KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2016 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 16 von 23 der Serie Jahresrückblick

Es ist ein hal­bes Jahr vor­bei, und schon der Disziplin (eine sonst über­schätz­te Tugend) wegen wird es daher Zeit, ein­mal die ersten sechs Monate der musi­ka­li­schen Neuerscheinungen - all jene also, derer ich bis Ende Juni hab­haft wer­den konn­te - Revue pas­sie­ren zu las­sen, wohl wis­send, dass all das von vorn­her­ein von vie­len Toden und mitt­ler­wei­le auch der Auflösung von Beardfish über­schat­tet wird.

In die­sem für die Musik doch eher merk­wür­di­gen Jahr gibt es auch gute Neuigkeiten: Beak> droh­te es nicht mehr zu geben, aber Ende März wur­de eine Neubesetzung ange­kün­digt. Das zwi­schen­durch erschie­ne­ne Album „Couple in a Hole“, im Wesentlichen eine Skizzensammlung und des­halb hier nicht inter­es­sant, ist jeden­falls noch im alten Miteinander auf­ge­nom­men wor­den. Keinesfalls geson­der­te Erwähnung fin­den hier auch die bereits ander­wei­tig emp­foh­le­nen neu­en Alben von Kula Shaker und Karokh, die aller­dings wei­ter­hin unein­ge­schränkt hörens­wert sind.

Im Juni zwei­fel­te Dirk Peitz auf „ZEIT ONLINE“ dar­an, dass es eine gute Idee sei, Konzertbesucher per Beschluss davon abzu­hal­ten, das Konzert nur durch ihre Smartphonebildschirme wahr­zu­neh­men. Möge Dirk Peitz sich wei­ter­hin mit seich­ter Popmusik her­um­schla­gen, die ein frag­wür­di­ges Klientel anlockt! Euch ist der­weil viel Spaß mit fol­gen­den Glanzstücken zu wünschen:

1. Super-Scheiben.

  1. Neurosenblüte - ganz frisch
    „Es ist und ist und ist ein­fach / und ist und ist.“ (Immer die­ses Jetzt)

    Endlich mal eine Rezension, die sich sozu­sa­gen von allein schreibt!

    Auf der Mailingliste „prog­rock-dt“ kün­dig­te die Hamburger Band Neurosenblüte - allein der Name schon! - ihr dies­jäh­ri­ges Minialbum „ganz frisch“ wie folgt an:

    Was drin ist:
    -Acht Titel mit einer Gesamtspielzeit von ca. 30 Minuten
    -Front- und Backcover zum Selberbasteln (oder -backen)
    -Texte mit Verstand
    -Texte ohne Verstand
    -Takte zum Kopfrechnen
    -Ganzton-, Zwölftonzeug
    -lang­wei­li­ges, nor­ma­les Dur/Moll-Zeug
    -Dinge, die klin­gen wie Verspieler
    -ech­te Verspieler

    Das kann ich ruhi­gen Gewissens so ste­hen las­sen. Ich höre Krautrock und vor allem viel King Crimson. Die Herren haben noch Großes vor sich, wie mir scheint. Ich wün­sche viel Erfolg.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com lässt sich „ganz frisch“ anhö­ren und - lei­der nur als Download - kaufen.

  2. DeWolff - Roux-Ga-Roux

    DeWolff - der Leser möge sich erin­nern - ist ein immer noch jun­ges Trio, des­sen Mitglieder gegen­wär­tig noch immer weit von ihren 30ern ent­fernt sind und dem man ein feh­len­des Profil schon jetzt nicht atte­stie­ren kann:

    Die Musiker selbst bezeich­nen ihren Stil als „psy­che­de­li­schen, elek­tri­fi­zier­ten, fuz­zge­tränk­ten, eksta­ti­schen, hart groo­ven­den Space-Rock-n’-Roll”.

    Nun also gibt es nicht nur ein neu­es Livealbum namens „Live & Outta Sight“, son­dern auch ein neu­es Studioalbum: „Roux-Ga-Roux“.

    Ein roux-ga-roux oder rouga­rou ist, so teilt’s die Wikipedia mit, ist ein Blut sau­gen­des Fabelwesen aus india­ni­scher Folklore, das irgend­wie mit dem Werwolf zusam­men­hängt, womit man bei DeWolff ja eigent­lich auch hät­te rech­nen kön­nen. Die „VISIONS“ nennt Teile des Albums ver­sumpft und meint das wahr­schein­lich positiv.

    Zu tun haben wir’s hier aller­dings nicht mit Sumpfmusik, son­dern mit fein­stem Bluesrock, die Rede ist von Deep Purple und Led Zeppelin als Anhaltspunkte und das ist nicht mal beson­ders falsch. Die psy­che­de­li­sche Spielrichtung des Bluesrocks, wie sie in den 1970ern popu­lär war, fin­det in DeWolff nach wie vor einen will­kom­me­nen Fürsprecher. Ich bin wil­lens, hier und da auch etwas von Hendrix und ein biss­chen von den Doors anklin­gen zu hören, und bin rest­los begei­stert. Starke Scheibe, wie man auf Neudeutsch sagt.

    Reinhören: Auf YouTube gibt es ein the­ma­tisch pas­sen­des Video zu „Sugar Moon“, Amazon.de hat halb­mi­nü­ti­ge Schnipsel zum Rest des Albums im Portfolio.

  3. Jupiter Jones - Brüllende Fahnen
    „Flimmernde Pupillen wer­fen Chaos zurück“ (Lauf.Forrest.Lauf!)

    Jupiter Jones? Hier? Aber ja! Glaubt mir: ich bin min­de­stens so ent­setzt wie ihr.

    Dabei ist die mei­ste Musik sol­cher Deutschrockbands vor allem wegen des Sängers schau­rig, ein unge­eig­ne­ter Sänger (zum Beispiel Phil Collins) kann selbst die theo­re­tisch beste Band zu einem jäm­mer­li­chen Häuflein Popmusikanten dege­ne­rie­ren. Jupiter Jones sind mir inso­fern viel­leicht auch des­halb zum ersten Mal posi­tiv auf­ge­fal­len, weil sie für „Brüllende Fahnen“ mit ihrem neu­en Sänger Sven Lauer zusam­men­ge­ar­bei­tet haben, der hier selbst für mei­ne gequäl­ten Ohren unge­mein pas­send klingt.

    Was wird hier musi­ka­lisch dar­ge­bo­ten? Nun, neben dem wohl gen­re­beding­ten Liebeslied „70 Siegel“ hört man eine inter­es­san­te Mischung aus moder­ner Elektronik und erdi­gem Deutsch- und Indierock, als hät­ten die Musiker neben, dies teil­ten sie dem Publikum jeden­falls mit, den Arctic Monkeys auch Die Goldenen Zitronen sowie The National zu ihren Musen erko­ren. (Ich habe zumin­dest das jetzt nicht überprüft.)

