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Musik 12/2015 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 15 von 23 der Serie Jahresrückblick

Die bis­her schön­ste Nachricht des Jahres 2015 war es, dass Phil Collins nie wie­der ein Lied kom­po­nie­ren möch­te. Das ist viel­leicht in der gewal­ti­gen Nachrichtenmenge völ­lig unter­ge­gan­gen; vor nicht all­zu lan­ger Zeit berich­te­te Stefan Niggemeier in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ davon, dass Claus Kleber anläss­lich sei­ner Honorarprofessur beklag­te, dass die Jugend zu einem bedeu­ten­den Teil Nachrichten nur noch häpp­chen­wei­se statt in voll­stän­di­ger Darbietungsform zur Kenntnis neh­me; im sel­ben Artikel war davon die Rede, dass es Nachrichten also so gehe wie Musik. Offensichtlich ist die Jugend über die Schönheit aktu­el­ler musi­ka­li­scher Kleinode gar nicht mehr infor­miert (das liegt bestimmt an den zu kurz zusam­men­ge­fass­ten Nachrichten). Höchste Zeit also, dass wir uns wie­der ein­mal mit der pri­ma­sten Musik des Jahres 2015 befassen.

Wie gewohnt haben auch dies­mal man­che Alben einen zeit­li­chen Vorsprung, näm­lich die bereits zuvor emp­foh­le­nen neu­en Werke von Godspeed You! Black Emperor, Katie Dey, Grünlich Grau sowie The Hirsch Effekt; aus dra­ma­tur­gi­schen Gründen blei­ben sie als Empfehlungen bestehen, wer­den aber kein zwei­tes Mal rezensiert.

Apropos Drama:

1a. Musikalische Kleinode

  1. Magma - Šlağ Tanz

    „Schlagtanz“? Nein, kei­ne Sorge, mit Folk möch­te ich euch noch nicht schockie­ren. Magma haben nach ihrem bis­lang letz­ten Opus Magnum „Ëmëhntëhtt-Ré“ aus dem Jahr 2009 eine tur­bu­len­te Veröffentlichungspolitik geführt: Mit „Félicité Thösz“ kam 2012 ein (für Bandverhältnisse) ziem­lich fröh­li­ches Quasipopalbum her­aus, 2013 und 2014 jeweils ein Livealbum aus unter­schied­li­chen Bandepochen, zuletzt 2014 mit „Rïah Sahïltaahk“ eine EP, die das gleich­na­mi­ge Stück von 1971 als neu­es Arrangement ent­hielt. Jetzt also „Šlağ Tanz“.

    Mit nicht ein­mal 21 Minuten Laufzeit wäre es viel­leicht ver­mes­sen, hier wie­der von einem „Album“ zu spre­chen; aber so lan­ge die Qualität stimmt, wol­len wir uns mal nicht beschwe­ren. Außerdem haben wir es hier immer­hin mit dem ersten mehr oder weni­ger neu­en out­put im guten, alten hym­nisch-repe­ti­ti­ven Zeuhl-Stil seit 2009 zu tun.

    Die Besetzung hat sich nicht geän­dert, das Oktett von „Rïah Sahïltaahk“, des­sen Kern (Christian Vander, Stella Vander, Isabelle Feuillebois, James Mac Gaw, Phillipe Bussonnet) seit der Studioreunion von 1998 („Floë Ëssi / Ëktah“) gemein­sam spielt, trat also auch hier wie­der zusammen.

    Von „Jazz Metal“ spricht ein Aufkleber, aber mit Metal haben wir es hier zum Glück auch wei­ter­hin nicht zu tun, son­dern mit dem musi­ka­li­schen Gegenstück zu „Félicité Thösz“, das bereits vor vier Jahren auf Konzerten den Kontrast zum damals eben­falls neu­en „Šlağ Tanz“ bil­de­te, des­sen Dissonanz und har­sche Rhythmik dem alten Magma-Hörer wohl zu gefal­len ver­mö­gen. Wie King Crimson haben es indes auch Magma nie geschafft, ihren ersten Sänger (sei­ner­zeit Klaus Blasquiz) im Laufe der Jahre adäquat zu erset­zen, Hervé Aknin into­niert unge­wöhn­lich exal­tiert und lässt Magma in schwä­che­ren Momenten eher ita­lie­nisch klin­gen, was, wie regel­mä­ßi­ge Leser wis­sen, in der Progressive-Rock-Szene san­gestech­nisch von min­de­rer Güte scheint; in den stär­ke­ren aber freu­en wir uns, dass Magma mit dem her­aus­ra­gen­den Bassisten Phillipe Bussonnet und eben auch Hervé Aknin eine Erneuerung erfah­ren haben, die erfreu­lich ist. Magma blei­ben sich musi­ka­lisch viel­leicht auch wegen der neu­en Köpfe noch im 46. Jahr ihres Bestehens treu, ohne sich zu wie­der­ho­len. Mir gefällt’s.

    Hörproben: Auf YouTube lässt sich in „Šlağ Tanz“ hin­ein­hö­ren, auf Amazon.de gibt es Kauf- und Hörschnipselmöglichkeiten.

  2. –isq - Too
    „So the dar­kest of places has room for a light“ (Tears of a Clown)

    Oh, ist das schön. Wirklich, wirk­lich schön.

    Das Londoner Quartett mit dem eigen­ar­ti­gen Namen –isq, das in lau­ni­ger Stimmung auch schon mal Nirvana covert, lässt mich mit sei­nem zwei­ten (haben wir hier etwa ein Wortspiel ver­steckt?) Album „Too“ ver­ge­bens nach geeig­ne­ten Synonymen suchen, was man einer Jazzcombo, deren Pianist, wie man vie­ler­orts liest, bereits mit aus­ge­rech­net Björk zusam­men­ge­ar­bei­tet hat­te, eigent­lich nicht zuge­traut hät­te, aber was wäre Musik ohne Überraschungen?

    Melancholie fasst „Too“ mög­li­cher­wei­se gut zusam­men, gebro­che­ne Herzen ste­hen Pate für Texte und Musik. Die mir bedau­er­li­cher­wei­se zuvor völ­lig unbe­kann­te Sängerin Irene Serra, gebo­ren in Italien, auf­ge­wach­sen in Dänemark und reüs­siert in den Jazzclubs Großbritanniens, trägt ihren Teil dazu bei, sie singt mit einem Weltschmerz, dass es einem bei­na­he frö­steln wür­de, aber die Gänsehaut ist eine wär­me­re, ange­neh­me­re; will sagen: Fesselspielchen für die Ohren.

    Dabei unter­schei­den sich die Stücke eigent­lich nur in der Intensität; behut­sam und zurück­hal­tend wie das bei­na­he mini­ma­li­sti­sche „The Bird Has Flown“, soul­schwan­ger wie das bedrücken­de „Falling Stars“ oder ergrei­fend wie das längst ohr­wurm­taug­li­che bis -grenz­über­schrei­ten­de „Zion“, jedes Stück trägt sei­ne eige­ne Signatur und bleibt den­noch ein Stein im Mosaik.

    „Too“ ist wie ein Musik gewor­de­ner Abend im Ohrensessel mit einem Glas besten Single Malts.

    Habe ich schon erwähnt, wie schön es ist?

    Hörproben: Auf YouTube gibt es zum Beispiel ein Video zu „Zion“ sowie eine Livedarbietung von „Falling Stars“ anzu­se­hen. Wer es ohne­hin nicht so mit Handfestem hat, der kann auf Amazon.de das Album im MP3-Format kaufen.

  3. The Brian Jonestown Massacre - Musique de Film Imaginé

    Nicht, dass ihr mir hier noch ein­schlaft vor lau­ter Ruhe: The Brian Jonestown Massacre haben gera­de mal ein Jahr nach dem Vorgängeralbum „Revelation“ wie­der nach­ge­legt und prä­sen­tie­ren nun­mehr „Musik für einen ein­ge­bil­de­ten Film“, wobei das ja nur zum Teil so stimmt.

    Zum Einen näm­lich hat, wie es heißt, Anton Newcombe das Album nur mit den Gastmusikerinnen Stéphanie „Soko“ Sokolinski (einer wohl nicht ganz unbe­kann­ten Goth-Pop-Musikerin) und einer gewis­sen Italienerin namens Asia Argento zusam­men auf­ge­nom­men, womit es unter dem Bandnamen The Brian Jonestown Massacre eigent­lich for­mell falsch auf­ge­ho­ben ist, zum Anderen gibt es mit der Pariser Filmkultur der 1950-er Jahre offen­bar ein rea­les Vorbild. Das näm­lich hat die „Musique de Film Imaginé“ mit man­cher­lei Album von Mogwai gemein: Das gan­ze Werk ist eigent­lich ver­ton­tes Kino. Sein Schöpfer gab hier­zu zu Protokoll:

    Das Album, das Sie gleich hören wer­den, ist eine Tonspur, mei­ne eige­ne Kreation, ein Tribut den groß­ar­ti­gen Regisseuren und Filmmachern aus einer Ära, die nun hin­ter uns zu lie­gen scheint. Es ist den Klugen über­las­sen, sich vor­zu­stel­len, dass die­se Kunst nun­mehr im Schatten sei­ner frü­he­ren Glorie lie­gen könn­te. Das Interessante an die­sem Projekt ist aller­dings, dass auch der Film nicht exi­stiert. Trotzdem habe ich mir sei­ne Tonspur aus­ge­dacht und sie umge­setzt… Nun sind Sie an der Reihe, Sie als Zuhörer müs­sen sich den Film vorstellen.

    Was auch erklärt, wie­so sel­ten und dann auch noch aus­ge­rech­net auf Französisch gesun­gen wird. Analog zum film noir steht mir der Sinn danach, hier von musi­que noi­re (nicht aber von der gleich­na­mi­gen Band) zu reden. Am Ende, so schreibt’s das Internet, sei alles Oboe und Fagott; ein expres­sio­ni­sti­sches Meisterwerk in Noten oder ein ver­ton­tes Drama des gro­ßen fran­zö­si­schen Films. Nach sech­zig Jahren war eine sol­che Hommage, ande­rer­seits, wohl überfällig.

