KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2010 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 6 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

Kaum dreht man sich kurz um, ist das Jahr schon wie­der vor­bei. Regel­mä­ßi­ge Leser die­ser Sei­te wis­sen, was sie erwar­tet, näm­lich Teil zwei der Rück­schau der unblö­de­sten Musik­al­ben 2010 nebst Rück­blick auf 40 Jah­re Musik­ge­schich­te, womög­lich noch recht­zei­tig für das ein oder ande­re Gewinn­spiel.

Der Final­aus­schei­dung – ich woll­te euch kei­ne Rück­schau auf fünf­zig oder mehr Alben bie­ten, das läse doch kei­ner – fie­len unter ande­rem die Wise Guys zum Opfer, die mit „Klas­sen­fahrt“ zwar ein im Prin­zip nicht übles Album mit dem ziem­li­chen Kra­cher Ham­let ver­öf­fent­licht haben, aber eben doch nur auf hohem Niveau sta­gnie­ren. Wie immer habe ich es lei­der auch nicht immer geschafft, mich aus­rei­chend umfas­send mit eini­gen viel ver­spre­chen­den Wer­ken zu beschäf­ti­gen, unter ande­rem „Spa­ce­trip On A Paper Pla­ne“ von den Saha­ra Sur­fers; ich hof­fe, ihr fin­det den­noch Gefal­len an mei­ner Auswahl.

Los geht es wie­der mit der Hauptliste:

1. Jen­seits der Hypes.

  1. Spock’s Beard – X
    „Try­ing hard to fight the good fight out of the darkness and into the light“ (From The Darkness)

    Ich hät­te nicht gedacht, dass ich das mal schrei­ben wür­de, aber „X“ ist tat­säch­lich end­lich ein Album von Spock’s Beard, das mich nicht über­wie­gend lang­weilt. Mehr als je zuvor agiert die Band auf „X“ in Gefil­den, die bis­her von Beard­fi­sh (The Man Behind The Curtain), Echo­lyn und ähn­li­chen Ver­tre­tern metal­lisch nuan­cier­ten Neo­progs. In The Emperor’s Clothes frö­nen die Her­ren gar trotz Yez­da-Urfa-Remi­nes­zen­zen groß­teils dem Indie-Rock, und wäre da nicht die mar­kan­te Rhyth­mus­ar­beit von Front­mann Nick D’Vir­gi­lio und sei­nem Bass spie­len­den Mitm­nusi­zie­ren­den Dave Meros, wür­de man Spock’s Beard kaum wiedererkennen.

    Immer­hin ist es nun­mehr acht Jah­re her, dass Neal Mor­se Spock’s Beard ver­ließ, um sich der christ­li­chen Erleuch­tung zu wid­men, und mit ihm ging der weich­ge­spül­te Trans­at­lan­tic-Neo­prog sei­ner Wege und nahm offen­kun­dig die Krea­ti­vi­tät mit, und es dau­er­te ein paar Alben, bis sie wie­der im Stu­dio vorbeischaute.

    Wie das mit der Krea­ti­vi­tät dann aus­sah, zeigt zum Bei­spiel das Lied Their Names Escape Me, eins der Bonus­stücke auf der extra­teu­ren Hyper­su­per­de­lu­xe-Aus­ga­be des Albums. Nick D’Vir­gi­lio singt zuerst dar­über, dass er eini­ge Namen nicht ver­ges­sen will:

    In my mind are faces
    In my hands I hold their destiny
    I will pray forgiveness
    If their names escape me

    Es han­delt sich bei den Trä­gern der Gesich­ter um die Namen der Vor­be­stel­ler von „X“. Um dar­an kei­nen Zwei­fel auf­kom­men zu las­sen, folgt den Stro­phen eine Liste eben­je­ner Namen; gesun­gen, ver­steht sich. Und das klingt auch noch prima!

    Ob es die Extra­son­der­spe­zi­al­auf­la­ge im frei­en Han­del zu erwer­ben gibt, konn­te ich lei­der nicht in Erfah­rung brin­gen, aber das Album ist auch ohne Their Names Escape Me auf jeden Fall hörenswert.

    Hör­pro­be:
    Eine Live­dar­bie­tung von From The Darkness, aller­dings mit einem ande­ren Schlag­zeu­ger (gleich­zei­tig Gitar­re und Schlag­zeug geht live nicht all­zu pri­ma), gibt es auf YouTube.com zu sehen.

  2. Zola Jesus – Stri­du­lum (II)
    „Run me out again“ (Run Me Out)

    Mit dem EP „Stri­du­lum“ und ihrem inzwi­schen drit­ten Album „Stri­du­lum II“ hat die 21-jäh­ri­ge Sän­ge­rin Nika Roza Dani­l­o­va unter dem Namen Zola Jesus in die­sem Jahr auf sich auf­merk­sam gemacht. Mit viel Hall und schwer­mü­ti­gen Rif­fen kom­men mir spon­tan Nico und The Raveo­net­tes, bevor sie sich ent­schlos­sen haben, lang­wei­li­gen Mist auf­zu­neh­men, in den Sinn. Einen Ver­gleich mit frü­he­ren Alben habe ich nun lei­der nicht parat, da „Stri­du­lum“ mein erster Kon­takt mit der Künst­le­rin war, aber es näh­me mich Wun­der, wenn das vor­he­ri­ge Œuvre deut­lich abfiele.

    Ja, die unter­hal­tungs­be­dürf­ti­ge Mas­se hät­te gern ein­fa­che, prä­gnan­te Adjek­ti­ve, aber aus­führ­lich bit­te, denn „gut“ oder „nicht gut“ ist zwar ein Urteil, aber kei­ne Rezen­si­on. Nun gut, soll sein: Das Adjek­tiv lau­tet klau­stro­pho­bisch. Schon nach dem Genuss von „Stri­du­lum“, also der „klei­nen“ Aus­ga­be des Albums, brauch­te ich jeden­falls erst mal eine Pau­se, um das Gehör­te zu verarbeiten.

    Peter nann­te das Werk „ein über­aus avant­gar­di­sches, schlep­pend-düste­res Noi­se-Pop-Klein­od, mal wütend und düster, mal geheim­nis­voll ver­rauscht und wahr­lich nicht von schlech­ten Eltern“ und hat damit voll­kom­men Recht, auch, wenn Zola Jesus, sub­jek­tiv betrach­tet, immer noch weni­ger sui­zi­dal klingt als Kayo Dot und ähn­li­che Prot­ago­ni­sten. „Pop“ habe ich aller­dings anders in Erin­ne­rung, denn für die brei­te Mas­se ist Musik wie die­se sicher nicht geeig­net, und Men­schen mit see­li­schen Defi­zi­ten soll­ten schleu­nigst zum näch­sten Album übergehen.

    Eine nicht ganz so pri­ma Eigen­schaft erwähn­te ich bereits, den Hall; denn wer, wie ich, beim Musik­ge­nuss auch die Tex­te für bedeut­sam befin­det, der muss sich schon ein wenig anstren­gen und kann sich somit nicht ein­fach den Klän­gen hin­ge­ben. In die­sem einen Fall ver­zich­te­te ich also dar­auf, mich ein­ge­hend mit den Tex­ten zu befas­sen, und ließ die Musik sich ihren Weg durch mei­ne Ner­ven bahnen.

    Das klingt dann etwa wie in den Hör­pro­ben:
    Zur­zeit (3. Dezem­ber 2010) kann das voll­stän­di­ge Album auf souterraintransmissions.com gut gefun­den werden.

  3. Frogg Café – Bateless Edge
    „Will you under­stand I’ve tried with all the strength of a thousand men alo­ne?“ (From the Fence)

    Mein erster Ein­druck von „Bateless Edge“ hallt noch nach, und der Rest der Musik hören­den Ins­in­ter­net­schrei­ber stimmt in das Lob­lied ein. Auch auf ROCKTIMES.de wer­den die auf das Album gepress­ten Lie­der ein­zeln ana­ly­siert und gelobt, und, obwohl mich die Asso­zia­ti­on mit Echo­lyn eher ver­wun­dert, da liegt der Loben­de richtig.

    Und was ich im August schrieb, bleibt gültig:

    Sicher ist avant­gar­di­sti­scher Jazz­rock kei­ne spek­ta­ku­lä­re neue Erfin­dung. Frogg Café machen aber auf „Bateless Edge“ alles genau rich­tig. Sie erfin­den das Rad nicht neu, das erwar­tet auch nie­mand. Sie kon­stru­ie­ren hin­ge­gen aus dem, was die Hand­wer­ker vor­an­ge­gan­ge­ner Genera­tio­nen zurück­ge­las­sen haben, ein eige­nes Rad, das so noch nie da gewe­sen ist. Und es macht ver­dammt viel Spaß, mit ihm zu fah­ren, auch, wenn es eine Stei­gung zu über­win­den gibt. Die grü­nen Wie­sen im Tal hin­ter der Stei­gung sind es alle­mal wert.

