KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2010 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 5 von 24 der Serie Jahresrückblick

Das ging schnell; schon wie­der ist das erste hal­be Jahr bei­na­he vor­bei. Zeit also wird es, die sehn­süch­ti­gen Gedanken ein­mal bei­sei­te zu wischen und statt­des­sen einen Blick auf die präch­tig­sten Musikveröffentlichungen der letz­ten sechs Monate zu wer­fen, ob Rock oder Pop, ob gra­tis oder teu­er, ob Kaufbefehl oder völ­li­ger Reinfall.

Auf eine sepa­ra­te Liste für deutsch­spra­chi­ge Alben habe ich dies­mal ver­zich­tet, die drei­ein­halb Exemplare habe ich statt­des­sen in der Hauptliste unter­ge­bracht. Das hat einen ganz ein­fa­chen Grund: Ich habe zu spät dar­an gedacht. Selbstverständlich tut mir die­ser Fauxpas unglaub­lich Leid, für die Rückschau 12/2010 gelo­be ich Besserung. (Nachtrag vom 13. Dezember 2010: Leider gab das Jahr kei­nen Anlass, eine sol­che Liste anzulegen.)

Wie üblich jeden­falls wird die­se Liste auch die­ses Mal wie­der gekrönt von einer Rückschau auf 40 Jahre wech­seln­den Zeitgeists in der Musik. Vielleicht fin­det ja jemand von euch, mei­ne geschätz­ten Leser, wie­der einen klei­nen Schatz dar­un­ter, der nur dar­auf war­tet, von euch geho­ben zu werden.

Viel Spaß beim Erforschen!


Teil 1: Gute CDs zum Kaufen.

  1. The Hirsch Effekt - Holon : Hiberno
    „Und zum Glück fällst du mir nicht mehr ein, wenn ich hier kot­ze vor Scheißglücklichsein“ (Epistel)
     
    Ich hat­te es vor einer Weile schon aus­führ­lich erwähnt, und dar­um nimmt es wohl auch nur kaum Wunder, wenn ich auch die erste Halbjahresrezension die­ses Jahres mit die­sem Album beginne:

    „Holon : Hiberno“ ist die bis­lang posi­tiv­ste musi­ka­li­sche Überraschung die­ser Dekade. Ich zitie­re von’­nen Schallgrenzen:

    Nichts auf “Holon : Hiberno” ist vor­her­seh­bar, ein Wiegen in Sicherheit nicht ange­ra­ten. Gleich sprin­gen dir blut­grät­schen­de Gitarren ent­ge­gen, infer­na­li­scher Gesang (es wird übri­gends deutsch gesun­gen) lässt dich in die Knie gehen und von hin­ten bekommst du noch einen hunds­ge­mei­nen Tempowechsel ins Kreuz. Heiland Gewitter, direkt aus dem Irrenhaus. Aber dort fin­den wir die Genies, die sich aus hun­der­ten Töpfen bedie­nen, Konventionen mir nichts, dir nichts über Bord schmei­ssen und den Rezensenten mit dicken Kopf im Regen ste­hen lassen.

    Begeistert war und bin nicht nur ich (wer mei­ne aus­führ­li­che Rezension ver­passt hat, der möge hier klicken und dies nach­ho­len), begei­stert bezeu­gen auch die Rezensenten der Babyblauen Seiten ihre Bewunderung für die­se Band und die­ses Album, und sie sind damit nicht allein: Auch in der jewei­li­gen Redaktion der Zeitschriften Visions und eclip­sed sowie des Ox-Fanzines war man hell­auf begei­stert. So ungern ich auch in die Euphorie um Gruppen und/oder Alben ein­fal­le, die ich meist eher skep­tisch betrach­te: Kauft euch das ver­damm­te Album. Es ist es wert.

    Meine Zusage allein genügt noch nicht? Ihr wollt mehr? Angst vor der Katze im Sack? (Gibt es dafür eigent­lich auch so einen hüb­schen grie­chi­schen Namen, der auf -pho­bie endet?)
    In dem Fall jeden­falls kann ich die übli­chen Hörproben auf dem MySpace-Profil der Band wärm­stens emp­feh­len. Reinhören, süch­tig wer­den und tage­lang nichts ande­res mehr hören wol­len; so jeden­falls lief’s bei mir.

    All die schö­ne Klangwelt ist euch zu laut? „Zu viel Metal“? Ihr seid weit über 30 und mögt’s lie­ber etwas behä­bi­ger? Dann ris­kiert doch mal anders­wo euer Ohr:

  2. Jaga Jazzist - One-Armed Bandit
     
    Meinen übli­chen Hörgewohnheiten kei­nes­falls ent­spre­chend ent­schloss ich mich dazu, die­sem Album eine Chance zu geben; und es hat sie wei­se genutzt. Jaga Jazzist ist, wie man teil­wei­se schon dem Namen ent­neh­men kann, eine instru­men­ta­le Jazzrock-/Progressive-Rock-Band (laut Eigenbeschreibung „Nu-Jazz“) mit ver­schie­de­nen ande­ren Einflüssen wie Frank Zappa und Dancefloor (sic!), die somit ein biss­chen wie die im Vorjahr bereits erwähn­ten Tortoise klingt und doch eigent­lich völ­lig anders. Nicht so abrupt sind hier die Stilwechsel inner­halb der Stücke, aber die Norweger gehen ähn­lich elek­tro­nisch zu Werke. Auffallend in der wil­den Stilmischung sind vor allem die Trompeten einer­seits (etwa in Prognissekongen), die Anleihen an moder­ner Tanzmusik ande­rer­seits. Erstaunlicherweise ist aus­ge­rech­net das Stück Music! Dance! Drama! weit­ge­hend frei von allem, was kein Progressive Rock ist.

    Ein in sich stim­mi­ges Album ist „One-Armed Bandit“ alle­mal. Wer Jazz, Progressive Rock und Frank Zappa mag und auch Tortoise‘ aktu­el­les Album begei­stert auf­ge­nom­men hat oder wer auch ein­fach nur wis­sen möch­te, wie es klingt, wenn man Jazz club­taug­lich macht, dem sei emp­foh­len, auch Jaga Jazzist eine Chance zu gewäh­ren. Vergleichsweise anstren­gend ist die­se Melange alle­mal, aber auch höchst unterhaltsam.

    Hörproben wollt ihr? Die übli­chen 30-Sekunden-Schnipsel hat Amazon.de im Angebot, auf MySpace.com gibt es wei­te­re Aufnahmen zu hören; der­zeit (18. Juni 2010) unter ande­rem etwa eine mit stamp­fen­dem Beat unter­leg­te Neufassung von Bananfluer Overalt. Hat was.

    Schön und gut, sagt ihr, ihr wollt aber lie­ber mehr Gesang? Könnt ihr haben:

  3. My Own Private Alaska - Amen
    „If I don’t kill myself it’s ‚cau­se I’ve alrea­dy left / else­whe­re, any­whe­re, nowhe­re“ (I Am An Island)
     
    In die Reihe der Alben, die auch mit der vor­he­ri­gen Erwähnung mei­ner­seits noch längst nicht genug gewür­digt wer­den, habe ich nun­mehr also auch „Amen“ der fran­zö­si­schen, den­noch sehr guten Band My Own Private Alaska, kurz M.O.P.A., auf­ge­nom­men. Auf kulturterrorismus.de wird das Album wie folgt gewürdigt:

    Musikalisch glei­chen Matthieu Miegeville aka „Milka“ (Gesang), Tristian Mocquet (Piano) & Yohan Henequin (Schlagzeug) hin­ter M.O.P.A. einer tie­fen Verschmelzung von Chopin & Nirvana, wel­che tra­gisch, bru­tal & mit­rei­ßend aus Lautsprechern tönt und ent­we­der für tota­le Verstörung oder Begeisterung sorgt – dazwi­schen gibt es bei M.O.P.A. nix! Besonders die „abge­dreh­te“ Stimmbandarbeit von „Milka“, die sich irgend­wo zwi­schen Robert Smith (The Cure) & Postcore- /Screamo „Schreihälsen“ bewegt, nimmt ent­we­der völ­lig gefan­gen oder schreckt end­gül­tig ab!