    Hörproben: Auf Amazon.de gibt es halb­mi­nü­ti­ge Hörproben zu, nun, hören. 

  4. Arcane - Known/Learned

    Von fran­zö­si­scher Düsterheit ist es ein immer noch wei­ter Weg zu austra­li­schem Progressive Metal, aber da’s drau­ßen gera­de Wanderwetter ist, neh­men wir das mal auf uns.

    Mit „Known/Learned“ haben Arcane ein Doppelalbum ver­öf­fent­licht, des­sen erste Seite („Known“) die här­te­re dar­stellt. Möglicherweise ist der Titel so zu inter­pre­tie­ren, dass man den Progressive Metal von der Band schon kann­te und nun auch noch die zwei­te Seite („Learned“) in Form von ziem­lich über­zeu­gen­dem Progressive und/oder Alternative Rock ken­nen lernt. Nun sind 2015 schon fast zwei Stunden Laufzeit ziem­lich viel, das Publikum ver­liert ja mit den Jahren an Aufmerksamkeit, also muss man es span­nend hal­ten. Arcane schaf­fen das übrigens.

    Aber fan­gen wir mal vorn an: „Known“ ist tat­säch­lich nichts Neues, Progressive Metal mit ordent­lich Gitarre, Schlagzeug und Klavierklängen. Das heißt natür­lich kei­nes­falls Langeweile, lang­wei­li­gen Progressive Metal gibt es wahr­lich zur Genüge. Arcane machen vie­les anders, ange­fan­gen beim ange­nehm unan­stren­gen­den Gesang bis hin zur merk­wür­di­gen Verschränkung der bei­den Teile inein­an­der; so gibt es auf „Known“ einen 23-minü­ti­gen Progressive-Metal-long­track namens „Learned“ und auf „Learned“ ein fast drei­mi­nü­ti­ges Schmacht-Popstück namens „Known“. Das letz­te Stück auf „Learned“ heißt „Promise (Part 1)“ und das erste auf „Known“ „Promise (Part 2)“. Wo ist hier der Anfang, wo ist hier das Ende? Vielleicht ist „Known/Learned“ auch ein Endlosalbum, das wäre mal erfri­schend. Trotzdem wird es Zeit für einen Scheibenwechsel.

    „Learned“ erin­nert mich, so weit es mei­ne Notizen her­ge­ben, an die fürch­ter­li­chen Placebo, aller­dings ohne den Jaulgesang, der die Fürchternis erst her­vor­ruft. Mitunter schei­nen echo­lyn durch, der jaz­zi­ge Bass der mei­sten Stücke fügt eine wei­te­re inter­es­san­te Nuance hinzu.

    Wo Pain of Salvationqua­li­ta­tiv noch gehö­rig schei­ter­ten, beim Umschwenken von Metal auf Artrock näm­lich, machen Arcane vie­les ein­fach rich­tig. Eine hör­bar gereif­te Band lotet ihre Grenzen aus, ohne sie zu über­schrei­ten, und weiß mit unge­wohn­ten Klängen posi­tiv zu über­ra­schen. Wie wohl der Nachfolger klin­gen mag? Dieses Album jeden­falls ist bereits ein feines.

    Hörproben: Amazon.de hat halb­mi­nü­ti­ge Schnipsel auf Lager, einen Komplettstream gibt es auf YouTube und zum Beispiel TIDAL. Viel Vergnügen.

  5. Paisley Tree - Paisley Tree

    Zurück nach Deutschland: Über Weinheim in Baden-Württemberg ist nicht viel bekannt, den­noch gibt es dort offen­sicht­lich eine als kul­tu­rell zu ver­ste­hen­de Szene, die in jün­ge­rer Vergangenheit offen­sicht­lich ein wenig aus­zu­ufern begon­nen hat.

    Die Krautrockband Space Debris zum Beispiel, die erst 2014 ihr aktu­el­les Studioalbum „Phonomorphosis“ ver­öf­fent­licht hat, behaup­tet von dort zu stam­men. Andere Bands brau­chen viel Zeit zwi­schen zwei Studioalben, Space Debris aber schei­nen die Kreativität gera­de­zu aus­zu­strah­len. Nur nicht rasten, nur nicht ruhen. Kurzerhand wur­de - sozu­sa­gen als Nebenprojekt - vom Schlagzeuger Christian Jäger gemein­sam mit der gele­gent­li­chen Sängerin Magic Petra (was für ein obsku­rer Name!) die Band Paisley Tree gegründet.

    Musikalisch ist Paisley Tree wie auch die Stammband tief in den musi­ka­li­schen 70-ern ver­wur­zelt, bedient aller­dings eher die Hardrock- als die Hippieklientel. Auf Keyboards wird aller­dings ver­zich­tet, Magic Petra spielt, wenn sie gera­de nicht singt, statt­des­sen Mundharmonika. Moment, Mundharmonika?

    Nein, dies ist kein Folk, wie ihn Bob Dylan einst spiel­te, dies ist Posthardstonerrock mit dem gewis­sen Extra, als wür­den die alten Herren von Cream noch mal LSD ein­wer­fen und losjam­men. Fast am Ende und doch irgend­wie im Zentrum steht das zehn­mi­nü­ti­ge „Doppelstück“ „Far Away & Colour Trip“, des­sen Name allein bereits Charme ver­sprüht und das ich hier ein­fach ein­mal als Beispiel anfüh­ren möch­te. Wer aber auf­grund des Titels blo­ße unin­spi­rier­te Blumenkraft-Hymnen erwar­tet, der liegt doch etwas dane­ben. Es beginnt mit einer guten alten Bluesrock-Gitarre, erin­nernd an frü­he Glanztaten der Rolling Stones, bis „Magic Petra“ druck­voll, aber hip­pie­esk ihre Stimme ertö­nen lässt - halt: Duettgesang (lei­der ist nicht ersicht­lich, wel­chem der drei Herren die zwei­te Stimme inne­wohnt) kann sie auch - und nach gera­de ein­mal zwei­ein­halb Minuten eine bridge auf der Mundharmonika erklin­gen lässt. Mit Stücken wie die­sem könn­te man einen Film über die Jugend der spä­ten 1960-er Jahre eigent­lich recht gut unter­ma­len. Und Gitarrensoli, immer wie­der fei­ne Gitarrensoli, beglei­tet von einem ange­nehm zu hören­den, druck­vol­len Bass und einem Schlagzeug, des­sen Besetzer Christian Jäger auf einen 4/4-Takt erfri­schend wenig Wert legt.

    In den von den Musikern selbst gewähl­ten tags für „Paisley Tree“ sind Jefferson Airplane, Led Zeppelin, gara­ge rock und Weinheim. Ich wage kei­ne Einwände.

    Hörproben: Das gan­ze Album lässt sich auf Bandcamp.com voll­stän­dig anhö­ren, auf Amazon.de gibt es Vinyl und CD dazu.

  6. Juleah - Melt Inside The Sun
    „Joyful wea­ri­ness is my reward, and the wild machi­ne I turn into“ (Wild Machine)

    Ein Gutes, immer­hin, hat es, dass Bandcamp wie­der­keh­ren­de Nutzer gele­gent­lich per E-Mail über inter­es­san­te neue Musikalben infor­miert - auf die­se oder eine ähn­li­che Art wur­de ich auf das dies­jäh­ri­ge Album „Melt Inside The Sun“ der Österreicherin Julia Hummer ali­as Juleah - regel­mä­ßi­ge Leser haben schon mal was von ihr gehört - aufmerksam.

    Wie pas­send doch zur dies­jäh­ri­gen Hitzewelle die­ses Album benannt ist, ist zum Zeitpunkt die­ser Niederschrift zwar wahr­schein­lich nur noch eine schwä­cher wer­den­de Erinnerung, aber die Psychedelik des Bildes vom Zerfließen bleibt Programm. Die Raveonettes sind hier so prä­sent wie die spä­ten Talk Talk, der Gesang selbst ist aller­dings so viel­schich­tig wie ich es sel­ten gehört habe. Wer eine ange­neh­me Singstimme bei Solomusikerinnen heut­zu­ta­ge oft ver­misst: Hier habt ihr euer Gegenbeispiel.

    Trotzdem ein Fokus auf die Musik, denn die ist kei­nes­wegs nicht der Rede wert. Von einem „Kaleidoskop für [die] Ohren“ spricht die Plattenfirma, der „New Musical Express“ sie­delt Juleah dort an, wo Mazzy Star und die bri­ti­schen Shoegazer von Ride ein­an­der tref­fen. Mark Simpson ent­deckt dar­über hin­aus Ähnlichkeiten mit Led Zeppelin, T. Rex und Tinariwen, wobei ich mit letz­te­ren bei­den Bands nicht aus­rei­chend ver­traut bin. Klar ist: Hier obsiegt, was die Künstlerin selbst als Dreampop bezeich­net und unser­eins als Stoner-Rock zu ken­nen meint.

    Augen zu und nicht durch, son­dern mit­ten rein. Ein musi­ka­li­scher Sommer auch im Winter.

    Hörproben: Erfreulicherweise ist das kom­plet­te Album auf Bandcamp.com zu hören.

  7. Ra - Scandinavia

    Apropos psy­che­de­lisch.

    Ra, einer der Namen des alt­ägyp­ti­schen Sonnengotts, hat in der Musik eini­ge Spuren hin­ter­las­sen, die bekann­te­sten Vertreter sind mög­li­cher­wei­se die bel­gi­sche Band Amenra und die Jazzlegende Sun Ra. Im eher küh­len Malmö hat man indes dar­auf ver­zich­tet, die Verbindung zur Sonne all­zu deut­lich her­vor­zu­he­ben; das Quartett, das in die­sem Jahr nach lan­gem Warten ihr Debütalbum namens „Scandinavia“ ver­öf­fent­lich­te, nennt sich schlicht Ra.

