KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/​2016 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 16 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

Es ist ein hal­bes Jahr vor­bei, und schon der Dis­zi­plin (eine sonst über­schätz­te Tugend) wegen wird es daher Zeit, ein­mal die ersten sechs Mona­te der musi­ka­li­schen Neu­erschei­nun­gen – all jene also, derer ich bis Ende Juni hab­haft wer­den konn­te – Revue pas­sie­ren zu las­sen, wohl wis­send, dass all das von vorn­her­ein von vie­len Toden und mitt­ler­wei­le auch der Auf­lö­sung von Beard­fi­sh über­schat­tet wird.

In die­sem für die Musik doch eher merk­wür­di­gen Jahr gibt es auch gute Neu­ig­kei­ten: Beak> droh­te es nicht mehr zu geben, aber Ende März wur­de eine Neu­be­set­zung ange­kün­digt. Das zwi­schen­durch erschie­ne­ne Album „Cou­p­le in a Hole“, im Wesent­li­chen eine Skiz­zen­samm­lung und des­halb hier nicht inter­es­sant, ist jeden­falls noch im alten Mit­ein­an­der auf­ge­nom­men wor­den. Kei­nes­falls geson­der­te Erwäh­nung fin­den hier auch die bereits ander­wei­tig emp­foh­le­nen neu­en Alben von Kula Shaker und Karokh, die aller­dings wei­ter­hin unein­ge­schränkt hörens­wert sind.

Im Juni zwei­fel­te Dirk Peitz auf „ZEIT ONLINE“ dar­an, dass es eine gute Idee sei, Kon­zert­be­su­cher per Beschluss davon abzu­hal­ten, das Kon­zert nur durch ihre Smart­phone­bild­schir­me wahr­zu­neh­men. Möge Dirk Peitz sich wei­ter­hin mit seich­ter Pop­mu­sik her­um­schla­gen, die ein frag­wür­di­ges Kli­en­tel anlockt! Euch ist der­weil viel Spaß mit fol­gen­den Glanz­stücken zu wünschen:

1. Super-Schei­ben.

  1. Neu­ro­sen­blü­te – ganz frisch
    „Es ist und ist und ist ein­fach /​ und ist und ist.“ (Immer die­ses Jetzt)

    End­lich mal eine Rezen­si­on, die sich sozu­sa­gen von allein schreibt!

    Auf der Mai­ling­li­ste „prog­rock-dt“ kün­dig­te die Ham­bur­ger Band Neu­ro­sen­blü­te – allein der Name schon! – ihr dies­jäh­ri­ges Mini­al­bum „ganz frisch“ wie folgt an:

    Was drin ist:
    ‑Acht Titel mit einer Gesamt­spiel­zeit von ca. 30 Minuten
    ‑Front- und Back­co­ver zum Sel­ber­ba­steln (oder ‑backen)
    ‑Tex­te mit Verstand
    ‑Tex­te ohne Verstand
    ‑Tak­te zum Kopfrechnen
    ‑Ganzton‑, Zwölftonzeug
    ‑lang­wei­li­ges, nor­ma­les Dur/­Moll-Zeug
    ‑Din­ge, die klin­gen wie Verspieler
    ‑ech­te Verspieler

    Das kann ich ruhi­gen Gewis­sens so ste­hen las­sen. Ich höre Kraut­rock und vor allem viel King Crim­son. Die Her­ren haben noch Gro­ßes vor sich, wie mir scheint. Ich wün­sche viel Erfolg.

    Rein­hö­ren: Auf Bandcamp.com lässt sich „ganz frisch“ anhö­ren und – lei­der nur als Down­load – kaufen.

  2. DeWolff – Roux-Ga-Roux

    DeWolff – der Leser möge sich erin­nern – ist ein immer noch jun­ges Trio, des­sen Mit­glie­der gegen­wär­tig noch immer weit von ihren 30ern ent­fernt sind und dem man ein feh­len­des Pro­fil schon jetzt nicht atte­stie­ren kann:

    Die Musi­ker selbst bezeich­nen ihren Stil als „psy­che­de­li­schen, elek­tri­fi­zier­ten, fuz­zge­tränk­ten, eksta­ti­schen, hart groo­ven­den Space-Rock‑n’-Roll”.

    Nun also gibt es nicht nur ein neu­es Live­al­bum namens „Live & Out­ta Sight“, son­dern auch ein neu­es Stu­dio­al­bum: „Roux-Ga-Roux“.

    Ein roux-ga-roux oder rouga­rou ist, so teilt’s die Wiki­pe­dia mit, ist ein Blut sau­gen­des Fabel­we­sen aus india­ni­scher Folk­lo­re, das irgend­wie mit dem Wer­wolf zusam­men­hängt, womit man bei DeWolff ja eigent­lich auch hät­te rech­nen kön­nen. Die „VISIONS“ nennt Tei­le des Albums ver­sumpft und meint das wahr­schein­lich positiv.

    Zu tun haben wir’s hier aller­dings nicht mit Sumpf­mu­sik, son­dern mit fein­stem Blues­rock, die Rede ist von Deep Pur­p­le und Led Zep­pe­lin als Anhalts­punk­te und das ist nicht mal beson­ders falsch. Die psy­che­de­li­sche Spiel­rich­tung des Blues­rocks, wie sie in den 1970ern popu­lär war, fin­det in DeWolff nach wie vor einen will­kom­me­nen Für­spre­cher. Ich bin wil­lens, hier und da auch etwas von Hen­drix und ein biss­chen von den Doors anklin­gen zu hören, und bin rest­los begei­stert. Star­ke Schei­be, wie man auf Neu­deutsch sagt.

    Rein­hö­ren: Auf You­Tube gibt es ein the­ma­tisch pas­sen­des Video zu „Sugar Moon“, Amazon.de hat halb­mi­nü­ti­ge Schnip­sel zum Rest des Albums im Portfolio.

  3. Jupi­ter Jones – Brül­len­de Fahnen
    „Flim­mern­de Pupil­len wer­fen Cha­os zurück“ (Lauf.Forrest.Lauf!)

    Jupi­ter Jones? Hier? Aber ja! Glaubt mir: ich bin min­de­stens so ent­setzt wie ihr.

    Dabei ist die mei­ste Musik sol­cher Deutschrock­bands vor allem wegen des Sän­gers schau­rig, ein unge­eig­ne­ter Sän­ger (zum Bei­spiel Phil Col­lins) kann selbst die theo­re­tisch beste Band zu einem jäm­mer­li­chen Häuf­lein Pop­mu­si­kan­ten dege­ne­rie­ren. Jupi­ter Jones sind mir inso­fern viel­leicht auch des­halb zum ersten Mal posi­tiv auf­ge­fal­len, weil sie für „Brül­len­de Fah­nen“ mit ihrem neu­en Sän­ger Sven Lau­er zusam­men­ge­ar­bei­tet haben, der hier selbst für mei­ne gequäl­ten Ohren unge­mein pas­send klingt.

    Was wird hier musi­ka­lisch dar­ge­bo­ten? Nun, neben dem wohl gen­re­beding­ten Lie­bes­lied „70 Sie­gel“ hört man eine inter­es­san­te Mischung aus moder­ner Elek­tro­nik und erdi­gem Deutsch- und Indie­rock, als hät­ten die Musi­ker neben, dies teil­ten sie dem Publi­kum jeden­falls mit, den Arc­tic Mon­keys auch Die Gol­de­nen Zitro­nen sowie The Natio­nal zu ihren Musen erko­ren. (Ich habe zumin­dest das jetzt nicht überprüft.)