    Irgend­wann hieß es ein­mal, Frogg Café sei­en Frank-Zap­pa-Kopi­sten im, so weit dies mög­lich ist, posi­ti­ven Sinn. Die­se Zeit ist spä­te­stens mit „Bateless Edge“ vor­bei. Sie frö­nen zwar auch wei­ter­hin der ange­jazz­ten Fricke­lei, klin­gen aber unver­kenn­bar und eigen­stän­dig. Sie hat­ten hör­bar Spaß bei den Auf­nah­men, und die­sen Spaß geben sie an den Hörer wei­ter. Ich mei­ne, dafür kann man ihnen eigent­lich gar nicht genug danken.

    Bei einer Grup­pe wie Frogg Café lohnt es sich übri­gens sehr, auf die Instru­men­tal­ar­beit zu achten.

    Daher emp­feh­le ich fol­gen­de Hör­pro­be:
    Auf YouTube.com ist der­zeit mit dem gesangs­frei­en Bel­gi­an Boo­gie Board das letz­te Stück des Albums in vol­ler Län­ge zu hören. Unver­än­dert hörenswert!

  4. Kayo Dot – Coyote
    „Who knows who I am any­mo­re?“ (Cal­onyc­tion Girl)

    Bei der Rezen­si­on zu Zola Jesus‘ „Stri­du­lum“ habe ich oben bereits einen Neben­satz den Kam­mer­rockern Kayo Dot gewid­met, nun ist mir das Album „Coyo­te“ aber doch noch einen eige­nen Abschnitt, qua­si ein Apro­pos, wert, da ich es just in die­sem Moment wie­der höre und fest­stel­le, dass es einen Platz in die­ser Liste alle­mal ver­dient hat.

    Nun, was ist „Coyo­te“? „Coyo­te“ ist, glaubt man der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia und ande­ren Quel­len, eine ver­ton­te, fast auto­bio­gra­fi­sche Kurz­ge­schich­te, ursprüng­lich ver­fasst von der an Brust­krebs erkrank­ten Künst­le­rin Yuko Sue­ta, einer Ver­trau­ten der Musiker.

    Wer 2009 mei­nem Kauf­be­fehl für das aktu­el­le Album von maud­lin of the Well gefolgt ist, der weiß bereits unge­fähr, was ihn auf „Coyo­te“ erwar­tet: Trä­ge schlep­pen sich die Instru­men­te durch das in fünf „Kapi­tel“ auf­ge­teil­te Kon­zept­stück, Toby Dri­ver singt quä­lend von Angst, Ver­lust und ähn­li­chen unschö­nen Sub­stan­ti­ven, unter­stützt von drei Blech­blä­sern. Im zwei­ten Stück, Whis­per Ineff­able, bestimmt Schlag­zeu­ger David Bodie strecken­wei­se, in wel­che Rich­tung der Hörer sich gei­stig wen­den soll­te, und trotz des wie aus wei­ter Fer­ne her­über­klin­gen­den, kla­gen­den Gesangs, den der geneig­te Hörer viel­leicht noch von frü­he­ren Auf­nah­men von Kayo Dot kennt, merkt man, dass der Front­mann auch gern mal Metal­al­ben auf­nimmt. Ein Ama­zon-Rezen­sent schrieb tref­fend: Har­ter Stoff.

    Irgend­wo las ich, wohl wegen des Gesangs, Kayo Dot wären hier klang­lich von der Sze­ne um The Cure nicht weit ent­fernt, aber da ich The Cure nicht aus­ste­hen kann, wäre mir das wohl auf­ge­fal­len. Viel prä­gnan­ter ist die sti­li­sti­sche Nähe zu Hen­ry Cow, die ihrer­zeit eben­so schrä­ge und dis­so­nan­te Töne her­vor­brach­ten, und Uni­vers Zero, die gleich­falls zeit­wei­se ein Fai­ble für sich gemäch­lich dahin­schlep­pen­den Melo­dien mit trei­ben­dem Rhyth­mus hatten.

    Achim Brei­ling schrieb:

    Eine Post­rock-Suite in fünf Tei­len hat Toby Dri­ver hier kom­po­niert, die, wie schon die Musik auf „Blue Lam­ben­cy Down­ward“ und im Gegen­satz zu den Klän­gen auf den ersten bei­den Alben der Band, kei­ne metal­li­schen Ingre­di­en­zi­en mehr auf­weist. Ein ziem­lich schrä­ges, reich­lich dis­so­nan­tes Gemen­ge jen­seits nor­ma­ler Rock­struk­tu­ren wird hier gebo­ten, wel­ches durch Mia Mats­u­mi­yas Vio­li­ne und die Bei­trä­ge der Blä­ser in deut­lich kam­mer­pro­gres­si­ve Gefil­de gerät.

    Der Post­rock ist eine viel­schich­ti­ge Schub­la­de; auch das sei damit bewiesen.

    Hör­pro­ben:
    Neu­gie­ri­ge und grund­sätz­lich an unge­wöhn­li­cher Musik Inter­es­sier­te – also ver­mut­lich die mei­sten von euch, lie­be Leser, die ihr es bis hier­her tap­fer ertra­gen habt – kön­nen der­zeit das Album auf Last.fm anhö­ren und toll finden.

  5. Devo – Some­thing for Everybody
    „What we do is what we do, it’s all the same, there’s not­hing new“ (What We Do)

    Ich habe in den letz­ten Mona­ten recht vie­le Tex­te über dum­me Men­schen ver­fasst, unter ande­rem den über Niveau­l­im­bo. Da passt es gut, dass Devo wie­der etwas ver­öf­fent­licht haben.

    Devo“ steht für „De-Evo­lu­ti­on“, also die Theo­rie, dass sich der Mensch kei­nes­wegs fort‑, son­dern zurück­ent­wickelt. Tat­säch­lich gibt es für die fort­schrei­ten­de Deevo­lu­ti­on des Men­schen vie­le Anhalts­punk­te, zum Bei­spiel die kon­stant über­durch­schnitt­li­chen Umfra­ge­wer­te für die CDU. Das (also das mit der Deevo­lu­ti­on, nicht unbe­dingt das mit der CDU) erscheint jetzt wahr­schein­lich wie ein Scherz und das ist es wohl auch, den­noch ist Devo in selt­sa­men Kostü­men bereits seit 1972 exi­stent und wird damit wohl auch in abseh­ba­rer Zeit nicht ein­fach aufhören.

    Musik­jour­na­li­sten stecken Devo gern in das Gen­re „New Wave“, weil sie nun ein­mal irgend­was schrei­ben müs­sen und Gen­re­bezeich­nun­gen sich immer gut in so einer Info­box machen und die Musi­ker ein biss­chen aus­se­hen wie The Bug­gles vor bald 30 Jah­ren und auch irgend­wie selt­sa­me, gen­re­ty­pisch wie aus der Retor­te klin­gen­de Musik mit viel Key­board­ein­satz und Stampf­rhyth­mus machen, aber Gen­res sind grund­sätz­lich meist Unsinn.

    Ver­mut­lich wer­den Freun­de des 80er-Jah­re-New-Waves an Devo Gefal­len fin­den, anders­her­um gilt das hin­ge­gen nicht. Ver­mut­lich spal­tet der Gesang von Mark Mothers­bau­gh die Gemü­ter eben­so wie der von Tre­vor Horn, der 1979 Video Kil­led the Radio Star, des­sen Text man eigent­lich auch mal im Musik­un­ter­richt in der Schu­le ana­ly­sie­ren las­sen soll­te, um die bis heu­te unge­min­der­te Bedeu­tung zu ver­ste­hen zu leh­ren, into­nier­te und dabei Herrn Mothers­bau­gh nicht unähn­lich klang und sich auch nicht unähn­lich klei­de­te, was sich immer­hin bis 2004 nicht nen­nens­wert geän­dert hat; aber ich schwei­fe ab. Um die Bug­gles geht es hier nicht.

    Wer auch hier gern ein ein­fa­ches Adjek­tiv als Zusam­men­fas­sung lesen wür­de, den igno­rie­re ich dreist. Auf „Some­thing for Ever­y­bo­dy“ näm­lich ist etwas zu hören, was etwas aus­führ­li­cher Beschrei­bung bedürf­te, wäre das Schrei­ben über Musik nicht unge­fähr so pro­duk­tiv wie das Sin­gen von Gemäl­den. „Some­thing for Ever­y­bo­dy“ ist selbst­iro­nisch, albern, durch­ge­dreht und über­haupt ganz schön retro. Gen­re gefäl­lig? Ich glau­be, „New Dance Wave“ hat mei­nes Wis­sens noch kei­ner benutzt. Dann mache ich das jetzt und zie­he das Fazit:

    Bei Devo bleibt man sich treu. „It’s all the same, there’s not­hing new.“
    Hof­fen wir, dass auch wei­ter­hin kei­ne De-Evo­lu­ti­on bei ihnen ein­tre­ten wird.

    Hör­pro­ben:
    Auf Amazon.de sind Lied­schnip­sel von jeweils etwa 30 Sekun­den Län­ge zu hören.