    Unterstützt wird die­se unge­wöhn­li­che Konstellation von Texten, die alle­samt von einer tie­fen Verbitterung über die Frauenwelt zeu­gen, Todessehnsucht inklu­si­ve. „Emo“ (oder was man land­läu­fig dafür hält) ist die­se Musik sicher nicht, jedoch immer­hin höchst emo­tio­nal. Bestünde der viel zitier­te „Soundtrack zum Untergang“ nur aus Musik wie die­ser, ich könn­te ihn kaum erwar­ten. Allein ist dies dann doch eher unwahr­schein­lich; viel zu eigen­stän­dig, viel zu unver­kenn­bar ist das Werk des Trios. So bleibt also zu hof­fen, dass sie bis zum kom­men­den Untergang noch viel Musik gemein­sam aufnehmen.

    Dem inter­es­sier­ten Konsumenten bleibt selbst­ver­ständ­lich auch der Wunsch nach Hörproben nicht verwehrt:
    Während Amazon.de eher ent­täuscht, hat das MySpace-Profil der Band immer­hin der­zeit (18.6.2010) zwei­ein­halb Lieder zum Probehören auf Lager.

    Das ist euch zu abstrakt, zu emo­tio­nal oder zu lär­mig? Dann versucht’s mal damit:

  4. So So Modern - Crude Futures
     
    Ich weiß nicht mehr, wie ich auf „Crude Futures“ auf­merk­sam wur­de, aber ange­sichts des anste­hen­den Sommers ist das Album ein wah­rer Glücksfund. Musik für lan­ge Tage auf Wiesen oder Terrassen mit Bier und viel Sonne.

    Aber was ist das eigent­lich für Musik? Anderswo ist in Originalschreibweise zu lesen:

    Ein tol­les Album zwi­schen Indie-Rock, Post-Punk, Electro & psy­che­de­li­schen Kraut-Rock Elemten.

    Auch wenn’s so schei­nen mag: Allzu viel Krautrock, wie ihn etwa Can einst spiel­ten, ist hier nicht ent­hal­ten, die ande­ren genann­ten Genres dafür im Überfluss. Zu hören sind The Raveonettes, The Mars Volta, Phoenix, die Kaiser Chiefs und noch eini­ge mehr, und oben­drein ist der Gesang kei­nes­falls omni­prä­sent, son­dern eher dezent und unauf­fäl­lig, sofern über­haupt vor­han­den. Sommerliche Musik, die sich aus der immer­glei­chen Indierock-Sülze herausschält.

    Der Anspieltipp für die­ses Album ist der instru­men­ta­le Sechseinhalbminüter Berlin.
    Apropos Berlin, eine sehr gute Liveaufnahme die­ses Stückes gibt es als Hörprobe auf YouTube.com, es ist neben eini­gen wei­te­ren Liedern auch auf MySpace.com zu hören. Prima!

    Darf’s dann doch lie­ber etwas klas­si­scher sein? Bittesehr:

  5. The Watch - pla­net earth?
    „There must be some­thing wrong with me“ (Something Wrong)
     
    Wenn ich „klas­sisch“ schrei­be, dann mei­ne ich meist „klas­sisch“ im pro­gres­siv­sten Sinn. Die ita­lie­ni­sche Progressive-Rock-Band The Watch eifert dann auch einer der klas­sisch­sten Progressive-Rock-Formationen nach, näm­lich Genesis zu Zeiten des cha­ris­ma­ti­schen Frontmannes Peter Gabriel (nicht also der Band, die Phil Collins spä­ter dar­aus gemacht hat, der Depp). Dies ist sicher kein Zufall; nicht umsonst war The Watch jah­re­lang mit Livedarbietungen von Genesis-Klassikern auf Tournee. Nicht nur haf­tet ihrem inzwi­schen vier­ten Album „pla­net earth?“ also eine deut­li­che Ähnlichkeit zu deren längst legen­dä­ren Alben „Foxtrot“ und „Trespass“ an, auch Sänger Simone Rossetti bemüht sich nicht ganz erfolg­los, wie sein Vorbild zu klin­gen; und wäre sei­ne Stimme nicht ein wenig tie­fer, wür­de der Unterschied kaum auffallen.

    Auch das Instrumentarium dürf­te Freunden des Genres Freude berei­ten: Neben Gitarren, Bass und Schlagzeug kom­men unter ande­rem auch Hammond-Orgel, Moog-Synthesizer und Mellotron zum Einsatz, alle­samt Instrumente, deren blo­ße Erwähnung eigent­lich schon einen Kaufgrund und den Stoff für feuch­te Träume eines jeden Progressive-Rock-Anhängers dar­stel­len sollte.

    Kurzer geschicht­li­cher Hintergrund übri­gens: Laut Amazon.de wird „pla­net earth?“ oft zusam­men mit Solowerken des ehe­ma­li­gen Genesis-Gitarristen Steve Hackett erwor­ben; nach des­sen Weggang blieb von Genesis nur noch ein küm­mer­li­ches Poptrio übrig, somit dürf­te ein­wand­frei fest­ste­hen, wer für die musi­ka­lisch wirk­lich guten Ideen in der Band zustän­dig war. Steve Hackett lie­fert bis heu­te durch­weg bes­se­re Alben ab als Phil Collins, und - hier schließt sich der Kreis - sein Bruder John Hackett ist auf „pla­net earth?“ in dem Stück New Normal an der Flöte zu hören.

    Wer die „klas­si­schen“ Genesis kennt und schätzt, der kann bei „pla­net earth?“ beden­ken­los zugrei­fen; wer sie nicht kennt oder nur grau­sa­me Alben wie „We Can’t Dance“ sein Eigen nennt, dem lege ich zunächst ein unver­bind­li­ches Reinhören nahe.

    Das geht mit­tels Hörproben zum Beispiel auf dem MySpace-Profil der Band, das aller­lei Auszüge aus dem bis­he­ri­gen Schaffen der Italiener bie­tet, aber auch auf Last.fm gibt es eini­ge Lieder zum Anhören; jedoch, der Wermutstropfen bleibt, bis­lang kei­nes aus dem Album „pla­net earth?“. Aber viel­leicht ändert sich das ja noch. Bis dahin jeden­falls bleibt die­ses Album eine Empfehlung zum Blindkauf für jeden Leser die­ses Textes.

    „Geh weg mit den ollen Kamellen!“, sagt ihr, „Progressive Rock ist doch seit Jahrzehnten tot! Neue Helden braucht das Land!“? Wie ent­zückend, da fällt mir doch tat­säch­lich ein ganz ande­res Album ein:

  6. Erste Allgemeine Verunsicherung - Neue Helden braucht das Land
    „Weil ich für ein Seil zu gei­zig bin, häng ich mich am Gartenschlauch“ (Rabatt, Rabatt)
     
    „Hurra, hur­ra, die EAV ist wie­der da“, so begann 1994 das Album „Nie wie­der Kunst“, und bei­na­he sah es so aus, als dürf­te man sich nie wie­der dar­auf freu­en. Seit „Frauenluder“ waren die bis dahin weit­ge­hend amü­san­ten Texte und fei­nen Melodien der Verunsicherung einer Pop- und Schlagerästhetik gewi­chen, die in dem schier uner­träg­li­chen „Amore XL“ von 2007 ihren unrühm­li­chen Höhepunkt fand. Dann, 2010, kam „Neue Helden braucht das Land“ mit dem Titel geben­den Lied samt merk­wür­di­gem Video, und die Fachwelt wun­der­te sich: Durfte man tat­säch­lich noch mit einer Rückkehr der EAV, wie man sie einst ken­nen und schät­zen gelernt hat­te, rechnen?

    Fest steht: „Neue Helden braucht das Land“ ist ein völ­lig ande­res Album als noch „Amore XL“. Mit seich­ten Schlagern ist Schluss, auf belang­lo­se Texte hat sich Texter und Komponist Thomas Spitzer dies­mal nicht ein­ge­las­sen. Die EAV hat ihre alte Bissigkeit zurück und holt das nach, was sie jah­re­lang ver­säumt hat. Ein drit­tes Zwirch und Zwabel - das zwei­te war Bimsemann und Roggenkeil von „Frauenluder“ - gibt es nicht, im Gegenteil sprüht das gan­ze Album förm­lich vor Sarkasmus und poli­ti­scher Brisanz. Ein wei­te­rer Textauszug, dies­mal aus dem Stück Toleranz, einem fik­ti­ven Dialog:

    Ich hab auch nix gegen die Chinesen,
    täten’s nicht die Hunderln fressen.
    Stell dir vor, mein klei­ner Waldi
    in am Wok von Garibaldi!