    Die „VISIONS“ spe­ku­lier­te sicht­lich befrem­det, alte Fans hät­ten an den Dis­so­nan­zen im Titel­stück ver­mut­lich schwer zu knab­bern, das Radio­be­gleit­ma­ga­zin „musik­ex­press“ ist natur­ge­mäß gera­de­zu schockiert über die Abkehr von der Art Musik, die einst­mals „Früh­stücks­fern­seh­zu­schau­ern“ (ebd.) bekannt zu wer­den ver­moch­te, mich indes begei­stern die krum­men Akzen­te. Dabei über­trei­ben Jupi­ter Jones es nicht über­mä­ßig, zur Avant­gar­de mag’s nicht rei­chen; allein: Wenn bewähr­ter Gitar­ren­rock (noch so eine Asso­zia­ti­on: Die Toten Hosen, erfreu­li­cher­wei­se nicht text­lich) auf nach vorn pre­schen­des Schlag­zeug trifft, nicht beglei­tet, son­dern über­tönt von einem gera­de­zu absicht­lich intro­ver­tiert wir­kend sin­gen­den Sän­ger, und all das häu­fig so, dass man sich dann doch mal ans Mit­zäh­len der Tak­te macht, weil etwas merk­wür­dig erscheint, dann funk­tio­niert hier irgend­was rich­ti­ger als da, wo der „musik­ex­press“ Jupi­ter Jones offen­sicht­lich gern sehen würde.

    „Grau­sam“ sei „Brül­len­de Fah­nen“, da sich „kein ein­zi­ger Song mit Hit­po­ten­zi­al“ dar­auf befin­de, befand ein über­mä­ßig unge­hal­te­ner Hörer auf Amazon.de, und wenn wir uns nun alle ein­mal gemein­sam vor Augen füh­ren, wie Alben, auf denen „Songs“ mit „Hit­po­ten­zi­al“ zu hören sind, ins­ge­samt so klin­gen (Phil Col­lins!), dann ist allein das fünf Ster­ne wert.

    Ich kau­fe ja gern mal das Gegenteil.

    Rein­hö­ren: War­um nicht mal auf TIDAL?

  4. De Staat – O
    „I’ve got 99 solu­ti­ons but the blues got none.“ (Blues Is Dead)

    Oh! De Staat, eine hoch­er­freu­li­che Com­bo aus einem hoch­er­freu­li­chen Land, sind nach wie vor aktiv.

    Es beginnt wie einst ein grau­en­haf­tes Album von aus­ge­rech­net Muse mit selt­sa­men Instru­men­tal­fan­fa­ren, wird dann aber deut­lich bes­ser. „Peptalk“ ist Selbst­iro­nie in Musik­form. „We’­re gon­na have some fun tonight, tonight“, dar­ge­bo­ten in einer offen­sicht­lich absicht­lich schrä­gen Grup­pen­ge­sangs­num­mer. Seit „Sweat­shop“ („Machine­ry“, 2011) haben sie nichts verlernt.

    Anson­sten chan­neln De Staat mal Pri­mus („Make The Call, Lea­ve It All“), mal die Pet Shop Boys, schwin­gen im Kos­mos von Tanz­pop („Baby“), New Wave und Groo­ve her­um, ohne sich dabei in irgend­wel­che Gren­zen zwän­gen zu las­sen. „Blues Is Dead“ ist eine Blues­rock­num­mer, die die übli­chen Ver­däch­ti­gen (Gary Moo­re und so wei­ter) als bekannt vor­aus­setzt, aber den besun­ge­nen Stil als end­lich begra­ben dekla­riert: „Hip-hip hoor­ay, the blues is dead“. Hat­te noch jemand ange­nom­men, dass „O“ eins der übli­chen bier­ern­sten Indie-Rock-Alben ist, so weiß er es spä­te­stens jetzt bes­ser; bezie­hungs­wei­se:

    Unter den Din­gen, die sich im De-Staat-Kos­mos nicht geän­dert haben, ist auch, dass die Hol­län­der mit ihrer Mischung aus Pop-Appeal, Kunst­an­spruch, Iro­nie und hem­mungs­lo­ser Beklopptheit nach wie vor völ­lig unver­wech­sel­bar und eigen­stän­dig sind.

    Den Witz mit der „run­den Sache“ haben schon zu vie­le Leu­te vor mir gemacht, was mir natür­lich jetzt die Poin­te rui­niert; und aber jeden­falls: „O“? O ja!

    Rein­hö­ren: Ama­zon hat Halb­mi­nü­ter, zu „Make The Call, Lea­ve It All“ gibt es ein beknack­tes Stu­dio- und zu „Get On Screen“ ein min­der weni­ger beknack­tes Live­vi­deo. Viel Vergnügen.

  5. Dae­vid Allen Weird Quar­tet – Elevenses 

    Die, so behaup­tet es ein Hin­weis auf der CD-Umhül­lung, „letz­ten Auf­nah­men“ des ver­stor­be­nen Dae­vid Allen, einst Mit­grün­der von Gong, die erfreu­li­cher­wei­se wei­ter­hin exi­stie­ren, und Soft Machi­ne sowie letz­tes Urmit­glied der Erst­ge­nann­ten, fan­den nicht zusam­men mit dem Rest einer die­ser bei­den Bands statt, son­dern in einem Quar­tett, das sich immer­hin stan­des­ge­mäß das Dae­vid Allen Weird Quar­tet nennt.

    Nun ist die Ver­mu­tung, es han­de­le sich tat­säch­lich um Herrn Allens „letz­te“ Auf­nah­men, nicht nur gering­fü­gig falsch, son­dern trotz der ver­mut­lich star­ken Ver­mark­tungs­wir­kung fern­ab der Tat­sa­chen, sind doch sei­ne Bei­trä­ge zum Album, wie das Inter­net weiß, zwi­schen 2006 und 2008 und somit min­de­stens drei Jah­re vor sei­nem tat­säch­lich letz­ten Album, „sound­bi­tes 4 tha reVe­la­ti­on 2012“, ent­stan­den. Auch das Quar­tett selbst ist eigent­lich nicht neu, es nahm noch vor 2006 unter dem Namen Weird Bis­cuit Tea­ti­me – auch hier eine Anspie­lung auf das 70-er-Werk von Gong – bereits „DJDDAY“, ein krau­ti­ges Space-Rock-Album, auf und änder­te sei­nen Namen erst für die Ver­öf­fent­li­chung die­ses Albums, nach­dem Dae­vid Allen, der zuvor dem fast fer­ti­gen Album sei­ne Zustim­mung gege­ben hat­te, gestor­ben war, weil die Plat­ten­fir­ma das gern so haben woll­te. Klar: Dae­vid Allen kennt man, aber wer war noch mal Don Fal­co­ne? Wenn es nicht gera­de merk­wür­di­ge Namen trägt, nennt sich das „Kol­lek­tiv“ aller­dings Spi­rits Bur­ning, umfasst auch schon mal Mit­glie­der von Hawk­wind und lädt Ste­ven Wil­son, Nic Pot­ter und wei­te­re Grö­ßen des Pro­gres­si­ve Rocks zum Spie­len ein. Weird.

    So weit zum Schlech­ten, denn das alles aller­dings ist Schall und Rauch, ins­be­son­de­re des Wort­spiels wegen: „Ele­ven­ses“ ist pure Kraut- und Dro­gen­mu­sik, psy­che­de­lisch im besten Sin­ne und oben­drein der­ma­ßen gespickt mit der guten alten Hip­pie­or­gel, dass man sich beim Hören bei­na­he wie­der jung (und bekifft) fühlt. Musi­ka­lisch hat Dae­vid Allen 1970 seit sei­ner Ankunft nie verlassen.