  6. Mose Gigan­ti­cus – Gift Horse
    „Now I’m in too deep, all I have left is sleep“ (The Seventh Seal)

    Lasst uns gemein­sam ein klei­nes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment durchführen.

    Was wäre, wenn die Böhsen Onkelz einen Sän­ger, der die­sen Namen ver­dient, enga­giert und das mit der stän­di­gen Poli­tik in den Tex­ten gar nicht erst ange­fan­gen hätten?

    Ver­mut­lich hät­ten sie dann statt ihrer von ihres Front­manns grau­si­gem Gegrö­le über­tön­ten, aber hand­werk­lich soli­den Alben sol­che ver­öf­fent­licht, wie sie statt­des­sen von Mastodon oder eben Mose Gigan­ti­cus auf­ge­nom­men wer­den und posi­ti­ven Anklang fin­den, zum Bei­spiel bei mir.

    Mose Gigan­ti­cus“, rie­si­ger Moses? Die Geschich­te hin­ter dem Namen hat weni­ger mit Chri­sten­tum zu tun als man zunächst ver­mu­ten könn­te. Wie Sän­ger, Mul­ti­in­stru­men­ta­list und allei­ni­ges festes Band­mit­glied Matt Gar­field zu Pro­to­koll gab, ist „Mose Gigan­ti­cus“ eine Ver­ball­hor­nung von „most gigan­tic“, „am gigan­tisch­sten“ also. Auf „Gift Hor­se“ wird es den­noch aus­nahms­wei­se christ­lich, denn die Tex­te des Albums sind aus der Per­spek­ti­ve Got­tes sowie Satans ver­fasst, die sich mit­ein­an­der unter­hal­ten, und wer­den auch als eben­sol­che vor­ge­tra­gen. Der Text des abschlie­ßen­den The Seventh Seal übri­gens wur­de angeb­lich von aus­ge­rech­net Gene­sis inspiriert.

    Nein, Matt Gar­field ist kein zwei­ter Neal Mor­se oder sonst ein radio­kom­pa­ti­bler Knö­del­in­ter­pret. Auf „Gift Hor­se“ wird gebret­tert und gebratzt, dass die Wän­de wackeln, und der Mann hat eine Stim­me, für die ande­re selbst ernann­te Metal­sän­ger lan­ge und hart trai­nie­ren müs­sen, und er kann nicht nur sin­gen, son­dern beherrscht auch sei­ne Instru­men­te vor­züg­lich. Dream Thea­ter kommt da man­chem Rezen­sen­ten wohl in den Sinn, die aller­dings fra­gi­ler und weni­ger bra­chi­al musizieren.

    Zwi­schen Metal, Grunge und Death-irgend­was schwingt das Album her­um, The Seventh Sea lässt mich an My Own Pri­va­te Alas­ka den­ken und damit eben doch wie­der an Grunge. Es ist ange­nehm, ein Album inner­halb bestimm­ter Gen­re­gren­zen ansie­deln zu kön­nen, weil man sich dann beim drit­ten oder vier­ten Hör­durch­lauf die Mühe spart, noch wei­te­re Ein­flüs­se her­aus­zu­hö­ren, damit man noch etwas mehr hat, was man über es schrei­ben kann.

    Es gibt Leu­te, die von Zeit zu Zeit das Bedürf­nis ver­spü­ren, sich dem zele­brier­ten Lärm hin­zu­ge­ben. Zu die­sen Leu­ten gehö­re auch ich, und ich hal­te „Gift Hor­se“ bei der Lärm­aus­wahl für einen geeig­ne­ten Kandidaten.

    Für Hör­pro­ben ist gesorgt:
    Das Mys­pace-Pro­fil (heißt das inzwi­schen eigent­lich offi­zi­ell „My_“?) von Mose Gigan­ti­cus ermög­licht einen kur­zen Ein­blick in „Gift Hor­se“, zu des­sen Kon­sum ich hier­mit erfolg­reich ange­regt zu haben hoffe.

  7. Scum­bucket – Sarsaparilla
    „The world is now blee­ding, and silent tears will flow“ (Kennedy’s Blues)

    Da wir gera­de beim The­ma „Musik zum Rum­hüp­fen“ waren, möch­te ich auch nicht weit abschwei­fen. Das Wort „Schwei­ne­rock“ haben sicher die mei­sten von euch, lie­be Leser, schon ein­mal gehört. Zwar weiß ich nicht so genau, was sich die Erfin­der des Wor­tes ursprüng­lich dar­un­ter vor­ge­stellt haben, aber das Album „Sars­a­pa­ril­la“ klingt so, wie ich mir beim ersten Hör­durch­lauf die­ses Albums Musik vor­stell­te, die man „Schwei­ne­rock“ nen­nen könnte.

    Manch­mal (Pray for the Devil Ray) klingt das dann wie Nir­va­na, manch­mal wie eine erträg­li­che Ver­si­on von Pla­ce­bo, oft jeden­falls aber immer­hin wie eine Band, die „Indie“ nicht für das hält, was Toco­tro­nic so machen. Name­drop­ping zu betrei­ben erscheint hier aber bei­na­he fehl am Platz, betreibt das doch die Fan­ta­sie des Autors die­ser Zei­len schon in aus­rei­chen­dem Maße und somit auch Scum­bucket selbst, denn „Sars­a­pa­ril­la“ kann­te ich, ich gebe es zu, bis­lang nur als Lieb­lings­nah­rung der Schlümp­fe und hat­te mir nie Gedan­ken dar­über gemacht, ob es wie etwa Naph­tha­lin, die Leib­spei­se von Gam­ma aus eini­gen Micky-Maus-Bild­ge­schich­ten, eine tat­säch­li­che Bedeu­tung hat; hat es aber, denn meh­re­re Quel­len wei­sen dar­auf hin, dass die Raue Stech­win­de die­sen Namen trägt.

    „Was für eine lang­wei­li­ge Erklä­rung!“ denkt sich nun der Leser, daher las­se ich die Spon­gebob-Refe­renz nun auch weg und keh­re zur Musik zurück. Auf die Selbst­be­schrei­bung sei­tens der Musi­ker soll­te man sich nicht ver­las­sen, denn die ist Quatsch:

    Für vie­le Musi­ker, Kri­ti­ker und vor allem Fans gel­ten Scum­bucket als die Vor­rei­ter und Urvä­ter der deut­schen Gitarrenmusik.

    Wahr ist: Das, was die drei Koblen­zer (an der Gitar­re: Black­mail-Musi­ker Kurt Ebel­häu­ser) auf „Sars­a­pa­ril­la“ von sich geben, ist gitar­ren­ori­en­tier­ter Indie-Rock min­de­stens andert­halb­ster Güte. (War­um ich bei Call Me Anyo­ne an Nickel­back den­ken muss, weiß ich nicht, viel­leicht habe ich Nickel­back auch ein­fach nur lan­ge genug nicht gehört.) Der Gesang, unge­wöhn­lich für die­se Spar­te, passt zur gespiel­ten Musik, und auch sonst ist „Sars­a­pa­ril­la“ ein Album, das man als Rück­schau­er mal erwähnt haben soll­te, weil man es sonst ver­mut­lich irgend­wann bereut.

    Abrupt schlie­ße ich die­se Rezen­si­on, bevor ich end­gül­tig den Faden verliere:
    Wer Ohren hat, der höre, bevor­zugt auf der My_-Sei­te des Trios.

  8. Auto­lux – Tran­sit Transit
    „No more thoughts from moving moun­tains“ (High Chair)

    Peter wun­der­te sich, als ich (hier) bekannt­gab, Auto­lux‘ neu­es Album zu einem mei­ner mitt­ler­wei­le in statt­li­cher Anzahl ernann­ten Lieb­lings­al­ben des Jah­res kür­te, und ich konn­te es auch erst nicht fas­sen, dass die­se Band, deren Zweit­ling „Future Per­fect“ von 2004 mich nicht vom Hocker riss, es nun doch geschafft hat­te. Auf „Tran­sit Tran­sit“ hat das Trio aus Los Ange­les („Ju Es Äih“, c/o „Far Out“) das ihrem Stil noch feh­len­de gewis­se Etwas hin­zu­ge­fügt und mich begei­stert; so schnell kann’s gehen.

    „Alter­na­ti­ve Rock“, aber auch „nur schwer einem Gen­re zuzu­ord­nen“ – wäh­rend ich die­se Zei­len schrei­be, ent­fer­ne ich die­se Wirr­nis aus dem deut­schen Wiki­pe­diaar­ti­kel zu Auto­lux – ist ver­mut­lich eine ganz gute Beschrei­bung des­sen, was den geneig­ten Hörer erwartet:

    Auto­lux ver­bin­den den schep­pern­den Noi­se­rock der frü­he­ren Raveo­net­tes mit sorg­lo­sem Gesang, der mal ein biss­chen wie Por­tu­gal. The Man, mal ein biss­chen wie The Amber Light und mal ein biss­chen wie der dro­gen­schwan­ge­re Psy­che­de­lic Rock der spä­ten 60-er Jah­re klingt, und streu­en eine Pri­se Post­rock dar­über. Hier­bei ist das sechs­mi­nü­ti­ge The Sci­ence of Ima­gi­na­ry Solu­ti­ons bereits das läng­ste Stück auf dem Album, ver­schwur­bel­te Arro­ganz ist also nicht zu befürchten.

