KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2017 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 18 von 23 der Serie Jahresrückblick

Ach, wie haben sich die Leute doch gefreut, als das für Musiker erstaun­lich töd­li­che Jahr 2016 ein Ende nahm. Ich war­te­te mit der musi­ka­li­schen Jahresrückschau 2016 also sicher­heits­hal­ber bis Januar - und am Tag dar­auf wur­de der Tod John Wettons ver­mel­det. Ebenso hat die­ses Jahr bis­her Chuck Berry, Allan Holdsworth und sicher noch ein paar bemer­kens­wer­te Musiker sozu­sa­gen auf dem Gewissen. Das macht doch alles kei­nen Spaß mehr.

Und wie immer, wenn ich den Spaß zu ver­lie­ren mei­ne, hilft - der Ironie bin ich mir bewusst - Musik, den rech­ten Pfad wie­der­zu­fin­den. Es fol­gen kon­se­quent die pri­ma­sten Musikalben des ersten hal­ben Jahres 2017 abzüg­lich der bereits zuvor the­ma­ti­sier­ten neu­en Alben von Buckethead, Pontiak und All Them Witches. Ich emp­feh­le alles Weitere den jewei­li­gen Artikeln zu entnehmen.

Es gibt dies­mal ein paar Besonderheiten zu ver­mel­den: Verzichtet wird dies­mal aus Motivationsgründen auf die Rückschau auf die letz­ten 40 Jahre sowie ab sofort auf die „Schrott“-Rubrik, denn das Leben ist zu kurz, um sich mit schlech­ter Musik zu beschäf­ti­gen. Man ver­zei­he mir die aus­nahms­wei­se Kürze der Hauptliste - am Ende des Jahres gibt es um so mehr nach­zu­ho­len. Die Rezession macht vor nie­man­dem Halt.

Gerade des­halb: Einen Kopfsprung gewagt!

1. Hörstu!

  1. Endless Floods - II

    Im November 2014 erschien mit „The Endless River“ das letz­te und mit gro­ßem Abstand lang­wei­lig­ste Studioalbum der sicher­lich nicht ganz unbe­kann­ten Artrockband Pink Floyd. Mit die­sem Album haben Endless Floods nichts gemeinsam.

    Vielmehr han­delt es sich bei die­sen um einen Abkömmling der fran­zö­si­schen Drone-Metal-Gruppe Monarch (auch: Monarch!), mit der sie zwei Mitglieder, aber auch sti­li­sti­sche Besonderheiten tei­len. Dem unbe­streit­ba­ren Fakt, dass fran­zö­si­scher Gesang in guter Musik höch­stens iro­nisch etwas zu suchen hat, steht beru­hi­gend ent­ge­gen, dass auf „II“, dem zwei­ten Vollzeitalbum von Endless Floods, nicht beson­ders viel gesun­gen wird, was das Album selbst um so inten­si­ver macht.

    In den drei - na gut, zwei­ein­halb - Stücken auf „II“, von denen das erste („Impasse“) allein über 24 Minuten lang ist, geht es näm­lich recht dicht zu. Kolossale Drones, die sich lang­sam aus dem Lautsprecher schie­ben, wer­den von einem gei­ster­haf­ten Schlagzeug und ver­zerr­ten, Gänsehaut erzeu­gend ver­zwei­fel­ten Schreien, zu denen es bestimmt auch irgend­wo einen nach­les­ba­ren Text gibt, beglei­tet. Gegen Ende des Stücks, das zwi­schen­durch so lang­sam wird, dass es bei­na­he zum Stillstand kommt (zum ersten Mal recht früh nach etwa vier Minuten), nimmt die Gitarre doch ein wenig Fahrt auf, was vom selt­sa­men zwei­mi­nü­ti­gen Interludium „Passage“ (im Wesentlichen gänz­lich unauf­ge­reg­tes Fingerpicking) nur kurz unter­bro­chen wird.

    „Procession“, mit 19:30 Minuten Laufzeit aber­mals recht lang, macht musi­ka­lisch da wei­ter, wo „Impasse“ auf­ge­hört hat: Unterlegt von einem Grollen, dies­mal jedoch ohne wei­te­re Stimmbeteiligung, errich­tet die Rhythmusabteilung von Endless Floods ein dro­hen­des Fundament, über dem die Gitarre sich end­lich auch ein­mal auf kur­ze Noise-Ausflüge - soll hei­ßen: ordent­lich ver­zerr­ter Krach - bege­ben darf. Insgesamt jedoch sind die­se sicher­lich nicht die Essenz von „II“, son­dern es ist die schie­re Emotionalität, die Drone-Metal wie die­ser sie nun ein­mal besitzt. Intimität ohne Gesäusel. Ich mag das.

