KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2016 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 17 von 23 der Serie Jahresrückblick

Wie, was, 2016 ist schon lan­ge vor­über? Zum Glück habe ich gewar­tet. Das könn­te man für schlecht hal­ten, aber sta­ti­stisch gese­hen ist es gut, denn 2016 hat nicht nur die Ankündigung der bal­di­gen Auflösung von The Dillinger Escape Plan, son­dern auch eine gan­ze Reihe an Toden auf der Rechnung, dar­un­ter nicht nur diver­se ehe­ma­li­ge Politiker der F.D.P., son­dern vor allem auch Musiker. Nach Wolfgang Rohde (frü­her mal Die Toten Hosen), Hagen Liebing (frü­her mal Die Ärzte) und Chris Squire, dem letz­ten in der Band ver­blie­be­nen Gründungsmitglied von Yes, sowie vie­len ande­ren hat es vor eini­gen Wochen schließ­lich auch den groß­ar­ti­gen Greg Lake erwischt, und auch für Leonard Cohen wäre es zu spät, sei­nem letz­ten Album „You Want It Darker“ einen gebüh­ren­den Preis zu ver­lei­hen, über das ande­rer­seits jedes geschrie­be­ne Wort sowie­so und ohne­hin Blasphemie gliche.

Schon frü­her im abge­lau­fe­nen Jahr aller­dings schien es mir nicht ver­fehlt, loben­de Worte über eini­ge der groß­ar­tig­sten Musikalben des Jahres zu fin­den, dar­un­ter kat­ie deys flood net­work, MaidaVales Tales of the Wicked West, miso­pho­nia von Electric Orange sowie das Debütalbum von Moon Circle.

Im Folgenden fin­det ihr, was bis jetzt noch fehl­te, näm­lich die bis­lang noch unre­zen­sier­ten Alben des Jahres. Vielleicht ist ja was für euch dabei?

1a. Starker Stoff

  1. Arbor Labor Union - I Hear You
    „I live in a song / I dance when it’s play­ed.“ (Volume Peaks)

    Das fängt ja gut an.

    Die Gartenarbeitervereinigung - pri­ma Bandname auch - aus Atlanta berei­cher­te die Welt im Mai 2016 mit ihrem Zweitling „I Hear You“ und damit mal eben mit einem die­ser Alben, die mich mei­ne Wahl zum Album des Jahres noch mal ernst­haft über­den­ken las­sen. Vermutlich ist es mit „cool“, sofern der Begriff zusagt, nicht völ­lig unzu­rei­chend beschrie­ben, Spaß macht es auf jeden Fall, und das ab der ersten Sekunde: „Mr. Birdsong“ beginnt stim­mig mit instru­men­ta­ler Vogelimitation, bevor es ordent­lich zur Sache geht.

    Stilistisch bewe­gen sich Arbor Labor Union im dreckig­sten der Garagenrocks (mein­ten Sie: Röcke?), irgend­wo zwi­schen Pearl Jam und den Dandy Warhols bis hin zu einer erstaun­li­chen Ähnlichkeit zu den ersten zwei mono­ton-hyp­no­ti­schen Platten von The Velvet Underground („I Am You“), wenn nicht gera­de der hier eben­falls voll­kom­men über­dreh­te - also fast wie frü­her - Postpunk („Radiant Mountain Road“) die Führung über­nimmt, der gleich­falls das Monoton-Hypnotische gar nicht erst zu ver­ber­gen ver­sucht. Macht euch auf trei­ben­de Gedanken gefasst. Der hek­tisch-ver­wirr­te Gesangsstil des Frontmanns Here Orr (ich wür­de anneh­men wol­len, hier han­delt es sich um einen Künstlernamen) passt groß­ar­tig zu der pul­sie­ren­den Instrumentalarbeit. Vergleiche, wenn’s denn nötig scheint: Mark E. Smith, Julian Casablancas, Doug Yule (und das ist posi­tiv gemeint). Bingo.

    Die Plattenfirma der Arbor Labor Union heißt „Sub Pop“ und ich habe wirk­lich schon mal weni­ger pas­sen­de Namen von Plattenfirmen gese­hen. Arbor Labor Union, ich höre euch. Und das wirk­lich gern.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com gibt es „I Hear You“ nicht nur als schickes rosa Vinyl („Loser Edition“, ohne Punkattitüde geht es nicht), CD und blaue Kassette zu kau­fen, son­dern auch als kosten­lo­sen Komplettstream. Ich kann dazu durch­aus raten.

  2. Ziguri - onetwothreefour
    „Die Explosion in dei­nem Kopf lässt Paradies und Hölle ber­sten.“ (Apricot Brandy III)

    Günter Schickert ist wohl ein Vertreter des­sen, was gemein­hin ein Urgestein genannt wird: Seit der ersten Hälfte der 1970er Jahre spiel­te und spielt er mal zusam­men mit Klaus Schulze, mal solo (zuerst 1974 mit „Samtvogel“), mal mit eige­nen Gruppen weit­ge­hend instru­men­ta­len Krautrock im Stil der Berliner Schule. Als „hand­ge­mach­ten Dancefloor“ bezeich­net den Stil zumin­dest die Plattenfirma Sireena Records, was irgend­wie auch stim­mi­ger scheint.

    Ziguri, laut Internetinformationen (sagt man das noch so?) in der Sprache der Tarahumara der Name des hal­lu­zi­no­ge­nen Peyote-Kaktusses, ist eine die­ser eige­nen Gruppen, deren Geschichte bis in die aus­lau­fen­den 1980-er Jahre zurück­reicht. Das Trio aus Günter Schickert (Gitarre, Blasinstrumente, Gesang), Udo Erdenreich (Bass, Gesang) und Dieter Kölsch (Schlagzeug, Gesang) spielt bis heu­te anschei­nend in der Ursprungsbesetzung mit­ein­an­der, was zumin­dest eine frucht­ba­re krea­ti­ve Zusammenarbeit suggeriert.

    Wobei der Krautrock ja schon immer unter sei­nem Etikett zu lei­den hat­te; Kraut ist oft im Wortsinne drin, Rock hin­ge­gen bleibt aus. So natür­lich auch hier: Das Geschehen wird bestimmt von tran­ci­ger Instrumentalmusik im besten Sinne, mal dem Postrock nahe („Radio Bilsga“), mal eher dem, was die Welt der Psychedelia so her­gibt („Skykiss“). Dass die drei Herren sich selbst nicht furcht­bar ernst neh­men, schlägt min­de­stens ein auf YouTube zu fin­den­des Video zum Stück „SunSonsSans“ (manch­mal auch mit Leerzeichen geschrie­ben) vor, und das merkt man über die gesam­te Länge des Albums hinweg.