    Die „VISIONS“ spe­ku­lier­te sicht­lich befrem­det, alte Fans hät­ten an den Dissonanzen im Titelstück ver­mut­lich schwer zu knab­bern, das Radiobegleitmagazin „musik­ex­press“ ist natur­ge­mäß gera­de­zu schockiert über die Abkehr von der Art Musik, die einst­mals „Frühstücksfernsehzuschauern“ (ebd.) bekannt zu wer­den ver­moch­te, mich indes begei­stern die krum­men Akzente. Dabei über­trei­ben Jupiter Jones es nicht über­mä­ßig, zur Avantgarde mag’s nicht rei­chen; allein: Wenn bewähr­ter Gitarrenrock (noch so eine Assoziation: Die Toten Hosen, erfreu­li­cher­wei­se nicht text­lich) auf nach vorn pre­schen­des Schlagzeug trifft, nicht beglei­tet, son­dern über­tönt von einem gera­de­zu absicht­lich intro­ver­tiert wir­kend sin­gen­den Sänger, und all das häu­fig so, dass man sich dann doch mal ans Mitzählen der Takte macht, weil etwas merk­wür­dig erscheint, dann funk­tio­niert hier irgend­was rich­ti­ger als da, wo der „musik­ex­press“ Jupiter Jones offen­sicht­lich gern sehen würde.

    „Grausam“ sei „Brüllende Fahnen“, da sich „kein ein­zi­ger Song mit Hitpotenzial“ dar­auf befin­de, befand ein über­mä­ßig unge­hal­te­ner Hörer auf Amazon.de, und wenn wir uns nun alle ein­mal gemein­sam vor Augen füh­ren, wie Alben, auf denen „Songs“ mit „Hitpotenzial“ zu hören sind, ins­ge­samt so klin­gen (Phil Collins!), dann ist allein das fünf Sterne wert.

    Ich kau­fe ja gern mal das Gegenteil.

    Reinhören: Warum nicht mal auf TIDAL?

  4. De Staat - O
    „I’ve got 99 solu­ti­ons but the blues got none.“ (Blues Is Dead)

    Oh! De Staat, eine hoch­er­freu­li­che Combo aus einem hoch­er­freu­li­chen Land, sind nach wie vor aktiv.

    Es beginnt wie einst ein grau­en­haf­tes Album von aus­ge­rech­net Muse mit selt­sa­men Instrumentalfanfaren, wird dann aber deut­lich bes­ser. „Peptalk“ ist Selbstironie in Musikform. „We’re gon­na have some fun tonight, tonight“, dar­ge­bo­ten in einer offen­sicht­lich absicht­lich schrä­gen Gruppengesangsnummer. Seit „Sweatshop“ („Machinery“, 2011) haben sie nichts verlernt.

    Ansonsten chan­neln De Staat mal Primus („Make The Call, Leave It All“), mal die Pet Shop Boys, schwin­gen im Kosmos von Tanzpop („Baby“), New Wave und Groove her­um, ohne sich dabei in irgend­wel­che Grenzen zwän­gen zu las­sen. „Blues Is Dead“ ist eine Bluesrocknummer, die die übli­chen Verdächtigen (Gary Moore und so wei­ter) als bekannt vor­aus­setzt, aber den besun­ge­nen Stil als end­lich begra­ben dekla­riert: „Hip-hip hoor­ay, the blues is dead“. Hatte noch jemand ange­nom­men, dass „O“ eins der übli­chen bier­ern­sten Indie-Rock-Alben ist, so weiß er es spä­te­stens jetzt bes­ser; bezie­hungs­wei­se:

    Unter den Dingen, die sich im De-Staat-Kosmos nicht geän­dert haben, ist auch, dass die Holländer mit ihrer Mischung aus Pop-Appeal, Kunstanspruch, Ironie und hem­mungs­lo­ser Beklopptheit nach wie vor völ­lig unver­wech­sel­bar und eigen­stän­dig sind.

    Den Witz mit der „run­den Sache“ haben schon zu vie­le Leute vor mir gemacht, was mir natür­lich jetzt die Pointe rui­niert; und aber jeden­falls: „O“? O ja!

    Reinhören: Amazon hat Halbminüter, zu „Make The Call, Leave It All“ gibt es ein beknack­tes Studio- und zu „Get On Screen“ ein min­der weni­ger beknack­tes Livevideo. Viel Vergnügen.

  5. Daevid Allen Weird Quartet - Elevenses 

    Die, so behaup­tet es ein Hinweis auf der CD-Umhüllung, „letz­ten Aufnahmen“ des ver­stor­be­nen Daevid Allen, einst Mitgründer von Gong, die erfreu­li­cher­wei­se wei­ter­hin exi­stie­ren, und Soft Machine sowie letz­tes Urmitglied der Erstgenannten, fan­den nicht zusam­men mit dem Rest einer die­ser bei­den Bands statt, son­dern in einem Quartett, das sich immer­hin stan­des­ge­mäß das Daevid Allen Weird Quartet nennt.

    Nun ist die Vermutung, es han­de­le sich tat­säch­lich um Herrn Allens „letz­te“ Aufnahmen, nicht nur gering­fü­gig falsch, son­dern trotz der ver­mut­lich star­ken Vermarktungswirkung fern­ab der Tatsachen, sind doch sei­ne Beiträge zum Album, wie das Internet weiß, zwi­schen 2006 und 2008 und somit min­de­stens drei Jahre vor sei­nem tat­säch­lich letz­ten Album, „sound­bi­tes 4 tha reVelation 2012“, ent­stan­den. Auch das Quartett selbst ist eigent­lich nicht neu, es nahm noch vor 2006 unter dem Namen Weird Biscuit Teatime - auch hier eine Anspielung auf das 70-er-Werk von Gong - bereits „DJDDAY“, ein krau­ti­ges Space-Rock-Album, auf und änder­te sei­nen Namen erst für die Veröffentlichung die­ses Albums, nach­dem Daevid Allen, der zuvor dem fast fer­ti­gen Album sei­ne Zustimmung gege­ben hat­te, gestor­ben war, weil die Plattenfirma das gern so haben woll­te. Klar: Daevid Allen kennt man, aber wer war noch mal Don Falcone? Wenn es nicht gera­de merk­wür­di­ge Namen trägt, nennt sich das „Kollektiv“ aller­dings Spirits Burning, umfasst auch schon mal Mitglieder von Hawkwind und lädt Steven Wilson, Nic Potter und wei­te­re Größen des Progressive Rocks zum Spielen ein. Weird.

    So weit zum Schlechten, denn das alles aller­dings ist Schall und Rauch, ins­be­son­de­re des Wortspiels wegen: „Elevenses“ ist pure Kraut- und Drogenmusik, psy­che­de­lisch im besten Sinne und oben­drein der­ma­ßen gespickt mit der guten alten Hippieorgel, dass man sich beim Hören bei­na­he wie­der jung (und bekifft) fühlt. Musikalisch hat Daevid Allen 1970 seit sei­ner Ankunft nie verlassen.