    Nebenbei straft die Band all jene Lügen, die bis­lang dach­ten, aus Schweden kämen aus­schließ­lich Metalbands, wie Peter mit sei­nem gewohnt guten Gespür bereits feststellte:

    Zu hören gibt es Musik in Schwarz, druck­vol­len, lär­men­den Post-Punk und psy­che­de­li­schen Shoegaze, schram­meln­de Gitarre, Feedbackorgien, rabia­ten Gesang und ein paar wirk­lich ein­gän­gi­ge Hymnen.

    Vergleichen möch­te ich Ra mit Joy Division und den Smiths und tu‘ damit wenig­stens allen Genannten glei­cher­ma­ßen Unrecht, weil hier die melan­cho­li­sche Note erfreu­li­cher­wei­se völ­lig fehlt. Ra, das ist bret­tern­der Postpunk mit viel Hall und, weil’s so sel­ten zutrifft, mit Eiern. Sehr lobenswert.

    Hörproben: Bei TIDAL gibt es das Album zum Kompletthören, ein­zel­ne Stücke gibt es auch bei SoundCloud. Fanrastisch. (Entschuldigung.)

  8. Black Space Riders - Refugeeum

    Die Black Space Riders sind eine mitt­ler­wei­le fünf­köp­fi­ge Space-Rock-Band aus Münster, die nach dem Eintritt von Sänger und Texter „Seb“ 2014 ihr drit­tes Album „D:REI“ ver­öf­fent­licht hat­te, das über­wie­gend auf posi­ti­ve Kritik stieß.

    Hier also liegt ihr aktu­el­les Werk vor. Wenige Titel könn­ten 2015 aktu­el­ler sein als „Refugeeum“, offen­sicht­lich ein Kofferwort aus „Refugee“ („Flüchtling“) und „Refugium“ („Zuflucht“).

    Das sei kein Zufall, behaup­tet die Band:

    REFUGEEUM, wie in „refu­gees“ wie auch in „Refugium“. Tief bewegt davon, was der­zeit auf die­sem Planeten geschieht, hat die Band ihre Wanderungen durch den Weltraum zumin­dest the­ma­tisch ver­las­sen und sich statt­des­sen einem irdi­schen, ewi­gen Problem zuge­wandt; einem Problem, das trau­ri­ger­wei­se wie­der aktu­ell ist: Flucht und Vertreibung - Verlust der Heimat - abgrund­tie­fes Leid - der Wille zu über­le­ben - Hoffnung für das, was kom­men mag - Gejagter und Jäger - Opfer und Täter - Akzeptanz und Zurückweisung.

    (Frei über­setzt von mir.) Von einer ver­ton­ten Flüchtlingskrise zu spre­chen wäre aller­dings hier durch­aus ver­fehlt, dafür ist es zu angenehm.

    Obwohl man ja zunächst ein­mal gar nicht so genau weiß, wohin man hier flüch­ten soll, lau­ert doch gleich­sam an jeder Ecke eine neue (meist posi­ti­ve) Überraschung. Und die Texte, die Texte. „My dear, what hap­pen­ed to us when the mad­ness began?“ („Universal Bloodlines“). Wisst ihr noch, wo ihr wart? Man traut sich ja fast nicht, hier mit leicht ver­dau­li­chen Etiketten um sich zu wer­fen, weil es zwi­schen psy­che­de­li­schem Metal („Vortex Sun“), Tindersticks-Stimmung und Talk-Talk-Postrock, wie einst bei Yes vor­ge­tra­gen von einer Doppelspitze („Seb“ und „Je“), hier eine Menge zu ent­decken gibt.

    Das über­las­se ich dann ein­fach mal euch.

    Hörproben: Einen Stream des Albums hält Bandcamp.com vor­rä­tig. Natürlich mit Texten. Reinhören und Mitlesen sind empfohlen.

  9. Boris - asia

    Vorhin noch waren wir in Scandinavia, nun wech­seln wir den Kontinent. Eine musi­ka­li­sche Weltreise bringt manch­mal über­ra­schend schnel­len Fortschritt.

    Die Genreignoranten Boris sind regel­mä­ßi­gen Lesern mei­ner Texte wahr­schein­lich bekannt. 2015 leg­ten die Japaner wie­der ein­mal nach, dies­mal mit ihrem immer­hin schon zwei­und­zwan­zig­sten Studioalbum, das aus nur drei Stücken besteht und, limi­tiert auf 1.000 phy­si­sche Exemplare, gemein­sam mit den am sel­ben Tag ver­öf­fent­lich­ten 20. und 21. Studioalben „war­path“ und „urban dance“ aus­schließ­lich auf Konzerten und im Onlineladen der Plattenfirma Inoxia zu haben ist. Großbuchstaben sind so 90er bezie­hungs­wei­se auch nicht; in der „Designsprache“ von Boris ste­hen Großbuchstaben für Rockmusik und Kleinbuchstaben für Experimentelles. Das klingt doch viel ver­spre­chend. Wer aus fol­gen­der Rezension her­aus ein Interesse an „asia“ ent­wickelt, dem sei­en inso­fern auch die ande­ren bei­den Alben angeraten.

    Allerdings beginnt es erst mal bedäch­tig. Die Zusammenarbeit mit Sunn O))) hat offen­bar Spuren hin­ter­las­sen. „Terracotta Warrior“ beginnt mit anschwel­len­dem elek­tro­ni­schem Brummen, es gesel­len sich Effekte hin­zu. Irgendwie bedroh­lich. Minutenlang pas­siert also einer­seits eine Menge und ande­rer­seits eigent­lich nicht viel, bis die sum­men­de Höllenmaschine all­mäh­lich die Fahrt durch eine Geisterbahn auf­nimmt. Eigenartiges instru­men­ta­les Flehen reißt den Hörer aus der Verwirrung oder macht sie voll­stän­dig. Eine schnei­den­de E-Gitarre legt sich lang­ge­zo­gen über die sich vor dem gei­sti­gen Auge lang­sam aus­brei­ten­de futu­ri­sti­sche Wüsten- und Geisterstadt. Von bei­den Seiten heu­len eigen­ar­ti­ge Winde.

    Plötzlich: Merkwürdig ver­zerr­tes Wasserrauschen. Die Geisterbahn hat Wildwasser erreicht. Unruhig schwap­pen die Wellen an den Rändern hoch, man ahnt, dass ein Wasserfall nicht fern ist. Das Wasser wird schnel­ler, immer schnel­ler und - Stille, durch­schnit­ten von Klagelauten. Das Schlagzeug spielt einen sanf­ten Rhythmus wie zur Rettung, aber man kann sich nicht fest­hal­ten, wird erdrückt von der unheim­li­chen, beben­den Welt, die sich um einen her­um auf­türmt. Man ver­liert die Orientierung und schließ­lich das Bewusstsein. Wieder: Stille.

    Das fol­gen­de „Ant Hill“ reißt aus der Trance. Die 80-er sind da, sie wol­len ihre Elektronik zurück­ha­ben? Nein, nein - dies ist, tat­säch­lich, ein ver­ton­ter Ameisenhügel. Es zirpt in höch­sten Tönen, die Elektronik knat­tert, und irgend­wo ist wie­der die­ser bedroh­lich-futu­ri­sti­sche Grundton. Man ist unver­se­hens umge­ben von rie­si­gen Ameisenrobotern; die aller­dings immer­hin im Gleichschritt zu mar­schie­ren imstan­de sind. Was ist die­ses Brummen? Instinktiv blickt man sich um, ob nicht noch eine gro­ße Fliege lau­ert, aber es sind Ameisen, nur Ameisen. Die hal­ten einen aller­dings nicht gefan­gen, man ist viel­mehr zu Gast: In „Talkative Lord vs Silent Master“ bekommt man schließ­lich sogar die Gelegenheit, einem eigen­ar­tig metal­li­schen, elek­tro­ni­schen Zwiegespräch ihres Herrn auf einer stür­mi­schen Anhöhe nahe der Geisterstadt zu lau­schen. Das Album endet abrupt nach einem Monolog des „Silent Masters“. Der Hörer bleibt in die­ser Welt, obwohl ihre Geschichte längst vor­über ist.

    Keineswegs ist „asia“ irgend­wie als easy listening zu eti­ket­tie­ren. Klaustrophobie und Depression sind Nebenwirkungen, die ich für nicht voll­kom­men aus­ge­schlos­sen hal­te. Es ist nichts­de­sto­we­ni­ger sehr wahr­schein­lich ein her­vor­ra­gen­des Album im rich­ti­gen Moment. Ich brau­che jetzt aber erst mal einen Schnaps.

    Hörproben: „Voo-Vah“ vom Album „war­path“ könn­te einen Eindruck ver­mit­teln, „asia“ jedoch ist sein Superlativ. Seid vorsichtig.

  10. Agent Fresco - Destrier
    „I see your ghost / it finds no rest / lea­ning clo­se / from crest of bed“ (Pyre)

    Zu den Publikumslieblingen des Jahres 2015 gehör­ten in man­cher­lei Kreisen die fin­ni­sche Band Agent Fresco, die mit Destrier in die­sem Jahr ihr zwei­tes Studioalbum ver­öf­fent­licht hat. Die Entstehungsgeschichte ist wie schon die zum Debütalbum, in dem Sänger Arnór Dan den Tod sei­nes Vaters ver­ar­bei­te­te, groß: Er erzählt hier­zu, er sei vor eini­gen Jahren, nach­dem er dem Vernehmen nach Opfer von Gewalt gewor­den war, in Zorn und Panik ver­fal­len, wäh­rend er Lieder für die­ses Album schrieb, und habe die Gelegenheit genutzt, die auf­ge­stau­ten Gefühle in die Musik zu kana­li­sie­ren. Das ist ja auch nicht immer verkehrt.