    Reinhören: „II“ gibt es zur­zeit als Download und auf Vinyl-LP sowie Kassette zu kau­fen, auf Bandcamp.com gibt es wei­te­re Informationen sowie einen voll­stän­di­gen Stream vom Album.

  2. The Tiger Lillies - Cold Night in Soho
    „If you want to win, take hero­in!“ (Heroin)

    Das bri­ti­sche Dark-Cabaret-Trio The Tiger Lillies ist mitt­ler­wei­le seit 28 Jahren nicht nur exi­stent, son­dern auch recht pro­duk­tiv: „Cold Night in Soho“ ist ihr mitt­ler­wei­le 30. Studioalbum und das erste seit vie­len Jahren, das kei­ne Vertonung bekann­ter Literatur ist. Nun sind die drei Herren bei Weitem kei­ne Gute-Laune-Combo und haben sich daher auch dies­mal ein Thema aus­ge­sucht, das nicht eben einen Anlass zum Feiern lässt: Sänger und Texter Martyn Jacques schrieb, so wird behaup­tet, Erinnerungen an das Soho der 1980-er Jahre, als die Tiger Lillies ihre ersten gemein­sa­men Auftritte absol­vier­ten, auf, bevor auch dort die Gentrifizierung einsetzte.

    Dieses noch nicht „kli­nisch gerei­nig­te“ (Andy Gill) Soho scheint Lou Reeds New York nicht unähn­lich gewe­sen zu sein: Schwermütig beginnt das Album mit Bluesgesang zu nach­denk­li­cher Klavierbegleitung, „Salvation Army“ beschreibt die Zustände in Soho als von Drogendealern, Prostituierten und Gottlosigkeit bestimmt. Auf den Straßen tum­meln sich Alkoholiker („Let’s Drink“), Erfrorene („In The Winter“, „Just Another Day“), Ziellose („Ticking of the Hours“), an und trotz ihrer Religion Verzweifelte („The First Day“, „Go“), Diebe („Soho Clipper Blues“) und Drogensüchtige („Screwed Blues“, „Heroin“). In die­sem Stadtbezirk, das steht außer Frage, möch­te man nicht woh­nen müssen.

    Transportiert wird die Erzählung in tie­fem Blues, melan­cho­li­schem Walzer („You Wouldn’t Know“) und der band­ty­pi­schen Zirkusmusik („Heroin“) mit Falsettgesang, der auf „Cold Night in Soho“ auch schon mal über­ra­schend aggres­siv („Dance Floor“) daher­kommt. Im bis­he­ri­gen Schaffen der Tiger Lillies ist die­ses Album nicht beson­ders unge­wöhn­lich, wes­halb „Cold Night in Soho“ als über­mä­ßig her­aus­ra­gen­des Album zu bezeich­nen sicher­lich aus rein musi­ka­li­scher Sicht unpas­send wäre, jedoch ist und bleibt der Anspruch, den ich an ein Album stel­le, um bedeut­sam genug zu sein, dass es mir beson­ders gut gefällt, und „Cold Night in Soho“, eine musi­ka­li­sche Geschichte auf durch­aus immer noch hohem Niveau, erfüllt die­ses Kriterium mit Bravour. In den schwe­ren Momenten im Leben kommt die­se Musik gera­de recht.

    Reinhören: Für einen Komplettstream möge sich TIDAL anbie­ten, für Stream und Kauf selbst steht auch das Angebot von Amazon.de zur Verfügung.

  3. Pryapisme - Diabolicus Felinae Pandemonium

    Ein Priapismus ist, lati­ni­siert benannt, eine schmerz­haf­te Dauererektion. Natürlich stammt eine Band die­ses Namens - hier Pryapisme geschrie­ben - aus Frankreich.

