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Musik 06/2011 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 7 von 24 der Serie Jahresrückblick

Huch, schon wie­der ist Juni, das geht ja immer schnell! Und tra­di­tio­nell bringt so ein Juni nicht nur zu dicke Mädchen in zu dün­ner Kleidung mit sich, son­dern außer­dem mei­ne Halbjahresrückschau der gefäl­lig­sten und unge­fäl­lig­sten Musikalben, erst­mals kom­plett mit Alben des Jahres 2011 befüllt.

Und in so einem hal­ben Jahr kann sich viel ändern. Im Februar etwa rühm­te ich das Album „I’m Your Saviour“ von Toxic Smile, für die­se Liste aber hat es den­noch kei­ne Berücksichtigung mehr gefun­den, da die schie­re Masse an guter Musik anson­sten den Rahmen die­ser Internetseite gesprengt hät­te und ich somit wie­der eini­ges aus­sie­ben muss­te. Auch habe ich es lei­der nicht immer geschafft, mich jedem Musikalbum, das mich inter­es­siert hät­te, recht­zei­tig aus­rei­chend aus­führ­lich zu wid­men; die beim Probehören recht vor­züg­li­chen Alben „Flanders Fields“ von Humble Grumble und „Blown Realms and Stalled Explosions“ von den Enablers bit­te ich das geneig­te Publikum also selbst zu rezen­sie­ren. (Gern als Kommentar hier unten drun­ter. ;) )

Aber es ist auch ohne die­se Alben eine recht abwechs­lungs­rei­che Liste gewor­den, von der ich hof­fe, dass sie nicht jedem von euch blo­ßes Missfallen bereitet. 

Sie folgt:

1. Musik für zum Gutfinden.

  1. Codes In The Clouds - As The Spirit Wanes

    Wir las­sen es mal ruhig ange­hen. Codes in den Wolken, der Geist flaut ab. Zurücklehnen und ent­span­nen, wäh­rend die fünf Briten - nicht nur in Island beherrscht man dies vor­treff­lich - ele­gisch dahin­mu­si­zie­ren. Schublade auf, irgend­wo zwi­schen Sigur Rós und Caspian ein­sor­tie­ren, Schublade zu. Der Kopf hat jetzt gera­de mal die Klappe zu hal­ten, es wird in wun­der­ba­ren Melodien geschwelgt.

    Andererseits ist Postrock immer auch Kopfmusik. Jochen Overbeck schrieb nicht grundlos:

    Auch in den Stücken der Band öff­nen sich wei­te, rein instru­men­ta­le Landschaften, war­ten Räume dar­auf, mit irgend­et­was gefüllt zu werden.

    Freunde der schep­pern­den Postrockvariante, wie sie etwa von Mogwai zele­briert wird, wer­den auf dem Zweitling „As The Spirit Wanes“ nur ein­ge­schränkt bedient, etwa in „Where Dirt Meets Water“, und auch all die­je­ni­gen, für die Musikgenuss und Texte direkt mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen, wer­den sich von die­sem Album auf­grund des feh­len­den Gesangs wohl ent­täuscht abwen­den, aber wir sind ja auch erst am Anfang der Liste.

    Die Eigenbeschreibung der Postrocker besagt: „We are making pret­ty music“, also „wir machen hüb­sche Musik“. Ich hät­te es nicht bes­ser aus­drücken können.

    Hörproben gibt’s auf MySpace.
    Von wegen, MySpace sei tot. Pop ist es.

  2. Faust - some­thing dirty

    Wer übri­gens genau so wenig tot ist wie MySpace, ist die gleich­falls recht unpop­pi­ge deut­sche Krautrocklegende Faust. Faust ist auch 40 Jahre nach dem namen­lo­sen Erstling quick­le­ben­dig, wenn nicht gar hyper­ak­tiv, haben sich doch erst vor weni­gen Jahren die drei noch akti­ven Gründungsmitglieder der­art hef­tig mit­ein­an­der ver­kracht, dass man nun getrenn­te Wege geht, und zwar nicht in Form einer Auflösung, son­dern in Form einer Teilung. Das haben Gong eben­so gemacht wie Acid Mothers Temple, auch Yes gab es - wenn auch unter ver­schie­de­nen Namen - kurz­zei­tig mehr­fach, Amon Düül II trägt die römi­sche 2 auch nicht nur aus Jux und Tollerei im Namen, und Faust rei­hen sich fröh­lich ein und besit­zen dann die Frechheit, bei­de Inkarnationen schlicht Faust zu nen­nen. Das führt nicht etwa vor­ran­gig zu Verstimmung und Verwirrung, son­dern zu um so grö­ße­rer Produktivität, denn das „ande­re Faust“ um Hans-Joachim Irmler hat­te erst 2010 mit „Faust is Last“ ein Album vor­ge­legt, die­ses Faust hier, in dem Werner „Zappi“ Diermaier und Jean-Hervé Péron resi­die­ren, hat­te seit sei­ner vori­gen Einspielung „C´est com… com… com­pli­qué“ von 2009 der­weil zwei Jahre Zeit für die­ses Album. Es ist kom… kom… kom­pli­ziert. Könnt ihr mir trotz­dem noch folgen?

    Folgt mir dann auch mal vor­sich­tig in die musi­ka­li­schen Schluchten, die sich hier auf­tun. Unter „Krautrock“ ver­steht man­cher, geför­dert auch von der anson­sten nicht mal üblen WDR-Dokumentation „Kraut und Rüben“ von 2006, irgend­wie dro­gen­schwan­ge­re Hippiemusik mit Hardrockattitüde. Wer jetzt ver­sucht, Faust in die­se Schublade zu stop­fen, bevor er auch nur einen ein­zi­gen Takt aus dem Album gehört hat, dem wün­sche ich viel Vergnügen, schla­ge die Hände über dem Kopf zusam­men und hof­fe für ihn das Beste. Das hip­pieske Element von Faust ist allen­falls in den Texten aus­zu­ma­chen. 1972 etwa sang man „Daddy, take a bana­na, tomor­row is Sunday“ („No Harm“ vom Album „So Far“), und so blö­de Texte kennt man anson­sten nur von Can („Hey you! You’re losing … your Vitamin C!“). Ansonsten gilt: Typische Hippiemusik mit Gitarre und LSD ist gera­de nicht mehr auf Lager, Krach hät­ten wir aber noch im Angebot.

    Und den nicht zu knapp. Seit vier­zig Jahren hat sich bei Faust bezüg­lich der musi­ka­li­schen Ausrichtung nur wenig geän­dert, inso­fern soll­te man nicht auf Überraschungen hof­fen, und wer noch nie Faust gehört hat, der soll sich bit­te die Einstürzenden Neubauten mit weni­ger Politik und mehr Verzerrung vor­stel­len und weiß dann unge­fähr, wie die Musik von Faust so klingt, und fin­det sie dann spon­tan gut oder lässt es sein. Als Musikinstrument kommt auf „some­thing dir­ty“ jeden­falls auch ein Flammenwerfer zum Einsatz.

    Gesungen bezie­hungs­wei­se gespro­chen wird auch, aber bei Faust waren die Texte bis­lang nur sel­ten essen­zi­ell, und auch auf „some­thing dir­ty“ wer­den sie bis zur Unkenntlichkeit ver­zerrt oder von den Musikern über­tönt. Wer her­aus­fin­det, was Jean-Hervé Péron und Geraldine Swayme dem Hörer hier mit­tei­len wol­len, darf sich von mir geschätzt wissen.

    Insgesamt ist „some­thing dir­ty“ ein eben­so zeit- wie kom­pro­miss­lo­ses Album, etwas Dreckiges im sau­be­ren Einheitsbrei eben. Wer es sich nicht vor­stel­len kann, der möge es hören; das geht stich­pro­ben­ar­tig zum Beispiel auf YouTube, wo sowohl das eröff­nen­de, unge­wöhn­lich rocki­ge „Tell the Bitch to Go Home“ (hier) als auch das expe­ri­men­tel­le Gesangsstück „Lost The Signal“ (hier) zu hören sind.

  3. …And You Will Know Us by the Trail of Dead - Tao of the Dead
    „Let the fear gui­de your eye as your arrow burns into their time“ (Weight of the Sun (or The Post-Modern Prometheus))

    Meine Damen und Herren, ich prä­sen­tie­re ehr­fürch­tig mein Sommeralbum 2011. Es macht gute Laune, lässt die Gliedmaßen rhyth­misch wip­pen und lädt selbst mich, obschon ich von Wiederholungen nur wenig hal­te, dazu ein, nach dem Ende noch­mals von vorn zu beginnen.

    Und bis zum Ende dau­ert es sei­ne Zeit, gan­ze 52 Minuten und 22 Sekunden ist das Album lang, was den Durchschnitt auch in die­ser Liste hebt. „Das Album“ ist hier aber nicht mal der rich­ti­ge Ausdruck, denn genau genom­men ist „Tao of the Dead“ eine Suite, bestehend aus Teil 1, „Tao of the Dead“, und Teil 2, „Strange News From Another Planet“. Um die Verkäufe auch bei weni­ger gedul­di­gen Menschen anzu­kur­beln, gibt es das Album auch zer­hackt, das heißt, Teil 1 („Tao of the Dead“) wur­de in ins­ge­samt 11 Abschnitte („Lieder“) auf­ge­teilt, wäh­rend immer­hin der Sechzehneinhalbminüter „Strange News From Another Planet“ intakt bleibt. Da aber auch in der Langfassung die ein­zel­nen Stücke naht­los inein­an­der über­ge­hen, emp­feh­le ich direkt den Griff zur „Limited Edition“, die bei­de Fassungen des Albums ent­hält, zumal die­se flie­ßen­den Übergänge durch die Aufteilung auf der „Kurzversion“ zum Teil zer­stört wer­den. Die „Langversion“ ist lei­der nicht sepa­rat erhältlich.

    Nicht nur in der inzwi­schen lei­der unge­wöhn­li­chen Einteilung in ledig­lich zwei Stücke mani­fe­stiert sich der Anspruch von „Tao of the Dead“, ein Konzeptalbum - um nicht schon wie­der „Gesamtkunstwerk“ zu schrei­ben - zu sein, son­dern auch die opti­sche Aufmachung weiß zu über­zeu­gen. Die Leute, die Tonträger für ver­al­te­ten Mist und „Limited Editions“ grund­sätz­lich nur für Geldschinderei hal­ten, dür­fen sich von mir jetzt mal kurz aus­ge­lacht füh­len, denn ihnen ent­geht nicht nur ein far­ben­fro­hes „Digipack“, das sich oben­drein noch toll anfühlt, son­dern auch eine 33-sei­ti­ge Kurzgeschichte und 16 Seiten aus der in der Entstehung befind­li­chen Bildgeschichte „Strange News From Another Planet - The Adventures of the Festival Thyme“, deren Titel zum Teil etwas mit dem zwei­ten Stück auf dem Album zu tun hat, zum Teil ein Rückgriff in die Bandgeschichte ist, denn 2008 ver­öf­fent­lich­te man den EP „Festival Thyme“. Die ent­hal­te­ne Kurzgeschichte ist übri­gens, wenn man ver­schie­de­nen Quellen im Internet glau­ben darf, sozu­sa­gen die Prosaform des Stückes „Strange News From Another Planet“, wäh­rend „Tao of the Dead“ (Teil 1 also) etwas mit dem Daoismus (daher auch der Name des Albums), begrün­det einst von dem chi­ne­si­schen Philosophen Laotse, zu tun hat.