    Der Anfang von „Destrier“ erin­nert mich an Slint und auch an eine opti­mi­sti­sche Variante der Geschichte von Boris: Wieder wächst die Musik mit lang­ge­zo­ge­nen Tönen lang­sam an, explo­diert jedoch nicht in einer gewal­ti­gen Eruption, son­dern in etwas, was ich als Lis Er Stille mit New-Wave-Gesang beschrei­ben wür­de, also dem der 1980-er Jahre. Postrock trifft Hardrock, wenn man es ein­mal auf Genrisch aus­drücken möchte.

    Nehmen wir als Beispiel ein­mal das gera­de mal andert­halb­mi­nü­ti­ge Stück „Angst“, ange­sichts der Entstehungsgeschichte des Albums womög­lich sowie­so schon nament­lich inter­es­sant: Auf einem selt­sa­men Takt, gespielt von einem irr­lich­tern­den Schlagzeug, dreht ein mars­vol­taes­quer Gitarrensound voll­kom­men durch. Jetzt weiß ich auch wie­der, wor­an mich Arnór Dan erin­nert: Jene bedau­er­li­cher­wei­se auf­ge­lö­ste Band hat­te mit Cedric Bixler-Zavala einen stimm­lich nicht unähn­li­chen Sänger in den eige­nen Reihen.

    Das Magazin „New Noise“ atte­stiert „Destrier“ einen „Wow-Faktor“ (ebd.), 10 von 10 Punkten gibt’s auch auf metal.de:

    Das Fundament bil­den erneut expe­ri­men­tel­le, sphä­ri­sche Rockklänge, wel­che Agent Fresco um Nuancen aus den Bereichen Metal, Jazz und Ambient erwei­tern. So gesel­len sich zu ker­ni­gen, ein­dring­li­chen Riffs („Howls“, „See Hell“) immer wie­der per­len­de Pianoläufe wie im her­aus­ra­gen­den „Dark Water“, ver­track­te Rhythmen und Mathcore-Rebellentum („Angst“ – so hart klan­gen Agent Fresco noch nie) sowie unwi­der­steh­lich islän­di­sche Soundtrack-Eruptionen wie im packend-epi­schen Opener „Let Them See Us“ und dem ver­träum­ten „Death Rattle“. Das akku­rat groo­ven­de und vie­schich­ti­ge „Wait For Me“ sowie das mit betö­rend ein­gän­gi­gem Refrain aus­ge­stat­te­te „The Autumn Red“ sind wei­te­re Höhepunkte der Tracklist. Im Titelstück wie­der­um über­rascht der Vierer zwi­schen getra­ge­nen Passagen mit Noise-Anleihen und wuch­tig-ver­track­tem Gelärme.

    Ich hätt’s kaum bes­ser aus­drücken können.

    Hörproben: Ein „offi­zi­el­les Video“ zu „See Hell“ gibt es auf YouTube.com, Nutzer von TIDAL kön­nen das gan­ze Album strea­men. Für kur­ze Hörproben indes mag Amazon.de genügen.

  11. Her Name Is Calla - A Wave of Endorphins OST

    Kommen wir nun zu etwas völ­lig Anderem.

    Die bri­ti­sche Ausnahmeformation Her Name is Calla ist regel­mä­ßi­gen Lesern seit eini­gen Jahren nicht mehr völ­lig unbe­kannt. Kann trau­ri­ge Musik glück­lich machen? Nun, sie kann. Offensichtlich emp­fin­den ziem­lich vie­le Menschen Ähnliches, so dass die Band bis heu­te nicht nur Bestand hat, was ja heut­zu­ta­ge nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist, son­dern in die­sem Jahr oben­drein das Jubiläum zehn Jahren gemein­sa­men Musizierens bege­hen kann.

    Manche las­sen sol­che Regelmäßigkeiten unge­hört ver­strei­chen, Her Name is Calla hau­en auf die Kacke: Es gab eine Dokumentation, drei Sonderkonzerte, ein Album zur Dokumentation und noch ein paar Dinge. Die Dokumentation nennt sich tref­fend „A Wave of Endorphins“, „Eine Welle von Endorphinen“ also, und das dazu pas­sen­de Album nennt sich eben­so. Passt ja auch irgendwie.

    Nicht, dass da nun irgend­wel­che Überraschungen zu erwar­ten wären. Her Name is Calla machen ein­fach das, was ihre größ­te Stärke ist: Neun instru­men­ta­le Stücke zwi­schen etwas unter zwei­ein­halb und etwas über sechs Minuten. Viel Klavier, meist an Kammermusik, manch­mal an die spä­ten Talk Talk erin­nern­de Einwürfe von Bass, Streich- oder ande­ren Instrumenten, manch­mal ein trei­ben­der Rhythmus mit Schlagzeug und Gitarrenklängen, aber nie, nicht ein­mal im abschlie­ßen­den und hier erstaun­lich gut pas­sen­den Postrock-Ausrufezeichen „The Hour Of The Gloam“, auch nur dem Verdacht nahe, jetzt plötz­lich ordi­nä­re Rockmusik machen zu wol­len. Das hier ist mehr.

    Habe ich da „instru­men­tal“ geschrie­ben? Das stimmt ja eigent­lich nicht; in „Transmute“ zum Beispiel wird gesun­gen: Zu fast unsi­che­ren gezupf­ten Saiten singt eine Frau - ver­mut­lich Sophie, ihres Zeichens Frontviolinistin und Twitterzuständige des Quartetts - zer­brech­lich sanf­te Worte, im fol­gen­den „Sparring Partner“, dem (trotz der merk­wür­di­gen Stimmeffekte im Refrain) besten Britpop-Lied, das mir gera­de ein­fal­len möch­te, darf einer ihrer drei Bandkollegen sich als wesent­lich bes­se­rer Brian Molko ver­su­chen. Der Text? Wen küm­mert der Text? „A Wave of Endorphins“ ist instru­men­tal, dar­an ändert kei­ne Zeile Text etwas.

    Jetzt, just in die­sem Moment, läuft das Stück „I Chose Wrong“ im Kopfhörer und der Autor die­ser Zeilen hat seit etwas mehr als zwei Minuten Gänsehaut und das drin­gen­de Verlangen zu rei­sen; nicht weg von die­sem Album, son­dern mit die­sem Album irgend­wo hin. Kurz meint man tür­ki­sche Folklore zu hören, dann ver­schwin­det die­ser Augenblick auch schon wie­der und weicht einer selt­sa­men Bedächtigkeit. Vielleicht ist „ver­ton­te Augenblicke“ sowie­so eine ziem­lich gute Beschreibung die­ses Albums.

    Nach gera­de ein­mal 35 Minuten - gefühlt nicht ein­mal zehn - ist die Welle, kaum dass sie mit „The Hour Of The Gloam“ an Druck gewon­nen hat, schon wie­der abge­ebbt. Zeit, sich zu sam­meln. „A Wave of Endorphins“ ist ein her­vor­ra­gen­des Postrockalbum, ein her­vor­ra­gen­des Schwermutalbum und ein her­vor­ra­gen­des Album, um drin­gend zu ver­rei­sen. Haltet also gepack­te Koffer bereit.

    Hörproben: Das gan­ze Album lässt sich - ihr kennt das - auf Bandcamp.com voll­stän­dig anhören.

  12. The Grand Astoria - The Mighty Few
    „I never heard of you, and what the hell are you tal­kin‘ ‚bout?“ (Curse of the Ninth)

    Woran denkt ihr, wenn ihr den Bandnamen The Grand Astoria hört? An Luxushotels, das Vereinigte Königreich, viel­leicht auch Fußballvereine oder Kabarettisten? Wie klingt wohl die dazu pas­sen­de Musik?

    Nein, auf „The Mighty Few“ ertö­nen kei­ne Fußballchöre; die klin­gen bekannt­lich nicht mal bei Pink Floyd fein. Da, wo The Grand Astoria her­kom­men, ist der Fußball auch nicht unbe­dingt zu Hause: Der Gitarrist, Monotronist (ein Korg Monotron scheint eine Art Synthesizer zu sein) und Sänger Kamille Sharapodinov ist anschei­nend in St. Petersburg zu Hause und die­se Band ist sozu­sa­gen, trotz der hier immer­hin neun Mitmusiker, sein Soloprojekt. Wir befol­gen die alte Regel „kei­ne Witze über Namen“ und las­sen nahe lie­gen­de Wortspiele bei­sei­te, so bleibt mehr Zeit, uns auf die Musik zu konzentrieren.

    Und die hat es in sich.

    Auf „The Mighty Few“ - „die mäch­ti­gen Wenigen“ - befin­den sich zwei Stücke von jeweils über 20 Minuten Länge, zusam­men haben wir hier fast 50 Minuten Laufzeit. Das macht Hoffnung. Und natür­lich ist das Dargebotene schwer zu ver­glei­chen, ich höre allein Rush, Soft Machine und Opeth eben­so wie The Mars Volta. Die Band selbst nennt neben The Mars Volta auch Pink Floyd (also doch Fußballchöre!) als Einflüsse, aber „The Mighty Few“ ist von der Schnarchigkeit der letz­ten gefühlt 32 Alben letzt­ge­nann­ter Band erfreu­lich weit entfernt.

