KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2014 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 13 von 23 der Serie Jahresrückblick

Huch, schon Mitte Juli! Hättet ihr mir nicht was sagen können?

Ein hal­bes Jahr ist längst vor­bei, und ihr wisst, was das bedeu­tet: Hier gibt’s Musik satt - alles, was bis Ende Juni so in mei­ner Bestenliste gelan­det ist - zu lesen. Entgegen der öffent­li­chen Meinung ist die Nummerierung aller­dings will­kür­lich gewählt. Ranglisten sind Firlefanz.

Auch dies­mal sind meh­re­re Musikalben, die eine Erwähnung ver­dient haben, bereits an ande­rer Stelle gewür­digt wor­den, so dass ich mich dar­auf beschrän­ken möch­te, Fuck Off Get Free We Pour Light on Everything von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra und 64 von Last Remaining Pinnacle an die­ser Stelle unbe­dingt auch noch mal emp­foh­len zu haben. Aus der Wertung fällt im Übrigen auch der als sol­cher aller­dings her­vor­ra­gen­de Sampler 2014 der hörens­wer­ten Her Name Is Calla. Ein nen­nens­wer­tes Jubiläum folgt erst 2015, dann ist die Hillbilly-Band Skillet Lickers, momen­tan mit Enkel und Urenkel ihres Gründers Gid Tanner, seit 90 Jahren im Geschäft.

Wie üblich besteht die­se Rückschau aus meh­re­ren Teilen, nach einer Übersicht über die Kaufbefehle für den Herbst wird es auch wie­der ein paar Reinfälle, aber auch einen Griff in die Musikgeschichte geben. Ich freue mich jetzt schon darauf.

Viel Vergnügen!

1. Ins Töpfchen

  1. Mogwai - Rave Tapes
    „And thanks for all this / Trying to listen / Remembering a kill.“ (Blues Hour)

    Nach dem Soundtrack zu „Les Revenants“ im Vorjahr legen Mogwai 2014 mit „Rave Tapes“ schon wie­der ein neu­es Studioalbum - ihr sieb­tes - vor. Diese Schotten gei­zen nicht.

    Mogwai erfin­den sich immer wie­der neu, ohne dabei wie vie­le ihrer Mitstreiter irgend­wann ihren Markenkern auf­zu­ge­ben. Dabei las­sen sie sich immer wie­der etwas Neues ein­fal­len. Nein, kei­ne Sorge; trotz des Namens wird hier kein Love-Parade-Unfug geco­vert.

    Gespielt wird statt­des­sen wei­ter­hin hoch­qua­li­ta­ti­ver Postrock vor­wie­gend instru­men­ta­ler Natur, ledig­lich in „Repelish“ und „Blues Hour“ sind Texte zu hören, mal gespro­chen, mal gar gesun­gen; „Blues Hour“ erin­nert den geneig­ten Rezensenten nicht nur des­we­gen an die viel zu früh zer­streu­ten Aereogramme. Mogwai waren schon immer groß dar­in, ihr sti­li­sti­sches Repertoire sub­til zu erweitern.

    Dass Mogwais Kompositionen immer kür­zer zu wer­den schei­nen und auch auf „Rave Tapes“ kein neu­es „Mogwai Fear Satan“ oder „Stereodee“ zu hören ist, sei hier auch mal geschenkt. Die Kunst, in kur­zer Zeit ohne Worte viel zu erzäh­len, beherr­schen Mogwai immer noch vor­züg­lich, obwohl die ange­schla­ge­nen Töne doch lei­ser gewor­den sind. Während die Genrekollegen von A Silver Mt. Zion immer aus­schwei­fen­der wer­den, brei­ten Mogwai ihre Klangflächen statt­des­sen ein­fach auf immer grö­ße­ren Leinwänden aus. Das wirkt im Kopf und ver­schwen­det kei­ne Zeit. Wie schön.

    Hörproben:
    Auf YouTube gibt es unter Anderem gute Liveversionen von „Remurdered“ und „Blues Hour“ (letz­te­re aller­dings mit unan­ge­nehm wacke­li­gem Kamerabild), Freunde von Streamingdiensten wer­den bei WiMP, Grooveshark sowie aus­zugs­wei­se auf Amazon.de fündig.

  2. Karokh - Karokh

    Ich schät­ze Musikgruppen, die direkt mit denen, die ihren out­put kon­su­mie­ren, kom­mu­ni­zie­ren, sehr.

    Neben echo­lyn gehö­ren auch Karokh - nicht mit der afgha­ni­schen Stadt Karukh zu ver­wech­seln - aus Oslo zu denen, die offen­bar gele­gent­lich Twitter nach Relevantem durch­su­chen; mei­ne Empfehlung des Liedes „Flowers Every Day“ ent­ging ihnen jeden­falls nicht.

    Dass Karokh erst seit 2010 exi­stie­ren, ver­schafft ihnen die ange­neh­me Freiheit, noch kei­ne Erwartungen erfül­len zu müs­sen. Vielleicht auch des­halb über­ra­schen sie mich posi­tiv: Neue Bands, die irgend­was mit Jazz machen, schaf­fen es sel­ten, ein durch­weg star­kes Album zu prä­sen­tie­ren. Dass ein Stück auf dem Album „Surf Decadence (Ooh Ooh)“ heißt, soll­te nie­man­den abschrecken (oder viel­leicht absicht­lich doch); auf „Karokh“ von Karokh gibt es ande­rer­seits immer­hin auch ein Stück namens „Karokh“.

    „Irgendwas mit Jazz“ ist wahr­schein­lich eine ziem­lich prä­zi­se Genreschubladisierung für „Karokh“. Ich fin­de Schubladen ja prin­zi­pi­ell zu unprä­zi­se. So auch diesmal:

    (…) Karokh bie­ten viel­schich­ti­ge und intel­li­gen­te Kompositionen, die auch bei anfäng­li­cher Abneigung meh­re­re Anläufe ver­die­nen. (…) Obwohl Karokh, von der Trompete abge­se­hen, gene­rell mit Rock-typi­scher Instrumentierung agie­ren, die neben Gesang aus Gitarre, Bass und Schlagzeug besteht, sind auch zwei Synthesizer Teil des Line-Ups. Diese glän­zen eben­falls mit sub­ti­lem Einfluss – es gibt zum Glück kei­ne kit­schi­gen Horror-Synth-Linien. Vielmehr stüt­zen die Synthesizer die Stimmung der Songs, steu­ern unty­pi­sche Klänge bei, oder tra­gen auch mal mit einem Retro-Solo (Surf Decadence) zum Repertoire bei.