    Da sind wir dann auch schon beim Inhalt, denn nicht nur beim Angucken ist „Tao of the Dead“ ein beein­drucken­des Stück Musik, son­dern auch musi­ka­lisch weiß es zu über­zeu­gen. Die Zeiten, in denen man im Hause …Trail of Dead zu den Klängen von „Fake Fake Eyes“ noch sei­ne Instrumente auf der Bühne zer­trüm­mer­te, sind vor­über, es regiert der alter­na­ti­ve Rock. Mein Favorit ist der „Retro-Rocker“ (STORMBRINGER) „Pure Radio Cosplay“, des­sen Gitarrenmelodie ziem­lich ohr­wurm­taug­lich ist. Über all dem schwebt der Geist der 70-er Jahre. Sollte man The Who als Vergleich her­an­zie­hen? Ich tu es ein­fach unge­fragt. Wer es etwas moder­ner mag, ist gehal­ten, alter­na­tiv Coheed and Cambria mit die­sem Album zu assoziieren.

    Hörprobe:
    Wer es bis­lang ver­säumt hat, zumin­dest schon mal irgend­wo die Vorabsingle „Summer Of All Dead Souls“ zu hören, kann - selbst in Deutschland - auf YouTube das zuge­hö­ri­ge Video sowie eini­ge ande­re Lieder vom Album goutieren.

  4. Fugo - avant 93:43

    Die Schweizer Band Fugo eifert zwar unter ande­rem den Smashing Pumpkins nach, hat aber vor allem das Interesse Conrad Keelys geweckt. Conrad Keely ist Teil der bereits erwähn­ten Musikgruppe …And You Will Know Us by the Trail of Dead und dort unter ande­rem für das art­work zustän­dig, und auch das Titelbild des Albums „Avant 93:43“ stammt von ihm. Dass Fugo bereits als Vorband von …Trail of Dead unter­wegs waren, lässt den geneig­ten Hörer dann auch unge­fähr erah­nen, was ihn hier erwartet.

    93:43. 93 Minuten und 43 Sekunden. So lang ist „avant 93:43“, auf­ge­teilt auf 3 CDs á 6 Lieder, macht also ins­ge­samt 18 Lieder und eine Durchschnittslänge von unge­fähr 5:15 Minuten, was die Geduld des Hörers dann doch etwas weni­ger stra­pa­zie­ren dürf­te als er zunächst befürch­tet hat. Zu befürch­ten hat er hier ohne­hin nichts:

    Die Aufnahme der Songs erfolg­te (…) im Grundgerüst live, nur eini­ge Gitarrenspuren und Overdubs wur­den nach­träg­lich hin­zu­ge­fügt. Das bringt einen rau­en und authen­ti­schen Grundton hin­ein in die ver­schach­tel­te Komposition. Und wenn man nun das „File Under: Hardcore, Post, Rock“ liest, merkt man: Irgendwie ist von allem was da, aber das trifft es auch alles nicht ganz so. Man könn­te gar noch ein „Prog“ mit hin­zu­fü­gen. Fugo kom­bi­nie­ren aus­ge­feil­te Arrangements mit Härte und wil­den Passagen, hau­en ger­ne mal auf den Putz und bie­ten Gitarrenwände, ergän­zen aber auch ver­hal­te­ne Passagen. Vom Verhangenen bis zum Betonten reicht die Spannbreite und kann den Hörer packen.

    Wer die etwas zurück­hal­ten­de­re Seite von …Trail of Dead mag und leicht melan­cho­li­scher Stimmung, wie sie etwa Dear John Letter mei­ster­haft beherr­schen, gegen­über nicht abge­neigt ist, soll­te ein Ohr ris­kie­ren. Er wird es nicht verlieren.

    Das geht zum Beispiel mit den Hörproben auf cede.de, wo man jedes der Lieder 30 Sekunden lang anhö­ren kann.

  5. Beardfish - Mammoth
    „In this fro­zen white waste­land I’m bound to wait fore­ver“ (The Platform)

    Neues aus Skandinavien: Beardfish sind auch wei­ter­hin auf der rast­lo­sen Suche nach ihrer musi­ka­li­schen Identität. War der Vorgänger „Destined Solitaire“ noch mit all sei­ner Verspieltheit und Titeln wie „In Real Life There Is No Algebra“ („Im wirk­li­chen Leben gibt es kei­ne Algebra“) die musi­ka­li­sche Konsequenz aus der bis­he­ri­gen Entwicklung der Band, stellt „Mammoth“ sozu­sa­gen einen Gegenpol dar. Geblieben ist eine kur­ze „Growling“-Passage, die, wie schon auf „Destined Solitaire“, den Hörer zum Schmunzeln bringt, passt die­ser Gesangsstil doch mal so gar nicht in das fröh­lich retro­p­rog­gi­ge Konzept, davon jedoch abge­se­hen haben Beardfish sich, sozu­sa­gen, mal eben neu erfunden.

    Dass „Destined Solitaire“ mit all den Frank-Zappa-, Canterbury- und vor allem Yes- und Genesis-Einflüssen unüber­treff­lich blei­ben wür­de, war ver­mut­lich auch Beardfish klar, und so voll­zog man einen radi­ka­len Schnitt. Das bedeu­tet kei­nes­wegs, dass „Mammoth“ schlech­ter wäre. Es ist anders. Genug der aus­ufern­den Frickelei (sofern man den Viertelstünder „And The Stone Said ‚If I Could Speak‘ “ nicht nur nach sei­ner Länge bewer­tet), strin­gent wird jetzt hard­ge­rockt, weni­ger wie The Who, mehr wie Uriah Heep oder, um in Skandinavien zu blei­ben, Kaipa, die jetzt natür­lich ver­mut­lich auch wie­der kein Leser die­ser Zeilen kennt, gesang­lich aller­dings viel bes­ser passt: Der mar­kan­te Gesang von Rikard Sjöblom ist eben trotz inzwi­schen nur noch eng­lisch­spra­chi­ger Texte typisch schwe­disch.

    Ihre Wurzeln haben Beardfish trotz­dem nicht ver­ges­sen: Das instru­men­ta­le „Akakabotu“ und das abschlie­ßen­de „Without Saying Anything“ las­sen außer Frank Zappa auch echo­lyn, Van der Graaf Generator und ähn­li­che Musikanten anklingen.

    Wer extro­ver­tier­te Retromusik mag und auch nichts gegen ein wenig abwechs­lungs­rei­chen Hardrock hat, der in kei­ner Sekunde auch nur ansatz­wei­se so fad dahin­plät­schert wie Lieder der Scorpions, dem emp­feh­le ich Beardfishs „Mammoth“ als Einstieg. Fortgeschrittene Hörer soll­ten sich dann „Destined Solitaire“, „Sleeping In Traffic: Part One/Two“ und über­haupt allem fin­den, was sie von Beardfish sonst fin­den können.

    Als Hörprobe lege ich die­se gran­dio­se Liveaufnahme von „And The Stone Said…“ nahe. (Überhaupt sind auf YouTube ver­füg­ba­re Liveaufnahmen von Beardfish klang­lich meist exzellent!)

  6. Traumpfad - Aufbruch
    „Reiß sie ein, die Brücken hin­ter dir; du musst vor­wärts, willst du weg von hier“ (Der neue Weg)

    Von skan­di­na­vi­schen zu deut­schen Retroklängen: Traumpfad klingt nach Esoterik und Schlagermusik, aber ich unter­stel­le dreist, dass sich das Chiemgauer Quintett nur des­halb Traumpfad nennt, weil alle guten Dichternamen schon ver­ge­ben waren. Das glei­chen die Musiker dafür auf ande­rer Ebene aus, agie­ren sie doch im glei­chen Klangkosmos wie einst Novalis und Hölderlin (heu­te Hoelderlin) mit dem Pathos der Landsleute von High Wheel, und auch text­lich ist Novalis nicht fern. Der hip­pieske Krautrock (hier­zu sie­he die Rezension zu Fausts „some­thing dir­ty“ wei­ter oben) erfreut sich also auch 2011 bester Gesundheit.

    Für uns Muttersprachler sind Musikalben mit deut­schen Texten inso­fern ärger­lich, als es uns beim besten Willen nicht gelingt, sie ein­fach aus­zu­blen­den, und Sänger Flo Huber erweckt hier auch in kei­ner Weise den Eindruck, als wäre ihm das unan­ge­nehm. Und obwohl es wirk­lich sehr vie­le Liedtexte gibt, die zu schrei­ben voll­kom­men unnö­tig war, so ver­hält es sich mit den Liedern auf „Aufbruch“ anders.

    Oft zitiert wird zum Beispiel das Lied „Vergebung“: „Doch du kannst sie hören, die­se Stimmen; eine Mutter, die noch schreit, ein totes Kind in ihren Armen, und ein Vater, der sich Rache schwört“, das mag den einen oder ande­ren unter mei­nen Lesern womög­lich an die Band Oktober erin­nern, aber hier geht es nicht um ver­gan­ge­ne Bürger-, son­dern um all­täg­li­che Glaubenskriege: „Und in Kirchen und Moscheen beten Menschen, um mit Kreuzen und mit Bomben aus­ge­rü­stet die Kunde zu ver­brei­ten: (…) nur die­ser eine Gott ist der, der dir vergibt!“

    Das ist, „puh“ (Die Ärzte), har­ter Stoff, aber ein Indiz dafür, dass die Esoterik hier trotz all der Religiösität, die sich in man­che Texte auf dem Album hin­ein­in­ter­pre­tie­ren lässt, kei­nen Platz fin­det. Auf welt­li­chen Beinen steht die Lyrik von Traumpfad, und sie steht fest: „Doch einer wird den Geist befrein, König aller Affen sein; wenn er spricht, hört alles nur auf ihn“ („Der 100. Affe“), der­art zeit­lo­se poli­ti­sche Metaphorik fin­det man auch bei Ton Steine Scherben nicht all­zu oft.

    Ich habe jetzt mehr­fach Novalis erwähnt und möch­te das als Warnung ver­stan­den wis­sen: Wer die­se Ausrichtung deut­scher Rockmusik schätzt, dem wird „Aufbruch“ vor­aus­sicht­lich viel Freude brin­gen. Wer aber deut­schen Texten gegen­über, deren Interpretation die Musik deut­lich domi­niert und die oben­drein tat­säch­lich so etwas wie eine Botschaft in sich tra­gen, auf­grund jah­re­lan­ger Dauerberieselung von irgend­wel­chem Mist eher skep­tisch gegen­über­steht, der soll­te flugs die näch­ste Rezension betrach­ten und die­se hier aus­drucken, rot umran­den, durch­strei­chen und weg­wer­fen. Leser, die in kei­ne der bei­den Kategorien ein­ge­ord­net wer­den kön­nen, sind herz­lich dazu ein­ge­la­den, mit die­sem Album, nun ja, auf­zu­bre­chen in eine Welt jen­seits ihres Tellerrandes.