    Wobei das Album ja eigent­lich wie­der­um zwei Alben in einem ist bzw. sind: Die drei Bonusstücke „Hotel Babel“, „DiaLekT“ und „Apricot Brandy III“ sind Reste von alten Aufnahmen von 1993 und 1996, wobei das glei­che Stück unter dem Namen „Apricot Brandy“ bereits auf dem Debütalbum zu hören war und offen­sicht­lich eine Überarbeitung von „Apricot Brandy“ von „Samtvogel“ ist; „Apricot Brandy III“ ist auch das ein­zi­ge der drei Stücke, an denen Günter Schickert wie­der betei­ligt ist, die ande­ren bei­den sind statt­des­sen in völ­lig ande­rer Besetzung und mit Sängerinnen auf­ge­nom­men wor­den. Nichtsdestotrotz sind sie als musi­ka­li­sche Zusammenfassung von „onet­wo­three­four“ nicht völ­lig deplatz­iert, bil­den sie doch des­sen sti­li­sti­sche Bandbreite ganz gut ab. „Hotel Babel“ ist eine Vertonung eines Gedichts des mir bis­lang unbe­kann­ten Dichters Guillaume Apollinaire als groo­ven­der Jazzrock mit reich­lich Trompete, „DiaLekT“ mag man mit sei­nem afri­ka­ar­ti­gen Trommelrhythmus und dem selt­sa­men Hintergrundgesang wohl eher unter Weltmusik ein­sor­tie­ren, wenn auch als sol­che, deren Erschaffer vom Spacerock zumin­dest schon mal was gehört haben. „Apricot Candy III“ schließ­lich könn­te mit sei­nem büh­nen­s­ket­ch­ar­ti­gen Aufbau einer­seits und der Elektronikverliebtheit ande­rer­seits - über­all flirrt, klirrt und zwit­schert es - auch von Grobschnitt oder Can stam­men, mit deren Interimssänger Damo Suzuki die drei Musiker bereits eine Bühne teilten.

    Die dro­gen­schwan­ge­ren 1970er den­ken gar nicht dar­an, auf­zu­hö­ren. Das ist ein gutes Zeichen.

    Reinhören: Neben besag­tem Video gibt es auf Dieter Kölschs YouTube-Kanal noch manch wei­te­ren Ausschnitt aus „onet­wo­three­four“, auf Amazon.de kann man eben­falls über­all mal rein­hö­ren. Viel Vergnügen.

  3. Ahkmed - The Inland Sea

    Kommen wir von ein biss­chen Postrock zu rich­ti­gem Postrock, näm­lich zu „The Inland Sea“ von Ahkmed, die trotz des Namens ein austra­li­sches Trio sind und deren Debüt „Distance“ Anlass zur Freude gab. Dass die Plattenfirma Elektrohasch (Colour Haze u.a.) durch­aus nicht für beson­ders schlech­te Musik bekannt ist, soll­te sich bereits her­um­ge­spro­chen haben, anson­sten hilft „The Inland Sea“ bei der Ruffestigung sicher­lich erneut.

    Mit fünf Stücken von zwi­schen zehn und zwan­zig vol­len Minuten Länge gefällt „The Inland Sea“ schon ober­fläch­lich, und der Schein trügt dies­mal nicht: Ich höre Stoner Rock, auf­ge­lockert durch Drones und das Ganze in einen bro­deln­den Postrockkessel gekippt. Weitgehend instru­men­tal fin­det „The Inland Sea“ statt; ein Teil der Platte hat durch­aus Gesang, aber der geht nicht nur unter, weil’s erstens mit ordent­lich Hall ver­se­hen ist und zwei­tens der Rest den Geist ent­führt, son­dern dabei auch noch ziem­lich gut ab, und das schon ab dem ersten Takt: „Kaleidoscope“ beginnt mit reich­lich fuzz vom Gitarristen Carlo Iacovino, der schon bald von einem sehr eigen­ar­ti­gen Perkussionsrhythmus und einem kaum hör­ba­ren, wohl aber spür­ba­ren Bassfundament unter­stützt wird, des­sen Erzeuger, der neue Bandbassist Finn Rockwell, nach etwa der Hälfte der Zeit einen getra­ge­ne­ren Zwischenteil soli­stisch ein­lei­ten darf, bevor sei­ne bei­den Mitmusiker erneut ein­stei­gen, dem Bass jedoch eini­gen Freiraum las­sen, um sich zu ent­fal­ten, was hier kei­nes­wegs irgend­wel­che wil­den Eskapaden bedeu­ten soll. Die Band lässt sich nicht beir­ren, hier wer­den Melodien eben auch mal zehn (oder mehr) Minuten lang wie­der­holt. Langweilig? Nein, nein, „Kaleidoscope“ ist schon ein tref­fen­der Name. „Dreamland“ hät­te es aber auch getroffen.

    Das fol­gen­de Titelstück mag sich zum Reisen wohl eig­nen: Die plötz­lich schnei­den­de Gitarre und der trei­ben­de beat lei­ten all­mäh­lich über in eine neue Traumsequenz, bevor das Stück erneut anschwillt. Einzelne Wortbeiträge von Schlagzeuger John-Paul Caligiuri schal­len unwirk­lich aus der Farbenwelt. Auch in „Last Hour of Light“ sind vier Minuten dem Spacerock mit Gesang (Pink Floyd gehö­ren über­haupt viel häu­fi­ger mal der­art unauf­dring­lich gewür­digt) gewid­met, bevor ein unge­wöhn­lich clea­nes (also erfri­schend unver­zerr­tes) Gitarrenriff, das mit sei­ner Eingängigkeit die­sen elen­den Suchtfaktor noch­mals poten­ziert, sich unbe­irrt in den Verstand des unbe­waff­ne­ten Hörers ergießt, wäh­rend es mal im Vordergrund, mal im Hintergrund trom­melt, blub­bert und vor allem fließt. Nach wie­der­um etwa der Hälfte des Stücks soliert erneut der Bass; Zeit zum Ausruhen? Die näch­sten Minuten ver­bringt man jeden­falls im Schwebezustand, bevor die Geräuschkulisse quiet­schend eine Notbremsung ein­legt. Keine Angst, es geht gleich wei­ter: „Pattern of Atolls“ spen­diert der Gitarre, die den Hörer mit einer ande­ren, aber wie­der gran­dio­sen Melodie auf eine wei­te­re Reise zu schicken beab­sich­tigt, eine Extraportion Effekte. John-Paul Caligiuri trägt erneut für weni­ge Augenblicke unwirk­lich schei­nen­den Gesang bei, ach was: Sprechgesang, bevor es erneut in höhe­re Sphären geht. Moment, war da was? Die kur­ze Ablenkung durch’s Drübernachdenken wird bestraft: Das Stück reißt plötz­lich ab und macht einem wütend klin­gen­den Intermezzo Platz, in dem Schlagzeug und Bass gera­de­zu Kriegslärm zu simu­lie­ren schei­nen, wäh­rend John-Paul Caligiuri Verse dekla­miert. Müsste ich unbe­dingt etwas an „The Inland Sea“ aus­zu­set­zen haben, ich wähl­te die unver­ständ­li­chen Texte und wür­de das sofort wie­der zurück­neh­men wol­len, denn wenn man auf eines hier auf kei­nen Fall ach­ten soll­te, dann sind es die Texte. Mit „The Empty Quarter“ schließ­lich been­den Ahkmed „The Inland Sea“ stil­voll, mit einer Viertelstunde fein­sten Postrocks ohne beson­de­re Vorkommnisse, mit einem sehr ange­neh­men letz­ten trip also.

    „The Inland Sea“ ist unbe­greif­lich inten­siv. Geile Scheibe.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com gibt es Stream und Kauf.

  4. T E Morris - Newfoundland (And Of That Second Kingdom Will I Sing)
    „Do you feel like you’­re at home?“ (A Year In The Wilderness)

    Her name is Calla sind hier längst Stammgäste, erst Ende 2015 fan­den sie an die­ser Stelle loben­de Erwähnung und auch ihr aktu­el­les Album „Newfoundland (And Of That Second Kingdom Will I Sing)“ - die­ser Name! - ist erneut eines, das in gewohn­ter Qualität Gewohntes, bezau­bernd und zer­brech­lich wie es eben nur die sechs Musiker aus Leeds hin­be­kom­men, bietet.

