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Musik 12/2015 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 15 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Die bish­er schön­ste Nachricht des Jahres 2015 war es, dass Phil Collins nie wieder ein Lied kom­ponieren möchte. Das ist vielle­icht in der gewalti­gen Nachricht­en­menge völ­lig unterge­gan­gen; vor nicht allzu langer Zeit berichtete Ste­fan Nigge­meier in der “Frank­furter All­ge­meinen Zeitung” davon, dass Claus Kle­ber anlässlich sein­er Hon­o­rarpro­fes­sur beklagte, dass die Jugend zu einem bedeu­ten­den Teil Nachricht­en nur noch häp­pchen­weise statt in voll­ständi­ger Dar­bi­etungs­form zur Ken­nt­nis nehme; im sel­ben Artikel war davon die Rede, dass es Nachricht­en also so gehe wie Musik. Offen­sichtlich ist die Jugend über die Schön­heit aktueller musikalis­ch­er Klein­ode gar nicht mehr informiert (das liegt bes­timmt an den zu kurz zusam­menge­fassten Nachricht­en). Höch­ste Zeit also, dass wir uns wieder ein­mal mit der pri­mas­ten Musik des Jahres 2015 befassen.

Wie gewohnt haben auch dies­mal manche Alben einen zeitlichen Vor­sprung, näm­lich die bere­its zuvor emp­fohle­nen neuen Werke von God­speed You! Black Emper­or, Katie Dey, Grün­lich Grau sowie The Hirsch Effekt; aus dra­matur­gis­chen Grün­den bleiben sie als Empfehlun­gen beste­hen, wer­den aber kein zweites Mal rezen­siert.

Apro­pos Dra­ma:

1a. Musikalis­che Klein­ode

  1. Mag­ma — Šlağ Tanz

    “Schlag­tanz”? Nein, keine Sorge, mit Folk möchte ich euch noch nicht schock­ieren. Mag­ma haben nach ihrem bis­lang let­zten Opus Mag­num “Ëmëh­n­tëhtt-Ré” aus dem Jahr 2009 eine tur­bu­lente Veröf­fentlichungspoli­tik geführt: Mit “Félic­ité Thösz” kam 2012 ein (für Band­ver­hält­nisse) ziem­lich fröh­lich­es Qua­si­popal­bum her­aus, 2013 und 2014 jew­eils ein Liveal­bum aus unter­schiedlichen Ban­de­pochen, zulet­zt 2014 mit “Rïah Sahïl­taahk” eine EP, die das gle­ich­namige Stück von 1971 als neues Arrange­ment enthielt. Jet­zt also “Šlağ Tanz”.

    Mit nicht ein­mal 21 Minuten Laufzeit wäre es vielle­icht ver­messen, hier wieder von einem “Album” zu sprechen; aber so lange die Qual­ität stimmt, wollen wir uns mal nicht beschw­eren. Außer­dem haben wir es hier immer­hin mit dem ersten mehr oder weniger neuen out­put im guten, alten hym­nisch-repet­i­tiv­en Zeuhl-Stil seit 2009 zu tun.

    Die Beset­zung hat sich nicht geän­dert, das Oktett von “Rïah Sahïl­taahk”, dessen Kern (Chris­t­ian Van­der, Stel­la Van­der, Isabelle Feuille­bois, James Mac Gaw, Phillipe Bus­son­net) seit der Stu­diore­union von 1998 (“Floë Ëssi / Ëktah”) gemein­sam spielt, trat also auch hier wieder zusam­men.

    Von “Jazz Met­al” spricht ein Aufk­le­ber, aber mit Met­al haben wir es hier zum Glück auch weit­er­hin nicht zu tun, son­dern mit dem musikalis­chen Gegen­stück zu “Félic­ité Thösz”, das bere­its vor vier Jahren auf Konz­erten den Kon­trast zum damals eben­falls neuen “Šlağ Tanz” bildete, dessen Dis­so­nanz und harsche Rhyth­mik dem alten Mag­ma-Hör­er wohl zu gefall­en ver­mö­gen. Wie King Crim­son haben es indes auch Mag­ma nie geschafft, ihren ersten Sänger (sein­erzeit Klaus Blasquiz) im Laufe der Jahre adäquat zu erset­zen, Hervé Aknin intoniert ungewöhn­lich exaltiert und lässt Mag­ma in schwächeren Momenten eher ital­ienisch klin­gen, was, wie regelmäßige Leser wis­sen, in der Pro­gres­sive-Rock-Szene sangestech­nisch von min­der­er Güte scheint; in den stärk­eren aber freuen wir uns, dass Mag­ma mit dem her­aus­ra­gen­den Bassis­ten Phillipe Bus­son­net und eben auch Hervé Aknin eine Erneuerung erfahren haben, die erfreulich ist. Mag­ma bleiben sich musikalisch vielle­icht auch wegen der neuen Köpfe noch im 46. Jahr ihres Beste­hens treu, ohne sich zu wieder­holen. Mir gefällt’s.

    Hör­proben: Auf YouTube lässt sich in “Šlağ Tanz” hinein­hören, auf Amazon.de gibt es Kauf- und Hörschnipselmöglichkeit­en.

  2. –isq — Too
    “So the dark­est of places has room for a light” (Tears of a Clown)

    Oh, ist das schön. Wirk­lich, wirk­lich schön.

    Das Lon­don­er Quar­tett mit dem eige­nar­ti­gen Namen –isq, das in lau­niger Stim­mung auch schon mal Nir­vana covert, lässt mich mit seinem zweit­en (haben wir hier etwa ein Wort­spiel ver­steckt?) Album “Too” vergebens nach geeigneten Syn­ony­men suchen, was man ein­er Jaz­zcom­bo, deren Pianist, wie man vielerorts liest, bere­its mit aus­gerech­net Björk zusam­mengear­beit­et hat­te, eigentlich nicht zuge­traut hätte, aber was wäre Musik ohne Über­raschun­gen?

    Melan­cholie fasst “Too” möglicher­weise gut zusam­men, gebroch­ene Herzen ste­hen Pate für Texte und Musik. Die mir bedauer­licher­weise zuvor völ­lig unbekan­nte Sän­gerin Irene Ser­ra, geboren in Ital­ien, aufgewach­sen in Däne­mark und reüssiert in den Jaz­zclubs Großbri­tan­niens, trägt ihren Teil dazu bei, sie singt mit einem Weltschmerz, dass es einem beina­he frösteln würde, aber die Gänse­haut ist eine wärmere, angenehmere; will sagen: Fes­sel­spielchen für die Ohren.

    Dabei unter­schei­den sich die Stücke eigentlich nur in der Inten­sität; behut­sam und zurück­hal­tend wie das beina­he min­i­mal­is­tis­che “The Bird Has Flown”, soulschwanger wie das bedrück­ende “Falling Stars” oder ergreifend wie das längst ohrwurm­taugliche bis ‑gren­züber­schre­i­t­ende “Zion”, jedes Stück trägt seine eigene Sig­natur und bleibt den­noch ein Stein im Mosaik.

    “Too” ist wie ein Musik gewor­den­er Abend im Ohrens­es­sel mit einem Glas besten Sin­gle Malts.

    Habe ich schon erwäh­nt, wie schön es ist?

    Hör­proben: Auf YouTube gibt es zum Beispiel ein Video zu “Zion” sowie eine Livedar­bi­etung von “Falling Stars” anzuse­hen. Wer es ohne­hin nicht so mit Hand­festem hat, der kann auf Amazon.de das Album im MP3-For­mat kaufen.

  3. The Bri­an Jon­estown Mas­sacre — Musique de Film Imag­iné

    Nicht, dass ihr mir hier noch ein­schlaft vor lauter Ruhe: The Bri­an Jon­estown Mas­sacre haben ger­ade mal ein Jahr nach dem Vorgänger­al­bum “Rev­e­la­tion” wieder nachgelegt und präsen­tieren nun­mehr “Musik für einen einge­bilde­ten Film”, wobei das ja nur zum Teil so stimmt.

    Zum Einen näm­lich hat, wie es heißt, Anton New­combe das Album nur mit den Gast­musik­erin­nen Stéphanie “Soko” Sokolin­s­ki (ein­er wohl nicht ganz unbekan­nten Goth-Pop-Musik­erin) und ein­er gewis­sen Ital­iener­in namens Asia Argen­to zusam­men aufgenom­men, wom­it es unter dem Band­na­men The Bri­an Jon­estown Mas­sacre eigentlich formell falsch aufge­hoben ist, zum Anderen gibt es mit der Paris­er Filmkul­tur der 1950-er Jahre offen­bar ein reales Vor­bild. Das näm­lich hat die “Musique de Film Imag­iné” mit mancher­lei Album von Mog­wai gemein: Das ganze Werk ist eigentlich ver­tontes Kino. Sein Schöpfer gab hierzu zu Pro­tokoll:

    Das Album, das Sie gle­ich hören wer­den, ist eine Ton­spur, meine eigene Kreation, ein Trib­ut den großar­ti­gen Regis­seuren und Film­mach­ern aus ein­er Ära, die nun hin­ter uns zu liegen scheint. Es ist den Klu­gen über­lassen, sich vorzustellen, dass diese Kun­st nun­mehr im Schat­ten sein­er früheren Glo­rie liegen kön­nte. Das Inter­es­sante an diesem Pro­jekt ist allerd­ings, dass auch der Film nicht existiert. Trotz­dem habe ich mir seine Ton­spur aus­gedacht und sie umge­set­zt… Nun sind Sie an der Rei­he, Sie als Zuhör­er müssen sich den Film vorstellen.

    Was auch erk­lärt, wieso sel­ten und dann auch noch aus­gerech­net auf Franzö­sisch gesun­gen wird. Ana­log zum film noir ste­ht mir der Sinn danach, hier von musique noire (nicht aber von der gle­ich­nami­gen Band) zu reden. Am Ende, so schreibt’s das Inter­net, sei alles Oboe und Fagott; ein expres­sion­is­tis­ches Meis­ter­w­erk in Noten oder ein ver­tontes Dra­ma des großen franzö­sis­chen Films. Nach sechzig Jahren war eine solche Hom­mage, ander­er­seits, wohl über­fäl­lig.