    Fur unbe­dingt hörens­wert befin­de ich das ver­zerr­te Head­less Sky und das dan­dy­war­holsesque Super­toys, aber die ande­ren Lie­der sind mit Aus­nah­me des belang­lo­sen Titel­stücks auch nicht übel; will sagen, „Tran­sit Tran­sit“ an sich ist unbe­dingt hörens­wert, und ich beto­ne aus­drück­lich, dass ich nicht „eigent­lich“ schrieb. Was mich an „Tran­sit Tran­sit“ begei­stert, ist die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der Auto­lux hier agie­ren. Unver­krampf­ten psy­che­de­li­schen Noi­se­rock hat­te die Musik­welt schon ein paar Deka­den lang nicht mehr regel­mä­ßig im Angebot.

    „Tran­sit Tran­sit“ soll­te man als musi­kaf­fi­ner Mit­mensch in die­sem Jahr zumin­dest ein­mal gehört haben, damit der Kul­tur­pes­si­mis­mus, der sich beim Blick auf die aktu­el­len Hit­pa­ra­den zwangs­läu­fig ein­zu­stel­len beab­sich­tigt, noch ein wei­te­res Jahr die Klap­pe hält. Will noch irgend­je­mand mei­ne zwei, drei, sie­ben oder ein­und­zwan­zig „Top-Alben 2010“ in Erfah­rung brin­gen, weil ihm irgend­wel­che Rang­li­sten wich­ti­ger sind als die von mir bevor­zug­te Pro­sa­form, dann darf er die­sem Text gern ent­neh­men, dass „Tran­sit Tran­sit“ da, bit­tes­ehr, auf jeden Fall hin­ein­ge­hört. Ich selbst ver­zich­te aller­dings dar­auf, Rang­li­sten zu füh­ren, denn das, was ich in mei­nen Rück­schau­en emp­feh­le, ist grund­sätz­lich ohne Ten­den­zen und Nuan­cen spit­ze, ver­steht sich. Wer braucht das „Album des Jah­res“, wenn er derer gleich meh­re­re haben kann?

    Und wer es noch ein biss­chen genau­er wis­sen möch­te, wie spit­ze „Tran­sit Tran­sit“ eigent­lich ist, der wird auf der My-irgend­was-Sei­te von Auto­lux fün­dig, auf der als Hör­pro­ben gegen­wär­tig (11. Dezem­ber 2010) eini­ge Aus­zü­ge aus dem Album zu fin­den sind.

  9. Extra Life – Made Flesh
    „Too much life, so much life that we die“ (Volup­tuous Life)

    Bereits im Sep­tem­ber, wie regel­mä­ßi­ge Leser mei­ner Publi­ka­tio­nen wis­sen, woll­te ich die­ses Album rezen­sie­ren, aller­dings kam etwas dazwi­schen. Eine aus­führ­li­che Wür­di­gung hat „Made Fle­sh“ aber noch immer ver­dient. Sie folgt:

    Extra Life ist ein Folk­rock-/RIO-Quin­tett aus Brook­lyn (schon wie­der „Ju Es Äih“), und so selt­sam, wie man sich die­se Kom­bi­na­ti­on vor­stellt, klingt „Made Fle­sh“ dann auch. Das Vio­li­nen- und Man­do­li­nen­spiel von Caley Mon­ahon-Ward und der dia­to­ni­sche Gesang von Front­mann und Gitar­rist Char­lie Loo­ker, ehe­mals Zs, einer­seits und der expe­ri­men­tel­le Avant­gar­de-Rock der Mit­strei­ter ande­rer­seits klin­gen zwei­fels­oh­ne unge­wohnt auch für jene, denen Ver­tre­ter bei­der Stil­rich­tun­gen (Cir­cu­lus kommt mir da in den Sinn) bereits bekannt sind.

    „Pro­gres­siv“ bedeu­tet in blo­ßer Über­set­zung „fort­schritt­lich“, und so ist die auf „Made Fle­sh“ gepress­te Klang­welt, die zwei bereits bekann­te Wel­ten zu einer neu­en ver­bin­det, im Wort­sin­ne eben „Pro­gres­si­ve Rock“. Laut My-irgend­was-Pro­fil zäh­len unter ande­rem John Col­tra­ne und Stee­leye Span zu den musi­ka­li­schen Vor­bil­dern der Betei­li­gen, aber was bedeu­tet die­se Anga­be, wenn das Resul­tat der Beein­flus­sung eben völ­lig eigen­stän­dig ist? Als ich für den deut­schen Wiki­pe­dia-Arti­kel zur Band recher­chier­te, fand ich unter ande­rem die­se Rezen­si­on zu „Made Fle­sh“, deren Autor Extra Life atte­stiert, sie gehör­ten zu den Musik­grup­pen, die stän­dig die Gren­zen von Gen­res und Pop­mu­sik aus­lo­ten. Das ist, wie ich mei­ne, eine tref­fen­de Beobachtung.

    „Made Fle­sh“ ist, man erkennt es bereits am Namen, ein Kon­zept­al­bum zum The­ma Kör­per­kult. Das abschlie­ßen­de The Body Is True fasst das Album text­lich zusam­men: Der Mensch, stän­dig nach opti­scher Per­fek­ti­on und dar­auf auf­bau­en­der Zwei­sam­keit stre­bend, bleibt doch nur ein Skla­ve sei­ner eige­nen Vergänglichkeit.

    Share with me, share with me the doo­med fle­sh I made.
    Master­pie­ce! Masterpiece!
    The fine phy­si­que of a slave.

    Mit­un­ter, etwa in Easter, wird es kako­pho­nisch, eine „apo­ka­lyp­ti­sche Klang­ma­s­se aus ein­zel­nen mini­ma­li­sti­schen Klang­fi­gu­ren, die sich uner­bitt­lich in die Gehör­gän­ge ein­häm­mern und ein­frä­sen“ (Jochen Rind­frey, hier). So kom­men auch Freun­de der weni­ger har­mo­ni­schen Klän­ge, die etwa Hen­ry Cow schät­zen, auf ihre Kosten.

    Hör­pro­ben:
    Con­nois­seurs emp­feh­le ich die­se Live­ver­si­on von Easter, anson­sten gibt es auf Amazon.com 30-sekün­di­ge Aus­schnit­te aus „Made Fle­sh“ zu hören.

  10. The Wind­Mill – To be continued…
    „Why is ever­ything so hard to appre­cia­te?“ (Don’t Be Afraid)

    Eine Son­der­stel­lung in die­ser Liste nimmt „To be con­ti­nued…“ ein, denn es ist zwar eben­so spit­ze wie die ande­ren hier genann­ten Alben, jedoch spre­che ich in die­sem Fall kei­ne unein­ge­schränk­te Kauf­emp­feh­lung aus, ohne ein wenig zu meckern:

    Steht der Gesang bei Extra Life im Vor­der­grund, kann man ihn bei The Wind­Mill, lusti­ger­wei­se (oder absicht­lich?) bei Wind­mill Records unter Ver­trag, bei­na­he ver­nach­läs­si­gen. Zwar wird auf „To Be Con­ti­nued…“ gesun­gen, aber über­wie­gend agie­ren die Nor­we­ger instru­men­tal mit Inspi­ra­ti­on von Camel und Cara­van, und wenn Mor­ton Cla­son los­flö­tet, kommt auch mal Jet­hro Tull durch. Das soll nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass sie vor allem eine Rock­band sind, mäan­dern­de Wol­ken aus Syn­the­si­zern oder jeden­falls Key­boards hier also nicht stän­dig pro­du­ziert werden.

    Ach­ja, der Gesang. Es ist eigent­lich scha­de, dass er auf­ge­nom­men wur­de, denn ohne ihn wür­de „To be con­ti­nued…“, wenn mich das kur­ze Über­flie­gen der ein­schlä­gi­gen Rezen­sio­nen nicht trog, deut­lich posi­ti­ve­ren Anklang fin­den. Ihn zu igno­rie­ren ist unter­schied­lich schwie­rig, gera­de, wenn man wie ich bei Musik immer auch auf die Tex­te ach­tet. Er wirkt, oft (etwa im Bal­la­den­teil von A Day in a Hero’s Life) ein wenig zu sehr in den Vor­der­grund gemischt, meist deplatz­iert und auf­ge­setzt, mit­un­ter auch gelang­weilt, und viel­leicht wäre es bes­ser gewe­sen, The Wind­Mill hät­ten auf ihn verzichtet.

    Nun aber genug der Mecke­rei, denn trotz­dem reicht es noch nicht, um „To be con­ti­nued…“ aus der Rück­schau zu wer­fen, es ist musi­ka­lisch zu gut. Der instru­men­ta­le Ein­stieg Cin­na­mon ist ein fei­nes Stück Retro-Prog, das fol­gen­de The Colour of Sea­sons, ein retro­prog-ori­en­tier­tes Rock­stück, war­tet sogar, obi­gen Abschnitt durch­aus berück­sich­tigt, mit Gesang auf, der zur Musik passt. Fast bin ich geneigt, beim Hören die­ses Lie­des vom Sofa auf­zu­sprin­gen und zu rufen: „Na bit­te, es geht doch!“.

