KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2014 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 14 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

2015? Da war doch was? Mir war, als hät­te ich etwas ver­ges­sen. Nein, ver­ges­sen wohl nicht, aber es gibt tat­säch­lich noch etwas aus dem Vor­jahr zu ver­mel­den, näm­lich den zwei­ten Teil der Liste der wun­der­voll­sten Musik­al­ben von 2014. Auch, wenn dies­mal nicht noch in letz­ter Minu­te neue Alben dazu­ge­kom­men sind, da ich mir genug Zeit genom­men hat­te, erhebt natür­lich auch die­se Liste nicht den Anspruch auf Voll­stän­dig­keit; schon weil mit Bent Knees Debüt­al­bum ein fre­ne­tisch gefei­er­tes Album fehlt, was nicht dar­an läge, dass es schlecht ist (es ist gut), son­dern schlicht dar­an, dass die Band stu­dio­sei­tig weit unter ihren Mög­lich­kei­ten agiert. Eine Kon­zert-DVD wäre willkommen.

Drau­ßen blei­ben muss­ten über­dies Hei­no („Schwarz blüht der Enzi­an“) und Unhei­lig aus Qua­li­täts­grün­den, im Gegen­zug ver­zich­te­te ich auf die Mehr­fach­nen­nung der bereits anders­wo von mir gewür­dig­ten neu­en Alben von Boris, Mar­gin und den Fan­ta­sti­schen Vie­ren. Das ziem­lich gute „Good­ni­ght Civi­liz­a­ti­on“ von Zu muss lei­der eben­falls feh­len – als EP gelingt ihm das Hin­ein­mo­geln in die­se Liste dies­mal nicht.

Nichts­de­sto­we­ni­ger schlie­ße ich nicht aus, auch schlicht etwas ver­ges­sen zu haben. Euch fehlt ein rele­van­tes Album? Kommentiert’s hier gern unten drunter!

Auf die Plät­ze, fertig, …

1. Los!

  1. Cos­mo­graf – Capacitor
    „When I go through this door / I can’t take any more“ (The Reaper’s Song)

    Den Anfang macht bedroh­li­ches Grol­len. Cos­mo­graf – das sind kei­ne Nor­man­nen – las­sen sich Zeit.

    Der nach Spa­ce­rock klin­gen­de Band­na­me ist kein Zufall, aber Mul­ti­in­stru­men­ta­list Robin Arm­strong hat für das aktu­el­le Album sei­nes Solo­pro­jekts Cos­mo­graf neben sei­nen bewähr­ten Weg­ge­fähr­ten Nick D’Vir­gi­lio (Schlag­zeug, sonst bei Big Big Train und zuvor auch Spock’s Beard) und Ste­ve Dunn (Bass, Also Eden) auch Unter­stüt­zung von Colin Edwin (Bass, Por­cu­p­i­ne Tree), Nick Beggs (Bass, Ste­ven Wil­son und Life­signs) sowie Matt Ste­vens (Gitar­re, The Fier­ce And The Dead) erhal­ten; zudem ist Andy Til­li­son (The Tan­gent, Par­al­lel or 90 Degrees) in „The Dro­ver“ an den Key­boards zu hören; die­ses Per­so­nal wirkt sich natür­lich dar­auf aus, wohin die musi­ka­li­sche Rei­se geht.

    Laut Eigen­be­schrei­bung der Band ist sie „ver­wur­zelt im Clas­sic Rock der 1970er mit einem zeit­ge­mä­ßen und pro­gres­si­ven twist, jedoch ist auch hier nicht vom aber­dut­zend­sten Gene­sis-Klon aus­zu­ge­hen, dafür ist es dann doch zu modern. Viel­mehr deu­tet alles in Rich­tung der eher elek­tro­ni­schen Sei­te des New Art­rocks. Por­cu­p­i­ne Tree und Spock’s Beard klin­gen stets mit.

    Apro­pos Gene­sis: Vor Phil-Col­lins-Gesang muss man sich hier nicht fürch­ten, viel­mehr über­wiegt das gespro­che­ne Wort; auch dann, wenn ein Stück einen Titel wie „The Reaper’s Song“ trägt, des­sen lyrics neben­bei das gute alte „I Am The Wal­rus“ der Beat­les (Wai­t­ing for the train to come) in Erin­ne­rung rufen. Von wegen Unhei­lig – der Cos­mo­graf ist besser.

    Damit wäre die Mess­lat­te für Wort­spie­le im Übri­gen dann auch mal gesetzt.

    Hör­pro­ben: Per Bandcamp.com gibt’s Stream und Kauf­down­load, eine CD- oder Vinyl­ver­si­on indes scheint momen­tan nicht zu existieren.

  2. CHROMB! – „II“

    CHROMB! Gesund­heit! Fran­zo­sen, natür­lich. Das Wort scheint nur als Eigen­na­me zu exi­stie­ren und ist damit erfreu­li­cher­wei­se unüber­setz­bar. CHROMB! haben sich bereits Aben­de mit Bands wie James Chan­ce & The Con­tor­ti­ons und den Lands­leu­ten von Mag­ma geteilt. Das sind gute Voraussetzungen.

    Mit „II“ – die Anfüh­rungs­zei­chen gehö­ren offen­bar zum Titel – liegt nun das zwei­te Album der Com­bo vor. (Für eif­ri­ge Leser: Ratet mal, wie das erste hieß.) Dass es gar nicht nach Mag­ma klingt und die Zeu­hl-Anlei­hen sich trotz des kam­mer­mu­si­ka­li­schen Beginns auf allen­falls kur­ze Momen­te („La Saul­ce“ ent­hält sol­che Momen­te) beschrän­ken, stört nur wenig.