    Bereits das zwei­te Stück „Ima­gick­na­ti­on“ wirkt wie direkt einem der frü­hen Space-/Krautrock­al­ben ent­nom­men, der Geist von Can, Amon Düül (II) und eben Gong weht durch jede der fast vier Minu­ten, „Gra­s­shop­ping“ ist ein instru­men­ta­ler Trip durch eine sehr bun­te Tro­pen­welt – oder viel­leicht doch Gras? – und auch „God’s New Deal“, bis dato nur als eins der vie­len Gedich­te Dae­vid Allens bekannt, atmet in sei­ner bemer­kens­wer­ten Zusam­men­set­zung aus Zir­kus­mu­sik, Folk und beat­les­quem Psy­che­de­lic Rock die Aura der Blu­men­kin­der ein.

    Lässt man ein­mal die zumin­dest unglück­li­che Ver­mark­tung außer Acht, ist „Ele­ven­ses“, was Alben von und mit Dae­vid Allen schon immer aus­ge­zeich­net hat: Frea­kig im besten Sin­ne, dro­gen­schwan­ger, far­ben­froh und nie auch nur nahe dem Ernst; wohl auch, weil 2008 sein Krebs­tod noch nicht abseh­bar war. „Ele­ven­ses“ als sein Ver­mächt­nis zu bezeich­nen wäre sicher­lich nicht in sei­nem Sin­ne gewe­sen. Ich schla­ge daher vor, es als das zu betrach­ten, was es eigent­lich ist: Ein durch­aus beacht­li­ches Psy­che­de­lic-Rock-Album aus dem – wie tref­fend – Allen’schen Klang­kos­mos für jeden, der Gong und alles aus deren musi­ka­li­schem Umfeld zu schät­zen weiß.

    Rein­hö­ren: Es möge ein Ver­weis auf Ama­zons Hör­pro­ben vor­über­ge­hend genügen.

  6. Hawk­wind – The Machi­ne Stops
    „The secret lies wit­hin us /​ deep insi­de the human mind“ (King of the World)

    Apro­pos Hawk­wind.

    Im Dezem­ber 2015 starb Lem­my Kil­mi­ster, sei­nes Zei­chens nicht nur Grün­der und Front­mann von Motör­head, Phil-Col­lins-Bewun­de­rer und Bour­bon­trin­ker, son­dern zur posi­ti­ven Abwechs­lung zudem ins­ge­samt vier­ter Bas­sist der Hard­rock­band Hawk­wind von 1972 bis 1975, die mit nur einer Pau­se von weni­gen Mona­ten Dau­er seit 1969 sozu­sa­gen durch­ge­hend aktiv ist und somit neben Pink Floyd und ähn­li­chen Grup­pen aus jener Zeit zu den Pio­nie­ren des Spa­ce­rocks gezählt wer­den kann, wenn man das unbe­dingt möchte.

    Dass von der Urbe­set­zung von Hawk­wind nur mehr Gitarrist/​Sänger/​Keyboarder Dave Brock übrig ist, der in die­sem Jahr 75 Jah­re alt wird, macht „The Machi­ne Stops“ trotz des kli­schee­haft schau­ri­gen Cover­bil­des um so inter­es­san­ter. Die Band selbst ist 2016 zu sechst, wobei Neu­zu­gang Haz Wheaton ledig­lich in den letz­ten bei­den Stücken am Bass zu hören ist. Anson­sten ser­vie­ren Hawk­wind hier weit­ge­hend bewähr­te Kost, aller­dings auch mit bewährt hohem Stan­dard und mit einem erwäh­nens­wer­ten Hin­ter­grund: Es stand die gleich­na­mi­ge Kurz­ge­schich­te des Erzäh­lers Edward Mor­gan For­ster von 1909 Pate, in der die Mensch­heit, deren sämt­li­che Bedürf­nis­se von einer rie­si­gen Maschi­ne befrie­digt wer­den und deren Kom­mu­ni­ka­ti­on bevor­zugt über „Sofort­nach­rich­ten“ statt­fin­det, nach ein paar unan­ge­neh­men Zwi­schen­fäl­len unter­ir­disch leben muss; die­je­ni­gen Men­schen, die Zwei­fel an der Qua­si­gött­lich­keit der Maschi­ne haben, gel­ten als Aus­ge­sto­ße­ne und wer­den von ihren Mit­men­schen ent­spre­chend gering­ge­schätzt. Inwie­fern Edward Mor­gan Foster das Smart­pho­ne­zeit­al­ter damit vor­her­ge­se­hen hat, füllt sicher­lich so man­chen wis­sen­schaft­li­chen und pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Auf­satz, soll aller­dings auch gar nicht das The­ma die­ser Rezen­si­on sein. Viel­leicht nur die­ser Gedan­ke: Vie­les, was wir als Fik­ti­on ken­nen, ist eigent­lich gar keine.

    So. Zur Musik.

    Mit „All Hail the Machi­ne“ geht es bereits stil­echt los: Blub­bern­de Syn­the­si­zer lei­ten über in einen tech­ni­schen, hek­tisch flim­mern­den Rhyth­mus aus aller­lei Ver­zerr­tem, es spricht ein Erzäh­ler exal­tiert von der Groß­ar­tig­keit der Maschi­ne – „Bles­sed is the machi­ne! Bles­sed is the machi­ne!“ -, bis schließ­lich vie­le Stim­men durch­ein­an­der rufen: „All hail the machi­ne!“ Der Hörer weiß so auch ohne Kennt­nis von der Kurz­ge­schich­te, wor­um es wohl geht. Fein.

    Wie es sich für ein anstän­di­ges Kon­zept­al­bum gehört, wird die­se Ein­lei­tung mit dem ersten rich­ti­gen Lied, das den Namen „The Machi­ne“ trägt, über­blen­det. Neben dem knacki­gen Bass, hier von Jona­than Dar­byshire, der sich gele­gent­lich Mr Dibs nennt, gespielt, fällt mir ein musi­ka­li­scher Rück­griff in den Post­punk der 1980-er Jah­re auf, wenn auch etwas fri­scher klin­gend, domi­niert vom Gitar­ren­spiel und Gesang Dave Brocks. Das Pun­ki­ge legt die Band auf „The Machi­ne Stops“ nie völ­lig ab, selbst in „Syn­chro­ni­zed Blue“, das die Wur­zeln der Band in der psy­che­de­li­schen Musik der spä­ten 1960-er Jah­re noch ein­mal deut­lich wer­den lässt; auch das groß­ar­ti­ge „King of the World“ schlägt in eine ähn­li­che Ker­be, ange­rei­chert mit den gen­re- und band­üb­li­chen elek­tro­ni­schen Effek­ten, die dem Lied eine ent­rück­te Atmo­sphä­re ver­lei­hen. Zwei wei­te­re Lie­der sind eigent­lich Solo­auf­nah­men zwei­er Band­mit­glie­der: „Hexa­go­ne“, eher eine Space­bal­la­de als ein Spa­ce­rock­stück, wird allein von Phil­lip Ree­ves ali­as Dead Fred, neben­be­ruf­lich Key­boar­der bei Inner City Unit, into­niert und instru­men­tiert, das ori­en­ta­lisch anmu­ten­de „The Har­mo­nic Hall“ von Niall Hone (sonst Gesang, Key­boards und Synthesizer).

    Ihr merkt es viel­leicht schon: „The Machi­ne Stops“ macht Spaß, weil es nur sel­ten in Spa­ce­rock­kli­schees ver­sinkt, dann aber immer so, dass man es für Selbst­iro­nie hal­ten könn­te. Es sind die klei­nen Details, die es zu einem sehr ange­neh­men Erleb­nis machen. Natür­lich agie­ren Hawk­wind hier weit von dem Spa­ce­rock ent­fernt, den zum Bei­spiel Gong (hat­ten wir ja gera­de) oder Pink Floyd in ihren besten Zei­ten gemacht haben, aber genau das ist es, was die­sem Jahr noch gefehlt hat.

    Es möge die Maschi­ne Hawk­wind noch lan­ge nicht ange­hal­ten werden!

