spre­chend ent­schloss ich mich dazu, die­sem Album eine Chan­ce zu geben; und es hat sie wei­se genutzt. Jaga Jaz­zist ist, wie man teil­wei­se schon dem Namen ent­neh­men kann, eine instru­men­ta­le Jazz­rock-/Pro­gres­si­ve-Rock-Band (laut Eigen­be­schrei­bung „Nu-Jazz“) mit ver­schie­de­nen ande­ren Ein­flüs­sen wie Frank Zap­pa und Dance­floor (sic!), die somit ein biss­chen wie die im Vor­jahr bereits erwähn­ten Tor­toi­se klingt und doch eigent­lich völ­lig anders. Nicht so abrupt sind hier die Stil­wech­sel inner­halb der Stücke, aber die Nor­we­ger gehen ähn­lich elek­tro­nisch zu Wer­ke. Auf­fal­lend in der wil­den Stil­mi­schung sind vor allem die Trom­pe­ten einer­seits (etwa in Pro­gnis­se­kon­gen), die Anlei­hen an moder­ner Tanz­mu­sik ande­rer­seits. Erstaun­li­cher­wei­se ist aus­ge­rech­net das Stück Music! Dance! Dra­ma! weit­ge­hend frei von allem, was kein Pro­gres­si­ve Rock ist.

    Ein in sich stim­mi­ges Album ist „One-Armed Ban­dit“ alle­mal. Wer Jazz, Pro­gres­si­ve Rock und Frank Zap­pa mag und auch Tor­toi­se‘ aktu­el­les Album begei­stert auf­ge­nom­men hat oder wer auch ein­fach nur wis­sen möch­te, wie es klingt, wenn man Jazz club­taug­lich macht, dem sei emp­foh­len, auch Jaga Jaz­zist eine Chan­ce zu gewäh­ren. Ver­gleichs­wei­se anstren­gend ist die­se Melan­ge alle­mal, aber auch höchst unterhaltsam.

    Hör­pro­ben wollt ihr? Die übli­chen 30-Sekun­den-Schnip­sel hat Amazon.de im Ange­bot, auf MySpace.com gibt es wei­te­re Auf­nah­men zu hören; der­zeit (18. Juni 2010) unter ande­rem etwa eine mit stamp­fen­dem Beat unter­leg­te Neu­fas­sung von Ban­an­flu­er Over­alt. Hat was.

    Schön und gut, sagt ihr, ihr wollt aber lie­ber mehr Gesang? Könnt ihr haben:

  3. My Own Pri­va­te Alas­ka – Amen
    „If I don’t kill myself it’s ‚cau­se I’ve alrea­dy left /​ else­whe­re, any­whe­re, nowhe­re“ (I Am An Island)
     
    In die Rei­he der Alben, die auch mit der vor­he­ri­gen Erwäh­nung mei­ner­seits noch längst nicht genug gewür­digt wer­den, habe ich nun­mehr also auch „Amen“ der fran­zö­si­schen, den­noch sehr guten Band My Own Pri­va­te Alas­ka, kurz M.O.P.A., auf­ge­nom­men. Auf kulturterrorismus.de wird das Album wie folgt gewürdigt:

    Musi­ka­lisch glei­chen Mat­t­hieu Mie­ge­vil­le aka „Mil­ka“ (Gesang), Tri­sti­an Moc­quet (Pia­no) & Yohan Hene­quin (Schlag­zeug) hin­ter M.O.P.A. einer tie­fen Ver­schmel­zung von Cho­pin & Nir­va­na, wel­che tra­gisch, bru­tal & mit­rei­ßend aus Laut­spre­chern tönt und ent­we­der für tota­le Ver­stö­rung oder Begei­ste­rung sorgt – dazwi­schen gibt es bei M.O.P.A. nix! Beson­ders die „abge­dreh­te“ Stimm­band­ar­beit von „Mil­ka“, die sich irgend­wo zwi­schen Robert Smith (The Cure) & Post­core- /​Screamo „Schrei­häl­sen“ bewegt, nimmt ent­we­der völ­lig gefan­gen oder schreckt end­gül­tig ab!

    Unter­stützt wird die­se unge­wöhn­li­che Kon­stel­la­ti­on von Tex­ten, die alle­samt von einer tie­fen Ver­bit­te­rung über die Frau­en­welt zeu­gen, Todes­sehn­sucht inklu­si­ve. „Emo“ (oder was man land­läu­fig dafür hält) ist die­se Musik sicher nicht, jedoch immer­hin höchst emo­tio­nal. Bestün­de der viel zitier­te „Sound­track zum Unter­gang“ nur aus Musik wie die­ser, ich könn­te ihn kaum erwar­ten. Allein ist dies dann doch eher unwahr­schein­lich; viel zu eigen­stän­dig, viel zu unver­kenn­bar ist das Werk des Tri­os. So bleibt also zu hof­fen, dass sie bis zum kom­men­den Unter­gang noch viel Musik gemein­sam aufnehmen.

    Dem inter­es­sier­ten Kon­su­men­ten bleibt selbst­ver­ständ­lich auch der Wunsch nach Hör­pro­ben nicht verwehrt:
    Wäh­rend Amazon.de eher ent­täuscht, hat das MyS­pace-Pro­fil der Band immer­hin der­zeit (18.6.2010) zwei­ein­halb Lie­der zum Pro­be­hö­ren auf Lager.

    Das ist euch zu abstrakt, zu emo­tio­nal oder zu lär­mig? Dann versucht’s mal damit:

  4. So So Modern – Cru­de Futures
     
    Ich weiß nicht mehr, wie ich auf „Cru­de Futures“ auf­merk­sam wur­de, aber ange­sichts des anste­hen­den Som­mers ist das Album ein wah­rer Glücks­fund. Musik für lan­ge Tage auf Wie­sen oder Ter­ras­sen mit Bier und viel Sonne.

    Aber was ist das eigent­lich für Musik? Anders­wo ist in Ori­gi­nal­schreib­wei­se zu lesen:

    Ein tol­les Album zwi­schen Indie-Rock, Post-Punk, Elec­tro & psy­che­de­li­schen Kraut-Rock Elemten.

    Auch wenn’s so schei­nen mag: All­zu viel Kraut­rock, wie ihn etwa Can einst spiel­ten, ist hier nicht ent­hal­ten, die ande­ren genann­ten Gen­res dafür im Über­fluss. Zu hören sind The Raveo­net­tes, The Mars Vol­ta, Phoe­nix, die Kai­ser Chiefs und noch eini­ge mehr, und oben­drein ist der Gesang kei­nes­falls omni­prä­sent, son­dern eher dezent und unauf­fäl­lig, sofern über­haupt vor­han­den. Som­mer­li­che Musik, die sich aus der immer­glei­chen Indie­rock-Sül­ze herausschält.

    Der Anspiel­tipp für die­ses Album ist der instru­men­ta­le Sechs­ein­halb­mi­nü­ter Ber­lin.
    Apro­pos Ber­lin, eine sehr gute Live­auf­nah­me die­ses Stückes gibt es als Hör­pro­be auf YouTube.com, es ist neben eini­gen wei­te­ren Lie­dern auch auf MySpace.com zu hören. Prima!

    Darf’s dann doch lie­ber etwas klas­si­scher sein? Bittesehr:

  5. The Watch – pla­net earth?
    „The­re must be some­thing wrong with me“ (Some­thing Wrong)
     
    Wenn ich „klas­sisch“ schrei­be, dann mei­ne ich meist „klas­sisch“ im pro­gres­siv­sten Sinn. Die ita­lie­ni­sche Pro­gres­si­ve-Rock-Band The Watch eifert dann auch einer der klas­sisch­sten Pro­gres­si­ve-Rock-For­ma­tio­nen nach, näm­lich Gene­sis zu Zei­ten des cha­ris­ma­ti­schen Front­man­nes Peter Gabri­el (nicht also der Band, die Phil Col­lins spä­ter dar­aus gemacht hat, der Depp). Dies ist sicher kein Zufall; nicht umsonst war The Watch jah­re­lang mit Live­dar­bie­tun­gen von Gene­sis-Klas­si­kern auf Tour­nee. Nicht nur haf­tet ihrem inzwi­schen vier­ten Album „pla­net earth?“ also eine deut­li­che Ähn­lich­keit zu deren längst legen­dä­ren Alben „Fox­trot“ und „Tre­spass“ an, auch Sän­ger Simo­ne Ros­set­ti bemüht sich nicht ganz erfolg­los, wie sein Vor­bild zu klin­gen; und wäre sei­ne Stim­me nicht ein wenig tie­fer, wür­de der Unter­schied kaum auffallen.

