KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2014 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 13 von 15 der Serie Jahresrückblick

Huch, schon Mitte Juli! Hättet ihr mir nicht was sagen können?

Ein halbes Jahr ist längst vorbei, und ihr wisst, was das bedeutet: Hier gibt’s Musik satt – alles, was bis Ende Juni so in meiner Bestenliste gelandet ist – zu lesen. Entgegen der öffentlichen Meinung ist die Nummerierung allerdings willkürlich gewählt. Ranglisten sind Firlefanz.

Auch diesmal sind mehrere Musikalben, die eine Erwähnung verdient haben, bereits an anderer Stelle gewürdigt worden, so dass ich mich darauf beschränken möchte, Fuck Off Get Free We Pour Light on Everything von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra und 64 von Last Remaining Pinnacle an dieser Stelle unbedingt auch noch mal empfohlen zu haben. Aus der Wertung fällt im Übrigen auch der als solcher allerdings hervorragende Sampler 2014 der hörenswerten Her Name Is Calla. Ein nennenswertes Jubiläum folgt erst 2015, dann ist die Hillbilly-Band Skillet Lickers, momentan mit Enkel und Urenkel ihres Gründers Gid Tanner, seit 90 Jahren im Geschäft.

Wie üblich besteht diese Rückschau aus mehreren Teilen, nach einer Übersicht über die Kaufbefehle für den Herbst wird es auch wieder ein paar Reinfälle, aber auch einen Griff in die Musikgeschichte geben. Ich freue mich jetzt schon darauf.

Viel Vergnügen!

1. Ins Töpfchen

  1. Mogwai – Rave Tapes
    „And thanks for all this / Trying to listen / Remembering a kill.” (Blues Hour)

    Nach dem Soundtrack zu „Les Revenants” im Vorjahr legen Mogwai 2014 mit „Rave Tapes” schon wieder ein neues Studioalbum – ihr siebtes – vor. Diese Schotten geizen nicht.

    Mogwai erfinden sich immer wieder neu, ohne dabei wie viele ihrer Mitstreiter irgendwann ihren Markenkern aufzugeben. Dabei lassen sie sich immer wieder etwas Neues einfallen. Nein, keine Sorge; trotz des Namens wird hier kein Love-Parade-Unfug gecovert.

    Gespielt wird stattdessen weiterhin hochqualitativer Postrock vorwiegend instrumentaler Natur, lediglich in „Repelish” und „Blues Hour” sind Texte zu hören, mal gesprochen, mal gar gesungen; „Blues Hour” erinnert den geneigten Rezensenten nicht nur deswegen an die viel zu früh zerstreuten Aereogramme. Mogwai waren schon immer groß darin, ihr stilistisches Repertoire subtil zu erweitern.

    Dass Mogwais Kompositionen immer kürzer zu werden scheinen und auch auf „Rave Tapes” kein neues „Mogwai Fear Satan” oder „Stereodee” zu hören ist, sei hier auch mal geschenkt. Die Kunst, in kurzer Zeit ohne Worte viel zu erzählen, beherrschen Mogwai immer noch vorzüglich, obwohl die angeschlagenen Töne doch leiser geworden sind. Während die Genrekollegen von A Silver Mt. Zion immer ausschweifender werden, breiten Mogwai ihre Klangflächen stattdessen einfach auf immer größeren Leinwänden aus. Das wirkt im Kopf und verschwendet keine Zeit. Wie schön.

    Hörproben:
    Auf YouTube gibt es unter Anderem gute Liveversionen von „Remurdered” und „Blues Hour” (letztere allerdings mit unangenehm wackeligem Kamerabild), Freunde von Streamingdiensten werden bei WiMP, Grooveshark sowie auszugsweise auf Amazon.de fündig.

  2. Karokh – Karokh

    Ich schätze Musikgruppen, die direkt mit denen, die ihren output konsumieren, kommunizieren, sehr.

    Neben echolyn gehören auch Karokh – nicht mit der afghanischen Stadt Karukh zu verwechseln – aus Oslo zu denen, die offenbar gelegentlich Twitter nach Relevantem durchsuchen; meine Empfehlung des Liedes „Flowers Every Day” entging ihnen jedenfalls nicht.