    Im Mit­tel­punkt steht aber das fast 22-minü­ti­ge A Day in a Hero’s Life, ein mehr­tei­li­ger long­track, der im Aus­land bes­ser ankommt als in Deutsch­land:

    This is an epic in the Yes and Gene­sis vein. It is also a pret­ty hea­vy prog track which leads my thoughts over to Rush too. Not to men­ti­on Jet­hro Tull at Aqu­al­ong (sic). A Day in a Hero’s Life is an excel­lent epic and a pro­of that this band has a lot of dif­fe­rent arrows in their armory.

    Wirk­lich schlecht ist „To be con­ti­nued…“ nicht, eben­so wie ich aller­dings auch das viel­fach ver­ris­se­ne „Pure“ von Pen­dra­gon, mit denen The Wind­Mill mit­un­ter ver­gli­chen wer­den, mag. Etwas weni­ger anstren­gen­der Gesang wäre schön; und dann kann es sein, dass das Nach­fol­ge­al­bum mir so rich­tig gut gefällt und ich auf­hö­re zu meckern. Freun­de soli­den Neo­progs, die auch gegen Pen­dra­gon und IQ nichts ein­zu­wen­den haben, kön­nen mit die­sem Album jeden­falls nicht viel ver­kehrt machen.

    Als Hör­pro­be lässt sich The Colour of Sea­sons der­zeit auf You­Tube kon­su­mie­ren. Man möge dies tun!

  11. The High Con­fes­si­ons – Tur­ning Lead Into Gold With The High Confessions
    „The bul­lets fly back to the gun“ (Mista­ken For Cops)

    Für die halb­jähr­li­che Dosis The Vel­vet Under­ground ist dies­mal jeden­falls teil­wei­se das Debüt­al­bum die­ser super­group mit Chris Con­nel­ly (u.a. Mini­stry), Ste­ve Shel­ley (Sonic Youth), San­ford Par­ker (Minsk) und Jere­my Lem­os (White/Light) mit dem obsku­ren Retro-Alben­ti­tel zustän­dig. Aus zwei von The Vel­vet Under­ground beein­fluss­ten Noi­se-Rock-Bands und zwei Metal­bands set­zen sich also die Wur­zeln der High Con­fes­si­ons, der „hohen Bekennt­nis­se“, zusam­men, und wozu sich die vier Her­ren beken­nen, wird schnell klar:

    Die repe­ti­ti­ven Struk­tu­ren mit dem Wech­sel von Gitar­re und Gesang sowie der trei­ben­de Rhyth­mus, die bereits im ersten Stück Mista­ken For Cops auf­fal­len, lie­ßen mich schon beim ersten Hören an die VU-Glanz­ta­ten I Can’t Stand It und Sister Ray den­ken. Wer nun aber eine blo­ße Kopie ver­mu­tet, der hat sich geschnit­ten und soll­te etwas tun, bevor er hier alles voll­blu­tet; mit­nich­ten sind The High Con­fes­si­ons ein wei­te­rer Ver­such, nur wie die alten Hel­den zu klin­gen, denn hin­ter all dem steht ein eige­nes Konzept.

    Mista­ken For Cops ist mit 4:03 Minu­ten das kür­ze­ste Stück des Albums, es fol­gen zwei Elf- und ein Sieb­zehn­mi­nü­ter in umge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge. Als fünf­tes und letz­tes Stück steht Chlo­ri­ne And Cry­s­tal auf der Titelliste, das es auch auf immer­hin neun­ein­halb Minu­ten bringt und wie eine weni­ger ange­staub­te Inkar­na­ti­on der Tal­king Heads klingt. „Tal­king Heads“, fragt mich nun der auf­merk­sa­me Leser, „was haben die denn mit VU zu tun?“ – nun: Nichts. Wie ich schon schrieb, wird hier mehr als nur der Pfle­ge alten Kul­tur­guts gefrönt.

    Along Came The Dogs, stol­ze 17:07 Minu­ten lang, ist zum Bei­spiel eher eine Klang­col­la­ge als ein tat­säch­li­ches „Lied“. Los geht es mit Trom­mel­wir­bel, lei­se setzt Bass­brum­men ein, ab 1:36 Minu­ten sind dann Stim­men zu hören, die etwas von Hun­den daher­mur­meln und ‑rufen. Nach fünf­ein­halb Minu­ten ver­stimmt dann schließ­lich die letz­te Stim­me, zu Litt­le-Drum­mer-Boy-Trom­meln fiept, brummt und surrt es elek­tro­nisch. Zwei Minu­ten spä­ter set­zen erneut Stim­men ein, die sich in einen mono­to­nen Sprech­ge­sang hin­ein­stei­gern, wäh­rend die Hin­ter­grund­ge­räu­sche mit Gitar­ren- und Key­board­ein­wür­fen bedroh­lich anschwel­len und erst ab etwa 14:30 lang­sam abeb­ben, um sich zum Ende hin noch­mals in Feed­back zu ent­la­den. „Post-Psy­che­de­lic“ nen­nen das die schub­la­den­wü­ti­gen Musik­jour­na­li­sten wohl heut­zu­ta­ge, und obwohl sich Par­al­le­len zu etwa Pink Floyd doch mit­un­ter zei­gen, so wäre dies unge­recht. Eksta­tisch und hyp­no­tisch kommt Along Came The Dogs daher und bleibt dabei fes­selnd; „Atmo­sphä­re“ heißt das Zau­ber­wort hier, denn damit steht und fällt so ein Kon­zept, und vom Fal­len kann hier kei­ne Rede sein.

    Auch die übri­gen bei­den Stücke, Dead Tene­ments und The Listener, funk­tio­nie­ren nach die­sem Prin­zip, obgleich die­se weni­ger col­la­gen­ar­tig sind. Ich bin ver­sucht, The Listener als Post­rock zu bezeich­nen, denn mit sei­nem trä­gen Rhyth­mus und dem ent­rück­ten, leicht schrä­gen Gesang könn­te es auch von A Sil­ver Mt. Zion stam­men. (Auf Amazon.de geht „Tur­ning Lead Into Gold With The High Con­fes­si­ons“ übri­gens ohne wei­te­re Dif­fe­ren­zie­rung als „Post-Rock-Album“ durch. Amazon.de ist doof.)

    „Tur­ning Lead Into Gold With The High Con­fes­si­ons“ ist ein anstren­gen­des, aber auch viel­sei­ti­ges Album. Wer Musik gern auch ein wenig Zeit lässt, sich zu ent­fal­ten, des­sen Anstren­gun­gen beloh­nen die High Con­fes­si­ons recht bald, und ihr Lohn ist kein geringer.

    Zum Anfi­xen ver­wei­se ich auf die­se Hör­pro­ben:
    Wäh­rend Amazon.de mit den übli­chen 30-sekün­di­gen Aus­schnit­ten auf­war­tet, kann man der­zeit (12. Dezem­ber 2010) Mista­ken For Cops und Chlo­ri­ne And Cry­s­tal in vol­ler Län­ge auf der My-irgend­was-Pro­fil­sei­te der Band hören.

  12. For A Minor Reflec­tion – Höld­um í átt að óreiðu

    Aus Island kom­men Björk, eine lusti­ge Spra­che und Sigur Rós, für sphä­ri­sche Instru­men­tal­mu­sik bie­tet die Gegend offen­bar einen guten Nähr­bo­den. Ent­spre­chend ent­span­nend geht es bei den instru­men­ta­len Postrockern For A Minor Reflec­tion vor­an, deren in die­sem Jahr ver­öf­fent­lich­tes Album „Höld­um í átt að óreiðu“ bezeich­nen­der­wei­se in den Sigur-Rós-Stu­di­os auf­ge­nom­men wurde.

    Mit­un­ter liest man Ver­glei­che mit Mog­wai, etwa von Sigur Rós höchst­selbst, aber trotz die­ses schmei­chel­haf­ten Ver­gleichs klingt „Höld­um í átt að óreiðu“ vor allem skan­di­na­visch. Das kann man auch, wie etwa in die­ser anson­sten eher unnet­ten Kri­tik, so ausdrücken:

    Ent­ge­gen dem Album­ti­tel, was soviel heißt wie „Auf’s Cha­os zusteu­ern“, bestim­men lieb­li­che Melo­dien und ein ins­ge­samt hel­les Tim­bre die Plat­te; an lau­ten Schlag­zeug­ein­la­gen fehlt es trotz­dem nicht.