    Auch die rest­li­chen Lieder üben text­lich Kritik an Gesellschaft und Politik und zie­hen neben­bei diver­se Genres durch den Kakao; wäh­rend etwa in Nostradamus, das Rammstein alle Ehre gemacht hät­te, die Pius-Bruderschaft scharf kri­ti­siert wird, macht sich die Band in dem schlich­ten Elektropopstück Bitte Bier, das sei­nen wie­der­keh­ren­den Refrain als Titel trägt, über trink­freu­di­ge Mallorca-Touristen lustig, gleich­sam als Antwort auf das nicht unbe­kann­te Coverlied Pump ab das Bier, das, sti­li­stisch ähn­lich, seit Jahren immer wie­der fälsch­li­cher­wei­se der EAV zuge­schrie­ben wird. Männer brau­chen Tritte ist gar eine Verbeugung vor Roger Cicero, und man fragt sich immer wie­der aufs Neue, wie Sänger Klaus Eberhartinger es schafft, in jedem Lied völ­lig anders zu klin­gen; mei­nes vol­len Respekts kann er sich jeden­falls sicher sein.

    Zwischen all der Misanthropie birgt das Album auch immer wie­der kur­ze Zwischenspiele, die wie für die Bühne geschaf­fen wir­ken, was den Besuch künf­ti­ger EAV-Konzerte durch­aus wie­der ein­la­dend erschei­nen lässt.

    Obendrein gibt es für die­ses Album auch aus­rei­chend Hörproben, so dass die Gefahr, wie noch beim Vorgängeralbum einen wirk­lich bedau­er­li­chen Fehlkauf zu täti­gen, mini­miert wird. Gemeint ist kei­nes­falls die lächer­li­che Schnipselsammlung auf Amazon.de; statt­des­sen gibt es der­zeit (19. Juni 2010) das voll­stän­di­ge Album auf YouTube.com in vol­ler Länge zu hören. Hierfür wie auch für das gesam­te Album: Chapeau, die Herren!

    Deutsch gut, Österreichisch nicht so gut? Wie wäre es dann damit?:

  7. Tocotronic - Schall und Wahn
    „Wer zu viel sel­ber macht, wird schließ­lich dumm (aus­ge­nom­men Selbstbefriedigung)“ (Macht es nicht selbst)
     
    Auch die­sem Album hat­te ich kurz nach sei­nem Erscheinen schon ein paar Zeilen gewid­met, und noch immer hat sich sei­ne Faszination nur wenig abge­nutzt. Ich pro­phe­zei­te noch im Januar: „Ich neh­me an, ‚Schall und Wahn‘ wird in die­sem Jahr eins der weni­gen guten Indierockalben blei­ben“, und bis­lang sieht es so aus, als wür­de die­se Prophezeiung voll erfüllt werden.

    Tja, Tocotronic machen es mir aber auch wahr­lich nicht leicht, sie nicht zu mögen, also las­se ich es und fin­de sie statt­des­sen spit­ze. Dies aller­dings immer­hin schon seit Jahren: Gefielen mir einst die simp­len Rhythmen, Texte und Melodien von Liedern wie Ich möch­te Teil einer Jugendbewegung sein, so konn­ten mich spä­te­stens seit dem die­sem Album vor­an­ge­gan­ge­nen „Kapitulation“ die poe­ti­schen Texte über­zeu­gen; so heißt es etwa in Harmonie ist eine Strategie von eben­die­sem Album:

    Als wir wie­der­um nicht wuss­ten, was zu tun, wohin sich wenden,
    lie­fen wir stun­den­lang umher durch die Alleen, und am Ende
    kamen wir zu einem Fluss, des­sen Lauf uns dort­hin führte,
    wo wir noch nie gewe­sen sind; es schien zumin­dest so.

    Man sieht: Mit Reimen muss man nicht arbei­ten, um Dichtung zu betrei­ben, was ja auch die anson­sten doch recht ande­ren Toten Hosen regel­mä­ßig demon­strie­ren; und genau so geht es auf „Schall und Wahn“ wei­ter. Das bedeu­tet aber kei­nes­falls, dass „Schall und Wahn“ ein­falls­los ist; es ist viel­mehr das „Neue Helden…“ von Tocotronic (hier­zu auch sie­he oben). Die Poesie von „Kapitulation“ und die Belanglosigkeit der Vorgängeralben sind einer juve­ni­len Albernheit gewi­chen, ein­drucks­voll etwa im Lied Bitte oszil­lie­ren Sie:

    Bitte oszil­lie­ren Sie Ping-Pong ohne Hierarchie!
    Bitte oszil­lie­ren Sie, ich bit­te Sie! Genießen Sie!

    Mit Stürmt das Schloss, unver­än­dert mei­nem Lieblingsstück des Albums, hält die Band auch einen veri­ta­blen Nachfolger des über­aus rocki­gen „Kapitulation“-Liedes Sag alles ab, zwar nicht text­lich, aber sti­li­stisch, parat. Auch die übri­gen Lieder sid erwäh­nens­wert: Die Texte vari­ie­ren trotz der über­wie­gen­den, Tocotronic-eige­nen Schlichtheit zwi­schen Nonsens und Nachdenklichem (Im Zweifel für den Zweifel). Ein sehr fei­nes Stück Musik für den, der klu­ge Texte und Indie-Rock mag und auch nichts dage­gen ein­zu­wen­den hat, dass Dirk von Lowtzow die Texte, ähn­lich Mark E. Smith von den unver­wüst­li­chen The Fall, eher dekla­miert als tat­säch­lich singt; denn selbst das klingt um Längen bes­ser als das, was vie­le ande­re so genann­te Rockbands mit ihrem immer­glei­chen beat­les­quen „Harmoniegesang“ zu errei­chen versuchen.

    Ich wie­der­ho­le mich gern: „Schall und Wahn“ ist eins der bis­lang weni­gen guten Indierockalben die­ses Jahres.

    Als Hörprobe kann man, was mich sehr erfreut, auch wei­ter­hin auf die Seite Deezer.com zurück­grei­fen, die nach wie vor das voll­stän­di­ge Album zum unbe­grenz­ten Anhören zur Verfügung stellt. Hierfür einen herz­li­chen Dank an Deezer.com!

    Ach, da ich gera­de Mark E. Smith erwähnte:

  8. The Fall - Your Future Our Clutter
     
    „Your Future Our Clutter“ ist, dies erfährt man vie­ler­orts, das mitt­ler­wei­le 28. Studioalbum der Band The Fall, und noch immer ist es uner­gründ­lich, wofür sie steht. Genreschubladen kann man hier ohne­hin direkt geschlos­sen belas­sen: Von ato­na­lem Noiserock der The Velvet Underground über hin­ge­rotz­ten Punk, Marke Sex Pistols, bis hin zu rhyth­mus­la­sti­gem Indierock (etwa in Chino) hat John Peels erklär­te Lieblingsband jeden nur erdenk­li­chen Einfluss in punc­to hoch­wer­ti­ger Schrammelmusik in ihre Musik auf­ge­nom­men und damit ihrer­seits inzwi­schen 34 Jahre lang ande­re Musikergenerationen beein­flusst. (Sinnloser Fakt am Rande: Sollte es The Fall 2011 noch geben, und dage­gen scheint der­zeit nichts zu spre­chen, so wird es Zeit, das alte Lied 35 Jahre der Toten Hosen wie­der aus­zu­gra­ben; ihr wisst schon, more of the same.)

    Das soll kei­nes­falls bedeu­ten, dass „Your Future Our Clutter“ über­flüs­sig wäre, nur weil man nur wenig neu­es zu sagen hat; nein, jedes Album der Combo klingt frisch und unver­braucht und immer auch ein wenig über­ra­schend. Das Album wird durch­zo­gen von Lo-Fi-Effekten und Mark E. Smiths unver­wech­sel­ba­rem Murmeln, das in eini­gen weni­gen Momenten, etwa dem Titelstück-Duo Y.F.O.C. und O.F.Y.C., in rebel­li­sches Rufen umschlägt, jedoch nie die mit durch­aus hör­ba­rem Akzent vor­ge­tra­ge­nen Texte ver­ständ­lich wer­den lässt, so dass ich hier lei­der, anders, als eigent­lich üblich, auf Zitate ver­zich­ten muss. Aber ist das denn wichtig?