    Moment - steht da nicht ein ande­rer Name auf dem Titelbild? Doch: Veröffentlicht wur­de „Newfoundland“ zwar über die gewohn­ten Vertriebskanäle von Her name is Calla, sei­nen Namen auf’s Album ließ jedoch Tom Elliot „T E“ Morris, Sänger und Gitarrist und Pianist und Synthesizer- und Banjospieler von Her name is Calla, schrei­ben. Dass trotz­dem die glei­che Besetzung zu hören ist und augen­schein­lich T E Morris nur inner­halb des Bandkontextes Musik ver­öf­fent­licht, lässt den Rezensenten zwar eini­ger­ma­ßen ver­wun­dert zurück, schmä­lert aber die wei­te­re Bewertung der zu hören­den Musik kei­nes­falls. Gehen wir also davon aus, dass da, wo T E Morris drauf­steht, grund­sätz­lich Her name is Calla drin ist, so gibt es aller­dings einen bit­te­ren Beigeschmack: Während die Band selbst laut sozia­len Medien flei­ßig an neu­em Material (also: Musik) arbei­tet, wird „Newfoundland“ zumin­dest das letz­te, wie auch immer man das defi­nie­ren möch­te, Soloalbum von T E Morris sein, der im November das Ende sei­ner Solokarriere bekannt­gab. Möge es ihm wohl ergehen.

    Die Annahme, dass trau­ri­ge Menschen bes­se­re Musik machen, fin­det auf die­se Weise aller­dings zumin­dest eine bedrücken­de Bestätigung. Zu einem Jahr wie 2016 passt die­ses Album wie kaum ein zwei­tes; über­haupt:

    It’s a sad and beau­ti­ful world.

    Dies, was sonst?, ist die Begleitmusik dazu.

    Reinhören: Wie bis­lang ist auch dies­mal Bandcamp.com eine exzel­len­te Anlaufstelle für’s Streamen und Kaufen.

  5. Autumnal Blossom - Spellbound

    Bleiben wir im Genre, blei­ben wir beim Wunderschönen.

    Autumnal Blossom kom­men aus Rheinland-Pfalz und bestehen im Wesentlichen aus Pia Darmstädter (Flöte, Gesang, Tasteninstrumente), die mit Poor Genetic Material auch ganz anders kann, nebst fünf­köp­fi­ger Herrenband. Das Internet ver­gleicht die auf „Spellbound“ zu hören­de Musik mit der gran­dio­sen rus­si­schen Musikgruppe iamt­he­morning. Das ist nicht die schlech­te­ste Referenz.

    Von Anfang an wird eine inti­me Stimmung auf­ge­baut: „Because I Could Not Stop For Death“ ist Pia Darmstädters Stimme über sanft wol­ki­gen Klängen, was sich unge­fähr anhört, als hät­te Nico zur Abwechslung mal kei­ne Drogen vor­’m Musizieren genom­men oder als hät­ten die Raveonettes ver­se­hent­lich den Verzerrer zu Hause gelas­sen. „Memories Of A Child“ lei­tet anschlie­ßend den zwei­ten und läng­sten von ins­ge­samt drei Teilen - hier: „Diaries Of An Estranged Voyager“ - ein. „Spellbound“ ist immer­hin auch ein Konzeptalbum. Passend zum Titel hört man hier eine Spieluhr, außer­dem Flöte, Gesang und Klavier. Ich bin ver­sucht, den Genreaufkleber „Folk“ aus der Schublade zu holen.

    Überhaupt wür­de sich der Folk auf „Spellbound“ wie zu Hause füh­len, und er könn­te den Folkrock gleich mit­brin­gen, wenn es etwa gegen Ende von „Memories Of A Child“ kaum über­ra­schen wür­de, sprän­ge gleich Ian Anderson wie ein Derwisch vor das Mikrofon und sän­ge den glei­chen Text; es fie­le nicht ein­mal auf. „One day see­med as long as a life­time / in this never-ending dream“, jawohl.

    „Paradise“, der letz­te Teil (und auch das letz­te Stück) von „Spellbound“, setzt aber­mals einen Kontrast: Im Gegensatz zum Liedtitel wirkt die Musik hier eher bedroh­lich, gar post­apo­ka­lyp­tisch. Dröhnen, Brummen, kal­te Mechanik domi­niert das Geschehen (habe ich schon Nico erwähnt?). Allein: Es gibt Hoffnung. „Paradise is not so far away / para­di­se is here every day“, trotz­dem und vor allem. Die weni­gen Popmomente auf „Spellbound“ (vgl. „My Blood“) gera­ten immer noch über­durch­schnitt­lich gut, auch, wenn der schwe­ben­de Gesang hier oft ein wenig deplatz­iert wirkt - und gera­de das macht sei­nen Reiz aus. Zusammengefasst mag die Eigenbeschreibung von der Website zum Album aber auch genügen:

    „Spellbound“ ist eine Mischung aus Geschichte, Fiktion und Realität - nie ver­ges­se­ne Episoden eines Lebens - durch Erinnerung unsterb­lich - ein Tagebuch, in dem sich der Zuhörer wie­der­fin­den kann - ein Buch der Hoffnung - ein Ja zum Leben.

    Kann man so ste­hen lassen.

    Reinhören: Es kann neben Amazon.de auch, unter ande­rem, TIDAL als Hörprobenursprung genutzt werden.

  6. King Gizzard & The Lizard Wizard - Nonagon Infinity
    „Loosen up, tigh­ten up, fuck shit up, don’t for­get about it“ (Robot Stop)

    Genug des Schwelgens, es darf wie­der gepfef­fert wer­den. King Gizzard & the Lizard Wizard stam­men aus Australien und erlau­ben sich mit „Nonagon Infinity“, ihrem ach­ten Studioalbum und dem ein­zi­gen aus dem Jahr 2016, eine kur­ze Pause, bevor sie sich dar­an machen, ihre Ankündigung, 2017 gan­ze fünf Alben zu ver­öf­fent­li­chen, in die Tat umzu­set­zen. Eilig gilt es also die­ses Album zu bespre­chen, bevor es zu spät ist.

    Dabei gibt es aller­dings ordent­lich zu tun, denn King Gizzard & the Lizard Wizard geben sich mit Schubladen lie­ber nicht ab. Mr. Bungle, die Melvins, Primus, Indierock, Punkrock und sogar Zeuhl („Invisible Face“) drän­gen sich hier so dicht anein­an­der, dass man sich bei­na­he bemü­ßigt sieht, ein wenig mit den ein­schlä­gi­gen Gliedmaßen zu wackeln, wäh­rend man immer noch nicht ganz ver­steht, was da eigent­lich gera­de auf einen niederprasselt.

    Dies im Übrigen schon ab dem ersten Moment: „Robot Stop“ prescht vor­an, als wür­den sich Hawkwind am Punkrock ver­su­chen. Ein kur­zer ori­en­ta­lisch klin­gen­der Einschub setzt schon hier einen Kontrapunkt. „Robot Stop“ geht direkt über in „Big Fig Wasp“, das ein wenig das Tempo dros­selt, bevor mit „Gamma Knife“ aber­mals das Thema von „Robot Stop“ auf­ge­grif­fen wird. Wer jetzt annimmt, dass „Nonagon Infinity“ sei­nen Namen dop­pel­bö­dig trägt, der hat voll­kom­men Recht: Die neun Lieder bil­den nicht nur ein ein­zi­ges zusam­men­hän­gen­des, son­dern der Schluss des letz­ten Liedes „Road Train“ passt auch noch ganz gut zum Beginn von „Robot Stop“, man könn­te „Nonagon Infinity“ also durch­aus ohne merk­li­che Unterbrechung in Wiederholung hören.