    Statt einer Hörprobe hat die Band selbst sozu­sa­gen ein Musikvideo zum Album auf YouTube veröffentlicht.

  7. Wobbler - Rites at Dawn
    „Listen to the words that fly with the wind“ (In Orbit)

    Zurück nach Skandinavien: Auch Wobbler haben ihrem Album „Rites at Dawn“ - „Rituale bei Sonnenaufgang“ - ein Vorschauvideo vor­aus­ge­schickt. Wobbler hat in die­sem Fall nichts mit Angeln zu tun, viel­mehr han­delt es sich um eine nor­we­gi­sche Retroprog-Band in bester Yes-Tradition, wie ihn, den Retroprog, auch Änglagård, die eben­falls der­zeit an einem neu­en Album arbei­ten, und Starcastle zelebrieren.

    Allerdings soll­te man die genann­ten Bands nicht in den­sel­ben Topf wer­fen, unter­schei­den sich ihre Einflüsse doch zum Teil deut­lich. Gastflötist Ketil Einarsen etwa war vor eini­gen Jahren für die Nu-Jazz-Formation Jaga Jazzist tätig, text­lich wie the­ma­tisch bedient man sich bei den klas­si­schen Genesis, Zitate aus dem „Court of the Crimson King“ von King Crimson und auch sonst ist „Rites at Dawn“ nicht nur ein Yes-Album aus Norwegen.

    Apropos Thema: Was die „Rituale bei Sonnenaufgang“ genau sind, wird im ersten eigent­li­chen Stück - das Album wird von den Instrumentalpassagen „Lucid“ und „Lucid Dreams“ qua­si ein­ge­rahmt - „La Bealtaine“, über­zeu­gend dar­ge­bo­ten vom Neuzugang Andreas Strømman Prestmo, zumin­dest etwas näher ange­deu­tet. „Bealtaine“ ist der Name des kel­ti­schen Frühlings- und Fruchtbarkeitsfestes.

    Symphonischer Progressive Rock, so hieß es ein­mal, sei mit dem Beginn der Punkwelle einen lang­sa­men, qual­vol­len Tod gestor­ben. Womöglich ist das, was Wobbler seit ihrem Zweitling „Afterglow“ auf Tonträger pres­sen las­sen, auch des­halb so ent­rückt, oder ist es ein Zeichen, dass die Nachrufe auf die­se Musikgattung ver­früht waren? Vielleicht hat man das alles schon mal irgend­wo gehört, wirk­lich neu­es von Musik zu erwar­ten, die bewusst bekann­te Ideen auf­greift, wäre aller­dings auch nicht ange­bracht. Es muss ja auch nicht unbe­dingt nega­tiv gewer­tet wer­den, dass die vor­han­de­nen Ingredienzen kei­ner voll­kom­men neu­ar­ti­gen Quelle ent­sprin­gen, so lan­ge das Ergebnis über­zeugt, und das tut es wahrlich.

    Als Hörprobe emp­feh­le ich, wie bereits ange­deu­tet, das ent­spre­chen­de Video, das Auszüge aus dem Album ent­hält und so einen unge­fäh­ren Eindruck davon ver­mit­teln kann, ob das Album gefällt oder nicht. Mir gefällt es.

  8. Jolly - The Audio Guide To Happiness (Part 1)
    „Close your eyes. Breathe. Fly.“ (Guidance One)

    Man soll­te sich von der well­ness-Säuselei in der eröff­nen­den „Anleitung“ („Guidance One“) nicht täu­schen las­sen: Jolly machen einen New Artrock mit Eiern bzw. Progmetalanleihen. Spontaner Vergleich: Porcupine Tree in der „In-Absentia“-Phase, aber mit weni­ger weich­ge­spül­tem Gesang, alter­na­tiv Nickelback ohne den bekann­ten Ekelfaktor; etwas wohl­wol­len­der betrach­tet: Tool.

    Nach der „Guidance One“ (mit­ten im Album gibt es noch mal eine, pas­send „Guidance Two“ beti­telt) schep­pert das Album mit „Ends Where It Starts“ dann auch schon ordent­lich los. Eigenartig ist das Keyboardgeklim­per wäh­rend des Liedes, das wäh­rend des Albums immer wie­der auf­taucht. Auf King Crimsons „Lizard“ war so etwas auch ein­mal zu hören und hat auch dort den Hörer ver­stört. „Verstörend“ ist ohne­hin das gan­ze Album, auch wegen der Ambient-Zwischenspiele, die gar nicht recht in das Konzept pas­sen wol­len. Oder doch?

    JOLLY ver­wen­den soge­nann­te bin­aura­le Töne, die aus einer Kombination von leicht abwei­chen­den Frequenzen bestehen. Das sind wahr­nehm­ba­re Töne, die direkt im Gehirn ent­ste­hen, wenn den Ohren sepa­rat zwei leicht unter­schied­li­che Frequenzen zuge­führt wer­den - so die Wikipedia dazu. Diese Methode der Tonerzeugung soll dafür sor­gen, dass Gefühle der Entspannung, Konzentration, Kreativität und des Glücks erzeugt werden.

    Jolly“. Ausgelassen auf gut Deutsch. Warum haben sie erst auf dem zwei­ten Album dar­an gedacht? Und vor allem: Funktioniert es?

    Bodenständige Zeitgenossen wer­den nun ein­wen­den, dass es doch eigent­lich egal sein soll­te, wie die Klänge gear­tet sind, die man hört, und dass jedes gute Musikalbum glück­lich macht. Richtig, wer­te boden­stän­di­ge Zeitgenossen, sage ich, doch nehmt mal den Stock aus dem Hintern und lacht mit mir; denn was für Musik wür­de bes­ser zu einem „Audioführer zum Glücklichsein“ pas­sen als sol­che, die nach­weis­lich ent­spre­chen­de Auswirkungen auf das mensch­li­che Gehirn haben? Ansonsten stim­me ich euch selbst­ver­ständ­lich zu, ein Musikalbum, das nicht glück­lich macht, soll­te man mei­den wie sonst nur Apple und Sony, sofern es kein ganz beson­de­rer Anlass ist, denn dann gehen auch Musikalben, die trau­rig machen, etwa von den Tindersticks.

    Übrigens habe ich das Wort „schep­pern“ oben kei­nes­falls nega­tiv gemeint, denn ich mag es, wenn es schep­pert. Im Kontrast zu den ambi­en­ten Klängen der bei­den „Guidances“ ist die eigent­li­che Musik auf dem Album dann aller­dings doch recht wenig zurück­hal­tend, wenn­gleich das Album mit dem wie­der­um ambi­ent-rocki­gen „Dorothy’s Lament“ schließt.

    Ob es nun an irgend­wel­chen wis­sen­schaft­lich bewie­se­nen, gar che­mi­schen Vorgängen im Gehirn liegt oder ob Jolly ein­fach nur wirk­lich gute Musiker sind, soll mir dann auch gera­de mal egal sein, aber das mit der Kreativität und dem Glück klappt dann doch schon ganz gut. Auf Teil 2 bin ich schon sehr gespannt.

    2011 ist aber nicht nur ein gutes Jahr für Musik an sich, son­dern auch für Hörproben, denn auch vom „Audio Guide To Happiness (Part 1)“ gibt es ein offi­zi­el­les Video zum Vorhören. Ich wün­sche ent­spann­tes Vergnügen.

  9. The Joy Formidable - The Big Roar
    „And all your friends are having so much fun, they’­re baking cakes and swap­ping num­bers“ (The Magnifying Glass)

    Von der Glückseligkeit ist es nur ein kur­zer Sprung zur for­mi­da­blen Freude, zum Joy Formidable, obwohl das Waliser Trio musi­ka­lisch ande­re Wege beschrei­tet oder viel­leicht auch durch­hüpft. „The Big Roar“ ist jeden­falls eher Musik, zu der man hüp­fen möch­te, und dem Vernehmen nach wird zu die­ser Musik in der Regel auch flei­ßig gehüpft. Verzerrt wie die Raveonettes, ener­ge­tisch wie die Ting Tings wuseln Frontfrau Ritzy Bryan und ihre bei­den Mitstreiter durch die 12 Stücke des Albums, und wenn nicht gera­de aus­nahms­wei­se Bassist Rhydian Dafydd, etwa in „Llaw = Wall“, schwer­mü­tig ins Mikrofon seufzt, denkt man unwill­kür­lich an die Kills und fin­det es ande­rer­seits pri­ma, dass The Joy Formidable nicht so mini­ma­li­stisch zu Werke gehen, son­dern auch mal ordent­lich auf den Putz hau­en. Besonders beein­druckend ist der mar­kan­te Bass, der sich zwar nicht in den Vordergrund drängt, aber das Klangbild doch kräf­tig färbt.

    Andere Medien kra­men außer­dem noch The Breeders aus der Vergleichskiste, aber das ist albern, denn wenn weib­li­cher Gesang das ein­zi­ge Kriterium wäre, könn­te man auch die Spice Girls und The Chordettes in die­ser Rezension auf­tau­chen las­sen, trotz­dem wäre die Leserschaft hin­ter­her immer noch nicht schlau­er, was ihre Vorstellung von der Musik der drei Musiker betrifft, und das wäre doch scha­de, denn die ist durch­aus viel­sei­tig, obwohl jedes mir bekann­te län­ge­re Interview mit der Band oder zumin­dest mit Frau Bryan immer irgend­wann ihre umfang­reich doku­men­tier­te und anschei­nend also stink­lang­wei­li­ge Liebesbeziehung mit Herrn Dafydd the­ma­ti­siert. Dabei will unser­eins doch nur etwas über die musi­ka­li­schen Hintergründe erfahren!

    Aber da das erfolg­los ist, bleibt eben nur das Schubladendenken. Auch wenn man dafür ziem­lich vie­le Schränke braucht. Artpop, Indie-Rock, Grunge, irgend­wie so Alternative. Noch Fragen?

    Eine ganz gute Hörprobe ist das Video zu „Austere“ auf YouTube. Nicht wun­dern, dass es dort schon eine Weile zu fin­den ist, denn eini­ge Lieder auf dem Album wur­den in etwas weni­ger kratz­bür­sti­gen Versionen bereits 2009 ver­öf­fent­licht. 2011 stimmt also. In jeder Hinsicht.

  10. Foster the People - Torches
    „I took a sip of some­thing poi­son­ed but I’ll hold on tight“ (Helena Beat)

    Wir blei­ben beim Pop und bemer­ken, dass ent­we­der mei­ne Urteilskraft nach­lässt, die Qualität die­ser Liste also mit den Jahren sinkt, oder dass Pop im Jahr 2011 end­lich wie­der bes­ser wird. Foster the People ist eben­falls ein Trio, die Frontfrau ist hier aller­dings ein Frontmann namens Mark Foster, was ver­mut­lich auch den Namen der Band („Pflegt das Volk!“) erklärt.