    Die Key­boards von Camil­le Durieux sind hier domi­nant. Gitar­re? Gibt es nicht, brau­chen wir nicht. Das klingt bunt, das klingt so:

    Da wer­den mun­ter Klas­sik-Rock-Ein­la­gen mit Jazz, RIO und sogar Pop (gele­gent­lich sind Dis­co-Rhyth­men zu hören) ver­mengt, alles frei­lich in einer kom­plett über­dreh­ten Vari­an­te und prak­tisch durch­weg auf Speed. Häm­mern­des Kla­vier, quiet­schi­ge Syn­thies, rum­peln­der Bass, furio­ses Schlag­zeug und trö­ti­ges Saxo­phon (kei­ne Gitar­re!) prä­gen die Musik, die bestän­di­ge Kaprio­len schlägt, mun­ter von einem Stil zum ande­ren springt.

    Fran­zo­sen. Schon selt­sam manchmal.

    Hör­pro­ben: Das Quar­tett ist auf Band­camp prä­sent; dies­mal gibt es auch CD und Vinyl zu kaufen.

  3. iamt­he­morning – Belighted
    „How come that I still brea­the?“ (The Howler)

    Auch selt­sam manch­mal: Rus­sen. iamt­he­morning sind für regel­mä­ßi­ge Leser inzwi­schen alte Bekann­te, erst im Juli 2014 war „Mis­cel­la­ny“ als Kurz­zeit­al­bum eine Emp­feh­lung wert. Ich kün­dig­te zu die­sem Anlass an:

    Pünkt­lich am 1. Janu­ar 2014 erschien die­se EP von etwas über 23 Minu­ten Spiel­dau­er in Vor­be­rei­tung auf das zwei­te Voll­zeit­al­bum, das ich dann mal in mei­nem schier gren­zen­lo­sen Opti­mis­mus noch in die­sem Jahr erwarte.

    Seit­dem haben sich in unse­rem Ver­hält­nis zu Russ­land eini­ge Ände­run­gen erge­ben, was als Rache für t.A.T.u. nicht mehr ganz so gro­tesk über­zo­gen scheint.

    Aber hier soll’s nicht um schreck­li­chen Pop, son­dern um pri­ma sphä­ri­schen Art­rock gehen. iamt­he­morning legen nun immer­hin seit über einem Jahr Musik von gleich­blei­bend hoher Qua­li­tät vor, was ande­re nicht mal für die Dau­er eines ein­zi­gen Albums schaf­fen. Nun also „Beligh­ted“. Soll noch einer sagen, das klin­ge alles gleich; mehr denn je zuvor grei­fen iamt­he­morning zum Wech­sel zwi­schen sanf­tem Wind­säu­seln und ker­ni­gem Rock. Manch­mal aller­dings kommt es einem doch spa­nisch vor, wenn iamt­he­morning etwa an Fla­men­co erin­nern­de Rhyth­men in ihre eige­ne Klang­welt ein­we­ben wie in einen viel zu wert­vol­len Tep­pich. Man greift nach neu­en Wel­ten und doch auf sei­nem Pfad.

    Die „eclip­sed“ wuss­te im Okto­ber zu mutmaßen:

    Mit „Beligh­ted“ gehen die rus­si­schen Art­rocker iamt­he­morning einer strah­len­den Zukunft entgegen

    Das, frei­lich, nur, wenn der Zeit­geist begei­stert bleibt. Dar­an indes zweif­le ich nicht im Geringsten.

    Hör­pro­ben: Hören und sich hübsch ver­packt nach Hau­se lie­fern las­sen kann man „Beligh­ted“ zum Bei­spiel auf Band­camp.

  4. Acid Mothers Temp­le & The Mel­ting Parai­so U.F.O. – Astr­or­gasm From The Inner Space

    Wie­der­um beschwing­ter geht es beim japa­ni­schen Acid Mothers Temp­le zur Sache. Acid Mothers Temp­le haben in den dem­nächst zwan­zig Jah­ren ihres Bestehens in ver­schie­de­nen Beset­zun­gen bis­lang ins­ge­samt 72 Stu­dio- und 34 Live­al­ben sowie diver­se EPs und son­sti­ge Ver­öf­fent­li­chun­gen ein­ge­spielt, machen das hier also nicht zum ersten Mal. Dass ich sie trotz­dem bis­her völ­lig igno­riert habe, ist allein mein Ver­schul­den. Offen­sicht­lich habe ich dabei sowie­so etwas Gro­ßes verpasst.

    Über­wie­gend ist die Band um den Gitar­ri­sten und Sän­ger Kawa­ba­ta Mako­to dabei unter dem Namen Acid Mothers Temp­le & the Mel­ting Parai­so U.F.O. aktiv, arbei­tet aber auch mit Krautrock­bands wie Guru Guru (Acid Mothers Guru Guru) und Art­ver­wand­ten wie Gong (Acid Mothers Gong) zusam­men. Im All­ge­mei­nen spielt sie dabei Space- und Psy­che­de­lic Rock mit gele­gent­li­chem „Heavy“-Einschlag. Die Stu­dio­al­ben tra­gen mit­un­ter die Pop­kul­tur refe­ren­zie­ren­de Titel wie „41st Cen­tu­ry Sple­ndid Man“ (2002), „Son of a Bit­ches Brew“ (2012) und „Abso­lute­ly Freak Out (Zap Your Mind!!)“ (2001), die so gut wie nie auch nur annä­hernd nach den refe­ren­zier­ten Alben klin­gen. Dies nur als Ein­füh­rung. Seid ihr schon ver­wirrt? Dann hört lie­ber gar nicht erst rein.

    Dies­mal trägt das Album zumin­dest einen Titel, der andeu­tet, wohin die – tat­säch­lich – Rei­se führt. Kraut­rock, Kam­mer­prog und Spa­ce­rock sind aus­zu­ma­chen, mit­un­ter, etwa am Ende von „Plea­su­re Man­tra of Sor­rows“, wird es auch ambi­ent­ar­tig. Von wel­chem der vie­len Alben titels „irgend­was from Outer Space“ der „Astr­or­gas­mus“ abge­lei­tet ist, konn­te ich aller­dings nicht herausfinden.