    Auch das Instru­men­ta­ri­um dürf­te Freun­den des Gen­res Freu­de berei­ten: Neben Gitar­ren, Bass und Schlag­zeug kom­men unter ande­rem auch Ham­mond-Orgel, Moog-Syn­the­si­zer und Mello­tron zum Ein­satz, alle­samt Instru­men­te, deren blo­ße Erwäh­nung eigent­lich schon einen Kauf­grund und den Stoff für feuch­te Träu­me eines jeden Pro­gres­si­ve-Rock-Anhän­gers dar­stel­len sollte.

    Kur­zer geschicht­li­cher Hin­ter­grund übri­gens: Laut Amazon.de wird „pla­net earth?“ oft zusam­men mit Solo­wer­ken des ehe­ma­li­gen Gene­sis-Gitar­ri­sten Ste­ve Hackett erwor­ben; nach des­sen Weg­gang blieb von Gene­sis nur noch ein küm­mer­li­ches Pop­trio übrig, somit dürf­te ein­wand­frei fest­ste­hen, wer für die musi­ka­lisch wirk­lich guten Ideen in der Band zustän­dig war. Ste­ve Hackett lie­fert bis heu­te durch­weg bes­se­re Alben ab als Phil Col­lins, und – hier schließt sich der Kreis – sein Bru­der John Hackett ist auf „pla­net earth?“ in dem Stück New Nor­mal an der Flö­te zu hören.

    Wer die „klas­si­schen“ Gene­sis kennt und schätzt, der kann bei „pla­net earth?“ beden­ken­los zugrei­fen; wer sie nicht kennt oder nur grau­sa­me Alben wie „We Can’t Dance“ sein Eigen nennt, dem lege ich zunächst ein unver­bind­li­ches Rein­hö­ren nahe.

    Das geht mit­tels Hör­pro­ben zum Bei­spiel auf dem MyS­pace-Pro­fil der Band, das aller­lei Aus­zü­ge aus dem bis­he­ri­gen Schaf­fen der Ita­lie­ner bie­tet, aber auch auf Last.fm gibt es eini­ge Lie­der zum Anhö­ren; jedoch, der Wer­muts­trop­fen bleibt, bis­lang kei­nes aus dem Album „pla­net earth?“. Aber viel­leicht ändert sich das ja noch. Bis dahin jeden­falls bleibt die­ses Album eine Emp­feh­lung zum Blind­kauf für jeden Leser die­ses Textes.

    „Geh weg mit den ollen Kamel­len!“, sagt ihr, „Pro­gres­si­ve Rock ist doch seit Jahr­zehn­ten tot! Neue Hel­den braucht das Land!“? Wie ent­zückend, da fällt mir doch tat­säch­lich ein ganz ande­res Album ein:

  6. Erste All­ge­mei­ne Ver­un­si­che­rung – Neue Hel­den braucht das Land
    „Weil ich für ein Seil zu gei­zig bin, häng ich mich am Gar­ten­schlauch“ (Rabatt, Rabatt)
     
    „Hur­ra, hur­ra, die EAV ist wie­der da“, so begann 1994 das Album „Nie wie­der Kunst“, und bei­na­he sah es so aus, als dürf­te man sich nie wie­der dar­auf freu­en. Seit „Frau­en­lu­der“ waren die bis dahin weit­ge­hend amü­san­ten Tex­te und fei­nen Melo­dien der Ver­un­si­che­rung einer Pop- und Schla­ger­äs­the­tik gewi­chen, die in dem schier uner­träg­li­chen „Amo­re XL“ von 2007 ihren unrühm­li­chen Höhe­punkt fand. Dann, 2010, kam „Neue Hel­den braucht das Land“ mit dem Titel geben­den Lied samt merk­wür­di­gem Video, und die Fach­welt wun­der­te sich: Durf­te man tat­säch­lich noch mit einer Rück­kehr der EAV, wie man sie einst ken­nen und schät­zen gelernt hat­te, rechnen?

    Fest steht: „Neue Hel­den braucht das Land“ ist ein völ­lig ande­res Album als noch „Amo­re XL“. Mit seich­ten Schla­gern ist Schluss, auf belang­lo­se Tex­te hat sich Tex­ter und Kom­po­nist Tho­mas Spit­zer dies­mal nicht ein­ge­las­sen. Die EAV hat ihre alte Bis­sig­keit zurück und holt das nach, was sie jah­re­lang ver­säumt hat. Ein drit­tes Zwirch und Zwa­bel – das zwei­te war Bim­se­mann und Rog­gen­keil von „Frau­en­lu­der“ – gibt es nicht, im Gegen­teil sprüht das gan­ze Album förm­lich vor Sar­kas­mus und poli­ti­scher Bri­sanz. Ein wei­te­rer Text­aus­zug, dies­mal aus dem Stück Tole­ranz, einem fik­ti­ven Dialog:

    Ich hab auch nix gegen die Chinesen,
    täten’s nicht die Hun­derln fressen.
    Stell dir vor, mein klei­ner Waldi
    in am Wok von Garibaldi!

    Auch die rest­li­chen Lie­der üben text­lich Kri­tik an Gesell­schaft und Poli­tik und zie­hen neben­bei diver­se Gen­res durch den Kakao; wäh­rend etwa in Nos­tradamus, das Ramm­stein alle Ehre gemacht hät­te, die Pius-Bru­der­schaft scharf kri­ti­siert wird, macht sich die Band in dem schlich­ten Elek­tro­pop­stück Bit­te Bier, das sei­nen wie­der­keh­ren­den Refrain als Titel trägt, über trink­freu­di­ge Mal­lor­ca-Tou­ri­sten lustig, gleich­sam als Ant­wort auf das nicht unbe­kann­te Cover­lied Pump ab das Bier, das, sti­li­stisch ähn­lich, seit Jah­ren immer wie­der fälsch­li­cher­wei­se der EAV zuge­schrie­ben wird. Män­ner brau­chen Trit­te ist gar eine Ver­beu­gung vor Roger Cice­ro, und man fragt sich immer wie­der aufs Neue, wie Sän­ger Klaus Eber­har­tin­ger es schafft, in jedem Lied völ­lig anders zu klin­gen; mei­nes vol­len Respekts kann er sich jeden­falls sicher sein.

    Zwi­schen all der Mis­an­thro­pie birgt das Album auch immer wie­der kur­ze Zwi­schen­spie­le, die wie für die Büh­ne geschaf­fen wir­ken, was den Besuch künf­ti­ger EAV-Kon­zer­te durch­aus wie­der ein­la­dend erschei­nen lässt.

    Oben­drein gibt es für die­ses Album auch aus­rei­chend Hör­pro­ben, so dass die Gefahr, wie noch beim Vor­gän­ger­al­bum einen wirk­lich bedau­er­li­chen Fehl­kauf zu täti­gen, mini­miert wird. Gemeint ist kei­nes­falls die lächer­li­che Schnip­sel­samm­lung auf Amazon.de; statt­des­sen gibt es der­zeit (19. Juni 2010) das voll­stän­di­ge Album auf YouTube.com in vol­ler Län­ge zu hören. Hier­für wie auch für das gesam­te Album: Cha­peau, die Herren!

    Deutsch gut, Öster­rei­chisch nicht so gut? Wie wäre es dann damit?:

  7. Toco­tro­nic – Schall und Wahn
    „Wer zu viel sel­ber macht, wird schließ­lich dumm (aus­ge­nom­men Selbst­be­frie­di­gung)“ (Macht es nicht selbst)
     
    Auch die­sem Album hat­te ich kurz nach sei­nem Erschei­nen schon ein paar Zei­len gewid­met, und noch immer hat sich sei­ne Fas­zi­na­ti­on nur wenig abge­nutzt. Ich pro­phe­zei­te noch im Janu­ar: „Ich neh­me an, ‚Schall und Wahn‘ wird in die­sem Jahr eins der weni­gen guten Indierock­al­ben blei­ben“, und bis­lang sieht es so aus, als wür­de die­se Pro­phe­zei­ung voll erfüllt werden.

    Tja, Toco­tro­nic machen es mir aber auch wahr­lich nicht leicht, sie nicht zu mögen, also las­se ich es und fin­de sie statt­des­sen spit­ze. Dies aller­dings immer­hin schon seit Jah­ren: Gefie­len mir einst die simp­len Rhyth­men, Tex­te und Melo­dien von Lie­dern wie Ich möch­te Teil einer Jugend­be­we­gung sein, so konn­ten mich spä­te­stens seit dem die­sem Album vor­an­ge­gan­ge­nen „Kapi­tu­la­ti­on“ die poe­ti­schen Tex­te über­zeu­gen; so heißt es etwa in Har­mo­nie ist eine Stra­te­gie von eben­die­sem Album:

    Als wir wie­der­um nicht wuss­ten, was zu tun, wohin sich wenden,
    lie­fen wir stun­den­lang umher durch die Alle­en, und am Ende
    kamen wir zu einem Fluss, des­sen Lauf uns dort­hin führte,
    wo wir noch nie gewe­sen sind; es schien zumin­dest so.