    Die Gefahr, dass man es irgend­wann nicht mehr hören kann, ist dabei zwar mög­lich, aber King Gizzard & the Lizard Wizard ver­su­chen Langeweile durch immer neue Ideen zu ver­mei­den: Das vier­te Stück „People-Vultures“ vari­iert das Ursprungsthema bereits aus­rei­chend ins Spacige, um den Übergang in das völ­lig ande­re „Mr. Beat“, das sozu­sa­gen den Geist des psy­che­de­li­schen Hardrocks der 1970er Jahre atmet, Klischee-Synthieorgel selbst­ver­ständ­lich ein­ge­schlos­sen. Stu Mackenzies Gesang fügt sich hier natür­lich nahe den Beatles ein, ein­zig der hek­ti­sche Refrain setzt einen Kontrast. Mit „Evil Death Roll“, das wie­der­um das Thema aus „Robot Stop“ vari­iert, wird die­ser Ausflug aber auch schon wie­der been­det, erst­mals gesellt sich hier zum Ende hin Jazzrock zur Genremischung hin­zu, auf die Spitze getrie­ben im fol­gen­den Liedduo aus „Invisible Face“ und „Wah Wah“, das hüp­fen­den Fusion naht­los inte­griert. „Wah Wah“ zitiert melo­disch aus KISS‘ „I Was Made For Loving You“, eine Absicht mag Versehen sein, und tat­säch­lich zieht das Tempo hier wie­der merk­lich an, bevor das Album mit „Road Train“ zu „Ende“ geht und mich eini­ger­ma­ßen rat­los zurücklässt.

    Zum Glück muss ich hier kei­ne Punkte ver­ge­ben. Fest steht: „Nonagon Infinity“ ist wirk­lich beein­druckend. Wie beein­druckend? Nun, das bleibt dem geneig­ten Leser überlassen.

    Reinhören: Stream und Kauf gibt es mal wie­der auf Bandcamp.com - immer wieder.

  7. Crobot - Welcome To Fat City
    „Who paid your debt to be here?“ (Not For Sale)

    Crobot, ihrem Namen zum Trotz, haben zu mei­ner gro­ßen Freude mit dem Pandarapper Cro nichts Weiteres gemein. Ihre Hintergründe lie­gen ein wenig im Dunklen, die Legende will es, dass ihre Gründer einst in einer ande­ren Musikgruppe zusam­men spiel­ten, sich aber vor weni­gen Jahren ent­schlos­sen, als Crobot zusam­men zu spie­len. Inspiration für das neue Album „Welcome To Fat City“, so behaup­ten die der­zeit vier Herren, sei Hunter S. Thompson gewe­sen, was mal eine ange­neh­me Abwechslung zu dem übli­chen name­drop­ping mit irgend­wel­chen Allerweltsbands ist.

    Musikalisch ist „Welcome To Fat City“ eigent­lich ein pri­ma Sommeralbum. Mein timing war auch schon mal bes­ser. Desert Rock in der dreckig-blue­si­gen Variante wird gespielt, Mundharmonika („Easy Money“) ein­ge­schlos­sen. Wolfmother und Led Zeppelin sind will­kom­me­ne Vergleiche für Leute wie mich, die auf so Musik immer nur eher zufäl­lig auf­merk­sam wer­den. Das ist dann oft ziem­lich erfreulich.

    „Welcome To Fat City“ nimmt kei­ne Gefangenen. Chris Bishops Gitarre geht auf Frontalkurs, wäh­rend die Rhythmusabteilung aus Paul und Jake Figueroa alles nie­der­walzt, was sich ihr in den Weg stellt, um final Platz zu schaf­fen für Brandon Yeagleys extro­ver­tiert-auf­ge­putsch­tes Rockorgan. Springt, ihr Narren, und wahr­lich, zum Stillsitzen ani­miert „Welcome To Fat City“ kei­nes­wegs, viel­mehr fin­det man sich schon nach weni­gen Minuten wild luft­gi­tar­rend unter dem Kopfhörer wie­der, statt hier end­lich mal was zu schrei­ben. Verzeihung, aber: Boah, geht das gut ab.

    Ich bin ver­sucht anzu­neh­men, „Crobot“ sei in irgend­ei­ner von mir nicht aktiv ver­stan­de­nen Sprache ein Synonym für das, was in ande­ren Sprachen schlicht cool­ness heißt. (Ohne zu unter­stel­len, dass das Referenzstück für cool­ness, Lou Reeds unüber­trof­fe­nes „Kicks“ näm­lich, auch nur ansatz­wei­se so ähn­lich klingt, ver­steht sich.)

    Reinhören: Warum nicht mal auf Amazon.de oder TIDAL?

  8. Friends of Gas - Fatal Schwach
    „Definiert / durch kei­nen Kern“ (Einknick)

    Irgendwann im Laufe des noch jun­gen Jahres 2017 bemüh­te sich ein unklar Bekannter um mei­ne Teilnahme an einem Konzert der grund­be­klopp­ten Dadaband HGich.T. Es war sehr, sehr furcht­bar, vor allem musi­ka­lisch. Mit furcht­ba­ren Texten hin­ge­gen habe ich schon deut­lich weni­ger Probleme, ein mini­ma­li­stisch-elek­tro­ni­sches Klanggewand ist auch nicht immer zu ver­ach­ten, wie jene Leser, die hier trotz­dem immer wie­der ein­mal rein­schau­en, sicher­lich bereits wissen.

    An unge­wohn­ter Stelle, näm­lich bei NEØLYD, wur­den mir die Friends of Gas, eine jun­ge fünf­köp­fi­ge Gruppe aus München, über deren Namen Nadine Lange vom elen­den „Tagesspiegel“ sich im Oktober 2016 bereits ent­setzt aus­ließ (Gas gehe doch mal so über­haupt nicht!), ins Bewusstsein kata­pul­tiert, die vie­les macht, was ich mag, näm­lich zum Beispiel Postpunk mit deut­schen Texten.

    Es sind die Fehlfarben eine sich auf­drän­gen­de Assoziation, weil auch Sängerin Nina Walser mit einer ähn­li­chen Gesangstechnik (näm­lich: kei­ner) auf­zu­war­ten weiß wie Peter Hein und statt­des­sen dem nicht abge­neig­ten Hörer mit ihrer mar­kan­ten hei­ser-rau­chi­gen Stimme und mit­un­ter stei­gen­der Intensität („Template“, „Einknick“) emo­ti­ons­ge­la­de­nen Nihilismus ent­ge­gen­schleu­dert, als müss­te sie ihr Leben mit ihm ver­tei­di­gen; kon­se­quent wird deren „Es geht vor­an“ in „Kollektives Träumen“ nicht nur zitiert, son­dern mit der har­ten Realität kon­fron­tiert: „Es geht nach vor­ne, es geht vor­an; Geschichte wird gemacht, doch nicht von mir und nicht von dir“, weil es ja immer auch so ein Problem mit dop­pel­ten Textböden gibt.

    Die Klangbasis für die­se Vokalaggression bil­det ein krautrocki­ges - möge die infla­tio­nä­re Genreverwendung das Genre als Begriff bald erüb­ri­gen! -, har­tes Fundament aus pochen­dem Bass und schnei­den­der Gitarre, so 80er zwar, aber doch ohne einen Anflug von Alterung, wor­um man es neben­bei ein wenig benei­det. Aufgewühlt hin­ter­lässt „Fatal schwach“ den Fühlenden bedin­gungs­los, ein Frustabbau in sie­ben Liedern. Famos!