    Rein­hö­ren: Wie wäre es mit TIDAL? Anson­sten hilft Amazon.de gern weiter.

  7. Ton­bru­ket – Forevergreens

    Ein­fach mal ein biss­chen Instru­men­tal­jazz zwi­schen­durch. Wobei: Ist das noch Jazz?

    Ton­bru­ket, ein Quar­tett aus der Peri­phe­rie des auf bedau­er­li­che Wei­se unter­ge­gan­ge­nen Esbjörn Svens­son Tri­os und der nicht üblen, aber eben­so auf­ge­lö­sten Indierock­band The Sound­track of Our Lives, alle­samt aus dem herr­li­chen Schwe­den, spie­len hier jeden­falls alles ande­re als blo­ße Klas­si­ker. Igno­riert das pott­häss­li­che Cover­bild, es lenkt nur unnö­tig ab.

    Nach der gespro­che­nen spa­ni­schen Ein­lei­tung („Intro“) wird zunächst ein­mal die Erin­ne­rung an den Flat Beat – wenn ihr den gera­de nicht im Kopf habt, holt das bloß nicht nach – geweckt. Tor­toi­se und ver­gleich­ba­re Bands las­sen hier grü­ßen: Ein merk­wür­dig schlep­pen­der, ver­zerr­ter beat fräst sich ins Ohr, um sogleich wie­der zu ver­schwin­den und Platz zu machen für Per­kus­si­on und Kla­vier, deren Spiel von bemer­kens­wer­ter Melan­cho­lie geprägt ist und die bis zum Ende von „Mano Sini­stra“, all­mäh­lich for­dern­der wer­dend, das Fun­da­ment für die Eska­pa­den der übri­gen Instru­men­te. Etwas ruhi­ger geht es im fol­ki­gen „Sin­ka­dus“, mit dem die nor­we­gi­sche Lie­der­ma­che­rin Ane Brun als Gast auf „Fore­ver­greens“ ihren Ein­stand hat, zu. Mit „Taran­tel­la“, „Lin­ton“ und „First Flight of a New­bird“ fin­den Ton­bru­ket immer wie­der zur elek­tro­ni­schen Tanz­mu­sik, immer wie­der klingt Art­ver­wand­tes wie von Jaga Jaz­zist und eben Tor­toi­se an, maß­geb­lich eigen­stän­dig durch die domi­nan­te Kla­vier­ar­beit von Johan Lind­ström und Mar­tin Hederos, der ab und zu auch zu Akkor­de­on, zum ersten Mal hör­bar in „Sin­ka­dus“, und Gei­ge greift.

    „Fore­ver­greens“ ist eines die­ser Alben, die offen­sicht­lich unschein­ba­rer wir­ken als sie tat­säch­lich sind. Wenn ihr gegen ein wenig Jazz nichts ein­zu­wen­den habt, gebt ihm eine Chance.

    Rein­hö­ren: Bei Amazon.de geht’s hier ein paar Aus­zü­ge, TIDAL hat den Rest.

  8. Joe Bona­mas­sa – Blues of Desperation
    „I keep sear­ching this world /​ for someo­ne to hold me“ (No good place for the lonely)

    Wahr­schein­lich ist es ein Zei­chen mei­ner all­mäh­li­chen Ver­grei­sung, aber ich gebe zu: Die­ses – schon wie­der – Blues­rock­al­bum beein­druckt mich. Das könn­te am Künst­ler lie­gen. Nun fällt die­se Rezen­si­on ein wenig aus der gewohn­ten Rei­he, denn ich mag eigent­lich kei­nen Blues­rock, des­halb ver­zei­he man mir die Freu­de an viel­leicht Gewöhn­li­chem. Die offen­sicht­lich auf blo­ßen Trüb­sinn geschrie­be­nen Tex­te, deren Sän­ger trotz­dem Vor­aus­set­zung für ein ange­neh­mes Klang­er­leb­nis ist, sind oft zu wenig tief­sin­nig, zu unin­ter­es­sant. Irgend­et­was hat die­ses Album aber an sich, das bei mir das sprich­wört­li­che Klick auslöst.

    Joe Bona­mas­sa ent­stammt einer aus­ster­ben­den Spe­zi­es, nament­lich der­je­ni­gen der Gitar­ri­sten, die als Ein­zel­mu­si­ker schon posi­tiv auf­ge­nom­men wor­den waren, bevor sie sich einer Band ange­schlos­sen hat­ten, obwohl er zumin­dest mir erst mit den zwi­schen­zeit­lich auf­ge­lö­sten Black Coun­try Com­mu­ni­on zum ersten Mal auf­ge­fal­len ist. Gele­gent­lich ist zu lesen, sein Spiel erin­ne­re oft an Eric Clap­ton, was trotz des sub­ti­len Sub­tex­tes, dass es ihm dem­nach wohl an Ori­gi­na­li­tät man­ge­le, durch­aus nicht die schlech­te­ste Refe­renz ist. In sei­ner Solo­dis­ko­gra­fie fin­det man mehr­fach eine Zusam­men­ar­beit mit Beth Hart, die trotz ihrer Ent­deckung in der Casting­sen­dung „Star Search“ spä­ter ernst­haf­te Musi­ke­rin wur­de und, wie sich das für anstän­di­ge Musi­ker gehört, nach ihrem Dro­gen­ent­zug in den letz­ten zehn Jah­ren unter ande­rem zusam­men mit Jeff Beck auf­ge­tre­ten war, und seit 2008 gan­ze zehn Live­al­ben bezie­hungs­wei­se ‑vide­os. Der Mann ist gern unter­wegs, wie mir scheint.

    Jetzt also „Blues of Despe­ra­ti­on“, „Blues der Ver­zweif­lung“. Gibt es denn auch ande­ren Blues? Von Ver­zweif­lung ist frei­lich jeden­falls musi­ka­lisch nicht viel zu hören, dafür fei­ner Blues­rock, des­sen Rhyth­mus­ab­tei­lung man ver­mut­lich bes­ser aus­wei­chen soll­te, denn sie gibt voll auf die Fres­se. Viel­leicht ist das im Blues­rock immer so. Die erste Ver­schnauf­pau­se, das in der Tat clap­to­nes­que „Dri­ve“, folgt direkt auf den ersten Höhe­punkt, das kraft­vol­le „Moun­tain Clim­bing“, das allein es wert wäre, die­ses Album mal gehört zu haben. Ein über­ra­gen­der Auf­takt, der die Freu­de bis hin zum Ende des Albums festigt. Dass die Tex­te zu den erfreu­li­chen Melo­dien nicht gera­de zum Fei­ern ein­la­den („Blood on my hands and there’s holes in my jeans /​ you scrub all day but you never get them clean“), ist eines die­ser Din­ge, die ich am Blues­rock wohl nie ver­ste­hen wer­de. Ich habe beschlos­sen, die Lied­tex­te von „Blues of Despe­ra­ti­on“ ein­fach ein­mal als schmücken­des Bei­werk und nicht als essen­zi­el­le Kom­po­nen­te zu betrach­ten, und trotz­dem funk­tio­niert es immer noch für mich.

    Zuge­ge­ben: Blues­rock lebt sti­li­stisch nicht gera­de von Viel­falt und Abwechs­lung. Aber das muss er auch gar nicht. Der Eti­ket­ten­schwin­del sei ver­zie­hen: „Blues of Despe­ra­ti­on“ lässt den Hörer nicht etwa ver­zwei­felt, son­dern völ­lig aus dem Häus­chen zurück. Ich soll­te offen­sicht­lich mehr über die­ses Gen­re in Erfah­rung brin­gen. Euch lege ich die­ses Album bis dahin nahe. Es ist gut – und ich weiß nicht, warum.

    Rein­hö­ren: „Moun­tain Clim­bing“ auf You­Tube. Mag ich.