    Erfreu­li­cher­wei­se wer­den die Tex­te von einer gewis­sen Frau Cot­ton Casi­no nicht stöh­nend dekla­miert, son­dern tat­säch­lich gen­re­üb­lich geflü­stert oder wie damals innen Sech­zi­gern zu Gitar­ren­be­glei­tung sau­ber ein­ge­sun­gen („Dark Star Blues“). Übri­gens ist auch so ein Lied­ti­tel nicht aus­sa­ge­kräf­tig, der „Dark Star Blues“ ist näm­lich eigent­lich gar kei­ner, son­dern viel­mehr ein Psy­che­de­lic-/Spa­ce­rock-Lied mit frei dre­hen­dem Ende (Vibra­void-Fans: auf­ge­merkt!). Ähn­li­ches gilt indes auch für die übri­gen drei Stücke, wenn­gleich der Gesang oft völ­lig in den Hin­ter­grund tritt. Zwi­schen etwa 16 und fast 20 Minu­ten lie­gen die jewei­li­gen Spiel­dau­ern, die mit vie­ler­lei elek­tro­ni­schem Zir­pen ange­rei­chert wer­den, und das nicht nur in „Kiss in the Tan­ge­ri­ne Dream House“.

    Gute Über­lei­tung eigent­lich: Anfang 2015 ver­starb über­ra­schend Edgar Froe­se, mit Tan­ge­ri­ne Dream einer der Pio­nie­re der deut­schen Kraut­rock-Sze­ne. Viel­leicht wür­de er, wenn er ein ver­rück­ter Japa­ner gewe­sen wäre, heu­te so ähn­lich klin­gen. Viel­leicht ist das aber auch gar nicht so wich­tig, denn in jedem Fall ist das, was die Musi­ker hier ertö­nen las­sen, ein Fest für die Ohren.

    Sozu­sa­gen ein Ohrgasmus.

    Hör­pro­ben: Der „Dark Star Blues“ auf You­Tube ist ein emp­feh­lens­wer­ter Ein­stieg in die­ses Album.

  5. Came­ra – Remem­ber I Was Car­bon Dioxide
    „We collec­ted the white stones and split them into boxes“ (To the Inside)

    Apro­pos Spacerock.

    Als ich die­ses Album zum ersten Mal gehört hat­te und davon erzähl­te, wur­de ich mit der über­rasch­ten wie über­ra­schen­den Ent­geg­nung kon­fron­tiert, ich höre dann wohl Hip­ster­mu­sik. Mit Hip­ster­mu­sik hat­te ich bis dahin nur Loun­ge­jazz und irgend­wel­chen Indie-Blöd­sinn in Ver­bin­dung gebracht, nicht aber Musik wie die von Came­ra. Als ich erleich­tert fest­ge­stellt hat­te, dass mir weder Schal noch Jute­beu­tel gewach­sen waren, beschloss ich die­ses Album in die­se Liste aufzunehmen.

    Came­ra klingt ja zunächst wie ein Band­na­me aus den ver­rock­ten 70-ern, ver­birgt aber ein jun­ges Ber­li­ner Trio, das 2014 mit „Remem­ber I Was Car­bon Dioxi­de“ erst sein zwei­tes Album vor­ge­legt hat. Micha­el Rother (ehe­mals Kraft­werk), so heißt es, war posi­tiv über­rascht und dräng­te nach dem Debüt von 2012 auf Zusam­men­ar­beit, aber so sehr nach Auto­bahn und Model klingt es gar nicht. Die drei Her­ren – nebst Gast­mu­si­kern, dar­un­ter eine Sän­ge­rin – prä­sen­tie­ren viel­mehr einen schnör­kel­lo­sen, dafür her­aus­ra­gen­den Kraut­rock der Mar­ke Neu! und Amon Düül II, ange­rei­chert mit noch wei­ter rei­chen­der kos­mi­scher Musik sowie einer Dosis The Fall.

    Über wei­te Strecken instru­men­tal, aber immer fes­selnd kommt die­se höchst hörens­wer­te Mischung aus dem Kopf­hö­rer. Man setzt auf Ent­span­nung, ist sich aber auch für eine gele­gent­li­che Por­ti­on Gitar­ren­feed­back („Vor­ti­ces“) nicht zu scha­de. Das ver­mag zu gefallen.

    Das letz­te Stück („Hall­raum“) und damit das Album endet übri­gens mit Plät­schern. Nicht, dass noch jemand in den Klang­wel­ten ertrinkt: Die­ses Album ist ein Ret­tungs­boot. Frau­en und Kin­der dür­fen auch mit­fah­ren. Vol­le Kraft voraus.

    Hör­pro­ben: Schnip­sel gibt es auf Amazon.de, das gan­ze Album zum Bei­spiel per WiMP.

  6. Cast – Arsis

    Nach so viel Welt­raum dann doch mal wie­der etwas Erdi­ges zur Rei­ni­gung, zur Kathar­sis gleichermaßen.

    Reli­gi­ös wol­len wir nun aber nicht mehr wer­den, statt­des­sen geht’s zum Mexi­ka­ner. Es gibt eine US-ame­ri­ka­ni­sche Band namens Arsis, die ver­meint­lich melo­di­schen Metal spielt. Damit haben Cast – der Zie­ge sei’s gedankt – indes nichts am Hut.

    Das Kla­vier­so­lo, das das Album eröff­net, mag den Metal­fan aller­dings noch hof­fen las­sen, instru­men­ta­les under­state­ment ist ein belieb­tes Stil­mit­tel in ein­schlä­gi­gen Krei­sen. Die nach­ein­an­der ein­set­zen­den Musi­ker an Schlag­zeug und Bass sowie die hard­rocken­de Gitar­re machen eine Gen­re­di­stan­zie­rung nicht leicht, wenn man was auf Gen­res gibt. Das Inter­net spricht von „Retro-Prog“ und ver­gleicht „Arsis“ mit Musik der Flower Kings, aber so lang­wei­lig ist es nun wahr­lich nicht.