    Reinhören: Von offi­zi­el­ler Seite gibt es ein paar Videos, das gan­ze Album liegt auf Amazon.de sowie TIDAL herum.

  9. Crippled Black Phoenix - Bronze
    „Now we set fire to the sky, sick of war and sick of fight­ing“ (Champions of Disturbance)

    2012 mach­te ich den Fehler, ein Album von Crippled Black Phoenix schlicht ermü­dend zu nen­nen, denn das bleibt beim Publikum haf­ten. Ich weiß doch, dass sie es bes­ser kön­nen, ist „We Forgotten Who We Are“ von, aller­dings, einem ande­ren ihrer Alben doch auch nach Jahren eines die­ser Stücke, an dem ich mich irgend­wie nicht satt­hö­ren kann.

    2016 erschien mit „Bronze“ nun­mehr ein neu­es Album der gewohnt refor­mier­ten haa­ri­gen Gruppe um Justin Greaves, der außer­halb der Bühne, wie man so liest, den Großteil der Bandwerke qua­si allein ein­spielt; vom letz­ten Album „White Light Generator“ (2014) ist unge­wohn­ter­wei­se auch der Posten des Sängers mit Daniel Änghede besetzt geblie­ben, was in die­ser Combo durch­aus bemer­kens­wert ist. Auch sonst ist „Bronze“ ein eher unge­wöhn­li­ches Album, ein ziem­lich dunk­les, düste­res näm­lich, selbst im nicht gera­de von jauch­zen­dem Frohsinn gepräg­ten Crippled-Black-Phoenix-Universum.

    Der gewohnt druck­vol­le Alternative Rock der Band fin­det in „Bronze“ ein Postmetalgegenstück. Getragene Melodien sind ihrer Sache dies­mal nicht, dies aller­dings sozu­sa­gen mit Ansage: „In the begin­ning the­re was darkness“; wie ein Weltraumepos beginnt „Dead Imperial Bastard“ mit einer gespro­che­nen Einleitung, die Schlimmes erah­nen lässt. Tatsächlich ent­wickelt sich über die näch­sten fünf Minuten ein Instrumentalstück, das Pink Floyds - Ping! - „Echoes“ nicht nur erah­nen lässt, wenn auch wie auf einem kar­gen, ver­las­se­nen Wüstenplaneten auf­ge­nom­men. Das hyste­ri­sche Gelächter am Ende (auch dies wohl eine Anleihe an deren „Meddle“-Album) lei­tet über in das erste rich­ti­ge Lied mit dem nicht min­der unf­röh­li­chen Titel „Deviant Burials“, in dem alle acht gegen­wär­ti­gen Bandmitglieder mal so rich­tig los­rif­fen dür­fen, bevor bass­d­röh­nen­de Psychedelic mit Countryunterton die Wilden vor­über­ge­hend zähmt. Daniel Änghede gibt hier­bei den etwas jam­me­ri­gen, nuscheln­den Indie-Rock-Frontmann, als hät­te Brian Molko ver­se­hent­lich Singen gelernt und/oder als sei’s Josh Homme, des­sen Bands mir ande­rer­seits auch recht egal sind. Nicht spa­ßig? „No fun“, das näch­ste Stück, beginnt aber­mals mit Sprach-sam­ples, der anschlie­ßen­de Gesang ist hin­ge­gen recht ange­nehm in den Hintergrund gemischt, so dass der Mark erschüt­tern­de Bass die Kontrolle behal­ten kann. Ist Progressive Metal ohne Quietschkeyboards noch Progressive Metal? Ach, Genres, drauf geschis­sen, im näch­sten Lied „Rotten Memories“ haben wir sowie­so schon wie­der was ande­res im Ohr (ich wür­de bei­na­he Metallica oder Kid Rock anfüh­ren wol­len, aber das wür­de Crippled Black Phoenix wie­der­um Unrecht tun).

    Kleinkram, Großkram. „Champions of Disturbance (pt. 1 & 2)“, neben­bei ein Mittelfinger für Liedlängenanalysten, ist mit 9:02 Minuten das zweit­läng­ste Stück auf „Bronze“ und hüllt den trotz allem erstaun­ten Hörer in eine per­len­de Synthie-Groove-Decke mit wahn­wit­zi­ger Perkussion ein, bis es nach vier Minuten zur ersten Eruption kommt, nur um direkt über­zu­lei­ten in Teil 2, des­sen galop­pie­ren­der Rhythmus ihm der­ma­ßen das Hirn ver­kno­tet, dass er den längst ein­ge­präg­ten Gesang fast wie hin­ter Schleier wahr­nimmt. Grandios und eigent­lich allein schon den Kauf so was von wert. - Aber es geht ja noch wei­ter, erst ein­mal etwas ruhi­ger („Goodbye then“), bevor es mal wie­der eine Überraschung gibt: „Turn to Stone“ ist ein Joe-Walsh-Cover im zumin­dest ange­mes­se­nen Classic-Rock-Gewand. Mit „Scared and alo­ne“ (gesun­gen, fast gesäu­selt, von Belinda Kordic) fin­den Crippled Black Phoenix auf ihre Spur zurück, noch etwas zer­brech­lich, aber schnell wie­der Kraft tan­kend, um in „Winning a Losing Battle“ (9:14 Minuten) aber­mals dem dunk­len Indie-Rock zu hul­di­gen. Abschließend gibt es mit „We Are The Darkeners“ ein Lied auf bzw. in die Ohren, das sei­nen Namen zu Recht trägt, denn hel­ler wird es mit wei­nen­der Gitarre und Postpunkattitüde nicht mehr. Ein wei­te­res Sprach-sam­ple beschließt die musi­ka­li­sche Bronzezeit. Was bleibt, sind Melancholie und Düsternis.

    Ist ja auch mal schön.

    Reinhören: Bandcamp.com stellt - mit Ausnahme zwei­er Bonuslieder - einen Komplettstream zur Verfügung.

  10. Giraffe Tongue Orchestra - Broken Lines
    „Now you have a choice to suck up what they give you“ (Back to the Light)

    Alles furcht­bar trau­rig 2016? Nein, nicht alles, auch der Spaßrock hat sich kei­ne Pause gegönnt; zum Beispiel erschien mit „Broken Lines“ das Debütalbum der Supergroup Giraffe Tongue Orchestra.

    Das Giraffe Tongue Orchestra besteht zur­zeit aus der­zei­ti­gen und frü­he­ren Mitgliedern von Alice In Chains (William DuVall, Gesang), Mastodon (Brent Hinds, Gitarre), Ben Weinman (The Dillinger Escape Plan, eben­falls Gitarre), Pete Griffin (Dethklok, Bass) und Thomas Pridgen (The Mars Volta, Schlagzeug). Daraus soll­te kei­nes­falls gefol­gert wer­den, was da am Ende für Musik raus­kommt - mei­ne erste Assoziation beim Anspielen von „Broken Lines“ näm­lich hieß, Anglophonie zum Trotz, Die Ärzte, die musi­ka­lisch jeden­falls auf ihren neue­ren Alben tat­säch­lich so Momente haben.

    Na, noch alle Leser da? Gut, denn mei­nen ersten Eindruck revi­dier­te ich schon schnell, als aus dem Anspielen ein Anhören wur­de und sich das, was Giraffe Tongue Orchestra dem Genießer eigent­lich mit­tei­len wol­len, in einer fast ver­stö­rend sich ein­bren­nen­den Melange aus Mr. Bungle, Faith No More, Bad Religion sowie dann und wann etwas Meshuggah und man­cher­lei Mathrock in den Kopfhörer respek­ti­ve Lautsprecher ergoss. Bei qua­si mas­sen­taug­li­chen Liedlängen von stets unter sechs Minuten bleibt die Frage, ob die Zeit zur Entfaltung denn wohl reiche.