    Die fünf Musiker, eine der ver­rück­te­sten Bands der Welt, nen­nen sich auf ihrer wun­der­schö­nen Website, die vol­ler Katzenbilder und schlim­mer Farben ist, eine Rokokocore-Band und haben im Februar die­ses Jahres ein der­zeit (Stand: 4. Juni 2017) noch nicht auf ihrer Bandcamp-Seite ver­füg­ba­res neu­es Studioalbum namens „Diabolicus Felinae Pandemonium“, was auf Deutsch nach Grammatikkorrektur unge­fähr „das teuf­li­sche Pandämonium der Katze“ bedeu­tet. Korrekterweise ist das der­zei­ti­ge Bandlogo anschei­nend auch eine 8-Bit-Regenbogenkatze mit einem umge­dreh­ten Kreuz auf der Stirn, was zu einer Band wie die­ser, die mit ver­meint­li­chen Tabus umgeht wie kaum eine zwei­te, hieß das Debütalbum doch „Rococo Holocaust“, groß­ar­tig passt.

    Musikalisch haben wir es hier, wie der Banause sofort erkennt, mit einem schreck­li­chen Lärm zu tun. Über zehn Stücke hin­weg wird über­wie­gend instru­men­tal (in „La Boetie Stochastic Process“ ist vor­über­ge­hend sexua­li­sier­tes Stöhnen zu hören) so etwas wie Genres nicht bloß igno­riert, son­dern rück­sichts­los in Scherben schlägt, immer wie­der unter­bro­chen von Miauen und Schnurren der bei­den Bandkatzen La Belette und Styx. Vergleichbare Bands? Ha! Pryapisme pürie­ren Digital Hardcore, Spacerock, Mathrock, Jazzrock und Progressive Metal - und das oft („A La Zheuleuleu“) schon bin­nen andert­halb Minuten - und gie­ßen das Gebräu in einen damp­fen­den Kessel, der von des Trans-Siberian Orchestras längst legen­dä­rem „Wizards in Winter“ über Atari Teenage Riot bis zum Penguin Cafe Orchestra alles, was es wäh­rend sei­ner Herstellung berührt hat, in Flammen setzt. Dass das Stück „C++“ mit der gleich­na­mi­gen Programmiersprache nicht mehr zu tun hat als mit eigent­lich allem ande­ren, über­rascht den Rezensenten da auch nicht mehr im Geringsten.

    Was die Band dem irri­tier­ten Genießer damit (und mit den Katzen) eigent­lich sagen möch­te, bleibt uner­klärt und auch des­halb Teil der Faszination. Genres, Schubladen, Kategorien - alles Quatsch. Eine schmerz­haf­te Erektion bekommt man davon nicht, nur vor­über­ge­hend fühlt sich der Kopf ein wenig wat­tig an. Das legt sich viel­leicht irgendwann.

    Reinhören: Auf Amazon.de gibt es die übli­chen Ausschnitte zu hören, auf Bandcamp.com einen Einblick in das bis­he­ri­ge Schaffen der Gruppe. Das kom­plet­te Album kön­nen zur­zeit unter ande­rem TIDAL-Kunden strea­men.

  4. Kairon; IRSE! - Ruination

    Kairon; IRSE! ist eine jun­ge fin­ni­sche Band, deren Name zwar sehr schön sper­rig ist, aber angeb­lich, glaubt man den Musikern selbst, kei­ner­lei rele­van­te Bedeutung hat, son­dern ledig­lich so ner­vig aus­se­hen soll wie mög­lich. Skandinavischer Humor trifft den mei­nen mit­un­ter durchaus.

    Mit dem im Februar 2017 erschie­ne­nen „Ruination“ ver­öf­fent­lich­te Svart Records nun ihr zwei­tes Studioalbum, das zumin­dest leich­ter aus­zu­spre­chen ist als der Erstling „Ujubasajuba“, im Gegensatz zu die­sem ver­zich­te­te das Quartett für „Ruination“ auch weit­ge­hend auf Improvisationen, son­dern ver­brach­te laut eige­ner Aussage zwei Jahre mit Komposition und Abmischung. Leichte Kost aber bleibt hier fern; es ist, als wäre die­se Band auch dann gut, wenn sie sich pro­fes­sio­na­li­siert. Verrückt!

    Auf die Ohren gibt es eine fei­ne Mischung aus Shoegaze („Sinister Waters I“), Hardrock inklu­si­ve jau­lend riff­en­der Gitarre („Starik“) und dem guten alten pro­gres­si­ven Jazzrock der 1970-er Jahre mit recht küh­lem Gesang, den man aus Hallgründen bedau­er­li­cher­wei­se nur schwer ver­steht. Gastmusiker Andreas Heino setzt mit Saxophon und Klarinette stil­un­ty­pi­sche Akzente, sel­ten beglei­tet von Violineneinsatz des Sängers Dmitry Melet.