    Und auch „Torches“ ist ein Debütalbum. Ich sehe gera­de, dass ich das Adjektiv „tanz­bar“ in die­sem Artikel noch nicht ver­wen­det habe, also ver­wen­de ich es jetzt, denn es passt. „Indie-Elektropop“ nann­te die­ses Album mal irgend­wer, und ich fra­ge mich seit­dem, wie Akustikpop wohl klin­gen wür­de, kom­me aber kaum dazu, die­sen Gedanken ange­mes­sen wei­ter­zu­spin­nen, denn Foster the People neh­men mei­ne gesam­te Aufmerksamkeit gera­de jetzt, da ich die­se Zeilen hell­grau auf jeden­falls-nicht-schwarz nie­der­schrei­be, voll in Anspruch, weil ich ver­su­che, das Geheimnis zu ergrün­den, war­um mich eine Band, die mich mal („I Would Do Anything For You“) an Owl City (das sind die mit dem Lied „Fireflies“, das ich beim besten Willen nicht mehr hören kann), mal an die Pet Shop Boys und Portugal. The Man (mit weni­ger Atmosphäre) den­ken lässt, eigent­lich so sehr fas­zi­niert, dass ich sie als die­ser Liste wür­dig erachte.

    Und dass mir das nicht gelingt, wer­te ich dann ein­fach mal als gutes Zeichen und las­se dann eben ande­re zu Wort kommen:

    Die Band kommt aus Kalifornien, die Musik erin­nert an MGMTs erstes Album. Upbeat (zumin­dest was die Instrumentierung betrifft) und voll tol­ler Melodien. Ob es för­der­lich ist, sich näher mit dem Text von „Pumped Up Kicks“ aus­ein­an­der­zu­set­zen, ver­mag ich nicht zu beur­tei­len. Der Song ist aber so oder so großartig.

    Gerade der Text von „Pumped Up Kicks“, das bereits im Sommer 2010 auf diver­sen Radiosendern zu hören war, setzt aber Akzente, die zwar nicht reprä­sen­ta­tiv für das Album sind, aber für die man nur noch viel zu sel­ten in der pou­lä­ren Musik des 21. Jahrhunderts Verwendung fin­det: „All the other kids with the pum­ped up kicks / you’d bet­ter run, bet­ter run, faster than my bul­let“, sehr schön, so etwas habe ich zuletzt vor viel zu lan­ger Zeit von den Liars gehört, aber die ste­hen in der Tradition New Yorker Garagenrocks, und dort tanzt man ja all­ge­mein nicht so gern, dort schießt man lie­ber Leute tot.

    Und so ein Sommer ist ja auch eigent­lich viel zu warm, um Amok zu laufen.

    Stattdessen soll­te man sei­ne Knarre bei­sei­te­le­gen und mal rein­hö­ren, zum Beispiel auf Amazon.de.

  11. Kreidler - Tank

    Hat man „Torches“ dann zu Ende gehört und fer­tig getanzt und den anschlie­ßen­den Amoklauf auch erfolg­reich hin­ter sich gebracht, möch­te man viel­leicht dann erst mal wie­der sei­ne Nerven ein biss­chen beru­hi­gen. Dafür eig­net sich zum Beispiel das Album „Tank“ der Düsseldorfer Electronica-Formation Kreidler, obwohl ihnen die Kategorisierung als „Electronica-Formation“ ver­mut­lich selbst nicht so recht zusagt, immer­hin hal­ten sie musi­ka­li­sche Schubladen für deplatz­iert und stei­gen somit in mei­ner Achtung beträchtlich.

    Wie man es nun aber nennt, wenn drei Herren aus über­wie­gend elek­tro­ni­schem Instrumentarium Klänge erzeu­gen und damit ein Album fül­len, ist eigent­lich auch nicht wich­tig, Tangerine Dream zum Beispiel wer­den auch abwech­selnd dem Krautrock und „elek­tro­ni­scher Musik“ zuge­ord­net, obwohl da nichts rockt und „elek­tro­ni­sche Musik“ Techno und Popquatsch glei­cher­ma­ßen umfasst, und so ist es bei Kreidler eben auch. Wahr ist, dass Analogien zu Kraftwerk unver­kenn­bar sind, der Umstand, dass Kraftwerk in ihren Anfangsjahren noch anders musi­zier­ten als heu­te, soll­te aber nie­man­den fal­sche Schlüsse zie­hen las­sen. In der Wikipedia ist zu lesen, das Instrumentarium von Kreidler bestehe aus „elek­tro­ni­schen und aku­sti­schen Instrumenten und dem Computer“, und das klingt dann doch wenig­stens schon etwas greifbarer.

    Zum Teil mein­te ich, die Anfangsszene des Stückes „Eraser“ der Nine Inch Nails wie­der­zu­er­ken­nen, aller­dings viel fili­gra­ner und weni­ger bedroh­lich. Kreidler ent­locken ihren Instrumenten, wel­che das kon­kret auch immer sein mögen, hyp­no­ti­sche Klänge. Dabei wird es aber nicht ein­tö­nig, son­dern bleibt abwechs­lungs­reich; frei und schlecht übersetzt:

    Kreidler sind Meister dar­in, Klänge über ein Stück zu legen, bei denen man­nig­fal­ti­ges kyber­ne­ti­sches Pochen (sowohl dun­kel als auch äthe­risch), Bassimpulse (fun­ky oder mar­schie­rend) und Rhythmen (stamp­fend oder kom­plex) ein­ge­führt und ein­ge­wo­ben wer­den. In den Händen ande­rer Künstler wür­de dies unwei­ger­lich zu Durcheinander füh­ren; Kreidlers Geschicklichkeit und Präzision wer­den von der Tatsache bestärkt, dass man noch immer einen ein­zel­nen Eröffnungsklang am Ende eines Stückes erken­nen kann, obwohl vie­le ande­re längst hin­zu­ge­fügt wurden.

    Kreidler machen auf „Tank“ Musik zum Träumen, zum Entspannen, ohne dabei flach und ein­schlä­fernd zu werden.
    Kurz gesagt: Musik für lan­ge Bahnfahrten.

    Hörprobe:
    Das Stück „Kremlin Rules“ lässt sich der­zeit zum Beispiel auf Both Bars On in vol­ler Länge genießen.

  12. Long Distance Calling - Long Distance Calling

    Von deut­scher Instrumentalelektronik (krau­tig) zu deut­scher Instrumentalelektronik (rockig) ist es nicht weit, und die Münsteraner von Long Distance Calling sind sogar so freund­lich, selbst ein Genre vor­zu­schla­gen; denn eine Postrockband wol­len sie nicht sein, statt­des­sen spre­chen sie von „Instrumentalrock“, was sich, glaubt man der offi­zi­el­len Darstellung, eher zufäl­lig erge­ben hat, denn nach­dem man kei­nen geeig­ne­ten Sänger fand, ver­such­te man es dann halt mal ohne und bemerk­te, dass das auch ganz gut klingt. Auf ihrem drit­ten Album „Long Distance Calling“ ist den­noch ein Vokalbeitrag von John Bush (frü­her Anthrax, heu­te Armored Saint) zu hören; damit setzt die Band die Tradition, hier und da eben sol­che Beiträge ein­zu­flech­ten, fort.

    Leider habe ich gera­de kei­nen Link zu einem Blog parat, auf dem das schon mal erwähnt wor­den wäre, also erwäh­ne ich es selbst: „Postrock“ (und alles, was so klingt, als wäre es Postrock) lässt sich unter ande­rem auch ein­tei­len in „mit Gesang“ und „ohne Gesang“. Das sagt aber über die Musik selbst nur wenig aus, denn wäh­rend die ein­gangs rezen­sier­ten und eben­falls instru­men­ta­len Codes In The Clouds zusam­men mit Sigur Rós in höhe­ren Sphären schwe­ben, atmet „Long Distance Calling“ den Geist von A Perfect Circle, Mogwai und ähn­li­chen Musikern, wobei das mit der Ähnlichkeit eigent­lich auch wie­der nicht stimmt, denn was ähn­lich klingt, ist eigent­lich über­flüs­sig. Entscheidend ist das eigen­stän­di­ge Merkmal, und das ist manch­mal nicht so leicht.

    Dieses eigen­stän­di­ge Merkmal ist bei Long Distance Calling jeden­falls, ganz klar, die Stilvielfalt. Groovende Rhythmen tref­fen auf jau­len­de Gitarren, zwi­schen Psychedelic Rock und Progressive Metal, zwi­schen New Artrock und Shoegaze wir­beln die fünf Musiker hin und her, ab und zu lugt auch mal der Stoner Rock vor­sich­tig um die Ecke, nur um sich gleich dar­auf von einer Gitarrenwand wie­der platt­wal­zen zu las­sen. Ich fin­de das gut.

    Hörproben:
    Diverse Musikstücke aus der Bandgeschichte sind auf MySpace zu hören.

  13. The Skull Defekts - Peer Amid
    „Nobody, not­hing, nowhe­re no more, nobo­dy, not­hing no more“ (No More Always)

    Verlassen wir die Pfade instru­men­ta­ler Indiemusik dann erst mal wie­der und wen­den uns erneut Skandinaviens Rockszene zu. Dort, in Schweden, agie­ren zum Beispiel The Skull Defekts. Von The Skull Defekts erklin­gen effekt­rei­che Low-Fidelity-Klangkonstrukte, die manch­mal an Einstürzende Neubauten (eine gute Überleitung zwi­schen „Pyramiden“ und „Neubauten“ bit­te ich mei­ne Leser selbst her­zu­stel­len) und viel mehr noch an Sonic Youth erin­nern. Kaputt im Schädel wird man von dem Kredenzten trotz des Bandnamens übri­gens nicht.

    Nicht jeder lässt sich über­zeu­gen von dem zugrun­de lie­gen­den Konzept, das vor allem Kraft aus dem Prinzip der Wiederholung schöpft, wie es auch bei den eben­falls recht ähn­li­chen The Fall der Fall ist, aber ich bin bekannt­lich eben­falls nicht jeder und fin­de es wie manch ande­rer selt­sam, aber pri­ma. Passend hier­zu ist das Coverbild: Eine Schlange, die sich selbst am Schwanz leckt (errö­te­tes Kichern bit­te unter­las­sen), als Sinnbild der Wiederholung ist eigent­lich ganz gut gewählt. Man den­ke aber gar nicht erst dar­an, „Wiederholungen“ mit „Eintönigkeit“ zu verwechseln!

    Als „Postpunk“ stand „Peer Amid“ mal irgend­wo beschrie­ben, und irgend­ein Genre zu neh­men und „Post-“ davor­zu­schrei­ben ist bekannt­lich ein untrüg­li­ches Zeichen dafür, dass der Rezensent nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. (Alternativ freue ich mich dann schon mal auf die näch­ste Deutschrock-CD, die irgend­ein Rezensionskasper dann „Postschlager“ nennt. Oder so.) Was aber ist es dann?