    Hör­proben: Auf Amazon.de gibt es halb­minütige Hör­proben zu, nun, hören.

  4. Arcane — Known/Learned

    Von franzö­sis­ch­er Düster­heit ist es ein immer noch weit­er Weg zu aus­tralis­chem Pro­gres­sive Met­al, aber da’s draußen ger­ade Wan­der­wet­ter ist, nehmen wir das mal auf uns.

    Mit “Known/Learned” haben Arcane ein Dop­pelal­bum veröf­fentlicht, dessen erste Seite (“Known”) die härtere darstellt. Möglicher­weise ist der Titel so zu inter­pretieren, dass man den Pro­gres­sive Met­al von der Band schon kan­nte und nun auch noch die zweite Seite (“Learned”) in Form von ziem­lich überzeu­gen­dem Pro­gres­sive und/oder Alter­na­tive Rock ken­nen lernt. Nun sind 2015 schon fast zwei Stun­den Laufzeit ziem­lich viel, das Pub­likum ver­liert ja mit den Jahren an Aufmerk­samkeit, also muss man es span­nend hal­ten. Arcane schaf­fen das übri­gens.

    Aber fan­gen wir mal vorn an: “Known” ist tat­säch­lich nichts Neues, Pro­gres­sive Met­al mit ordentlich Gitarre, Schlagzeug und Klavierk­län­gen. Das heißt natür­lich keines­falls Langeweile, lang­weili­gen Pro­gres­sive Met­al gibt es wahrlich zur Genüge. Arcane machen vieles anders, ange­fan­gen beim angenehm unanstren­gen­den Gesang bis hin zur merk­würdi­gen Ver­schränkung der bei­den Teile ineinan­der; so gibt es auf “Known” einen 23-minüti­gen Pro­gres­sive-Met­al-long­track namens “Learned” und auf “Learned” ein fast dreim­inütiges Schmacht-Pop­stück namens “Known”. Das let­zte Stück auf “Learned” heißt “Promise (Part 1)” und das erste auf “Known” “Promise (Part 2)”. Wo ist hier der Anfang, wo ist hier das Ende? Vielle­icht ist “Known/Learned” auch ein End­los­al­bum, das wäre mal erfrischend. Trotz­dem wird es Zeit für einen Scheiben­wech­sel.

    “Learned” erin­nert mich, so weit es meine Noti­zen hergeben, an die fürchter­lichen Place­bo, allerd­ings ohne den Jaulge­sang, der die Fürchter­nis erst her­vor­ruft. Mitunter scheinen echolyn durch, der jazz­ige Bass der meis­ten Stücke fügt eine weit­ere inter­es­sante Nuance hinzu.

    Wo Pain of Sal­va­tionqual­i­ta­tiv noch gehörig scheit­erten, beim Umschwenken von Met­al auf Artrock näm­lich, machen Arcane vieles ein­fach richtig. Eine hör­bar gereifte Band lotet ihre Gren­zen aus, ohne sie zu über­schre­it­en, und weiß mit unge­wohn­ten Klän­gen pos­i­tiv zu über­raschen. Wie wohl der Nach­fol­ger klin­gen mag? Dieses Album jeden­falls ist bere­its ein feines.

    Hör­proben: Amazon.de hat halb­minütige Schnipsel auf Lager, einen Kom­plettstream gibt es auf YouTube und zum Beispiel TIDAL. Viel Vergnü­gen.

  5. Pais­ley Tree — Pais­ley Tree

    Zurück nach Deutsch­land: Über Wein­heim in Baden-Würt­tem­berg ist nicht viel bekan­nt, den­noch gibt es dort offen­sichtlich eine als kul­turell zu ver­ste­hende Szene, die in jün­ger­er Ver­gan­gen­heit offen­sichtlich ein wenig auszu­ufern begonnen hat.

    Die Krautrock­band Space Debris zum Beispiel, die erst 2014 ihr aktuelles Stu­dioal­bum “Phonomor­pho­sis” veröf­fentlicht hat, behauptet von dort zu stam­men. Andere Bands brauchen viel Zeit zwis­chen zwei Stu­dioal­ben, Space Debris aber scheinen die Kreativ­ität ger­adezu auszus­trahlen. Nur nicht ras­ten, nur nicht ruhen. Kurz­er­hand wurde — sozusagen als Neben­pro­jekt — vom Schlagzeuger Chris­t­ian Jäger gemein­sam mit der gele­gentlichen Sän­gerin Mag­ic Petra (was für ein obskur­er Name!) die Band Pais­ley Tree gegrün­det.

    Musikalisch ist Pais­ley Tree wie auch die Stamm­band tief in den musikalis­chen 70-ern ver­wurzelt, bedi­ent allerd­ings eher die Hardrock- als die Hip­piek­lien­tel. Auf Key­boards wird allerd­ings verzichtet, Mag­ic Petra spielt, wenn sie ger­ade nicht singt, stattdessen Mund­har­moni­ka. Moment, Mund­har­moni­ka?

    Nein, dies ist kein Folk, wie ihn Bob Dylan einst spielte, dies ist Posthard­ston­errock mit dem gewis­sen Extra, als wür­den die alten Her­ren von Cream noch mal LSD ein­wer­fen und losjam­men. Fast am Ende und doch irgend­wie im Zen­trum ste­ht das zehn­minütige “Dop­pel­stück” “Far Away & Colour Trip”, dessen Name allein bere­its Charme ver­sprüht und das ich hier ein­fach ein­mal als Beispiel anführen möchte. Wer aber auf­grund des Titels bloße unin­spiri­erte Blu­menkraft-Hym­nen erwartet, der liegt doch etwas daneben. Es begin­nt mit ein­er guten alten Blues­rock-Gitarre, erin­nernd an frühe Glanz­tat­en der Rolling Stones, bis “Mag­ic Petra” druck­voll, aber hip­pieesk ihre Stimme ertö­nen lässt — halt: Duettge­sang (lei­der ist nicht ersichtlich, welchem der drei Her­ren die zweite Stimme innewohnt) kann sie auch — und nach ger­ade ein­mal zweiein­halb Minuten eine bridge auf der Mund­har­moni­ka erklin­gen lässt. Mit Stück­en wie diesem kön­nte man einen Film über die Jugend der späten 1960-er Jahre eigentlich recht gut unter­malen. Und Gitar­ren­soli, immer wieder feine Gitar­ren­soli, begleit­et von einem angenehm zu hören­den, druck­vollen Bass und einem Schlagzeug, dessen Beset­zer Chris­t­ian Jäger auf einen 4/4‑Takt erfrischend wenig Wert legt.

    In den von den Musik­ern selb­st gewählten tags für “Pais­ley Tree” sind Jef­fer­son Air­plane, Led Zep­pelin, garage rock und Wein­heim. Ich wage keine Ein­wände.

    Hör­proben: Das ganze Album lässt sich auf Bandcamp.com voll­ständig anhören, auf Amazon.de gibt es Vinyl und CD dazu.

  6. Juleah — Melt Inside The Sun
    “Joy­ful weari­ness is my reward, and the wild machine I turn into” (Wild Machine)

    Ein Gutes, immer­hin, hat es, dass Band­camp wiederkehrende Nutzer gele­gentlich per E‑Mail über inter­es­sante neue Musikalben informiert — auf diese oder eine ähn­liche Art wurde ich auf das diesjährige Album “Melt Inside The Sun” der Öster­re­icherin Julia Hum­mer alias Juleah — regelmäßige Leser haben schon mal was von ihr gehört — aufmerk­sam.

    Wie passend doch zur diesjähri­gen Hitzewelle dieses Album benan­nt ist, ist zum Zeit­punkt dieser Nieder­schrift zwar wahrschein­lich nur noch eine schwäch­er wer­dende Erin­nerung, aber die Psy­che­de­lik des Bildes vom Zer­fließen bleibt Pro­gramm. Die Raveonettes sind hier so präsent wie die späten Talk Talk, der Gesang selb­st ist allerd­ings so vielschichtig wie ich es sel­ten gehört habe. Wer eine angenehme Singstimme bei Solo­musik­erin­nen heutzu­tage oft ver­misst: Hier habt ihr euer Gegen­beispiel.

    Trotz­dem ein Fokus auf die Musik, denn die ist keineswegs nicht der Rede wert. Von einem “Kalei­doskop für [die] Ohren” spricht die Plat­ten­fir­ma, der “New Musi­cal Express” siedelt Juleah dort an, wo Mazzy Star und die britis­chen Shoegaz­er von Ride einan­der tre­f­fen. Mark Simp­son ent­deckt darüber hin­aus Ähn­lichkeit­en mit Led Zep­pelin, T. Rex und Tinari­wen, wobei ich mit let­zteren bei­den Bands nicht aus­re­ichend ver­traut bin. Klar ist: Hier obsiegt, was die Kün­st­lerin selb­st als Dream­pop beze­ich­net und unsere­ins als Ston­er-Rock zu ken­nen meint.

    Augen zu und nicht durch, son­dern mit­ten rein. Ein musikalis­ch­er Som­mer auch im Win­ter.

    Hör­proben: Erfreulicher­weise ist das kom­plette Album auf Bandcamp.com zu hören.

  7. Ra — Scan­di­navia

    Apro­pos psy­che­delisch.

    Ra, ein­er der Namen des altä­gyp­tis­chen Son­nen­gotts, hat in der Musik einige Spuren hin­ter­lassen, die bekan­ntesten Vertreter sind möglicher­weise die bel­gis­che Band Amen­ra und die Jaz­zle­gende Sun Ra. Im eher kühlen Malmö hat man indes darauf verzichtet, die Verbindung zur Sonne allzu deut­lich her­vorzuheben; das Quar­tett, das in diesem Jahr nach langem Warten ihr Debü­tal­bum namens “Scan­di­navia” veröf­fentlichte, nen­nt sich schlicht Ra.