    Untypisch ist auch Ina Sagstuens Gesang, der mal im Vordergrund steht, mal („Once More No Bear“) sich wie ein wei­te­res Instrument im Geflecht ein­fügt. Frau Sagstuen säu­selt („Into The Wild“), singt und stöhnt sich durch die bis­wei­len gera­de­zu abge­fah­re­ne Musik, die ihre sechs Bandkollegen ihr kre­den­zen, dass es eine wah­re Wonne ist.

    „Genre: /alternative/rock/“ ist auf einer der Internetpräsenzen von Karokh zu lesen, und wenn das Rock ist, so will ich fort­an Kevin hei­ßen. Nein, Karokh steu­ern treff­si­cher an jeder Stilschublade vor­bei, und auch, wenn eine Trompete allein noch kei­ne gro­ße Kunst erschafft (auch die selt­sa­men Touch and Go hat­ten ihren bis­lang größ­ten Erfolg ja mit einer sol­chen), bleibt unbe­strit­ten, dass man hier guten Gewissens die Theorie begra­ben und sich ganz auf das Gehörte ein­las­sen soll­te. Eyal Hareuveni nann­te „Karokh“ ein „höchst beein­drucken­des Debütalbum mit einer bemer­kens­wer­ten Sängerin“. Ich fin­de das unter­trie­ben. Ganz, ganz groß.

    Hörproben:
    „Flowers Every Day“ ist eben­so auf YouTube zu fin­den wie „Into The Wild“. Auf Amazon.de gibt es „Karokh“ lei­der nur in der MP3-Fassung, der Streamingdienst WiMP zumin­dest auch in HiFi-Qualität.

  3. Dawn - Darker
    „I’m cool.“ (Cold)

    Nichts pas­siert. Oder doch?

    Das aktu­el­le Album „Darker“ des Schweizer Quartetts Dawn beginnt mit lei­sen Orgeltönen. „Yesterday’s Sorry“, das Eröffnungsstück, lässt sich Zeit zur Entfaltung. Nach etwa einer Minute setzt kingcrim­sones­ques Spiel (ent­we­der haben sich die vier Herren ein Mellotron zuge­legt oder Nicolas Gerber ist ein wah­rer Keyboardvirtuose) im Stil derer ersten bei­den Alben, ergänzt durch Starcastle-Keyboards, ein.

    Zugegeben: Neu ist das alles nicht. Marillion-Fans mag der locke­re Retro-Prog von Dawn bekannt vor­kom­men, wir Freunde des Progressive Rocks wis­sen auch den gele­gent­lich (etwa in „Cold“) hohen Gesang von René Degoumois zu schätzen.

    Aber an Abwechslung soll es nicht man­geln - von King Crimson (ins­be­son­de­re „Cold“) aus geht die Reise noch wei­ter. Fällt mir im Instrumentalstück „Lullabies for Gutterflies“ noch das Penguin Cafe Orchestra ein, so sind im mehr­tei­li­gen Neunzehnminüter „8945“ Pink Floyds „Echoes“ nicht weit: Auf einen pink­floy­des­quen Anfangsteil mit affek­tier­tem Gesang folgt ein träu­me­ri­scher Gitarrensolopart, in den nach einer Weile die ande­ren Instrumente ein­stim­men, unter­bro­chen durch den Refrain. Nach einem viel zu kur­zen postrocki­gen Zwischenspiel nach etwa zehn Minuten wird vom Keyboard wie­der­um das Thema vom Anfang aufgegriffen.

    „8945“ endet schließ­lich in einem furio­sen Finale mit Climax, die im Progressive Rock ja durch­aus üblich ist, aber hier beson­ders gut passt: Am 9. August 1945 wur­de die Atombombe „Fat Boy“ über Nagasaki gezün­det, wovon in „8945“ gele­gent­lich ein Sprecher erzählt; wie man so liest, wur­de das Stück nach die­sem Ereignis benannt. Zum Glück gibt es kei­ne Toten.

    Das Album „Darker“ hin­ge­gen ist eine Bombe. Ihr soll­tet euch das nicht ent­ge­hen lassen.

    Hörproben:
    Anspielen und kau­fen lässt sich „Darker“ auf Amazon.de, die ein­schlä­gi­gen Streamingdienste sind zur­zeit (Stand: 8. Juli 2014), wie so oft, eher ratlos.

  4. Descend - Wither
    „I am fear, wie­l­der of the black darkness.“ (Confined by Evil)

    Kommen wir zu fröh­li­che­ren Dingen: Metal. \m/

    Descend stam­men aus Schweden und haben im Januar 2014 mit „Wither“ ihr zwei­tes Studioalbum raus­ge­bracht, auf dem sie dem Progressive Metal mit aller­lei Mathrockspielereien frö­nen. Das ist zwar alles schon mal dage­we­sen, aber sel­ten wirk­lich beacht­lich gut; auf „Wither“ aller­dings schon.

    Für das Album haben sie sich ein biss­chen Zeit gelas­sen, auf­ge­nom­men wur­de es bereits 2012. Progressive Death Metal (Quelle: Internet) ist eben kein Zuckerschlecken.

    Vergleiche gefäl­lig? Bittesehr:

    So gibt es in „The Rancorous Paradigm“ erst hef­tig­ste Polyrhythmik zu hören, und anschlie­ßend wer­den die Strophe[n] und die Zwischenspiele mit gera­de­zu hyp­no­ti­schen Rhythmen und träu­me­ri­schen Harmonien unter­legt. Letzteres Stilmittel wird auch in „Diabolic“ bedient, wohin­ge­gen, „Severance“ lädt zwi­schen­zeit­lich, wenn nicht gera­de mal wie­der Raserei (…) ange­sagt ist, immer wie­der mal zum genüss­li­chen Abzählen der Taktzahlen ein[.] Drauf gekom­men? Richtig, auf „Wither“ hal­ten auch Djent und Math Einzug in den Stil von Descend. Und tat­säch­lich fügen sich die­se Komponenten bestens ins bis­he­ri­ge Bild ein - was zwar nicht über­ra­schen soll­te, aber eine kon­kre­te Verbindung aus Opeth und krea­ti­ven Meshuggah-Epigonen ist mir bis­lang noch nicht untergekommen.