    Man sieht: Mit Rei­men muss man nicht arbei­ten, um Dich­tung zu betrei­ben, was ja auch die anson­sten doch recht ande­ren Toten Hosen regel­mä­ßig demon­strie­ren; und genau so geht es auf „Schall und Wahn“ wei­ter. Das bedeu­tet aber kei­nes­falls, dass „Schall und Wahn“ ein­falls­los ist; es ist viel­mehr das „Neue Hel­den…“ von Toco­tro­nic (hier­zu auch sie­he oben). Die Poe­sie von „Kapi­tu­la­ti­on“ und die Belang­lo­sig­keit der Vor­gän­ger­al­ben sind einer juve­ni­len Albern­heit gewi­chen, ein­drucks­voll etwa im Lied Bit­te oszil­lie­ren Sie:

    Bit­te oszil­lie­ren Sie Ping-Pong ohne Hierarchie!
    Bit­te oszil­lie­ren Sie, ich bit­te Sie! Genie­ßen Sie!

    Mit Stürmt das Schloss, unver­än­dert mei­nem Lieb­lings­stück des Albums, hält die Band auch einen veri­ta­blen Nach­fol­ger des über­aus rocki­gen „Kapitulation“-Liedes Sag alles ab, zwar nicht text­lich, aber sti­li­stisch, parat. Auch die übri­gen Lie­der sid erwäh­nens­wert: Die Tex­te vari­ie­ren trotz der über­wie­gen­den, Toco­tro­nic-eige­nen Schlicht­heit zwi­schen Non­sens und Nach­denk­li­chem (Im Zwei­fel für den Zwei­fel). Ein sehr fei­nes Stück Musik für den, der klu­ge Tex­te und Indie-Rock mag und auch nichts dage­gen ein­zu­wen­den hat, dass Dirk von Lowt­zow die Tex­te, ähn­lich Mark E. Smith von den unver­wüst­li­chen The Fall, eher dekla­miert als tat­säch­lich singt; denn selbst das klingt um Län­gen bes­ser als das, was vie­le ande­re so genann­te Rock­bands mit ihrem immer­glei­chen beat­les­quen „Har­mo­nie­ge­sang“ zu errei­chen versuchen.

    Ich wie­der­ho­le mich gern: „Schall und Wahn“ ist eins der bis­lang weni­gen guten Indierock­al­ben die­ses Jahres.

    Als Hör­pro­be kann man, was mich sehr erfreut, auch wei­ter­hin auf die Sei­te Deezer.com zurück­grei­fen, die nach wie vor das voll­stän­di­ge Album zum unbe­grenz­ten Anhö­ren zur Ver­fü­gung stellt. Hier­für einen herz­li­chen Dank an Deezer.com!

    Ach, da ich gera­de Mark E. Smith erwähnte:

  8. The Fall – Your Future Our Clutter
     
    „Your Future Our Clut­ter“ ist, dies erfährt man vie­ler­orts, das mitt­ler­wei­le 28. Stu­dio­al­bum der Band The Fall, und noch immer ist es uner­gründ­lich, wofür sie steht. Gen­re­schub­la­den kann man hier ohne­hin direkt geschlos­sen belas­sen: Von ato­na­lem Noi­se­rock der The Vel­vet Under­ground über hin­ge­rotz­ten Punk, Mar­ke Sex Pistols, bis hin zu rhyth­mus­la­sti­gem Indie­rock (etwa in Chi­no) hat John Peels erklär­te Lieb­lings­band jeden nur erdenk­li­chen Ein­fluss in punc­to hoch­wer­ti­ger Schram­mel­mu­sik in ihre Musik auf­ge­nom­men und damit ihrer­seits inzwi­schen 34 Jah­re lang ande­re Musi­ker­ge­nera­tio­nen beein­flusst. (Sinn­lo­ser Fakt am Ran­de: Soll­te es The Fall 2011 noch geben, und dage­gen scheint der­zeit nichts zu spre­chen, so wird es Zeit, das alte Lied 35 Jah­re der Toten Hosen wie­der aus­zu­gra­ben; ihr wisst schon, more of the same.)

    Das soll kei­nes­falls bedeu­ten, dass „Your Future Our Clut­ter“ über­flüs­sig wäre, nur weil man nur wenig neu­es zu sagen hat; nein, jedes Album der Com­bo klingt frisch und unver­braucht und immer auch ein wenig über­ra­schend. Das Album wird durch­zo­gen von Lo-Fi-Effek­ten und Mark E. Smiths unver­wech­sel­ba­rem Mur­meln, das in eini­gen weni­gen Momen­ten, etwa dem Titel­stück-Duo Y.F.O.C. und O.F.Y.C., in rebel­li­sches Rufen umschlägt, jedoch nie die mit durch­aus hör­ba­rem Akzent vor­ge­tra­ge­nen Tex­te ver­ständ­lich wer­den lässt, so dass ich hier lei­der, anders, als eigent­lich üblich, auf Zita­te ver­zich­ten muss. Aber ist das denn wichtig?

    Wie schon das längst legen­dä­re Album „White Light /​ White Heat“ der bereits erwähn­ten VU ent­fal­tet „Your Future Our Clut­ter“ sei­ne destruk­ti­ve Wir­kung auch, wenn man die Tex­te nicht beach­tet. Das Schö­ne an jahr­zehn­te­lan­ger Beschal­lung mit har­mo­ni­schen Klän­gen ist es, dass das Bedroh­li­che aus Gitar­ren-Rück­kopp­lun­gen und gewal­ti­gen Rhyth­mu­step­pi­chen par­tout nicht ver­schwin­det; The Fall haben dem main­stream viel zu ver­dan­ken, und sie geben es seit mehr als drei Jahr­zehn­ten reich­lich zurück. Möge es noch lan­ge so bleiben!

    Und wer sich noch immer nicht viel unter mei­nen – zuge­ge­ben – etwas schwur­be­li­gen Beschrei­bun­gen vor­stel­len kann, aber durch­aus nicht abge­neigt ist, mehr über die­se Musik zu erfah­ren, der möge einen Blick auf den fol­gen­den Absatz werfen:

    Als Hör­pro­be näm­lich steht auch die­ses Album der­zeit voll­stän­dig zur Ver­fü­gung, mög­lich macht’s 3voor12.vpro.nl. Nutzt das Ange­bot weise!

    „Och nee, das ist mir zu lär­mig“, ruft ihr jetzt ent­täuscht, „hast du nichts Har­mo­ni­sche­res in dei­ner Liste?“
    Doch, habe ich:

  9. Kai­pa – In the Wake of Evolution
    We are clo­ser to the edge than yester­day“ (In the Wake of Evolution)
     
    Nanu, der Titel des Albums kommt bekannt vor; trägt nicht das zwei­te Album von King Crim­son den Namen „In the Wake of Posei­don“? Und dann die­ser Text­aus­zug; Yes‘ gran­dio­ses Clo­se To The Edge ist zwar schon ein paar Jahr­zehn­te her, aber hat man es nicht auch schon mal gehört? Ist das Zufall?

    Kurz gesagt: Nein, kei­nes­falls. Kai­pa ist, dies deu­tet das an Trans­at­lan­tic oder auch Eloy erin­nern­de Cover­bild bereits an, eine Pro­gres­si­ve-Rock-Band, die erst­mals 1974, also noch zur Hoch­zeit des Pro­gres­si­ve Rock, gegrün­det wur­de und zu deren Mit­glie­dern im Lau­fe der Jahr­zehn­te unter ande­rem Roi­ne Stolt (u.a. The Flower Kings, The Tan­gent, Trans­at­lan­tic) und Jonas Rein­gold (u.a. The Flower Kings, The Tan­gent) ange­hör­ten, was schon unge­fähr zeigt, in wel­che Rich­tung die Rei­se geht:

    Auf „In the Wake of Evo­lu­ti­on“ ist soli­der Retro-Prog im Stil von Yes, Ritu­al, RPWL und, trotz des Aus­stiegs von Roi­ne Stolt, immer wie­der auch der Flower Kings zu hören. Drei Stücke über­schrei­ten die „magi­sche“ 10-Minu­ten-Gren­ze, eines geht sogar über 17 Minu­ten hin­aus; die län­ge­re Spiel­dau­er führt aber nie­mals zu über­flüs­si­gen Län­gen. Der Gesang von Patrick Lundström und Alee­na Gib­son erin­nert mal, etwa im Titel­stück, an den har­mo­ni­schen Neo-Prog von Trans­at­lan­tic, mal an Yes, all dies wird ver­ziert von den ver­däch­tig nach Gene­sis klin­gen­den Key­boards von Band­grün­der Hans Lun­din, Jonas Rein­golds längst eta­blier­tem, druck­vol­lem Bass­spiel und flir­ren­den Gitar­ren, mit­un­ter auch von Vio­li­ne und Flö­te beglei­tet, was ein wenig an die ersten Alben von King Crim­son erin­nert. (Und schon schließt sich der müh­sam geöff­ne­te Kreis; tadah!)