  9. Jere­my Flower – The Real Me
    „The curtains start to clo­se /​ and ever­y­bo­dy knows“ (Lon­ging in the Tooth)

    Jere­my Flower (heißt wohl wirk­lich so) war bis­her ein ver­gleichs­wei­se unbe­schrie­be­nes Blatt auf dem wei­ten Feld der anspruchs­vol­len Musik mit Rock­be­zug und tob­te sich eher im Klas­sik- und Jazz­be­reich aus. Mit „The Real Me“ führt er dem geneig­ten Hörer vor, wie scha­de das eigent­lich ist.

    In 14 Stücken und etwa 70 Minu­ten, womit sich die Lie­der „eigent­lich“ auf Radio­län­ge hal­ten, aber kei­nes­falls eine Chan­ce haben, jemals im seich­ten Ein­heits­brei auf­zu­tau­chen, bril­liert Herr Flower (heißt wohl wirk­lich so) hier an Gitar­re, Key­boards und Mikro­fon, und das nicht ein­mal allein; an sei­ner Sei­te geigt und singt neben elf wei­te­ren Musi­kern auch Car­la Kihl­stedt, die der geneig­te Hörer von ihrer Zusam­men­ar­beit mit respek­ti­ve Mit­glied­schaft in Bands wie den Sto­len Babies, Slee­py­ti­me Goril­la Muse­um, The Book of Knots und so wei­ter und so fort kennt. Die Frau hat Refe­ren­zen und – dies steht außer jeg­li­chem Zwei­fel – sin­gen kann sie rich­tig gut. Davon macht sie – abge­se­hen von „Lon­ging In The Tooth“ – hier auch reich­lich Gebrauch. Ist das „wah­re Ich“ Jere­my Flowers (heißt wohl wirk­lich so) also eigent­lich Car­la Kihl­stedt? Und: Ist das eigent­lich von Belang?

    „The Real Me“ ist auf jeden Fall ein stim­mungs­vol­les Album, es herr­schen Melan­cho­lie und Schwer­mut. Das beginnt bereits im wütend-trau­ri­gen Titel­stück, das den Hörer mit ent­schlos­se­nem Rhyth­mus her­an­zieht und gleich­sam gefan­gen nimmt. Die dunk­le Bal­la­de „Take“, in denen sich Car­la Kihl­stedts Stim­me in beein­drucken­de Höhen schraubt, führt inter­es­san­te Dis­so­nan­zen mit sich, was zum Text passt: „When endings come we fall to pie­ces“, ach. Wie anders doch das vor­der­grün­dig beschwingt hüp­fen­de „The Lone­liest Num­ber“, das mit einer über­ra­schend guten Mischung aus RIO/​Avant und Pop wie eine Reinkar­na­ti­on von Thin­king Pla­gue und Eat­liz zugleich klingt, wäh­rend sich die Melo­die immer wei­ter ver­kno­tet und schließ­lich in einem Strei­cher­so­lo aus­klingt. „Keep The Lights On“ lebt schließ­lich von sei­nem selt­sam schlep­pen­den Schlagzeugspiel.

    Auch Folk­rock („Along The Banks“) und New Art­rock („This Para­di­se“) sind den Musi­kern offen­kun­dig nicht fremd. Was ist das hier also für eine Schub­la­de, in die man das Album gern stecken möch­te? Wie so oft: Kei­ne. Allen­falls Ver­glei­che (ich höre unter ande­rem Evan­ge­li­sta, Nick Cave, Zola Jesus, broken.heart.collector und alles, was trau­rig macht) bie­ten sich an und tun Jere­my Flower den­noch Unrecht.

    „The Real Me“ – nichts für die fröh­li­che Auto­fahrt. Das ist durch­aus etwas Gutes.

    Rein­hö­ren: „The Real Me“ gibt es auf Bandcamp.com zum Stream und Kauf.

  10. Sham­ble­maths
    „Upro­a­rious rum­pus! Bloo­dy racket!“ (Con­glo­me­ra­ti­on (or: The Grand Pathe­tic Suite))

    Vor zehn Jah­ren, um das Jahr 2006 her­um, ver­öf­fent­lich­te das kurz­le­bi­ge Duo Fal­len Fowl, bestehend aus den nor­we­gi­schen Musi­kern Simen Ådnøy Ellingsen (Gitar­ren, Saxo­phon, Gesang) und Eirik Mathi­as Husum (Bass), unter­stützt von vier Gast­mu­si­kern ein paar Demo­auf­nah­men sowie den/​die/​das EP „Do They Love You Now?“. Erste­rer beschloss anschlie­ßend, statt­des­sen in Lon­don einen rich­ti­gen Beruf zu erler­nen, und hat inzwi­schen in Quan­ten­phy­sik und Poli­tik­wis­sen­schaf­ten (Fach­ge­biet: Ter­ro­ris­mus mit Kern­waf­fen) pro­mo­viert, was erst mal wahl­wei­se erschreckend oder unglaub­lich lustig klingt, wäh­rend sein Kol­le­ge in diver­sen Bands spielte.

    Offen­sicht­lich hat­ten sie aber noch etwas zu sagen. Erfreu­li­cher­wei­se haben sich die bei­den nun wie­der zusam­men­ge­tan, um gemein­sam mit neun Gast­mu­si­kern, zusätz­li­chen Instru­men­ten und unter neu­em Namen, der zumin­dest eine Wis­sen­schafts­re­fe­renz beinhal­tet, das Ver­säum­te nach­zu­ho­len; lei­der mit einem grau­en­haf­ten Cover im Stil alter Sowjet­kampf­pla­ka­te, auf dem ein Last­kraft­wa­gen zu sehen ist, der ein sowje­ti­sches Flug­zeug­wrack (das ist doch ein Flug­zeug­wrack?) trans­por­tiert. Was auch immer die bei­den Her­ren uns damit sagen wol­len – nicht jedes Rät­sel hat eine schnel­le Lösung.

    Ent­hal­ten sind drei Stücke in 54 Minu­ten, was, um die Band selbst zu zitie­ren, schon stark auf Prog hin­deu­tet. Den Anfang macht „Con­glo­me­ra­ti­on (or: The Grand Pathe­tic Suite)“, das tat­säch­lich pathe­tisch ist. Zu Beginn gibt es jauch­zen­den Key­board-Zeu­hl mit Can­ter­bu­ry- und Gent­le-Giant-Ein­flüs­sen auf die Ohren. Der namen­lo­se Erstel­ler der Band­web­site merkt dazu an:

    Zügel­lo­se Anglo­phi­lie zeigt sich in den skur­ri­len Tex­ten, die, viel­leicht schlecht bera­ten, nicht über ein oder zwei Wort­spie­le hinausgehen.

    Höhö; und wei­ter, der zwei­te Teil des Stücks, „Your Sil­ly Sta­re“, beginnt: Faith No More, dann etwas krumm­t­ak­ti­ger RIO/​Avant, über­ge­hend in von viel Geblä­se befeu­er­ten Jazz­rock („A Mocke­ry in the Making“), dazu eine irr­lich­tern­de Gitar­re, dann wie­der die gute, alte Orgel – und das waren nur die ersten sie­ben Minu­ten. Zwi­schen­durch bedient man sich scham­los, aber nicht ohne offen­sicht­li­chen Hin­weis, bei Jet­hro Tull und Ian Ander­son: „Sau­cy Tia­ra Woman!“. Immer noch im glei­chen Stück kommt auch expe­ri­men­tier­freu­di­ger Spa­ce­rock zu Wort, plötz­lich etwas Pri­mus, dann wie­der Orgel-Can­ter­bu­ry wie einst bei Egg. Das ist nichts für Leu­te, die ihre Musik gern über­sicht­lich und schlicht mögen. Zum Glück bin ich heu­te in der rich­ti­gen Stim­mung dafür.