    Meshuggah beschrieb ich 2012 als eine Musikgruppe, die wenig dezent agiert, ver­gli­chen mit Descend aller­dings sind sie gera­de­zu filigran.

    Anders gesagt: Descend hau­en auf die Kacke. Klotzen statt Kleckern. Von Stakkatorhythmen über Liedtitel wie „From Grace to Grave“ bis hin zu gen­re­ty­pi­schem grow­ling ist alles dabei. Aber die Achterbahn steigt nicht nur hin­ab, son­dern fährt auch mal berg­auf, und wäh­rend Christoph Meul dem „Sanft-hef­tig-sanft-hef­tig-Schema“ (ebd.) nicht viel abge­win­nen kann, berei­ten sie mir als einem Liebhaber gepfleg­ten, auch mal här­te­ren Postrocks hin­ge­gen Freude, geben sie dem anson­sten dunk­len „Wither“ doch ein paar schö­ne Farbtupfer. Oder ist Hellschwarz gar kei­ne Farbe?

    Musik zum Abreagieren. Gar nicht mal schlecht!

    Hörproben:
    Während Amazon.de 30-sekün­dig her­um­schnip­selt, ist zumin­dest WiMP zu einer Komplettvorschau fähig. Ein voll­stän­di­ges Konzert von 2012, auf dem auch „Confined by Evil“ gespielt wur­de, hat YouTube im Repertoire.

  5. Holy Mountain - Ancient Astronauts

    Heilig’s Blechle (bezie­hungs­wei­se: hei­li­ger Berg), aus­ge­rech­net die „Intro“ hat mir da was Schönes vorgespielt:

    Holy Mountain rei­sen mit Psychedelic Rock durchs All. Der Klang der Band aus Glasgow lässt sich grob im äuße­ren Grenzbereich von Hawkwind oder Black Sabbath ver­or­ten, lieb­äu­gelt jedoch auch mit Art Rock und Jazz.

    Jazz? Mein Stichwort! Aufmerksame Leser haben mög­li­cher­wei­se bemerkt, dass sich mein musi­ka­li­scher Schwerpunkt in den letz­ten Jahren ein wenig ver­scho­ben hat. Eine spo­ra­di­sche Leserin mei­ner Texte ließ sich unlängst zu der Bemerkung hin­rei­ßen, sie has­se Jazz, und viel­leicht ist „Ancient Astronauts“ das idea­le Album für sie, denn so jaz­zig ist’s eigent­lich gar nicht; ich höre dis­codro­gen­taug­li­chen Space-/Stoner-Rock mit klas­se Rhythmik und einer Gitarrenarbeit, die auch ande­re Rezensenten beeindruckt:

    Holy Mountain have a rough-hewn but artisan’s skill in one endu­ring musi­cal pro­duct: fashio­ning thun­king gre­at slabs of riffage.

    Seitens des Trios wird gerifft, dass es eine wah­re Freude ist, von Colour Haze über Deep Purple bis zu, ja, Black Sabbath rei­chen die Assoziationen des begei­ster­ten Hörers. Gesang gibt es auch, der aber mit sei­ner Verzerrtheit wahr­schein­lich gar nicht so wich­tig ist, weil’s auf „Ancient Astronauts“ inklu­si­ve dem Titelstück um den Kopfnickeffekt und nicht nur um tief­grün­di­ge Lyrik geht.

    Nein, „Ancient Astronauts“ hat einen ande­ren Schwerpunkt. Feiermusik für Stoner. Und, lie­be Leser und Hörer, dar­in sind sie wirk­lich gut. Gute Reise!

    Hörproben:
    Während Amazon.de wie­der ein­mal 30 Sekunden für aus­sa­ge­kräf­tig hält, hält immer­hin WiMP die Langversion des Albums vorrätig.

  6. Lena Bloch Quartet - Feathery

    Damit ihr nicht aus der Übung kommt, noch mal etwas Jazz.

    Lena Bloch ist eine rus­si­sche Saxophonistin, die nach ihrer Auswanderung 1990 durch Europa und Amerika rei­ste, um den Jazz zu ler­nen, und das nicht ohne Erfolg.

    Schon 1994 gewann sie den „Outstanding Performance Award“ (also den „Hervorstechender-Auftritt-Preis“), 1999 erwarb sie als Protegé von Keith Copeland und John Marshall an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln das Künstlerdiplom „mit Lob“ (cum lau­de). Bis 2006 lern­te sie ihr Handwerk noch bei vie­len wei­te­ren bekann­ten Jazzmusikern. Die Theorie also ist ihr kei­nes­falls fremd.

    Und die Praxis? So man­cher Festivalbesucher soll­te Frau Blochs Schaffen bereits selbst gehört haben, sei es wäh­rend der Leverkusener oder Ingolstädter Jazztage 2001, sei es wäh­rend der „Temple Of The Arts Jazz Festivals“ der letz­ten paar Jahre. So weit die Eckdaten.

    Auf ihrem dies­jäh­ri­gen Album „Feathery“ hat sie sich neben ihrem Tenorsaxophon auch wei­te­re Musiker zuge­legt, nament­lich Dave Miller (Gitarre), Cameron Brown (Bass) und Billy Mintz (Schlagzeug). Letztere bei­den eröff­nen das erste Stück „Hi-Lee“ (am Ende des Albums als „Hi-Lee (repri­se)“ fort­ge­setzt) mit einem sehr ange­neh­men Duett, bevor Saxophon und ein­zel­ne Gitarrentöne in den Rhythmus ein­stei­gen und ein ziem­lich luf­ti­ges Jazzstück for­men. „Hi-Lee“ ist Lee Konitz, Freund und Mentor von Lena Bloch, gewid­met, und wäre ich Lee Konitz, so errö­te­te ich ange­hörs des Stücks.