    Neben­bei straft die Band all jene Lügen, die bis­lang dacht­en, aus Schwe­den kämen auss­chließlich Met­al­bands, wie Peter mit seinem gewohnt guten Gespür bere­its fest­stellte:

    Zu hören gibt es Musik in Schwarz, druck­vollen, lär­menden Post-Punk und psy­che­delis­chen Shoegaze, schram­mel­nde Gitarre, Feed­back­o­rgien, rabi­at­en Gesang und ein paar wirk­lich eingängige Hym­nen.

    Ver­gle­ichen möchte ich Ra mit Joy Divi­sion und den Smiths und tu’ damit wenig­stens allen Genan­nten gle­icher­maßen Unrecht, weil hier die melan­cholis­che Note erfreulicher­weise völ­lig fehlt. Ra, das ist bret­tern­der Post­punk mit viel Hall und, weil’s so sel­ten zutrifft, mit Eiern. Sehr lobenswert.

    Hör­proben: Bei TIDAL gibt es das Album zum Kom­plet­thören, einzelne Stücke gibt es auch bei Sound­Cloud. Fanrastisch. (Entschuldigung.)

  8. Black Space Rid­ers — Refugeeum

    Die Black Space Rid­ers sind eine mit­tler­weile fün­fköp­fige Space-Rock-Band aus Mün­ster, die nach dem Ein­tritt von Sänger und Tex­ter “Seb” 2014 ihr drittes Album “D:REI” veröf­fentlicht hat­te, das über­wiegend auf pos­i­tive Kri­tik stieß.

    Hier also liegt ihr aktuelles Werk vor. Wenige Titel kön­nten 2015 aktueller sein als “Refugeeum”, offen­sichtlich ein Kof­fer­wort aus “Refugee” (“Flüchtling”) und “Refugium” (“Zuflucht”).

    Das sei kein Zufall, behauptet die Band:

    REFUGEEUM, wie in “refugees” wie auch in “Refugium”. Tief bewegt davon, was derzeit auf diesem Plan­eten geschieht, hat die Band ihre Wan­derun­gen durch den Wel­traum zumin­d­est the­ma­tisch ver­lassen und sich stattdessen einem irdis­chen, ewigen Prob­lem zuge­wandt; einem Prob­lem, das trau­riger­weise wieder aktuell ist: Flucht und Vertrei­bung — Ver­lust der Heimat — abgrundtiefes Leid — der Wille zu über­leben — Hoff­nung für das, was kom­men mag — Gejagter und Jäger — Opfer und Täter — Akzep­tanz und Zurück­weisung.

    (Frei über­set­zt von mir.) Von ein­er ver­ton­ten Flüchtlingskrise zu sprechen wäre allerd­ings hier dur­chaus ver­fehlt, dafür ist es zu angenehm.

    Obwohl man ja zunächst ein­mal gar nicht so genau weiß, wohin man hier flücht­en soll, lauert doch gle­ich­sam an jed­er Ecke eine neue (meist pos­i­tive) Über­raschung. Und die Texte, die Texte. “My dear, what hap­pened to us when the mad­ness began?” (“Uni­ver­sal Blood­lines”). Wisst ihr noch, wo ihr wart? Man traut sich ja fast nicht, hier mit leicht ver­daulichen Etiket­ten um sich zu wer­fen, weil es zwis­chen psy­che­delis­chem Met­al (“Vor­tex Sun”), Tin­der­sticks-Stim­mung und Talk-Talk-Postrock, wie einst bei Yes vor­ge­tra­gen von ein­er Dop­pel­spitze (“Seb” und “Je”), hier eine Menge zu ent­deck­en gibt.

    Das über­lasse ich dann ein­fach mal euch.

    Hör­proben: Einen Stream des Albums hält Bandcamp.com vor­rätig. Natür­lich mit Tex­ten. Rein­hören und Mitle­sen sind emp­fohlen.

  9. Boris — asia

    Vorhin noch waren wir in Scan­di­navia, nun wech­seln wir den Kon­ti­nent. Eine musikalis­che Wel­treise bringt manch­mal über­raschend schnellen Fortschritt.

    Die Gen­reigno­ran­ten Boris sind regelmäßi­gen Lesern mein­er Texte wahrschein­lich bekan­nt. 2015 legten die Japan­er wieder ein­mal nach, dies­mal mit ihrem immer­hin schon zweiundzwanzig­sten Stu­dioal­bum, das aus nur drei Stück­en beste­ht und, lim­i­tiert auf 1.000 physis­che Exem­plare, gemein­sam mit den am sel­ben Tag veröf­fentlicht­en 20. und 21. Stu­dioal­ben “warpath” und “urban dance” auss­chließlich auf Konz­erten und im Onlineladen der Plat­ten­fir­ma Inox­ia zu haben ist. Großbuch­staben sind so 90er beziehungsweise auch nicht; in der “Design­sprache” von Boris ste­hen Großbuch­staben für Rock­musik und Klein­buch­staben für Exper­i­mentelles. Das klingt doch viel ver­sprechend. Wer aus fol­gen­der Rezen­sion her­aus ein Inter­esse an “asia” entwick­elt, dem seien insofern auch die anderen bei­den Alben anger­at­en.

    Allerd­ings begin­nt es erst mal bedächtig. Die Zusam­me­nar­beit mit Sunn O))) hat offen­bar Spuren hin­ter­lassen. “Ter­ra­cot­ta War­rior” begin­nt mit anschwellen­dem elek­tro­n­is­chem Brum­men, es gesellen sich Effek­te hinzu. Irgend­wie bedrohlich. Minuten­lang passiert also ein­er­seits eine Menge und ander­er­seits eigentlich nicht viel, bis die sum­mende Höl­len­mas­chine allmäh­lich die Fahrt durch eine Geis­ter­bahn aufn­immt. Eige­nar­tiges instru­men­tales Fle­hen reißt den Hör­er aus der Ver­wirrung oder macht sie voll­ständig. Eine schnei­dende E‑Gitarre legt sich langge­zo­gen über die sich vor dem geisti­gen Auge langsam aus­bre­i­t­ende futur­is­tis­che Wüsten- und Geis­ter­stadt. Von bei­den Seit­en heulen eige­nar­tige Winde.

    Plöt­zlich: Merk­würdig verz­er­rtes Wasser­rauschen. Die Geis­ter­bahn hat Wild­wass­er erre­icht. Unruhig schwap­pen die Wellen an den Rän­dern hoch, man ahnt, dass ein Wasser­fall nicht fern ist. Das Wass­er wird schneller, immer schneller und — Stille, durch­schnit­ten von Klage­laut­en. Das Schlagzeug spielt einen san­ften Rhyth­mus wie zur Ret­tung, aber man kann sich nicht fes­thal­ten, wird erdrückt von der unheim­lichen, beben­den Welt, die sich um einen herum auftürmt. Man ver­liert die Ori­en­tierung und schließlich das Bewusst­sein. Wieder: Stille.

    Das fol­gende “Ant Hill” reißt aus der Trance. Die 80-er sind da, sie wollen ihre Elek­tron­ik zurück­haben? Nein, nein — dies ist, tat­säch­lich, ein ver­ton­ter Ameisen­hügel. Es zirpt in höch­sten Tönen, die Elek­tron­ik knat­tert, und irgend­wo ist wieder dieser bedrohlich-futur­is­tis­che Grund­ton. Man ist unverse­hens umgeben von riesi­gen Ameisen­ro­bot­ern; die allerd­ings immer­hin im Gle­ich­schritt zu marschieren imstande sind. Was ist dieses Brum­men? Instink­tiv blickt man sich um, ob nicht noch eine große Fliege lauert, aber es sind Ameisen, nur Ameisen. Die hal­ten einen allerd­ings nicht gefan­gen, man ist vielmehr zu Gast: In “Talk­a­tive Lord vs Silent Mas­ter” bekommt man schließlich sog­ar die Gele­gen­heit, einem eige­nar­tig met­allis­chen, elek­tro­n­is­chen Zwiege­spräch ihres Her­rn auf ein­er stür­mis­chen Anhöhe nahe der Geis­ter­stadt zu lauschen. Das Album endet abrupt nach einem Monolog des “Silent Mas­ters”. Der Hör­er bleibt in dieser Welt, obwohl ihre Geschichte längst vorüber ist.

    Keineswegs ist “asia” irgend­wie als easy lis­ten­ing zu etiket­tieren. Klaus­tro­pho­bie und Depres­sion sind Neben­wirkun­gen, die ich für nicht vol­lkom­men aus­geschlossen halte. Es ist nichts­destoweniger sehr wahrschein­lich ein her­vor­ra­gen­des Album im richti­gen Moment. Ich brauche jet­zt aber erst mal einen Schnaps.

    Hör­proben: “Voo-Vah” vom Album “warpath” kön­nte einen Ein­druck ver­mit­teln, “asia” jedoch ist sein Superla­tiv. Seid vor­sichtig.

  10. Agent Fres­co — Destri­er
    “I see your ghost / it finds no rest / lean­ing close / from crest of bed” (Pyre)

    Zu den Pub­likum­slieblin­gen des Jahres 2015 gehörten in mancher­lei Kreisen die finnis­che Band Agent Fres­co, die mit Destri­er in diesem Jahr ihr zweites Stu­dioal­bum veröf­fentlicht hat. Die Entste­hungs­geschichte ist wie schon die zum Debü­tal­bum, in dem Sänger Arnór Dan den Tod seines Vaters ver­ar­beit­ete, groß: Er erzählt hierzu, er sei vor eini­gen Jahren, nach­dem er dem Vernehmen nach Opfer von Gewalt gewor­den war, in Zorn und Panik ver­fall­en, während er Lieder für dieses Album schrieb, und habe die Gele­gen­heit genutzt, die aufges­taut­en Gefüh­le in die Musik zu kanal­isieren. Das ist ja auch nicht immer verkehrt.

    Der Anfang von “Destri­er” erin­nert mich an Slint und auch an eine opti­mistis­che Vari­ante der Geschichte von Boris: Wieder wächst die Musik mit langge­zo­ge­nen Tönen langsam an, explodiert jedoch nicht in ein­er gewalti­gen Erup­tion, son­dern in etwas, was ich als Lis Er Stille mit New-Wave-Gesang beschreiben würde, also dem der 1980-er Jahre. Postrock trifft Hardrock, wenn man es ein­mal auf Gen­risch aus­drück­en möchte.