    Die im „Guardian“ gewähl­ten Vergleiche - Yes, King Crimson, Gentle Giant, Ornette Coleman, Fairport Convention - ent­fa­chen des Musikfreunds Begeisterung kei­nes­wegs zu Unrecht, und oft ist „Ruination“ das alles gleich­zei­tig und klingt trotz­dem so frisch und modern wie nur weni­ge ande­re jazz­rock­be­ein­fluss­te Alben die­ses noch recht jun­gen Jahres. Kairon! Irse!

    Hörnse rein: Das kom­plet­te Album liegt der­zeit (8. Juni 2017) für Stream und Download auf Bandcamp.com her­um, für CD und Vinyl ist Amazon.de nicht ungeeignet.

  5. Sleaford Mods - English Tapas
    „Brexit loves that fuck­ing Ringo“ (Dull)

    Gleiches Jahrzehnt, ande­re Szene.

    Das eng­li­sche Duo Sleaford Mods stammt aus Nottingham (ha, rein­ge­fal­len!) und macht mini­ma­li­sti­schen Postpunk mit Anspruch. Das dies­jäh­ri­ge Studioalbum „English Tapas“ lan­de­te in der bri­ti­schen Hitparade, seit jeher ein etwas weni­ger schlech­ter Indikator für gute Musik als es die hie­si­ge ist, immer­hin auf Platz 12. Der Bandname hat zwar mit der Modbewegung (vgl. The Who) durch­aus etwas zu tun, die Musik jedoch nur ein bisschen.

    Vokalist Jason Williamson und Klangerzeuger Andrew Robert Lindsay Fearn (wie man als Engländer halt so heißt) näm­lich haben es mit Gitarrenmusik nicht so, wei­te Teile des Albums bestehen statt­des­sen aus gerin­ger Rhythmusuntermalung, also Bass und etwas Schlagzeug, zur gewal­ti­gen Stimme Jason Williamsons, was trotz­dem noch so klingt, dass es ohne zu zögern Bands wie Art Brut, The Fall und tat­säch­lich, in den etwas weni­ger zurück­hal­ten­den Momenten („Army Nights“), auch die Smiths ins Gedächtnis ruft.

    Ganz Punk sind Sleaford Mods in ihren mit star­kem nord­eng­li­schem Dialekt vor­ge­tra­ge­nen (zumeist gerapp­ten) zeit- und sze­ne­kri­ti­schen Texten, deren Themenspanne vom „Brexit“ und sei­nen Protagonisten („Dull“, „Moptop“) über die Pleite der Kaufhauskette BHS („B.H.S.“) bis hin zu nost­al­gisch ver­klär­ten Früher-war-alles-bes­ser-Musikhörern („Just Like We Do“) reicht; was mich einer­seits zwar trifft, ande­rer­seits aber auch nicht gera­de abstößt. Ich wer­de wun­der­lich, ver­mu­te ich.

    Reinhören: Zu mei­ner Überraschung gibt es Videos zu „Moptop“ und „B.H.S.“ mit ein­an­der recht ähn­li­cher Handlung, anson­sten möge Amazon.de oder TIDAL herhalten.

  6. Thinking Plague - Hoping Against Hope

    Das trotz aus­blei­ben­der per­so­nel­ler Überschneidungen gele­gent­lich als zumin­dest sti­li­sti­scher Nachfolger von Henry Cow benann­te Musikprojekt Thinking Plague ist nun auch schon seit über drei Jahrzehnten in wech­seln­der Besetzung aktiv. Wenngleich die Abstände zwi­schen zwei Alben - das Vorgängeralbum „Decline and Fall“ fand hier im Juni 2012 mei­ne nicht ganz unge­teil­te Aufmerksamkeit - nicht mehr die Kürze von einst haben, so bleibt die Musik doch packend.