    Ja, hier und da wird es auch mal schram­mel-postrockig, etwa dann, wenn in Kastljós die Gitar­ren­wän­de auf den Hörer ein­pras­seln, wie Wän­de das eben so machen; aber For A Minor Reflec­tion kann auch anders, wie etwa Sjá­umst Í Vir­giníu und ins­be­son­de­re das fröh­lich-beschwing­te Dan­si Dans (mit Kla­vierin­tro!) zei­gen, dann näm­lich zei­gen die Islän­der ihre Stär­ke, eben auch mal in alter Sigur-Rós-Manier – islän­disch eben – mit sanf­ten Tönen zu musizieren.

    Ich behaup­te: Wer instru­men­ta­len Post­rock schätzt, der nicht nur bra­chi­al, son­dern auch mal dezent sein darf, dem wird „Höld­um í átt að óreiðu“ gefal­len; wer damit bis­lang nicht viel anfan­gen kann, dem emp­feh­le ich, zumin­dest ein­mal in die­ses Album hineinzuhören.

    Bevor­zugt mit die­sen Hör­pro­ben:
    Auf You­Tube ste­hen pri­ma Live­auf­nah­men von Kastljós )mit viel blö­dem Vor­ge­plän­kel) und Dan­si Dans (mit ohne blö­des Vor­ge­plän­kel) zur Verfügung.

  13. Dear John Let­ter – Part & Fragment
    „I’m a shaky hand, I’m a rest­less leg…“ (You Remain Unsha­ke­ab­ly Calm)

    Dear John Let­ter, mei­ne per­sön­li­chen Göt­ter auf dem eigens für sie errich­te­ten Alter­na­ti­ve-Psy­che­de­lic-Post­rock-Olymp, haben sich ihren Stamm­platz in mei­nen Rück­schau­en mit ihrer Musik hart erkämpft und so nicht erst seit dem über­wäl­ti­gen­den Kon­zert in Braun­schweig gesichert.

    Mit dem Plat­ten­ver­trag, der nach der Ver­öf­fent­li­chung des Debüts vor zwei­ein­halb Jah­ren (ich berich­te­te) geschlos­sen wur­de, hat sich nicht viel geän­dert. „Part & Frag­ment“ ist weni­ger kan­tig als die vori­gen Ton­trä­ger und wirkt auf­grund der teil­wei­se flie­ßen­den Über­gän­ge wie ein ein­zi­ges Musik­stück aus meh­re­ren, dafür ver­gleichs­wei­se kur­zen Tei­len. Die Beto­nung (ich berich­te­te eben­falls) liegt auf einer ande­ren Stär­ke von Dear John Let­ter, der zele­brier­ten Hyp­no­se nämlich:

    Eine Abwen­dung vom Post­rock wur­de atte­stiert, und auch, wenn sich das Album nicht bloß in die Wor­te „klingt wie Post­rock mit pri­ma Gesang“ klei­den lässt, so ist doch kei­nes­falls eine Abkehr zu hören, son­dern viel­mehr eine Ergän­zung. Zu den gewohn­ten Tönen (Mog­wai, Oce­an­si­ze, Ampli­fier, eine Pri­se Pink Floyd) sto­ßen neue Ein­flüs­se, der dies für mich am beein­druckend­sten demon­strie­ren­de Part ist das abschlie­ßen­de Gitar­ren­so­lo in Hou­se of Lea­ves, das mir auch end­lich erklärt, wie­so Peter Led-Zep­pe­lin-Remi­nes­zen­zen aus der Ver­gleichs­schub­la­de kram­te, die ande­rer­seits trotz wun­der­ba­rer Momen­te wie etwa Achil­les’ Last Stand nie so detail­ver­liebt zu Wer­ke gingen.

    „Part & Frag­ment“, „tei­le und zer­brich“? Dies ist eine mög­li­che Bedeu­tung des Titels, und es möge Dear John Let­ter so bald nicht wider­fah­ren. Groß­ar­ti­ge Musik gera­de wäh­rend der kal­ten Win­ter­ta­ge. Es muss ja nicht immer Last Christ­mas sein.

    Hör­pro­ben:
    Vom eröff­nen­den You Remain Unsha­ke­ab­ly Calm gibt es auf You­Tube ein radio edit, eine Radio­ver­si­on also, die es wohl nie in deut­sche Radio­sen­der schaf­fen wird. Das spricht nicht für die Qua­li­tät des Rund­funks, lässt mich aber hof­fen, dass es auch wei­ter­hin nicht zu einer dem blo­ßen Aus­ver­kauf geschul­de­ten Ori­en­tie­rung an aktu­el­ler Pop­mu­sik kom­men wird.

  14. U.S. Christ­mas – Run Thick In The Night
    „Lea­ve your body, it is rui­ned“ (Fire Is Sleeping)

    Zum Abschluss der Haupt­li­ste wird es dann zumin­dest nament­lich, pas­send zur Jah­res­zeit, weihnachtlich:
    U.S. Christ­mas, kurz USX, heißt zwar so, hat aber mit Weih­nach­ten anson­sten nichts zu tun.

    Ich grei­fe mal will­kür­lich das eröff­nen­de In The Night her­aus, 12:57 Minu­ten lang. Es ertönt ein Postrock­rhyth­mus, ab etwa zwei Minu­ten setzt kla­gen­der Gesang mit viel Hall ein, Gitar­ren­wän­de wer­den auf­ge­schich­tet und kol­la­bie­ren, den Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten nicht unähn­lich, am Ende des Stückes. Ich grei­fe Suzer­ain her­aus, 8 Minu­ten und 46 Sekun­den lang, und höre das gleiche.

    Aber es bleibt nicht dabei. Ephraim In The Stars klingt mit sei­ner clean gespiel­ten Gitar­re, den Strei­chern und den Chö­ren wie eine Kol­la­bo­ra­ti­on von Her Name Is Cal­la mit Pure Rea­son Revo­lu­ti­on auf „The Dark Third“ und ein biss­chen Wive. The Moon In Fle­sh And Bone lebt von Nate Halls kla­gen­dem Gesang und lässt mich dann doch noch mal A Sil­ver Mt. Zion als Refe­renz her­an­zie­hen. Das kur­ze Fire Is Slee­ping könn­te auch Anhän­ger von John Cales expe­ri­men­tel­le­ren Stücken verzücken.

    Anders­wo nennt man das, was hier ertönt, einen „Spa­ghet­ti­we­stern“, und ich fin­de den Ver­gleich blöd, weil ich auch Western blöd fin­de. Schö­ner ver­gleicht die­ser Rezensent:

    Bereits im drei­zehn­mi­nü­ti­gen Eröff­nungs­song In The Night zie­hen US CHRISTMAS alle Regi­ster von dröh­nen­den Riffs über wabern­de Gitar­ren- und Syn­thie­flä­chen bis hin zu von Tri­bal-Rhyth­mik unter­leg­tem und mit aku­sti­schen Ein­spreng­seln ver­se­he­nen Space Rock inklu­si­ve der all­seits belieb­ten „Raum­schiff­kom­man­do­brücken­ge­räu­sche“, wie sie durch HAWKWIND popu­lär gemacht wur­den. Die Über­gän­ge gestal­ten die Ame­ri­ka­ner dabei der­art sub­til und unauf­fäl­lig, dass man gar nicht erst auf Wor­te wie „kopf­la­sti­ges Kon­strukt“ oder „Stil­bruch“ kommt. Das Sex­tett aus North Caro­li­na lässt vor allem in den lan­gen Stücken ein­fach mal die eine, mal die ande­re Spiel­art Ober­hand gewin­nen, ohne dass es zu Rang­ord­nungs­kämp­fen kom­men könn­te. Wozu auch, denn man hat ja Zeit und weiß sie zu nutzen.

    Inter­es­sant liest sich übri­gens auch die Gäste­li­ste. San­ford Par­ker, unter ande­rem Mit­glied der oben bereits gewür­dig­ten The High Con­fes­si­ons, spielt auf „Run Thick In The Night“ ein „über den Boden gezerr­tes Tam­bu­rin“. Kicher.

    Hör­pro­ben:
    Aus­zü­ge aus dem Album gibt es auf Amazon.de sowie auf My-irgend­was zu hören.

Nach­dem ihr nun euer Kon­to für eini­ge pri­ma Musik­al­ben geleert habt, lege ich qua­si als Drein­ga­be drei schö­ne gra­tis und legal her­un­ter­lad­ba­re Wer­ke oben­drauf. Sie fol­gen umgehend:

2. Kost‘ nix und klingt gut.

  1. The Boi­ler – Order From Noise

    The Boi­ler aus Mün­ster gibt es seit Okto­ber nicht mehr, zum Abschied haben sie jedoch die­sen schö­nen EP mit fünf am Metal etwa der Sto­len Babies ori­en­tier­ten Stücken von ins­ge­samt über 20 Minu­ten Län­ge hinterlassen.

    Coheed and Cam­bria wer­den als Ver­gleichs­ob­jekt benutzt, beson­de­re Erwäh­nung ver­dient jedoch Sän­ge­rin Ali­na, die auf Fotos immer ein biss­chen blöd guckt, aber eine beein­drucken­de Stim­me vor­wei­sen kann. Zwei der vier Mit­glie­der fin­den Com­pli­ca­te über­ra­gend, mir gefällt beson­ders One Mis­sing.