    Und das tut sie tat­säch­lich: Polyrhythmische Rockkracher („Crucifixion“, „No One Is Innocent“ u.a.) beherr­schen „Broken Lines“, gefüt­tert von weni­gen ruhi­gen Momenten („All We Have Is Now“), in denen William DuVall mich vor­über­ge­hend fast ein biss­chen lang­weilt (ist eben ein­fach nicht mei­ne Musik), aber eben auch nur fast, denn nach wie vor über­wiegt das Rockige. „Broken Lines“ ist kein Album zum Nachdenken, kei­nes, das sich erst beim aber­dut­zend­sten Durchlauf erschließt, wer Musik also unbe­dingt als Kopfsache begrei­fen möch­te, der ist hier falsch. (Es ist ja nun nicht so, dass mir sol­ches nicht gele­gent­lich auch als Vorwurf begeg­net.) Solide und aus­rei­chend span­nend für einen klei­nen Fingerzeig ist „Broken Lines“ aber alle­mal. Ich zei­ge dann mal drauf.

    Reinhören: Amazon.de. TIDAL. Weiter im Text.

  11. Axon-Neuron - Metamorphosis
    „The future is con­fu­sed through the frag­ments of the past“ (Shattered)

    Was sind das eigent­lich für Liedtitel? „Shattered“, „Erasure“, „Silence“, immer­hin auch „Kafka“; wol­len Axon-Neuron hier Übles her­auf­be­schwö­ren? Nein, im Gegenteil!

    „Metamorphosis“ ist ein Progressive-Rock-Album aus aus­ge­rech­net den USA, das trotz aller Verneigung vor den Klassikern nie anbie­dernd oder gar ange­staubt klingt, obwohl es gleich­zei­tig die mei­sten Klischees schon vor dem ersten Hören erfüllt: „Metamorphosis“ ist ein Doppelalbum aus zwei­mal acht Stücken, wobei jedes der bei­den Teilalben, das zwei­te etwas aus­dau­ern­der als das erste, mit einem Präludium („Prelude“) beginnt und einem Postludium („Postlude“) endet. Das klingt nach Klassik? Oh, ja, und zwar in einem Ausmaß, das mir das „Death Defying Unicorn“, eines die­ser ande­ren klas­s­ik­ori­en­tier­ten Progressive-Rock-Alben, fast kon­kur­renz­los zum Album des Jahres 2012 mach­te, denn auch „Metamorphosis“ erhält sei­ne Stärke durch etwas, was längst als abge­schrie­ben galt; durch den Jazzrock nämlich.

    Wobei das erste „Prelude“ kom­po­si­to­risch zunächst ein­mal an das zu Unrecht fast ver­ges­se­ne Penguin Cafe Orchestra erin­nert, bevor es sich im Stile alter Sinfoniewerke (als, Verzeihung!, Klassikbanause wür­de ich Smetana als unge­fäh­re erste Verbindungsstelle set­zen wol­len) aus­brei­tet. Es domi­nie­ren Saiteninstrumente. Dass das nur die Einleitung ist, wird in „Euclid“, in das das Präludium über­geht, deut­lich, in dem Bandgründer und Multiinstrumentalist Jeremey Poparad sei­ne Gitarre Arpeggien über einem soli­den Bandfundament sin­gen lässt, bevor Sängerin Amanda Rankin zu Schlagzeug-, Bass- und Glockenspielbegleitung irgend­was über par­al­le­le Linien singt, die nie­mals ein­an­der schnei­den, was lei­der schon vor mir jeman­den zu der Feststellung ver­lei­te­te, dass wir es hier wohl mit Mathrock zu tun haben. Vergleiche so weit: Stolen Babies, Bent Knee (aller­dings weit weni­ger ver­rückt) und Thinking Plague. RIO/Avant ist bei Axon-Neuron jeden­falls offen­kun­dig will­kom­men. Im fol­gen­den Stück „Suspicions“ wie­der­um haben wir es mit etwas Jazz zu tun, der sich mit ver­schlepp­tem Rhythmus lang­sam zu einem veri­ta­blen Progressive-Metal-Stück ent­wickelt, das noch dazu immer schnei­den­der wird, nur um dann über­zu­ge­hen in die anfangs bal­la­des­ke Grundstimmung von „Shattered“, das, wie soll­te es anders sein?, sich in einen ziem­lich ver­spiel­ten Progressive Metal ergießt. „Koan“ ist ein lei­der recht kur­zes, um so über­zeu­gen­de­res Jazzstück mit Canterbury-Anklängen; wie der Canterbury Sound auf „Metamorphosis“ sowie­so immer mal wie­der unklar her­vor­blitzt, eben­so viel­leicht auch der Jazzmetal von Weltpinguintag oder Panzerballett („Eyes“, „Summit“).

    Auch auf Teilalbum Nummer zwei geht es viel­fäl­tig zu, ohne dabei bemüht zu klin­gen. Das Zusammenspiel zwi­schen Band und Orchester sorgt für fan­ta­sti­sche Augenblicke und noch fan­ta­sti­sche­re Stimmungen. Wo sonst fin­det man Klassik und Avantrock so gekonnt ver­wo­ben wie in „Kronos“, das klingt, als wür­de man mit gebro­che­nem Herzen aus­ge­las­sen tan­zen gehen? Wo sonst wird man so verz­wir­belt weg­ge­bla­sen wie in „Kafka“?

    „Metamorphosis“ ist zwei­fel­los groß­ar­tig. Ich bin sehr gespannt, was in den fol­gen­den Jahren noch von die­ser Band zu erwar­ten ist.

    Reinhören: Ach was, Komplettstream, und zwar auf Bandcamp.com.

  12. Jambinai - A Hermitage

    Was wäre ein Jahresrückblick ohne einen anstän­di­gen „WTF!“-Moment? Unvollständig wäre er. Zum Glück kommt Abhilfe aus Südkorea.

    Das asia­ti­sche Land war 2016 vor allem wegen explo­die­ren­der Taschentelefone, nicht jedoch wegen sei­ner musi­ka­li­schen Exportprodukte in den Nachrichten zu sehen. Das ist zwar durch­aus ver­ständ­lich, denn der letz­te nam­haf­te süd­ko­rea­ni­sche Musiker, der reich­lich Beachtung und Zuspruch bis in die hin­ter­sten Ecken des Internets fand, war vor eini­gen Jahren Psy, des­sen ärger­li­ches „Gangnam Style“ eigent­lich man­chen Anlass zur pau­scha­len Schlechtfindung korea­ni­schen Pops gäbe. Nun ist Jambinai aller­dings erfreu­li­cher­wei­se auch kei­ne Popband.

    Im Kern han­delt es sich um ein Trio, das sich vage im musi­ka­li­schen Terrain von tesa einer- und Tool ande­rer­seits auf­hält, für „A Hermitage“ noch unter­stützt durch Hyeseok Oh (Schlagzeug) und Ignito (Rap; dazu gleich noch etwas mehr). Die drei wesent­li­chen Bandmitglieder spie­len nicht etwa nur Gitarre und Bass, son­dern außer­dem Haegeum, Piri und Geomungo, das eine Art tief­tö­nen­de Zither und eines der Leadinstrumente in den mei­sten Stücken ist. Wir ler­nen beim Hören von „A Hermitage“ also qua­si neben­bei ein wenig über korea­ni­sche Musikkultur statt der immer­glei­chen Neuinterpretation west­eu­ro­päi­scher Einfälle. Das ist ja auch schön, Musik soll­te ja immer mehr blei­ben als blo­ßes Geräusch.