    Am song­wri­ting (ein fürch­ter­li­cher Begriff, denn gesun­gen wird hier eben­so wenig wie es sich um leich­te Liedchen han­delt) waren alle vier Musiker betei­ligt: Die über elf­mi­nü­ti­ge „Baby Suite“ stammt von Cameron Brown, des­sen Bass die Einleitung des Stücks domi­niert, das all­mäh­lich an Fahrt gewinnt und schließ­lich mal frei­för­mig, mal struk­tu­riert schon durch das Schlagzeug einen groo­ve ent­wickelt, den man im „moder­nen Jazz“ abseits der Jazzrock- und Zeuhlpfade so immer noch viel zu sel­ten zu hören bekommt. In „Rubato“ ist sein Komponist Dave Miller häu­fi­ger zu hören, im musi­ka­li­schen Liebesbrief „Beautiful You“ jedoch nicht Billy Mintz, der mit die­sem Titel bereits 2004 von sich reden mach­te; Schlagzeug und natür­lich Saxophon sind auf „Feathery“ ohne­hin allgegenwärtig.

    Dass es sich bei „Feathery“ eigent­lich um ein Debütalbum han­delt, was Lena Bloch doch bis­lang nur als Mitmusikerin in Erscheinung getre­ten, schmä­lert die Qualität nicht. Alle vier Instrumentalisten wis­sen, was sie tun, sie ver­zich­ten auf Effekthascherei oder Anbiederung. „Feathery“ macht Spaß und ent­spannt. Wohlfühljazz ohne auf­fäl­li­gen Makel. Toll!

    Hörproben:
    Wer sich nicht mit den halb­mi­nü­ti­gen Ausschnitten auf Amazon.com zufrie­den­ge­ben möch­te, der kann „Feathery“ momen­tan (Stand: 12. Juli 2014) auf ThirteenthNoteRecords.com in vol­ler Länge hören.

  7. Kamchatka - The Search Goes On
    „No more lost, tired and lonely / no more begging plea­se“ (Tango Decadence)

    Apropos Opeth, übri­gens.

    In den spä­ten 1990-er Jahren war auch ich - wie vie­le Menschen mei­nes Alters - dem Punk von Bands wie Bad Religion und The Offspring gegen­über noch auf­ge­schlos­se­ner als heu­te. Irgendwann ver­lor die­se Szene für mich aller­dings deut­lich an Reiz und ich wand­te mich ande­ren Beschäftigungen als dem Versuch, beim Rauchen cool aus­zu­se­hen und die pas­sen­de Musik zu hören, zu, wirk­lich gefal­len hat­te es mir ja sowie­so nie.

    Was ich am Punk aller­dings zu schät­zen wuss­te, war die Angewohnheit, die Gitarre zu miss­han­deln. Das Laute, Schnelle, Hektische ist es auch, das ich bis heu­te inter­es­sant fin­de; und so begann mei­ne Entdeckungsreise in die Welt der sin­gen­den Gitarren weit­ge­hend unauf­fäl­lig, führ­te mich aber inzwi­schen zum Stoner Rock, Bluesrock und Postrock und wie­der zurück.

    Insofern ver­setzt mich „The Search Goes On“ von Kamchatka in Entzücken. Das schwe­di­sche Trio Kamchatka - wie die Insel - spielt auch auf sei­nem fünf­ten Studioalbum „The Search Goes On“ einen ziem­lich erdi­gen, ziem­lich guten Bluesrock. Und, tat­säch­lich, die Gitarre singt im Duett mit ihrem Besitzer Thomas Andersson vor­treff­li­che Liedlein.

    Die Suche geht wei­ter. Wonach wird gesucht? Vielleicht nach den Wurzeln, gräbt man doch tief in den spä­ten 1960-er und frü­hen 1970-er Jahren nach sei­nen Quellen. Dazu wür­de zumin­dest das cover pas­sen, das eini­ge sin­ken­de Taucher zeigt. Gelegentliche Anleihen am Stoner Rock („Thank You For Your Time“) sind für das hier Dargebotene jeden­falls eine Bereicherung, Vergleichen mit Deep Purple hal­ten die drei haa­ri­gen Herren - Per Wiberg, ehe­mals unter Anderem bei Opeth, hat inzwi­schen Roger Öjersson am Bass abge­löst - pro­blem­los stand.

    Anders gesagt:

    Ein ech­tes 70ies-Groove’n’Roll-Monster was das Trio Kamchatka da auf CD haben pres­sen lassen!

    Entfesselt das Monster! Keine Angst, es war­tet nicht unter eurem Bett, es will nur spie­len; näm­lich hörens­wer­te Rockmusik mit Pfeffer. Guten Appetit!

    Hörproben:
    Zu „Tango Decadence“ gibt es ein Musikvideo. Wem ein kur­zer Ausschnitt reicht, der möge die ande­ren Stücke auf Amazon.de pro­be­hö­ren, anders­ar­ti­ge Interessenten kön­nen zum Beispiel zu WiMP greifen.

  8. END - People of the Stream’s Mouth
    „Don’t waste your days and focus now, then the future should be bright“ (Tightrope Walkers on the Run)

    Nico findet’s gut, und auch Peter lob­pries die Schweizer END bereits im März:

    Cooler Breitwand-Pop, geschmack­vol­ler Alternative-Rock, “People of the Stream’s Mouth” ist eine Wundertüte prickeln­der Ideen, hand­werk­lich her­vor­ra­gend umge­setzt und von hohen Unterhaltungswert. (…) End, das sind flir­ren­de Gitarren, Melodien satt, mehr­stim­mi­ger Gesang und Ideen für eine gan­ze Handvoll respek­ta­bler Debüts. Gutes Album, mei­ne Herren, weitermachen.

    Da kann natür­lich auch ich nicht wider­ste­hen und höre mal rein; und mein strö­men­der Mund steht stau­nend offen: Was da nicht alles drin­steckt! Die unver­meid­li­chen Beatles, klar, aber auch: Oasis und aller­lei „Indie-Rock“, was auch immer man dar­un­ter im Einzelfall ver­ste­hen möchte.

    Auf „People of the Stream’s Mouth“ pas­siert zumin­dest eine Menge, was man von ande­ren Vertretern die­ser Sparte nicht unbe­dingt behaup­ten soll­te. Allein schon das Stück „Alaska“ ist atmo­sphä­risch unglaub­lich dicht, gleich­zei­tig beklem­mend und befrei­end wie auch das zuge­hö­ri­ge Video. Sonst so? Placebo-Poprock („Adrift“), Folkrock („Disconnected“), fet­zi­ges Gitarrendurcheinander („Tightrope Walkers on the Run“), schö­ne Bassrhythmen („In Amber“), Weltraumkeyboards („Levitate“, wie passend!).