    Bereits das zwei­te Stück „Imagicknation“ wirkt wie direkt einem der frü­hen Space-/Krautrockalben ent­nom­men, der Geist von Can, Amon Düül (II) und eben Gong weht durch jede der fast vier Minuten, „Grasshopping“ ist ein instru­men­ta­ler Trip durch eine sehr bun­te Tropenwelt - oder viel­leicht doch Gras? - und auch „God’s New Deal“, bis dato nur als eins der vie­len Gedichte Daevid Allens bekannt, atmet in sei­ner bemer­kens­wer­ten Zusammensetzung aus Zirkusmusik, Folk und beat­les­quem Psychedelic Rock die Aura der Blumenkinder ein.

    Lässt man ein­mal die zumin­dest unglück­li­che Vermarktung außer Acht, ist „Elevenses“, was Alben von und mit Daevid Allen schon immer aus­ge­zeich­net hat: Freakig im besten Sinne, dro­gen­schwan­ger, far­ben­froh und nie auch nur nahe dem Ernst; wohl auch, weil 2008 sein Krebstod noch nicht abseh­bar war. „Elevenses“ als sein Vermächtnis zu bezeich­nen wäre sicher­lich nicht in sei­nem Sinne gewe­sen. Ich schla­ge daher vor, es als das zu betrach­ten, was es eigent­lich ist: Ein durch­aus beacht­li­ches Psychedelic-Rock-Album aus dem - wie tref­fend - Allen’schen Klangkosmos für jeden, der Gong und alles aus deren musi­ka­li­schem Umfeld zu schät­zen weiß.

    Reinhören: Es möge ein Verweis auf Amazons Hörproben vor­über­ge­hend genügen.

  6. Hawkwind - The Machine Stops
    „The secret lies wit­hin us / deep insi­de the human mind“ (King of the World)

    Apropos Hawkwind.

    Im Dezember 2015 starb Lemmy Kilmister, sei­nes Zeichens nicht nur Gründer und Frontmann von Motörhead, Phil-Collins-Bewunderer und Bourbontrinker, son­dern zur posi­ti­ven Abwechslung zudem ins­ge­samt vier­ter Bassist der Hardrockband Hawkwind von 1972 bis 1975, die mit nur einer Pause von weni­gen Monaten Dauer seit 1969 sozu­sa­gen durch­ge­hend aktiv ist und somit neben Pink Floyd und ähn­li­chen Gruppen aus jener Zeit zu den Pionieren des Spacerocks gezählt wer­den kann, wenn man das unbe­dingt möchte.

    Dass von der Urbesetzung von Hawkwind nur mehr Gitarrist/Sänger/Keyboarder Dave Brock übrig ist, der in die­sem Jahr 75 Jahre alt wird, macht „The Machine Stops“ trotz des kli­schee­haft schau­ri­gen Coverbildes um so inter­es­san­ter. Die Band selbst ist 2016 zu sechst, wobei Neuzugang Haz Wheaton ledig­lich in den letz­ten bei­den Stücken am Bass zu hören ist. Ansonsten ser­vie­ren Hawkwind hier weit­ge­hend bewähr­te Kost, aller­dings auch mit bewährt hohem Standard und mit einem erwäh­nens­wer­ten Hintergrund: Es stand die gleich­na­mi­ge Kurzgeschichte des Erzählers Edward Morgan Forster von 1909 Pate, in der die Menschheit, deren sämt­li­che Bedürfnisse von einer rie­si­gen Maschine befrie­digt wer­den und deren Kommunikation bevor­zugt über „Sofortnachrichten“ statt­fin­det, nach ein paar unan­ge­neh­men Zwischenfällen unter­ir­disch leben muss; die­je­ni­gen Menschen, die Zweifel an der Quasigöttlichkeit der Maschine haben, gel­ten als Ausgestoßene und wer­den von ihren Mitmenschen ent­spre­chend gering­ge­schätzt. Inwiefern Edward Morgan Foster das Smartphonezeitalter damit vor­her­ge­se­hen hat, füllt sicher­lich so man­chen wis­sen­schaft­li­chen und pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Aufsatz, soll aller­dings auch gar nicht das Thema die­ser Rezension sein. Vielleicht nur die­ser Gedanke: Vieles, was wir als Fiktion ken­nen, ist eigent­lich gar keine.

    So. Zur Musik.

    Mit „All Hail the Machine“ geht es bereits stil­echt los: Blubbernde Synthesizer lei­ten über in einen tech­ni­schen, hek­tisch flim­mern­den Rhythmus aus aller­lei Verzerrtem, es spricht ein Erzähler exal­tiert von der Großartigkeit der Maschine - „Blessed is the machi­ne! Blessed is the machi­ne!“ -, bis schließ­lich vie­le Stimmen durch­ein­an­der rufen: „All hail the machi­ne!“ Der Hörer weiß so auch ohne Kenntnis von der Kurzgeschichte, wor­um es wohl geht. Fein.

    Wie es sich für ein anstän­di­ges Konzeptalbum gehört, wird die­se Einleitung mit dem ersten rich­ti­gen Lied, das den Namen „The Machine“ trägt, über­blen­det. Neben dem knacki­gen Bass, hier von Jonathan Darbyshire, der sich gele­gent­lich Mr Dibs nennt, gespielt, fällt mir ein musi­ka­li­scher Rückgriff in den Postpunk der 1980-er Jahre auf, wenn auch etwas fri­scher klin­gend, domi­niert vom Gitarrenspiel und Gesang Dave Brocks. Das Punkige legt die Band auf „The Machine Stops“ nie völ­lig ab, selbst in „Synchronized Blue“, das die Wurzeln der Band in der psy­che­de­li­schen Musik der spä­ten 1960-er Jahre noch ein­mal deut­lich wer­den lässt; auch das groß­ar­ti­ge „King of the World“ schlägt in eine ähn­li­che Kerbe, ange­rei­chert mit den gen­re- und band­üb­li­chen elek­tro­ni­schen Effekten, die dem Lied eine ent­rück­te Atmosphäre ver­lei­hen. Zwei wei­te­re Lieder sind eigent­lich Soloaufnahmen zwei­er Bandmitglieder: „Hexagone“, eher eine Spaceballade als ein Spacerockstück, wird allein von Phillip Reeves ali­as Dead Fred, neben­be­ruf­lich Keyboarder bei Inner City Unit, into­niert und instru­men­tiert, das ori­en­ta­lisch anmu­ten­de „The Harmonic Hall“ von Niall Hone (sonst Gesang, Keyboards und Synthesizer).

    Ihr merkt es viel­leicht schon: „The Machine Stops“ macht Spaß, weil es nur sel­ten in Spacerockklischees ver­sinkt, dann aber immer so, dass man es für Selbstironie hal­ten könn­te. Es sind die klei­nen Details, die es zu einem sehr ange­neh­men Erlebnis machen. Natürlich agie­ren Hawkwind hier weit von dem Spacerock ent­fernt, den zum Beispiel Gong (hat­ten wir ja gera­de) oder Pink Floyd in ihren besten Zeiten gemacht haben, aber genau das ist es, was die­sem Jahr noch gefehlt hat.