    Wir haben es mit einem Drei­tei­ler („La Ilia­da“, 30:13 Minu­ten; „The Old Tra­vel Book“, 9:10 Minu­ten; „El Puen­te“, 18:32 Minu­ten) zu tun, wie üblich auf­ge­teilt in ein­zel­ne „Kapi­tel“. Man neigt zunächst dazu, sich an eine folk­be­ein­fluss­te Vari­an­te von Rush erin­nert zu füh­len, die ja ihrer­seits ihren fei­nen Hard­rock oft als „Prog“ eti­ket­tiert sehen müs­sen. Gesun­gen wird anfangs nicht viel, was dem Ken­ner gefällt, denn wie auch Ita­lie­nisch ist die spa­ni­sche Spra­che kei­ne sanf­te, Gesang in ihr ist oft ein eher nega­ti­ver Fak­tor beim Musik­ge­nuss. Erst in „Old Tra­vel Book“ wird Sän­ger Bob­by Vida­les aktiv, zunächst auf Eng­lisch, in „El Puen­te“ schließ­lich doch noch auf Spa­nisch. Zwar klingt es etwas gepresst, aber auf irgend­ei­ne Wei­se doch in posi­ti­ver Wei­se einmalig.

    Her­vor­zu­he­ben sei exem­pla­risch ins­be­son­de­re das letz­te Kapi­tel „Val­le de los Sue­ños“, das von einem von text­lo­sem Gesang (Lupi­ta Acu­na könn­te man sich auch mal mer­ken) beglei­te­ten New-Art­rock-Teil in – oh doch – gitar­ren­fi­xier­ten Pro­gres­si­ve Metal über­geht, der über­dies der­art abgeht, dass man ihn gar nicht mit­be­kommt und plötz­lich – das Album dau­ert ja nach Ein­set­zen die­ses Stücks nicht mehr lan­ge – über­ra­schend ver­misst; ein über­ra­schen­des, aber wür­di­ges Ende für ein gutes Album.

    Hör­pro­ben: Zu „El Puen­te“ gibt es einen Live-Video­clip auf You­Tube. Er ist gut.

  7. Heiss­kalt – Vom Ste­hen und Fallen
    „Ihr habt es nicht anders gewollt“ („Nicht anders gewollt“)

    Mir wird heiß und kalt: Heiss­kalt ist ein Band­na­me wie aus der düste­ren Mäd­chen­go­thic­sze­ne (Eis­bre­cher, Eis­blu­me, Unhei­lig), dahin­ter ver­birgt sich indes eine reiz­vol­le Mischung aus Surrogat’schem Deutsch­rock und der Nach­denk­lich­keit von Sport, gesang­lich dar­ge­bo­ten mit einer Inten­si­tät, die wahl­wei­se von Ira! oder (oder?) The Hirsch Effekt aus­ge­lie­hen sein könn­te; bezie­hungs­wei­se:

    Mal laut, mal lei­se sto­chern wahl­wei­se clea­ne oder noi­sig ange­crunch­te Gitar­ren auf brü­chi­gem Ter­rain. Ent­steht ein Loch, bricht die Höl­le los. Plötz­lich wird geschrien, statt gere­det, wäh­rend sich schep­pernd pro­du­zier­tes Lo-Fi-Cha­os aus­brei­tet, das jedem Freund har­mo­ni­scher Klän­ge den Angst­schweiß auf die Stirn treibt. (…) Heiss­kalt machen ihrem Band­na­men alle Ehre. Hier gibt es kaum Grau­zo­nen. Ent­we­der es brennt lich­ter­loh oder es zwängt sich eine Schicht aus Eis durch die Boxen.

    Ich mag Wer­mut, des­we­gen benut­ze ich das Wort „Wer­muts­trop­fen“ nicht beson­ders häu­fig, aber einen sol­chen (im wie auch immer nega­ti­ven Sin­ne) gibt es schon: Heiss­kalt gehö­ren zu Sony. Böse Plat­ten­fir­ma, Kun­den ver­ach­ten­de Scheiß­ker­le, aber das Album ist es dann doch bei­na­he wert. Die vier Stutt­gar­ter, wenn­gleich nicht voll­ends fan­ta­stisch, lie­fern zumin­dest ein fan­ta­sti­sches Debüt­al­bum ab, das deut­sche Bands der­art klas­se schon viel zu lan­ge nicht mehr hin­be­kom­men haben.

    Zumal: „So lan­ge der Club nicht vol­ler ist als wir“ („Alles gut“), also Fei­ern. Kopf in Nick- und Bei­ne in Zap­pel­stel­lung und los geht’s. Paa­dy, Bitsch. Alles gut?

    Hör­pro­ben: Amazon.de ist halb­mi­nü­tig hilf­reich, bei WiMP gibt’s einen Komplettstream.

  8. Alter­na­ti­ve 4 – The Obscurants

    Etwas Ent­span­nung nach so viel Rock­mu­sik kann nicht scha­den. „The Obscu­rants“, das – wie so oft in die­sem Jahr – zwei­te Stu­dio­al­bum von Alter­na­ti­ve 4, eig­net sich dafür ziem­lich gut.

    Alter­na­ti­ve 4, wohl ohne jeden Bezug zur AfD, ist ein bri­ti­sches Trio, deren Grün­der Dun­can Pat­ter­son sich vor­her bei Anathe­ma, Anti­mat­ter und Íon einen Namen gemacht hat­te, ent­spre­chend klingt „The Obscu­rants“ nach einer ent­schleu­nig­ten Ver­si­on von Anathe­ma, was wie­der­um passt, denn Letz­te­re haben 1998, in dem Jahr der Tren­nung von Dun­can Pat­ter­son, ein Album namens „Alter­na­ti­ve 4“ ver­öf­fent­li­chen las­sen, womit sich der Kreis schließt.