    Mankos? Schwierig. Ich äußer­te an ande­rer Stelle, der Gesang sei etwas ner­vig, aber Luca Daniels (Mikrofon und Gitarre) Einsatz ist eigent­lich gar nicht mal schlecht. Gelegentlich erin­nert mich das alles an Placebo, mög­li­cher­wei­se hat das Abwehrreflexe her­vor­ge­ru­fen. END, das sind Placebo ohne Kopfschmerzen und aus der Schweiz. Ein präch­ti­ges Land.

    Wofür der Bandname END steht, weiß ich übri­gens nicht. Am Ende ist das aber wahr­schein­lich auch nicht wichtig.

    Hörproben:
    Das Album ist momen­tan (13. Juli 2014) per SoundCloud in gan­zer Länge hör­bar, auf YouTube gibt es schicke Videos zu „Adrift“ und wei­te­ren Liedern.

  9. Pixies - Indie Cindy
    „Give me the pow-wow, give me the hexe!“ (Blue Eyed Hexe)

    Wer übri­gens auch immer noch da ist, sind die Pixies, die schon in den 1980-er Jahren ziem­lich auf­ge­dreht haben.

    Seit ihrer jüng­sten Reformation im Jahr 2004 hat die beein­drucken­de Bassistin und Sängerin Kim Deal die Pixies lei­der ver­las­sen, ihr Ersatz Kim Shattuck von den Muffs sprang nur vor­über­ge­hend ein (sie ist auf „Indie Cindy“ zu hören) und wur­de noch im glei­chen Jahr wie­der gefeu­ert; seit Ende 2013 ist die Argentinierin Paz Lenchantin die Frau am Bass.

    Und eigent­lich fehlt auch nichts, die Pixies klin­gen immer noch frisch wie damals, Charles Thompsons Alter Ego Black Francis hat von sei­ner Energie nur wenig ein­ge­büßt. Mit „What Goes Boom“ beginnt „Indie Cindy“ stan­des­ge­mäß mit kräf­ti­ger Gitarre, die Rhythmusgruppe tritt mit Schmackes voll in die Eisen, wäh­rend ihr Frontmann gewohnt mehr­deu­ti­ge Texte rezi­tiert. Der Refrain - wie einst „Debaser“ oder „Hey“ - ist einprägsam:

    Make
    Some
    Room
    What
    Goes
    Boom

    Kann man sich mer­ken, kann man auch zu fort­ge­schrit­te­ner Stunde noch mit­brül­len. Höchst erfreu­lich für uns, die wir es bis­wei­len ja doch auf die fron­ta­le Breitseite der Pixies abge­se­hen haben und lei­se Töne gar nicht erst erwarten.

    Dabei kön­nen sie auch anders: Nick Cave & The Bad Seeds kom­men - wäre da nicht der schlim­me Weezer-Gedächtnisrefrain - im Titelstück in den Sinn, an wen mich das super­be „Bagboy“, das zunächst auf der „EP1“ als erstes Stück nach Kim Deals Weggang ver­öf­fent­licht wur­de, mit sei­nem Wechselgesang (cover your breath, polish your speech!) erin­nert, weiß ich nicht; viel­leicht am Ehesten noch an die Pixies selbst. Sie zu covern sei schwie­rig, heißt es, und auch im Jahr 2014 stel­len die Pixies wie­der unter Beweis, was (neben obsku­ren Liedtiteln wie „Blue-Eyed Hexe“) wir eigent­lich an ihnen haben.

    Das ist vor allem eine Menge Spaß.

    Hörproben:
    Ein annehm­ba­res Livevideo zu „What Goes Boom“ gibt es auf YouTube, ein Musikvideo zu „Bagboy“ auf Vimeo zu sehen. Auf Amazon.de könnt ihr „Indie Cindy“ als Doppelvinyl mit CD kau­fen und drei­ßig­s­ekün­dig rein­hö­ren, per WiMP und Grooveshark auch in vol­ler Länge.

  10. Carla Bozulich - Boy
    „Why do you think that I sing about the­se things that I do?“ (Ain’t No Grave)

    In Progressive-Rock-Kreisen sind zwei Carlas mitt­ler­wei­le welt­be­kannt: Die US-ame­ri­ka­ni­sche Violinistin Carla Kihlstedt arbei­te­te schon mit John Zorn und Fred Frith zusam­men, regel­mä­ßi­ge Leser mei­ner Rezensionen ken­nen auch ihr Projekt The Book of Knots, deren Album „Traineater“ ich 2011 lobend her­vor­hob.

    Auf „Traineater“ ist die ande­re Carla am Mikrofon zu hören: Carla Bozulich, erst­mals im Umfeld von Sleepytime Gorilla Museum auf­ge­taucht und seit­dem mit diver­sen Musikgruppen wie etwa ihrer eige­nen Band Evangelista zugan­ge, hat mit „Boy“ nach eini­gen Jahren wie­der ein­mal ein Soloalbum unter ihrem eige­nen Namen auf­ge­nom­men. Solo? Nun ja, zu hören sind neben Frau Bozulich ein Schlagzeuger, ein Keyboarder und ein Hintergrundchor, aber alle Beteiligten waren offen­bar damit ein­ver­stan­den, ihren Namen nicht pro­mi­nent auf das Album drucken zu lassen.

    Die Musik von Evangelista wag­te schon immer den Spagat zwi­schen Zerbrechlichkeit und Aggression, sie ist sanft und zugleich rau. Mit „Boy“ pflegt Carla Bozulich ihren gewohn­ten Stil wei­ter. Müsste ich Vergleiche bemü­hen, ich wähl­te „Tom Waits in weib­lich“, was bei­den Künstlern gegen­über zutiefst unfair wäre, wes­halb ich dank­bar bin, dass das gar nicht nötig ist.

    Zumal Frau Bozulich auch wesent­lich zurück­hal­ten­der musi­ziert, die Aggression, die in Tom Waits‘ Schaffen immer wie­der her­vor­scheint, fehlt hier. Das eröff­nen­de „Ain’t No Grave“, das die dezen­te Avantgarde von Evangelista erah­nen lässt, ist noch eins der här­te­ren Stücke, aber es bleibt still. In der Ruhe liegt die Kraft; die dann auch „Deeper Than The Well“ und „One Hard Man“ aus­strah­len, wäh­rend eine Gitarre und aller­lei Elektronisches beglei­tend schep­pern. Die Bad Seeds tref­fen auf broken.heart.collector und las­sen Gwen Stefani auch mal sin­gen. Kammerprog, Jazzpop. Genres sind für’n Arsch.