    Das könn­te auch dar­an lie­gen, dass die schon ange­spro­che­ne Besetzung sich aus­nahms­wei­se nicht nen­nens­wert geän­dert hat. Neben Gründungsgitarrist Mike Johnson und so wei­ter ist auch die bemer­kens­wer­te Sängerin und Akkordeonistin Elaine Di Falco, die schon auf dem Vorgängeralbum mit ihrem schrä­ge Kontrapunkte ein­füh­ren­den statt bloß die Melodie beglei­ten­den Gesang die sowie­so schon pri­ma RIO-Kompositionen letzt­lich ver­edelt hat, noch an Bord. Der inzwi­schen eben­falls lang­jäh­ri­ge Bassist Dave Willey, der auch unter eige­nem Namen bereits sehr ähn­li­che Musik ver­öf­fent­li­chen ließ, setzt mit don­nernd grol­len­dem Bass schließ­lich genau die rich­ti­gen Akzente in einem Album, das strecken­wei­se („Thus Have We Made the World“) den Genreursprung im Jazz nicht zu über­tö­nen, son­dern zu beto­nen versucht.

    Die renom­mier­te Plattenfirma Cuneiform, die auch „Hoping Against Hope“ ver­treibt, erklärt das Album unge­fähr so:

    Wolken schau­keln über einen sturm­ver­hüll­ten Himmel, aber wäh­rend sie kurz­zei­tig sel­te­ne Scherben aus Blauem frei­ge­ben, lau­ern meist noch schwär­ze­re, düste­re­re Graus hin­ter den Nebeln. (…) So viel die­se Musik auch abver­lan­gen mag, so ist sie doch gemacht wor­den, um ein­fach und, noch wich­ti­ger, wun­der­schön zu klingen.

    Und genau das tut sie.

    Reinhören: Bandcamp.com oder Amazon.de.

  7. Orchestra Of The Upper Atmosphere - ϴ3
    „Time opens the mind, time opens the door.“ (Synaptic)

    Von einer Musikgruppe, die sich Orchestra Of The Upper Atmosphere nennt, Bemerkenswertes zu erwar­ten ist sicher­lich kein beson­ders gewag­tes Unterfangen. Dass mir die mehr­köp­fi­ge bri­ti­sche Combo um den Multiinstrumentalisten Martin Archer trotz umju­bel­ter Liveauftritte mit Damo Suzuki erst mit ihrem drit­ten Studioalbum „ϴ3“, also „Theta 3“ (ein gro­ßes Theta sieht, das hal­te ich dem Benenner zugu­te, ja fast wie eine Null aus) - der Vorgänger von 2014 hieß selbst­ver­ständ­lich „ϴ2“ - ins Netz gera­ten sind, ist inso­fern so scha­de wie erstaunlich.

    Wie schon die bei­den Alben davor kommt auch „ϴ3“ auf zwei CDs daher, von denen eine ver­mut­lich aus typo­gra­fi­schen Gründen „klei­nes Alpha“ und eine „gro­ßes Omega“ heißt. Eine Vinylversion scheint es nicht zu geben. Enthalten sind jeweils zehn Stücke, deren Titel meist irgend­et­was mit Astronomie zu tun haben. Klar: Wer als Orchestra Of The Upper Atmosphere gemein­sam musi­ziert, der schwebt nicht nur musi­ka­lisch in höhe­ren Sphären. Zu sphä­ri­scher Musik passt natür­lich auch eine aus­la­den­de Besetzung, und so ist das Orchestra Of The Upper Atmosphere hier ein Septett, unter­stützt von drei Streichern und einem Posaunisten.

    Von Klassik ist hier, unge­ach­tet der Posaune, nichts zu hören, statt­des­sen treibt man sich auf dem wei­ten Feld zwi­schen Kammer-, Kraut- und gon­ges­quem Spacerock sowie elek­tro­nisch gepräg­tem Jazz her­um, nicht ohne auch mal einen Abstecher in den Blues („Solar Prominences“) oder den Freejazz (das erfri­schend frei­för­mi­ge Ende von „Pororoca“) zu machen. Zweifellos fällt „ϴ3“ in die gen­re­lo­se Kategorie jener Alben, für deren Genuss ein­an­der eine gute Reise zu wün­schen nicht falsch wäre, auch, wenn es mit­un­ter gilt, auf dem Flug klang­li­chen Asteroiden („Circumzenithal“, „Pororoca“) aus­zu­wei­chen. Die Musik schwirrt der­art ein­neh­mend am wohl­ge­son­ne­nen Hörer vor­bei, dass ihm nur wie durch einen Schleier über­haupt wahr­nimmt, dass - auch hier las­sen Gong grü­ßen - erst nach der Hälfte der ersten CD in „Anisotropic Shapes“ so etwas wie Gesang, es ist eher ein fer­nes Flüstern, ein­setzt. Frau frost­la­ke, trotz des inter­es­san­ten Künstlernamens außer­halb des Bandkontexts bis­her kaum musi­ka­lisch in Erscheinung getre­ten, macht ihre Sache wirk­lich gut.