    Sän­ger Simon Flat­ley erin­nert mich stimm­lich an aus­ge­rech­net Cam­pi­no in den schreck­li­chen Bal­la­den der Toten Hosen, was hier erstaun­lich gut passt und klingt, dar­über­hin­aus wird aber fein­ste kla­vier­la­sti­ge Musik zwi­schen Ambi­ent und Alter­na­ti­ve prä­sen­tiert. Mit Rau­heit wird gegeizt. Geil.

    Alter­na­ti­ve 4 zau­bern (…) ein wun­der­vol­les Album, das (…) in sei­ner Gesamt­heit dem gewill­ten Hörer wun­der­schö­ne Momen­te berei­ten kann.

    Wer die Gut­e­lau­ne­mu­sik der wei­ter oben genann­ten Pro­jek­te mag und auch auf „The Obscu­rants“ erwar­tet, der wird beim Genuss ver­mut­lich ent­täuscht wer­den. Den unvor­ein­ge­nom­me­nen Hörer erwar­tet eine ange­neh­me Überraschung.

    Hör­pro­ben: Amazon.de hält sich lei­der ein wenig zurück, WiMP jedoch bie­tet das kom­plet­te Album als Stream an.

  9. Ara­nis – Made in Bel­gi­um II
    „Das Ein­zi­ge, was ich mir noch wün­sche / ist, so frei zu sein wie ein tol­les [Wie­hern]“ (Tol­les pferd)

    Völ­lig anders klin­gen wie­der­um Ara­nis. Ara­nis aus – ihr ahnt es – Bel­gi­en neh­men seit eini­gen Jah­ren Musik auf, die ein biss­chen nach Jazz klingt, aber eigent­lich gar kein Jazz ist. Übli­cher­wei­se wird das, was auf die­sem zwei­ten install­ment von „Made in Bel­gi­um“ zu hören ist, als „Kam­mer­rock“ eti­ket­tiert, aber so genau neh­men wir es hier ja sowie­so nicht mit den Genres.

    Ich höre jeden­falls diver­se Strei­cher, ein Kla­vier, wenig Gesang. Klas­sik-Rock ganz ohne Geschep­per. Freun­de von Uni­vers Zéro und Eclip­se Sol-Air kom­men hier glei­cher­ma­ßen auf ihre Kosten. Wer dar­über hin­aus auf die Tex­te ach­tet, dem begeg­net hier sogar klas­si­sches deut­sches Lied­gut:

    Nein, ich möch­te kein Eis­bär sein!

    „Tol­les pferd“ heißt das Stück und klingt mit deut­li­chem bel­gi­schem Akzent noch ulki­ger als sowie­so. Nicht, dass sie nicht auch ernst­haft könn­ten! Gesang wird außer­halb die­ses Stücks näm­lich tat­säch­lich rar gemacht und nicht ver­misst. Er ver­sperrt bei aller Komik doch nur den Blick auf’s Wesent­li­che, näm­lich die Arran­ge­ments; die man dann auch für sich spre­chen las­sen möge. Ein Album für den Ohren­ses­sel, mit Ken­ner­blick und einem fei­nen Whis­key genossen.

    Hör­pro­ben: Per Bandcamp.com gibt’s „Made in Bel­gi­um II“ zum Hören und Kaufen.

  10. Avia­tor – Head in the Clouds, Hands in the Dirt
    „This isn’t what we signed up for.“ (Dig Your Own Gra­ve (and Save))

    So sehr ich – regel­mä­ßi­ge Leser wis­sen das – auch auf Schön­klang bedacht bin: Manch­mal über­kommt auch den Freund gedie­ge­ner Klän­ge der drin­gen­de Wunsch nach dem Raus­schrei­en des Welt­schmer­zes; oder des Raus­schrei­en­las­sens, denn das lässt die Stimm­bän­der ent­spannt. „Head in the Clouds, Hand­si­In the Dirt“ der Band Avia­tor scheint prä­de­sti­niert, die­se Rol­le zu übernehmen.

    Avia­tor (weder die Pop- noch die Pro­gres­si­ve-Rock-Band glei­chen Namens) ist laut Eigen­be­schrei­bung eine „emo­tio­nal hard­core band“ aus Bos­ton, Mas­sa­chu­setts, also irgend­was mit Emo­core. Mag ja sein. A year’s worth of memo­ries poi­so­ning every dream („Head Noi­se“). Ver­ton­ter Aber: Gen­res sind Wischiwaschi.

    Wie’s mir eben auch gera­de jetzt nicht dar­um geht, die­ses Album theo­re­tisch zu beschrei­ben. Die Gefüh­le zur Musik ken­nen kein Aber. Axt­mu­sik, Herz­mu­sik, Zer­schmet­ter­mu­sik, wie’s beliebt.

    Always thought Avia­tor should get more atten­ti­on. Das wäre dann erledigt.

    Hör­pro­ben: Auf You­Tube musi­zie­ren die Her­ren sogar sicht­bar; Audio­stream und ‑kauf gibt’s per Bandcamp.com.

2. Fast ohne Worte.

  1. Uni­vers Zéro – Phos­pho­re­scent Dreams

    Die Bel­gi­er von Uni­vers Zéro sind auch im brut­to 40. Jahr ihres Bestehens, wohl nicht zuletzt begün­stigt vom sich dre­hen­den Per­so­nal­ka­rus­sell, noch immer nicht müde, hoch­klas­si­gen instru­men­ta­len Kam­mer­prog (man­che mögen’s RIO nen­nen) auf­zu­neh­men; sehr schön, sehr rhyth­misch, sehr hörenswert.

