FotografiePersönliches
Vom Bord- zum Rinn­stein und zurück: Ein Rei­se­be­richt, ange­for­dert und gelie­fert.

Da man mich so zahl­reich dar­um gebe­ten hat, folgt die ange­droh­te und teil­wei­se kor­ri­gier­te Abschrift mei­ner Rei­se­no­ti­zen mit weni­gen Foto­gra­fien. Wer die Sta­tio­nen, hier mit ihrer Initi­al­ma­jus­kel und dem fol­gen­den Buch­sta­ben abge­kürzt, errät, bekommt ein Fleiß­bi­en­chen.


Vi. bis Ha.:
Auf der Fahrt von Vi. bis Ha. sitzt eine Grup­pe Senio­ren im Abteil, offen­bar auch in dem anlie­gen­den. Zwi­schen dem mei­nen und dem ande­ren wan­deln zwei nicht viel jün­ge­re Frau­en umher und fra­gen die Senio­ren bis­wei­len, ob die­se Inter­es­se an einem wei­te­ren Keks hät­ten. („Wie sieht’s hier aus? Noch’n Keks?“) Kein schö­nes Leben. (Hat eigent­lich schon mal jemand einen Witz über die frän­ki­sche Schweiz und die Namens­ähn­lich­keit zu Schwei­zer Fran­ken gemacht? Falls ja: Mist!) Je näher der Zug Ha. (mit­hin auch Le.) kommt, desto deut­li­cher wird der Dia­lekt des Zug­füh­rers. Immer­hin.

Ha. bis Le.:
Vor mir sitzt ein Mann, der einen Zun­gen­schnalz­tic hat. Nervt nach einer Wei­le. Ich set­ze mei­ne Kopf­hö­rer auf und lau­sche den Klän­gen der Wise Guys. Doo­fe Idee – zu spät höre ich das Klin­geln des Mobil­te­le­fons. Also zurück­schrei­ben, sich viel­mals ent­schul­di­gen, die Kopf­hö­rer abset­zen und auf den erneu­ten Anruf war­ten. Sicher ist sicher.

Le. bis Pl.:
Ich müss­te mich mal umzie­hen, das Sweat­shirt wird all­mäh­lich unge­müt­lich. Aber hier im Abteil? Lie­ber nicht. Die Zug­be­glei­te­rin spricht Hoch­deutsch. Uff! Dafür kann sie sich bei der Fahr­kar­ten­kon­trol­le nicht zwi­schen Frän­kisch und Säch­sisch ent­schei­den. (Vor­her noch mal die Toi­let­te auf­ge­sucht; mit T‑Shirt geht’s mir direkt viel bes­ser.) Ich will einen kur­zen Text, beinhal­tend das Wort „belü­gen“, über das Mobil­te­le­fon ver­schicken, T9 schlägt statt­des­sen „bekuhen“ vor. Schwei­ni­sches Gerät. Aus dem Laut­spre­cher ertönt wie­der eine Stim­me, und mein Magen mel­det sich zu Wort. Schlech­ter Zeit­punkt alle­mal.

Pl. bis Nü.:
Da unten auf dem Fluss pad­deln Men­schen in Pla­stik­ka­nus. Sieht anstren­gend aus. (Argh, ich muss noch mein Mobil­te­le­fon mit Geld bestücken. Aber erst mal Musik. Gera­de läuft Lap­ko: A New Bohe­mia. Komi­sches Album.)

In Nü.:
Nü. hat meh­re­re Tabak- und Lot­to­ge­schäf­te, McDonald’s, Bur­ger King, diver­se wei­te­re Fress­bu­den, aber kei­ne Dro­ge­rie in Sicht­wei­te. Mist­kaff. (Da schlen­dert gera­de jemand an mir vor­bei, starrt auf mein Pira­ten­shirt und kommt mir irgend­wie bekannt vor. Komisch.)