    Schon der Anfang lässt ein Progressive-Metal-Album erah­nen, aber die erwar­te­te Explosion lässt auf sich war­ten: „Curse of the Ninth“ beginnt mit Jazzrock, gele­gent­li­che Bläsereinwürfe las­sen die Spannung stei­gen, bis eine selt­sam blue­si­ge Stoner-Rock-Version von Led Zeppelin die Führung zu ergrei­fen scheint: „And if you trust me, baby…“ Den exal­tier­ten Gesang teilt sich Kamille Sharapodinov mit Danila Danilov, der seit Anfang 2014 immer mal wie­der im Umfeld der Band aktiv ist und mal eines ihrer Alben pro­du­ziert, mal Flöte, Kazoo und/oder Gesang über­nimmt. Eine sol­che Häufigkeit an Produktionen kennt man anson­sten eher von japa­ni­sche Bands wie Acid Mothers Temple und Boris (hier­zu sie­he oben). Mächtig, die­se Wenigen. - Nach sechs­ein­halb Minuten ertönt erst asia­ti­sche Folklore, dann ein Jazzjam mit Rockfundament. Ich bin ver­wun­dert, aber mag das. Der Gesang wird anschlie­ßend etwas zurück­ge­schraubt, etwas Hall; nach kur­zer Gesangspassage folgt ein sehr inter­es­san­ter Wechsel aus RIO/Avant (mit Klavier- und Bläserekstase) und dem Hardrock vom Anfang, abrupt unter­bro­chen durch ein boy­ban­des­ques A-Cappella-Zwischenspiel, bei dem nach und nach mehr Stimmen und elek­tro­ni­sche Effekte ein­set­zen, bis das Stück schließ­lich in ein wah­res Gewitter aus Jazzrock mit per­len­dem Klavier, psy­che­de­li­schem Hardrock und dem Gesang vom Anfang aus­bricht. Dass Melodiefragmente über die gesam­te Dauer des Stücks immer wie­der auf­ge­grif­fen wer­den, geht bei all den Wechseln bei­na­he unter.

    „The Siege“ geht direkt in die Vollen und beginnt mit einer guten, bass­la­sti­gen Portion instru­men­ta­len Hardrocks mit Gitarrensolo und Synthesizerflirren, wech­selt aber recht bald zum Bluesrock; von da ist es dann auch nicht mehr weit zu, ah, da sind sie!, Pink Floyd und damit eigent­lich auch dem Solowerk von Steven Wilson, das hier melo­disch wie gesang­lich durch­aus eine Referenz sein könn­te. „I trust my intui­ti­on / na na na hey / my intui­ti­on.“ Gut, dass ich das auch getan habe. Gegen Ende dür­fen die Synthesizer noch­mals zei­gen, was sie kön­nen, ein wenig Spacerock zum Abschied qua­si. Das Stück wird lei­der etwas ein­falls­los aus­ge­blen­det, wie auch anders­wo bereits beklagt wur­de. Meiner Gesamtwertung kann’s egal sein.

    Seit dem Erscheinen von „The Mighty Few“ im Mai die­ses Jahres haben The Grand Astoria übri­gens bereits eine neue EP und ein ein­zel­nes neu­es Stück via Bandcamp ver­öf­fent­licht. Ich weis­sa­ge, von die­ser Band wer­de man wohl noch manch Gutes zu hören bekom­men. Hoffen wir das Beste.

    Hörproben: Abermals ist Bandcamp.com eine her­vor­ra­gen­de Anlaufstelle zum Hören und Kaufen.

  13. t - fragmentropy
    „So I take my revol­ver and put it in my mouth / to get used to it for the day I need it“ (The Black of White)

    Nach der bedau­er­li­cher­wei­se offen­sicht­lich dau­er­haf­ten Trennung sei­ner ehe­ma­li­gen Band Scythe ver­öf­fent­lich­te der schwer­mü­ti­ge Multiinstrumentalist mit „frag­mentro­py“ nun­mehr sein fünf­tes Studioalbum. Die „eclip­sed“ ver­gleicht es mit Radiohead, aber jeder weiß, dass Radiohead schei­ße sind. Versuchen wir es also mal mit einer eige­nen Herangehensweise.

    „Fragmentropy“ ist ein Kofferwort aus „Fragment“ und „Entropie“, viel­leicht ist eine Zerbrechungsstreuung gemeint, aber was das nun wie­der sein mag … - Thomas Thielen ali­as t ist offen­sicht­lich nicht nur ein Freund von Kleinbuchstaben, son­dern schätzt auch Sprachspielereien. Dabei lässt er sich bis­wei­len viel Zeit bei der Ausarbeitung: Die Website zum Album behaup­tet, die Texte sei­en von 1994 bis 2015 ent­stan­den. Was lan­ge währt, wird end­lich gut. Und wie gut!

    Das Album ist in ins­ge­samt drei „Kapitel“ auf­ge­teilt, die the­ma­tisch irgend­wie zusam­men­hän­gen. Thematisch fröh­lich wirkt kei­nes davon, aber man soll­te ja auch mal inne­hal­ten; dies unge­ach­tet von gran­dio­sen „Seiten“ in die­sen Kapiteln wie zum Beispiel dem Dreizehnminüter „Brand New Mornings“ aus dem ersten Kapitel, das den Namen „Anisotropic Dances“, „aniso­tro­pe Tänze“ also, trägt und bereits in den ersten zwei Minuten moder­ne Varianten des Canterbury Style (Argos u.a.), Spock’s Beard, Gentle Giant und Zirkusmusik leicht­fü­ßig aneinanderreiht.

    Was bei einer Einmannband, die sich selbst beglei­tet, nicht gera­de leicht ist. Aber t hat sich pro­fes­sio­na­li­siert, von dem doch recht com­pu­te­ri­sier­ten Klang man­cher Entwürfe ist hier nichts zu hören. Sind das etwa ech­te Instrumente? Stile jeden­falls beherrscht er min­de­stens eben­so vie­le; Postrockgitarren und ein­dring­li­ches Flüstern zu Klavierbegleitung müs­sen ein­an­der eben nicht aus­schlie­ßen. Überhaupt ist „frag­mentro­py“ mit „atmo­sphä­risch“ wohl ziem­lich tref­fend zu beschrei­ben. Viele Worte ver­der­ben den Brei.

    Dies viel­leicht noch:

    Spätestens seit sei­nem zwei­ten Album scheint t auf einer Reise zu sein, auf einer Reise immer tie­fer in eine ganz eige­ne Klangwelt. So ent­steht wohl aus einer Mischung von rea­len und pro­gram­mier­ten Instrumenten ein dich­tes Geflecht aus dra­ma­ti­schen Passagen, sin­fo­ni­schen Ausbrüchen, aggres­si­ven Eruptionen und fili­gran-melan­cho­li­schen Ausflügen in düste­re Gefilde. Flirrende Gitarren- und Keyboard-Klänge illu­mi­nie­ren die­se Klangwelt, die zwi­schen Dramatik, Düsternis, Melancholie und Wucht mun­ter oszil­liert. Gerade die lan­gen Stücke sind wie Ozeane, die mal bewegt, mal ruhig, mit einer unge­heu­ren Dynamik den Hörer umspü­len. Aufwühlend, mit­rei­ßend, beein­druckend und erfül­lend ist die­se Musik.

    Wie wahr.

    Hörproben: Amazon.de hält halb­mi­nü­ti­ge Ausschnitte vor­rä­tig, TIDAL-Nutzer kön­nen das Album kom­plett anhören.

  14. echo­lyn - I Heard You Listening
    „Soon the water will rise / and soon it car­ri­es them home“ (Carried Home)

    „Ich hör­te euch zuhö­ren“ - von wem, wenn nicht von echo­lyn, ist so ein Titel zu erwarten?

    Fangen wir aus­nahms­wei­se ein­mal mit dem Unschönen an: „I Heard You Listening“ ist nicht „mei“. Es ist höchst unwahr­schein­lich, dass echo­lyn jemals ein noch bes­se­res Album machen wer­den als „mei“, und das gilt auch für „I Heard You Listening“.

    So viel zur Kritik, der Rest ist näm­lich - wie so oft - ziem­lich klas­se. Weite Strecken des Albums sind typisch echo­lyn: Auf ihrem ach­ten Studioalbum kom­bi­niert das Herrenquintett aus Philadelphia erneut tasten­la­sti­gen Retroprog mit moder­nen Zutaten, ohne sich dabei nur zu wie­der­ho­len. Das wäre doch auch langweilig.

    „WarJazz“ zum Beispiel, Lied Nummer 2, beginnt wie eines der alten Klavierrocklieder von Elton John, wird dann aber schnell inter­es­san­ter: Ein hek­ti­sches Schlagzeug und ein kur­zer Keyboardteppich lei­ten über in eine Art Hardrockstrophe mit flir­ren­der Gitarre und dem wie gewohnt über­ra­gen­den Gesang von Ray Weston, der Refrain wie­der­um könn­te schon wie­der von Elton John stam­men (und das ist an die­ser Stelle nicht mal nega­tiv gemeint), wenn der Gesang nicht so klas­se wäre. Was ist das? Es ist spannend.

    Andere Stücke wie „Different Days“ könn­ten eben­so von Spock’s Beard stam­men, wäre da nicht die raf­fi­nier­te Dissonanz im Refrain, was sich die mei­sten die­ser Neo-Retro-Irgendwas-Bands ja heut­zu­ta­ge nicht mehr trau­en. Früher war vie­les bes­ser, nur echo­lyn hal­ten ihr Niveau. „Once I Get Mine“ ist gleich­sam eine durch­ge­dreh­te Variante in ähn­li­chem Stil, wenn auch näher an Bands wie Mr. Bungle und Primus als alles, was ich bis­lang mit echo­lyn ver­bun­den hätte.

    Keine Ruhe, kei­ne Balladen. Neun Stücke, alle­samt zwi­schen fünf und zehn Minuten lang, ver­ge­hen wie im Flug. Das letz­te Stück, „Vanished Sun“, ist eben­so wenig ein Lückenfüller wie der Rest des Albums und mit der sich bei­na­he über­schla­gen­den Stimme von Ray Weston und dem merk­wür­di­gen Mitklatschrefrain so ein­ma­lig wie ein­präg­sam. Es gehör­te schon immer zu den Stärken die­ser Band, kom­ple­xe „Popmusik“ zu machen, ohne einen ein­zi­gen Takt mit tat­säch­li­cher Popmusik zu ver­schwen­den. Ohrwürmer? Aber selbst­ver­ständ­lich! Gute Laune? Aber hallo!

    Hörproben: Ach, war­um nicht mal wie­der Bandcamp.com (Komplettstream)?

  15. Herr Geisha & The Boobs - Book of Mutations

    Hehehe. Boobs. Das Beste zum Schluss, wie ihr seht.