  2. Pave­es Dance – There’s Always the Night

    Auf die­sem halb­stün­di­gen Album, auf dem auch Mal­colm Mooney (ehe­mals Can) end­lich wie­der ein­mal sin­gend zu hören ist, ver­mengt das Pro­jekt Pave­es Dance um den Schlag­zeu­ger Sean Noo­n­an aller­lei Sti­le von Welt­mu­sik bis Psy­che­de­lic Rock zu einem famo­sen Jazz­funk-Werk, wie es 2014 lei­der nur viel zu sel­ten zu fin­den war.

  3. Elec­tric Oran­ge – Volu­me 10

    Wie bereits 2003 erfreu­en Elec­tric Oran­ge den Hörer mit krau­ti­gem Psy­che­de­lic Rock. Geän­dert hat sich seit­dem nur der Schlag­zeu­ger, der jetzt Georg Mon­heim heißt, anson­sten ist die­ses (tat­säch­lich) zehn­te Stu­dio­al­bum gewohn­te Kost – und das ist posi­tiv gemeint. Augen zu und eingetaucht.

  4. Scott Wal­ker + Sunn O))) – Soused

    Vor eini­ger Zeit tra­fen Sunn O))), ihres Zei­chens US-ame­ri­ka­ni­sche Dro­ne-Doom-Musi­ker von Welt­ruhm, sich mit dem ähn­lich bekann­ten, aber mit einem gänz­lich ande­ren musi­ka­li­schen Hin­ter­grund ver­se­he­nen Soli­sten Scott Wal­ker (frü­her Mit­glied der Wal­ker Bro­thers) in einem Stu­dio, um mit „Sou­sed“ eins der durch­ge­knall­te­sten Alben des Jah­res 2014 auf­zu­neh­men; nicht im schril­len Pop­sin­ne zwar, wohl aber bedingt durch die Ver­schie­den­ar­tig­keit der unglei­chen Part­ner. Das bei­na­he kingcrim­sones­que Ergeb­nis (affek­tier­ter Gesang zu sich kaum von der Stel­le bewe­gen­dem Brum­men, nur gele­gent­lich von Gitar­ren­rif­fen unter­bro­chen) ist schockie­rend und – wie alles von Sunn O))) – laut noch bes­ser. Maxi­mum volu­me yiel­ds maxi­mum results. Ein guter Rat.

3. Kost‘ ja nix.

  • The Eche­lon Effect – Paci­fic / Sierra

    The Eche­lon Effect, mir zuerst 2011 auf­ge­fal­le­nes Solo­pro­jekt von David Wal­ters, bleibt hoch­ak­tiv: 2014 erschien neben der EP „Sier­ra“ auch das Album „Paci­fic“, letz­te­res in Drei­er­be­set­zung (Ste­ve Tan­ton half an Schlag­zeug und Per­kus­si­on aus, Noah Cham­poux steu­er­te spo­ken words bei).

    Eine Wüste, ein Meer: Spre­chend sind die Titel tat­säch­lich. The Eche­lon Effect steht wei­ter­hin für atmo­sphä­ri­schen, teils hyp­no­ti­schen musi­ka­li­schen Genuss zwi­schen den Gen­res; und auch wei­ter­hin will David Wal­ters dafür kein Pflicht­geld sehen.

    „Sier­ra“ und „Paci­fic“ gibt’s daher auf eMu­le sowie per Bandcamp.com ab 0 Euro. Das trifft sich gut, denn gute Musik ist stets eigent­lich unbe­zahl­bar. Wer kann, soll­te den­noch spen­den. Wert ist’s das schon längst.

  • Ant­ethic – Origin

    Fast wäre der Post­rock in die­sem Jahr unter­ge­gan­gen. Gera­de noch bemerkt! Ant­ethic kom­men aus Russ­land und haben mit „Ori­gin“ 2014 ihr aktu­el­les Album für lau dem dür­sten­den, dar­ben­den Publi­kum vor­ge­stellt. Laut Eigen­be­schrei­bung han­delt es sich wahl­wei­se um „Cine­ma­tic Rock“, Math Rock, Post­rock, Shoe­ga­ze oder Ambi­ent-Musik und somit um eine schlech­te Eigenbeschreibung.

    North Atlan­tic Oscil­la­ti­on und Pink Floyd die­nen anders­wo als Ver­gleich. Ich mei­ner­seits füge viel­leicht noch etwas Mike Old­field und Explo­si­ons In The Sky hin­zu. Der unbe­kann­te Bas­sist spielt sich mit­un­ter sou­ve­rän in den Vor­der­grund, ohne auf­dring­lich zu wer­den, wäh­rend Schlag­zeug und Gitarre(n?) duet­tie­ren, ver­mag aber auch den Rhyth­mus zu stär­ken, der­weil der Rest der Band hart abrockt. Stücke wie „This Game Has No Name“ ver­set­zen den Hörer so schon nach weni­gen Minu­ten in eine Tran­ce, in der es nur noch die Melo­dien gibt und alles um sie her­um unwirk­lich erscheint.

    „Cine­ma­tic Rock“, ein Kino im Kopf. Ein tol­les Album mit Sucht­po­ten­zi­al und Trip­ge­fahr. Guten Flug!

4. Deep Shit.

Es ist nicht alles Gold, was tönt. Auch 2014 war da kei­ne Ausnahme:

  • Pink Floyd – The End­less River
    End­lo­ses Plät­schern. Man schläft ganz gut zu „The End­less River“.
  • Eat­liz – All Of It
    Belang­lo­ser Schön­pop ohne Kan­ten, Band­camp rettet’s auch nicht. Die neue Sän­ge­rin ist scheiße.
  • Gazpa­cho – Demon
    Der Dämon des Schlafs überwältichhhhhrrrr…
  • Trans­at­lan­tic – Kaleidoscope
    Offen­bar gibt es Kalei­do­sko­pe auch ganz ohne Muster und Far­ben. Toll!
  • Archi­ve – Axiom
    Span­nend wie der Mathematikunterricht.
  • Fla­ming Row – Mira­ge – A Por­tra­y­al Of Figures
    So klingt es also, wenn man unmo­ti­viert ver­sucht Retro­prog zu spie­len. Nicht zur Nach­ah­mung empfohlen.