Nü. bis Tr. (kann mir den Orts­na­men bis heu­te nicht mer­ken):
Juhu, die erste Ver­spä­tung auf der Fahrt bis­her! „Die Abfahrt wird sich um unge­fähr fünf Minu­ten ver­zö­gern“, au weia; bei plan­mä­ßi­gen fünf Minu­ten Umstiegs­zeit am Ziel­ort könn­te das Pro­ble­me geben.
Ein Mensch, nur weni­ge Rei­hen vor mir, tele­fo­niert über den Laut­spre­cher sei­nes Mobil­te­le­fons. The­ma: Die Nürn­ber­ger Pro­zes­se. Schön. Ich ver­ste­he nur Gequä­ke. Ah, wir sind da.

Tr. bis Au.:
War­um pala­vert die Bahn erst von fünf Minu­ten Ver­spä­tung und kommt dann eine Minu­te zu früh an? Mein armes Herz. Apro­pos „mein armes“: Der komi­sche neue Zug piept schlim­mer als der Feu­er­alarm zu Hau­se, sobald jemand die Tür öff­net. Also stän­dig. Mein armes Gehör. Gegen­über spie­len sich Dra­men ab. Ein Män­ner­quar­tett fährt schwarz, weil ein Zech­kum­pan betrun­ken die Fahr­kar­te nicht an einem ver­ein­bar­ten Ort hin­ter­legt hat. Einer von hat eine recht impo­san­te Stim­me. Also wie­der Musik an.
Hübsch: Die Bahn zeigt die Aus­stiegs­sei­te mit­tels Pfei­len an. „Wir ver­ab­schie­den uns von allen Fahr­gä­sten, die wo in Au. aus­stei­gen“, allein die­ser Satz ist eine Erwäh­nung wert.


In Au.:

Das Feh­len von Prä­po­si­tio­nen spar­te womög­lich umständ­li­ches Nach­den­ken beim Ent­wer­fen der Hin­weis­ta­feln, aber lädt doch zumin­dest zum Schmun­zeln ein.


Au. bis In.:
Merk­wür­di­ger Kon­trol­leur. Lässt mich mei­nen Fahr­schein unter­schrei­ben und kon­trol­liert ihn weni­ge Minu­ten spä­ter noch mal. Seit­dem sitzt er da und starrt mich an. Angst. Vor oder hin­ter mir quäkt Rihan­nas unver­meid­li­ches „Umbrel­la“ aus Laut­spre­chern, die offen­bar nicht dafür gedacht sind.

In. bis Nü.:
„Ich hab mich von ihm getrennt, aber ich glaub, wir sind wie­der zusam­men, wie’s aus­schaut“, spricht eine Frau vor mir in ihr Mobil­te­le­fon; äh, aha.

In Nü.:
Auf dem Bahn­hof läuft eine alte Frau her­um, fuch­telt mit den Armen und ruft: „Nein, nein, nein, …“. Selt­sam. Habe eine Dro­ge­rie gefun­den, will aber nichts mehr kau­fen. Selbst schuld, wenn sie die ver­stecken.

Nü. bis Li.:
Mäd­chen, die ande­re Mäd­chen mit „Hihihi“ (wie man’s schreibt, nicht etwa tran­skri­biert) begrü­ßen, wir­ken son­der­bar auf mich. Der Zug fährt durch die Stadt, in der ich einst ver­such­te, die Bedeu­tung der Lie­be zu erfah­ren. Memo­ries.
Auch mal hübsch: Die Bahn­steig­durch­sa­ge ver­sagt. Wenn mit­ten im Satz Wör­ter auf­tau­chen, die dort nicht hin­ge­hö­ren („ztrtx“), erweckt das einen inter­es­san­ten Ein­druck.

In Li.:
End­lich raus aus die­sem stin­ken­den Zug mit den manu­ell zu öff­nen­den Türen. Wobei; end­lich mal wie­der bewähr­te Tech­nik. Aber der Geruch!

Li. bis Na.:
Mer­ke: „5 Minu­ten spä­ter“ bedeu­tet „viel­leicht sind wir frü­her da, spä­ter weg oder bei­des, manch­mal auch nichts“. Erst mal Gum­mi­zeug fut­tern. Stress. Drau­ßen hop­pelt ein Hase. (Eine hal­be Stun­de regu­lä­rer „Auf­ent­halt“ ist natür­lich auch nicht mein Fall.) War­um die Hal­te­stel­le Je. Para­dies aus­ge­rech­net Para­dies heißt, weiß wohl auch nur die Schlan­ge in dem­sel­ben. Auf der Saa­le schwimmt ein Schwan. Mist­wet­ter.