    Es ist noch nicht vor­bei! „A Fai­ling Ember“: Mit nur fast neun­ein­halb Minu­ten Län­ge ist das fast radio­taug­lich; nein, nicht ganz, zu unter­schied­lich sind die Stim­mun­gen. Nach einer Ein­lei­tung mit Aku­stik­gi­tar­re im Sti­le Jet­hro Tulls über­nimmt ein eigen­ar­tig ent­rück­ter sin­fo­ni­scher Folk­rock mit leich­tem schot­ti­schem Akzent, mit­tig auf­ge­lockert durch elek­tro­ni­sches Fie­pen, das einen Pro­gres­si­ve-Metal-Zwi­schen­teil ein­lei­tet, der nicht lan­ge genug dau­ert, um anstren­gend zu sein, gefolgt von grie­chi­scher Folk­lo­re und aber­mals Jet­hro Tull, die dies­mal ein biss­chen zu viel vom Kraut genascht zu haben schei­nen. Ein ruhi­ger Moment – es spricht ein Säug­ling zu getra­ge­nen, aber sehr schrä­gen Klän­gen, wor­auf­hin die Band sich an AOR ver­sucht und selbst das erfreu­lich gut hinbekommt.

    Für das letz­te, wie­der­um fast zwan­zig­mi­nü­ti­ge Stück „Stal­ker“ schließ­lich, des­sen Ent­ste­hung noch auf TiaC (offen­bar eine Abkür­zung für The­re is a Crowd), das Quin­tett, aus dem Fal­len Fowl einst her­vor­ge­gan­gen waren und das zwi­schen 2002 und 2005 bestand, zurück­geht, das jedoch zuvor nie auf­ge­nom­men wor­den war, ist mit dem Gitar­ri­sten Jan Røe ein ehe­ma­li­ger Band­kol­le­ge aus der Ver­schol­len­heit zurück­ge­kehrt. Was gibt’s zu hören? „Die heiß ersehn­te Stil­le“, ver­spricht die Band­web­site, aber vor­her ein wenig Lie­der­ma­cher­tum, das bei­na­he in den Pop hin­ein­reicht, aber recht­zei­tig von hübsch dis­so­nan­tem Indie-Rock unter­bro­chen wird (Mr. Bung­le wer­den schmerz­lich ver­misst), den Hard­rock mit Saxo­phon (Saxo­phon!) ablöst, der sich lang­sam wie­der etwas beru­higt, um wie­der Platz zu machen für breit­for­ma­ti­ge Klang­flä­chen, die nur die Ruhe vor dem Sturm sind, denn wie­der­um spä­ter gibt es auch ein Wie­der­hö­ren mit den wil­den Can­ter­bu­ry-Eska­pa­den und blä­ser­ge­tra­ge­nem RIO/​Avant, mit dem das Stück und damit das Album schließ­lich ausklingt.

    Boah.

    Min­de­stens aus des Frickel­freun­des Sicht ist „Sham­ble­maths“ schon jetzt ein Anwär­ter auf das Album des Jah­res 2016. So 70er war der Pro­gres­si­ve Rock schon lan­ge nicht mehr.

    Rein­hö­ren: Die Quel­len sind rar gesät, aber Strea­ming­an­bie­ter wie TIDAL wis­sen Rat.

  11. april fishes – Car­pe d’Or

    Wer nennt sich denn bit­te „April­fi­sche“? Das kön­nen ja nur Fran­zo­sen sein!

    Dabei klin­gen die vier Her­ren von Anfang an eher asia­tisch; sofort bemer­ke ich das mäch­ti­ge Brum­men, wie es mich schon bei boris begei­ster­te, das dann in einen dröh­nen­den trei­ben­den Rhyth­mus mit aller­lei Knat­tern und Don­nern über­geht. Kein Gesang? Kein Gesang! Ich bin wahr­lich kein Freund fran­zö­si­scher San­ges­kunst, inso­fern ist das durch­aus gut so. Gele­gent­li­che Saxo­phonaus­brü­che schla­gen die Brücke zu den guten alten Van der Graaf Gene­ra­tor, was neben­bei mit einer ent­spre­chen­den Stim­mung ein­her­geht. Es geht the­ma­tisch wohl um die See, aber See­manns­lie­der sind das nun wirk­lich nicht. See­manns­lie­der sind auch erschreckend scheiße.

    Womit haben wir es also zu tun? Puh. Sind Jour­na­li­sten anwe­send? Sie wür­den es ver­mut­lich Slow­core-Dro­ne­jazz nen­nen, viel­leicht Post­rock, viel­leicht Avant­gar­de, und alles davon ist wahr. Das ist anstren­gend, das braucht Zeit, aber es ist wun­der­voll. Doch, wirklich.

    Rein­hö­ren: Amazon.de. TIDAL. Wohl bekomm’s.

  12. Holy Esque – At Hope’s Ravine

    Holy Esque aus Glas­gow mach­ten schon ein­mal mei­ne Musik zum Wochen­be­ginn, das dazu gehö­ren­de Debüt­al­bum „At Hope’s Ravi­ne“, erschie­nen im Febru­ar die­ses Jah­res, habe ich euch aber bis­her ver­schwie­gen. Inter­es­sant ver­zerr­te Gitar­ren, als hät­ten Pla­ce­bo end­lich mal ein Instru­men­tal­al­bum auf­ge­nom­men, tref­fen auf die ein­ma­li­ge Stim­me von Pat Hynes und erge­ben zusam­men

    (…) einen mit­rei­ßen­den Mix, der sich in etwa aus dem rau­en Sound von The Pains Of Being Pure At Heart, den ver­spiel­ten Melo­dien von Bloc Par­ty und dem Pathos der Edi­tors zusammensetzt.

    Natür­lich ist das im Wesent­li­chen nur gut gemach­ter Indie-Rock, aber mit einer der­art beson­de­ren und ins­be­son­de­re groß­ar­ti­gen eige­nen Note, dass es wirk­lich scha­de wäre, „At Hope’s Ravi­ne“ nicht zumin­dest ein­mal gehört zu haben.

    Rein­hö­ren: Drü­ben auf Nico­ro­la gibt’s eine Sound­cloud-Liste mit dem kom­plet­ten Album, Unge­dul­di­ge kön­nen auch auf Amazon.de reinhören.

  13. Com­bichrist – This is Whe­re Death Begins
    „Give me a break /​ you give what you take“ (Skull­crus­her)

    Com­bichrist sah ich zum ersten und bis­her ein­zi­gen Mal in mei­nem Leben im Jahr 2011 auf einem Festi­val, auf dem sie bei­na­he den ein­zi­gen musi­ka­li­schen Licht­blick gegen­über den eben­falls auf­tre­ten­den Staub­kind, Mina Har­ker und son­sti­ger Mäd­chen­mu­sik dar­stell­ten. Fragt mich bit­te nicht, was ich über­haupt dort ver­lo­ren hat­te. Aus ver­schie­de­nen Grün­den hat­ten sie danach bis heu­te mei­nen Blicken entzogen.

    Die vier Nor­we­ger sind kei­ne typi­sche Rock­band; die Beset­zung mit Gesang, Schlag­zeug, Per­kus­si­on und Key­boards, zu denen sich nur live regel­mä­ßig eine rich­ti­ge Gitar­re gesellt, zeigt, dass hier noch mehr Elek­tro­nik am Werk ist. Com­bichrist haben wie­der­hol­te Erfah­run­gen als Vor­grup­pe von Ramm­stein gesam­melt und dort pas­sen sie auch hin. Aggres­si­ver Indu­stri­al beherrscht letzt­lich auch die­ses Album.