    „ϴ3“ gehört zu den bis­her weni­gen Alben des Jahres 2017, die ihre eige­ne Stimmung nicht nur selbst mit­brin­gen, son­dern die des geneig­ten Rezensenten dabei völ­lig igno­rie­ren. Schlechte Laune? „ϴ3“ hören! Bestens drauf? „ϴ3“ hören! Melancholisch? Richtig: „ϴ3“ hören! Übrig bleibt ein ein­zi­ges Gefühl: Man ist irgend­wie zufrie­den mit der Welt. Das ist ja auch nicht schlecht.

    Reinhören: Auf der Website zum Album gibt es zur­zeit (25. Juni 2017) neben einer Kaufmöglichkeit auch einen zwölf­ein­halb­mi­nü­ti­gen Auszug aus der hier ent­hal­te­nen Musik zu hören.

  8. Faust - fresh air

    Von den zwei kon­kur­rie­ren­den Fausts ist die­se (Eigenschreibweise der­zeit: faUSt) die offen­bar der­zeit im Studio akti­ve­re. Seit sich die Wege von Hans-Joachim Irmler, der seit­dem mit einer eige­nen Formation von Faust aktiv ist oder war, und den bei­den ande­ren noch akti­ven Faust-Gründungsmitgliedern nach über drei­ßig Jahren der musi­ka­li­schen Zusammenarbeit um das Jahr 2002 her­um wohl end­gül­tig getrennt haben, sorgt zumin­dest letz­te­re Formation wei­ter­hin regel­mä­ßig für fri­schen Wind.

    2011 befass­te ich mich mit „some­thing dir­ty“, dem damals aktu­el­len Studioalbum die­ser Formation, den Nachfolger „j US t“ hin­ge­gen habe ich lei­der weit­ge­hend ver­passt. Sicher ist jeden­falls, dass mit Alter und Besetzungsreduktion kei­ne Milde ein­tritt, was nicht nur von Anhängern der Krautrockikonen, son­dern auch von Verantwortlichen offen­bar geschätzt wird: Die Hamburger Plattenfirma Bureau B, das auch ande­re Größen der deut­schen elek­tro­ni­schen Musik ver­trieb und ver­treibt, ist auch für die­ses Album zuständig.

    Anders als die vor­he­ri­gen Alben wur­de „fresh air“ in Teilen jedoch nicht in den Bandstudios in Los Angeles und Austin - man kommt auch als Krautrockikone offen­bar durch­aus in der Welt her­um - auf­ge­nom­men, das Titelstück und das letz­te Stück „Fish“ näm­lich ent­stam­men im WFMU (ein nicht­kom­mer­zi­el­ler Hörfunksender in New Jersey) ent­stan­de­nen Aufnahmen.

    Komponiert wur­de aber auch im Studio wohl eher neben­bei. Bandfranzose Jean-Hervé Péron erwähn­te ein­mal, auf „fresh air“ habe die Band sich an Cadavre Exquis ver­sucht, einer im Surrealismus behei­ma­te­ten Methode zum Erreichen krea­ti­ver Höhepunkte, indem die ein­zel­nen Künstler von den Ergebnissen ihrer Mitstreiter nichts wis­sen. Wer annimmt, dass das zu schwer erträg­li­cher Musik führ­te, der unter­schätzt Faust sehr, denn „fresh air“ klingt zwar erwar­tungs­ge­mäß nicht weni­ger sper­rig als vor­he­ri­ge Alben der Band, dabei aber kei­nes­wegs unzu­gäng­li­cher als zum Beispiel The Velvet Underground, deren „The Black Angel’s Death Song“ ich in der Klangsammlung auch wie­der­zu­fin­den mei­ne, oder die frü­he­ren Genrekollegen Can.