In Na.:
Aus 4 Minu­ten Ver­spä­tung sind 6 gewor­den, sprach die Stim­me im Laut­spre­cher kurz zuvor. Ren­nen!

Na. bis Ha.:
Geschafft. Platz suchen. Platz gefun­den, uff. Kin­der­krä­hen. Ich muss aufs Klo, bevor­zugt schall­dicht. (Oder doch wie­der Musik?)

Ha. bis Vi.:
Klo gefun­den, aber ohne­hin kein krä­hen­des Kind mehr in Hör­wei­te.

In Vi.:
Etwa 50 Minu­ten Auf­ent­halt auf einem Bahn­hof sind für mich Stö­ber­freu­di­gen meist ein Grund zur Freu­de; es sei denn, es ist spät­abends an einem Sonn­tag und der Welt­geist fin­det es lustig, mich auf einem „histo­ri­schen“ Bahn­hof in einem furcht­bar lang­wei­li­gen Ort aus­zu­set­zen, der eigent­lich nur sei­ne Archi­tek­tur, sie­he Foto, und ein paar blö­de histo­ri­sche Eisen­bah­nen vor­zu­wei­sen hat. Eigent­lich eine Markt­lücke: Hier einen Kiosk hin­stel­len. Na, viel­leicht spä­ter. (War­um eigent­lich hat mein Schat­ten, von hin­ten betrach­tet, kei­nen Hals?) Und schon wie­der: Memo­ries. Erwä­ge Sprung von der Fuß­gän­ger­brücke, bin aber zu fei­ge.


Einen aus­führ­li­chen Bericht mei­nes eigent­li­chen Auf­ent­halts, der im Wesent­li­chen aus Ent­span­nen, Film­gucken und einem doo­fen Gesichts­aus­druck bestand und somit für Außen­ste­hen­de noch weni­ger inter­es­sant sein dürf­te als die eigent­li­che Zug­fahrt, erspa­re ich euch, lie­be Leser; ich neh­me an, all­zu vie­le Tex­te die­ser Art wir­ken ohne­hin eher ein­schlä­fernd. Herz­lichst ent­schul­di­gen möch­te ich mich bei allen Lesern, die von mir lie­ber die übli­chen sati­ri­schen Ana­ly­sen des Welt­ge­sche­hens lesen wür­den; par­don, spä­ter mehr. Ich hof­fe, die­je­ni­gen, die an die­sem Text inter­es­siert waren, sind nun voll­ends zufrie­den. Falls ja: Gern gesche­hen!

Senfecke:

  1. Jeden­falls wer­de ich ab sofort im Zug sehr auf­merk­sam sein und jeden beob­ach­ten, der mir gegen­über sitzt.
    Wie sieht die­ser „Jemand, der mich ver­blog­gen könn­te“ aus? Genervt, Kopf­hö­rer, sich viel­mals ent­schul­di­gend, Sweat­shirt, nach Toi­let­ten­be­such mit T‑Shirt (Pirat), Herz­pro­ble­me, das Glei­che gilt für’s Gehör, ringt sich ab und zu ein Schmun­zeln ab, ängst­lich, fut­tert Gum­mi­zeug, ist gestresst, mag weder Gerü­che noch Regen, ist inkon­ti­nent, lau­ter Stuhl­gang, sui­zid­ge­fähr­det, vom Leben ange­ödet.
    Ich hät­te Pro­fi­ler wer­den sol­len.

  2. Ach, warst du kei­ner der bekeks­ten Senio­ren? 8O
    (Ja, hät­test du; wär­ste wenig­stens jetzt kein Jurist.)

    (Das war gemein: Ich muss wegen dei­ner Ana­ly­se gera­de gewal­tig lachen. Das stört beim Chat­ten.)

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