5. Aaaaaaaaaalt!

  • Vor 40 Jahren:
    Lou Reed – Sal­ly Can’t Dance

    Denk‘ ich an 1974, denk‘ ich an Richard Nixon (Rück­tritt), Hel­mut Schmidt (Antritt) und Rock­mu­sik. Zwar mach­ten Led Zep­pe­lin in die­sem Jahr eine Ver­öf­fent­li­chungs­pau­se, dafür trau­ten sich Kiss mit ihrem Debüt­al­bum Kiss in die Läden. Die damals bereits eta­blier­ten Rol­ling Stones wie­gel­ten ab: It’s Only Rock’n’Roll. Kein Rock’n’Roll hin­ge­gen kam von Yes, deren Sän­ger Jon Ander­son in einer Fuß­no­te der „Auto­bio­gra­fie eines Yogi“ einen Hin­weis auf die hei­li­gen Schrif­ten des Hin­du­is­mus‘ gefun­den hat­te und dazu inspi­riert wur­de, ein Album the­ma­tisch auf ihnen basie­ren zu las­sen. Tales from Topo­gra­phic Oce­ans, vor­über­ge­hend das letz­te Album mit dem Key­boar­der Rick Wak­e­man, ist ein Dop­pel­al­bum mit vier Stücken, was also 4 LP-Sei­ten ent­spricht; selbst für Yes‘ dama­li­ge Ver­hält­nis­se ein der­art ambi­tio­nier­tes Werk, dass die Musik­pres­se sich mit Lob deut­lich zurück­hielt. Letz­te­re hat­te mit Lou Reed ohne­hin einen unge­ahn­ten neu­en Favo­ri­ten: Sal­ly Can’t Dance erreich­te die „Top 10“ der Hit­pa­ra­de, was nach dem düste­ren Ber­lin im Vor­jahr wie­der­um über­rasch­te. Dass die Plat­ten­fir­ma RCA die­sen Kar­rie­re­schub aus­nut­zen woll­te und ein bal­di­ges Nach­fol­ge­al­bum for­der­te, war aus heu­ti­ger Sicht eine kom­mer­zi­ell blö­de Idee: Mit Metal Machi­ne Music folg­te 1975 ein aus­ge­streck­ter musi­ka­li­scher Mit­tel­fin­ger; doch dazu spä­ter mehr.

  • Vor 30 Jahren:
    Dal­bel­lo – whomanfoursays

    1984 war nicht bloß eine Anlei­tung oder wenig­stens ein Buch, son­dern in der Musik­welt viel­mehr auch ein Jahr des Schreckens. Von Bar­clay James Har­vest gab es das grau­en­vol­le Vic­tims of Cir­cum­stance, das sei­ne Mäßig­keit schon als Titel trägt, Grob­schnitt mach­ten sich mit Kin­der und Nar­ren zu Letz­te­ren. Talk Talk befan­den sich mit It’s My Life auf dem kom­mer­zi­el­len Höhe­punkt ihrer Kar­rie­re, hat­ten außer Main­stream-Pop aber noch nicht viel bei­zu­tra­gen. Und dann war da noch Dal­bel­lo, eine jun­ge Frau mit einer famo­sen Stim­me und einer eben­sol­chen Fri­sur. Das schon mal erwähn­te Album who­man­four­says war zugleich ihre Rück­kehr ins Musik­ge­schäft und ihre Erneue­rung, denn vom Discopop wand­te sie sich nun­mehr ab und dem Alter­na­ti­ve Rock zu, was das Pla­stik­jahr­zehnt dann doch noch ein biss­chen zu ret­ten half.

  • Vor 20 Jahren:
    Sub­way to Sal­ly – Album 1994

    Weder mit Yes (Talk) noch mit den Rol­ling Stones (Voo­doo Lounge) war zwan­zig Jah­re danach noch viel zu gewin­nen. Das für lan­ge Zeit letz­te Stu­dio­al­bum von Pink Floyd, The Divi­si­on Bell, zeug­te noch von der ein­sti­gen Grö­ße von Bands, deren Mit­glie­der ihre Instru­men­te nicht nur eini­ger­ma­ßen gera­de in die Kame­ra hal­ten, son­dern auch noch bedie­nen kön­nen; ande­re Musik­sti­le waren jedoch bereits auf dem Vor­marsch: Hyper Hyper, die zwei­te Sin­gle von Scoo­ter, mag dabei eine geschicht­lich rele­van­te Rol­le gespielt haben, jedoch wur­de auch der Metal als Abkömm­ling des Hard­rocks grö­ßer: Dim­mu Bor­girs Debüt­al­bum For all tid wur­de zum Eck­pfei­ler der skan­di­na­vi­schen Black-Metal-Sze­ne, gen­re­üb­lich mit Ver­wei­sen auf Satans Reich („Det nye riket“), etwas wei­ter süd­lich ver­öf­fent­lich­te eine Band, die wohl noch nichts davon ahn­te, ein­mal für ein Gen­re zu ste­hen, das der Volks­mund als „Mit­tel­al­ter-Metal“ kennt, eben­falls ihr Debüt­al­bum: Sub­way to Sal­lys Erst­lings­werk Album 1994, auf dem Eric Fish noch nicht die Rol­le des Front­manns und Sän­gers inne­hat, ver­bin­det mit sei­nen über­wie­gend eng­lisch­spra­chi­gen Tex­ten noch nicht viel mit spä­te­ren Klas­si­kern wie MCMXCV oder Herz­blut, wohl aber leg­te es den Grund­stein für ihre spä­te­re Kar­rie­re und wohl auch die jener Bands, die maß­geb­lich von ihnen beein­flusst wur­den. Es hät­te schlim­mer kom­men können.