    Egal, wie mör­de­risch die Texte sind („I’m gon­na stop kil­ling today, make bet­ter use of my hands“, in: „Gonna Stop Killing“), Carla Bozulich bleibt gelas­sen. Beängstigend und des­halb fas­zi­nie­rend. „Boy“ sei ihr „Popalbum“, behaup­tet das Beiheft zur CD. Ich habe Pop viel schlim­mer in Erinnerung. - Erwähnte ich, dass ich den Gesang mag?

    Hörproben:
    Amazon. WiMP. Grooveshark. Völlig egal. Live? „One Hard Man“. Noch ver­rück­ter als auf dem Album, stil­echt mit Kerzenlicht. Hörbefehl!

  11. Closure In Moscow - Pink Lemonade
    „Do you know you’re a lovely old soul?“ (Seeds of Gold)

    Mit „Pink Lemonade“ - die­ser Name! - schließ­lich legen die Australier Closure In Moscow - die­ser Name! - eines der abwechs­lungs­reich­sten Musikalben der ersten Jahreshälfte vor.

    Geprägt ist das Album von einer Zerrissenheit, die auch RIO/Avant-Bands wie Sebkha-Chott aus­zeich­net, obwohl Closure In Moscow weni­ger albern agie­ren und auch einen deut­lich gerin­ge­ren Metalanteil haben. Mehr noch als Sebkha-Chott kom­men dem geneig­ten Rezensenten aller­dings die guten alten Mr. Bungle in den Sinn, die ihrer­zeit musi­ka­li­sche Späße wie „Egg“ und „Girls of Porn“ aufnahmen.

    Zwar haben Closure in Moscow kei­nen Mike Patton als Sänger, den­noch schaf­fen sie es, mit ins­ge­samt sechs Gastsängern (deren Beitrag dann auch schon mal als „Vocals and gene­ral ado­rableness“ beschrie­ben wird) ziem­lich nen­nens­wer­te Leistungen zu voll­brin­gen. Dass sich die Vertracktheit von „Pink Lemonade“ hin­ter Wohlklang ver­birgt, steht außer Frage, und dass Titel wie „Mauerbauertraurigkeit“ (sic!) genau so klin­gen, wie sie hei­ßen, ist höchst will­kom­men; dann steht eben schon mal das Indie-Rock-Pop-Lied „Seeds of Gold“ neben der Psychedelic-Suite „That Brahmatron Song“. Na und?

    „That Brahmatron Song“ (was genau ein Brahmatron sein soll, konn­te ich bis­lang nicht in Erfahrung brin­gen) ist ohne­hin ein gutes Beispiel, wie’s auch gehen kann: Nach einem weit­ge­hend unauf­fäl­li­gen intro folgt zunächst ein Alternative-Rock-Teil, in dem der „Brahmatron Song“ als nicht gött­lich, eher sata­nisch beschrie­ben wird. Brahma, der hin­du­isti­sche Schöpfungsgott, ist wahr­schein­lich also nicht betei­ligt. Das Stück geht zum Ende hin in ein ziem­lich psy­che­de­li­sches, über­dreh­tes Finale über.

    Ach, über­dreht? Schalten wir mal zwei Stücke zurück: „Neoprene Byzantine“ klingt wie von einer noch brei­te­ren Version von The Mars Volta, und auch das Titelstück schlägt in die­se Kerbe. Unterschiede? Es gibt mehr Sänger bei­der­lei Geschlechts, mehr Psychedelisches, mehr Effekte, mehr Spaß. Mir waren The Mars Volta immer etwas zu hek­tisch, Closure In Moscow dosie­ren ihre Mittel hin­ge­gen genau rich­tig. Massenware ist „Pink Lemonade“ nicht, eher im Gegenteil:

    Wer sich etwas Ungewöhnliches, teil­wei­se abge­fah­ren Proggiges antun möch­te, der soll­te mal Closure in Moscow antesten.

    Einfach mal was aus­pro­bie­ren. Schließung in Moskau, Tanz auf den Tischen.

    „ピンクレモネード“, so heißt das letz­te Lied, ist übri­gens Japanisch und bedeu­tet so viel wie - ihr ahnt es - rosa Limonade. Prost!

    Hörproben:
    Zu „Seeds of Gold“ gibt es ein Video auf YouTube, zum Anfixen mag’s genügen.

2. In Kürze

War das schon alles? Aber nein! Diese drei Alben möch­te ich zumin­dest noch kurz erwäh­nen, bevor es zum näch­sten Thema geht:

  1. Subway to Sally - Mitgift

    Die ost­deut­sche Mittelalter-Metal-Combo Subway to Sally, die ab Mitte der 1990-er Jahre ein paar (im Wortsinne) fabel­haf­te Musikalben auf­ge­nom­men hat, bevor sie es vor­über­ge­hend mit mehr Elektronik und weni­ger Authentizität ver­sucht hat­te, hat mit dem Konzeptalbum „Mitgift“ - Untertitel: „Mördergeschichten“ - zu alter Form und Stärke zurück­ge­fun­den. „Was uns einst von Gott gege­ben, wird uns auch der Tod nicht neh­men“ („Schwarze Seide“). Bittersüß und wunderbar.

  2. iamt­he­morning - Miscellany

    Das rus­si­sche Duo iamt­he­morning - jeden­falls behaup­tet das Internet, sie sei­en im Kern zu zweit - ist für regel­mä­ßi­ge Leser mei­ner Rezensionen ein bekann­tes, sein Album „~“ fand ich 2013 ja wort­reich gut. Nun also statt eines kryp­ti­schen Titels ein eben­falls nicht ziel­füh­ren­der. „Miscellany“, „Vermischtes“. Pünktlich am 1. Januar 2014 erschien die­se EP von etwas über 23 Minuten Spieldauer in Vorbereitung auf das zwei­te Vollzeitalbum, das ich dann mal in mei­nem schier gren­zen­lo­sen Optimismus noch in die­sem Jahr erwar­te. Zu hören gibt es über­wie­gend schö­nen unplug­ged-Kammerrock mit vie­ler­lei Streichern und umwer­fen­dem Gesang (Vorder- und Hintergrund) von Marjana Semkina. Es gibt auch einen Stream. Augen zu und hinein!