    Das längst ange­kün­dig­te näch­ste Stu­dio­al­bum von Yes lässt noch immer auf sich war­ten. Wer es – wie ich – fie­bernd erwar­tet, dem sei als Über­gang „In the Wake of Evo­lu­ti­on“ nahe gelegt. Und natür­lich auch alle ande­ren Alben von Kai­pa, einer Band, die mei­nes Erach­tens viel zu wenig Beach­tung fin­det, wenn es um Musik die­ser Art geht.

    Als Hör­pro­ben emp­feh­le ich zunächst die übli­chen Aus­schnit­te auf Amazon.de. Wem das nicht genügt, der kann sich auf dem MyS­pace-Pro­fil der Band wei­te­re Ein­drücke ver­schaf­fen und etwa das Titel­stück auch auf YouTube.com hören.

    Auch fünf Buch­sta­ben wie „Kai­pa“ hat übri­gens der Name der fol­gen­den Musik­grup­pe, und er beginnt fol­ge­rich­tig mit einem „L“:

  10. Lap­ko – A New Bohemia
    „I asked for not­hing more than a litt­le time“ (I Don’t Even Kill)
     
    Schon als ich die­ses Album zum ersten Mal hör­te, dach­te ich spon­tan: Ein soli­des Rock­fun­da­ment mit viel Rhyth­mus, pri­ma Musik, bis der schreck­lich nölen­de Gesang ein­setzt; ah, Pla­ce­bo. Und tat­säch­lich ist die­se Par­al­le­le, wenn man dem Inter­net in sei­ner schier unend­li­chen Weis­heit trau­en darf, nicht nur mir auf­ge­fal­len; so schreibt man etwa auf motor.de:

    Bereits auf ihren drei Vor­gän­gern konn­ten Lap­ko mit ihrem unkon­ven­tio­nel­len Mix aus Metal – und New Wave-Ele­men­ten über­zeu­gen. Der wuch­ti­ge und teils epi­sche Grund­sound der Band steht im kras­sen Gegen­satz zur fast schon femi­ni­nen Stim­me von Sän­ger Mal­ja. Den­noch ver­mag sein Organ sich per­fekt in den Sound ein­zu­bin­den, ohne die Musik zu split­ten. Ver­glei­che mit Mew, oder auch Pla­ce­bo lie­gen schnell auf der Hand.

    Was also macht die­ses Album so emp­feh­lens­wert, wenn doch Pla­ce­bo wahr­lich nicht zu mei­nen (wenn­gleich indes zu sei­nen) Favo­ri­ten zählt? Nun, die Mischung macht’s.

    Lie­der wie etwa I Shot The She­riff haben durch­aus Ohr­wurm­qua­li­tät, und auch wenn die Tex­te ein wenig an M.O.P.A. (sie­he erneut oben) erin­nern, so wird man von „A New Bohe­mia“ den­noch nicht depri­miert, son­dern, im Gegen­teil, eini­ger­ma­ßen fröh­lich gestimmt. Schon das Lied King & Queen, wenn ich mich mal so aus­drücken darf, geht ziem­lich ab, dar­an ändern auch die stän­di­gen, dann doch irgend­wie auf­fäl­li­gen Britpop-„ohou“-Passagen nichts. (Und über­haupt, der Text mal wie­der: „If I could be an ani­mal, you should be a zoo“ – fantastisch.)

    Wenn schon Pla­ce­bo, dann doch bit­te wenig­stens so!

    Hör­pro­ben gibt es unter ande­rem auf Amazon.de.

    Was fehlt denn bis­her in der Liste? Ach ja: Gitar­ren­wän­de, instru­men­ta­ler Post­rock und alles, was damit zu tun hat.

  11. nice nice – Extra Wow
     
    Das Duo Jason Bue­h­ler und Mark Shira­zi, kurz nice nice, des­sen Debüt­al­bum (eben „Extra Wow“) im April d.J. erschien, gilt noch immer als Geheim­tipp, und das ist eigent­lich scha­de, denn die Musik, die es macht, ist durch­aus hörenswert:

    Ich höre Shoe­ga­zing, Spa­ce­rock, Psy­che­de­lic Rock, Noi­se-Rock und immer wie­der auch Math-Rock durch­blit­zen, all dies nie über­la­den wir­kend und all­zu pom­pös auf­ge­bla­sen, son­dern fein säu­ber­lich auf­ge­teilt und neben­ein­an­der. Der Ver­zicht auf Gesang erspart dem Hörer jede Ablenkung.

    Anders­wo ver­gleicht man nice nice mit Bri­an Eno, der unter ande­rem der beste Grund ist, um sich etwa mit man­chen Alben der anson­sten doch recht schwül­sti­gen Roxy Music anzu­freun­den, und liegt damit zwar nicht ver­kehrt, ver­all­ge­mei­nert die Musik des Duos aber unnö­ti­ger­wei­se, denn sie bie­tet weit­aus mehr als nur zusam­men­ko­pier­te Ideen. Musik nicht nur für das Herz, son­dern auch für das Tanz­bein, das dann auch flei­ßig geschwun­gen wer­den will und sich bei Bedarf auch selbst schwingt, sofern kei­ne Akti­on des an ihm hän­gen­den Kon­su­men­ten erfolgt.

    Und wer mit­tan­zen, aber noch nicht drauf­los­kau­fen möch­te, dem emp­feh­le ich das mit Hör­pro­ben gespick­te MyS­pace-Pro­fil von nice nice. Nice, nice, wie der Fran­zo­se sagt.
    (Das Wort­spiel konn­te ich nicht unge­macht las­sen. Es war ein­fach zu ein­la­dend. Verzeiht!)

    Die soeben getä­tig­te Erwäh­nung eines Fran­zo­sen lässt mich geschickt über­lei­ten zu Wör­tern aus noch abstru­se­ren Spra­chen, näm­lich dem Namen fol­gen­der Combo:

  12. Hama­dryad – Intrusion
    „Sus­pi­ci­on inclu­ded in every que­sti­on“ (In My Country)
     
    Von Hama­dryad hat­te ich, eben­so wie übri­gens die deutsch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia, vor dem Erschei­nen des Albums „Intru­si­on“ noch nie gehört; den unver­wüst­li­chen Baby­blau­en Sei­ten ist es zu ver­dan­ken, dass ich, von ihnen über die Exi­stenz die­ser Band aus Kana­da infor­miert, mich mit den Hin­ter­grün­den deren Namens beschäf­tigt habe und euch, lie­be Leser, neben­bei auch ein wenig Kul­tur abseits guter Musik prä­sen­tie­ren kann:

    Die Hama­drya­den sind in der grie­chi­schen Mytho­lo­gie die acht Töch­ter des ein­äu­gi­gen Wald­gei­stes Oxy­los und der Hama­dryas. Sie alle sind Drya­den, also Nym­phen, und leben jeweils in einem Baum, u.a. dem Wal­nuss­baum. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Hama­drya­de eben­falls stirbt, wenn ihr Haus­baum dies tut; letzt­end­lich also davon, dass alle acht Hama­drya­den schon ein paar Jah­re das Zeit­li­che geseg­net haben dürf­ten, was neben­bei hübsch demon­striert, dass die grie­chi­sche Mytho­lo­gie fast so albern ist wie die Bibel. Ihr seht: Es lohnt sich, Alt­grie­chisch zu ler­nen. Man hat immer wie­der etwas zu lachen.

    Zurück zur Musik: Das hier behan­del­te Album von Hama­dryad klingt zum Glück nicht nach alten, knar­zen­den Bäu­men, son­dern im Gegen­teil frisch wie ein Mor­gen im Früh­ling in einem jun­gen Laub­wald. Mit der Schub­la­de „Retro-Prog“ wür­de man Hama­dryad Unrecht tun, auch, wenn in In My Coun­try der der­zei­ti­ge Yes-Ersatz­sän­ger Benoît David Front­mann J‑Phil Major tat­kräf­tig unter­stützt, denn „retro“ (lat. „zurück“, apro­pos Kul­tur) klingt „Intru­si­on“ nur strecken­wei­se. Es über­wiegt ein ener­gie­rei­cher Pro­gres­si­ve Rock mit Anlei­hen aus Neo-Prog (Maril­li­on immer­hin nicht) und den metal­ähn­li­chen Klän­gen von etwa Tool (ein­drucks­voll und mich sprach­los hin­ter­las­send ist etwa der Fünf­mi­nü­ter Lost).