    Was nun defi­ni­tiv das bes­se­re Lied ist, möge der geneig­te Leser selbst ent­schei­den, auf My-irgend­was ist „Order From Noi­se“, der „Befehl vom Krach“ also, voll­stän­dig als Stream verfügbar.

    Bezugs­quel­len:
    „Order From Noi­se“ könnt ihr zum Bei­spiel auf der Inter­net­sei­te der Band sowie natür­lich via eMu­le herunterladen.

  2. Pet Slim­mers of the Year – …And The Sky Fell

    Bei Peter fand ich die­sen EP von dem für pri­ma Post­rock inzwi­schen ein­schlä­gig bekann­ten Net­la­bel Lost Child­ren, eine (in gewohnt krea­ti­ver Schreibweise)

    gross­ar­ti­ges Bol­ze­rei. Eleg­na­te Flan­ken und wuch­ti­ge musi­ka­li­sche Grät­schen. Eine fei­ne instru­men­ta­le Mischung aus Metal und Post-Rock von Pet Slim­mers Of The Year.

    Zwar wird auch vokal into­niert, aber das ist laut Aus­sa­ge der Musi­ker nicht beachtenswert:

    From the mourn­f­ul grey shadows of the Eng­lish win­ter in ear­ly 2008, three friends sought to crea­te some­thing new and exci­ting with sounds alo­ne. The­re are few words, they are not redundant.

    Auf etwas mehr als 20 Minu­ten kom­men Pet Slim­mers of the Year, obwohl sie eben­falls mit „nur“ fünf Stücken aus­kom­men. Allein I Am The Oce­an ist über 12 Minu­ten lang. Musi­ka­lisch ver­wandt mit God Is An Astro­naut und Nihi­ling, kom­plett anzu­hö­ren auf Archive.org.

    Bezugs­quel­len:
    Außer dem Down­load auf Archive.org gibt es auch den übli­chen Down­load via eMu­le.

  3. mona de bo – neka­vejies šis ir spe­les ar tevi

    mona de bo in einem Wort: Film­mu­sik. Als ein­zi­ger der drei hier auf­ge­führ­ten Gra­tis­down­loads ist „neka­vejies šis ir spe­les ar tevi“ ein rich­ti­ges Album von fast 70 Minu­ten Län­ge. Von Dro­nes durch­setz­ter Post­rock instru­men­ta­ler Natur wird hier gebo­ten, ver­gleich­bar zum Bei­spiel mit Earth, aber auch Sunn O))) und Dead Can Dance bie­ten Ver­gleichs­punk­te.

    Cinea­sten dürf­ten von die­sem Album begei­stert sein, die Mischung aus dröh­nen­den Dro­nes und queenesquer Thea­tra­lik weiß aber auch ande­re, etwa mich, zu über­zeu­gen. Fei­nes Album, das.

    Bezugs­quel­len:
    Man kann das Album für 10 Euro plus Ver­sand bei der Band bestel­len oder im MP3-For­mat dort her­un­ter­la­den. Wer sei­ne E‑Mail-Adres­se lie­ber nicht in irgend­wel­chen For­mu­la­ren im Inter­net ein­tra­gen möch­te, der wird auch bei eMu­le fündig.

Nicht alles war in die­sem Jahr aber musi­ka­lisch pri­ma. Zum Halb­jahr schrieb ich, ich hof­fe für die zwei­te Rück­schau 2010 auf mehr furcht­ba­ren Schrott, über den ich mich auf­re­gen kann. Die­se Auf­ga­be wur­de bra­vou­rös gelöst, ein Aus­zug folgt, wie üblich, in Kurzform:

3. Grau­sa­me Klänge.

  1. Anathe­ma – We’­re here becau­se we’­re here
    Na, wenn das der ein­zi­ge Grund ist…?
  2. Tem­pa­no – Selec­ti­ve Memory
    Eine viel ver­spre­chen­de Ein­lei­tung, aber dann doch nur Weich­spül­ge­sang über ein­schlä­fern­den Melo­dien. Schade!
  3. Myste­ry – One among the living
    Dream Thea­ter für wirk­lich sehr, sehr Arme.
  4. The Pineapp­le Thief – Someo­ne Here Is Missing
    Worst Of Por­cu­p­i­ne Tree
  5. Grin­der­man – Grin­der­man 2
    So sehr ich mir auch Mühe gebe: Ich ver­ste­he nicht, was Nick Cave mit die­sem Album sagen will.

Wie immer schlie­ße ich die­sen Text mit einer Rück­schau auf 40 Jah­re Musik­ge­schich­te. Ich erhe­be kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit, aber es ist tröst­lich zu sehen, dass bis­her noch jedes Jahr­zehnt wich­ti­ge Alben vor­zu­wei­sen hatte.