    Dass die Tex­te und Musik­vi­de­os von Com­bichrist noch immer mit Kli­schees spie­len, es geht ja doch immer nur um den Sinn des Lebens und des Daseins, sei ihnen gegönnt. Ernst neh­men soll­te man sol­ches nach der Puber­tät kei­nes­falls, denn sonst kauft man eine Waf­fe und bringt jeman­den um. Nein, Com­bichrist machen Musik zum Abre­agie­ren, nicht zur all­zu auf­merk­sa­men Wahr­neh­mung. Es wird auf Fel­le gedro­schen und zor­nes­rot geschrien, selbst die Key­boards sind wütend. Aus der Per­spek­ti­ve des Genie­ßers ist das alles eine schreck­li­che Zumu­tung, aus der Per­spek­ti­ve eines ein­fa­chen, unvor­ein­ge­nom­me­nen Hörers jedoch ist „This is Whe­re Death Begins“ nicht weni­ger als bemer­kens­wert, zumal es in den mei­sten Stücken durch­aus ohr­wurm­taug­lich ist – ob man will oder nicht. Es muss ja nicht gleich die 3‑CD-Ver­si­on sein.

    Rein­hö­ren: Auf You­Tube gibt es unter ande­rem Vide­os zu Skull­crus­her und My Life My Rules.

  14. Vaults of Zin – Kadath

    Einen noch für’n Weg.

    Im Jahr 2014 mach­te sich das texa­ni­sche Quar­tett Vaults of Zin dar­an, den Nach­fol­ger zu ihrem 2011er Debüt­al­bum auf­zu­neh­men. War­um es noch bis März 2016 dau­er­te, bis die Öffent­lich­keit dar­an teil­ha­ben durf­te, weiß ich nicht, wenn­gleich das Absicht sein könn­te, behaup­tet die Band doch selbst von sich, sie sei wil­lens, die Gren­zen der Impro­vi­sa­ti­on in lan­gen Pha­sen der Kom­po­si­ti­on zu erfor­schen. Das klingt mehr nach Phra­sen­dre­sche­rei als ange­bracht wäre, denn „Kadath“ löst die­ses Ver­spre­chen tat­säch­lich ein.

    Auch „Kadath“ hat mit fünf Stücken zwi­schen drei­ein­halb und 22:03 Minu­ten Lauf­zeit das Pro­gres­si­ve schon struk­tu­rell erfasst. Los geht’s mit aus­ufern­dem Gitar­ren­zeu­hl („Amduat“). Dass auch King Crim­son (vgl. deren „Red“) und Bands wie Ruins den Musi­kern nicht unbe­kannt sind, lässt sich nicht nur in „Mons Ata­nua“, des­sen Gitar­ren­riff ich schon mal irgend­wo gehört habe, erken­nen, aber da ist dann doch die­se beson­de­re Note, die­ses Schwin­gen zwi­schen Jazz­rock, Dro­nes und Metal, die dem Gan­zen qua­si die Kro­ne auf­setzt. Schö­ner flirr­ten in die­sem Jahr noch kei­ne Bäs­se. Das abschlie­ßen­de „Moon­ga­te /​ Heart Girt with a Ser­pent“, mit­hin das läng­ste Stück auf dem Album, ist zugleich auch das lau­te­ste, nach einem schön fricke­li­gen, spa­ce­rocki­gen Beginn schließ­lich kip­pend in schlep­pen­den Doom-Metal, der selbst einem alten Schön­geist wie mir ein Wohl­ge­fühl anbie­tet, alles Grow­ling zum Trotz. Das hier macht Gän­se­haut, Leu­te, und das wahr­lich nicht zum Schlechten.

    Die­ses Album ist ver­rückt. Ich mag Verrücktes.

    Rein­hö­ren: Kom­plett­stream und ‑kauf gibt’s auf Bandcamp.com.

2. Schlim­mer Schrott.

Die Guten ins Töpf­chen, die Schlech­ten hier­her. Ton aus und los.

  • David Bowie – Blackstar
    Ange­hörs die­ses Albums ist David Bowie wahr­schein­lich nicht ein­fach gestor­ben, son­dern für immer ein­ge­schla­fen. Was für eine schnarch­lang­wei­li­ge Popgrütze.
  • Hypno5e – Shores Of The Abstract Line
    Laut laut.de der „har­sche Zwil­ling von Ste­ven Wil­son“, des­sen Lan­ge­wei­le wird hier aller­dings gera­de­zu vor­bild­lich adaptiert.
  • Long Distance Cal­ling – Trips
    Sta­di­on-Hard­rock trifft auf 80er-Key­boards. So „schön“.
  • Heron Obli­vi­on – Heron Oblivion
    Die musi­ka­li­sche Beglei­tung zu einem lan­gen, aus­ge­dehn­ten Spa­zier­gang durch Hannover.
  • San­ta­na – San­ta­na IV
    Ich weiß nicht genau, wie Herr San­ta­na es schafft, auch rocki­ge Tei­le sei­ner Stücke zu Bügel­be­gleit­mu­sik zu machen, aber er hat es tat­säch­lich auch dies­mal wie­der hinbekommen.
  • LNZNDRF – LNZNDRF
    Mit­glie­der von The Natio­nal (sonst eigent­lich ganz gut) und Bei­rut (mir sonst unbe­kannt) ver­su­chen wie Joy Divi­si­on zu klin­gen, schaf­fen es aber doch nur zu einem müden Auf­guss von Mark Ever­ett.

3. Schnee von gestern.

Zum Abschluss gibt es einen Rück­blick in die letz­ten vier­zig Jah­re Musik und Gesell­schaft. Vor vier­zig Jah­ren hat­ten wir’s erst 1976. Fühlt ihr euch auch gera­de so unan­ge­nehm geal­tert wie ich? – Musik, Maestro:

  • Vor 40 Jahren:

    Mao stirbt, Schmidt wird wie­der­ge­wählt, die Todes­stra­fe in den USA wird wie­der ein­ge­führt. Der Vogel des Jah­res ist der Wie­de­hopf. Auch musi­ka­lisch erle­ben wir 1976 als ein Jahr der Tode und der Neugeburten:

    Die US-ame­ri­ka­ni­sche Sym­pho­nic-Prog-Band Fireb­al­let been­det bereits mit ihrem zwei­ten Album Two, Too …, das gleich­zei­tig den wahr­schein­lich blö­de­sten Namen und das garan­tiert bescheu­ert­ste Cover­bild des Jah­res trug, ihre eige­ne Kar­rie­re, was den bis dahin invol­vier­ten Musi­kern, im Vor­jahr immer­hin auch noch Ian McDo­nald, aller­dings kei­nen dau­er­haf­ten Scha­den zufügt. Ihre bri­ti­schen Kol­le­gen von Camel dre­hen indes gera­de erst so rich­tig auf, mit Moon­mad­ness erscheint im vier­ten Jahr in Fol­ge ein beein­drucken­des, atmo­sphä­ri­sches Album, das im Inter­net gern und voll­kom­men zu Recht „wun­der­schön“ genannt wird. Geschwä­chelt wird erst in den Fol­ge­jah­ren, das maue Bre­ath­less von 1978 zeigt die Zei­chen der Zeit. Allein: Camel hal­ten bis heu­te durch. Eben­falls auch heu­te aktiv sind die zwi­schen­durch immer mal wie­der auf­ge­lö­sten Van der Graaf Gene­ra­tor, die sich mit den bei­den über­ra­gen­den Alben Still Life und World Record – man war krea­tiv in jenen Tagen – ein letz­tes Mal auf­bäum­ten, bevor die Grup­pe erst den „Gene­ra­tor“ aus ihrem Namen strich und dann, nach einem letz­ten Stu­dio­al­bum in neu­er Beset­zung (The Quiet Zone /​ The Plea­su­re Dome, 1977) und dem Live­al­bum Vital (schon wie­der 1978), nicht zum ersten Mal in ihrer Geschich­te vor­über­ge­hend zerfiel.