    Es möge die Maschine Hawkwind noch lan­ge nicht ange­hal­ten werden!

    Reinhören: Wie wäre es mit TIDAL? Ansonsten hilft Amazon.de gern weiter.

  7. Tonbruket - Forevergreens

    Einfach mal ein biss­chen Instrumentaljazz zwi­schen­durch. Wobei: Ist das noch Jazz?

    Tonbruket, ein Quartett aus der Peripherie des auf bedau­er­li­che Weise unter­ge­gan­ge­nen Esbjörn Svensson Trios und der nicht üblen, aber eben­so auf­ge­lö­sten Indierockband The Soundtrack of Our Lives, alle­samt aus dem herr­li­chen Schweden, spie­len hier jeden­falls alles ande­re als blo­ße Klassiker. Ignoriert das pott­häss­li­che Coverbild, es lenkt nur unnö­tig ab.

    Nach der gespro­che­nen spa­ni­schen Einleitung („Intro“) wird zunächst ein­mal die Erinnerung an den Flat Beat - wenn ihr den gera­de nicht im Kopf habt, holt das bloß nicht nach - geweckt. Tortoise und ver­gleich­ba­re Bands las­sen hier grü­ßen: Ein merk­wür­dig schlep­pen­der, ver­zerr­ter beat fräst sich ins Ohr, um sogleich wie­der zu ver­schwin­den und Platz zu machen für Perkussion und Klavier, deren Spiel von bemer­kens­wer­ter Melancholie geprägt ist und die bis zum Ende von „Mano Sinistra“, all­mäh­lich for­dern­der wer­dend, das Fundament für die Eskapaden der übri­gen Instrumente. Etwas ruhi­ger geht es im fol­ki­gen „Sinkadus“, mit dem die nor­we­gi­sche Liedermacherin Ane Brun als Gast auf „Forevergreens“ ihren Einstand hat, zu. Mit „Tarantella“, „Linton“ und „First Flight of a Newbird“ fin­den Tonbruket immer wie­der zur elek­tro­ni­schen Tanzmusik, immer wie­der klingt Artverwandtes wie von Jaga Jazzist und eben Tortoise an, maß­geb­lich eigen­stän­dig durch die domi­nan­te Klavierarbeit von Johan Lindström und Martin Hederos, der ab und zu auch zu Akkordeon, zum ersten Mal hör­bar in „Sinkadus“, und Geige greift.

    „Forevergreens“ ist eines die­ser Alben, die offen­sicht­lich unschein­ba­rer wir­ken als sie tat­säch­lich sind. Wenn ihr gegen ein wenig Jazz nichts ein­zu­wen­den habt, gebt ihm eine Chance.

    Reinhören: Bei Amazon.de geht’s hier ein paar Auszüge, TIDAL hat den Rest.

  8. Joe Bonamassa - Blues of Desperation
    „I keep sear­ching this world / for someo­ne to hold me“ (No good place for the lonely)

    Wahrscheinlich ist es ein Zeichen mei­ner all­mäh­li­chen Vergreisung, aber ich gebe zu: Dieses - schon wie­der - Bluesrockalbum beein­druckt mich. Das könn­te am Künstler lie­gen. Nun fällt die­se Rezension ein wenig aus der gewohn­ten Reihe, denn ich mag eigent­lich kei­nen Bluesrock, des­halb ver­zei­he man mir die Freude an viel­leicht Gewöhnlichem. Die offen­sicht­lich auf blo­ßen Trübsinn geschrie­be­nen Texte, deren Sänger trotz­dem Voraussetzung für ein ange­neh­mes Klangerlebnis ist, sind oft zu wenig tief­sin­nig, zu unin­ter­es­sant. Irgendetwas hat die­ses Album aber an sich, das bei mir das sprich­wört­li­che Klick auslöst.

    Joe Bonamassa ent­stammt einer aus­ster­ben­den Spezies, nament­lich der­je­ni­gen der Gitarristen, die als Einzelmusiker schon posi­tiv auf­ge­nom­men wor­den waren, bevor sie sich einer Band ange­schlos­sen hat­ten, obwohl er zumin­dest mir erst mit den zwi­schen­zeit­lich auf­ge­lö­sten Black Country Communion zum ersten Mal auf­ge­fal­len ist. Gelegentlich ist zu lesen, sein Spiel erin­ne­re oft an Eric Clapton, was trotz des sub­ti­len Subtextes, dass es ihm dem­nach wohl an Originalität man­ge­le, durch­aus nicht die schlech­te­ste Referenz ist. In sei­ner Solodiskografie fin­det man mehr­fach eine Zusammenarbeit mit Beth Hart, die trotz ihrer Entdeckung in der Castingsendung „Star Search“ spä­ter ernst­haf­te Musikerin wur­de und, wie sich das für anstän­di­ge Musiker gehört, nach ihrem Drogenentzug in den letz­ten zehn Jahren unter ande­rem zusam­men mit Jeff Beck auf­ge­tre­ten war, und seit 2008 gan­ze zehn Livealben bezie­hungs­wei­se -vide­os. Der Mann ist gern unter­wegs, wie mir scheint.

    Jetzt also „Blues of Desperation“, „Blues der Verzweiflung“. Gibt es denn auch ande­ren Blues? Von Verzweiflung ist frei­lich jeden­falls musi­ka­lisch nicht viel zu hören, dafür fei­ner Bluesrock, des­sen Rhythmusabteilung man ver­mut­lich bes­ser aus­wei­chen soll­te, denn sie gibt voll auf die Fresse. Vielleicht ist das im Bluesrock immer so. Die erste Verschnaufpause, das in der Tat clap­to­nes­que „Drive“, folgt direkt auf den ersten Höhepunkt, das kraft­vol­le „Mountain Climbing“, das allein es wert wäre, die­ses Album mal gehört zu haben. Ein über­ra­gen­der Auftakt, der die Freude bis hin zum Ende des Albums festigt. Dass die Texte zu den erfreu­li­chen Melodien nicht gera­de zum Feiern ein­la­den („Blood on my hands and there’s holes in my jeans / you scrub all day but you never get them clean“), ist eines die­ser Dinge, die ich am Bluesrock wohl nie ver­ste­hen wer­de. Ich habe beschlos­sen, die Liedtexte von „Blues of Desperation“ ein­fach ein­mal als schmücken­des Beiwerk und nicht als essen­zi­el­le Komponente zu betrach­ten, und trotz­dem funk­tio­niert es immer noch für mich.

    Zugegeben: Bluesrock lebt sti­li­stisch nicht gera­de von Vielfalt und Abwechslung. Aber das muss er auch gar nicht. Der Etikettenschwindel sei ver­zie­hen: „Blues of Desperation“ lässt den Hörer nicht etwa ver­zwei­felt, son­dern völ­lig aus dem Häuschen zurück. Ich soll­te offen­sicht­lich mehr über die­ses Genre in Erfahrung brin­gen. Euch lege ich die­ses Album bis dahin nahe. Es ist gut - und ich weiß nicht, warum.