    Dabei ist „A Hermitage“ selbst an Geräuschen nicht arm. Schon das eröff­nen­de „Wardrobe“ ist ein Klangspektakel mit stamp­fen­dem Rhythmus zu metal­li­schen Schreien (groß­ar­tig: Ilwoo Lee) und mit 3:07 Minuten eigent­lich viel zu kurz. Spätestens im fol­gen­den „Echo of Creation“ gibt es kein Halten mehr: Das unge­wohn­te, aber über­ra­gend gute Zusammenspiel aus for­dern­der Zither und jau­len­der Geige, hin­ter dem die dage­gen ankämp­fen­de Gitarre völ­lig unter­geht, endet abrupt nach nur einer Minute, um ein wenig schö­ne, gar: psy­che­de­li­sche Atmosphäre zum bedäch­ti­gen Mitschwingen zu schaf­fen, bis die Lust am Krach in Gestalt von Hyeseok Oh wie­der alles in Scherben trom­melt. Die fünf Koreaner haben, wenn ich’s mal so schrei­ben darf, Hummeln im Hintern. Ich mag Hummeln.

    Es ist ja nicht so, dass sie nicht auch ganz anders könn­ten: Das sie­ben­mi­nü­ti­ge, instru­men­ta­le „For Everything That You Lost“ könn­te, wäre da nicht der offen­kun­di­ge Einschlag von asia­ti­scher Folklore, auch von einem der zahl­rei­chen Nebenprojekte der Mitglieder von Godspeed You! Black Emperor stam­men, Laut-Leise-Spiel inbe­grif­fen. Überwiegend ist ein­fa­cher Postrock ihre Sache aber nicht, wie bereits das fol­gen­de „Abyss“, aber­mals getra­gen von der unver­wech­sel­ba­ren Geomungo, beweist, das die ziem­lich ein­ma­li­ge Musik von Jambinai mit dem Sprechgesang des korea­ni­schen Rappers Ignito, natür­lich in der Landessprache, ver­bin­det - und das klingt sogar für den ver­wun­der­ten Rezensenten, der ande­rer­seits auch schon wirk­lich furcht­ba­ren Rap gehört hat, als wäre es die offen­sicht­lich­ste aller mög­li­chen Kombinationen.

    „Abyss“ bleibt aber eine Ausnahme auf „A Hermitage“, denn im Weiteren sind den Koreanern ihre Instrumente wie­der wich­ti­ger als ein gutes Gespräch. „Deus Benedicat Tibi“ klingt ziem­lich unchrist­lich, es springt vom Duett aus Schlagzeug und Haegeum, das an sich schon klingt, als­wür­de gleich etwas explo­die­ren, ohne wei­te­re Vorwarnung über in ein Free-Jazz-Durcheinander, dem nur die Rhythmusabteilung eine lose Form zu geben ver­mag. So, jetzt dre­hen wir mal kurz durch. Danach darf sich auch kurz aus­ge­ruht wer­den: „The Mountain“ gönnt anfangs ein wenig Entspannung, fin­det aber schon nach weni­gen Minuten den beat wie­der und schließt herr­lich noi­sig dröh­nend, was mich an man­che japa­ni­sche Postrockband erin­nert. Asien, du bist wirk­lich selt­sam. - Die musi­ka­lisch beglei­te­te Geräuschcollage „Naburak“ sticht selbst auf „A Hermitage“ noch als reich­lich selt­sam her­vor, das letz­te Wort auf „A Hermitage“ hat aber „They Keep Silence“, das ein­zi­ge Lied im Wortsinne, in dem die Musiker den Untergang der Fähre Sewol im April 2014 ver­ar­bei­ten; nicht etwa kla­gend, son­dern aggres­siv, was dem Gefühl der mei­sten Südkoreaner, geht es um das Unglück, zumin­dest deut­lich näher sein dürfte.

    „A Hermitage“ ist, Gesellschaftskritik ein­ge­schlos­sen, gro­ße Kunst im besten Sinne. Es lohnt sich, sich ihr mit Neugier zu nähern.

    Reinhören: Auf YouTube gibt es ein Video zu „They Keep Silence“, auf Amazon.de sind die gewohnt zu kur­zen Tonschnipsel zu hören. Das gan­ze Album, wie gewohnt, mag man nach Belieben per TIDAL streamen.

Könnt ihr noch? Gut, ich beei­le mich:

1b. Kurz und knackig

  • Gong - Rejoice! I’m Dead!

    Eine im Durchschnitt ver­jüng­te Combo tritt - wenn auch weni­ger durch­ge­knallt - auf des­sen Geheiß das Erbe Daevid Allens auf gewohnt hohem Niveau an und debü­tiert mit einem star­ken Album mit unge­wohnt deut­li­chem Canterbury- und Symphonic-Prog-Einschlag.

  • Neurosis - Fires Within Fires

    Endlich mal ein Album von einer Band, die spielt, wie sie heißt, das heißt, wie es klingt.

  • Gandalf’s Fist - The Clockwork Fable

    Eine bemer­kens­wer­te weit­ge­hend bri­ti­sche Musikcombo mit alber­nem Namen und Progressive-Rock-Hintergrund ver­tont gemein­sam mit Leuten, die das beruf­lich machen, eine fan­ta­sti­sche Retro-Prog-Dystopie über eine post­apo­ka­lyp­ti­sche Welt als Hörspiel in drei Akten ali­as CDs.

  • Oranssi Pazuzu - Varahtelija

    Wenn die oben emp­foh­le­nen Neurosis euch noch zu wenig Druck auf­bau­en, könn­ten Oranssi Pazuzu aus der Heimat des bösen Metals, Finnland näm­lich, euren Ansprüchen kraft­voll genügen.

  • Asteroid - III

    In einem enorm viel­schich­ti­gen Stoner-Rock-Album machen Asteroid aus Örebro vie­les rich­tig, was ande­re in die Beliebigkeit treibt, indem sie nicht bloß nach Schema F den hea­vy psych abspu­len, son­dern dem Hörer mit dem Auftürmen immer neu­er Schichten eini­ge Aufmerksamkeit abver­lan­gen, für die er dann aller­dings auch reich belohnt wird.

  • pg.lost - Versus

    Dieses Album besteht aus höchst ange­neh­mem instru­men­ta­lem und oben­drein schwe­di­schem Postrock in der Breitwandversion, der sei­ne sozu­sa­gen gei­sti­ge Verwandtschaft mit Artrock („Along the Edges“) und Metal („Versus“) nicht zu ver­ber­gen ver­sucht, son­dern stolz als Jagdtrophäen über dem Kamin präsentiert.

So weit zu den guten Nachrichten. Gibt es auch schlech­te? Natürlich: Wir blie­ben auch 2016 nicht von scheuß­li­chem Schund ver­schont. Früher haben die Leute sich aus Selbsthass irgend­was auf­ge­schnit­ten, heu­te rate ich ihnen statt­des­sen zu einem die­ser Produkte:

2. Würg!

  • The Claypool Lennon Delirium - Monolith of Phobos

    Claypool! Lennon! Leider aber auch nur: Delirium!

  • Fire! Orchestra - Ritual

    Dieses Ritual ist höch­stens ein müder Funke.