    Klar, hier und da schau­en Gene­sis-Key­boards und Yes-Bass um die Ecke und win­ken freund­lich, aber sie blei­ben nicht lan­ge, behal­ten ihren Man­tel an und sind meist schnell wie­der weg. Key­board- und bass­la­stig ist es den­noch, was auf „Intru­si­on“ mein Ohr erfreut, und somit genau so, wie es mir gefällt; nicht ein­mal die viel zitier­ten Spock’s Beard wuss­ten mir jemals der­ar­ti­ge Freu­de zu bereiten.

    Und da ich gera­de den Gesang erwähn­te: Er bleibt weit­ge­hend auf kur­ze Pas­sa­gen beschränkt, mit Aus­nah­me weni­ger Stücke wie Here and Now, und klingt trotz des Gast­sän­gers nicht nach Yes, Gene­sis und den ande­ren übli­cher­wei­se Genann­ten, son­dern teils nach High Wheel, die ich eigent­lich auch mal wie­der häu­fi­ger erwäh­nen soll­te, teils nach den Flower Kings, meist aber wie­der­um ganz anders (unter ande­rem gewürzt mit einer Pri­se Jon Bon Jovi, wenn mich mein spä­te­stens seit dem gru­se­li­gen „Euro­vi­si­on Song Con­test“ arg gebeu­tel­tes Gehör nicht all­zu sehr täuscht), stets ange­mes­sen, nie über­trie­ben thea­tra­lisch. Kurz gesagt: Der Gesang ist eins der wesent­li­chen Erken­nungs­merk­ma­le von Hama­dryad, und das kann man heut­zu­ta­ge lei­der nicht mehr oft atte­stie­ren. Soll­te also eines der Mit­glie­der der Band die­sen Text hier jemals lesen: Ich gra­tu­lie­re zu eurem Sän­ger. Gut gemacht!

    Ein Fazit zu „Intru­si­on“ ist schwer­lich zu zie­hen, und ich freue mich gera­de dar­über, dass ich die­sen Text hier aus Eigen­in­ter­es­se schrei­be und nicht etwa für ein Maga­zin, das mich dafür bezahlt, sonst müss­te ich mir nun womög­lich eines aus­den­ken und säße auf der Stra­ße bei den drei Chi­ne­sen; und ich kann doch gar nicht Kon­tra­bass spie­len, geschwei­ge denn Chi­ne­sisch! So aber genügt es mir, zusam­men­fas­send Tho­mas Kohl­ruß von den Baby­blau­en Sei­ten zu zitieren:

    Teils hard­rocki­gen, teils jazz­rocki­gen, teils sym­pho­nisch ange­hauch­ten Retro­prog bie­ten uns Hama­dryad auf „Intru­si­on“ an. Dabei steht „Retro“ nur dafür, dass hier klas­si­sche Moti­ve des Pro­gres­si­ve Rock, wie wir­be­li­ge Key­boards, flir­ren­de Syn­thie-Solos, kraft­vol­les Gitar­ren­rif­fing, far­bi­ge, ver­track­te Arran­ge­ments, bol­lern­der Bass und vita­les Drum­ming, ver­ar­bei­tet wer­den. Instru­men­tal sind Hama­dryad immer noch eine Klas­se für sich, wenn sie erst­mal die Fes­seln abstrei­fen und ordent­lich loslegen.

    Und in wem ich jetzt das durch­aus gebo­te­ne Inter­es­se an die­sem Album wecken konn­te, dem ich mit Ver­gnü­gen den Stem­pel „bestes Pro­gres­si­ve-Rock-Album des gan­zen ver­damm­ten Jah­res“ auf­drücken wür­de, wären da nicht die rest­li­chen Mona­te noch abzu­kas­pern, den las­se ich selbst­ver­ständ­lich nicht blind gegen die nächst­be­ste Later­ne ren­nen, son­dern ver­wei­se auf die Hör­pro­ben, die das MyS­pace-Pro­fil der Band zieren.

    Aber schal­ten wir doch nun erst ein­mal einen Gang zurück:

  13. Tin­der­sticks – Fal­ling Down A Mountain
    „It’s the wine that makes me sad, not the love I never had“ (Fac­to­ry Girls)
     
    „Die Tin­der­sticks sind wie­der da“, so oder so ähn­lich klang so man­che Schlag­zei­le ange­sichts der Ver­öf­fent­li­chung des Albums „Fal­ling Down A Moun­tain“. All­zu selbst­ver­ständ­lich war es nicht, dass die­ses Album jemals erschei­nen wür­de, waren die Tin­der­sticks doch bereits mit dem Vor­gän­ger­al­bum „The Hungry Saw“ vom Sex­tett zum Trio geschrumpft.

    Und „wie­der da“ ist so auch nicht zutref­fend. Ähn­lich wie Sigur Rós sich in den letz­ten Jah­ren zu einer bei­na­he fröh­li­chen Pop­band ent­wickel­ten, so unter­zo­gen sich auch die Tin­der­sticks einer Meta­mor­pho­se. Geblie­ben ist der immer etwas weh­lei­dig klin­gen­de, zer­brech­li­che Gesang von Stuart A. Stap­les, der mit­un­ter dem eigent­lich als unver­gleich­bar gel­ten­den Leo­nard Cohen nicht unähn­lich ist, die Lie­der selbst jedoch haben sich gewandelt.

    Vor­bei ist es mit dem düste­ren Dark Wave, der noch auf „The Hungry Saw“ vor­herrsch­te und an man­chen Tagen auch einem fröh­li­chen Men­schen mal so rich­tig die Stim­mung ver­sau­en konn­te, zwar noch nicht, unter ande­rem das Lied Fac­to­ry Girls wahrt die Tra­di­ti­on, aber bereits das eröff­nen­de Titel­stück zeigt, was den Hörer erwar­tet. Los geht’s mit Blä­sern und einem Jazz-Rhyth­mus von Schlag­zeug und Bass, bis mehr­stim­mi­ger Gesang – kennt man von den Tin­der­sticks bis­lang auch nicht unbe­dingt – ein­setzt. Über ins­ge­samt sechs Minu­ten ent­wickelt sich eine sur­rea­le Stim­mung, bis die Psy­che­de­lik plötz­lich endet und das Lied lang­sam abschwellt, nur noch von Gesang, Gitar­re und Schlag­zeug getra­gen. Ande­re Stücke wie etwa Har­mo­ny Around My Table und No Place So Alo­ne zol­len dem Shuf­fle-Blues und der Soul­mu­sik Tri­but, in erste­rem Fall gar stil­echt mit fröh­li­chen Hin­ter­grund­chö­ren und „lalala“-Gesang, gleich­sam das Gob­ble­di­gook der Tin­der­sticks. Was immer man von die­ser Band erwar­tet hat­te: Man wird über­rascht sein.

    Natür­lich geht es bei den Tin­der­sticks nicht ohne sexu­el­le Anspie­lun­gen, sie­he etwa Ren­ted Rooms vom Album „Curtains“:

    We tried a drin­king bar, it gets so very hard,
    and when the cab ride gets too long, we go fuck in the bathroom.

    So gese­hen ist es sicher kein Zufall, dass das Lied She rode me down („Sie ritt mich nie­der“) mit den wie­der­hol­ten Wor­ten „She rode me“ endet, zwin­ker, zwin­ker; Details wie die­ses machen die Fas­zi­na­ti­on der Tex­te der Tin­der­sticks indes erst aus, wie ich mei­ne. Fast möch­te ich (wie­der ein­mal) schrei­ben: Hihi.

    Genug der schnö­den Wor­te! Als Hör­pro­ben gibt es auf Amazon.de die übli­chen blö­den 30-Sekun­den-Häpp­chen, auf YouTube.com ist indes der­zeit das voll­stän­di­ge Album anzu­hö­ren, so lan­ge die Plat­ten­fir­ma nichts dage­gen unter­nimmt, also hof­fent­lich noch lan­ge. (Nota bene: Ich kann der gesell­schaft­lich akzep­tier­ten Schwarz­ko­pie via You­Tube nicht viel abge­win­nen, so lan­ge die Nut­zung von Tausch­bör­sen bei­na­he mit min­de­stens Kin­der­schän­dung auf eine Stu­fe gestellt wird; aber dar­um soll’s hier aus­nahms­wei­se ein­mal nicht gehen.)