    Wie schon das längst legen­dä­re Album „White Light / White Heat“ der bereits erwähn­ten VU ent­fal­tet „Your Future Our Clutter“ sei­ne destruk­ti­ve Wirkung auch, wenn man die Texte nicht beach­tet. Das Schöne an jahr­zehn­te­lan­ger Beschallung mit har­mo­ni­schen Klängen ist es, dass das Bedrohliche aus Gitarren-Rückkopplungen und gewal­ti­gen Rhythmusteppichen par­tout nicht ver­schwin­det; The Fall haben dem main­stream viel zu ver­dan­ken, und sie geben es seit mehr als drei Jahrzehnten reich­lich zurück. Möge es noch lan­ge so bleiben!

    Und wer sich noch immer nicht viel unter mei­nen - zuge­ge­ben - etwas schwur­be­li­gen Beschreibungen vor­stel­len kann, aber durch­aus nicht abge­neigt ist, mehr über die­se Musik zu erfah­ren, der möge einen Blick auf den fol­gen­den Absatz werfen:

    Als Hörprobe näm­lich steht auch die­ses Album der­zeit voll­stän­dig zur Verfügung, mög­lich macht’s 3voor12.vpro.nl. Nutzt das Angebot weise!

    „Och nee, das ist mir zu lär­mig“, ruft ihr jetzt ent­täuscht, „hast du nichts Harmonischeres in dei­ner Liste?“
    Doch, habe ich:

  9. Kaipa - In the Wake of Evolution
    We are clo­ser to the edge than yester­day“ (In the Wake of Evolution)
     
    Nanu, der Titel des Albums kommt bekannt vor; trägt nicht das zwei­te Album von King Crimson den Namen „In the Wake of Poseidon“? Und dann die­ser Textauszug; Yes‘ gran­dio­ses Close To The Edge ist zwar schon ein paar Jahrzehnte her, aber hat man es nicht auch schon mal gehört? Ist das Zufall?

    Kurz gesagt: Nein, kei­nes­falls. Kaipa ist, dies deu­tet das an Transatlantic oder auch Eloy erin­nern­de Coverbild bereits an, eine Progressive-Rock-Band, die erst­mals 1974, also noch zur Hochzeit des Progressive Rock, gegrün­det wur­de und zu deren Mitgliedern im Laufe der Jahrzehnte unter ande­rem Roine Stolt (u.a. The Flower Kings, The Tangent, Transatlantic) und Jonas Reingold (u.a. The Flower Kings, The Tangent) ange­hör­ten, was schon unge­fähr zeigt, in wel­che Richtung die Reise geht:

    Auf „In the Wake of Evolution“ ist soli­der Retro-Prog im Stil von Yes, Ritual, RPWL und, trotz des Ausstiegs von Roine Stolt, immer wie­der auch der Flower Kings zu hören. Drei Stücke über­schrei­ten die „magi­sche“ 10-Minuten-Grenze, eines geht sogar über 17 Minuten hin­aus; die län­ge­re Spieldauer führt aber nie­mals zu über­flüs­si­gen Längen. Der Gesang von Patrick Lundström und Aleena Gibson erin­nert mal, etwa im Titelstück, an den har­mo­ni­schen Neo-Prog von Transatlantic, mal an Yes, all dies wird ver­ziert von den ver­däch­tig nach Genesis klin­gen­den Keyboards von Bandgründer Hans Lundin, Jonas Reingolds längst eta­blier­tem, druck­vol­lem Bassspiel und flir­ren­den Gitarren, mit­un­ter auch von Violine und Flöte beglei­tet, was ein wenig an die ersten Alben von King Crimson erin­nert. (Und schon schließt sich der müh­sam geöff­ne­te Kreis; tadah!)

    Das längst ange­kün­dig­te näch­ste Studioalbum von Yes lässt noch immer auf sich war­ten. Wer es - wie ich - fie­bernd erwar­tet, dem sei als Übergang „In the Wake of Evolution“ nahe gelegt. Und natür­lich auch alle ande­ren Alben von Kaipa, einer Band, die mei­nes Erachtens viel zu wenig Beachtung fin­det, wenn es um Musik die­ser Art geht.

    Als Hörproben emp­feh­le ich zunächst die übli­chen Ausschnitte auf Amazon.de. Wem das nicht genügt, der kann sich auf dem MySpace-Profil der Band wei­te­re Eindrücke ver­schaf­fen und etwa das Titelstück auch auf YouTube.com hören.

    Auch fünf Buchstaben wie „Kaipa“ hat übri­gens der Name der fol­gen­den Musikgruppe, und er beginnt fol­ge­rich­tig mit einem „L“:

  10. Lapko - A New Bohemia
    „I asked for not­hing more than a litt­le time“ (I Don’t Even Kill)
     
    Schon als ich die­ses Album zum ersten Mal hör­te, dach­te ich spon­tan: Ein soli­des Rockfundament mit viel Rhythmus, pri­ma Musik, bis der schreck­lich nölen­de Gesang ein­setzt; ah, Placebo. Und tat­säch­lich ist die­se Parallele, wenn man dem Internet in sei­ner schier unend­li­chen Weisheit trau­en darf, nicht nur mir auf­ge­fal­len; so schreibt man etwa auf motor.de:

    Bereits auf ihren drei Vorgängern konn­ten Lapko mit ihrem unkon­ven­tio­nel­len Mix aus Metal - und New Wave-Elementen über­zeu­gen. Der wuch­ti­ge und teils epi­sche Grundsound der Band steht im kras­sen Gegensatz zur fast schon femi­ni­nen Stimme von Sänger Malja. Dennoch ver­mag sein Organ sich per­fekt in den Sound ein­zu­bin­den, ohne die Musik zu split­ten. Vergleiche mit Mew, oder auch Placebo lie­gen schnell auf der Hand.

    Was also macht die­ses Album so emp­feh­lens­wert, wenn doch Placebo wahr­lich nicht zu mei­nen (wenn­gleich indes zu sei­nen) Favoriten zählt? Nun, die Mischung macht’s.

    Lieder wie etwa I Shot The Sheriff haben durch­aus Ohrwurmqualität, und auch wenn die Texte ein wenig an M.O.P.A. (sie­he erneut oben) erin­nern, so wird man von „A New Bohemia“ den­noch nicht depri­miert, son­dern, im Gegenteil, eini­ger­ma­ßen fröh­lich gestimmt. Schon das Lied King & Queen, wenn ich mich mal so aus­drücken darf, geht ziem­lich ab, dar­an ändern auch die stän­di­gen, dann doch irgend­wie auf­fäl­li­gen Britpop-„ohou“-Passagen nichts. (Und über­haupt, der Text mal wie­der: „If I could be an ani­mal, you should be a zoo“ - fantastisch.)

    Wenn schon Placebo, dann doch bit­te wenig­stens so!

    Hörproben gibt es unter ande­rem auf Amazon.de.

    Was fehlt denn bis­her in der Liste? Ach ja: Gitarrenwände, instru­men­ta­ler Postrock und alles, was damit zu tun hat.

  11. nice nice - Extra Wow
     
    Das Duo Jason Buehler und Mark Shirazi, kurz nice nice, des­sen Debütalbum (eben „Extra Wow“) im April d.J. erschien, gilt noch immer als Geheimtipp, und das ist eigent­lich scha­de, denn die Musik, die es macht, ist durch­aus hörenswert:

    Ich höre Shoegazing, Spacerock, Psychedelic Rock, Noise-Rock und immer wie­der auch Math-Rock durch­blit­zen, all dies nie über­la­den wir­kend und all­zu pom­pös auf­ge­bla­sen, son­dern fein säu­ber­lich auf­ge­teilt und neben­ein­an­der. Der Verzicht auf Gesang erspart dem Hörer jede Ablenkung.

    Anderswo ver­gleicht man nice nice mit Brian Eno, der unter ande­rem der beste Grund ist, um sich etwa mit man­chen Alben der anson­sten doch recht schwül­sti­gen Roxy Music anzu­freun­den, und liegt damit zwar nicht ver­kehrt, ver­all­ge­mei­nert die Musik des Duos aber unnö­ti­ger­wei­se, denn sie bie­tet weit­aus mehr als nur zusam­men­ko­pier­te Ideen. Musik nicht nur für das Herz, son­dern auch für das Tanzbein, das dann auch flei­ßig geschwun­gen wer­den will und sich bei Bedarf auch selbst schwingt, sofern kei­ne Aktion des an ihm hän­gen­den Konsumenten erfolgt.

    Und wer mit­tan­zen, aber noch nicht drauf­los­kau­fen möch­te, dem emp­feh­le ich das mit Hörproben gespick­te MySpace-Profil von nice nice. Nice, nice, wie der Franzose sagt.
    (Das Wortspiel konn­te ich nicht unge­macht las­sen. Es war ein­fach zu ein­la­dend. Verzeiht!)