    Nehmen wir als Beispiel ein­mal das ger­ade mal anderthalb­minütige Stück “Angst”, angesichts der Entste­hungs­geschichte des Albums wom­öglich sowieso schon namentlich inter­es­sant: Auf einem selt­samen Takt, gespielt von einem irrlichtern­den Schlagzeug, dreht ein mars­voltaes­quer Gitar­rensound vol­lkom­men durch. Jet­zt weiß ich auch wieder, woran mich Arnór Dan erin­nert: Jene bedauer­licher­weise aufgelöste Band hat­te mit Cedric Bixler-Zavala einen stimm­lich nicht unähn­lichen Sänger in den eige­nen Rei­hen.

    Das Mag­a­zin “New Noise” attestiert “Destri­er” einen “Wow-Fak­tor” (ebd.), 10 von 10 Punk­ten gibt’s auch auf metal.de:

    Das Fun­da­ment bilden erneut exper­i­mentelle, sphärische Rock­klänge, welche Agent Fres­co um Nuan­cen aus den Bere­ichen Met­al, Jazz und Ambi­ent erweit­ern. So gesellen sich zu kerni­gen, ein­dringlichen Riffs (“Howls”, “See Hell”) immer wieder per­lende Pianoläufe wie im her­aus­ra­gen­den “Dark Water”, ver­track­te Rhyth­men und Math­core-Rebel­len­tum (“Angst” – so hart klan­gen Agent Fres­co noch nie) sowie unwider­stehlich isländis­che Sound­track-Erup­tio­nen wie im pack­end-epis­chen Open­er “Let Them See Us” und dem verträumten “Death Rat­tle”. Das akku­rat groovende und vieschichtige “Wait For Me” sowie das mit betörend eingängigem Refrain aus­ges­tat­tete “The Autumn Red” sind weit­ere Höhep­unk­te der Track­list. Im Titel­stück wiederum über­rascht der Vier­er zwis­chen getra­ge­nen Pas­sagen mit Noise-Anlei­hen und wuchtig-ver­track­tem Gelärme.

    Ich hätt’s kaum bess­er aus­drück­en kön­nen.

    Hör­proben: Ein “offizielles Video” zu “See Hell” gibt es auf YouTube.com, Nutzer von TIDAL kön­nen das ganze Album strea­men. Für kurze Hör­proben indes mag Amazon.de genü­gen.

  11. Her Name Is Calla — A Wave of Endor­phins OST

    Kom­men wir nun zu etwas völ­lig Anderem.

    Die britis­che Aus­nah­me­for­ma­tion Her Name is Calla ist regelmäßi­gen Lesern seit eini­gen Jahren nicht mehr völ­lig unbekan­nt. Kann trau­rige Musik glück­lich machen? Nun, sie kann. Offen­sichtlich empfind­en ziem­lich viele Men­schen Ähn­lich­es, so dass die Band bis heute nicht nur Bestand hat, was ja heutzu­tage nicht mehr selb­stver­ständlich ist, son­dern in diesem Jahr oben­drein das Jubiläum zehn Jahren gemein­samen Musizierens bege­hen kann.

    Manche lassen solche Regelmäßigkeit­en unge­hört ver­stre­ichen, Her Name is Calla hauen auf die Kacke: Es gab eine Doku­men­ta­tion, drei Son­derkonz­erte, ein Album zur Doku­men­ta­tion und noch ein paar Dinge. Die Doku­men­ta­tion nen­nt sich tre­f­fend “A Wave of Endor­phins”, “Eine Welle von Endor­phi­nen” also, und das dazu passende Album nen­nt sich eben­so. Passt ja auch irgend­wie.

    Nicht, dass da nun irgendwelche Über­raschun­gen zu erwarten wären. Her Name is Calla machen ein­fach das, was ihre größte Stärke ist: Neun instru­men­tale Stücke zwis­chen etwas unter zweiein­halb und etwas über sechs Minuten. Viel Klavier, meist an Kam­mer­musik, manch­mal an die späten Talk Talk erin­nernde Ein­würfe von Bass, Stre­ich- oder anderen Instru­menten, manch­mal ein treiben­der Rhyth­mus mit Schlagzeug und Gitar­ren­klän­gen, aber nie, nicht ein­mal im abschließen­den und hier erstaunlich gut passenden Postrock-Aus­rufeze­ichen “The Hour Of The Gloam”, auch nur dem Ver­dacht nahe, jet­zt plöt­zlich ordinäre Rock­musik machen zu wollen. Das hier ist mehr.

    Habe ich da “instru­men­tal” geschrieben? Das stimmt ja eigentlich nicht; in “Trans­mute” zum Beispiel wird gesun­gen: Zu fast unsicheren gezupften Sait­en singt eine Frau — ver­mut­lich Sophie, ihres Zeichens Frontvi­o­lin­istin und Twit­terzuständi­ge des Quar­tetts — zer­brech­lich san­fte Worte, im fol­gen­den “Spar­ring Part­ner”, dem (trotz der merk­würdi­gen Stim­m­ef­fek­te im Refrain) besten Brit­pop-Lied, das mir ger­ade ein­fall­en möchte, darf ein­er ihrer drei Band­kol­le­gen sich als wesentlich besser­er Bri­an Molko ver­suchen. Der Text? Wen küm­mert der Text? “A Wave of Endor­phins” ist instru­men­tal, daran ändert keine Zeile Text etwas.

    Jet­zt, just in diesem Moment, läuft das Stück “I Chose Wrong” im Kopfhör­er und der Autor dieser Zeilen hat seit etwas mehr als zwei Minuten Gänse­haut und das drin­gende Ver­lan­gen zu reisen; nicht weg von diesem Album, son­dern mit diesem Album irgend­wo hin. Kurz meint man türkische Folk­lore zu hören, dann ver­schwindet dieser Augen­blick auch schon wieder und weicht ein­er selt­samen Bedächtigkeit. Vielle­icht ist “ver­tonte Augen­blicke” sowieso eine ziem­lich gute Beschrei­bung dieses Albums.

    Nach ger­ade ein­mal 35 Minuten — gefühlt nicht ein­mal zehn — ist die Welle, kaum dass sie mit “The Hour Of The Gloam” an Druck gewon­nen hat, schon wieder abgeebbt. Zeit, sich zu sam­meln. “A Wave of Endor­phins” ist ein her­vor­ra­gen­des Postrock­album, ein her­vor­ra­gen­des Schw­er­mu­tal­bum und ein her­vor­ra­gen­des Album, um drin­gend zu ver­reisen. Hal­tet also gepack­te Kof­fer bere­it.

    Hör­proben: Das ganze Album lässt sich — ihr ken­nt das — auf Bandcamp.com voll­ständig anhören.

  12. The Grand Asto­ria — The Mighty Few
    “I nev­er heard of you, and what the hell are you talkin’ ‘bout?” (Curse of the Ninth)

    Woran denkt ihr, wenn ihr den Band­na­men The Grand Asto­ria hört? An Luxu­sho­tels, das Vere­inigte Kön­i­gre­ich, vielle­icht auch Fußbal­lvere­ine oder Kabaret­tis­ten? Wie klingt wohl die dazu passende Musik?

    Nein, auf “The Mighty Few” ertö­nen keine Fußballchöre; die klin­gen bekan­ntlich nicht mal bei Pink Floyd fein. Da, wo The Grand Asto­ria herkom­men, ist der Fußball auch nicht unbe­d­ingt zu Hause: Der Gitar­rist, Monotro­n­ist (ein Korg Monotron scheint eine Art Syn­the­siz­er zu sein) und Sänger Kamille Shara­podi­nov ist anscheinend in St. Peters­burg zu Hause und diese Band ist sozusagen, trotz der hier immer­hin neun Mit­musik­er, sein Solo­pro­jekt. Wir befol­gen die alte Regel “keine Witze über Namen” und lassen nahe liegende Wort­spiele bei­seite, so bleibt mehr Zeit, uns auf die Musik zu konzen­tri­eren.

    Und die hat es in sich.

    Auf “The Mighty Few” — “die mächti­gen Weni­gen” — befind­en sich zwei Stücke von jew­eils über 20 Minuten Länge, zusam­men haben wir hier fast 50 Minuten Laufzeit. Das macht Hoff­nung. Und natür­lich ist das Darge­botene schw­er zu ver­gle­ichen, ich höre allein Rush, Soft Machine und Opeth eben­so wie The Mars Vol­ta. Die Band selb­st nen­nt neben The Mars Vol­ta auch Pink Floyd (also doch Fußballchöre!) als Ein­flüsse, aber “The Mighty Few” ist von der Schnar­chigkeit der let­zten gefühlt 32 Alben let­zt­ge­nan­nter Band erfreulich weit ent­fer­nt.

    Schon der Anfang lässt ein Pro­gres­sive-Met­al-Album erah­nen, aber die erwartete Explo­sion lässt auf sich warten: “Curse of the Ninth” begin­nt mit Jaz­zrock, gele­gentliche Bläsere­in­würfe lassen die Span­nung steigen, bis eine selt­sam blue­sige Ston­er-Rock-Ver­sion von Led Zep­pelin die Führung zu ergreifen scheint: “And if you trust me, baby…” Den exaltierten Gesang teilt sich Kamille Shara­podi­nov mit Dani­la Danilov, der seit Anfang 2014 immer mal wieder im Umfeld der Band aktiv ist und mal eines ihrer Alben pro­duziert, mal Flöte, Kazoo und/oder Gesang übern­immt. Eine solche Häu­figkeit an Pro­duk­tio­nen ken­nt man anson­sten eher von japanis­che Bands wie Acid Moth­ers Tem­ple und Boris (hierzu siehe oben). Mächtig, diese Weni­gen. — Nach sech­sein­halb Minuten ertönt erst asi­atis­che Folk­lore, dann ein Jaz­z­jam mit Rock­fun­da­ment. Ich bin ver­wun­dert, aber mag das. Der Gesang wird anschließend etwas zurück­geschraubt, etwas Hall; nach kurz­er Gesangspas­sage fol­gt ein sehr inter­es­san­ter Wech­sel aus RIO/Avant (mit Klavier- und Bläserek­stase) und dem Hardrock vom Anfang, abrupt unter­brochen durch ein boy­ban­desques A‑Cap­pel­la-Zwis­chen­spiel, bei dem nach und nach mehr Stim­men und elek­tro­n­is­che Effek­te ein­set­zen, bis das Stück schließlich in ein wahres Gewit­ter aus Jaz­zrock mit per­len­dem Klavier, psy­che­delis­chem Hardrock und dem Gesang vom Anfang aus­bricht. Dass Melodiefrag­mente über die gesamte Dauer des Stücks immer wieder aufge­grif­f­en wer­den, geht bei all den Wech­seln beina­he unter.