    Und nach­dem wir uns nun die­se klei­ne Ver­schnauf­pau­se gegönnt haben, kön­nen wir wie­der ein wenig gitar­ren­la­sti­gen Rock ver­tra­gen, und er kommt wie bestellt:

  14. The Black Box Reve­la­ti­on – Sil­ver Threats
    „Mad­ness frea­king out“ (Whe­re Has All This Mess Begun)
     
    Wor­an denkt man zuerst, wenn man „Gara­gen­rock“ liest? An MC5, viel­leicht auch The Strokes?
    Nun, The Black Box Reve­la­ti­on ist ein bel­gi­sches Duo, das genau die­se Musik macht, und der ein­zi­ge Ein­fluss, der mir spon­tan auf­fiel, war der Man­do-Diao-ähn­li­che Gesang, was weni­ger einen Wider­spruch dar­stellt, als dies zunächst erschei­nen mag. Als die Rol­ling Stones mit der­lei Klän­gen expe­ri­men­tier­ten, nann­te man sie noch Blues­rock. Aber ist das noch zeitgemäß?

    Wäh­rend der Auf­nah­men für ihr zwei­tes Album arbei­te­ten die bei­den Män­ner, bei­de erst um die 20 Jah­re alt, mit Ray Davies von den längst legen­dä­ren Kinks zusam­men, und auch, wenn die­ser nicht selbst auf dem Album zu hören ist, so ist dies doch offen­sicht­lich mehr als nur eine Zweck­ge­mein­schaft gewe­sen; Anony­mus „Klaus“ schreibt zum Bei­spiel auf Persona-Non-Grata.de:

    (…) ordent­lich abge­han­ge­ne Blues­riffs, genu­schel­ter Gesang mit fast schon arro­gant grö­ßen­wahn­sin­ni­gem Unter­ton, eher Black Keys als White Stri­pes, mehr Kinks als Zep­pe­lin, obwohl die Aus­flü­ge ins psy­che­de­li­sche gegen Ende dann doch an Aus­ma­ßen erheb­lich zuneh­men und in dem fast schon youngesken Feed­back­ge­wit­ter „Here Comes The Kick“ mit neun Minu­ten Län­ge gipfeln.

    Der Ver­gleich mit Neil Young zu des­sen besten Zei­ten ist so weit nicht ein­mal her­ge­holt, tat­säch­lich geht Here Comes The Kick ordent­lich zur Sache, aber zum Glück mit Gesang, der dann doch eher an Jack White erin­nert. (Und dann auch immer wie­der: The Vel­vet Under­ground. Lo-Fi, dröh­nen­de Gitar­ren, ein Schlag­zeug, das qua­si als ver­stärk­tes Metro­nom funk­tio­niert, und die­ser merk­wür­di­ge Rhyth­mus, der ohne bewuss­tes Zutun den Kopf des Hörers bewegt; das hat bei mir zuletzt bei Nihi­ling funk­tio­niert, die aller­dings wie­der­um ganz ande­re Musik machen.)

    Ich sage: Zum Teu­fel mit den ewi­gen Eti­ket­ten, ent­schei­dend ist, dass es gefällt, und das tut es in der Tat.
    Hör­pro­ben gibt es, außer natür­lich auf Amazon.de, auch auf dem MyS­pace-Pro­fil der Band; zwar nicht Here Comes The Kick, aber eini­ge ande­re Lie­der. Und so bleibt immer­hin auch noch etwas, was zum Kauf des Albums ein­lädt. Wer also noch nach einem Kauf­grund gesucht hat: Da ist er. Bittesehr!

    Blei­ben wir, Eti­ket­tie­rung hin oder her, nun ein­mal im Rock­gen­re und sei­nen zahl­rei­chen Sub­gen­res und star­ren begie­rig auf fol­gen­des Album:

  15. Liars – Sisterworld
    „Stand in the street with a gun, and then kill ‚em all!“ (Sca­re­crows on a Kil­ler Slant)
     
    Apro­pos The Vel­vet Under­ground: In den 60-er Jah­ren war die­se Band ja dafür bekannt, als Ant­ago­ni­sten der Hip­pie­kul­tur die dunk­len Sei­ten New Yorks anzu­pran­gern, eben Dro­gen, Gewalt und sexu­el­le Umtrie­be. Seit die­ser Zeit hat sich offen­bar erwar­tungs­ge­mäß nur wenig getan in den VSvA, und so kann über 40 Jah­re spä­ter die aus Los Ange­les stam­men­de Musik­grup­pe Liars eine „Sister­world“, eine „Schwe­ster­welt“ also, inmit­ten ihrer Hei­mat­stadt doku­men­tie­ren, die auch wei­ter­hin ein Bio­top für Aus­stei­ger aus der Gesell­schaft darstellt.

    Der Pres­se­text liest sich aus­zugs­wei­se folgendermaßen:

    „Sister­world“ ist ein ganz eige­nes Liars-Album, ohne hör­ba­re Ein­flüs­se und sehr weit weg von den oft fal­schen Ver­spre­chun­gen und zer­bro­che­nen Träu­men von Los Ange­les. Auf „Sister­world“ unter­sucht Liars die Under­ground­kul­tur zu erkun­den, die sich in der Stadt gebil­det hat um dem Ver­lust der eige­nen Iden­ti­tät in der ober­fläch­li­chen Gesell­schaft von Los Ange­les ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die Band erklärt dazu, „Uns inter­es­sie­ren die alter­na­ti­ven Lebens­räu­me die sich die Leu­te in Los Ange­les auf­ge­baut haben um ihre eige­ne Iden­ti­tät in die­ser Stadt zu wah­ren. Lebens­räu­me, in denen Out­casts und Ein­zel­gän­ger eine ver­dreh­te Bezie­hung zum Rest der Gesell­schaft führen.“

    Musi­ka­lisch auch hier: Kraft­vol­ler Gara­gen­rock, pum­pen­der Bass, trei­ben­des Schlag­zeug. Mit­un­ter fällt Nick Cave ein. Man brau­che, so Front­mann Angus Andrew im Inter­view mit Chartattack.com, eine gesun­de Por­ti­on Rea­lis­mus‘, um das Leben in die­ser Stadt zu ertra­gen, und das spie­gelt sich auch in den Tex­ten wieder.

    Als Hör­pro­ben gibt es auf dem MyS­pace-Pro­fil des Tri­os der­zeit unter ande­rem das Lied Too Much, Too Much sowie diver­se Remi­xe ande­rer Lie­der zu hören.

    Zum Abschluss des ersten Teils noch mal ein etwas hei­te­re­res Album, das erst seit kur­zem mein Inven­tar bereichert:

  16. Argos – Circles
    „Not­hing here is qui­te like anything you know“ (Wil­low Wind)
     
    Das ging schnell: War im Dezem­ber noch das selbst­be­ti­tel­te Debüt­al­bum der Main­zer For­ma­ti­on Argos Objekt mei­ner Begier­de, so war zu die­sem Zeit­punkt das Nach­fol­ge­al­bum „Cir­cles“ bereits in der Ent­ste­hung begrif­fen, und es fand eine posi­ti­ve Ent­wick­lung statt.

    Gitar­rist Rico Flor­c­zak, auf „Argos“ noch Gast­mu­si­ker, ist nun­mehr ein festes Band­mit­glied und drückt „Cir­cles“ sei­nen Stem­pel auf. War erste­res noch von Cara­van und The Tan­gent beein­flusst, so ist der Can­ter­bu­ry Sound auf „Cir­cles“ einem sym­pho­ni­schen Progressive/​Art Rock gewi­chen, wie ihn etwa die Flower Kings prak­ti­zie­ren. Und auch der Gesang, auf dem Debüt noch Anlass für vie­ler­lei Kri­tik, ist druck­vol­ler und empa­thi­scher gewor­den, mit­un­ter Peter Ham­mill nicht unähnlich.

    Anson­sten: Jazz­rock, Yes (kommt außer mir noch jeman­dem der Titel Total Mess Retail bekannt vor?), mit­un­ter auf Deutsch ein­ge­spro­che­ne Erich-Käst­ner-Zita­te als wie­der­keh­ren­des Motiv (drum „Cir­cles“).

    Musikreviews.de zieht zudem Eloy, Jadis und IQ als Ver­gleich her­an, ver­gisst aber immer­hin nicht, zu erwäh­nen, dass das, was Argos auf Ton­trä­ger ban­nen, mit nur sel­ten gehör­ter Eigen­stän­dig­keit daherkommt.

    Mit ihrem zwei­ten Album hat Argos sich frei­ge­spielt. Geblie­ben sind der Humor in Tex­ten und Lied­ti­teln sowie die Ver­eh­rung vor den Hel­den der 70-er Jah­re, Geschich­te aber ist die Unsi­cher­heit, wohin die Rei­se gehen soll. Das bereits ange­kün­dig­te drit­te Album wird zei­gen, ob sie ihrem eige­nen Anspruch genü­gen kön­nen; nach mehr­ma­li­gem Genuss des bis­he­ri­gen Œuvres jeden­falls bin ich zuversichtlich.