    Die soeben getä­tig­te Erwähnung eines Franzosen lässt mich geschickt über­lei­ten zu Wörtern aus noch abstru­se­ren Sprachen, näm­lich dem Namen fol­gen­der Combo:

  12. Hamadryad - Intrusion
    „Suspicion inclu­ded in every que­sti­on“ (In My Country)
     
    Von Hamadryad hat­te ich, eben­so wie übri­gens die deutsch­spra­chi­ge Wikipedia, vor dem Erscheinen des Albums „Intrusion“ noch nie gehört; den unver­wüst­li­chen Babyblauen Seiten ist es zu ver­dan­ken, dass ich, von ihnen über die Existenz die­ser Band aus Kanada infor­miert, mich mit den Hintergründen deren Namens beschäf­tigt habe und euch, lie­be Leser, neben­bei auch ein wenig Kultur abseits guter Musik prä­sen­tie­ren kann:

    Die Hamadryaden sind in der grie­chi­schen Mythologie die acht Töchter des ein­äu­gi­gen Waldgeistes Oxylos und der Hamadryas. Sie alle sind Dryaden, also Nymphen, und leben jeweils in einem Baum, u.a. dem Walnussbaum. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Hamadryade eben­falls stirbt, wenn ihr Hausbaum dies tut; letzt­end­lich also davon, dass alle acht Hamadryaden schon ein paar Jahre das Zeitliche geseg­net haben dürf­ten, was neben­bei hübsch demon­striert, dass die grie­chi­sche Mythologie fast so albern ist wie die Bibel. Ihr seht: Es lohnt sich, Altgriechisch zu ler­nen. Man hat immer wie­der etwas zu lachen.

    Zurück zur Musik: Das hier behan­del­te Album von Hamadryad klingt zum Glück nicht nach alten, knar­zen­den Bäumen, son­dern im Gegenteil frisch wie ein Morgen im Frühling in einem jun­gen Laubwald. Mit der Schublade „Retro-Prog“ wür­de man Hamadryad Unrecht tun, auch, wenn in In My Country der der­zei­ti­ge Yes-Ersatzsänger Benoît David Frontmann J-Phil Major tat­kräf­tig unter­stützt, denn „retro“ (lat. „zurück“, apro­pos Kultur) klingt „Intrusion“ nur strecken­wei­se. Es über­wiegt ein ener­gie­rei­cher Progressive Rock mit Anleihen aus Neo-Prog (Marillion immer­hin nicht) und den metal­ähn­li­chen Klängen von etwa Tool (ein­drucks­voll und mich sprach­los hin­ter­las­send ist etwa der Fünfminüter Lost).

    Klar, hier und da schau­en Genesis-Keyboards und Yes-Bass um die Ecke und win­ken freund­lich, aber sie blei­ben nicht lan­ge, behal­ten ihren Mantel an und sind meist schnell wie­der weg. Keyboard- und bass­la­stig ist es den­noch, was auf „Intrusion“ mein Ohr erfreut, und somit genau so, wie es mir gefällt; nicht ein­mal die viel zitier­ten Spock’s Beard wuss­ten mir jemals der­ar­ti­ge Freude zu bereiten.

    Und da ich gera­de den Gesang erwähn­te: Er bleibt weit­ge­hend auf kur­ze Passagen beschränkt, mit Ausnahme weni­ger Stücke wie Here and Now, und klingt trotz des Gastsängers nicht nach Yes, Genesis und den ande­ren übli­cher­wei­se Genannten, son­dern teils nach High Wheel, die ich eigent­lich auch mal wie­der häu­fi­ger erwäh­nen soll­te, teils nach den Flower Kings, meist aber wie­der­um ganz anders (unter ande­rem gewürzt mit einer Prise Jon Bon Jovi, wenn mich mein spä­te­stens seit dem gru­se­li­gen „Eurovision Song Contest“ arg gebeu­tel­tes Gehör nicht all­zu sehr täuscht), stets ange­mes­sen, nie über­trie­ben thea­tra­lisch. Kurz gesagt: Der Gesang ist eins der wesent­li­chen Erkennungsmerkmale von Hamadryad, und das kann man heut­zu­ta­ge lei­der nicht mehr oft atte­stie­ren. Sollte also eines der Mitglieder der Band die­sen Text hier jemals lesen: Ich gra­tu­lie­re zu eurem Sänger. Gut gemacht!

    Ein Fazit zu „Intrusion“ ist schwer­lich zu zie­hen, und ich freue mich gera­de dar­über, dass ich die­sen Text hier aus Eigeninteresse schrei­be und nicht etwa für ein Magazin, das mich dafür bezahlt, sonst müss­te ich mir nun womög­lich eines aus­den­ken und säße auf der Straße bei den drei Chinesen; und ich kann doch gar nicht Kontrabass spie­len, geschwei­ge denn Chinesisch! So aber genügt es mir, zusam­men­fas­send Thomas Kohlruß von den Babyblauen Seiten zu zitieren:

    Teils hard­rocki­gen, teils jazz­rocki­gen, teils sym­pho­nisch ange­hauch­ten Retroprog bie­ten uns Hamadryad auf „Intrusion“ an. Dabei steht „Retro“ nur dafür, dass hier klas­si­sche Motive des Progressive Rock, wie wir­be­li­ge Keyboards, flir­ren­de Synthie-Solos, kraft­vol­les Gitarrenriffing, far­bi­ge, ver­track­te Arrangements, bol­lern­der Bass und vita­les Drumming, ver­ar­bei­tet wer­den. Instrumental sind Hamadryad immer noch eine Klasse für sich, wenn sie erst­mal die Fesseln abstrei­fen und ordent­lich loslegen.

    Und in wem ich jetzt das durch­aus gebo­te­ne Interesse an die­sem Album wecken konn­te, dem ich mit Vergnügen den Stempel „bestes Progressive-Rock-Album des gan­zen ver­damm­ten Jahres“ auf­drücken wür­de, wären da nicht die rest­li­chen Monate noch abzu­kas­pern, den las­se ich selbst­ver­ständ­lich nicht blind gegen die nächst­be­ste Laterne ren­nen, son­dern ver­wei­se auf die Hörproben, die das MySpace-Profil der Band zieren.

    Aber schal­ten wir doch nun erst ein­mal einen Gang zurück:

  13. Tindersticks - Falling Down A Mountain
    „It’s the wine that makes me sad, not the love I never had“ (Factory Girls)
     
    „Die Tindersticks sind wie­der da“, so oder so ähn­lich klang so man­che Schlagzeile ange­sichts der Veröffentlichung des Albums „Falling Down A Mountain“. Allzu selbst­ver­ständ­lich war es nicht, dass die­ses Album jemals erschei­nen wür­de, waren die Tindersticks doch bereits mit dem Vorgängeralbum „The Hungry Saw“ vom Sextett zum Trio geschrumpft.

    Und „wie­der da“ ist so auch nicht zutref­fend. Ähnlich wie Sigur Rós sich in den letz­ten Jahren zu einer bei­na­he fröh­li­chen Popband ent­wickel­ten, so unter­zo­gen sich auch die Tindersticks einer Metamorphose. Geblieben ist der immer etwas weh­lei­dig klin­gen­de, zer­brech­li­che Gesang von Stuart A. Staples, der mit­un­ter dem eigent­lich als unver­gleich­bar gel­ten­den Leonard Cohen nicht unähn­lich ist, die Lieder selbst jedoch haben sich gewandelt.

    Vorbei ist es mit dem düste­ren Dark Wave, der noch auf „The Hungry Saw“ vor­herrsch­te und an man­chen Tagen auch einem fröh­li­chen Menschen mal so rich­tig die Stimmung ver­sau­en konn­te, zwar noch nicht, unter ande­rem das Lied Factory Girls wahrt die Tradition, aber bereits das eröff­nen­de Titelstück zeigt, was den Hörer erwar­tet. Los geht’s mit Bläsern und einem Jazz-Rhythmus von Schlagzeug und Bass, bis mehr­stim­mi­ger Gesang - kennt man von den Tindersticks bis­lang auch nicht unbe­dingt - ein­setzt. Über ins­ge­samt sechs Minuten ent­wickelt sich eine sur­rea­le Stimmung, bis die Psychedelik plötz­lich endet und das Lied lang­sam abschwellt, nur noch von Gesang, Gitarre und Schlagzeug getra­gen. Andere Stücke wie etwa Harmony Around My Table und No Place So Alone zol­len dem Shuffle-Blues und der Soulmusik Tribut, in erste­rem Fall gar stil­echt mit fröh­li­chen Hintergrundchören und „lalala“-Gesang, gleich­sam das Gobbledigook der Tindersticks. Was immer man von die­ser Band erwar­tet hat­te: Man wird über­rascht sein.