  • Vor 30 Jahren:

    Jah­re, die mit 6 enden, sind offen­sicht­lich unge­sund. Im Janu­ar 1986 fällt die Chal­len­ger kaputt vom Him­mel, drei Mona­te spä­ter lässt ein Schicht­lei­ter in der USSR ein Atom­kraft­werk über­la­sten, was bis heu­te den Ruf der Kern­kraft nicht zum Bes­se­ren beeinflusst.

    Mit Balan­ce of Power zer­stö­ren im glei­chen Jahr Elec­tric Light Orche­stra ihren Ruf mit kleb­ri­ger Pop­mu­sik, bevor auch sie fünf­zehn Jah­re lang von der Büh­ne ver­schwin­den. Eben­so ist für Gene­sis bald Schluss mit lustig: Nach Invi­si­ble Touch, das man bit­te­schön nie wie­der auch nur aus­zugs­wei­se öffent­lich auf­füh­ren soll, macht Phil Col­lins erst mal ein paar Jah­re lang blö­de Dudel­mu­sik unter sei­nem eige­nen Namen. Ist der Ruf erst rui­niert… Die anschlie­ßen­de Reuni­on für das eben­so scheuß­li­che We Can’t Dance (1991) hät­te es wirk­lich nicht gebraucht. Was es aller­dings durch­aus gebraucht hat, war, dass einer ganz ande­ren Band der Radio­pop all­mäh­lich schnurz­pie­pe­gal wur­de: The Colour of Spring mar­kiert 1986 den Wen­de­punkt in der Kar­rie­re der ein­sti­gen Pop­ka­pel­le Talk Talk, deren Musik immer sper­ri­ger, immer aus­la­den­der und zugleich immer inti­mer wur­de, bis die gan­ze Band eines Tages zu exi­stie­ren auf­hör­te. Ihr Sän­ger Mark Hol­lis lässt seit­dem nur gele­gent­lich von sich hören, zuletzt immer­hin 2012. Auch ein ande­rer Sän­ger mel­det sich zur glei­chen Zeit mit Unge­wohn­tem zurück: Rio Rei­ser ver­sucht sich nach der finan­zi­ell wohl not­wen­di­gen Auf­lö­sung von Ton Stei­ne Scher­ben im Vor­jahr auf Rio I. als Solo­künst­ler, wobei Stücke wie „König von Deutsch­land“ und „Juni­mond“, die ja irgend­wie auch nie­mand mehr so rich­tig gut ertra­gen kann, eigent­lich im Band­kon­text hät­ten ver­öf­fent­licht wer­den sol­len; Erste­res war bereits 1976 Teil des Scher­ben-Reper­toires. Eben­falls etwas Neu­es pro­biert die frü­he­re Punk­band Bea­stie Boys aus, die mit ihrem Debüt­al­bum Licen­sed to Ill einen Hip-Hop-Klas­si­ker ver­öf­fent­licht, der nicht fol­gen­los (Ruhm, Reich­tum, Cover­ver­sio­nen noch und nöcher) blei­ben sollte.

  • Vor 20 Jahren:

    1996 wird Deutsch­land zum drit­ten und bis­her letz­ten Mal Euro­pa­mei­ster im Her­ren­fuß­ball. Ich sah damals zum ersten Mal ein Fuß­ball­spiel auf einer rich­ti­gen Lein­wand in einer Scheu­ne und ver­stand schon damals nicht, wor­über sich alle so freuen.

    Zur Freu­de gibt 1996 auch musi­ka­lisch kaum einen Anlass: Tic Tac Toe gehen die­sem armen gebeu­tel­ten Land mit ihrem Debüt­al­bum (kack­doo­fer Titel: Tic Tac Toe) auf die Ner­ven, Mr. Pre­si­dent sind mit der Sin­gle „Coco Jam­boo“ und dem dazu bedrückend gut pas­sen­den Album We See the Same Sun im Weg. Zwi­schen Retro- und Neo­prog ver­öf­fent­li­chen gleich­falls diver­se Bands ihre Debüt­al­ben ohne anstän­di­gen Titel, dar­un­ter Qui­dam, Som­nam­bu­list und Spek­ta­kel, deren gleich­na­mi­ges Album aller­dings bereits 1974 auf­ge­nom­men wor­den war. Plat­ten­fir­men waren damals wohl ein­fach nicht so schnell. Auch der bereits 1993 ver­stor­be­ne Frank Zap­pa – der Tag, an dem ich Frank Zap­pa ver­ste­he, wird sicher­lich kom­men – „ver­öf­fent­licht“ mit dem bereits zwei Deka­den zuvor eigent­lich fer­ti­gen Läther eines sei­ner wohl unwi­der­spro­chen besten Alben, konn­te sich dar­über aber nicht mehr so rich­tig freu­en. Ob Tor­toi­se, die für ihr zwei­tes Stu­dio­al­bum Mil­li­ons now living will never die den damals ehe­ma­li­gen Slint-Gitar­ri­sten David Pajo als Ersatz für den aus­ge­stie­ge­nen Bun­dy K. Brown ver­pflich­ten konn­ten, mit dem Titel des Albums Recht behal­ten soll­ten, wird sich mög­li­cher­wei­se aller­dings noch erweisen.

  • Vor 10 Jahren:

    Als unsterb­lich gel­ten heu­te aller­dings ganz ande­re Her­ren: 2006 fan­den zugleich der sehr lan­ge 250. Geburts­tag von Wolf­gang Ama­de­us Mozart und der 150. Todes­tag von Robert Schu­mann statt. Wahr­lich, wie man so sagt, gro­ße Fuß­stap­fen.

    In die Amy Wine­hou­se nie so ganz hin­ein­pass­te: Back to Black soll­te ihr letz­tes Album blei­ben, es folg­ten auf­bran­den­der Erfolg, Alko­hol und Tod. Bis heu­te das letz­te Album ver­öf­fent­li­chen im glei­chen Jahr auch Tool mit 10,000 Days, ein erst 2015 für über­stan­den erklär­ter Rechts­streit ver­hin­dert bis heu­te die Ver­öf­fent­li­chung des längst ange­kün­dig­ten Nach­fol­ge­al­bums, obwohl, wie man so hört, es jetzt tat­säch­lich nicht mehr all­zu lan­ge dau­ern soll. The Mars Vol­ta hin­ge­gen exi­stie­ren inzwi­schen gar nicht mehr, was ich bedau­re, denn mit Amputech­tu­re, dem Nach­fol­ge­al­bum des von mir geschätz­ten, ähn­lich über­dreh­ten Fran­ces the Mute, erscheint auch 2006 wie­der eines ihrer Alben, die ich Jah­re spä­ter lang­sam zu mögen begann. Ganz woan­ders zu ver­or­ten sind Kata­to­nia, deren The Gre­at Cold Distance, gefüllt mit einer zumin­dest bemer­kens­wer­ten Mischung aus Gothic und Pro­gres­si­ve Metal, einen für die­ses Jahr recht pas­sen­den Namen trägt.

Damit ist das Halb­jahr auch musi­ka­lisch end­lich vor­bei; aber ver­zagt nicht, die Liste für das zwei­te Halb­jahr füllt sich unauf­hör­lich und es sind bereits jetzt eini­ge fei­ne Per­len dabei. Das wird noch ein wun­der­vol­les rest­li­ches Jahr für uns Musik­freun­de. Nähe­res zu gege­be­ner Zeit.

Dan­ke für die Aufmerksamkeit!

Seri­en­na­vi­ga­ti­on« Musik 12/​​2015 – Favo­ri­ten und Ana­ly­seMusik 12/​​2016 – Favo­ri­ten und Analyse »

Senfecke:

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