    Hör­pro­ben: Aus­zü­ge aus bei­den bis­her ver­öf­fent­lich­ten Alben hat die Band auf ihrem MyS­pace-Pro­fil (für Lieb­ha­ber von Details: auch ein recht amü­san­ter MyS­pace-Pro­fil­na­me übri­gens) ver­öf­fent­licht. Fei­nes Album!

Nach­dem ich nun euren Geld­beu­tel geschän­det habe, gön­ne ich ihm ein wenig Erho­lung und stel­le drei digi­tal erhält­li­che Gra­tis­ton­trä­ger vor:

Teil 2: Gra­tis ist zu teuer!

  1. Futi­le – 7 Nightmares
     
    Ganz und gar nicht Futi­le, also zweck­los, ist die­ses kur­ze Album. 7 Lie­der (oder doch Alb­träu­me?) lang Alter­na­ti­ve-Pro­gres­si­ve-Rock-Metal-Musik mit Tool-Remi­nes­zen­zen aus der Südpfalz.
    Ich hat­te das Album hier schon kurz rezen­siert bzw. eben rezen­sie­ren las­sen und ver­wei­se daher nur auf dort.

    Bezugs­quel­len: Her­un­ter­la­den kann man das schö­ne Stück Musik via eMu­le und auf der eigens dafür ein­ge­rich­te­ten Inter­net­sei­te. Wer das MP3-For­mat nicht son­der­lich schätzt oder auch ein­fach nur gern gute Musik finan­zi­ell sub­ven­tio­niert, der kann für zehn Euro eine CD-Ver­si­on erwerben.

  2. Her Name Is Cal­la – Long Grass (EP)
     
    Her Name Is Cal­la, 2009 mit dem pri­ma Album „Heri­ta­ge“ bereits Anlass für zahl­rei­che melan­cho­li­sche Stun­den, leg­te Anfang 2010 mit dem „Long Grass“-EP drei kur­ze Stücke in der gewohn­ten Stim­mung nach.

    Peter schrieb im März hierzu:

    Fröh­lich ist ein­fach, Melan­cho­lie um vie­les schwie­ri­ger. Zu beschrei­ben, zu besin­gen, zu ver­to­nen. Ein­fach ist doof, ver­kom­pli­zier­te See­len­zu­stän­de, tra­gi­sche Gege­ben­hei­ten, Glück und Trau­er machen das Leben nicht leich­ter, aber bestim­men unse­rer täg­li­ches Sein. (…) Die ele­gi­schen Sound­land­schaf­ten, die sich über uns aus­brei­ten, machen sturz­be­sof­fen vor Glück.

    Bezugs­quel­len: Scha­de, dass es die CD in der Holz­ki­ste nicht mehr zu kau­fen gibt. Auf Vinyl und als ein­fa­che CD ist „Long Grass“ aber, eben­so wie „Heri­ta­ge“, noch immer erhält­lich. Bei­de Ton­trä­ger kann man auch auf der Inter­net­sei­te von Her Name Is Cal­la voll­stän­dig anhö­ren, wo es auch eine .zip-Ver­si­on zum Her­un­ter­la­den gibt. eMu­le-Freun­de wer­den hier fündig.

  3. All You’ve Seen – Mahali
     
    Kurz­mel­dung zum Drit­ten: All You’ve Seen ist ein Post­rock-Trio bzw. inzwi­schen wahr­schein­lich ‑Quar­tett aus der Schweiz, das welt­weit einen posi­ti­ven Ein­druck hinterließ.

    Was auf dem Album erklingt: Wun­der­bar unauf­dring­li­cher instru­men­ta­ler Post­rock, der meist behä­big dahin­plät­schert, aber auch mal so rich­tig los­bret­tern kann. THE GLASS FOREST publi­zier­te:

    Was bei AYS defi­ni­tiv neu ist, sind die medi­ta­ti­ven Pas­sa­gen in den Songs, hier haben wir zum Bei­spiel bei Lha­sa einen mono-ähn­li­chen Auf­bau, der einen gleich­zei­tig in Sicher­heit zu wie­gen scheint und trotz­dem die Span­nung bis zum Äusser­sten auf­bläst. Bis die Span­nungs­bla­se platzt und der Aus­bruch den Hörer erneut paralysiert.

    Sehr über­zeu­gend und emp­feh­lens­wert, trotz Schweiz.

    Bezugs­quel­len: Rein­hö­ren kann man auf dem MyS­pace-Pro­fil der Band, frei her­un­ter­zu­la­den ist „Maha­li“ zum Bei­spiel eben­falls dort (der Ver­weis befin­det sich in der lin­ken Spal­te) und natür­lich auch via eMu­le.

So viel dann zu dem, was man hören soll­te. Kom­men wir zu dem, was man lie­ber nur hören soll­te, wenn gera­de unlieb­sa­me Per­so­nen anwe­send sind, wie üblich in der gebo­te­nen Kurz­form, weil jedes wei­te­re Wort eines zu viel wäre:

Teil 3: Musik für den Erzfeind.

Dies­mal haben es nur zwei Alben geschafft, mich aus­rei­chend zu lang­wei­len, um hier auf der Liste zu erschei­nen. Ich hof­fe, es ist nur das Som­mer­loch, das die Schuld dar­an trägt. Lie­be Musik­in­du­strie: Bis Jah­res­en­de brau­che ich mehr Schrott. Das schafft ihr doch, oder?

  1. Goril­laz – Pla­stic Beach
    Trotz Lou Reed: Gähn.
  2. Die Fan­ta­sti­schen Vier – Für dich immer noch Fan­ta Sie
    So ungern ich das auch über ein Album der Fan­ta­sti­schen Vier schrei­be: Nein, Sir, gefällt mir nicht.

Es ist eigent­lich erstaun­lich: Jedes Jahr, das auf 5 oder 0 endet, bie­tet ein eben­sol­ches „run­des“ oder „halb­run­des“ Jubi­lä­um in der Rock- und Pop­ge­schich­te seit etwa Mit­te der 60-er Jah­re. Das ist schön, denn so kann ich auch in die­sem Jahr wie­der die Tra­di­ti­on der Retro­spek­ti­ve pfle­gen. Wer­te Leser, ich prä­sen­tie­re abschlie­ßend zum wie­der­hol­ten Mal 40 Jah­re Rock­ge­schich­te im Schnelldurchlauf.

Teil 4: Retro­spek­ti­ve 1970 bis 2010.