    Herr Geisha & The Boobs, bestehend aus den drei Musikern Sir Bottom, Lady Body und natür­lich dem Gitarristen und Sänger Herr Geisha, stam­men trotz des Namens aus Lyon, Frankreich, und haben seit 2012 bis­lang jedes Jahr ein Album ver­öf­fent­licht. Das nun­mehr vier­te Album „Book of Mutations“ klingt trotz­dem kein biss­chen müde. Es han­de­le sich, so wird der Hörer instru­iert, trotz der Aufteilung in neun „Titel“ (wobei „Chapter VIIII“ eigent­lich „Chapter IX“ hei­ßen müss­te, ande­rer­seits könn­te das Absicht sein) um ein ein­zel­nes Stück, das man doch bit­te­schön voll­stän­dig und LAUT hören möge (Großbuchstaben wie in der Quelle). Wird gemacht.

    Homogen ist das „Buch der Mutationen“ kei­nes­falls; von zwei „Kapiteln“ („Chapter II“ und „Chapter VII“), die im Postrock und/oder -metal anzu­sie­deln sind, wobei beson­ders „Chapter VII“ an die guten, alten, sehr ver­miss­ten Aereogramme erin­nert, abge­se­hen hört der Schreiber die­ser Zeilen hier eine bun­te Mischung aus den expe­ri­men­tel­le­ren Projekten von Mike Patton (Fantômas), Frank Zappa, Grunge, Mathrock, RIO/Avant und nicht zuletzt Noiserock. Das liest sich anstren­gen­der als es klingt.

    Zumal kein fal­scher Eindruck ver­mit­telt wer­den soll. Das „Kapitel 1“ greift nach einem selt­sa­men Beginn (es ertönt etwas, das wohl Glocken nach­ah­men soll) schon fron­tal an: Ein krumm­t­ak­ti­ges Gitarrenfundament beglei­tet Herrn Geishas Punkgeschrei. Avantgarde-Punk? Schönklang jeden­falls ist fei­ge. Das bei­na­he vier­zehn­mi­nü­ti­ge, über­wie­gend instru­men­ta­le „Kapitel 2“ legt noch eine Schippe hin­sicht­lich der Härte drauf. Wer schon immer mal wis­sen woll­te, wie es klin­gen wür­de, wenn eine Band wie System of a Down eine Band wie Mogwai covern wür­de, der bekommt hier viel­leicht einen ersten Eindruck.

    Ach, Schönklang. „Kapitel 6“ kommt die­sem Wort viel­leicht noch am näch­sten, wenn man auch The Velvet Undergrounds „Sunday Morning“ als Schönklang bezeich­nen wür­de. Allerdings ist die­ser Spuk nach nicht ein­mal zwei Minuten wie­der vor­über und es wird wie­der gebret­tert. Herrlich.

    Das „Book of Mutations“ ist ein wei­te­rer Anlass, dem Wort „Genre“ grund­sätz­lich zu miss­trau­en. Progressive Punkavantmetal klingt ja auch wirk­lich däm­lich. Was wir hier haben, ist trotz gleich­blei­ben­der Menge an „Zutaten“ ein höchst krea­ti­ves, anre­gen­des Gericht. Lasst es euch schmecken.

    Hörproben: Bandcamp hat Stream und Kauf.

1b. Schnell emp­foh­len

  • Demon Head - Ride the Wilderness

    Drogenschwanger geht es bei Demon Head zu, einer däni­schen Kapelle, die drü­ben auf dem Blog mit dem schö­nen Namen 33rpmPVC schon mal Thema war. Dort heißt’s:

    Doom Metal mit einem guten Schuß Psychedelia.

    Ich erhe­be zag­haft eine mei­ner Hände zum Einwand, dass hier der Doom Metal - was soll das eigent­lich sein? - eher durch Abwesenheit auf­fällt, was aber auch nicht unbe­dingt schlecht ist. Einverständnis aller­dings äuße­re ich hier mit den Psychedelia, denn hier wird tat­säch­lich der Stoner-Rock (wie üblich mit Betonung auf „Stoner“) zelebriert.

    Wobei ich mich fra­ge, ob das noch Rock ist, immer­hin spricht die Verspieltheit eine ande­re Sprache. Mag ja sein, dass Demon Head gemein­hin als Metalband geführt wer­den, wenn­gleich sie selbst sich unter „Heavy Rock“ ein­sor­tie­ren. Genrepampe. Es gibt ein paar her­vor­ra­gen­de Soli, die ich mir so auch von einer guten Hard-Rock-Band wün­schen wür­de, und dann aber gibt es auch Momente wie das vor­letz­te Stück „The Greatest Lie“, das von Stoner-/Krautrock all­mäh­lich doch in etwas über­geht, dem unser­eins das Metalsein nur schwer­lich abspre­chen kön­nen möchte.

    Ein Adjektiv gefäl­lig? Erfrischend. Ja, doch - ein sehr schön erfri­schen­des Album. Auch jetzt, lan­ge nach der schreck­li­chen Hitzewelle.

    Hörproben: Man höre auf Bandcamp.com hinein.

  • Ikarus - Echo

    Den Namen Ikarus ver­bin­det der geneig­te Musikfreund viel­leicht mit einem geflü­gel­ten Jüngling aus den grie­chi­schen Sagen des Altertums, viel­leicht auch mit der Hamburger Krautrockband die­ses Namens, die in den frü­hen 1970-er Jahren ein biss­chen vor sich hin­exi­stier­te und irgend­wann damit aufhörte.

    2015 aller­dings fan­den sich in Zürich (Schweiz) wie­der­um ande­re Musiker unter dem Namen Ikarus zusam­men und ver­öf­fent­lich­ten mit „Echo“ ihr Debütalbum. Genres? Ach, Genres. Minimaljazz, neh­me ich an, um nicht ulki­ge Satzverbrechen wie „Prog-Jazz-Groove-Quintett“ (cf. Mock The Bird) kopie­ren zu müs­sen. Ja, fünf sind’s an der Zahl, und jeder von ihnen hat eine Aufgabe. Gelegentlich erin­ne­re ich mich beim Hören an Utopianisti, obwohl’s weni­ger rockt.

    „Echo“ ist trotz sei­nes Namens weit­ge­hend als Instrumentalalbum zu betrach­ten, das Vokalistenduo aus Stefanie Suhner und Andreas Lareida trägt eher Lautmalerei als Gesang bei; zwei Stimmen also als wei­te­res Instrument, als sound­s­capes eben, a-cap­pel­la bezie­hungs­wei­se india­ni­schen Gesängen nicht unähn­lich. Schwelgerisch wäre hier viel­leicht ein ange­brach­tes Adjektiv, selbst wäh­rend der kur­zen Ausflüge in den Freiformjazz (etwa in „Sakura“) bleibt alles im Fluss. Referenzen zum Bandnamen, naja, viel­leicht flie­gen die Stimmen so hoch oder so. Zum Glück aber ver­bren­nen sie nicht und mög­li­cher­wei­se tut ein Vergleich mit Värttinä und Iki nie­man­dem ein Unrecht an. Ziemlich zau­ber­haft, das Ganze.

    Hörproben: YouTube. Erneut YouTube. Schließlich Amazon.de.

  • Late Night Venture - Tychonians

    Die dies­jäh­ri­ge Dosis Postrock machen Late Night Venture komplett.

    Das tycho­ni­sche Weltsystem wur­de im 16. Jahrhundert von dem däni­schen Mathematiker Tycho Brahe erson­nen und besag­te, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums ste­he und alle ande­ren Planeten um die Sonne krei­sten. Aus heu­ti­ger Sicht ist das zumin­dest weni­ger blöd als manch ande­re Erklärungsansätze.

    Inwiefern das eine Grundlage für das Album „Tychonians“ ist, ist bei­na­he ohne Texte schwer aus­zu­ma­chen. Fest steht, dass die fünf Musiker von Late Night Venture eben­falls aus Dänemark stam­men und sich offen­bar bevor­zugt mit Astrologie beschäf­ti­gen; das Vorgängeralbum zum Beispiel trug den Titel „Pioneers of Spaceflight“, das erste Stück auf „Tychonians“ beginnt zudem mit etwas, das ich als die Abfluggeräusche eines Raumschiffs inter­pre­tie­ren würde.

    Die Band mischt das alte Laut-Leise-Spiel mit aller­lei Doom-, Spacerock- und Psychedelic-Zutaten, sie bleibt dabei über­wie­gend in instru­men­ta­len Gefilden. Einzig in „Moon Shone on White Rock“ fin­det sich ein wenig ver­zerr­ter Gesang. Das Internet zieht Vergleiche mit Anathema und (mehr­fach) Long Distance Calling, ich fin­de sol­che Vergleiche eher albern, obwohl ich Long Distance Calling hier strecken­wei­se auch selbst wiederfinde.

    Ein Rezensent auf Amazon.de merkt an, „Tychonians“ mache Spaß. Ich behaup­te: Das stimmt.

    Hörproben: Neben den Schnipseln auf Amazon.de gibt es einen Komplettstream auf Bandcamp.com.

1c. Live und umsonst

  • Umphrey’s McGee - The London Session

    Wer ein Album „The London Session“ nennt, der weckt damit zumin­dest Assoziationen an vie­le gute und weni­ger gute Livealben ver­gan­ge­ner Epochen. Umphrey’s McGee mein­ten das aber noch iro­ni­scher als es scheint, als sie im Juni 2014, über vier Jahrzehnte nach den Beatles, in den Abbey-Road-Studios (denen mit dem Zebrastreifen) in dem Raum - angeb­lich sogar in der­sel­ben Ecke -, in dem von 1962 bis 1970 eben­je­ne Popmusikgruppe ihre Alben ein­spiel­te, eini­ge ihrer Stücke neu aufnahm.