  3. We Insist! - We Insist!

    Ein Album, das wie die Band heißt. Ausdruck man­geln­der Kreativität? Manchmal schon, aber auf We Insist! trifft das nicht zu. Saxophonist François Wong und zwei­ter Gitarrist Julien Divisia sind weg, zurück bleibt ein Trio mit zwei Gastsängern und einem Gastakkordeonisten. Rudimentär musi­zie­ren die Herren den­noch nicht, schon das eröff­nen­de „While the West is Falling“ über­fällt den Hörer mit fet­zi­gem Mathrock und einer ange­neh­men Dosis RIO/Avant, „First Draft“ über­zeugt mit nach vorn pre­schen­den Strophen und einem zer­ris­se­nen Rhythmus, der jedes stu­pi­de Mitklatschen qua­si ver­bie­tet. „Grinding Down The Pole“ klingt sogar mit einem Banjo dreckig. Mathrock, wie er sein muss. Ich mag die Richtung, in die sich die Band ent­wickelt. Reinhören!

3. Ins Downloadverzeichnis

  • Tacita Intesa - Tacita Intesa

    Auch Italien weiß in die­sem Jahr zu über­zeu­gen: Tacita Intesa („Stillschweigendes Einverständnis“) aus der Toskana legen zwei Jahre nach ihrer Gründung mit ihrem Debütalbum ein kurz­wei­li­ges Psychedelic-Rock-Werk vor, das den Spuren von Pink Floyd und Genesis bleibt, gleich­wohl mehr bie­tet als eine blo­ße Kopie.

    Der „Valzer del­la Morte“ ist tat­säch­lich ein sol­cher, im kur­zen „Portmanteau“ klingt (sanft) Hardrock an, „Corona“ ist ein floy­des­kes Stück, dem Daniele Stocchi (Keyboards und Synthesizer) eben­so mar­kant sei­nen Stempel auf­drückt wie auch dem Rest des Albums. Der (natür­lich ita­lie­ni­sche) Gesang von Gitarrist und Sänger Alessandro Granelli run­det „Tacita Intesa“ ab.

    „Tacita Intesa“ ist ein sehr ita­lie­ni­sches Album, und ich mei­ne das posi­tiv: Zwar ori­en­tiert es sich wie vie­le ita­lie­ni­sche Musikalben der letz­ten Jahre mit­un­ter stark am klas­si­schen Progressive Rock, aber die fünf Musiker tra­gen über das blo­ße Nachahmen hin­aus eine Spielfreude mit sich, die bei­na­he ansteckend ist. Ich bin gespannt, was da noch kommt.

    Runterholen:
    „Tacita Intesa“ gibt es auf Bandcamp.com als Stream und zum Herunterladen und Kaufen, aber auch via eMule wer­det ihr fündig.

4. Ins Kröpfchen

Es ist nicht alles rund, was sich dreht, und wenn die Medien etwas gut fin­den, dann haben sie nur all­zu oft Unrecht. Platten anhand ihrer Bewertungen auf Amazon.de zu kau­fen. Ein neu­es Jahr, ein neu­es „hät­tet ihr mal lie­ber nicht“. Natürlich möge ein jeder Musiker das tun, was ihm Spaß macht, und wie auch der Rest die­ser Liste ist mei­ne Aversion gegen man­ches eine sehr per­sön­li­che Auffassung von dem, was gute und weni­ger gute Musik ausmacht.

Ich mache jeden­falls bei fol­gen­den dies­jäh­ri­gen Musikalben und EPs aus:

  • Caravan - Paradise Filter
    Die wohl lang­le­big­ste Gruppe aus dem Canterbury-Umfeld ist immer noch da. Allmählich fra­ge ich mich nur, wofür das gut ist.
  • Empire Years - Come Alive
    Kostet (auf Wunsch) nichts und wäre wirk­lich eine ziem­lich pri­mae Postpunkscheibe, wenn man nicht stän­dig die­sen schreck­li­chen Unheilig-Gedächtnisgesang im Ohr hätte.
  • Pharrell Williams - G.I.R.L.
    Warum One-Hit-Wunder - „Happy“ macht mich gar nicht mehr fröh­lich - immer gan­ze Alben auf­neh­men müs­sen, ist mir unklar. Man weiß doch, wie es endet.
  • The Melodic - Effra Parade
    Hier ist bei­na­he alles drauf, was auf Alben von Belle and Sebastian zu hören ist, lei­der jedoch nichts von dem, was auf Alben von Belle and Sebastian hörens­wert ist.
  • Kaukasus - I
    Dies wäre groß­ar­ti­ger Retro-Folk-Prog von Mitgliedern von Änglagård, Motorpsycho und Opium, wenn der Gitarrist nicht auch ver­su­chen wür­de zu sin­gen. Sehr schade.
  • Yes - Heaven & Earth
    Nach dem eigent­lich recht guten „Fly from Here“ von 2011 legen die guten alten Yes mit schon wie­der neu­em Sänger jetzt eine unglaub­li­che Scheiße vor. Chris Squire sag­te im „eclipsed“-Interview, ihr Ziel sei­en die welt­wei­ten Hitparaden. Nun denn.

Aber genug von heu­te. Wie war’s gestern?