  • Vor 40 Jahren:
    Dros­sel­bart – Drosselbart
    1970 war ein schwie­ri­ges Jahr für die Rock­mu­sik. Paul McCart­ney löste die Beat­les auf und kam damit John Len­non zuvor, The Vel­vet Under­ground ver­lo­ren Lou Reed und bäum­ten sich mit dem immer­hin als Rock­al­bum immer noch soli­den „Loa­ded“ ein letz­tes Mal auf, bevor Doug Yule noch für drei wei­te­re Jah­re unter die­sem Band­na­men tour­te und mit­tel­mä­ßi­gen Pop­rock dar­bot, und in Deutsch­land begann der­weil die Wel­le an deutsch­spra­chi­gem „Kraut­rock“ zu erblü­hen, lan­ge, bevor die „Neue Deut­sche Wel­le“, die sich aus­ge­rech­net aus ihr ent­wickel­te, zwei Jahr­zehn­te Rock­mu­sik ein­fach über den Hau­fen feg­te und in Pla­stik zu kon­ser­vie­ren vor­gab. Dros­sel­bart war einer der Prot­ago­ni­sten des Pro­to-Krautrocks, die Mit­glie­der fand man spä­ter unter ande­rem in Udo Lin­den­bergs Panik­or­che­ster wie­der, Sän­ge­rin Jemi­ma wech­sel­te an die Oper. Was bleibt, ist ein Album mit arg christ­li­chen Tex­ten, das rein musi­ka­lisch doch ähn­lich dem war, was spä­ter die auf­kom­men­den Poli­t­rock­bands prä­gen soll­te und etwa auch bei Nova­lis zu fin­den war, näm­lich folk­rock-inspi­rier­te Gitar­ren­me­lo­dien und ein aggres­siv dekla­mie­ren­der Gesangs­stil, vom Sopran der Sän­ge­rin ein­mal abge­se­hen. Dros­sel­bart räum­ten her­nach die Büh­ne, es bleibt ihnen jedoch der Ruhm, zu den Pio­nie­ren des noch jun­gen Deutschrocks zu gehören.
  • Vor 35 Jahren:
    Led Zep­pe­lin – Phy­si­cal Graffiti
    Bereits mit­ten in den 70-er Jah­ren befand sich die Musik­welt schon wie­der im Umbruch. (Da war was los in dem Jahr­zehnt.) Der Pro­gres­si­ve Rock hat­te mit Yes und Gene­sis sei­ne Ido­le längst gefun­den, von Punk und Dis­co­ma­nia war, außer in weni­gen, weit­hin unbe­kann­ten Alben wie etwa „Take It Or Lea­ve It“ von Zze­bra, noch nichts zu spü­ren. Kai­pa ver­öf­fent­lich­ten ihr Debüt­al­bum, die Pro­gres­si­ve-Rock-Welt schien heil und unzer­brech­lich. Was in ande­ren Rück­schau­en hin­ge­gen meist über­se­hen wird, ist, dass sich neben der psy­che­de­lisch-ver­schwur­bel­ten Musik, die damals Euro­pa und Nord­ame­ri­ka weit­ge­hend beherrsch­te, längst ein ande­rer Musik­stil Gehör ver­schaff­te, nament­lich der Hard Rock, in des­sen Namen Led Zep­pe­lin 1975 ihr sech­stes Album „Phy­si­cal Graf­fi­ti“ – erst­mals ein Dop­pel­al­bum – ver­öf­fent­lich­ten. Wenn­gleich es meist erst nach Alben wie etwa „Four Sym­bols“ („Led Zep­pe­lin IV“) mit dem furcht­bar ner­vi­gen Stair­way To Hea­ven genannt wird, so war und ist es doch ein wich­ti­ges Album, das unter ande­rem das bekann­te Stück Kash­mir ent­hält, an des­sen mar­kan­tem Riff sich spä­ter Puff Dad­dy für das auch gar nicht mal all­zu üble Come With Me bedien­te. Den­noch bleibt „Phy­si­cal Graf­fi­ti“ bis heu­te sträf­lich unterschätzt.
  • Vor 25 Jahren:
    Die Ärz­te – Im Schat­ten der Ärzte
    Im Jahr 1985, über das es außer mei­ner Geburt nicht viel Posi­ti­ves zu berich­ten gibt, war das bis­lang furcht­bar­ste Jahr­zehnt der jün­ge­ren Musik­ge­schich­te noch längst nicht vor­über. Nur weni­ge sei­ner Prot­ago­ni­sten über­leb­ten es, dar­un­ter etwa a‑ha, auf deren Album „Hun­ting High And Low“ in die­sem Jahr unter ande­rem das oft geco­ver­te Take On Me ver­öf­fent­licht wur­de, aber auch die deut­sche Fun­punk-Com­bo Die Ärz­te, die mit ihrem zwei­ten regu­lä­ren Album „Im Schat­ten der Ärz­te“ längst zu einer Kon­stan­ten in der deut­schen Musik­land­schaft gewor­den waren, bekannt auch für ihren eben­falls 1985 ver­öf­fent­lich­ten, furcht­ba­ren Film „Richy Gui­tar“, in dem auch Nena eine Rol­le als Nena bekam, den man den­noch aber nicht unbe­dingt anse­hen soll­te. Wenig spä­ter wur­de Bas­sist Sahnie wegen per­sön­li­cher Dif­fe­ren­zen aus der Band gewor­fen, eine Zeit­lang mach­ten Die Ärz­te dann als Duo wei­ter und ver­öf­fent­lich­ten unter ande­rem das Album „Die Ärz­te“ mit dem indi­zier­ten Klas­si­ker Geschwi­ster­lie­be. „Im Schat­ten der Ärz­te“ jeden­falls ist auch in ande­rer Hin­sicht ein beson­de­res Album: Erst­mals (in Käfer) spiel­te der noch jun­ge Farin Urlaub sei­ne Gitar­re ver­zerrt ein; eine Tech­nik, die er bis heu­te gern ein­setzt. Der Rest ist Geschichte.
  • Vor 10 Jahren:
    Mor­phi­ne – The Night
    Der „Y2K-Feh­ler“, vor dem Unheils­pro­phe­ten welt­weit gewarnt hat­ten, blieb wohl weit­ge­hend aus; hier und da scheint er jedoch das Hirn eini­ger selbst ernann­ter „Musik­pro­du­zen­ten“ zu befal­len haben, die seit etwa dem Jahr 2000 ver­mehrt auf die Aus­schlach­tung alten Musik­gu­tes (auch als „Cover­ver­sio­nen“ bekannt) set­zen. Nur sel­ten drang auch Kun­de von neu­er, guter Musik durch die meter­ho­hen Tür­me an Mel­dun­gen über irgend­wel­che kurz­le­bi­gen Pop­stern­chen, etwa von dem Album „Light­bulb Sun“ von Por­cu­p­i­ne Tree, das den Auf­takt zu einer Rei­he an wahr­lich for­mi­da­blen Ton­trä­gern bil­den soll­te. Abge­tre­ten indes ist die Jazz­rock-/Low-Rock-Band Mor­phi­ne, die 1997 das fes­seln­de Album „Like Swim­ming“ mit ein­ma­li­gen Lie­dern wie Ear­ly To Bed und French Fries w/​ Pep­per ver­öf­fent­licht hat­te und deren Sän­ger Mark Sand­man im Juli des Vor­jah­res wäh­rend eines Kon­zer­tes einem Herz­in­farkt erle­gen war; das Album „The Night“ erschien post­hum. Die Fan­ge­mein­de blieb Mor­phi­ne den­noch treu und hart­näckig, letzt­lich mit Erfolg: Seit 2009 tre­ten zwei der ursprüng­li­chen Mit­glie­der unter dem Namen Mem­bers of Mor­phi­ne wie­der gemein­sam auf. Was lan­ge währt, wird end­lich gut; die­sen Satz hät­te ich in die­sem Jahr­zehnt viel häu­fi­ger ver­wen­den wol­len. Ein hal­bes Jahr hat es noch, das Jahr­zehnt. Möge es sich Mühe geben!

Und schon sind wir wie­der am Ende der Liste ange­langt. Jetzt habt ihr wie­der ein hal­bes Jahr Ruhe.
Bis zum Dezem­ber bleibt euch viel Zeit, wie­der ein wenig Geld zu spa­ren, denn dann steht vor­aus­sicht­lich die Rück­schau 12/​2010 auf dem Pro­gramm. Eini­ge Alben, die vor­aus­sicht­lich ein Teil von ihr sein wer­den, die es aber lei­der aus Zeit­grün­den noch nicht in die­se Liste geschafft haben, habe ich bereits vor­lie­gen; ihr dürft euch also wie­der auf eine prall gefüll­te Wun­der­tü­te freu­en, die für jeden etwas bereithält.

Habe ich ein wich­ti­ges Album ver­ges­sen? Weist mich und ande­re Leser in den Kom­men­ta­ren dar­auf hin; mehr Benut­zer­inter­ak­ti­on ist ja immer wünschenswert.
An die­ser Stel­le auch ein herz­li­cher Dank an V., ohne die die­ser Bei­trag erst im Lau­fe der kom­men­den Tage erschie­nen wäre; das hast du jetzt davon!

Ich dan­ke anson­sten allen, die es bis hier­hin geschafft haben, für die Geduld und Auf­merk­sam­keit, und hof­fe, euch alle bald wie­der hier auf die­ser Inter­net­prä­senz begrü­ßen zu dürfen.
Bis die Tage!

Seri­en­na­vi­ga­ti­on« Musik 12/​​2009 – Favo­ri­ten und Ana­ly­seMusik 12/​​2010 – Favo­ri­ten und Analyse »

Senfecke:

  1. Uff, schon lan­ge nicht mehr soviel gescrollt. Könn­test Du sol­che Berich­te nicht auf’s Wochen­en­de legen? Jeden­falls habe ich mir die Sei­te im G- :evil: ‑Kalen­der auf den Sams­tag notiert Man ist schließ­lich kein Stu­dent mehr.

  2. Wie lan­ge haste den an dem Arti­kel geses­sen? Man scrollt sich ja die Fin­ger wund. Trotz­dem sehr lesens­wert . Ätsch übri­gends, ich habe die CD in der Holzkiste ;-)

  3. Didi: Läuft ja nicht weg.
    Peter: Frech­heit! :twisted: Anson­sten: Die Text­da­tei befüll­te ich seit eini­gen Wochen. Die Aus­ar­bei­tung dau­er­te etwa drei Tage.

  4. Na ja, bei den kosten­los zu erhal­te­nen Stücken weiß man das nie. Ich zie­he sie mir gera­de rein vor­sorg­lich runter.

  5. Kosten­los erhält­lich ist grund­sätz­lich alles. :D
    Die, die ich hier ver­link­te, ste­hen ja auch nicht erst seit kur­zem im Inter­net. Aber du hast Recht, Vor­sicht ist prima.

    Ange­neh­mes Hören schon mal!

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