    “The Siege” geht direkt in die Vollen und begin­nt mit ein­er guten, bass­lasti­gen Por­tion instru­men­tal­en Hardrocks mit Gitar­ren­so­lo und Syn­the­siz­er­flir­ren, wech­selt aber recht bald zum Blues­rock; von da ist es dann auch nicht mehr weit zu, ah, da sind sie!, Pink Floyd und damit eigentlich auch dem Solow­erk von Steven Wil­son, das hier melodisch wie gesan­glich dur­chaus eine Ref­erenz sein kön­nte. “I trust my intu­ition / na na na hey / my intu­ition.” Gut, dass ich das auch getan habe. Gegen Ende dür­fen die Syn­the­siz­er nochmals zeigen, was sie kön­nen, ein wenig Space­rock zum Abschied qua­si. Das Stück wird lei­der etwas ein­fall­s­los aus­ge­blendet, wie auch ander­swo bere­its beklagt wurde. Mein­er Gesamtwer­tung kann’s egal sein.

    Seit dem Erscheinen von “The Mighty Few” im Mai dieses Jahres haben The Grand Asto­ria übri­gens bere­its eine neue EP und ein einzelnes neues Stück via Band­camp veröf­fentlicht. Ich weis­sage, von dieser Band werde man wohl noch manch Gutes zu hören bekom­men. Hof­fen wir das Beste.

    Hör­proben: Aber­mals ist Bandcamp.com eine her­vor­ra­gende Anlauf­stelle zum Hören und Kaufen.

  13. t — frag­men­tropy
    “So I take my revolver and put it in my mouth / to get used to it for the day I need it” (The Black of White)

    Nach der bedauer­licher­weise offen­sichtlich dauer­haften Tren­nung sein­er ehe­ma­li­gen Band Scythe veröf­fentlichte der schw­er­mütige Mul­ti­in­stru­men­tal­ist mit “frag­men­tropy” nun­mehr sein fün­ftes Stu­dioal­bum. Die “eclipsed” ver­gle­icht es mit Radio­head, aber jed­er weiß, dass Radio­head scheiße sind. Ver­suchen wir es also mal mit ein­er eige­nen Herange­hensweise.

    “Frag­men­tropy” ist ein Kof­fer­wort aus “Frag­ment” und “Entropie”, vielle­icht ist eine Zer­brechungsstreu­ung gemeint, aber was das nun wieder sein mag … — Thomas Thie­len alias t ist offen­sichtlich nicht nur ein Fre­und von Klein­buch­staben, son­dern schätzt auch Sprach­spiel­ereien. Dabei lässt er sich bisweilen viel Zeit bei der Ausar­beitung: Die Web­site zum Album behauptet, die Texte seien von 1994 bis 2015 ent­standen. Was lange währt, wird endlich gut. Und wie gut!

    Das Album ist in ins­ge­samt drei “Kapi­tel” aufgeteilt, die the­ma­tisch irgend­wie zusam­men­hän­gen. The­ma­tisch fröh­lich wirkt keines davon, aber man sollte ja auch mal innehal­ten; dies ungeachtet von grandiosen “Seit­en” in diesen Kapiteln wie zum Beispiel dem Dreizehn­minüter “Brand New Morn­ings” aus dem ersten Kapi­tel, das den Namen “Anisotrop­ic Dances”, “anisotrope Tänze” also, trägt und bere­its in den ersten zwei Minuten mod­erne Vari­anten des Can­ter­bury Style (Argos u.a.), Spock’s Beard, Gen­tle Giant und Zirkus­musik leicht­füßig aneinan­der­rei­ht.

    Was bei ein­er Ein­mannband, die sich selb­st begleit­et, nicht ger­ade leicht ist. Aber t hat sich pro­fes­sion­al­isiert, von dem doch recht com­put­er­isierten Klang manch­er Entwürfe ist hier nichts zu hören. Sind das etwa echte Instru­mente? Stile jeden­falls beherrscht er min­destens eben­so viele; Postrock­gi­tar­ren und ein­dringlich­es Flüstern zu Klavier­be­gleitung müssen einan­der eben nicht auss­chließen. Über­haupt ist “frag­men­tropy” mit “atmo­sphärisch” wohl ziem­lich tre­f­fend zu beschreiben. Viele Worte verder­ben den Brei.

    Dies vielle­icht noch:

    Spätestens seit seinem zweit­en Album scheint t auf ein­er Reise zu sein, auf ein­er Reise immer tiefer in eine ganz eigene Klang­welt. So entste­ht wohl aus ein­er Mis­chung von realen und pro­gram­mierten Instru­menten ein dicht­es Geflecht aus drama­tis­chen Pas­sagen, sin­fonis­chen Aus­brüchen, aggres­siv­en Erup­tio­nen und fil­igran-melan­cholis­chen Aus­flü­gen in düstere Gefilde. Flir­rende Gitar­ren- und Key­board-Klänge illu­minieren diese Klang­welt, die zwis­chen Dra­matik, Düster­n­is, Melan­cholie und Wucht munter oszil­liert. Ger­ade die lan­gen Stücke sind wie Ozeane, die mal bewegt, mal ruhig, mit ein­er unge­heuren Dynamik den Hör­er umspülen. Aufwüh­lend, mitreißend, beein­druck­end und erfül­lend ist diese Musik.

    Wie wahr.

    Hör­proben: Amazon.de hält halb­minütige Auss­chnitte vor­rätig, TIDAL-Nutzer kön­nen das Album kom­plett anhören.

  14. echolyn — I Heard You Lis­ten­ing
    “Soon the water will rise / and soon it car­ries them home” (Car­ried Home)

    “Ich hörte euch zuhören” — von wem, wenn nicht von echolyn, ist so ein Titel zu erwarten?

    Fan­gen wir aus­nahm­sweise ein­mal mit dem Unschö­nen an: “I Heard You Lis­ten­ing” ist nicht “mei”. Es ist höchst unwahrschein­lich, dass echolyn jemals ein noch besseres Album machen wer­den als “mei”, und das gilt auch für “I Heard You Lis­ten­ing”.

    So viel zur Kri­tik, der Rest ist näm­lich — wie so oft — ziem­lich klasse. Weite Streck­en des Albums sind typ­isch echolyn: Auf ihrem acht­en Stu­dioal­bum kom­biniert das Her­ren­quin­tett aus Philadel­phia erneut tas­ten­lasti­gen Retro­prog mit mod­er­nen Zutat­en, ohne sich dabei nur zu wieder­holen. Das wäre doch auch lang­weilig.

    “War­Jazz” zum Beispiel, Lied Num­mer 2, begin­nt wie eines der alten Klavier­rock­lieder von Elton John, wird dann aber schnell inter­es­san­ter: Ein hek­tis­ches Schlagzeug und ein kurz­er Key­board­tep­pich leit­en über in eine Art Hardrock­stro­phe mit flir­ren­der Gitarre und dem wie gewohnt über­ra­gen­den Gesang von Ray West­on, der Refrain wiederum kön­nte schon wieder von Elton John stam­men (und das ist an dieser Stelle nicht mal neg­a­tiv gemeint), wenn der Gesang nicht so klasse wäre. Was ist das? Es ist span­nend.

    Andere Stücke wie “Dif­fer­ent Days” kön­nten eben­so von Spock’s Beard stam­men, wäre da nicht die raf­finierte Dis­so­nanz im Refrain, was sich die meis­ten dieser Neo-Retro-Irgend­was-Bands ja heutzu­tage nicht mehr trauen. Früher war vieles bess­er, nur echolyn hal­ten ihr Niveau. “Once I Get Mine” ist gle­ich­sam eine durchge­drehte Vari­ante in ähn­lichem Stil, wenn auch näher an Bands wie Mr. Bun­gle und Primus als alles, was ich bis­lang mit echolyn ver­bun­den hätte.

    Keine Ruhe, keine Bal­laden. Neun Stücke, alle­samt zwis­chen fünf und zehn Minuten lang, verge­hen wie im Flug. Das let­zte Stück, “Van­ished Sun”, ist eben­so wenig ein Lück­en­füller wie der Rest des Albums und mit der sich beina­he über­schla­gen­den Stimme von Ray West­on und dem merk­würdi­gen Mitk­latschre­frain so ein­ma­lig wie ein­prägsam. Es gehörte schon immer zu den Stärken dieser Band, kom­plexe “Pop­musik” zu machen, ohne einen einzi­gen Takt mit tat­säch­lich­er Pop­musik zu ver­schwen­den. Ohrwürmer? Aber selb­stver­ständlich! Gute Laune? Aber hal­lo!

    Hör­proben: Ach, warum nicht mal wieder Bandcamp.com (Kom­plettstream)?

  15. Herr Geisha & The Boobs — Book of Muta­tions

    Hehe­he. Boobs. Das Beste zum Schluss, wie ihr seht.