    Zwar ist mit „Bad Friday“ auch ein gänz­lich neu­es Stück auf dem Album zu hören, aber eigent­lich geht es ja um völ­lig ande­re Dinge. Die Band aus Chicago macht dafür, dass sie aus den musi­ka­lisch sonst eher lang­wei­li­gen USA kommt, erfreu­lich spa­ßi­ge Musik zwi­schen allen musi­ka­li­schen Stühlen und weiß die­se auch auf „The London Session“ ange­mes­sen in Szene zu set­zen. Anders gesagt:

    Langzeitbewunderer von Umphrey’s McGee soll­ten mit die­sem Album wei­te­re Bewunderung und Wertschätzung für Wagnis und Entschlossenheit der Band ent­wickeln. (…) Umphrey’s McGee fah­ren damit fort, das zu tun, was sie immer schon am besten konn­ten - näm­lich, jeder Beschreibung aus­zu­wei­chen und jeden Versuch, sie in eine Schublade zu stecken, in eine Übung in rei­ner Zwecklosigkeit zu ver­wan­deln. Wenige ande­re Formationen kön­nen von sich behaup­ten, Ambition, Mehrdeutigkeit und Integrität in einer solch aus­ge­gli­che­nen Weise zu bieten.

    (Grausame Übersetzung von mir.)

    Dass mit „I Want You (She’s So Heavy)“ auch ein von Umphrey’s McGee seit Jahren live gespiel­tes Lied der Beatles, über­dies von deren Album „Abbey Road“ (dem mit dem Zebrastreifen) stam­mend, sei­nen Weg auf „The London Session“ gefun­den hat, ist da eigent­lich nur noch das Sahnehäubchen die­ser Veröffentlichung.

    Hörproben: Man höre auf Amazon.de oder TIDAL hinein. 

  • Guilty Ghosts - The Witness

    2015 war hin­sicht­lich der „Name your price“-Alben erschreckend ent­täu­schend. Haben inzwi­schen alle Musiker ihren Geschäftssinn entdeckt?

    Nein, auf eines ist Verlass, auf die Guilty Ghosts näm­lich, die als Soloprojekt von Tristan O’Donnell gar nicht so vie­le sind, wie man glau­ben könn­te. Mit „The Witness“ - „Der Zeuge“ - erschien im Juni nach über zwei Jahren Pause ein neu­es Album des Herrn, dies­mal aus­schließ­lich in digi­ta­ler Darreichungsform, aber auch wei­ter­hin nicht an einen festen Preis gebunden.

    Ist das denn schon ein Album? Die Laufzeit beträgt nicht ein­mal 23 Minuten. Ich bin geneigt, von einem „Minialbum“ zu spre­chen. Und ande­re Leute sind schon über­for­dert, wenn es um Lappalien wie „Genres“ geht!

    Die sti­li­sti­sche Zuordnung ist bei Guilty Ghosts indes wie gewohnt nicht schwer zu erra­ten. Weite Klanglandschaften brei­ten sich im Kopf aus und errei­chen von dort jeden Ort im Körper des Hörers, der ihnen Zutritt gewährt. (Ergibt das über­haupt Sinn? Und ist das wich­tig?) Ich höre fein­ste Instrumentalmelancholie, eine träu­me­ri­sche Remineszenz an Long Distance Calling und hier und da auch Balladesques. Dass man­che Klimax durch’s gele­gent­li­che Ein- und Ausblenden nicht zum Zug kommt: Geschenkt! Wenig emp­feh­lens­wert ist das hier Gehörte trotz­dem noch lan­ge nicht, sonst stün­de es nicht hier.

    Wahr bleibt auch die Selbstbeschreibung des Musikers: „Songs fit for rai­ny days, ever­la­sting evenings, and melan­cho­ly moments in soli­tu­de.“ Holt es euch auf Bandcamp.com oder via eMule, ver­gesst die ande­ren Alben des Herrn O’Donnell nicht und schaut mal in den Wolken vor­bei. Es ist wirk­lich ange­nehm dort.

2. Schrottwichtel des Jahres

Es soll ja nie­mand behaup­ten, ich wäre plötz­lich all­zu belie­big gewor­den, weil bis­lang erschreckend wenig furcht­bar Schräges auf­ge­führt war. Auch ein erwei­ter­ter Horizont kennt Grenzen. Beispiele gefäl­lig? 2015 war da durch­aus nicht geizig:

  • Panda Bear - Panda Bear Meets The Grim Reaper: Weder flau­schig-pel­zig noch grim­mig. Wenn ich ein Panda wäre, wür­de ich die Produzenten die­ses Langweilers wegen Rufmords ver­kla­gen wollen.
  • Katzenjammer - Rockland: Zu vie­le Ideen auf zu wenig Platz. „Oh, sweet lord.“
  • Mollmaskin - Heartbreak In ((Stereo)): Herzzerreißendes, lah­mes Geklimper.
  • Progoctopus - Transcendence EP: Ein Album, das klingt, als hät­te jemand ein gutes Progressive-Rock-Album in Fetzen geschnit­ten und dann halb­her­zig mit irgend­ei­nem Fünf-Euro-Programm wie­der zusam­men­ge­wür­felt. Jane Gillards guter Gesang wirkt lei­der völ­lig ver­lo­ren. So wird das nichts.
  • Portico - Living Fields: Von bezau­bern­dem Jazz auf frü­he­ren Alben zu ein­schlä­fern­dem Elektropop auf die­sem Erzeugnis. So schnell kann’s gehen mit dem Fall.
  • Shining - International Blackjazz Society: Wie die x’te Neuauflage der „Tubular Bells“, so ist auch die „International Blackjazz Society“ ein blut- und ideen­ar­mer Versuch, aus dem Namen eines wirk­lich guten Albums noch etwas Profit zu gewin­nen. Oder ist Blackjazz doch das „Genre“? Wenn ja: wann und war­um hat die­ses Genre auf­ge­hört, span­nend zu sein?

3. Neunzig Jahre Horrorschau

Wie üblich möge eine Rückschau auf die letz­ten Jahrzehnte Musikgeschichte die­sen Text beschlie­ßen; dies­mal begin­ne ich mit einem ganz beson­de­ren Jubiläum:

  • Vor 90 Jahren:
    Gid Tanner - Boll weevil blues

    1925, mit­ten in der Weimarer Republik, war kein beson­ders gutes Jahr für Deutschland. Friedrich Ebert, Vorsitzender der bereits damals kriegs­freund­lich ein­ge­stell­ten und auch vor Mord am poli­ti­schen Gegner - sei­ner­zeit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - nicht zurück­schrecken­den SPD war bis Ende Februar 1925 Reichspräsident des merk­lich von der Politik der SPD gezeich­ne­ten Landes, ein öster­rei­chi­scher Künstler und Kriegsveteran publi­zier­te der­weil den ersten Band einer ziem­lich lang­wei­li­gen Geschichte namens „Mein Kampf“, der 2015 wie­der erhöh­te Aufmerksamkeit, dies­mal aus Urheberrechtsgründen, zuteil wur­de. Auch musi­ka­lisch gab es nicht viel, wor­über man sich freu­en konn­te, und vie­les ist mitt­ler­wei­le zu Recht ver­ges­sen wor­den. In Georgia (USA) aller­dings mach­te das Duo aus dem Fiddler Gid Tanner und dem blin­den Gitarristen Riley Puckett von sich reden, das für die dama­li­ge Zeit eini­ger­ma­ßen moder­ne Folkmusik spiel­te und für die Plattenfirma Columbia bereits man­che Schallplatte auf­ge­nom­men hat­te. Der Bitte Columbias, eine Stringband zu grün­den, kamen bei­de bald nach; Gid Tanner’s Skillet Lickers erwar­ben einen solch guten Ruf, dass sei­ne Enkel und Urenkel noch heu­te unter dem Namen Skillet Lickers mit etwas, was wohl mitt­ler­wei­le „Old-Time-Musik“ heißt, auf Festivals auf­tre­ten. Das sol­len die Rolling Stones erst mal hinbekommen.

  • Vor 40 Jahren:
    Van der Graaf Generator - Godbluff

    1975 sah die Welt schon viel bes­ser und fried­li­cher aus: Der spa­ni­sche Diktator Franco starb und der erbärm­li­che Vietnamkrieg ende­te mit viel zu wenig toten Soldaten und viel zu viel Leid. Es war also ein idea­les Jahr für etwas Beschaulichkeit. Dave Greenslade trug zu die­ser Beschaulichkeit zum vor­erst letz­ten Mal mit Greenslades Album „Time and Tide“ bei, auf dem aber­mals sehr emp­feh­lens­wer­ter Progressive Folk gespielt wur­de. Lou Reed ver­such­te der­weil sei­nen Plattenvertrag los­zu­wer­den, der nach sei­nem bis heu­te in sei­ner Heimat erfolg­reich­sten Album „Sally Can’t Dance“ von 1974 die unge­lieb­te Erwartungshaltung von Publikum und Finanziers ver­viel­facht haben dürf­te: „Metal Machine Music“ wur­de ein gewal­ti­ger Koloss aus Gitarrenlärm, der kom­mer­zi­ell der gewünsch­te Reinfall wur­de, künst­le­risch aller­dings ein lan­ges Nachspiel hat­te, das schließ­lich erst 2002 in einer Neuinterpretation zusam­men mit dem deut­schen Ensemble Zeitkratzer, dann 2008 in der Gründung des bis zu sei­nem Tod im Jahr 2013 bestehen­den Metal Machine Trios sei­nen Abschluss fand. Einen wei­te­ren Neuanfang wag­te 1975 die zuvor vor­über­ge­hend auf­ge­lö­ste Progressive-Rock-Band Van der Graaf Generator, deren Mitglieder ohne­hin für ver­schie­de­ne Soloaktivitäten zusam­men­ge­ar­bei­tet hat­ten, und ver­öf­fent­lich­te vier Jahre nach „Pawn Hearts“ das bis heu­te als eines ihrer besten bewer­te­te „Comeback“-Album „Godbluff“, das mit nur vier Stücken, dar­un­ter das gran­dio­se „The Sleepwalkers“, den Auftakt zu einer in schnel­ler Folge ver­öf­fent­lich­ten Reihe von her­vor­ra­gen­den Werken führ­te. 1978 zer­fiel die Band nach eini­gen Umbesetzungen wie­der und fand sich erst 2005 wie­der zusam­men; eigent­lich wäre („ALT“ ist von 2012) ja auch mal wie­der ein neu­es Album fäl­lig. Warten wir es ab.