5. Aus der Geschichte

  • Vor 40 Jahren:
    1974 - Erich Kästner starb, die Jackson Five erklom­men gera­de die US-ame­ri­ka­ni­sche und Suzi Quatro die deut­sche Hitparade - war ein Jahr der letz­ten Male für den Progressive Rock. In Deutschland beweg­ten sich Grobschnitt mit ihrem zwei­ten Album Ballermann, ins­be­son­de­re mit dem ent­hal­te­nen Liveklassiker „Solar Music“, auf den Höhepunkt ihrer Karriere zu, King Crimson ver­öf­fent­lich­ten mit Red und Starless and Bible Black zwei ihrer besten Studioalben, bevor sie sich - nicht zum letz­ten Mal - vor­erst trenn­ten. Auch bei den Canterbury-Urgesteinen Caravan, die ihren Bassisten John Perry durch Mike Wedgwood ersetz­ten, und den RIO/Avant-Pionieren Henry Cow gab es Änderungen: Mit Unrest erschien das letz­te regu­lä­re Henry-Cow-Album mit John Greaves; nach dem anschlie­ßen­den Zusammenschluss mit Slapp Happy ver­ließ der Bassist die Band, die sich 1978 schließ­lich auf­lö­ste. Yes, deren Keyboarder Rick Wakeman es ein­mal solo ver­su­chen woll­te, konn­ten den Personalwechsel bes­ser ver­kraf­ten, lie­hen sich Patrick Moraz von Refugee aus und nah­men das für ihre Verhältnisse recht raue, spa­ci­ge Album Relayer mit dem aus­ufern­den „The Gates of Delirium“, das lose auf Tolstois „Krieg und Frieden“ basiert, auf, das in mei­ner per­sön­li­chen Yes-Bestenliste weit vor dem Konsensalbum Close To The Edge steht und eini­ge groß­ar­ti­ge Textzeilen („Cha cha cha / cha cha“, „Sound Chaser“) für die Ewigkeit kon­ser­vier­te. Rick Wakeman kehr­te für das Folgealbum Going For The One wie­der zurück, Relayer bleibt jedoch unver­gäng­lich. Das ist sehr nett von Yes.
  • Vor 30 Jahren:
    1984 war kei­ne Anleitung! Wofür auch? Dafür pas­sier­te viel zu viel: Richard von Weizsäcker wur­de Bundespräsident, der Apple Macintosh wur­de ein­ge­führt, Die Ärzte ver­öf­fent­lich­ten mit Debil - zuvor gab es bereits eine EP sowie das Minialbum Uns geht’s pri­ma… - ihr erstes, Die Toten Hosen mit Unter fal­scher Flagge ihr zwei­tes Album. RIO hat­te sich auch in die­ses Jahr her­über­ge­ret­tet: Chris Cutler von Henry Cow mach­te mit Cassiber wei­ter und nahm mit die­sen das impro­vi­sier­te, sym­pa­thisch schrä­ge Album Beauty and the Beast auf. King Crimson zer­streu­ten sich der­weil nach Three of a Perfect Pair wie­der ein­mal in alle Winde. Die Red Hot Chili Peppers ver­öf­fent­lich­ten ihr Debütalbum und Herbert Grönemeyer das Mitgrölalbum 4630 Bochum („Alkohol“, „Flugzeuge im Bauch“). Magma brach­ten mit Merci ein ver­zicht­ba­res Album zu Gehör, Marillion indes mach­ten es bes­ser: Dem Debütalbum Script for a jester’s tear lie­ßen die fünf Briten, nach­dem sie den etwas holp­rig spie­len­den Schlagzeuger Mick Pointer aus­ge­tauscht hat­ten, das kriegs­kri­ti­sche Fugazi fol­gen, das zum Meilenstein des „Neo-Progs“ wur­de. Bis zu „Kayleigh“ war es dann aber lei­der nicht mehr weit.
  • Vor 20 Jahren:
    „Man muss sich ganz schön ein­schrän­ken, wenn Krieg ist“ stell­ten Die Goldenen Zitronen auf dem 1994 erschie­ne­nen Das biß­chen Totschlag lapi­dar fest. An Krieg man­gel­te es ja auch in die­sem Jahr nicht, ins­be­son­de­re in Ruanda wur­de hart gekämpft. Dazu pass­te das Album The Downward Spiral der Nine Inch Nails, das vom „Rolling Stone“ zutref­fend als musi­ka­li­sche Existenzangst beschrie­ben wur­de, im Grunde eben­so gut wie Definitely Maybe, das Debütalbum von Oasis, von denen ich immer Kopfweh krieg. Heute heißt’s immer­hin „Nie wie­der Oasis“, 1994 hin­ge­gen for­der­te die Erste Allgemeine Verunsicherung: Nie wie­der Kunst. Dessen unge­ach­tet nah­men die ver­rück­ten Japaner Kōenji Hyakkei mit ihrem Debütalbum Hundred Sights of Kōenji Kunst zwar nicht auf’s Korn, aber auf. Irgendwann im März des Jahres lösten sich Nirvana auf, ihr Frontmann Kurt Cobain hat­te aber nicht mehr viel davon. „Me and my fuck­ing gun“ (Nine Inch Nails, „Big Man With A Gun“) - so fügt sich alles zusammen.
  • Vor 10 Jahren:
    Ähnlich, wie 1974 ein Jahr der letz­ten Male war, war 2004 ein Jahr der Anfänge. Mark Zuckerberg, Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin grün­de­ten Facebook, ein paar Vereinsmeier grün­de­ten Wikimedia Deutschland, selbst­be­ti­tel­te Debütalben gab es unter Anderem von BIO, dem Kammer-Jazzrock-Quartett Far Corner, Steven Wilsons unge­zähl­tem Nebenprojekt Blackfield (mit Aviv Geffen) und der Schweizer Stoner-Rock-Band Monkey3. 2004 beleb­te im Übrigen Graham Sutton die Band Bark Psychosis, die nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums HEX zehn Jahre zuvor aus­ein­an­der­ge­bro­chen war, wie­der. Für das Album ///CODENAME:dustsucker hol­te er neben dem Urmitglied Mark Simnett (Schlagzeug) auch vie­le Gastmusiker ins Studio, mit denen Bark Psychosis zum Teil bereits frü­her zusam­men­ge­ar­bei­tet hat­ten, dar­un­ter Lee Harris (Talk Talk, .O.rang). Das Ergebnis hat es unter Anderem in die Liste der „250 besten unbe­kann­ten Platten“ im „Musikexpress“ (aktu­el­le Ausgabe) geschafft, kann sich aber auch sonst hören las­sen: „Eine wun­der­ba­re Scheibe“ für Freunde von Mark Hollis‘ Musik lie­ge hier vor, Postrock von sei­ner zer­brech­li­chen Seite. Seit 2005 haben Bark Psychosis aller­dings nur wenig Aktivität gezeigt. Ich hof­fe, sie kom­men zurück.

Dass sich seit Ende Juni noch eini­ge wei­te­re Musikalben ange­sam­melt haben, die ich hier nicht berück­sich­tigt habe, spricht dafür, dass es im Dezember mit einer wei­te­ren Rückschau wei­ter­ge­hen wird. Kritik, Anmerkungen und Ergänzungen sind willkommen.

Bis dann!

(Für S.)

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