    Herr Geisha & The Boobs, beste­hend aus den drei Musik­ern Sir Bot­tom, Lady Body und natür­lich dem Gitar­ris­ten und Sänger Herr Geisha, stam­men trotz des Namens aus Lyon, Frankre­ich, und haben seit 2012 bis­lang jedes Jahr ein Album veröf­fentlicht. Das nun­mehr vierte Album “Book of Muta­tions” klingt trotz­dem kein biss­chen müde. Es han­dele sich, so wird der Hör­er instru­iert, trotz der Aufteilung in neun “Titel” (wobei “Chap­ter VIIII” eigentlich “Chap­ter IX” heißen müsste, ander­er­seits kön­nte das Absicht sein) um ein einzelnes Stück, das man doch bitteschön voll­ständig und LAUT hören möge (Großbuch­staben wie in der Quelle). Wird gemacht.

    Homogen ist das “Buch der Muta­tio­nen” keines­falls; von zwei “Kapiteln” (“Chap­ter II” und “Chap­ter VII”), die im Postrock und/oder ‑met­al anzusiedeln sind, wobei beson­ders “Chap­ter VII” an die guten, alten, sehr ver­mis­sten Aere­ogramme erin­nert, abge­se­hen hört der Schreiber dieser Zeilen hier eine bunte Mis­chung aus den exper­i­mentelleren Pro­jek­ten von Mike Pat­ton (Fan­tô­mas), Frank Zap­pa, Grunge, Math­rock, RIO/Avant und nicht zulet­zt Nois­e­rock. Das liest sich anstren­gen­der als es klingt.

    Zumal kein falsch­er Ein­druck ver­mit­telt wer­den soll. Das “Kapi­tel 1” greift nach einem selt­samen Beginn (es ertönt etwas, das wohl Glock­en nachah­men soll) schon frontal an: Ein krumm­tak­tiges Gitar­ren­fun­da­ment begleit­et Her­rn Geishas Punkgeschrei. Avant­garde-Punk? Schön­klang jeden­falls ist feige. Das beina­he vierzehn­minütige, über­wiegend instru­men­tale “Kapi­tel 2” legt noch eine Schippe hin­sichtlich der Härte drauf. Wer schon immer mal wis­sen wollte, wie es klin­gen würde, wenn eine Band wie Sys­tem of a Down eine Band wie Mog­wai cov­ern würde, der bekommt hier vielle­icht einen ersten Ein­druck.

    Ach, Schön­klang. “Kapi­tel 6” kommt diesem Wort vielle­icht noch am näch­sten, wenn man auch The Vel­vet Under­grounds “Sun­day Morn­ing” als Schön­klang beze­ich­nen würde. Allerd­ings ist dieser Spuk nach nicht ein­mal zwei Minuten wieder vorüber und es wird wieder gebret­tert. Her­rlich.

    Das “Book of Muta­tions” ist ein weit­er­er Anlass, dem Wort “Genre” grund­sät­zlich zu mis­strauen. Pro­gres­sive Punka­vant­met­al klingt ja auch wirk­lich däm­lich. Was wir hier haben, ist trotz gle­ich­bleiben­der Menge an “Zutat­en” ein höchst kreatives, anre­gen­des Gericht. Lasst es euch schmeck­en.

    Hör­proben: Band­camp hat Stream und Kauf.

1b. Schnell emp­fohlen

  • Demon Head — Ride the Wilder­ness

    Dro­gen­schwanger geht es bei Demon Head zu, ein­er dänis­chen Kapelle, die drüben auf dem Blog mit dem schö­nen Namen 33rpmPVC schon mal The­ma war. Dort heißt’s:

    Doom Met­al mit einem guten Schuß Psy­che­delia.

    Ich erhebe zaghaft eine mein­er Hände zum Ein­wand, dass hier der Doom Met­al — was soll das eigentlich sein? — eher durch Abwe­sen­heit auf­fällt, was aber auch nicht unbe­d­ingt schlecht ist. Ein­ver­ständ­nis allerd­ings äußere ich hier mit den Psy­che­delia, denn hier wird tat­säch­lich der Ston­er-Rock (wie üblich mit Beto­nung auf “Ston­er”) zele­bri­ert.

    Wobei ich mich frage, ob das noch Rock ist, immer­hin spricht die Ver­spieltheit eine andere Sprache. Mag ja sein, dass Demon Head gemein­hin als Met­al­band geführt wer­den, wen­ngle­ich sie selb­st sich unter “Heavy Rock” ein­sortieren. Gen­repampe. Es gibt ein paar her­vor­ra­gende Soli, die ich mir so auch von ein­er guten Hard-Rock-Band wün­schen würde, und dann aber gibt es auch Momente wie das vor­let­zte Stück “The Great­est Lie”, das von Ston­er-/Krautrock allmäh­lich doch in etwas überge­ht, dem unsere­ins das Met­al­sein nur schw­er­lich absprechen kön­nen möchte.

    Ein Adjek­tiv gefäl­lig? Erfrischend. Ja, doch — ein sehr schön erfrischen­des Album. Auch jet­zt, lange nach der schreck­lichen Hitzewelle.

    Hör­proben: Man höre auf Bandcamp.com hinein.

  • Ikarus — Echo

    Den Namen Ikarus verbindet der geneigte Musik­fre­und vielle­icht mit einem geflügel­ten Jüngling aus den griechis­chen Sagen des Alter­tums, vielle­icht auch mit der Ham­burg­er Krautrock­band dieses Namens, die in den frühen 1970-er Jahren ein biss­chen vor sich hinex­istierte und irgend­wann damit aufhörte.

    2015 allerd­ings fan­den sich in Zürich (Schweiz) wiederum andere Musik­er unter dem Namen Ikarus zusam­men und veröf­fentlicht­en mit “Echo” ihr Debü­tal­bum. Gen­res? Ach, Gen­res. Min­i­mal­jazz, nehme ich an, um nicht ulkige Satzver­brechen wie “Prog-Jazz-Groove-Quin­tett” (cf. Mock The Bird) kopieren zu müssen. Ja, fünf sind’s an der Zahl, und jed­er von ihnen hat eine Auf­gabe. Gele­gentlich erin­nere ich mich beim Hören an Utopi­anisti, obwohl’s weniger rockt.

    “Echo” ist trotz seines Namens weit­ge­hend als Instru­men­ta­lal­bum zu betra­cht­en, das Vokalis­ten­duo aus Ste­fanie Suh­n­er und Andreas Larei­da trägt eher Laut­malerei als Gesang bei; zwei Stim­men also als weit­eres Instru­ment, als sound­scapes eben, a‑cappella beziehungsweise indi­an­is­chen Gesän­gen nicht unähn­lich. Schwel­gerisch wäre hier vielle­icht ein ange­bracht­es Adjek­tiv, selb­st während der kurzen Aus­flüge in den Freifor­m­jazz (etwa in “Saku­ra”) bleibt alles im Fluss. Ref­eren­zen zum Band­na­men, naja, vielle­icht fliegen die Stim­men so hoch oder so. Zum Glück aber ver­bren­nen sie nicht und möglicher­weise tut ein Ver­gle­ich mit Värt­tinä und Iki nie­man­dem ein Unrecht an. Ziem­lich zauber­haft, das Ganze.

    Hör­proben: YouTube. Erneut YouTube. Schließlich Amazon.de.

  • Late Night Ven­ture — Tycho­ni­ans

    Die diesjährige Dosis Postrock machen Late Night Ven­ture kom­plett.

    Das tychonis­che Welt­sys­tem wurde im 16. Jahrhun­dert von dem dänis­chen Math­e­matik­er Tycho Bra­he erson­nen und besagte, dass die Erde im Mit­telpunkt des Uni­ver­sums ste­he und alle anderen Plan­eten um die Sonne kreis­ten. Aus heutiger Sicht ist das zumin­d­est weniger blöd als manch andere Erk­lärungsan­sätze.

    Inwiefern das eine Grund­lage für das Album “Tycho­ni­ans” ist, ist beina­he ohne Texte schw­er auszu­machen. Fest ste­ht, dass die fünf Musik­er von Late Night Ven­ture eben­falls aus Däne­mark stam­men und sich offen­bar bevorzugt mit Astrolo­gie beschäfti­gen; das Vorgänger­al­bum zum Beispiel trug den Titel “Pio­neers of Space­flight”, das erste Stück auf “Tycho­ni­ans” begin­nt zudem mit etwas, das ich als die Abflug­geräusche eines Raum­schiffs inter­pretieren würde.

    Die Band mis­cht das alte Laut-Leise-Spiel mit aller­lei Doom‑, Space­rock- und Psy­che­del­ic-Zutat­en, sie bleibt dabei über­wiegend in instru­men­tal­en Gefilden. Einzig in “Moon Shone on White Rock” find­et sich ein wenig verz­er­rter Gesang. Das Inter­net zieht Ver­gle­iche mit Anath­e­ma und (mehrfach) Long Dis­tance Call­ing, ich finde solche Ver­gle­iche eher albern, obwohl ich Long Dis­tance Call­ing hier streck­en­weise auch selb­st wiederfinde.

    Ein Rezensent auf Amazon.de merkt an, “Tycho­ni­ans” mache Spaß. Ich behaupte: Das stimmt.

    Hör­proben: Neben den Schnipseln auf Amazon.de gibt es einen Kom­plettstream auf Bandcamp.com.

1c. Live und umson­st

  • Umphrey’s McGee — The Lon­don Ses­sion

    Wer ein Album “The Lon­don Ses­sion” nen­nt, der weckt damit zumin­d­est Assozi­a­tio­nen an viele gute und weniger gute Liveal­ben ver­gan­gener Epochen. Umphrey’s McGee mein­ten das aber noch iro­nis­ch­er als es scheint, als sie im Juni 2014, über vier Jahrzehnte nach den Bea­t­les, in den Abbey-Road-Stu­dios (denen mit dem Zebras­treifen) in dem Raum — ange­blich sog­ar in der­sel­ben Ecke -, in dem von 1962 bis 1970 eben­jene Pop­musik­gruppe ihre Alben ein­spielte, einige ihrer Stücke neu auf­nahm.