    Als Gäste sind aus „fresh air“ unter ande­rem die Sängerin (hier viel­mehr: Erzählerin) Barbara Manning und der mit ganz ande­rer Musik (Die Krupps) bekannt gewor­de­ne Jürgen Engler zu hören, es wer­den mal ein pol­ni­sches Gedicht, mal fran­zö­si­sche oder eng­li­sche Texte rezi­tiert, wäh­rend die Instrumentalisten mit reich­lich Perkussion hyp­no­tisch-repe­ti­tiv („Birds of Texas“) bis dis­so­nant-aggres­siv („Lights Flicker“) drauf­los­krau­ten. Alt und ver­braucht wird es bei Faust wohl nie­mals geben, man prescht auch 46 Jahre nach dem Debütalbum noch in eine ein­zi­ge Richtung, näm­lich voll durch die Wand. „fresh air“ ist kein Album mit Ecken und Kanten, es ist ein Album aus Ecken und Kanten. Wer braucht schon Popmusik?

    Reinhören: Auf Soundcloud gibt es momen­tan eine Vorschau auf das Album, auf TIDAL einen Komplettstream zu hören.

  9. Samsara Blues Experiment - One with the Universe
    „Think about the pro­mi­ses we made!“ (One with the Universe)

    Von wegen „Blues“!

    Das Berliner Trio Samsara Blues Experiment fei­ert im Jahr 2017 sein zehn­jäh­ri­ges Bestehen und ver­öf­fent­lich­te pas­send dazu, wenn auch wohl unab­hän­gig davon sein vier­tes Studioalbum „One with the Universe“, das erste mit dem 2014 ein­ge­führ­ten Bassisten Hans Eiselt. Die Selbstbeschreibung besagt, die Gruppe spie­le „eine Mischung aus Stoner Rock, Psychedelic Blues, indi­schem Raga und Folkmusik“ und liegt damit gar nicht mal völ­lig daneben.

    Aufgebaut sind die fünf Stücke auf „One with the Universe“, wie Pseudonymus „Mr. Omen“ rich­tig fest­stell­te, wie schon das Coverbild qua­si wie ein Liebesspiel: Je län­ger die Spielzeit andau­ert, desto inten­si­ver wird das Gehörte. Beginnt „Vipassana“ noch mit Meeresrauschen und anschwel­len­den Psychedelia, so wird schon zwei Minuten spä­ter frü­her Hardrock wie ein Teppich aus­ge­brei­tet, rau­en Gesang ein­ge­schlos­sen. Von einem Quickie lässt sich bei immer­hin zehn vol­len Minuten Dauer allein des ersten Stücks frei­lich nicht spre­chen. Um bei der Metapher zu blei­ben: Zum Höhepunkt kommt die Band trotz­dem immer wie­der; und wenn wie in „Glorious Daze“ (ein her­vor­ra­gend dro­gen­um­wölk­ter Titel auch) die Energie bis zum Bersten anschwillt, um sich in einem Crescendo von beacht­li­cher Dichte zu ent­la­den, dann ist das auf mehr als eine Art schön.

    Den ollen Wortwitz vom Ohrgasmus möch­te ich schon aus Stilgründen hier nicht noch wei­ter abnut­zen, aber wor­auf ich hin­aus will, soll­te sich aus mei­nen Schilderungen auch qua­si von allein erge­ben: Colour Haze, Led Zeppelin, Elvis Presley und die spä­ten Beatles, mehr muss es gar nicht sein.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com darf zur­zeit nach Herzenslust gestreamt werden.

  10. The Universe by Ear
    „Make it look like an acci­dent!“ (Make It Look Like An Accident)

    Schon wie­der eines die­ser Musikalben ohne einen anstän­di­gen Titel! Aber für das Debüt-Vollzeitalbum - nach dem vor­ab ver­öf­fent­lich­ten und die­ses Album eröff­nen­den Stück „Seven Pounds“ vom Juli 2016 - mag es noch angehen.

    The Universe by Ear ist ein Schweizer Trio, das von „20 Minuten“ als „der näch­ste Urknall“ oder wenig­stens als „Prog-Supergroup“ bezeich­net wird, was eini­ger­ma­ßen über­trie­ben ist, denn vor­he­ri­ge Erfahrungen aus einer loka­len Frank-Zappa-Coverband eta­blie­ren noch kei­nen Starstatus. Nichtsdestotrotz schwapp­te sich die Welle, die The Universe by Ear in Basel zum Schwingen brach­ten, augen­schein­lich bereits bis nach Australien.