  • Vor 10 Jahren:
    Yez­da Urfa – Boris

    Es kam tat­säch­lich schlim­mer: Die Jam­mer­pop­band Pla­ce­bo ver­such­te es noch ein­mal mit Gefühl und warf die schreck­li­che Reste­ver­wer­tung Once More with Fee­ling auf den Markt, die übri­gen Mas­sen wur­den wahl­wei­se mit Franz Fer­di­nand, Tyran­no­sau­rus Hives, dem Album Lou­den Up Now der von ihren Anhän­gern oft für weiß­wie unter­grün­dig gehal­te­nen Band !!! oder dem unter­schätz­ten D12 World beglückt. Zumin­dest Hag­gard hiel­ten mit Eppur Si Muo­ve den Metal noch hoch. Die­je­ni­gen, die nicht nach immer schlich­te­ren und schlech­te­ren Tönen such­ten, such­ten statt­des­sen ihre Zukunft in der Ver­gan­gen­heit: Yez­da Urfa, eine einst ver­schmäh­te US-ame­ri­ka­ni­sche Pro­gres­si­ve-Rock-Band der mitt­le­ren 1970-er Jah­re, tra­ten 2004 auf dem NEAR­fest auf (seit 2010 gibt es mit Yez­daurfa­li­ve einen Beleg dafür zu kau­fen), zufäl­lig ist seit jenem Jahr auch Boris, das von Plat­ten­fir­men einst ver­schmäh­te Debüt­al­bum von 1975, das in sei­nen Grund­zü­gen 1976 als Sac­red Baboon einer zwei­ten (Nicht-)Veröffentlichung harr­te, für den Plat­ten­käu­fer frei erhält­lich. Honi soit. Trotz der Wir­ren um die Ver­öf­fent­li­chung und das etwas schlech­te timing, immer­hin schien 1975 der Pro­gres­si­ve Rock bereits ange­zählt, platz­te die­ses Album 2004 äußerst gün­stig in die Retro­wel­le hin­ein. Im Inter­net beschreibt man Yez­da Urfa als „Yes meets Gent­le Giant mit Hum­meln im Hin­tern“. Trocken ist die­se Musik sicher­lich nicht, die Augen blei­ben es auch nur schwer­lich. Ernst­haf­ter hat der Pro­gres­si­ve Rock sich selbst nie wie­der per­si­fliert. Sän­ger Rick Roden­bau­gh, der auf dem NEAR­feat bereits nicht mehr dabei war, ver­starb 2008, seit­dem hat man von Yez­da Urfa nur noch wenig wahr­ge­nom­men. Dar­an hät­ten sich ande­re Bands die­ses Jah­res zumin­dest ein Bei­spiel neh­men können.

So – haben wir’s.

Habe ich ein rele­van­tes Album über­se­hen oder eines zu Unrecht ver­ris­sen? Kom­men­ta­re und Ergän­zun­gen sind gern gese­hen. Anson­sten ste­hen die­ses Jahr ja bereits eini­ge neue bedeut­sa­me Musik­al­ben in den Rega­len. Ich freue mich schon auf die näch­ste Rückschau.

Dan­ke für die Aufmerksamkeit.

Seri­en­na­vi­ga­ti­on« Musik 06/2014 – Favo­ri­ten und Ana­ly­seMusik 12/2015 – Favo­ri­ten und Analyse »

Senfecke:

  1. sin­ce 1976.

    oder, bes­ser noch: seit dem moment als „the spoon“ in einem dur­bridge lief … ;-P

    ernst­haft: ich war gera­de ver­sucht einen arti­kel von 76 aus einer alten urks zu posten, aber er ist noch nicht gescannt, in der ich einen fuchs­teu­fel­wil­den rant über leu­te rei­te, die ande­ren die säcke damit voll­ma­chen, wie cool sie zap­pa fin­den. den hip­ster gab’s schon immer und ich den­ke mal, das ist die­ses typisch puber­tä­re ver­hal­ten, mit dem man sei­ne posi­ti­on in der peer­group zu defi­nie­ren sucht. das ist nur „use­ful“, wenn man eine sol­che braucht ;-)

    wie auch immer: ist ja alles auch eine fra­ge, was man mag oder nicht. oder eine von geschmack, weil es eben sachen gibt, die jen­seits von „mag ich oder nicht“ bemer­kens­wert sind … und came­ra ist eben bemer­kens­wert, wes­halb ich mir ja die erste genau­so umge­hend gekauft habe wie ich „puta’s fever“ von manu negra 1989 (damals noch als import) kau­fen muss­te, weil es am sams­tag ene sen­dung in swf2 über die band lief. man hört es, man liebt es ab dem ersten moment eben liebt. so ging’s mir halt auch sei­ner­zeit auch mit yello und came­ra. ist das hip? ist mir egal … sind alle in mei­nen 1001 records gelan­det, neh­me ich mit auf ne insel

    ach ja, vor zwei mona­ten bin ich übri­gens über han­ni el kathib gestol­pert, klingt nach was ori­en­ta­li­schem, ist aber eine coo­le palä­sti­nen­sisch-stäm­mi­ge gitar­ren­sau aus la. die g*ttlich-kurze & vor allem schrä­ge soli spielt.

    kon­zert: https://www.youtube.com/watch?v=uANYiHx4Vgs (kon­zert ist immer das wichtigste …)
    melt me: https://www.youtube.com/watch?v=hsdh4-jHs4o
    moon­light: https://www.youtube.com/watch?v=e00xgN3ER_I

    viel­leicht­hast du ja auch spaß an so was

    • Ori­en­ta­lisch nervt. Mit Yello konn­te ich auch noch nie was anfan­gen, da fin­de ich Devo deut­lich inter­es­san­ter. ;)

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