    Natürlich geht es bei den Tindersticks nicht ohne sexu­el­le Anspielungen, sie­he etwa Rented Rooms vom Album „Curtains“:

    We tried a drin­king bar, it gets so very hard,
    and when the cab ride gets too long, we go fuck in the bathroom.

    So gese­hen ist es sicher kein Zufall, dass das Lied She rode me down („Sie ritt mich nie­der“) mit den wie­der­hol­ten Worten „She rode me“ endet, zwin­ker, zwin­ker; Details wie die­ses machen die Faszination der Texte der Tindersticks indes erst aus, wie ich mei­ne. Fast möch­te ich (wie­der ein­mal) schrei­ben: Hihi.

    Genug der schnö­den Worte! Als Hörproben gibt es auf Amazon.de die übli­chen blö­den 30-Sekunden-Häppchen, auf YouTube.com ist indes der­zeit das voll­stän­di­ge Album anzu­hö­ren, so lan­ge die Plattenfirma nichts dage­gen unter­nimmt, also hof­fent­lich noch lan­ge. (Nota bene: Ich kann der gesell­schaft­lich akzep­tier­ten Schwarzkopie via YouTube nicht viel abge­win­nen, so lan­ge die Nutzung von Tauschbörsen bei­na­he mit min­de­stens Kinderschändung auf eine Stufe gestellt wird; aber dar­um soll’s hier aus­nahms­wei­se ein­mal nicht gehen.)

    Und nach­dem wir uns nun die­se klei­ne Verschnaufpause gegönnt haben, kön­nen wir wie­der ein wenig gitar­ren­la­sti­gen Rock ver­tra­gen, und er kommt wie bestellt:

  14. The Black Box Revelation - Silver Threats
    „Madness frea­king out“ (Where Has All This Mess Begun)
     
    Woran denkt man zuerst, wenn man „Garagenrock“ liest? An MC5, viel­leicht auch The Strokes?
    Nun, The Black Box Revelation ist ein bel­gi­sches Duo, das genau die­se Musik macht, und der ein­zi­ge Einfluss, der mir spon­tan auf­fiel, war der Mando-Diao-ähn­li­che Gesang, was weni­ger einen Widerspruch dar­stellt, als dies zunächst erschei­nen mag. Als die Rolling Stones mit der­lei Klängen expe­ri­men­tier­ten, nann­te man sie noch Bluesrock. Aber ist das noch zeitgemäß?

    Während der Aufnahmen für ihr zwei­tes Album arbei­te­ten die bei­den Männer, bei­de erst um die 20 Jahre alt, mit Ray Davies von den längst legen­dä­ren Kinks zusam­men, und auch, wenn die­ser nicht selbst auf dem Album zu hören ist, so ist dies doch offen­sicht­lich mehr als nur eine Zweckgemeinschaft gewe­sen; Anonymus „Klaus“ schreibt zum Beispiel auf Persona-Non-Grata.de:

    (…) ordent­lich abge­han­ge­ne Bluesriffs, genu­schel­ter Gesang mit fast schon arro­gant grö­ßen­wahn­sin­ni­gem Unterton, eher Black Keys als White Stripes, mehr Kinks als Zeppelin, obwohl die Ausflüge ins psy­che­de­li­sche gegen Ende dann doch an Ausmaßen erheb­lich zuneh­men und in dem fast schon youngesken Feedbackgewitter „Here Comes The Kick“ mit neun Minuten Länge gipfeln.

    Der Vergleich mit Neil Young zu des­sen besten Zeiten ist so weit nicht ein­mal her­ge­holt, tat­säch­lich geht Here Comes The Kick ordent­lich zur Sache, aber zum Glück mit Gesang, der dann doch eher an Jack White erin­nert. (Und dann auch immer wie­der: The Velvet Underground. Lo-Fi, dröh­nen­de Gitarren, ein Schlagzeug, das qua­si als ver­stärk­tes Metronom funk­tio­niert, und die­ser merk­wür­di­ge Rhythmus, der ohne bewuss­tes Zutun den Kopf des Hörers bewegt; das hat bei mir zuletzt bei Nihiling funk­tio­niert, die aller­dings wie­der­um ganz ande­re Musik machen.)

    Ich sage: Zum Teufel mit den ewi­gen Etiketten, ent­schei­dend ist, dass es gefällt, und das tut es in der Tat.
    Hörproben gibt es, außer natür­lich auf Amazon.de, auch auf dem MySpace-Profil der Band; zwar nicht Here Comes The Kick, aber eini­ge ande­re Lieder. Und so bleibt immer­hin auch noch etwas, was zum Kauf des Albums ein­lädt. Wer also noch nach einem Kaufgrund gesucht hat: Da ist er. Bittesehr!

    Bleiben wir, Etikettierung hin oder her, nun ein­mal im Rockgenre und sei­nen zahl­rei­chen Subgenres und star­ren begie­rig auf fol­gen­des Album:

  15. Liars - Sisterworld
    „Stand in the street with a gun, and then kill ‚em all!“ (Scarecrows on a Killer Slant)
     
    Apropos The Velvet Underground: In den 60-er Jahren war die­se Band ja dafür bekannt, als Antagonisten der Hippiekultur die dunk­len Seiten New Yorks anzu­pran­gern, eben Drogen, Gewalt und sexu­el­le Umtriebe. Seit die­ser Zeit hat sich offen­bar erwar­tungs­ge­mäß nur wenig getan in den VSvA, und so kann über 40 Jahre spä­ter die aus Los Angeles stam­men­de Musikgruppe Liars eine „Sisterworld“, eine „Schwesterwelt“ also, inmit­ten ihrer Heimatstadt doku­men­tie­ren, die auch wei­ter­hin ein Biotop für Aussteiger aus der Gesellschaft darstellt.

    Der Pressetext liest sich aus­zugs­wei­se folgendermaßen:

    „Sisterworld“ ist ein ganz eige­nes Liars-Album, ohne hör­ba­re Einflüsse und sehr weit weg von den oft fal­schen Versprechungen und zer­bro­che­nen Träumen von Los Angeles. Auf „Sisterworld“ unter­sucht Liars die Undergroundkultur zu erkun­den, die sich in der Stadt gebil­det hat um dem Verlust der eige­nen Identität in der ober­fläch­li­chen Gesellschaft von Los Angeles ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die Band erklärt dazu, „Uns inter­es­sie­ren die alter­na­ti­ven Lebensräume die sich die Leute in Los Angeles auf­ge­baut haben um ihre eige­ne Identität in die­ser Stadt zu wah­ren. Lebensräume, in denen Outcasts und Einzelgänger eine ver­dreh­te Beziehung zum Rest der Gesellschaft führen.“

    Musikalisch auch hier: Kraftvoller Garagenrock, pum­pen­der Bass, trei­ben­des Schlagzeug. Mitunter fällt Nick Cave ein. Man brau­che, so Frontmann Angus Andrew im Interview mit Chartattack.com, eine gesun­de Portion Realismus‘, um das Leben in die­ser Stadt zu ertra­gen, und das spie­gelt sich auch in den Texten wieder.

    Als Hörproben gibt es auf dem MySpace-Profil des Trios der­zeit unter ande­rem das Lied Too Much, Too Much sowie diver­se Remixe ande­rer Lieder zu hören.

    Zum Abschluss des ersten Teils noch mal ein etwas hei­te­re­res Album, das erst seit kur­zem mein Inventar bereichert:

  16. Argos - Circles
    „Nothing here is qui­te like anything you know“ (Willow Wind)
     
    Das ging schnell: War im Dezember noch das selbst­be­ti­tel­te Debütalbum der Mainzer Formation Argos Objekt mei­ner Begierde, so war zu die­sem Zeitpunkt das Nachfolgealbum „Circles“ bereits in der Entstehung begrif­fen, und es fand eine posi­ti­ve Entwicklung statt.