    Reinhören: „Mountain Climbing“ auf YouTube. Mag ich.

  9. Jeremy Flower - The Real Me
    „The curtains start to clo­se / and ever­y­bo­dy knows“ (Longing in the Tooth)

    Jeremy Flower (heißt wohl wirk­lich so) war bis­her ein ver­gleichs­wei­se unbe­schrie­be­nes Blatt auf dem wei­ten Feld der anspruchs­vol­len Musik mit Rockbezug und tob­te sich eher im Klassik- und Jazzbereich aus. Mit „The Real Me“ führt er dem geneig­ten Hörer vor, wie scha­de das eigent­lich ist.

    In 14 Stücken und etwa 70 Minuten, womit sich die Lieder „eigent­lich“ auf Radiolänge hal­ten, aber kei­nes­falls eine Chance haben, jemals im seich­ten Einheitsbrei auf­zu­tau­chen, bril­liert Herr Flower (heißt wohl wirk­lich so) hier an Gitarre, Keyboards und Mikrofon, und das nicht ein­mal allein; an sei­ner Seite geigt und singt neben elf wei­te­ren Musikern auch Carla Kihlstedt, die der geneig­te Hörer von ihrer Zusammenarbeit mit respek­ti­ve Mitgliedschaft in Bands wie den Stolen Babies, Sleepytime Gorilla Museum, The Book of Knots und so wei­ter und so fort kennt. Die Frau hat Referenzen und - dies steht außer jeg­li­chem Zweifel - sin­gen kann sie rich­tig gut. Davon macht sie - abge­se­hen von „Longing In The Tooth“ - hier auch reich­lich Gebrauch. Ist das „wah­re Ich“ Jeremy Flowers (heißt wohl wirk­lich so) also eigent­lich Carla Kihlstedt? Und: Ist das eigent­lich von Belang?

    „The Real Me“ ist auf jeden Fall ein stim­mungs­vol­les Album, es herr­schen Melancholie und Schwermut. Das beginnt bereits im wütend-trau­ri­gen Titelstück, das den Hörer mit ent­schlos­se­nem Rhythmus her­an­zieht und gleich­sam gefan­gen nimmt. Die dunk­le Ballade „Take“, in denen sich Carla Kihlstedts Stimme in beein­drucken­de Höhen schraubt, führt inter­es­san­te Dissonanzen mit sich, was zum Text passt: „When endings come we fall to pie­ces“, ach. Wie anders doch das vor­der­grün­dig beschwingt hüp­fen­de „The Loneliest Number“, das mit einer über­ra­schend guten Mischung aus RIO/Avant und Pop wie eine Reinkarnation von Thinking Plague und Eatliz zugleich klingt, wäh­rend sich die Melodie immer wei­ter ver­kno­tet und schließ­lich in einem Streichersolo aus­klingt. „Keep The Lights On“ lebt schließ­lich von sei­nem selt­sam schlep­pen­den Schlagzeugspiel.

    Auch Folkrock („Along The Banks“) und New Artrock („This Paradise“) sind den Musikern offen­kun­dig nicht fremd. Was ist das hier also für eine Schublade, in die man das Album gern stecken möch­te? Wie so oft: Keine. Allenfalls Vergleiche (ich höre unter ande­rem Evangelista, Nick Cave, Zola Jesus, broken.heart.collector und alles, was trau­rig macht) bie­ten sich an und tun Jeremy Flower den­noch Unrecht.

    „The Real Me“ - nichts für die fröh­li­che Autofahrt. Das ist durch­aus etwas Gutes.

    Reinhören: „The Real Me“ gibt es auf Bandcamp.com zum Stream und Kauf.

  10. Shamblemaths
    „Uproarious rum­pus! Bloody racket!“ (Conglomeration (or: The Grand Pathetic Suite))

    Vor zehn Jahren, um das Jahr 2006 her­um, ver­öf­fent­lich­te das kurz­le­bi­ge Duo Fallen Fowl, bestehend aus den nor­we­gi­schen Musikern Simen Ådnøy Ellingsen (Gitarren, Saxophon, Gesang) und Eirik Mathias Husum (Bass), unter­stützt von vier Gastmusikern ein paar Demoaufnahmen sowie den/die/das EP „Do They Love You Now?“. Ersterer beschloss anschlie­ßend, statt­des­sen in London einen rich­ti­gen Beruf zu erler­nen, und hat inzwi­schen in Quantenphysik und Politikwissenschaften (Fachgebiet: Terrorismus mit Kernwaffen) pro­mo­viert, was erst mal wahl­wei­se erschreckend oder unglaub­lich lustig klingt, wäh­rend sein Kollege in diver­sen Bands spielte.

    Offensichtlich hat­ten sie aber noch etwas zu sagen. Erfreulicherweise haben sich die bei­den nun wie­der zusam­men­ge­tan, um gemein­sam mit neun Gastmusikern, zusätz­li­chen Instrumenten und unter neu­em Namen, der zumin­dest eine Wissenschaftsreferenz beinhal­tet, das Versäumte nach­zu­ho­len; lei­der mit einem grau­en­haf­ten Cover im Stil alter Sowjetkampfplakate, auf dem ein Lastkraftwagen zu sehen ist, der ein sowje­ti­sches Flugzeugwrack (das ist doch ein Flugzeugwrack?) trans­por­tiert. Was auch immer die bei­den Herren uns damit sagen wol­len - nicht jedes Rätsel hat eine schnel­le Lösung.

    Enthalten sind drei Stücke in 54 Minuten, was, um die Band selbst zu zitie­ren, schon stark auf Prog hin­deu­tet. Den Anfang macht „Conglomeration (or: The Grand Pathetic Suite)“, das tat­säch­lich pathe­tisch ist. Zu Beginn gibt es jauch­zen­den Keyboard-Zeuhl mit Canterbury- und Gentle-Giant-Einflüssen auf die Ohren. Der namen­lo­se Ersteller der Bandwebsite merkt dazu an:

    Zügellose Anglophilie zeigt sich in den skur­ri­len Texten, die, viel­leicht schlecht bera­ten, nicht über ein oder zwei Wortspiele hinausgehen.

    Höhö; und wei­ter, der zwei­te Teil des Stücks, „Your Silly Stare“, beginnt: Faith No More, dann etwas krumm­t­ak­ti­ger RIO/Avant, über­ge­hend in von viel Gebläse befeu­er­ten Jazzrock („A Mockery in the Making“), dazu eine irr­lich­tern­de Gitarre, dann wie­der die gute, alte Orgel - und das waren nur die ersten sie­ben Minuten. Zwischendurch bedient man sich scham­los, aber nicht ohne offen­sicht­li­chen Hinweis, bei Jethro Tull und Ian Anderson: „Saucy Tiara Woman!“. Immer noch im glei­chen Stück kommt auch expe­ri­men­tier­freu­di­ger Spacerock zu Wort, plötz­lich etwas Primus, dann wie­der Orgel-Canterbury wie einst bei Egg. Das ist nichts für Leute, die ihre Musik gern über­sicht­lich und schlicht mögen. Zum Glück bin ich heu­te in der rich­ti­gen Stimmung dafür.