    Dass Karokh erst seit 2010 existieren, verschafft ihnen die angenehme Freiheit, noch keine Erwartungen erfüllen zu müssen. Vielleicht auch deshalb überraschen sie mich positiv: Neue Bands, die irgendwas mit Jazz machen, schaffen es selten, ein durchweg starkes Album zu präsentieren. Dass ein Stück auf dem Album „Surf Decadence (Ooh Ooh)” heißt, sollte niemanden abschrecken (oder vielleicht absichtlich doch); auf „Karokh” von Karokh gibt es andererseits immerhin auch ein Stück namens „Karokh”.

    „Irgendwas mit Jazz” ist wahrscheinlich eine ziemlich präzise Genreschubladisierung für „Karokh”. Ich finde Schubladen ja prinzipiell zu unpräzise. So auch diesmal:

    (…) Karokh bieten vielschichtige und intelligente Kompositionen, die auch bei anfänglicher Abneigung mehrere Anläufe verdienen. (…) Obwohl Karokh, von der Trompete abgesehen, generell mit Rock-typischer Instrumentierung agieren, die neben Gesang aus Gitarre, Bass und Schlagzeug besteht, sind auch zwei Synthesizer Teil des Line-Ups. Diese glänzen ebenfalls mit subtilem Einfluss – es gibt zum Glück keine kitschigen Horror-Synth-Linien. Vielmehr stützen die Synthesizer die Stimmung der Songs, steuern untypische Klänge bei, oder tragen auch mal mit einem Retro-Solo (Surf Decadence) zum Repertoire bei.

    Untypisch ist auch Ina Sagstuens Gesang, der mal im Vordergrund steht, mal („Once More No Bear”) sich wie ein weiteres Instrument im Geflecht einfügt. Frau Sagstuen säuselt („Into The Wild”), singt und stöhnt sich durch die bisweilen geradezu abgefahrene Musik, die ihre sechs Bandkollegen ihr kredenzen, dass es eine wahre Wonne ist.

    „Genre: /alternative/rock/” ist auf einer der Internetpräsenzen von Karokh zu lesen, und wenn das Rock ist, so will ich fortan Kevin heißen. Nein, Karokh steuern treffsicher an jeder Stilschublade vorbei, und auch, wenn eine Trompete allein noch keine große Kunst erschafft (auch die seltsamen Touch and Go hatten ihren bislang größten Erfolg ja mit einer solchen), bleibt unbestritten, dass man hier guten Gewissens die Theorie begraben und sich ganz auf das Gehörte einlassen sollte. Eyal Hareuveni nannte „Karokh” ein „höchst beeindruckendes Debütalbum mit einer bemerkenswerten Sängerin”. Ich finde das untertrieben. Ganz, ganz groß.

    Hörproben:
    „Flowers Every Day” ist ebenso auf YouTube zu finden wie „Into The Wild”. Auf Amazon.de gibt es „Karokh” leider nur in der MP3-Fassung, der Streamingdienst WiMP zumindest auch in HiFi-Qualität.

  3. Dawn – Darker
    „I’m cool.” (Cold)

    Nichts passiert. Oder doch?

    Das aktuelle Album „Darker” des Schweizer Quartetts Dawn beginnt mit leisen Orgeltönen. „Yesterday’s Sorry”, das Eröffnungsstück, lässt sich Zeit zur Entfaltung. Nach etwa einer Minute setzt kingcrimsonesques Spiel (entweder haben sich die vier Herren ein Mellotron zugelegt oder Nicolas Gerber ist ein wahrer Keyboardvirtuose) im Stil derer ersten beiden Alben, ergänzt durch Starcastle-Keyboards, ein.

    Zugegeben: Neu ist das alles nicht. Marillion-Fans mag der lockere Retro-Prog von Dawn bekannt vorkommen, wir Freunde des Progressive Rocks wissen auch den gelegentlich (etwa in „Cold”) hohen Gesang von René Degoumois zu schätzen.

    Aber an Abwechslung soll es nicht mangeln – von King Crimson (insbesondere „Cold”) aus geht die Reise noch weiter. Fällt mir im Instrumentalstück „Lullabies for Gutterflies” noch das Penguin Cafe Orchestra ein, so sind im mehrteiligen Neunzehnminüter „8945” Pink Floyds „Echoes” nicht weit: Auf einen pinkfloydesquen Anfangsteil mit affektiertem Gesang folgt ein träumerischer Gitarrensolopart, in den nach einer Weile die anderen Instrumente einstimmen, unterbrochen durch den Refrain. Nach einem viel zu kurzen postrockigen Zwischenspiel nach etwa zehn Minuten wird vom Keyboard wiederum das Thema vom Anfang aufgegriffen.