    Gitarrist Rico Florczak, auf „Argos“ noch Gastmusiker, ist nun­mehr ein festes Bandmitglied und drückt „Circles“ sei­nen Stempel auf. War erste­res noch von Caravan und The Tangent beein­flusst, so ist der Canterbury Sound auf „Circles“ einem sym­pho­ni­schen Progressive/Art Rock gewi­chen, wie ihn etwa die Flower Kings prak­ti­zie­ren. Und auch der Gesang, auf dem Debüt noch Anlass für vie­ler­lei Kritik, ist druck­vol­ler und empa­thi­scher gewor­den, mit­un­ter Peter Hammill nicht unähnlich.

    Ansonsten: Jazzrock, Yes (kommt außer mir noch jeman­dem der Titel Total Mess Retail bekannt vor?), mit­un­ter auf Deutsch ein­ge­spro­che­ne Erich-Kästner-Zitate als wie­der­keh­ren­des Motiv (drum „Circles“).

    Musikreviews.de zieht zudem Eloy, Jadis und IQ als Vergleich her­an, ver­gisst aber immer­hin nicht, zu erwäh­nen, dass das, was Argos auf Tonträger ban­nen, mit nur sel­ten gehör­ter Eigenständigkeit daherkommt.

    Mit ihrem zwei­ten Album hat Argos sich frei­ge­spielt. Geblieben sind der Humor in Texten und Liedtiteln sowie die Verehrung vor den Helden der 70-er Jahre, Geschichte aber ist die Unsicherheit, wohin die Reise gehen soll. Das bereits ange­kün­dig­te drit­te Album wird zei­gen, ob sie ihrem eige­nen Anspruch genü­gen kön­nen; nach mehr­ma­li­gem Genuss des bis­he­ri­gen Œuvres jeden­falls bin ich zuversichtlich.

    Hörproben: Auszüge aus bei­den bis­her ver­öf­fent­lich­ten Alben hat die Band auf ihrem MySpace-Profil (für Liebhaber von Details: auch ein recht amü­san­ter MySpace-Profilname übri­gens) ver­öf­fent­licht. Feines Album!

Nachdem ich nun euren Geldbeutel geschän­det habe, gön­ne ich ihm ein wenig Erholung und stel­le drei digi­tal erhält­li­che Gratistonträger vor:

Teil 2: Gratis ist zu teuer!

  1. Futile - 7 Nightmares
     
    Ganz und gar nicht Futile, also zweck­los, ist die­ses kur­ze Album. 7 Lieder (oder doch Albträume?) lang Alternative-Progressive-Rock-Metal-Musik mit Tool-Remineszenzen aus der Südpfalz.
    Ich hat­te das Album hier schon kurz rezen­siert bzw. eben rezen­sie­ren las­sen und ver­wei­se daher nur auf dort.

    Bezugsquellen: Herunterladen kann man das schö­ne Stück Musik via eMule und auf der eigens dafür ein­ge­rich­te­ten Internetseite. Wer das MP3-Format nicht son­der­lich schätzt oder auch ein­fach nur gern gute Musik finan­zi­ell sub­ven­tio­niert, der kann für zehn Euro eine CD-Version erwerben.

  2. Her Name Is Calla - Long Grass (EP)
     
    Her Name Is Calla, 2009 mit dem pri­ma Album „Heritage“ bereits Anlass für zahl­rei­che melan­cho­li­sche Stunden, leg­te Anfang 2010 mit dem „Long Grass“-EP drei kur­ze Stücke in der gewohn­ten Stimmung nach.

    Peter schrieb im März hierzu:

    Fröhlich ist ein­fach, Melancholie um vie­les schwie­ri­ger. Zu beschrei­ben, zu besin­gen, zu ver­to­nen. Einfach ist doof, ver­kom­pli­zier­te Seelenzustände, tra­gi­sche Gegebenheiten, Glück und Trauer machen das Leben nicht leich­ter, aber bestim­men unse­rer täg­li­ches Sein. (…) Die ele­gi­schen Soundlandschaften, die sich über uns aus­brei­ten, machen sturz­be­sof­fen vor Glück.

    Bezugsquellen: Schade, dass es die CD in der Holzkiste nicht mehr zu kau­fen gibt. Auf Vinyl und als ein­fa­che CD ist „Long Grass“ aber, eben­so wie „Heritage“, noch immer erhält­lich. Beide Tonträger kann man auch auf der Internetseite von Her Name Is Calla voll­stän­dig anhö­ren, wo es auch eine .zip-Version zum Herunterladen gibt. eMule-Freunde wer­den hier fündig.

  3. All You’ve Seen - Mahali
     
    Kurzmeldung zum Dritten: All You’ve Seen ist ein Postrock-Trio bzw. inzwi­schen wahr­schein­lich -Quartett aus der Schweiz, das welt­weit einen posi­ti­ven Eindruck hinterließ.

    Was auf dem Album erklingt: Wunderbar unauf­dring­li­cher instru­men­ta­ler Postrock, der meist behä­big dahin­plät­schert, aber auch mal so rich­tig los­bret­tern kann. THE GLASS FOREST publi­zier­te:

    Was bei AYS defi­ni­tiv neu ist, sind die medi­ta­ti­ven Passagen in den Songs, hier haben wir zum Beispiel bei Lhasa einen mono-ähn­li­chen Aufbau, der einen gleich­zei­tig in Sicherheit zu wie­gen scheint und trotz­dem die Spannung bis zum Äussersten auf­bläst. Bis die Spannungsblase platzt und der Ausbruch den Hörer erneut paralysiert.

    Sehr über­zeu­gend und emp­feh­lens­wert, trotz Schweiz.

    Bezugsquellen: Reinhören kann man auf dem MySpace-Profil der Band, frei her­un­ter­zu­la­den ist „Mahali“ zum Beispiel eben­falls dort (der Verweis befin­det sich in der lin­ken Spalte) und natür­lich auch via eMule.

So viel dann zu dem, was man hören soll­te. Kommen wir zu dem, was man lie­ber nur hören soll­te, wenn gera­de unlieb­sa­me Personen anwe­send sind, wie üblich in der gebo­te­nen Kurzform, weil jedes wei­te­re Wort eines zu viel wäre:

Teil 3: Musik für den Erzfeind.

Diesmal haben es nur zwei Alben geschafft, mich aus­rei­chend zu lang­wei­len, um hier auf der Liste zu erschei­nen. Ich hof­fe, es ist nur das Sommerloch, das die Schuld dar­an trägt. Liebe Musikindustrie: Bis Jahresende brau­che ich mehr Schrott. Das schafft ihr doch, oder?

  1. Gorillaz - Plastic Beach
    Trotz Lou Reed: Gähn.
  2. Die Fantastischen Vier - Für dich immer noch Fanta Sie
    So ungern ich das auch über ein Album der Fantastischen Vier schrei­be: Nein, Sir, gefällt mir nicht.

Es ist eigent­lich erstaun­lich: Jedes Jahr, das auf 5 oder 0 endet, bie­tet ein eben­sol­ches „run­des“ oder „halb­run­des“ Jubiläum in der Rock- und Popgeschichte seit etwa Mitte der 60-er Jahre. Das ist schön, denn so kann ich auch in die­sem Jahr wie­der die Tradition der Retrospektive pfle­gen. Werte Leser, ich prä­sen­tie­re abschlie­ßend zum wie­der­hol­ten Mal 40 Jahre Rockgeschichte im Schnelldurchlauf.

Teil 4: Retrospektive 1970 bis 2010.