  • Vor 30 Jahren:
    Marillion - Misplaced Childhood

    Viel bes­ser abwar­ten - nicht nur in musi­ka­li­scher Hinsicht - hät­te man die 1980-er Jahre gekonnt. Zwar gab sich 1985 mit der Großveranstaltung „Live Aid“ men­schen­freund­lich, gleich­zei­tig aber wur­de die­ses Jahr zum „Jahr der Vereinten Nationen“ erklärt. Die Vereinten Nationen sind nun nicht für eine beson­de­re Friedfertigkeit bekannt, immer­hin unter­hal­ten sie sogar eine eige­ne Armee. Dazu passt eigent­lich der Titel des in die­sem Jahr erschie­ne­nen Albums der Gruppe Dire Straits, näm­lich „Brothers in Arms“, also „Waffenbrüder“, eben­so gut wie das anschei­nend komisch gemein­te „Geld oder Leben!“ der öster­rei­chi­schen Popband Erste Allgemeine Verunsicherung, wobei bei Dingen, die die Vereinten Nationen betra­fen, oft weni­ger Geld als Leben floss. Mitten in die­se wir­re Zeit wur­de der Autor die­ser Zeilen in eine deplatz­ier­te Kindheit hin­ein gebo­ren, und auch Marillions 1985 ver­öf­fent­lich­tes „Misplaced Childhood“ wirk­te mit dem Radiohit „Kayleigh“ einer­seits und Stücken wie „Lavender“ ande­rer­seits zer­ris­sen zwi­schen Gefälligkeit und Anspruch. Der Abschied vom küh­len, tech­ni­schen Stil der Vorgängeralben jeden­falls läu­te­te auch den all­mäh­li­chen Abschied vom angeb­lich zuse­hends mehr von sich ein­ge­nom­me­nen Sänger Fish ein; nach einem wei­te­ren Album ver­ließ er die Band nur kur­ze Zeit spä­ter, sei­ne ehe­ma­li­ge Band macht bis zum heu­ti­gen Tage mit dem damals neu­en Sänger Steve Hogarth und einem zuse­hends mehr am Artrock als an Genesis ori­en­tier­ten Stil wei­ter. Manchmal will auch die Musik mit der Zeit gehen.

  • Vor 20 Jahren:
    Neu! - Neu! 4

    Was fällt euch ein, wenn ihr „1995“ lest? Richtig: 50 Jahre Kapitulation der deut­schen Wehrmacht, 5 Jahre deut­sche Einheit und nicht zuletzt der Siegeszug eines zu die­sem Zeitpunkt schon vier­zehn Jahre alten Liedes, näm­lich „Start Me Up“ von den Rolling Stones. Windows 95 brauch­te eine ein­präg­sa­me Hymne, und was lag da näher als ein ver­meint­li­ches Lied über den sei­ner­zeit neu­en „Startknopf“? Die Rolling Stones waren aller­dings selbst längst wei­ter­ge­zo­gen, im November 1995 erschien mit „Stripped“ eine Art Studio-Live-Album ohne eige­nes neu­es Material; auf das näch­ste „voll­stän­di­ge“ Studioalbum „Bridges to Babylon“ muss­te das geneig­te Publikum noch bis 1997 war­ten. Es war ein viel­fäl­ti­ges Jahr, in das auch Purs erstes Nummer-1-Album „Abenteuerland“ gut hin­ein­pass­te. Pop und Radiorock, wohin man zunächst blick­te. Aber was, wenn man einen zwei­ten Blick wag­te? Vielleicht hat man dann das selbst­be­ti­tel­te Debütalbum der schwe­di­schen Progressive-Rock-Band Ritual ent­deckt, die bereits auf ihm einen eigen­stän­di­gen Stil zwi­schen Folk, AOR und Hardrock gezeigt hat­ten, den sie in den kom­men­den Jahren immer wei­ter zu einem beein­drucken­den Folkrock wei­ter­ent­wickeln soll­ten. In Deutschland bäum­te sich der­weil ein letz­tes Mal der Krautrock auf: Die von Conny Plank, der mitt­ler­wei­le ver­stor­ben war, in den Jahren 1985 und 1986 pro­du­zier­ten letz­ten, aller­dings unvoll­ende­ten Aufnahmen des Düsseldorfer Duos Neu! wur­den nach der streit­be­ding­ten Trennung der bei­den Musiker Klaus Dinger und Michael Rother erst nach neun Jahren zur Veröffentlichung als „Neu! 4“ frei­ge­ge­ben. Dass sich selbst die nicht auf kom­mer­zi­el­len Erfolg bedach­te Band Neu! hier mit aller­lei Elektronik an den schlim­men „musi­ka­li­schen“ Zeitgeist des Jahrzehnts anzu­pas­sen ver­such­te, ist dank der anson­sten wei­ter­hin expe­ri­men­tel­len Spielweise bei­na­he unauf­fäl­lig geblie­ben. Nichtsdestotrotz erschien 2010 eine über­ar­bei­te­te Neuauflage unter dem Namen „Neu! ‚86“. Mit wei­te­ren Aufnahmen ist nach dem Tod Klaus Dingers aber lei­der nicht mehr zu rechnen.

  • Vor 10 Jahren:
    Nil - Nil Novo Sub Sole

    Zehn Jahre ist es nun her, dass ich anfing, mehr oder weni­ger regel­mä­ßig rich­ti­ge Texte ins Web rein­zu­schrei­ben. Gleichzeitig erbeb­te die deutsch­spra­chi­ge Musikwelt aller­dings aus ganz ande­ren Gründen, näm­lich auf­grund des Albums „Schrei“ der absur­den Combo Tokio Hotel, über die all­zu kin­di­sche Witze zu machen selbst mir damals nicht zu unpas­send erschien. Wer aller­dings damals schon nicht viel Wert auf die Beschäftigung mit solch belang­lo­sem Quark gelegt hat­te, der ist zu benei­den, denn er hat­te um so mehr Zeit für wirk­lich gute Lieder. …And You Will Know Us by the Trail of Dead zum Beispiel lie­ßen den poten­zi­el­len Käufern viel Zeit für Vorfreude, indem die Veröffentlichung ihres Albums „Worlds Apart“ von 2004 auf 2005 ver­scho­ben wur­de, damit die Verkaufszahlen sich nicht an denen von Eminem und Destiny’s Child (einer anstän­di­gen Plattenfirma ist kein Vergleich zu doof) mes­sen las­sen muss­ten. Nichts Neues also unter der Sonne? Dies jeden­falls behaup­te­te das fran­zö­si­sche Symphonic-Prog-Quintett Nil, des­sen Album „Nil Novo Sub Sole“ seit dem Jahr 2005 eben­falls erhält­lich ist, aller­dings unter offen­sicht­lich ande­ren Voraussetzungen, denn Zugeständnisse sind hier nicht erkenn­bar. Den gro­ßen Fehler vie­ler ande­rer Musikgruppen, die eng­li­sche Sprache zu der eige­nen zu machen, wie­der­ho­len Nil nicht, hier ist und bleibt alles auf Französisch, das ich zwar nicht ver­ste­he, das aber authen­tisch und nah wirkt. Umgeben von einer atmo­sphä­risch dich­ten Wolke aus teils psy­che­de­li­schem, teils verz­wir­belt-har­tem Progressive Rock, der mal an King Crimson erin­nert, meist aber eine ganz eige­ne Note trägt, schwebt Sängerin Roselyne Benthet gleich­sam über den Dingen und ver­ur­sacht ganz neben­bei selbst bei den ungän­sig­sten Hörern eine Gänsehaut, die man eigent­lich gern eine Weile behal­ten wür­de. Manche Alben füh­len sich ein­fach rich­tig an; dies ist eins davon.

Was wohl noch kom­men mag? Wer weiß! Sebkha-Chott aller­dings haben zum Jahreswechsel ihre Auflösung ange­kün­digt. 2016 soll ein letz­tes Album erschei­nen. Da bleibt zumin­dest etwas, wor­auf wir uns noch ein­mal freu­en können.

Bis zum näch­sten Mal!

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Senfecke:

  1. Hi Sven,
    ich bin Petra von Paisley Tree und woll­te mich im Namen der Band für Deinen schö­nen Review bedanken.
    Wir haben ihn auf unse­re face­book Seite gestellt --> https://www.facebook.com/Paisleytreeband/?ref=settings
    Liebe Grüße, Petra

    P.S. Die Zweittstimme habe ich selbst gesun­gen :-)
    Demnächst kommt noch eine Single in Kooperation mit Space Debris. Vielleicht hast Du ja Lust, auch die zu „review­en“.
    Dann gib mir ein­fach per E-Mail Bescheid. http://green-brain-krautrock.de/32cf191a5b396b39b03506d58647ad56,german,SPACE-DEBRIS-PAISLEY-TREE-New-Rag-Spiral-Cage-7-inch-Split-single-Green_23179.html

    • Heyho, magi­sche Petra,

      so als Facebookmeider (jetzt werft doch nicht so exten­siv mit Daten aus mei­nem Impressum um euch, wenn ich hier schon unter Pseudonym par­lie­re, Mensch) hab‘ ich mich schon gewun­dert, woher die vie­len Zugriffe kom­men. Schön, wenn es euch gefällt. (Aber die vier Alben dar­über ein­fach igno­rie­ren? Dz, dz! So war das ja nicht gedacht.)

      Von Singles hal­te ich aus wirt­schaft­li­chen Gründen nicht viel, aber ich hab‘ euch im Auge. ;)

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