    Nun, vor allem ist es pri­ma drecki­ge Rockmusik. Ungeschliffen, gara­gig. The Skull Defekts bie­dern sich nicht an, son­dern schleu­dern dem Hörer unge­fragt Gitarren ent­ge­gen. In your face. Vorn dabei: Gastsänger Daniel Higgs, man­chen - mir nicht - viel­leicht bereits als (inzwi­schen ehe­ma­li­ges) Mitglied von Lungfish bekannt, der der ohne­hin schon kraft­vol­len Interpretation mit sei­ner sich naht­los in die Musik ein­fü­gen­den Darbietung das sprich­wört­li­che i-Tüpfelchen hin­zu­fügt. (Habe ich schon Sonic Youth erwähnt?)

    Wer es also auch mal ein wenig roher mag, der könn­te durch­aus viel Gefallen an „Peer Amid“ fin­den; und Freunde der ande­ren erwähn­ten Bands soll­ten eben­falls mal reinhören.

    Hörproben:
    Auf YouTube.com ist unter ande­rem das oben zitier­te „No More Always“ zu hören.

  14. Central Park - reflected
    „I will dry my tears, the won­der will take place“ (Another Part)

    Etwas weni­ger dreckig geht es bei Central Park zu, die mit „reflec­ted“ ihr zwei­tes Album vor­le­gen. Bebildert ist es, pas­send zum Titel, mit einem Fragezeichen, des­sen Schatten ein Ausrufezeichen bil­det; das könn­te bedeu­ten, dass die Antwort auf die mei­sten Fragen bereits in den Fragen selbst zu fin­den ist, das könn­te aber auch ein­fach nur ein hüb­sches Bildchen sein. Wer weiß das schon so genau?

    So müs­sen wir Musikfreunde uns also allein dar­auf ver­las­sen, was wir mit Sicherheit sehen (oder hören) kön­nen, und das ist eine Menge. Central Parks Zweitling ist näm­lich musi­ka­lisch ein ziem­lich zer­ris­se­nes Album. Instrumentalpassagen kingcrim­sonscher Qualität wech­seln sich ab mit AOR und Hard Rock, Sängerin Jannine Pusch into­niert dazu so viel­sei­tig und aus­drucks­stark, dass es eine wah­re Freude ist, und lässt mal die sanf­ten Hölderlin, mal die ehe­mals aus­ge­flipp­ten Eatliz anklingen.

    In dem über 12 Minuten lan­gen „Vision“, das als Stück 5 von 9 genau die Mitte des Albums mar­kiert, wird die­se Zerrissenheit beson­ders deut­lich: Es beginnt mit lang­sa­mem, mehr­stim­mi­gem Gesang, unver­mit­telt set­zen Schlagzeug und Keyboards ein, anschlie­ßend ertö­nen Rufe, die Warnschilder zitie­ren („Do not enter!“, „Private pro­per­ty!“ und was halt auf so Schildern immer drauf­steht), und zwar in Stereo, also abwech­selnd in bei­den Kanälen, damit der Hörer sich nicht zu sehr ent­spannt. Dazu hat er in der fol­gen­den Keyboardpassage etwas Gelegenheit, die von Gesang beglei­tet wird, der Nico-fans feuch­te Träume berei­ten soll­te. Es folgt eine Experimentalphase mit merk­wür­di­gen Schlagzeugeinlagen, Frau Puschs Gesang wird opern­haft, bricht aber ab für eine neue Phase: Mehrstimmiger Sprechgesang über ver­zerr­ter Gitarre/Bass/Schlagzeug. Keyboards set­zen ein, um das Ende die­ses Abschnitts zu mar­kie­ren, Jannine Pusch gibt noch mal kurz die Tarja (aber weni­ger schmerz­haft-jau­lend), Stille. Sanfte Keyboards zu sanf­tem Gesang, sogar für die­se „Castingshows“, die es heut­zu­ta­ge wie­der ren­ta­bel machen, kei­nen Fernseher zu besit­zen, wahr­schein­lich zu seicht, und schon wird der Hörer wie­der von merk­wür­di­gen Klangeffekten umge­ben. Die Rufe ertö­nen wie­der, die Instrumentalabteilung spielt der­weil wie­der die Sprechgesangsszene durch, die Rufe enden, das Lied klingt aus. Oder war es doch ein Hörspiel?

    Allgemein lässt sich über das Album zusam­men­fas­send sagen: Standen bei den Skull Defekts noch die Gitarren im Vordergrund, so sind es bei Central Park Schlagzeug, Orgelklänge und viel Hall. Der Hall ist es auch, der mich auf die­sem eigent­lich fas­zi­nie­ren­den Album am mei­sten stört, denn wäh­rend er etwa in „Vision“ sicher den gewünsch­ten Effekt hat, wirkt er in ande­ren Stücken eher fehl am Platz. Aber so etwas ist sicher­lich auch immer rein subjektiv.

    Weniger sub­jek­tiv sind da die Hörproben:
    Zum Beispiel ist auf YouTube.com ein Video zu „Guns’R’Us“ zu fin­den. Dieses Lied greift, wie auch das Video, das Thema „Kindersoldaten“ auf und ist wirk­lich nicht schlecht.

  15. Skeleton$ - People
    „So I say I try to replace that car­toon in my face, but fuck it!“ (Grandma)

    Dies nun ist der Moment, in dem ich es bereue, oben bereits „Tao of the Dead“ zu mei­nem Sommeralbum des Jahres erklärt zu haben, denn „People“ ist eben­falls wirk­lich sehr, sehr gut. „Avantgarde“ ist ver­mut­lich das Wort, das hier gut passt, befin­det sich das Trio doch so in guter Nachbarschaft mit Bands wie Cheer-Accident, die eben­falls im Avantgarde-Pop ver­or­tet wer­den.

    Obwohl Skeleton$ durch­aus mit­un­ter sehr expe­ri­men­tell musi­zie­ren, wird es den­noch nie blo­ßer Krach, der aus den Lautsprechern schallt. Im Gegenteil wird es oft melo­disch und ein­gän­gig, die Melodie des Stückes „Tania Head“ etwa lässt den ver­sier­ten Musikfreund in Erinnerungen an Pink Floyds „Fearless“ schwel­gen, das die­sem Stück ver­dammt ähn­lich klingt. Andererseits beherr­schen Skeleton$ das Kunststück, jedes Lied stän­dig so klin­gen zu las­sen, als stün­de es kurz vor dem Ausbruch. Sänger Matthew Mehlan, stimm­lich unge­fähr das Gegenteil von Daniel Higgs, klingt der­weil mei­stens so, als hät­te er gera­de guten Sex gehabt und dazu einen eben­falls guten Joint geraucht, gera­de­zu uner­träg­lich ent­spannt eben, was einen inter­es­san­ten Kontrast darstellt.

    Keinesfalls aber bedeu­tet das, dass man von die­sem Album qua­si nur Lärmkaskaden zu erwar­ten hat. Dem bei­na­he neun­mi­nü­ti­gen „Barack Obama Blues“, der gar kein Blues ist und gegen Ende eine Geräuschwand auf­baut, ange­sichts derer von Entspannung kei­ne Rede mehr sein kann, steht zum Beispiel das zurück­hal­ten­de, bei­na­he beat­lesque „No“ gegen­über. Auch „People“ hat also sei­ne - kur­zen - radio­taug­li­chen Momente. (Peter, wie wär’s?)

    Skeleton$ hie­ßen frü­her Skeletons und waren angeb­lich noch expe­ri­men­tel­ler, avant­gar­di­sti­scher, unhör­ba­rer. Ob das Dollarsymbol also für eine Ausrichtung auf kom­mer­zi­el­le­re Musik steht, kann man nur ver­mu­ten, viel­leicht ist es auch als Kritik am all­ge­gen­wär­ti­gen Kapitalismus zu sehen. Letzteres hal­te ich für wahr­schein­li­cher, denn von Massenkompatibilität kann man bei „People“ nicht ohne schlech­tes Gewissen sprechen.

    Der Anspruch an die Hörer wird unter­mau­ert durch den Umstand, dass „People“ ein Konzeptalbum ist; text­lich geht es um Menschen, also um peop­le, und um rea­le Ereignisse. Andreas Hofmann recher­chier­te etwas ausführlicher:

    So geht es z.B. um einen Mann, der am Tag nach Thanksgiving beim mitt­ler­wei­le tra­di­tio­nel­len Black Friday Sale im Walmart zu Tode getram­pelt wur­de („Walmart and the Ghost of Jimm“), „Tania Head“ wie­der­um ist eine Frau, die sich für ihre five minu­tes of fame eine spek­ta­ku­lä­re 9/11-Überlebensgeschichte ein­fal­len ließ, im Opener „L’il Rich“ wird erst ein Opfer von Gang-Gewalt in Mehlans Nachbarschaft besun­gen und gegen Ende eine tra­gi­sche Geschichte auf­ge­grif­fen, in der ein unbe­waff­ne­ter Mann, der eigent­lich einen Tag spä­ter hei­ra­ten woll­te, von der New Yorker Polizei mit 50 Kugeln nie­der­ge­streckt wur­de – alle­samt peop­le eben.

    Steven Wilson hat vor einer Weile gesagt, die Rockmusik sei tot, sie habe nichts neu­es mehr zu erzäh­len. Zum Glück wis­sen Skeleton$ das noch nicht.

    Und daher kann sich der Musikfreund nun an den Hörproben erfreuen:
    „People“ wird via Bandcamp in Gänze als Streaming und zum Kauf angeboten.

  16. Monkey3 - Beyond The Black Sky

    Nach so viel Avantgarde kann man es dann auch mal wie­der kra­chen las­sen. Warum Musik, mit der man es kra­chen las­sen kann, aus­ge­rech­net aus der Schweiz kommt, weiß ich nicht, aber ich ver­mu­te, das liegt an den Bergen.

    Das vier­te Studioalbum der Instrumentalrocker Monkey3 hat, wie auch sei­ne Vorgänger, bereits ein augen­fäl­li­ges Bild (stil­echt mit sti­li­sier­tem Pavian) vor­ne drauf. Der Hörer weiß so schon vor­her: Hausmannskost bekommt er hier nicht. „Typisch Schweiz“ sieht anders aus, mit mehr Gejodel und weni­ger blu­ti­gen Pavianeckzähnen, wobei ich mir spä­te­stens seit Zwegh da auch nicht mehr sicher bin. Die Schweiz macht mir Angst.

    Manchmal ist Angst aber auch ein guter Motor, der den Genuss eines Musikalbums erst so rich­tig för­dert. Ängstlich also ver­stecke ich mich unter mei­ner Bettdecke, wäh­rend die Stoner-Rock-Welle jede Faser mei­nes Daseins davon­zu­spü­len droht, ange­rei­chert mit gele­gent­li­chen elek­tro­ni­schen Klangspielereien, qua­si als psy­che­de­li­sche Ruhe vor dem Sturm. Wer jetzt ein­wen­det, dass Stoner Rock doch grund­sätz­lich immer psy­che­de­lisch sei, der hat Recht und ist ein blö­der Klugscheißer, so.