    Zwar ist mit “Bad Fri­day” auch ein gän­zlich neues Stück auf dem Album zu hören, aber eigentlich geht es ja um völ­lig andere Dinge. Die Band aus Chica­go macht dafür, dass sie aus den musikalisch son­st eher lang­weili­gen USA kommt, erfreulich spaßige Musik zwis­chen allen musikalis­chen Stühlen und weiß diese auch auf “The Lon­don Ses­sion” angemessen in Szene zu set­zen. Anders gesagt:

    Langzeit­be­wun­der­er von Umphrey’s McGee soll­ten mit diesem Album weit­ere Bewun­derung und Wertschätzung für Wag­nis und Entschlossen­heit der Band entwick­eln. (…) Umphrey’s McGee fahren damit fort, das zu tun, was sie immer schon am besten kon­nten — näm­lich, jed­er Beschrei­bung auszuwe­ichen und jeden Ver­such, sie in eine Schublade zu steck­en, in eine Übung in rein­er Zweck­losigkeit zu ver­wan­deln. Wenige andere For­ma­tio­nen kön­nen von sich behaupten, Ambi­tion, Mehrdeutigkeit und Integrität in ein­er solch aus­geglich­enen Weise zu bieten.

    (Grausame Über­set­zung von mir.)

    Dass mit “I Want You (She’s So Heavy)” auch ein von Umphrey’s McGee seit Jahren live gespieltes Lied der Bea­t­les, überdies von deren Album “Abbey Road” (dem mit dem Zebras­treifen) stam­mend, seinen Weg auf “The Lon­don Ses­sion” gefun­den hat, ist da eigentlich nur noch das Sah­ne­häubchen dieser Veröf­fentlichung.

    Hör­proben: Man höre auf Amazon.de oder TIDAL hinein.

  • Guilty Ghosts — The Wit­ness

    2015 war hin­sichtlich der “Name your price”-Alben erschreck­end ent­täuschend. Haben inzwis­chen alle Musik­er ihren Geschäftssinn ent­deckt?

    Nein, auf eines ist Ver­lass, auf die Guilty Ghosts näm­lich, die als Solo­pro­jekt von Tris­tan O’Donnell gar nicht so viele sind, wie man glauben kön­nte. Mit “The Wit­ness” — “Der Zeuge” — erschien im Juni nach über zwei Jahren Pause ein neues Album des Her­rn, dies­mal auss­chließlich in dig­i­taler Dar­re­ichungs­form, aber auch weit­er­hin nicht an einen fes­ten Preis gebun­den.

    Ist das denn schon ein Album? Die Laufzeit beträgt nicht ein­mal 23 Minuten. Ich bin geneigt, von einem “Minial­bum” zu sprechen. Und andere Leute sind schon über­fordert, wenn es um Lap­palien wie “Gen­res” geht!

    Die stilis­tis­che Zuord­nung ist bei Guilty Ghosts indes wie gewohnt nicht schw­er zu errat­en. Weite Klang­land­schaften bre­it­en sich im Kopf aus und erre­ichen von dort jeden Ort im Kör­p­er des Hör­ers, der ihnen Zutritt gewährt. (Ergibt das über­haupt Sinn? Und ist das wichtig?) Ich höre fein­ste Instru­men­talme­lan­cholie, eine träumerische Rem­i­neszenz an Long Dis­tance Call­ing und hier und da auch Bal­ladesques. Dass manche Kli­max durch’s gele­gentliche Ein- und Aus­blenden nicht zum Zug kommt: Geschenkt! Wenig empfehlenswert ist das hier Gehörte trotz­dem noch lange nicht, son­st stünde es nicht hier.

    Wahr bleibt auch die Selb­st­beschrei­bung des Musik­ers: “Songs fit for rainy days, ever­last­ing evenings, and melan­choly moments in soli­tude.” Holt es euch auf Bandcamp.com oder via eMule, vergesst die anderen Alben des Her­rn O’Donnell nicht und schaut mal in den Wolken vor­bei. Es ist wirk­lich angenehm dort.

2. Schrot­twich­tel des Jahres

Es soll ja nie­mand behaupten, ich wäre plöt­zlich allzu beliebig gewor­den, weil bis­lang erschreck­end wenig furcht­bar Schräges aufge­führt war. Auch ein erweit­ert­er Hor­i­zont ken­nt Gren­zen. Beispiele gefäl­lig? 2015 war da dur­chaus nicht geizig:

  • Pan­da Bear — Pan­da Bear Meets The Grim Reaper: Wed­er flauschig-pelzig noch grim­mig. Wenn ich ein Pan­da wäre, würde ich die Pro­duzen­ten dieses Lang­weil­ers wegen Ruf­mords verk­la­gen wollen.
  • Katzen­jam­mer — Rock­land: Zu viele Ideen auf zu wenig Platz. “Oh, sweet lord.”
  • Moll­maskin — Heart­break In ((Stereo)): Herzzer­reißen­des, lahmes Gek­limper.
  • Pro­goc­to­pus — Tran­scen­dence EP: Ein Album, das klingt, als hätte jemand ein gutes Pro­gres­sive-Rock-Album in Fet­zen geschnit­ten und dann halb­herzig mit irgen­deinem Fünf-Euro-Pro­gramm wieder zusam­mengewür­felt. Jane Gillards guter Gesang wirkt lei­der völ­lig ver­loren. So wird das nichts.
  • Por­ti­co — Liv­ing Fields: Von beza­ubern­dem Jazz auf früheren Alben zu ein­schläfer­n­dem Elek­tropop auf diesem Erzeug­nis. So schnell kann’s gehen mit dem Fall.
  • Shin­ing — Inter­na­tion­al Black­jazz Soci­ety: Wie die x’te Neuau­flage der “Tubu­lar Bells”, so ist auch die “Inter­na­tion­al Black­jazz Soci­ety” ein blut- und ideen­armer Ver­such, aus dem Namen eines wirk­lich guten Albums noch etwas Prof­it zu gewin­nen. Oder ist Black­jazz doch das “Genre”? Wenn ja: wann und warum hat dieses Genre aufge­hört, span­nend zu sein?

3. Neun­zig Jahre Hor­rorschau

Wie üblich möge eine Rückschau auf die let­zten Jahrzehnte Musikgeschichte diesen Text beschließen; dies­mal beginne ich mit einem ganz beson­deren Jubiläum:

  • Vor 90 Jahren:
    Gid Tan­ner — Boll wee­vil blues

    1925, mit­ten in der Weimar­er Repub­lik, war kein beson­ders gutes Jahr für Deutsch­land. Friedrich Ebert, Vor­sitzen­der der bere­its damals kriegs­fre­undlich eingestell­ten und auch vor Mord am poli­tis­chen Geg­n­er — sein­erzeit Rosa Lux­em­burg und Karl Liebknecht — nicht zurückschreck­enden SPD war bis Ende Feb­ru­ar 1925 Reich­spräsi­dent des merk­lich von der Poli­tik der SPD geze­ich­neten Lan­des, ein öster­re­ichis­ch­er Kün­stler und Kriegsvet­er­an pub­lizierte der­weil den ersten Band ein­er ziem­lich lang­weili­gen Geschichte namens “Mein Kampf”, der 2015 wieder erhöhte Aufmerk­samkeit, dies­mal aus Urhe­ber­rechts­grün­den, zuteil wurde. Auch musikalisch gab es nicht viel, worüber man sich freuen kon­nte, und vieles ist mit­tler­weile zu Recht vergessen wor­den. In Geor­gia (USA) allerd­ings machte das Duo aus dem Fid­dler Gid Tan­ner und dem blind­en Gitar­ris­ten Riley Puck­ett von sich reden, das für die dama­lige Zeit einiger­maßen mod­erne Folk­musik spielte und für die Plat­ten­fir­ma Colum­bia bere­its manche Schallplat­te aufgenom­men hat­te. Der Bitte Columbias, eine String­band zu grün­den, kamen bei­de bald nach; Gid Tanner’s Skil­let Lick­ers erwar­ben einen solch guten Ruf, dass seine Enkel und Urenkel noch heute unter dem Namen Skil­let Lick­ers mit etwas, was wohl mit­tler­weile “Old-Time-Musik” heißt, auf Fes­ti­vals auftreten. Das sollen die Rolling Stones erst mal hin­bekom­men.

  • Vor 40 Jahren:
    Van der Graaf Gen­er­a­tor — God­bluff

    1975 sah die Welt schon viel bess­er und friedlich­er aus: Der spanis­che Dik­ta­tor Fran­co starb und der erbärm­liche Viet­namkrieg endete mit viel zu wenig toten Sol­dat­en und viel zu viel Leid. Es war also ein ide­ales Jahr für etwas Beschaulichkeit. Dave Greenslade trug zu dieser Beschaulichkeit zum vor­erst let­zten Mal mit Greenslades Album “Time and Tide” bei, auf dem aber­mals sehr empfehlenswert­er Pro­gres­sive Folk gespielt wurde. Lou Reed ver­suchte der­weil seinen Plat­ten­ver­trag loszuw­er­den, der nach seinem bis heute in sein­er Heimat erfol­gre­ich­sten Album “Sal­ly Can’t Dance” von 1974 die ungeliebte Erwartung­shal­tung von Pub­likum und Finanziers vervielfacht haben dürfte: “Met­al Machine Music” wurde ein gewaltiger Koloss aus Gitar­ren­lärm, der kom­merziell der gewün­schte Rein­fall wurde, kün­st­lerisch allerd­ings ein langes Nach­spiel hat­te, das schließlich erst 2002 in ein­er Neuin­ter­pre­ta­tion zusam­men mit dem deutschen Ensem­ble Zeitkratzer, dann 2008 in der Grün­dung des bis zu seinem Tod im Jahr 2013 beste­hen­den Met­al Machine Trios seinen Abschluss fand. Einen weit­eren Neuan­fang wagte 1975 die zuvor vorüberge­hend aufgelöste Pro­gres­sive-Rock-Band Van der Graaf Gen­er­a­tor, deren Mit­glieder ohne­hin für ver­schiedene Soloak­tiv­itäten zusam­mengear­beit­et hat­ten, und veröf­fentlichte vier Jahre nach “Pawn Hearts” das bis heute als eines ihrer besten bew­ertete “Comeback”-Album “God­bluff”, das mit nur vier Stück­en, darunter das grandiose “The Sleep­walk­ers”, den Auf­takt zu ein­er in schneller Folge veröf­fentlicht­en Rei­he von her­vor­ra­gen­den Werken führte. 1978 zer­fiel die Band nach eini­gen Umbe­set­zun­gen wieder und fand sich erst 2005 wieder zusam­men; eigentlich wäre (“ALT” ist von 2012) ja auch mal wieder ein neues Album fäl­lig. Warten wir es ab.