  • Hattler - Warhol Holidays
    Warhol wür­de vor Langeweile gleich ein zwei­tes Mal sterben.
  • Archive - The False Foundation
    Als Sammlung von Kinderliedern viel­leicht gera­de noch erträg­lich, lei­der mag ich kei­ne Kinderlieder.
  • Donny McCaslin - Beyond Now
    David Bowies Zöglinge füh­ren sei­ne Tradition der öden Popmusik gna­den­los fort.
  • Dungen - Häxan
    Bei allem geschicht­li­chen Firlefanz, der hin­ter die­sem Album steht, haben sich Dungen den­noch wahr­lich kei­nen Gefallen mit ihrem ersten Instrumentalalbum getan.

Wie immer been­den wir den Rückblick des Jahres mit ein wenig Geschichte:

3. Es war ja nicht alles schlecht.

  • Vor 40 Jahren:

    Im Jahr 1976 wur­de das erst seit fünf Jahren bestehen­de Mahavishnu Orchestra für ein paar Jahre auf Eis gelegt, Gitarrist und Gründer John McLaughlin wid­me­te sich in den kom­men­den Jahren ande­ren musi­ka­li­schen Projekten. Als das Mahavishnu Orchestra 1984 neu for­miert wur­de, gab es eine ande­re Band, die eben­falls 1976 gegrün­det wur­de, schon gar nicht mehr, näm­lich Joy Division, deren Nachfolger New Order völ­lig ande­re Musik her­vor­brin­gen. Bis heu­te die immer glei­che Musik kommt indes von BAP, gleich­falls seit 1976 im Geschäft; was nicht unbe­dingt sein müss­te. Vielleicht war die Zeit für einen musi­ka­li­schen Umbruch aber auch ein­fach reif, denn sowohl die neu­en Alben von Bob Dylan (Desire) als auch Soft Machine (Softs) blie­ben mau. Einzig das von John Cale pro­du­zier­te Debüt- und gleich­zei­tig letz­te Studioalbum der jun­gen Artrockband The Modern Lovers, die zu die­sem Zeitpunkt schon gar nicht mehr exi­stier­te, das vier Jahre nach sei­ner Entstehung end­lich eine Plattenfirma fand, ließ auf­hor­chen, bot es doch eine erstaun­lich eigen­stän­di­ge Rockmusik zwi­schen den Rolling Stones und natür­lich The Velvet Underground, wenig gefäl­li­gen Gesang ein­ge­schlos­sen. So was wird heu­te ja gar nicht mehr produziert.

  • Vor 30 Jahren:

    1986 waren The Velvet Underground aller­dings trotz­dem noch nicht ver­ges­sen; mit Another View ver­öf­fent­lich­te Verve Records, deren Mutterkonzern MGM 1969 den Fehler mach­te, die wenig Umsatz erzeu­gen­de Band aus ihrem Vertrag zu ent­las­sen, eine Sammlung von übrig geblie­be­nen Liedern, die es zum Teil auf Loaded (1970), zum Teil in Lou Reeds Solowerk schaff­ten. Sonic Youth hiel­ten die Fahne des dis­so­nan­ten Noiserocks 1986 selbst noch hoch, das drit­te Album EVOL gehört nicht zu ihren schlech­te­sten. Die Luft für die Alten wur­de aller­dings zuse­hends dün­ner: Dem letz­ten Auftritt der Smiths und der Auflösung von Asia und Neu! stand die jewei­li­ge Gründung von Bands wie Roxette und No Doubt ent­ge­gen. Die gleich­falls 1986 gegrün­de­ten Pixies und Slint ver­steck­ten sich scheu hin­ter den neu­en Musikalben von Nazareth, AC/DC, Judas Priest und Metallica. Es waren merk­wür­di­ge Zeiten.

  • Vor 20 Jahren:

    Zehn Jahre spä­ter war die Situation kei­nes­wegs über­sicht­li­cher gewor­den. Take That lösten sich auf, die kei­nes­wegs irgend­wie bes­se­ren Backstreet Boys ver­öf­fent­lich­ten der­weil ihr Debütalbum. Die Mädchenschwarmmusik war zeit­wei­se wie eine Hydra - und ihre Köpfe wur­den immer grö­ßer. Klein fing 1996 Eminem an, des­sen Infinite den Grundstein für eine damals noch kaum abzu­se­hen­de Karriere sein soll­te. In der Vergangenheit wühl­ten Neutral Milk Hotel, deren Debütalbum On Avery Island die Brücke vom Garagenrock zum Indie-Rock nicht nur schlug, son­dern gleich noch ein­ze­men­tier­te. Noch offen­sicht­li­cher nah­men The Brian Jonestown Massacre die Siebziger auf’s Korn; Their Satanic Majesties‘ Second Request war nicht nur nament­lich mehr als nur eine blo­ße Verneigung vor dem völ­lig unter­schätz­ten Rolling-Stones-Album ähn­li­chen Namens. Inzwischen hat­ten drei der Mitglieder der ange­nehm ver­rück­ten Alternative-Metal-Band Mr. Bungle sich unter dem Namen Secret Chiefs 3 zusam­men­ge­tan und mit First Grand Constitution and Bylaws wie­der­um ihr Weg wei­sen­des Debütalbum ver­öf­fent­licht; auch 2017 kann von einer Auflösung noch immer nicht die Rede sein, min­de­stens ein neu­es Album ist für 2017 geplant. Das ist recht willkommen.

  • Vor 10 Jahren:

    2006 erleb­te der Postrock eine neue Hochzeit: Long Distance Calling wur­den gegrün­det und Mogwai ver­öf­fent­lich­ten mit Mr. Beast einen Genreklassiker. Wer lie­ber lau­te und böse Musik hören woll­te, der muss­te auf das Debütalbum von Nick Caves neu­er Band Grinderman noch bis 2007 war­ten, konn­te sich bis dahin aber immer­hin mit dem Thrash-Metal-Album Ever-Arch-I-Tech-Ture der bel­gi­schen Band Axamenta behel­fen, des­sen Schubladeneinsortierung emp­feh­lens­wer­ter­wei­se nie­man­den vor­ur­teils­be­dingt vom Reinhören abhal­ten soll­te. Wer kei­ne Überraschungen mag, dem kre­denz­ten 2006 wenig­stens The Strokes mit First Impressions of Earth Bewährtes, näm­lich - guten Hitparadenplatzierungen zum Trotz - gewohnt Gutes, mit­hin erst­mals als „Parental Advisory“ Gekennzeichnetes, was in den prü­den, aber erschreckend schieß­wü­ti­gen USA sicher­lich irgend­was bedeu­tet, hier­zu­lan­de aber schon fast einer Auszeichnung gleich­kommt. Wer hier ankommt, der hat es geschafft. The Strokes jeden­falls haben es.

Damit ist das musi­ka­li­sche Jahr 2016 - zumin­dest von mei­ner Seite aus - end­lich abge­schlos­sen. Ergänzungen wer­den, wie gewohnt, gern gese­hen, anson­sten hof­fe ich, dass auch dies­mal etwas für euch dabei war. Die näch­ste Rückschau kommt bestimmt, 2017 wirkt dies­be­züg­lich vielversprechend.

Freuen wir uns darauf!


Nachtrag: Wenige Stunden nach der Veröffentlichung die­ses Artikels wur­de bekannt, dass John Wetton ver­stor­ben ist. Ich möch­te mei­ne vor­he­ri­ge Einschätzung dies­be­züg­lich korrigieren.

Seriennavigation« Musik 06/2016 - Favoriten und AnalyseMusik 06/2017 - Favoriten und Analyse »

Senfecke:

Comments are closed.

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
mehr...
 

Erlaubte Tags:
<strong> <em> <pre> <code> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <span style=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Ihre IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details finden Sie hier.