    Irgendwer war wie­der vor­ei­lig und hat dem Album das Prädikat „Postrock“ („Post-Rock“) ange­tackert. Natürlich ist das, was Monkey3 auf Tonträger ban­nen, post-rock, es zieht also an dem Genrekorsett von Rockmusik fröh­lich win­kend vor­bei, aber wer hier Mogwai oder Slint oder ande­re Postrockbands her­aus­zu­hö­ren ver­sucht, wird kläg­lich scheitern.

    Als Einflüsse karrt die Band unter ande­rem Pelican, aber auch Led Zeppelin her­an. Als Anspieltipp für die­je­ni­gen, die sich nicht vor­stel­len kön­nen, wie das klingt, sei das Stück „Through The Desert“ emp­foh­len, das zwar nicht so schön los­bret­tert wie etwa „K.I“, dafür aber stil­echt mit „Kashmir“-Gitarre auf­war­ten kann.

    Hörproben:
    Reinhören kann man zum Beispiel auf Amazon.de.

  17. Caleya - Trÿmmermensch
    „Bis nichts mehr bleibt außer Zweifel, außer Phrasen …“ (Aporie)

    Peter, dem Scheißkerl (Peter über Peter), ist so man­ches Fundstück der letz­ten Jahre zu ver­dan­ken. Auch das Album „Trÿmmermensch“ der Hamburger Formation Caleya zählt dazu.

    Regelmäßigen Lesern mei­ner Halbjahresrückschauen soll­te die Kombination aus düste­ren Texten und eigen­ar­ti­gen Liedtiteln (hier „Aporie“, „Archetyp“, „Akrasia“ und noch drei so Titel) bereits von The Hirsch Effekt bekannt vor­kom­men, und tat­säch­lich gibt es da gewis­se Parallelen: Gemeinsames Touren, auch bereits eine gemein­sa­me CD (das Stück „Amygdala“ stammt von die­ser „Split“-EP), und pro­du­ziert wur­de „Trÿmmermensch“ von Nils Wittrock, Sänger bei The Hirsch Effekt. Wer nicht gera­de die „Screamo“-Begriffsbildung aus der Mottenkiste längst abge­lutsch­ter Genrebezeichnungen kramt, der nennt das, was Caleya hier auf Tonträger pres­sen lie­ßen, „Post-Hardcore“, und hät­te ich oben nicht schon aus­führ­lich über der­ar­ti­ge Bezeichnungen gelä­stert, ich wür­de es jetzt glatt noch mal tun.

    Aber die Post geht tat­säch­lich ziem­lich ab auf „Trÿmmermensch“. Deutsche Texte wir­ken für Muttersprachler noch emo­tio­na­ler, wenn sie nicht gelang­weilt dahin­ge­sun­gen, son­dern ver­zwei­felt ins Ohr gebrüllt wer­den, und das beherrscht man in Hamburg genau so präch­tig, wie man eben auch ganz anders kann:

    Durch das Gebrüll von Sänger Tobi wird der chao­ti­sche Anstrich ver­stärkt, wobei sich die gesuch­te Harmonie in der Verwendung von pro­gres­si­ven Elementen aus­zeich­net. Diese erschei­nen wie Löcher in den noi­si­gen Riffs und erzeu­gen einen Kontrast, wäh­rend das Gebrüll ganz zum Erliegen kommt und von melo­di­schen, instru­men­ta­len Parts, Gesang oder kur­zen, gespro­che­nen Passagen abge­löst wird. Nach einer musi­ka­li­schen Steigerung kommt es zur Entladung, zu der der Gesang wie­der zum Gebrüll über­geht. Die Songs unter­schei­den sich dabei im Muster zwi­schen den lau­ten und lei­sen Teilen und über­ra­schen in der­sel­ben Weise, wie der Einsatz unter­schied­li­cher Instrumente, wie der eines Glockenspiels, einer Geige oder eines Xylophons.

    Kein Zweifel: Wäre „Trÿmmermensch“ ein Hörspiel, man wür­de die Trÿmmer förm­lich flie­gen hören. Volle Kanne Emotion, Depression. Aber ich schät­ze, jeder Leser die­ser Zeilen hat manch­mal das Bedürfnis, ein­fach nur laut zu schrei­en. Dies ist die Musik dazu.

    Reinhören und mitschreien!
    Das geht zum Beispiel auf MySpace, wo auch eini­ge älte­re Musikstücke von Caleya blöd rumliegen.

  18. Unexpect - Fables of the Sleepless Empire
    „A lun­a­tic exor­cism of impul­si­ve litera­ry stings, ser­ving the untain­ted delight of devious cun­nings“ (Words)

    Verglichen mit Caleya sind Unexpect bei­na­he schon zurück­hal­tend. Wohlgemerkt: Dies ist aus­drück­lich als Vergleich zu wer­ten!; denn Ambientlandschaften sind auf „Fables of the Sleepless Empire“ nicht zu fin­den. Kein Wunder ist es ein schlaf­lo­ses Reich bei dem Krach.

    Laut Eigenbeschreibung machen die Kanadier avant-gar­de clas­si­cal fusi­on expe­ri­men­tal pro­gres­si­ve metal, und wen das nicht an die Labelkollegen von den Stolen Babies („prog-pop-caba­ret-thrash-quir­ky-goth-rock“) erin­nert, der hat eini­ges nach­zu­ho­len, aber ich erklä­re es ihm dann trotz­dem mal, schließ­lich wol­len wir ja auch alle irgend­wann noch mal ein wenig vor­an­kom­men hier:

    Sanfte Gitarrenlaute, Streicher fie­deln irgend­was ver­träum­tes vor sich hin, sie stei­gern sich, Schlagzeug und Gesang (weib­lich) set­zen ein. „On the Right, words bleed in deli­cious erra­tic moti­ons / to waltz and lun­ge deeply onto the frail paper dun­ge­ons“, Gesang endet, grow­ling tritt an sei­ne Stelle, die Kapelle spielt fein­stes Thrash-Hardcore-Irgendwas, wäh­rend die Frau ihre gewohn­te Stimme wie­der­fin­det, und so ähn­lich geht es dann noch eine Weile wei­ter, immer noch ein biss­chen abge­dreh­ter, qua­si schril­ler, und vor allem lau­ter. Das Lied heißt „Words“ und ist nur ein will­kür­lich her­aus­ge­pick­tes Beispiel. Seit dem Vorgängeralbum „In A Flesh Aquarium“ von 2006 hat sich im Hause Unexpect erfreu­lich wenig geän­dert, die bewähr­ten Rezepte erge­ben noch immer ein her­vor­ra­gen­des Süppchen. Über den Vorgänger war zu lesen:

    Black-Metal Gitarren, raus­ge­rotz­ter Gesang und Geröchel, das Tempo wei­ten­teils am Anschlag, Geknüppel bis der Arzt kommt… und plötz­lich engels­glei­cher Gesang von Leïlindel, und plötz­lich Teufelsgeiger, und plötz­lich läs­si­ge Piano-Läufe, und plötz­lich Electronic-Sounds, und plötz­lich bur­les­ker Walzer, und plötz­lich spin­ner­te Dada-Ideen… Schliesslich gibt es noch eine Portion „Gothic“, ein klas­si­sches Streich-Konzert, Bombast-Momente, Breaks, Stil- und Rythmusbrüche, (wo kommt denn der Dudelsack her?), Filmmusik und und und.

    „Dada“ regiert auch in den Texten. „Heroic Icons of the vege­ta­ble supre­ma­cy; a mistrea­ted gar­den, their ulti­ma­te pur­ga­to­ry“ heißt es etwa in „Orange Vigilantes“. Nicht zu viel dar­über nach­den­ken, man bekommt nur Kopfweh davon. Obwohl bei­na­he sämt­li­che Attribute, die im zitier­ten Text genannt wur­den (den Dudelsack habe ich noch nicht über­prüft), auch auf „Fables of the Sleepless Empire“ zutref­fen, ist all die­ses Durcheinander doch hier bei­na­he als geord­net zu bezeich­nen. Zugänglicher als „In A Flesh Aquarium“ ist es alle­mal. Unexpect haben ein Gespür dafür ent­wickelt, an wel­cher Stelle wel­che Form der Komplexität ange­mes­sen ist. (Wer jetzt „Zugänglichkeit“ und „weni­ger Komplexität“ mit simp­len Strukturen ver­wech­selt, ist selbst schuld.)

    Der Avantgarde-Anstrich von Unexpect soll­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass es sich vor allem um eine Progressive-Metal-Formation han­delt. Die Betonung liegt hör­bar auf dem „Metal“. Ideale Reihenfolge eigent­lich: Erst dem unge­lieb­ten Mitmenschen mit Unexpect qua­si aufs Maul hau­en und dann mit Caleya betrübt dar­über sein. Verdammt - jetzt habe ich es ver­kehrt her­um auf­ge­schrie­ben. Also erst betrübt sein und dann aufs Maul hauen.

    Und wer nicht füh­len will, muss hören:
    Das kom­plet­te Album wird auf bandcamp.com als Stream ange­bo­ten. Also streamt fleißig!

  19. The Nerve Institute - Architects of Flesh-Density

    Zum Abschluss der Hauptliste noch ein wenig (Avant-)Jazzrock. „Architects of Flesh-Density“ ist nach eige­ner Aussage bereits das ach­te auf­ge­nom­me­ne Album des Multiinstrumentalisten und Sängers Mike Judge, aber das erste als The Nerve Institute ver­öf­fent­lich­te. Ihm gehen, wie er unlängst erwähn­te, die Namen irgend­wann auf den Keks, also denkt er sich immer mal wie­der einen neu­en aus. (Mein Lieblingszitat aus dem Interview ist, dass er mit sei­nem kom­plet­ten Alleingang ver­mei­den will, zum Miniaturhit­ler in einer Band zu wer­den, obwohl er doch eigent­lich viel grö­ßer sei als Hitler und schö­ne­re Haare habe. Wenn das ein deut­scher Künstler sagen wür­den täte, hagel­te es Buhrufe. Hach, die­se Musiker.)

    The Underground Railroad und Frank Zappa sind dem „Waschzettel“ zum Album in Fettdruck zu ent­neh­men, Mike Judge selbst erwähnt in besag­tem Interview zudem ins­be­son­de­re den sym­pho­ni­schen Progressive Rock (Yes u.a.) und, dar­auf auf­bau­end, die RIO/Avant- und frü­he Zeuhl-Szene (Henry Cow, Univers Zéro) als Künstler, die ihn beson­ders beein­druckt haben.

    Das Ergebnis klingt dann auch genau so: Der Jazzrock von Yes in der „Relayer“-Phase oder jeden­falls von King Crimson paart sich mit fet­zi­gem Canterbury. Ach, und mit Frank Zappa. (Man stel­le sich das bit­te ange­sichts des Todes Herrn Zappas gera­de mal nicht bild­lich vor.) „Klingt wie: Deformieren & refor­mie­ren“, so steht’s auf des Künstlers MySpace-Seite.