    „8945” endet schließlich in einem furiosen Finale mit Climax, die im Progressive Rock ja durchaus üblich ist, aber hier besonders gut passt: Am 9. August 1945 wurde die Atombombe „Fat Boy” über Nagasaki gezündet, wovon in „8945” gelegentlich ein Sprecher erzählt; wie man so liest, wurde das Stück nach diesem Ereignis benannt. Zum Glück gibt es keine Toten.

    Das Album „Darker” hingegen ist eine Bombe. Ihr solltet euch das nicht entgehen lassen.

    Hörproben:
    Anspielen und kaufen lässt sich „Darker” auf Amazon.de, die einschlägigen Streamingdienste sind zurzeit (Stand: 8. Juli 2014), wie so oft, eher ratlos.

  4. Descend – Wither
    „I am fear, wielder of the black darkness.” (Confined by Evil)

    Kommen wir zu fröhlicheren Dingen: Metal. \m/

    Descend stammen aus Schweden und haben im Januar 2014 mit „Wither” ihr zweites Studioalbum rausgebracht, auf dem sie dem Progressive Metal mit allerlei Mathrockspielereien frönen. Das ist zwar alles schon mal dagewesen, aber selten wirklich beachtlich gut; auf „Wither” allerdings schon.

    Für das Album haben sie sich ein bisschen Zeit gelassen, aufgenommen wurde es bereits 2012. Progressive Death Metal (Quelle: Internet) ist eben kein Zuckerschlecken.

    Vergleiche gefällig? Bittesehr:

    So gibt es in „The Rancorous Paradigm” erst heftigste Polyrhythmik zu hören, und anschließend werden die Strophe[n] und die Zwischenspiele mit geradezu hypnotischen Rhythmen und träumerischen Harmonien unterlegt. Letzteres Stilmittel wird auch in „Diabolic” bedient, wohingegen, „Severance” lädt zwischenzeitlich, wenn nicht gerade mal wieder Raserei (…) angesagt ist, immer wieder mal zum genüsslichen Abzählen der Taktzahlen ein[.] Drauf gekommen? Richtig, auf „Wither” halten auch Djent und Math Einzug in den Stil von Descend. Und tatsächlich fügen sich diese Komponenten bestens ins bisherige Bild ein – was zwar nicht überraschen sollte, aber eine konkrete Verbindung aus Opeth und kreativen Meshuggah-Epigonen ist mir bislang noch nicht untergekommen.

    Meshuggah beschrieb ich 2012 als eine Musikgruppe, die wenig dezent agiert, verglichen mit Descend allerdings sind sie geradezu filigran.

    Anders gesagt: Descend hauen auf die Kacke. Klotzen statt Kleckern. Von Stakkatorhythmen über Liedtitel wie „From Grace to Grave” bis hin zu genretypischem growling ist alles dabei. Aber die Achterbahn steigt nicht nur hinab, sondern fährt auch mal bergauf, und während Christoph Meul dem „Sanft-heftig-sanft-heftig-Schema” (ebd.) nicht viel abgewinnen kann, bereiten sie mir als einem Liebhaber gepflegten, auch mal härteren Postrocks hingegen Freude, geben sie dem ansonsten dunklen „Wither” doch ein paar schöne Farbtupfer. Oder ist Hellschwarz gar keine Farbe?

    Musik zum Abreagieren. Gar nicht mal schlecht!

    Hörproben:
    Während Amazon.de 30-sekündig herumschnipselt, ist zumindest WiMP zu einer Komplettvorschau fähig. Ein vollständiges Konzert von 2012, auf dem auch „Confined by Evil” gespielt wurde, hat YouTube im Repertoire.

  5. Holy Mountain – Ancient Astronauts

    Heilig’s Blechle (beziehungsweise: heiliger Berg), ausgerechnet die „Intro” hat mir da was Schönes vorgespielt:

    Holy Mountain reisen mit Psychedelic Rock durchs All. Der Klang der Band aus Glasgow lässt sich grob im äußeren Grenzbereich von Hawkwind oder Black Sabbath verorten, liebäugelt jedoch auch mit Art Rock und Jazz.