    Es ist noch nicht vor­bei! „A Failing Ember“: Mit nur fast neun­ein­halb Minuten Länge ist das fast radio­taug­lich; nein, nicht ganz, zu unter­schied­lich sind die Stimmungen. Nach einer Einleitung mit Akustikgitarre im Stile Jethro Tulls über­nimmt ein eigen­ar­tig ent­rück­ter sin­fo­ni­scher Folkrock mit leich­tem schot­ti­schem Akzent, mit­tig auf­ge­lockert durch elek­tro­ni­sches Fiepen, das einen Progressive-Metal-Zwischenteil ein­lei­tet, der nicht lan­ge genug dau­ert, um anstren­gend zu sein, gefolgt von grie­chi­scher Folklore und aber­mals Jethro Tull, die dies­mal ein biss­chen zu viel vom Kraut genascht zu haben schei­nen. Ein ruhi­ger Moment - es spricht ein Säugling zu getra­ge­nen, aber sehr schrä­gen Klängen, wor­auf­hin die Band sich an AOR ver­sucht und selbst das erfreu­lich gut hinbekommt.

    Für das letz­te, wie­der­um fast zwan­zig­mi­nü­ti­ge Stück „Stalker“ schließ­lich, des­sen Entstehung noch auf TiaC (offen­bar eine Abkürzung für There is a Crowd), das Quintett, aus dem Fallen Fowl einst her­vor­ge­gan­gen waren und das zwi­schen 2002 und 2005 bestand, zurück­geht, das jedoch zuvor nie auf­ge­nom­men wor­den war, ist mit dem Gitarristen Jan Røe ein ehe­ma­li­ger Bandkollege aus der Verschollenheit zurück­ge­kehrt. Was gibt’s zu hören? „Die heiß ersehn­te Stille“, ver­spricht die Bandwebsite, aber vor­her ein wenig Liedermachertum, das bei­na­he in den Pop hin­ein­reicht, aber recht­zei­tig von hübsch dis­so­nan­tem Indie-Rock unter­bro­chen wird (Mr. Bungle wer­den schmerz­lich ver­misst), den Hardrock mit Saxophon (Saxophon!) ablöst, der sich lang­sam wie­der etwas beru­higt, um wie­der Platz zu machen für breit­for­ma­ti­ge Klangflächen, die nur die Ruhe vor dem Sturm sind, denn wie­der­um spä­ter gibt es auch ein Wiederhören mit den wil­den Canterbury-Eskapaden und blä­ser­ge­tra­ge­nem RIO/Avant, mit dem das Stück und damit das Album schließ­lich ausklingt.

    Boah.

    Mindestens aus des Frickelfreundes Sicht ist „Shamblemaths“ schon jetzt ein Anwärter auf das Album des Jahres 2016. So 70er war der Progressive Rock schon lan­ge nicht mehr.

    Reinhören: Die Quellen sind rar gesät, aber Streaminganbieter wie TIDAL wis­sen Rat.

  11. april fishes - Carpe d’Or

    Wer nennt sich denn bit­te „Aprilfische“? Das kön­nen ja nur Franzosen sein!

    Dabei klin­gen die vier Herren von Anfang an eher asia­tisch; sofort bemer­ke ich das mäch­ti­ge Brummen, wie es mich schon bei boris begei­ster­te, das dann in einen dröh­nen­den trei­ben­den Rhythmus mit aller­lei Knattern und Donnern über­geht. Kein Gesang? Kein Gesang! Ich bin wahr­lich kein Freund fran­zö­si­scher Sangeskunst, inso­fern ist das durch­aus gut so. Gelegentliche Saxophonausbrüche schla­gen die Brücke zu den guten alten Van der Graaf Generator, was neben­bei mit einer ent­spre­chen­den Stimmung ein­her­geht. Es geht the­ma­tisch wohl um die See, aber Seemannslieder sind das nun wirk­lich nicht. Seemannslieder sind auch erschreckend scheiße.

    Womit haben wir es also zu tun? Puh. Sind Journalisten anwe­send? Sie wür­den es ver­mut­lich Slowcore-Dronejazz nen­nen, viel­leicht Postrock, viel­leicht Avantgarde, und alles davon ist wahr. Das ist anstren­gend, das braucht Zeit, aber es ist wun­der­voll. Doch, wirklich.

    Reinhören: Amazon.de. TIDAL. Wohl bekomm’s.

  12. Holy Esque - At Hope’s Ravine

    Holy Esque aus Glasgow mach­ten schon ein­mal mei­ne Musik zum Wochenbeginn, das dazu gehö­ren­de Debütalbum „At Hope’s Ravine“, erschie­nen im Februar die­ses Jahres, habe ich euch aber bis­her ver­schwie­gen. Interessant ver­zerr­te Gitarren, als hät­ten Placebo end­lich mal ein Instrumentalalbum auf­ge­nom­men, tref­fen auf die ein­ma­li­ge Stimme von Pat Hynes und erge­ben zusam­men

    (…) einen mit­rei­ßen­den Mix, der sich in etwa aus dem rau­en Sound von The Pains Of Being Pure At Heart, den ver­spiel­ten Melodien von Bloc Party und dem Pathos der Editors zusammensetzt.

    Natürlich ist das im Wesentlichen nur gut gemach­ter Indie-Rock, aber mit einer der­art beson­de­ren und ins­be­son­de­re groß­ar­ti­gen eige­nen Note, dass es wirk­lich scha­de wäre, „At Hope’s Ravine“ nicht zumin­dest ein­mal gehört zu haben.

    Reinhören: Drüben auf Nicorola gibt’s eine Soundcloud-Liste mit dem kom­plet­ten Album, Ungeduldige kön­nen auch auf Amazon.de reinhören.

  13. Combichrist - This is Where Death Begins
    „Give me a break / you give what you take“ (Skullcrusher)

    Combichrist sah ich zum ersten und bis­her ein­zi­gen Mal in mei­nem Leben im Jahr 2011 auf einem Festival, auf dem sie bei­na­he den ein­zi­gen musi­ka­li­schen Lichtblick gegen­über den eben­falls auf­tre­ten­den Staubkind, Mina Harker und son­sti­ger Mädchenmusik dar­stell­ten. Fragt mich bit­te nicht, was ich über­haupt dort ver­lo­ren hat­te. Aus ver­schie­de­nen Gründen hat­ten sie danach bis heu­te mei­nen Blicken entzogen.

    Die vier Norweger sind kei­ne typi­sche Rockband; die Besetzung mit Gesang, Schlagzeug, Perkussion und Keyboards, zu denen sich nur live regel­mä­ßig eine rich­ti­ge Gitarre gesellt, zeigt, dass hier noch mehr Elektronik am Werk ist. Combichrist haben wie­der­hol­te Erfahrungen als Vorgruppe von Rammstein gesam­melt und dort pas­sen sie auch hin. Aggressiver Industrial beherrscht letzt­lich auch die­ses Album.