4. Musi­ka­li­sche Zeit­rei­se 1970 – 2000.

  • Vor 40 Jahren:
    The Stoo­ges – Fun House
    Wäh­rend die Musik­welt über­wie­gend noch dem Sum­mer of Love nach­trau­er­te und Bands wie Evo­lu­ti­on mit ihrem gleich­na­mi­gen Album noch ver­such­ten, den Psy­che­de­lic Rock zu dem wei­ter­zu­ent­wickeln, was heu­te als Stoner Rock bezeich­net wird und sich zu Recht gro­ßer Beliebt­heit erfreut, hat­ten sich ande­re Musi­ker längst anders ori­en­tiert. Kevin Ayers leg­te mit „Shoo­ting At The Moon“ das RIO/A­vant­gar­de-Album des Jah­res vor, auf dem er sich außer mit elek­tro­ni­schen Klang­ex­pe­ri­men­ten auch mit Coun­try (Cla­rence In Won­der­land) beschäf­tig­te, und Iggy Pop berei­te­te gemein­sam mit den Stoo­ges von Detroit aus mit dem unbe­que­men Gara­gen­rock, der auch spä­ter die ent­ste­hen­de Punk­sze­ne beein­druck­te, des Albums „Fun Hou­se“ ein Ende, der pla­ka­tiv der bis dahin vor­herr­schen­den Musik­sze­ne die Zun­ge her­aus­streck­te. Spaß macht das Album sicher­lich, aber es ist und macht vor allem auch aggres­siv. Do you feel it when you touch me?, so etwas hät­ten die Beat­les nie gesun­gen, aber die stimm­ten zu die­ser Zeit bereits ihren Schwa­nen­ge­sang an. I’ll stick it deep insi­de ‚cau­se I’m loo­se. Ein Weg wei­sen­des Album, das in die Rich­tung wies, der man in den spä­ten 70-er Jah­ren weit­ge­hend folg­te. Ein Jahr­zehnt freund­li­cher Beat und Hip­pie­ge­säu­sel waren genug. Die Stoo­ges hat­ten sich aller­dings bald satt; 1973 erschien mit „Raw Power“ das drit­te und vor­erst letz­te Album der zwi­schen­zeit­lich bereits auf­ge­lö­sten und wie­der ver­ein­ten Band, und erst 29 Jah­re spä­ter fan­den sie sich wie­der zusam­men. Der Rest ist Geschichte.
  • Vor 30 Jahren:
    Yes – Drama
    Was ist das erste Wort, das dem geneig­ten Musik­freund beim Begriff „80-er Jah­re“ ein­fällt? Rich­tig: Dra­ma. Der Pro­gres­si­ve Rock lag im Ster­ben, Bands wie Har­mo­ni­um gin­gen längst getrenn­te Wege; die Punk­sze­ne, die in Deutsch­land noch nicht ein­mal voll erblüht war, hat­te in Groß­bri­tan­ni­en mit der Auf­lö­sung der Sex Pistols 1978 bereits ihre wich­tig­sten Prot­ago­ni­sten ver­lo­ren. Irgend­ein Unsym­path ent­deck­te der­weil die ein­schlä­fern­de Wir­kung elek­tro­ni­scher Per­kus­si­ons- und Tasten­in­stru­men­te und trug so maß­geb­lich dazu bei, die Welt mit ein­tö­ni­gem Müll zu über­schwem­men. Ein­zig Yes wider­setz­ten sich noch, indem sie nach dem Weg­gang von Jon Ander­son und Rick Wak­e­man die vakan­ten Posten mit den Bug­gles besetz­ten, die mit Video Kil­led The Radio Star gera­de weit rei­chen­de Berühmt­heit erlangt hat­ten. „Dra­ma“ wur­de für lan­ge Zeit das letz­te „pro­gres­si­ve“ Yes-Album; das 1983 ver­öf­fent­lich­te Nach­fol­ge­werk „90125“ ver­kauf­te sich wegen Owner Of A Lonely Heart zwar nicht schlecht, war aber doch nur mehr ein immer­hin noch über­durch­schnitt­li­ches Art­pop-Album. Wenig tröst­lich ist es da, dass die fol­gen­den Alben noch schreck­li­cher waren. „Dra­ma“ jeden­falls war ein letz­tes Auf­bäu­men der ein­sti­gen Hero­en des Pro­gres­si­ve Rock und ist ein wirk­lich star­kes Werk, das schon mit dem ein­lei­ten­den Machi­ne Mes­siah an den bekann­ten Yes-Stil anknüpft. Erst 1996 fand man zurück zu alter Grö­ße, die bei­den 2010 als Vier­fach­al­bum neu auf­ge­leg­ten Alben „Keys To Ascen­si­on“ und „Keys To Ascen­si­on 2“ blei­ben bis heu­te das letz­te Ver­mächt­nis einer längst ver­gan­ge­nen Epo­che. Die Hoff­nung stirbt zuletzt.
  • Vor 15 Jahren:
    Mr. Bung­le – Dis­co Volante
    Nach einer nahe­zu ereig­nis­lo­sen Pha­se weit­ge­hend unspan­nen­der musi­ka­li­scher Ent­wick­lun­gen, sieht man ein­mal von der Reuni­on der Die Ärz­te im Jahr 1993 ab, ging es gegen Mit­te des Jahr­zehnts end­lich vor­an. Mit „P.U.L.S.E.“ kann man seit­dem das letz­te Album Pink Floyds kau­fen, das zum vor­erst letz­ten Mal ihre Live­qua­li­tä­ten dar­leg­te, die mal wie­der refor­mier­ten King Crim­son ver­wirr­ten die Käu­fer mit selt­sa­men Alben- („THRAK“, „B’Boom“) und Lied­ti­teln („VROOOM VROOOM“), Mike Pat­ton leg­te nach dem ver­rück­ten Debüt­al­bum sei­ner Band Mr. Bung­le der­weil noch eine Schip­pe drauf: „Dis­co Volan­te“ ist anstren­gen­de Avant­gar­de, die man wahr­schein­lich nicht mal eben neben­bei hören kann, ohne den Ver­stand zu ver­lie­ren. Klez­mer­mu­sik, Jazz vie­ler Stil­rich­tun­gen, Metal, Rock, Pol­ka, Tan­go, Sal­sa, Film­mu­sik: All das pras­selt hier qua­si im Sekun­den­takt auf den Hörer ein, inspi­riert unter ande­rem von Edgar Allan Poe, Ennio Mor­rico­ne und depres­si­ven Pha­sen der Band­mit­glie­der. (Die deutsch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia weiß mehr.) Wer Mike Pat­ton nur von Faith No More (I’m easy, I’m easy like Sunday morning) kennt und sol­cher­lei seich­te Unter­hal­tung mag, dem erscheint „Dis­co Volan­te“ wohl einem Ritt durch die Höl­le gleich. Wäh­rend Mr. Bung­le sich mit dem fol­gen­den und vor­erst letz­ten Album „Cali­for­nia“ wie­der von der gefäl­li­gen Sei­te zeig­ten, grün­de­te Mike Pat­ton die Band Fan­tô­mas, die den auf „Dis­co Volan­te“ ein­ge­schla­ge­nen Weg seit­dem wei­ter ver­folgt. Was bleibt, ist eine Moment­auf­nah­me der Kom­bi­na­ti­on aus Free Jazz, Metal und Sur­rea­lis­mus, die Mr. Bung­le stets auszeichnete.
  • Vor 10 Jahren:
    Por­cu­p­i­ne Tree – Light­bulb Sun
    Im Jahr 2000, als ein gro­ßer Teil der Men­schen das „neue Jahr­tau­send“ fei­er­te und sich dar­an auch von Mathe­ma­ti­kern nicht hin­dern ließ, die sie jeden­falls zu Recht dar­an erin­ner­ten, dass sie das viel zu früh taten und dass das mit den Jahr­tau­sen­den ohne­hin wegen diver­ser Kalen­der­re­for­men so nicht stimm­te, hat­te sich die Musik­welt von den Pla­stik­pop-/rock­aus­brü­chen der 80-er und frü­hen 90-er Jah­re end­lich weit­ge­hend erholt, und ver­ges­sen geglaub­te Musik­sti­le wur­den neu ent­deckt. Die Kana­di­er Hama­dryad spiel­ten auf ihrem Debüt­al­bum „Con­ser­va­ti­on of Mass“ inter­es­san­ten, bereits hör­bar von Gene­sis beein­fluss­ten Pro­gres­si­ve Rock, Ufo­mam­mut setz­ten mit dem psy­che­de­li­schen Stoner Rock auf „God­li­ke Sna­ke“ (ein Titel, der beson­ders from­me Musik­hö­rer in den USA erschüt­tert haben dürf­te) eines von vie­len Aus­ru­fe­zei­chen, King Crim­son führ­ten auf „The Con­struKc­tion of Light“ sowohl die Lärm­aus­brü­che von „THRAK“ und dem Live­al­bum „THRa­Ka­TTaK“ als auch die blö­de Ange­wohn­heit fort, blö­de Lied- und Alben­ti­tel zu kre­ieren, und ein gewis­ser Ste­ven Wil­son, der fast zehn Jah­re spä­ter die Alben des „kar­me­sin­ro­ten Königs“ gemein­sam mit Robert Fripp neu zusam­men­set­zen durf­te, gab sei­ner floydigen Psy­che­de­lic-Band Por­cu­p­i­ne Tree auf „Light­bulb Sun“ einen rocki­gen Anstrich, erfand so neben­bei den „New Art­rock“ und mach­te sich mit Lie­dern wie Four Chords That Made A Mil­li­on – der Titel sagt alles – über die Musik­in­du­strie lustig. Ganz ohne die alt­be­währ­ten Psy­che­de­lic-Tep­pi­che ging es zum Glück doch nicht, und so ist auf „Light­bulb Sun“ mit Shes­mo­ve­don einer der schön­sten Momen­te in der bis­he­ri­gen Geschich­te von Por­cu­p­i­ne Tree zu fin­den. Eigent­lich ist es scha­de, dass man auf dem 2010 ver­öf­fent­lich­ten „The Inci­dent“ den Rock­an­satz wie­der zugun­sten aus­ge­dehn­ter Klang­wol­ken ver­wor­fen hat, letzt­end­lich aber ist und bleibt „Light­bulb Sun“ ein Mei­len­stein des New Art­rock, an dem sich nur wenig spä­ter Bands wie The Pineapp­le Thief und Anathe­ma ori­en­tier­ten; ein Ende ist nicht in Sicht. Das lässt hoffen.

Huch, wir sind schon wie­der am Ende ange­langt. Mein Text­edi­tor sagt, dies ist Zei­le 334, und auch ohne mei­ne Notiz- und For­ma­tie­rungs­li­ste über dem eigent­li­chen Text mei­ne ich daher, es genügt für die­ses Jahr.

Habe ich ein essen­zi­el­les, womög­lich Weg wei­sen­des Album ver­ges­sen? Kom­men­tiert und dis­ku­tiert nach Belie­ben. :)
Denen, die tat­säch­lich bis hier­her gele­sen haben, wün­sche ich einen schö­nen was-man-halt-so-wünscht. Auf wei­te­re sechs Mona­te voll hof­fent­lich packen­der Musik!

Seri­en­na­vi­ga­ti­on« Musik 06/2010 – Favo­ri­ten und Ana­ly­seMusik 06/2011 – Favo­ri­ten und Analyse »

Senfecke:

  1. Sehr schö­ne, lesens­wer­te Zusam­men­fas­sung dei­ner musi­ka­li­schen High­lights. Auf jeden Fall ist unse­re Überrein­stim­mung erheb­lich grö­sser als die mit der Liste von Lie in the Sound, die ich mir gera­de ange­schaut habe. Wer­de mir mal so eini­ges aus dei­ner Zusam­men­stel­lung anhö­ren müs­sen. Auf jeden Fall mona de bo. muss ich mir doch glatt mal anhö­ren. Sunn O))) und Dead Can Dance, das hört sich ja nach einer inter­es­san­ten Mischung an. Klingt span­nend. Ich war ja frü­her mal so‚n rich­ti­ger Alter­na­ti­ve-Rocker. In deser Rich­tung gab es 2010 qua­si nur Schrott, ausser eben Scum­bucket.. Das Album ist rich­tig gut und rockt und rollt ganz wun­der­bar. Und auch Dei­ne Wahl von For A Minor Reflec­tion und Höld­um í átt að óreiðu stim­me ich zu. Gehört aus der gan­zen Post-Rock Schwem­me mit zum bes­se­ren. Auto­lux ist toll, wobei ich das Vor­gän­ger-Album noch ein klein biss­chen bes­ser fin­de. Wie gesagt, tol­le Zusam­men­stel­lung abseits der übli­chen Jah­res­charts, die so bere­chen­bar sind wie das Wet­ter von gesterrn.

    • Immer nur Radio ist ja auch nichts, davon wird man nur blöd im Kopf. Beru­hi­gend aber, dass über­haupt jemand mei­nen komi­schen Geschmack teilt. Ja, das hört sich noch inter­es­san­ter an als es sich liest. :)

      Huch, Stei­ni, da habe ich mich ja schön in die Nes­seln gesetzt. Aber ich kann immer­hin schon mal atte­stie­ren, dass ihr die Nen­nung wert seid. :)
      Hachja.

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