    Jazz? Mein Stichwort! Aufmerksame Leser haben möglicherweise bemerkt, dass sich mein musikalischer Schwerpunkt in den letzten Jahren ein wenig verschoben hat. Eine sporadische Leserin meiner Texte ließ sich unlängst zu der Bemerkung hinreißen, sie hasse Jazz, und vielleicht ist „Ancient Astronauts” das ideale Album für sie, denn so jazzig ist’s eigentlich gar nicht; ich höre discodrogentauglichen Space-/Stoner-Rock mit klasse Rhythmik und einer Gitarrenarbeit, die auch andere Rezensenten beeindruckt:

    Holy Mountain have a rough-hewn but artisan’s skill in one enduring musical product: fashioning thunking great slabs of riffage.

    Seitens des Trios wird gerifft, dass es eine wahre Freude ist, von Colour Haze über Deep Purple bis zu, ja, Black Sabbath reichen die Assoziationen des begeisterten Hörers. Gesang gibt es auch, der aber mit seiner Verzerrtheit wahrscheinlich gar nicht so wichtig ist, weil’s auf „Ancient Astronauts” inklusive dem Titelstück um den Kopfnickeffekt und nicht nur um tiefgründige Lyrik geht.

    Nein, „Ancient Astronauts” hat einen anderen Schwerpunkt. Feiermusik für Stoner. Und, liebe Leser und Hörer, darin sind sie wirklich gut. Gute Reise!

    Hörproben:
    Während Amazon.de wieder einmal 30 Sekunden für aussagekräftig hält, hält immerhin WiMP die Langversion des Albums vorrätig.

  6. Lena Bloch Quartet – Feathery

    Damit ihr nicht aus der Übung kommt, noch mal etwas Jazz.

    Lena Bloch ist eine russische Saxophonistin, die nach ihrer Auswanderung 1990 durch Europa und Amerika reiste, um den Jazz zu lernen, und das nicht ohne Erfolg.

    Schon 1994 gewann sie den „Outstanding Performance Award” (also den „Hervorstechender-Auftritt-Preis”), 1999 erwarb sie als Protegé von Keith Copeland und John Marshall an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln das Künstlerdiplom „mit Lob” (cum laude). Bis 2006 lernte sie ihr Handwerk noch bei vielen weiteren bekannten Jazzmusikern. Die Theorie also ist ihr keinesfalls fremd.

    Und die Praxis? So mancher Festivalbesucher sollte Frau Blochs Schaffen bereits selbst gehört haben, sei es während der Leverkusener oder Ingolstädter Jazztage 2001, sei es während der „Temple Of The Arts Jazz Festivals” der letzten paar Jahre. So weit die Eckdaten.

    Auf ihrem diesjährigen Album „Feathery” hat sie sich neben ihrem Tenorsaxophon auch weitere Musiker zugelegt, namentlich Dave Miller (Gitarre), Cameron Brown (Bass) und Billy Mintz (Schlagzeug). Letztere beiden eröffnen das erste Stück „Hi-Lee” (am Ende des Albums als „Hi-Lee (reprise)” fortgesetzt) mit einem sehr angenehmen Duett, bevor Saxophon und einzelne Gitarrentöne in den Rhythmus einsteigen und ein ziemlich luftiges Jazzstück formen. „Hi-Lee” ist Lee Konitz, Freund und Mentor von Lena Bloch, gewidmet, und wäre ich Lee Konitz, so errötete ich angehörs des Stücks.

    Am songwriting (ein fürchterlicher Begriff, denn gesungen wird hier ebenso wenig wie es sich um leichte Liedchen handelt) waren alle vier Musiker beteiligt: Die über elfminütige „Baby Suite” stammt von Cameron Brown, dessen Bass die Einleitung des Stücks dominiert, das allmählich an Fahrt gewinnt und schließlich mal freiförmig, mal strukturiert schon durch das Schlagzeug einen groove entwickelt, den man im „modernen Jazz” abseits der Jazzrock- und Zeuhlpfade so immer noch viel zu selten zu hören bekommt. In „Rubato” ist sein Komponist Dave Miller häufiger zu hören, im musikalischen Liebesbrief „Beautiful You” jedoch nicht Billy Mintz, der mit diesem Titel bereits 2004 von sich reden machte; Schlagzeug und natürlich Saxophon sind auf „Feathery” ohnehin allgegenwärtig.