  • Vor 30 Jahren:
    Mar­il­lion — Mis­placed Child­hood

    Viel bess­er abwarten — nicht nur in musikalis­ch­er Hin­sicht — hätte man die 1980-er Jahre gekon­nt. Zwar gab sich 1985 mit der Großver­anstal­tung “Live Aid” men­schen­fre­undlich, gle­ichzeit­ig aber wurde dieses Jahr zum “Jahr der Vere­in­ten Natio­nen” erk­lärt. Die Vere­in­ten Natio­nen sind nun nicht für eine beson­dere Fried­fer­tigkeit bekan­nt, immer­hin unter­hal­ten sie sog­ar eine eigene Armee. Dazu passt eigentlich der Titel des in diesem Jahr erschiene­nen Albums der Gruppe Dire Straits, näm­lich “Broth­ers in Arms”, also “Waf­fen­brüder”, eben­so gut wie das anscheinend komisch gemeinte “Geld oder Leben!” der öster­re­ichis­chen Pop­band Erste All­ge­meine Verun­sicherung, wobei bei Din­gen, die die Vere­in­ten Natio­nen betrafen, oft weniger Geld als Leben floss. Mit­ten in diese wirre Zeit wurde der Autor dieser Zeilen in eine deplatzierte Kind­heit hinein geboren, und auch Mar­il­lions 1985 veröf­fentlicht­es “Mis­placed Child­hood” wirk­te mit dem Radio­hit “Kayleigh” ein­er­seits und Stück­en wie “Laven­der” ander­er­seits zer­ris­sen zwis­chen Gefäl­ligkeit und Anspruch. Der Abschied vom kühlen, tech­nis­chen Stil der Vorgänger­al­ben jeden­falls läutete auch den allmäh­lichen Abschied vom ange­blich zuse­hends mehr von sich ein­genomme­nen Sänger Fish ein; nach einem weit­eren Album ver­ließ er die Band nur kurze Zeit später, seine ehe­ma­lige Band macht bis zum heuti­gen Tage mit dem damals neuen Sänger Steve Hog­a­rth und einem zuse­hends mehr am Artrock als an Gen­e­sis ori­en­tierten Stil weit­er. Manch­mal will auch die Musik mit der Zeit gehen.

  • Vor 20 Jahren:
    Neu! — Neu! 4

    Was fällt euch ein, wenn ihr “1995” lest? Richtig: 50 Jahre Kapit­u­la­tion der deutschen Wehrma­cht, 5 Jahre deutsche Ein­heit und nicht zulet­zt der Siegeszug eines zu diesem Zeit­punkt schon vierzehn Jahre alten Liedes, näm­lich “Start Me Up” von den Rolling Stones. Win­dows 95 brauchte eine ein­prägsame Hymne, und was lag da näher als ein ver­meintlich­es Lied über den sein­erzeit neuen “Start­knopf”? Die Rolling Stones waren allerd­ings selb­st längst weit­erge­zo­gen, im Novem­ber 1995 erschien mit “Stripped” eine Art Stu­dio-Live-Album ohne eigenes neues Mate­r­i­al; auf das näch­ste “voll­ständi­ge” Stu­dioal­bum “Bridges to Baby­lon” musste das geneigte Pub­likum noch bis 1997 warten. Es war ein vielfältiges Jahr, in das auch Purs erstes Num­mer-1-Album “Aben­teuer­land” gut hinein­passte. Pop und Radiorock, wohin man zunächst blick­te. Aber was, wenn man einen zweit­en Blick wagte? Vielle­icht hat man dann das selb­st­betitelte Debü­tal­bum der schwedis­chen Pro­gres­sive-Rock-Band Rit­u­al ent­deckt, die bere­its auf ihm einen eigen­ständi­gen Stil zwis­chen Folk, AOR und Hardrock gezeigt hat­ten, den sie in den kom­menden Jahren immer weit­er zu einem beein­druck­enden Folkrock weit­er­en­twick­eln soll­ten. In Deutsch­land bäumte sich der­weil ein let­ztes Mal der Krautrock auf: Die von Con­ny Plank, der mit­tler­weile ver­stor­ben war, in den Jahren 1985 und 1986 pro­duzierten let­zten, allerd­ings unvol­len­de­ten Auf­nah­men des Düs­sel­dor­fer Duos Neu! wur­den nach der stre­itbe­d­ingten Tren­nung der bei­den Musik­er Klaus Dinger und Michael Rother erst nach neun Jahren zur Veröf­fentlichung als “Neu! 4” freigegeben. Dass sich selb­st die nicht auf kom­merziellen Erfolg bedachte Band Neu! hier mit aller­lei Elek­tron­ik an den schlim­men “musikalis­chen” Zeit­geist des Jahrzehnts anzu­passen ver­suchte, ist dank der anson­sten weit­er­hin exper­i­mentellen Spiel­weise beina­he unauf­fäl­lig geblieben. Nichts­destotrotz erschien 2010 eine über­ar­beit­ete Neuau­flage unter dem Namen “Neu! ‘86”. Mit weit­eren Auf­nah­men ist nach dem Tod Klaus Dingers aber lei­der nicht mehr zu rech­nen.

  • Vor 10 Jahren:
    Nil — Nil Novo Sub Sole

    Zehn Jahre ist es nun her, dass ich anf­ing, mehr oder weniger regelmäßig richtige Texte ins Web reinzuschreiben. Gle­ichzeit­ig erbebte die deutschsprachige Musik­welt allerd­ings aus ganz anderen Grün­den, näm­lich auf­grund des Albums “Schrei” der absur­den Com­bo Tokio Hotel, über die allzu kindis­che Witze zu machen selb­st mir damals nicht zu unpassend erschien. Wer allerd­ings damals schon nicht viel Wert auf die Beschäf­ti­gung mit solch belan­glosem Quark gelegt hat­te, der ist zu benei­den, denn er hat­te um so mehr Zeit für wirk­lich gute Lieder. …And You Will Know Us by the Trail of Dead zum Beispiel ließen den poten­ziellen Käufern viel Zeit für Vor­freude, indem die Veröf­fentlichung ihres Albums “Worlds Apart” von 2004 auf 2005 ver­schoben wurde, damit die Verkauf­szahlen sich nicht an denen von Eminem und Destiny’s Child (ein­er anständi­gen Plat­ten­fir­ma ist kein Ver­gle­ich zu doof) messen lassen mussten. Nichts Neues also unter der Sonne? Dies jeden­falls behauptete das franzö­sis­che Sym­phon­ic-Prog-Quin­tett Nil, dessen Album “Nil Novo Sub Sole” seit dem Jahr 2005 eben­falls erhältlich ist, allerd­ings unter offen­sichtlich anderen Voraus­set­zun­gen, denn Zugeständ­nisse sind hier nicht erkennbar. Den großen Fehler viel­er ander­er Musik­grup­pen, die englis­che Sprache zu der eige­nen zu machen, wieder­holen Nil nicht, hier ist und bleibt alles auf Franzö­sisch, das ich zwar nicht ver­ste­he, das aber authen­tisch und nah wirkt. Umgeben von ein­er atmo­sphärisch dicht­en Wolke aus teils psy­che­delis­chem, teils verzwirbelt-hartem Pro­gres­sive Rock, der mal an King Crim­son erin­nert, meist aber eine ganz eigene Note trägt, schwebt Sän­gerin Rose­lyne Ben­thet gle­ich­sam über den Din­gen und verur­sacht ganz neben­bei selb­st bei den ungän­sig­sten Hör­ern eine Gänse­haut, die man eigentlich gern eine Weile behal­ten würde. Manche Alben fühlen sich ein­fach richtig an; dies ist eins davon.

Was wohl noch kom­men mag? Wer weiß! Sebkha-Chott allerd­ings haben zum Jahreswech­sel ihre Auflö­sung angekündigt. 2016 soll ein let­ztes Album erscheinen. Da bleibt zumin­d­est etwas, worauf wir uns noch ein­mal freuen kön­nen.

Bis zum näch­sten Mal!

Jahresrückblick

Musik 12/2014 – Favoriten und Analyse Musik 06/2016 — Favoriten und Analyse
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Senfecke:

  1. Hi Sven,
    ich bin Petra von Pais­ley Tree und wollte mich im Namen der Band für Deinen schö­nen Review bedanken.
    Wir haben ihn auf unsere face­book Seite gestellt –> https://www.facebook.com/Paisleytreeband/?ref=settings
    Liebe Grüße, Petra

    P.S. Die Zweittstimme habe ich selb­st gesun­gen :-)
    Dem­nächst kommt noch eine Sin­gle in Koop­er­a­tion mit Space Debris. Vielle­icht hast Du ja Lust, auch die zu “reviewen”.
    Dann gib mir ein­fach per E‑Mail Bescheid. http://green-brain-krautrock.de/32cf191a5b396b39b03506d58647ad56,german,SPACE-DEBRIS-PAISLEY-TREE-New-Rag-Spiral-Cage-7-inch-Split-single-Green_23179.html

    • Hey­ho, magis­che Petra,

      so als Face­book­mei­der (jet­zt werft doch nicht so exten­siv mit Dat­en aus meinem Impres­sum um euch, wenn ich hier schon unter Pseu­do­nym par­liere, Men­sch) hab’ ich mich schon gewun­dert, woher die vie­len Zugriffe kom­men. Schön, wenn es euch gefällt. (Aber die vier Alben darüber ein­fach ignori­eren? Dz, dz! So war das ja nicht gedacht.)

      Von Sin­gles halte ich aus wirtschaftlichen Grün­den nicht viel, aber ich hab’ euch im Auge. ;)

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