    Dass die Texte und Musikvideos von Combichrist noch immer mit Klischees spie­len, es geht ja doch immer nur um den Sinn des Lebens und des Daseins, sei ihnen gegönnt. Ernst neh­men soll­te man sol­ches nach der Pubertät kei­nes­falls, denn sonst kauft man eine Waffe und bringt jeman­den um. Nein, Combichrist machen Musik zum Abreagieren, nicht zur all­zu auf­merk­sa­men Wahrnehmung. Es wird auf Felle gedro­schen und zor­nes­rot geschrien, selbst die Keyboards sind wütend. Aus der Perspektive des Genießers ist das alles eine schreck­li­che Zumutung, aus der Perspektive eines ein­fa­chen, unvor­ein­ge­nom­me­nen Hörers jedoch ist „This is Where Death Begins“ nicht weni­ger als bemer­kens­wert, zumal es in den mei­sten Stücken durch­aus ohr­wurm­taug­lich ist - ob man will oder nicht. Es muss ja nicht gleich die 3-CD-Version sein.

    Reinhören: Auf YouTube gibt es unter ande­rem Videos zu Skullcrusher und My Life My Rules.

  14. Vaults of Zin - Kadath

    Einen noch für’n Weg.

    Im Jahr 2014 mach­te sich das texa­ni­sche Quartett Vaults of Zin dar­an, den Nachfolger zu ihrem 2011er Debütalbum auf­zu­neh­men. Warum es noch bis März 2016 dau­er­te, bis die Öffentlichkeit dar­an teil­ha­ben durf­te, weiß ich nicht, wenn­gleich das Absicht sein könn­te, behaup­tet die Band doch selbst von sich, sie sei wil­lens, die Grenzen der Improvisation in lan­gen Phasen der Komposition zu erfor­schen. Das klingt mehr nach Phrasendrescherei als ange­bracht wäre, denn „Kadath“ löst die­ses Versprechen tat­säch­lich ein.

    Auch „Kadath“ hat mit fünf Stücken zwi­schen drei­ein­halb und 22:03 Minuten Laufzeit das Progressive schon struk­tu­rell erfasst. Los geht’s mit aus­ufern­dem Gitarrenzeuhl („Amduat“). Dass auch King Crimson (vgl. deren „Red“) und Bands wie Ruins den Musikern nicht unbe­kannt sind, lässt sich nicht nur in „Mons Atanua“, des­sen Gitarrenriff ich schon mal irgend­wo gehört habe, erken­nen, aber da ist dann doch die­se beson­de­re Note, die­ses Schwingen zwi­schen Jazzrock, Drones und Metal, die dem Ganzen qua­si die Krone auf­setzt. Schöner flirr­ten in die­sem Jahr noch kei­ne Bässe. Das abschlie­ßen­de „Moongate / Heart Girt with a Serpent“, mit­hin das läng­ste Stück auf dem Album, ist zugleich auch das lau­te­ste, nach einem schön fricke­li­gen, spa­ce­rocki­gen Beginn schließ­lich kip­pend in schlep­pen­den Doom-Metal, der selbst einem alten Schöngeist wie mir ein Wohlgefühl anbie­tet, alles Growling zum Trotz. Das hier macht Gänsehaut, Leute, und das wahr­lich nicht zum Schlechten.

    Dieses Album ist ver­rückt. Ich mag Verrücktes.

    Reinhören: Komplettstream und -kauf gibt’s auf Bandcamp.com.

2. Schlimmer Schrott.

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten hier­her. Ton aus und los.

  • David Bowie - Blackstar
    Angehörs die­ses Albums ist David Bowie wahr­schein­lich nicht ein­fach gestor­ben, son­dern für immer ein­ge­schla­fen. Was für eine schnarch­lang­wei­li­ge Popgrütze.
  • Hypno5e - Shores Of The Abstract Line
    Laut laut.de der „har­sche Zwilling von Steven Wilson“, des­sen Langeweile wird hier aller­dings gera­de­zu vor­bild­lich adaptiert.
  • Long Distance Calling - Trips
    Stadion-Hardrock trifft auf 80er-Keyboards. So „schön“.
  • Heron Oblivion - Heron Oblivion
    Die musi­ka­li­sche Begleitung zu einem lan­gen, aus­ge­dehn­ten Spaziergang durch Hannover.
  • Santana - Santana IV
    Ich weiß nicht genau, wie Herr Santana es schafft, auch rocki­ge Teile sei­ner Stücke zu Bügelbegleitmusik zu machen, aber er hat es tat­säch­lich auch dies­mal wie­der hinbekommen.
  • LNZNDRF - LNZNDRF
    Mitglieder von The National (sonst eigent­lich ganz gut) und Beirut (mir sonst unbe­kannt) ver­su­chen wie Joy Division zu klin­gen, schaf­fen es aber doch nur zu einem müden Aufguss von Mark Everett.

3. Schnee von gestern.

Zum Abschluss gibt es einen Rückblick in die letz­ten vier­zig Jahre Musik und Gesellschaft. Vor vier­zig Jahren hat­ten wir’s erst 1976. Fühlt ihr euch auch gera­de so unan­ge­nehm geal­tert wie ich? - Musik, Maestro:

  • Vor 40 Jahren:

    Mao stirbt, Schmidt wird wie­der­ge­wählt, die Todesstrafe in den USA wird wie­der ein­ge­führt. Der Vogel des Jahres ist der Wiedehopf. Auch musi­ka­lisch erle­ben wir 1976 als ein Jahr der Tode und der Neugeburten:

    Die US-ame­ri­ka­ni­sche Symphonic-Prog-Band Fireballet been­det bereits mit ihrem zwei­ten Album Two, Too …, das gleich­zei­tig den wahr­schein­lich blö­de­sten Namen und das garan­tiert bescheu­ert­ste Coverbild des Jahres trug, ihre eige­ne Karriere, was den bis dahin invol­vier­ten Musikern, im Vorjahr immer­hin auch noch Ian McDonald, aller­dings kei­nen dau­er­haf­ten Schaden zufügt. Ihre bri­ti­schen Kollegen von Camel dre­hen indes gera­de erst so rich­tig auf, mit Moonmadness erscheint im vier­ten Jahr in Folge ein beein­drucken­des, atmo­sphä­ri­sches Album, das im Internet gern und voll­kom­men zu Recht „wun­der­schön“ genannt wird. Geschwächelt wird erst in den Folgejahren, das maue Breathless von 1978 zeigt die Zeichen der Zeit. Allein: Camel hal­ten bis heu­te durch. Ebenfalls auch heu­te aktiv sind die zwi­schen­durch immer mal wie­der auf­ge­lö­sten Van der Graaf Generator, die sich mit den bei­den über­ra­gen­den Alben Still Life und World Record - man war krea­tiv in jenen Tagen - ein letz­tes Mal auf­bäum­ten, bevor die Gruppe erst den „Generator“ aus ihrem Namen strich und dann, nach einem letz­ten Studioalbum in neu­er Besetzung (The Quiet Zone / The Pleasure Dome, 1977) und dem Livealbum Vital (schon wie­der 1978), nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte vor­über­ge­hend zerfiel.