    Bei der Durchsicht der track list bleibt das Auge womög­lich auf dem Titel „Die neue mori­tat…“ haf­ten. Tatsächlich bezieht sich die­ser Titel weni­ger auf Bertolt Brechts „Moritat von Mackie Messer“ als viel­mehr auf G. W. Pabsts Verfilmung der­sel­ben. Der anschlie­ßen­de Titel „La jalou­sie“ wie­der­um nimmt direkt Bezug auf Alain Robbe-Grillets Novelle glei­chen Namens. Kultur kann Mike Judge jeden­falls trotz sei­ner Herkunft schon ganz gut.

    Ich bin gespannt, wel­chen Namen sich der Herr als näch­stes aus­denkt; bedenkt man, dass jeder Name auch einen Stilwechsel mit sich brach­te, hof­fe ich jeden­falls, dass dies nicht das ein­zi­ge Album als The Nerve Institute bleibt.

    Hörproben:
    Auszüge aus sei­nem Schaffen prä­sen­tiert der Musiker auf MySpace.

Das soll dann für die­ses Halbjahr auch erst mal wie­der rei­chen mit Kaufbefehlen. Es fol­gen nun die Kostenlosherunterladbefehle:

2. Von wegen Kommerz.

  • Our Ceasing Voice - When The Headline Hit Home

    Die vier Österreicher, die 2009 eine(n) pri­ma Debüt-EP vor­leg­ten und mich seit­dem auf Last.fm immer mal wie­der auf dem Laufenden hiel­ten, haben dann jetzt auch mal ein rich­ti­ges Album vor­zu­wei­sen; die Laufzeit beträgt fast eine Stunde, und das sol­len man­che die­ser „rich­ti­gen Alben“ von ande­ren „Künstlern“ erst mal schaffen.

    Andererseits ist das im Postrock - und dort füh­len sie sich hör­bar (ist „hör­lich“ eigent­lich das Gegenstück zu „sicht­lich“?) wohl - auch weni­ger schwer als in ande­ren Genres, allein das Stück „The Only Ones Dead (And Those Who Are Forgotten)“ bringt es bei­na­he auf neun Minuten.

    Fast völ­lig instru­men­tal wech­seln Our Ceasing Voice auf „When The Headline Hit Home“ zwi­schen Laut und Leise, Breitwand und Tal hin und her. Meine Damen und Herren, dies jeden­falls ist Postrock. Kann man nicht anders sagen. Kostet nix, ist aber jeden Preis wert.

    Runterholen kann man sich’s auf dem band­ei­ge­nen Webserver und natür­lich via eMule.

  • The Echelon Effect - Seasons 1/4

    Darüber, dass es sich bei „Seasons Part 1“ um eine(n) EP, also um ein „Album“ mit eher kur­zer Laufzeit, han­delt, sehe ich aus­nahms­wei­se hin­weg, denn ambi­tio­niert ist es auf jeden Fall, was David Walters mit Hilfe des Schlagzeugers Steve Tanton hier in die Tat umsetzt, näm­lich den Auftakt zu einer vier­tei­li­gen Serie von „Jahreszeiten“-Kompositionen. Teil 1: Frühling. (Der „Sommer“-Teil 2 ist bereits ange­kün­digt.)

    Jahreszeiten musi­ka­lisch umzu­set­zen hat manch einer schon in der Grundschule nicht mehr son­der­lich gern gemocht, David Walters macht das frei­wil­lig und sehr gut. Man spürt förm­lich, wie die Erde aus dem Winterschlaf erwacht, schrieb anders­wo ein gewis­ser „Chris“ hierzu.

    Schon wie­der instru­men­ta­ler Postrock also, aber zer­brech­li­cher als der der Herren Our Ceasing Voice.
    Wie wohl der Sommer klin­gen wird?

    Herunterladen wird jeden­falls mei­ner­seits wärm­stens emp­foh­len, und zwar auf bandcamp.com oder via eMule.

  • Jardín de la Croix - Ocean Cosmonauts

    Der unter eige­ner Verantwortung auf­ge­nom­me­ne und ver­kauf­te Vorgänger „Pomeroy“ fand bereits loben­de Erwähnung, das neue Album „Ocean Cosmonauts“ konn­te die spa­ni­sche (!) Band Jardín de la Croix mit­hil­fe der Plattenfirma Noma Records auf­neh­men. Kommerzialisierung sieht aber anders aus, denn obwohl Noma Records jetzt auch hüb­sche CD-Verpackungen für die Musik anbie­tet, bleibt sel­bi­ge doch einzigartig.

    Es ertönt rein instru­men­ta­ler Mathrock mit kom­ple­xen Rhythmen und gele­gent­li­chen Postrock-Zitaten. Anhänger von Rush kom­men eben­so auf ihre Kosten wie all jene, die Robert Fripps selt­sa­me Experimente in den 1980er Jahren zu wür­di­gen wis­sen, gera­de auch hin­sicht­lich der Gitarrenarbeit von Ander Carballo und Pablo Rodríguez. Der neue Bassist Carlos Schonert lei­stet eben­falls her­vor­ra­gen­de Arbeit.

    Im Internet ist zu lesen, „Ocean Cosmonauts“ sei stel­len­wei­se lang­wei­lig, weil zu lan­ge auf dem glei­chen Thema her­um­ge­rit­ten wer­de. Gerade das aber befä­higt die­ses Album dazu, sich sowohl zur Beschallung stil­ler Momente als auch dazu zu eig­nen, neben­bei (qua­si zum Bügeln) gehört zu wer­den, ohne wirk­lich anstren­gend zu wer­den. Sollte man mal aus­pro­biert haben.

    Bezugsquellen: Das Album ist unter ande­rem auf jardindelacroix.com sowie via eMule herunterladbar.

„Wie, war das schon alles?“, fra­gen jetzt die Leser. „Nein“, ant­wor­te ich, „denn es folgt eine Sondervorstellung zwei­er Musikalben, die aus unter­schied­li­chen Gründen kei­ne Erwähnung in den bei­den Listen oben fin­den konnten.“

3. Aus dem Abseits…

  • Hand aufs Herz - Der Soundtrack

    Dieser sound­track hat aus zwei Gründen kei­nen Platz auf der Hauptliste gefun­den: Zum Einen ist er eben kein „Album“ im eigent­li­chen Sinne, zum Anderen ist das eigent­lich nicht mal mei­ne Musik. Aber irgend­wie hat die­se Sammlung von Pop-Coverversionen aus der Sat.1-Serie „Hand aufs Herz“ (ich berich­te­te) etwas Warmes, Angenehmes an sich.

    Sicher hat ein sol­ches Album auch ein paar Totalausfälle vor­zu­wei­sen, wel­cher Musikfreund will schon „Sympathy For The Devil“, von Mädchen into­niert, hören?, aber es hat auch ver­dammt gute Momente, und das sage ich trotz nach­ge­wie­se­ner Männlichkeit und eigent­lich ganz pas­sa­blen Musikgeschmacks. Immerhin ist „Talkin‘ ‚bout a revo­lu­ti­on“ auch drauf.

    Obwohl ich anson­sten selbst dazu nei­ge, Musik nach ihren Umständen zu beur­tei­len, ohne sie über­haupt gehört zu haben, rate ich in die­sem Fall drin­gend davon ab. Wahrlich nicht übel.

  • Elias Schwerdtfeger - Temple of Void

    Aufgrund per­sön­li­cher Sympathie nicht objek­tiv und daher abseits der Liste emp­feh­le ich dann auch mal dies hier: Dem weich­ge­spül­ten Wohlklang obi­gen sound­tracks ste­hen die elek­tro­ni­schen Klangeffekte Herrn Schwerdtfegers ent­ge­gen. Der „Temple of Void“, der „Tempel des Nichts“ also, ist eine Metapher für Konsumtempel. Nein, Konsum mag der Künstler nicht. (Darum gibt’s das Album auch kom­plett für lau, wobei auf­grund sei­ner, des Künstlers, Lebensumstände eine klei­ne bis gro­ße Spende emp­feh­lens­wert ist.)

    Düster-nihi­li­sti­sche Musik mit gele­gent­li­cher Textbeilage, pro­du­ziert unter Zuhilfenahme eini­ger defek­ter Geräte; das klingt nur teil­wei­se nach den Einstürzenden Neubauten, vor allem klingt es nach einer Vertonung der Tristesse, die unver­meid­lich scheint, wenn man im Raum Hannover lebt. Die Verwurzelung im Weltlichen zeigt auch das Coverbild, ein „Frosch spucken­des Lamm“ aus einer Publikation der Zeugen Jehovas, das den Irrsinn einer jeden Religion anschau­lich vorführt.

    Trotzdem bzw. gera­de des­halb: Nichts für schwa­che Nerven.

Genug des ange­neh­men Teils!
Kommen wir zum unan­ge­neh­men Teil, näm­lich einer Auflistung der weni­ger erquicken­den Produkte der Musikindustrie im 1. Halbjahr 2011, bei deren blo­ßer Erwähnung sich mit­un­ter schon ein leich­tes Unwohlsein ein­stellt, wes­halb ich mich, wie üblich, kurz fasse:

4. … in den Müll.

  • The Megaphonic Thrift - Decay Decay
    Warum die Kopie? Lieber gleich The Strokes, da nervt der Gesang auch weniger.
  • Low Anthem - Smart Flesh
    Klingt wie ein unehe­li­ches Kind von Tindersticks und einem unbe­kann­ten „DSDS“-Teilnehmer, der Cat Stevens covert.
  • Radiohead - The King of Limbs
    Eine Diskussion in der [prog­rock-dt]-Liste brach­te es auf den Punkt: Radiohead muss man nicht mögen. Das ist gut, dann ver­zich­te ich dan­kend auf die­sen schreck­li­chen Krach.
  • Van der Graaf Generator - A Grounding in Numbers
    Die Herren haben zwar nicht die Atmosphäre, aber ihren Biss ver­lo­ren. Schade.
  • Esben and the Witch - Violet Cries
    Für Freunde lang­sa­men Nico-Gedächtnisschmalzfolks und Peter bestens geeignet.
  • Beady Eye - Different Gear, Still Speeding
    Sollte Liam Gallagher eines Tages ster­ben, dann wohl an einer Überdosis John Lennon, den er hier noch über­flüs­si­ger als sonst kopiert; Ich habe beim Hören die­ses Albums immer Angst, dass gleich Yoko Ono reinkreischt.