  • Vor 40 Jahren:
    Drosselbart - Drosselbart
    1970 war ein schwie­ri­ges Jahr für die Rockmusik. Paul McCartney löste die Beatles auf und kam damit John Lennon zuvor, The Velvet Underground ver­lo­ren Lou Reed und bäum­ten sich mit dem immer­hin als Rockalbum immer noch soli­den „Loaded“ ein letz­tes Mal auf, bevor Doug Yule noch für drei wei­te­re Jahre unter die­sem Bandnamen tour­te und mit­tel­mä­ßi­gen Poprock dar­bot, und in Deutschland begann der­weil die Welle an deutsch­spra­chi­gem „Krautrock“ zu erblü­hen, lan­ge, bevor die „Neue Deutsche Welle“, die sich aus­ge­rech­net aus ihr ent­wickel­te, zwei Jahrzehnte Rockmusik ein­fach über den Haufen feg­te und in Plastik zu kon­ser­vie­ren vor­gab. Drosselbart war einer der Protagonisten des Proto-Krautrocks, die Mitglieder fand man spä­ter unter ande­rem in Udo Lindenbergs Panikorchester wie­der, Sängerin Jemima wech­sel­te an die Oper. Was bleibt, ist ein Album mit arg christ­li­chen Texten, das rein musi­ka­lisch doch ähn­lich dem war, was spä­ter die auf­kom­men­den Politrockbands prä­gen soll­te und etwa auch bei Novalis zu fin­den war, näm­lich folk­rock-inspi­rier­te Gitarrenmelodien und ein aggres­siv dekla­mie­ren­der Gesangsstil, vom Sopran der Sängerin ein­mal abge­se­hen. Drosselbart räum­ten her­nach die Bühne, es bleibt ihnen jedoch der Ruhm, zu den Pionieren des noch jun­gen Deutschrocks zu gehören.
  • Vor 35 Jahren:
    Led Zeppelin - Physical Graffiti
    Bereits mit­ten in den 70-er Jahren befand sich die Musikwelt schon wie­der im Umbruch. (Da war was los in dem Jahrzehnt.) Der Progressive Rock hat­te mit Yes und Genesis sei­ne Idole längst gefun­den, von Punk und Discomania war, außer in weni­gen, weit­hin unbe­kann­ten Alben wie etwa „Take It Or Leave It“ von Zzebra, noch nichts zu spü­ren. Kaipa ver­öf­fent­lich­ten ihr Debütalbum, die Progressive-Rock-Welt schien heil und unzer­brech­lich. Was in ande­ren Rückschauen hin­ge­gen meist über­se­hen wird, ist, dass sich neben der psy­che­de­lisch-ver­schwur­bel­ten Musik, die damals Europa und Nordamerika weit­ge­hend beherrsch­te, längst ein ande­rer Musikstil Gehör ver­schaff­te, nament­lich der Hard Rock, in des­sen Namen Led Zeppelin 1975 ihr sech­stes Album „Physical Graffiti“ - erst­mals ein Doppelalbum - ver­öf­fent­lich­ten. Wenngleich es meist erst nach Alben wie etwa „Four Symbols“ („Led Zeppelin IV“) mit dem furcht­bar ner­vi­gen Stairway To Heaven genannt wird, so war und ist es doch ein wich­ti­ges Album, das unter ande­rem das bekann­te Stück Kashmir ent­hält, an des­sen mar­kan­tem Riff sich spä­ter Puff Daddy für das auch gar nicht mal all­zu üble Come With Me bedien­te. Dennoch bleibt „Physical Graffiti“ bis heu­te sträf­lich unterschätzt.
  • Vor 25 Jahren:
    Die Ärzte - Im Schatten der Ärzte
    Im Jahr 1985, über das es außer mei­ner Geburt nicht viel Positives zu berich­ten gibt, war das bis­lang furcht­bar­ste Jahrzehnt der jün­ge­ren Musikgeschichte noch längst nicht vor­über. Nur weni­ge sei­ner Protagonisten über­leb­ten es, dar­un­ter etwa a-ha, auf deren Album „Hunting High And Low“ in die­sem Jahr unter ande­rem das oft geco­ver­te Take On Me ver­öf­fent­licht wur­de, aber auch die deut­sche Funpunk-Combo Die Ärzte, die mit ihrem zwei­ten regu­lä­ren Album „Im Schatten der Ärzte“ längst zu einer Konstanten in der deut­schen Musiklandschaft gewor­den waren, bekannt auch für ihren eben­falls 1985 ver­öf­fent­lich­ten, furcht­ba­ren Film „Richy Guitar“, in dem auch Nena eine Rolle als Nena bekam, den man den­noch aber nicht unbe­dingt anse­hen soll­te. Wenig spä­ter wur­de Bassist Sahnie wegen per­sön­li­cher Differenzen aus der Band gewor­fen, eine Zeitlang mach­ten Die Ärzte dann als Duo wei­ter und ver­öf­fent­lich­ten unter ande­rem das Album „Die Ärzte“ mit dem indi­zier­ten Klassiker Geschwisterliebe. „Im Schatten der Ärzte“ jeden­falls ist auch in ande­rer Hinsicht ein beson­de­res Album: Erstmals (in Käfer) spiel­te der noch jun­ge Farin Urlaub sei­ne Gitarre ver­zerrt ein; eine Technik, die er bis heu­te gern ein­setzt. Der Rest ist Geschichte.
  • Vor 10 Jahren:
    Morphine - The Night
    Der „Y2K-Fehler“, vor dem Unheilspropheten welt­weit gewarnt hat­ten, blieb wohl weit­ge­hend aus; hier und da scheint er jedoch das Hirn eini­ger selbst ernann­ter „Musikproduzenten“ zu befal­len haben, die seit etwa dem Jahr 2000 ver­mehrt auf die Ausschlachtung alten Musikgutes (auch als „Coverversionen“ bekannt) set­zen. Nur sel­ten drang auch Kunde von neu­er, guter Musik durch die meter­ho­hen Türme an Meldungen über irgend­wel­che kurz­le­bi­gen Popsternchen, etwa von dem Album „Lightbulb Sun“ von Porcupine Tree, das den Auftakt zu einer Reihe an wahr­lich for­mi­da­blen Tonträgern bil­den soll­te. Abgetreten indes ist die Jazzrock-/Low-Rock-Band Morphine, die 1997 das fes­seln­de Album „Like Swimming“ mit ein­ma­li­gen Liedern wie Early To Bed und French Fries w/ Pepper ver­öf­fent­licht hat­te und deren Sänger Mark Sandman im Juli des Vorjahres wäh­rend eines Konzertes einem Herzinfarkt erle­gen war; das Album „The Night“ erschien post­hum. Die Fangemeinde blieb Morphine den­noch treu und hart­näckig, letzt­lich mit Erfolg: Seit 2009 tre­ten zwei der ursprüng­li­chen Mitglieder unter dem Namen Members of Morphine wie­der gemein­sam auf. Was lan­ge währt, wird end­lich gut; die­sen Satz hät­te ich in die­sem Jahrzehnt viel häu­fi­ger ver­wen­den wol­len. Ein hal­bes Jahr hat es noch, das Jahrzehnt. Möge es sich Mühe geben!

Und schon sind wir wie­der am Ende der Liste ange­langt. Jetzt habt ihr wie­der ein hal­bes Jahr Ruhe.
Bis zum Dezember bleibt euch viel Zeit, wie­der ein wenig Geld zu spa­ren, denn dann steht vor­aus­sicht­lich die Rückschau 12/2010 auf dem Programm. Einige Alben, die vor­aus­sicht­lich ein Teil von ihr sein wer­den, die es aber lei­der aus Zeitgründen noch nicht in die­se Liste geschafft haben, habe ich bereits vor­lie­gen; ihr dürft euch also wie­der auf eine prall gefüll­te Wundertüte freu­en, die für jeden etwas bereithält.

Habe ich ein wich­ti­ges Album ver­ges­sen? Weist mich und ande­re Leser in den Kommentaren dar­auf hin; mehr Benutzerinteraktion ist ja immer wünschenswert.
An die­ser Stelle auch ein herz­li­cher Dank an V., ohne die die­ser Beitrag erst im Laufe der kom­men­den Tage erschie­nen wäre; das hast du jetzt davon!

Ich dan­ke anson­sten allen, die es bis hier­hin geschafft haben, für die Geduld und Aufmerksamkeit, und hof­fe, euch alle bald wie­der hier auf die­ser Internetpräsenz begrü­ßen zu dürfen.
Bis die Tage!

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Senfecke:

  1. Uff, schon lan­ge nicht mehr soviel gescrollt. Könntest Du sol­che Berichte nicht auf’s Wochenende legen? Jedenfalls habe ich mir die Seite im G- :evil: -Kalender auf den Samstag notiert Man ist schließ­lich kein Student mehr.

  2. Wie lan­ge haste den an dem Artikel geses­sen? Man scrollt sich ja die Finger wund. Trotzdem sehr lesens­wert . Ätsch übri­gends, ich habe die CD in der Holzkiste ;-)

  3. Didi: Läuft ja nicht weg.
    Peter: Frechheit! :twisted: Ansonsten: Die Textdatei befüll­te ich seit eini­gen Wochen. Die Ausarbeitung dau­er­te etwa drei Tage.

  4. Na ja, bei den kosten­los zu erhal­te­nen Stücken weiß man das nie. Ich zie­he sie mir gera­de rein vor­sorg­lich runter.

  5. Kostenlos erhält­lich ist grund­sätz­lich alles. :D
    Die, die ich hier ver­link­te, ste­hen ja auch nicht erst seit kur­zem im Internet. Aber du hast Recht, Vorsicht ist prima.

    Angenehmes Hören schon mal!

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