  • Vor 30 Jahren:

    Jahre, die mit 6 enden, sind offen­sicht­lich unge­sund. Im Januar 1986 fällt die Challenger kaputt vom Himmel, drei Monate spä­ter lässt ein Schichtleiter in der USSR ein Atomkraftwerk über­la­sten, was bis heu­te den Ruf der Kernkraft nicht zum Besseren beeinflusst.

    Mit Balance of Power zer­stö­ren im glei­chen Jahr Electric Light Orchestra ihren Ruf mit kleb­ri­ger Popmusik, bevor auch sie fünf­zehn Jahre lang von der Bühne ver­schwin­den. Ebenso ist für Genesis bald Schluss mit lustig: Nach Invisible Touch, das man bit­te­schön nie wie­der auch nur aus­zugs­wei­se öffent­lich auf­füh­ren soll, macht Phil Collins erst mal ein paar Jahre lang blö­de Dudelmusik unter sei­nem eige­nen Namen. Ist der Ruf erst rui­niert… Die anschlie­ßen­de Reunion für das eben­so scheuß­li­che We Can’t Dance (1991) hät­te es wirk­lich nicht gebraucht. Was es aller­dings durch­aus gebraucht hat, war, dass einer ganz ande­ren Band der Radiopop all­mäh­lich schnurz­pie­pe­gal wur­de: The Colour of Spring mar­kiert 1986 den Wendepunkt in der Karriere der ein­sti­gen Popkapelle Talk Talk, deren Musik immer sper­ri­ger, immer aus­la­den­der und zugleich immer inti­mer wur­de, bis die gan­ze Band eines Tages zu exi­stie­ren auf­hör­te. Ihr Sänger Mark Hollis lässt seit­dem nur gele­gent­lich von sich hören, zuletzt immer­hin 2012. Auch ein ande­rer Sänger mel­det sich zur glei­chen Zeit mit Ungewohntem zurück: Rio Reiser ver­sucht sich nach der finan­zi­ell wohl not­wen­di­gen Auflösung von Ton Steine Scherben im Vorjahr auf Rio I. als Solokünstler, wobei Stücke wie „König von Deutschland“ und „Junimond“, die ja irgend­wie auch nie­mand mehr so rich­tig gut ertra­gen kann, eigent­lich im Bandkontext hät­ten ver­öf­fent­licht wer­den sol­len; Ersteres war bereits 1976 Teil des Scherben-Repertoires. Ebenfalls etwas Neues pro­biert die frü­he­re Punkband Beastie Boys aus, die mit ihrem Debütalbum Licensed to Ill einen Hip-Hop-Klassiker ver­öf­fent­licht, der nicht fol­gen­los (Ruhm, Reichtum, Coverversionen noch und nöcher) blei­ben sollte.

  • Vor 20 Jahren:

    1996 wird Deutschland zum drit­ten und bis­her letz­ten Mal Europameister im Herrenfußball. Ich sah damals zum ersten Mal ein Fußballspiel auf einer rich­ti­gen Leinwand in einer Scheune und ver­stand schon damals nicht, wor­über sich alle so freuen.

    Zur Freude gibt 1996 auch musi­ka­lisch kaum einen Anlass: Tic Tac Toe gehen die­sem armen gebeu­tel­ten Land mit ihrem Debütalbum (kack­doo­fer Titel: Tic Tac Toe) auf die Nerven, Mr. President sind mit der Single „Coco Jamboo“ und dem dazu bedrückend gut pas­sen­den Album We See the Same Sun im Weg. Zwischen Retro- und Neoprog ver­öf­fent­li­chen gleich­falls diver­se Bands ihre Debütalben ohne anstän­di­gen Titel, dar­un­ter Quidam, Somnambulist und Spektakel, deren gleich­na­mi­ges Album aller­dings bereits 1974 auf­ge­nom­men wor­den war. Plattenfirmen waren damals wohl ein­fach nicht so schnell. Auch der bereits 1993 ver­stor­be­ne Frank Zappa - der Tag, an dem ich Frank Zappa ver­ste­he, wird sicher­lich kom­men - „ver­öf­fent­licht“ mit dem bereits zwei Dekaden zuvor eigent­lich fer­ti­gen Läther eines sei­ner wohl unwi­der­spro­chen besten Alben, konn­te sich dar­über aber nicht mehr so rich­tig freu­en. Ob Tortoise, die für ihr zwei­tes Studioalbum Millions now living will never die den damals ehe­ma­li­gen Slint-Gitarristen David Pajo als Ersatz für den aus­ge­stie­ge­nen Bundy K. Brown ver­pflich­ten konn­ten, mit dem Titel des Albums Recht behal­ten soll­ten, wird sich mög­li­cher­wei­se aller­dings noch erweisen.

  • Vor 10 Jahren:

    Als unsterb­lich gel­ten heu­te aller­dings ganz ande­re Herren: 2006 fan­den zugleich der sehr lan­ge 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart und der 150. Todestag von Robert Schumann statt. Wahrlich, wie man so sagt, gro­ße Fußstapfen.

    In die Amy Winehouse nie so ganz hin­ein­pass­te: Back to Black soll­te ihr letz­tes Album blei­ben, es folg­ten auf­bran­den­der Erfolg, Alkohol und Tod. Bis heu­te das letz­te Album ver­öf­fent­li­chen im glei­chen Jahr auch Tool mit 10,000 Days, ein erst 2015 für über­stan­den erklär­ter Rechtsstreit ver­hin­dert bis heu­te die Veröffentlichung des längst ange­kün­dig­ten Nachfolgealbums, obwohl, wie man so hört, es jetzt tat­säch­lich nicht mehr all­zu lan­ge dau­ern soll. The Mars Volta hin­ge­gen exi­stie­ren inzwi­schen gar nicht mehr, was ich bedau­re, denn mit Amputechture, dem Nachfolgealbum des von mir geschätz­ten, ähn­lich über­dreh­ten Frances the Mute, erscheint auch 2006 wie­der eines ihrer Alben, die ich Jahre spä­ter lang­sam zu mögen begann. Ganz woan­ders zu ver­or­ten sind Katatonia, deren The Great Cold Distance, gefüllt mit einer zumin­dest bemer­kens­wer­ten Mischung aus Gothic und Progressive Metal, einen für die­ses Jahr recht pas­sen­den Namen trägt.

Damit ist das Halbjahr auch musi­ka­lisch end­lich vor­bei; aber ver­zagt nicht, die Liste für das zwei­te Halbjahr füllt sich unauf­hör­lich und es sind bereits jetzt eini­ge fei­ne Perlen dabei. Das wird noch ein wun­der­vol­les rest­li­ches Jahr für uns Musikfreunde. Näheres zu gege­be­ner Zeit.

Danke für die Aufmerksamkeit!

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