2011 brach­te aber nicht nur vie­le gute (und eini­ge scheuß­li­che) Musikalben mit sich, son­dern mar­kiert auch 40 Jahre 1971, qua­si ein Jubiläum vom „Jahr 1 nach den Beatles“. Und was sich seit­dem so getan hat, lest ihr hier:

5. Reise durch die Zeit.

  • Vor 40 Jahren:
    Jethro Tull - Aqualung
    Die Beatles waren 1971, wie gesagt, längst Geschichte. Die Welt begann also, sich eine ande­re Musikrichtung aus­zu­den­ken, die man fort­an toll fin­den soll­te. The Velvet Underground bra­chen aus­ein­an­der, ihre spä­te­re Bedeutung für die Rockmusik soll­te aber erst viel spä­ter ent­deckt wer­den. In Deutschland blüh­te der „Krautrock“ gera­de auf, sowohl Ton Steine Scherben als auch Faust ver­öf­fent­lich­ten ihre Debütalben. In London hat­ten sich bereits 1969 drei afri­ka­ni­sche Musiker als Osibisa zusam­men­ge­schlos­sen und wir­bel­ten 1971 mit ihren ersten bei­den Alben, die von afri­ka­nisch-kari­bi­scher Rockmusik domi­niert wur­den, die LP-Hitparaden durch­ein­an­der. Ebenfalls aus Großbritannien stam­men die bekann­te­ren Jethro Tull, die mit „Aqualung“ 1971 mal eben einen „wesent­li­chen Meilenstein der Rockmusik“ vor­leg­ten, wie man­che Kritiker es zu nen­nen pfle­gen. Zwar ist „Aqualung“ anders als die spä­te­ren „Thick as a Brick“ und „A Passion Play“ kein Konzeptalbum, the­ma­tisch aber sind in den Texten har­sche Gesellschafts- und vor allem Religionskritik zu fin­den. God, he sto­le the hand­le, and the train, it won’t stop going, no way to slow down. Zahlreiche Nachahmer spä­te­rer Jahre spre­chen eigent­lich für sich.
  • Vor 30 Jahren:
    King Crimson - Discipline
    Die Musikwelt hat­te sich 1981 wie­der vor­sich­tig auf die eige­nen Beine gestellt. Die Buggles hat­ten Yes wie­der ver­las­sen, um sich ihrem zwei­ten und letz­ten Album, pas­send „Adventures In Modern Recording“ beti­telt, zu wid­men, und auch sonst schien alles nach Plan zu ver­lau­fen. Robert Fripp fand das aber blöd. King Crimson betrach­te­te er bereits seit Jahren als nicht mehr exi­stent, statt­des­sen zog er mit wech­seln­den Musikern, unter ande­rem David Byrne, durch die Lande und begann immer neue musi­ka­li­sche Experimente. Mit der League of Gentlemen mach­te er bereits 1980 („God Save the Queen/Under Heavy Manners“) typi­schen kom­ple­xen, den­noch tanz­ba­ren 80er-Jahre-New-Wave. Auf Grundlage die­ser Erfahrungen begab sich Robert Fripp noch im sel­ben Jahr auf die Suche nach Musikern, mit denen gemein­sam er „impro­vi­sier­te Tanzmusik“ machen woll­te. Schlagzeuger Bill Bruford, zuvor unter ande­rem bei Genesis, Yes und King Crimson aktiv, schloss sich an, es folg­ten Bassist Tony Levin und Gitarrist Adrian Belew. Unter dem Namen Discipline ging man also auf Tour, benann­te sich aber, wohl auch aus markt­stra­te­gi­schen Gründen, bald in King Crimson um; mit zwei von vier ehe­ma­li­gen King-Crimson-Musikern immer­hin ein nicht all­zu abwe­gi­ges Unternehmen. Dass die neu­en King Crimson mit den mysti­schen Texten von Peter Sinfield, dem kom­ple­xen Jazzrock von Alben wie „Lizard“ und dem Progressive Rock als sol­chem vor­erst nicht mehr viel zu tun hat­ten, täuscht aber nicht dar­über hin­weg, dass sich hin­ter dem mit­un­ter trocken wir­ken­den Klanggebilde „Discipline“ viel Komplexität ver­birgt, etwa in den poly­me­trisch ver­setz­ten Gitarrenläufen der bei­den Gitarristen. Das Ziel Robert Fripps schien jeden­falls erreicht, bis sich die Formation 1986 nach nur drei gemein­sa­men, ein­an­der recht ähn­li­chen Alben vor­erst wie­der auflöste.
  • Vor 20 Jahren:
    Mr. Bungle - Mr. Bungle
    Das Ende der furcht­ba­ren musi­ka­li­schen Dekade war gleich­zei­tig der Beginn einer bis dahin unge­kann­ten Befreiungsbewegung. Die in den 80-ern erlern­ten elek­tro­ni­schen Techniken zur Klangerzeugung dien­ten nun der Kreation neu­er Spielarten von Rock- und Popmusik. So erfan­den Slint mit Alben wie „Spiderland“ qua­si das, was Rezensionskasper heut­zu­ta­ge „Postrock“ nen­nen. The Fall nah­men mit „Shift-Work“ ein sehr eigen­ar­ti­ges Album auf, das Remineszenzen an den New Wave eben­so beinhal­te­te wie den band­ei­ge­nen Experimentalrock der Marke The Velvet Underground. Die Goldenen Zitronen streck­ten der deut­schen Punkszene mit dem Album „Punkrock“ den Mittelfinger ent­ge­gen. Mike Patton und sei­ne Mitstreiter von Mr. Bungle erklär­ten der­weil Irrsinn zum musi­ka­li­schen Stilmittel, und das nicht nur musi­ka­lisch, denn die selt­sa­me Mischung aus Jazzrock, Hardrock, RIO und Pop (Pop!) wird ergänzt von dem längst berüch­tig­ten, oft irren Gesang Mike Pattons, der auch mal in bester Boygroup-Manier (!) Zeilen singt wie etwa: My hand gets tired and my dick gets sore, but the girls of porn want more. Explizite Lyrik, sozu­sa­gen. Gesang, Bass, Gitarre, zwei Saxofonisten und ein DJ. Mit dem Nachfolger „Disco Volante“ haben Mr. Bungle dann noch eine Schippe drauf­ge­legt. Man ist geneigt, sich zu fra­gen, wie­so die ein­zi­gen Adaptionen die­ses radi­kal ande­ren Stils (etwa Fantômas) aus den eige­nen Reihen stam­men, ist sich doch sonst auch nur sel­ten ein Nachwuchsmusiker zu scha­de, Altbekanntes neu auf­zu­wär­men. Um so fester bleibt aber die Einzigartigkeit von Mr. Bungle in der Musikgeschichte ver­an­kert. Auch nicht schlecht.
  • Vor 10 Jahren:
    TSOL - Disappear
    Gemessen an der Kreativität der 90-er Jahre waren die „Nuller“ zwar pro­duk­tiv, aber doch nur wenig erfin­de­risch. Yes‘ Album „Magnification“ zeig­te, dass der „klas­si­sche“ Progressive Rock nicht tot war, er hat­te sich nur ver­steckt. Währenddessen ent­wuchs der „Indie-Rock“ den Kinderschuhen, die im Jahr 2000 gegrün­de­ten Yeah Yeah Yeahs hat­ten zwar einen blö­den Namen aus­ge­wählt, brach­ten aber mit dem selbst­be­ti­tel­ten und viel zu kur­zen Erstling einen beacht­li­chen Tonträger unter die Leute, das Debütalbum „Fever to Tell“ folg­te zwei Jahre spä­ter. Bereits seit 1978 exi­stier­te die Hardcore-Punkband TSOL, die zwi­schen­zeit­lich, wie vie­le ande­re Bands auch, damit zu kämp­fen hat­te, dass nach zahl­rei­chen Umbesetzungen die Gründungsmitglieder wie­der zusam­men­fan­den, die Namensrechte an TSOL jedoch ihren „Nachfolgern“ gehör­ten. Etwas aus­führ­li­cher doku­men­tiert ist das in der Wikipedia. 1999 jeden­falls konn­ten die­se Probleme aus der Welt geschafft wer­den, und man ging wie­der auf Tour. 2001 folg­te, qua­si als „Comeback“, das Album „Disappear“, auf dem man sei­nen Wurzeln treu blieb; die musi­ka­li­sche Ähnlichkeit mit Bad Religion, mit denen die Band befreun­det war, ist unver­kenn­bar. Der Punk folg­te in den fol­gen­den Jahren mehr und mehr kom­mer­zi­el­len Pfaden, als selbst MTV ent­deckt hat­te, was für ein Potenzial in die­ser Musik steckt, TSOL inter­es­siert das aber bis heu­te nicht. Es ist selt­sam, dass Punk noch Jahrzehnte nach den Sex Pistols erst dann media­le Aufmerksamkeit erhält, wenn er das Dreckigsein und somit sei­nen Geist auf­gibt. („Opel-Gang“ von den Toten Hosen etwa fand erst groß­flä­chi­ge Beachtung, nach­dem die Band sich vom kom­pro­miss­lo­sen Punk abge­wen­det hat­te.) Dass das aber auch für ande­re Musikstile gilt, steht außer Frage, der „Geschmack der Massen“ ist eben nicht immer das, was die Masse mag, son­dern das, was nach der Meinung ein­zel­ner Schlips tra­gen­der Entscheider in der Masse auf die gering­ste Missgunst trifft. Schade. Auch des­halb soll­te man TSOL noch ein wenig häu­fi­ger prei­sen. Ich habe das dann jetzt mal erledigt.

Und damit sind wir auch schon am Ende des 1. Halbjahres ange­langt. Das 2. Halbjahr beginnt mit Yes, das ist jetzt schon klar. Einige Alben von 2011 schlum­mern auch noch unge­hört in mei­nem Fundus und wer­den gege­be­nen­falls nach­ge­reicht. Was sonst noch kommt? Wir wer­den sehen!

Sollte ich der­weil ein bereits erschie­ne­nes, hörens­wer­tes Album über­se­hen haben, so bit­te ich viel­mals um Verzeihung und um ent­spre­chen­den Hinweis, auf dass ich die­sen Fauxpas bald­mög­lichst aus­zu­bü­geln kann.

Ansonsten hof­fe ich, dass ihr, die ihr dies hier lest, in mei­ner wir­ren, abschrecken­den Musikauswahl auch eini­ge Perlen ent­deckt, die euch genau so gut gefal­len wie mir.

Rückmeldung ist jeder­zeit willkommen.

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Senfecke:

  1. Komme im Moment nicht dazu, mir alles durch­zu­le­sen. Aber Deiner Wortwahl, wie

    …ich hof­fe, dass sie nicht jedem von euch blo­ßes Miss­fal­len bereitet…

    …in mei­ner wir­ren, abschre­cken­den Musikauswahl…

    sind Zweifel, Selbstzweifel, wenn nicht sogar Panik zu entnehmen.

    • Ich nen­ne es gebo­te­ne Zurückhaltung. Entsprechend ver­nich­ten­den Kommentaren ver­su­che ich so schon vor­her die Grundlage zu entziehen.

    • Bis jetzt war der Versuch der­ma­ßen klas­se, dass nicht mal dem ande­ren Tux ein ver­nich­ten­der Kommentar ein­ge­fal­len ist

  2. Erfüllt die­ser Beitrag nicht irgend­wel­che Straftatbestände? Mannomann, ich lese seit drei Tagen und bin immer noch nicht durch. Längste Blogpost Ever. Habe mir aber mal eini­ge Bands die ich so noch nicht kann­te, instapapert.

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