    In einer ihrer Selbstbeschreibungen üben die Musiker sich nicht in Zurückhaltung:

    Drei wage­mu­ti­ge Basler Musiker haben sich zusam­men­ge­fun­den, um den Rock dort­hin zu füh­ren, wo bis­lang kei­ner einen Fuss auf den Boden gesetzt hat: in eine kom­ple­xe, far­ben­fro­he, über­ra­schen­de, har­te, melo­diö­se Landschaft und in einen Kosmos, in dem impro­vi­sier­ter Freifall neben durch­struk­tu­rier­ter Form existiert.

    Und sie haben damit sogar Recht. Das Klanguniversum berei­sen sie tat­säch­lich hör­bar weit: Aus King Crimsons „Larks‘ Tongues in Aspic“ (sämt­li­che Teile), Stoner- und Spacerock, aber auch den spä­ten Beatles („Repeat Until Muscle Failure“, „Dead End Town“), Jazzrock und Canterbury sowie Desert Rock (noch mal „Dead End Town“), ver­edelt mit irr­wit­zi­gen Instrumentaleskapaden („Ocean/Clouds/Prism“), kre­ieren die Schweizer ihr ganz eige­nes erstes musi­ka­li­sches Ausrufezeichen. Der Gesang ist frei­lich nicht der beson­de­ren Rede wert, sti­li­stisch pas­send ori­en­tiert man sich hier über­wie­gend an den ein­schlä­gi­gen Krautrockbands, aber es wird ja nicht immer nur gesun­gen; von Anfang an, schon in der zwei­ten Hälfte von „Seven Pounds“, erfreu­en aus­ge­dehn­te bass- und schlag­zeug­la­sti­ge Instrumentalpassagen des Hörers Ohren. Mein Album des Jahres scheint gefun­den, aber ich las­se mich ja gern überraschen.

    Pseudonyma „Eva Maria“ kom­men­tier­te auf „20 Minuten“:

    Unhörbar sor­ry. Ist wahr­schein­lich the­ra­peu­tisch für die Musiker und ein Taxitiket zur Einlieferung in die Psychi für alle die es sich antun das hören zu wollen

    Ach, „Eva Maria“: dir ent­geht was.

    Reinhören: Einen Komplettstream gibt es auf Bandcamp.com, Videos zu eini­gen Stücken auf YouTube.

Habe ich was ver­ges­sen? Natürlich habe ich was vergessen!

2. Kurz und würzig.

  1. The Jesus and Mary Chain - Damage and Joy

    The Jesus and Mary Chain prä­sen­tie­ren zehn Jahre nach ihrer Reformation ein groß­ar­ti­ges Garagenrockalbum, das Anhängern von The Velvet Unterground, den Strokes und Sonic Youth ein brei­tes Grinsen auf’s Gesicht drückt. Amazon.

  2. Disperse - Foreword

    Hinter dem unauf­fäl­lig­sten Gesang des Jahres ver­steckt sich über­ra­schend ver­track­te­ster Progressive Metal, für den ein ein­zi­ger Hördurchlauf gera­de­zu lächer­lich wenig ist. Bandcamp.

  3. At the Drive-In - in•ter a•li•a

    Die Nachfolgeprojekte, dar­un­ter die unver­gess­li­chen The Mars Volta und Antemasque, sind offen­bar alle­samt geschei­tert, also machen die Musiker von At the Drive-In wei­ter mit dem, was sie am besten kön­nen: Energiegeladene Rockmusik mit Punk- und Indiecharme, gefei­ert von der Fachpresse und auch von mir trotz ein­schlä­gi­ger Werkkenntnisse für über­ra­schend gut befun­den. Amazon.

  4. Nova Collective - The Further Side

    Instrumentaler Symphonic-Prog wie in der guten alten Zeit. Bandcamp.

  5. Les Discrets - Predateurs

    Sphärische Film-Noir-Musik zwei­er Franzosen mit Indie-Rock- und Trip-Hop-Hintergrund. Bandcamp.

Das war es schon? Vorerst ja - aber das Jahresende steht ja schon wie­der bald bevor und mit ihm die Jahresrückschau, näch­stes Mal wie­der in alter Pracht. Ich freue mich dar­auf und ihr soll­tet das auch.

Bis bald!

Seriennavigation« Musik 12/2016 - Favoriten und AnalyseMusik 12/2017 - Favoriten und Analyse »

Senfecke:

Comments are closed.

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
mehr...
 

Erlaubte Tags:
<strong> <em> <pre> <code> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <span style=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Ihre IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details finden Sie hier.