    Dass es sich bei „Feathery” eigentlich um ein Debütalbum handelt, was Lena Bloch doch bislang nur als Mitmusikerin in Erscheinung getreten, schmälert die Qualität nicht. Alle vier Instrumentalisten wissen, was sie tun, sie verzichten auf Effekthascherei oder Anbiederung. „Feathery” macht Spaß und entspannt. Wohlfühljazz ohne auffälligen Makel. Toll!

    Hörproben:
    Wer sich nicht mit den halbminütigen Ausschnitten auf Amazon.com zufriedengeben möchte, der kann „Feathery” momentan (Stand: 12. Juli 2014) auf ThirteenthNoteRecords.com in voller Länge hören.

  7. Kamchatka – The Search Goes On
    „No more lost, tired and lonely / no more begging please” (Tango Decadence)

    Apropos Opeth, übrigens.

    In den späten 1990-er Jahren war auch ich – wie viele Menschen meines Alters – dem Punk von Bands wie Bad Religion und The Offspring gegenüber noch aufgeschlossener als heute. Irgendwann verlor diese Szene für mich allerdings deutlich an Reiz und ich wandte mich anderen Beschäftigungen als dem Versuch, beim Rauchen cool auszusehen und die passende Musik zu hören, zu, wirklich gefallen hatte es mir ja sowieso nie.

    Was ich am Punk allerdings zu schätzen wusste, war die Angewohnheit, die Gitarre zu misshandeln. Das Laute, Schnelle, Hektische ist es auch, das ich bis heute interessant finde; und so begann meine Entdeckungsreise in die Welt der singenden Gitarren weitgehend unauffällig, führte mich aber inzwischen zum Stoner Rock, Bluesrock und Postrock und wieder zurück.

    Insofern versetzt mich „The Search Goes On” von Kamchatka in Entzücken. Das schwedische Trio Kamchatka – wie die Insel – spielt auch auf seinem fünften Studioalbum „The Search Goes On” einen ziemlich erdigen, ziemlich guten Bluesrock. Und, tatsächlich, die Gitarre singt im Duett mit ihrem Besitzer Thomas Andersson vortreffliche Liedlein.

    Die Suche geht weiter. Wonach wird gesucht? Vielleicht nach den Wurzeln, gräbt man doch tief in den späten 1960-er und frühen 1970-er Jahren nach seinen Quellen. Dazu würde zumindest das cover passen, das einige sinkende Taucher zeigt. Gelegentliche Anleihen am Stoner Rock („Thank You For Your Time”) sind für das hier Dargebotene jedenfalls eine Bereicherung, Vergleichen mit Deep Purple halten die drei haarigen Herren – Per Wiberg, ehemals unter Anderem bei Opeth, hat inzwischen Roger Öjersson am Bass abgelöst – problemlos stand.

    Anders gesagt:

    Ein echtes 70ies-Groove’n’Roll-Monster was das Trio Kamchatka da auf CD haben pressen lassen!

    Entfesselt das Monster! Keine Angst, es wartet nicht unter eurem Bett, es will nur spielen; nämlich hörenswerte Rockmusik mit Pfeffer. Guten Appetit!

    Hörproben:
    Zu „Tango Decadence” gibt es ein Musikvideo. Wem ein kurzer Ausschnitt reicht, der möge die anderen Stücke auf Amazon.de probehören, andersartige Interessenten können zum Beispiel zu WiMP greifen.

  8. END – People of the Stream’s Mouth
    „Don’t waste your days and focus now, then the future should be bright” (Tightrope Walkers on the Run)

    Nico findet’s gut, und auch Peter lobpries die Schweizer END bereits im März:

    Cooler Breitwand-Pop, geschmackvoller Alternative-Rock, “People of the Stream’s Mouth” ist eine Wundertüte prickelnder Ideen, handwerklich hervorragend umgesetzt und von hohen Unterhaltungswert. (…) End, das sind flirrende Gitarren, Melodien satt, mehrstimmiger Gesang und Ideen für eine ganze Handvoll respektabler Debüts. Gutes Album, meine Herren, weitermachen.

    Da kann natürlich auch ich nicht widerstehen und höre mal rein; und mein strömender Mund steht staunend offen: Was da nicht alles drinsteckt! Die unvermeidlichen Beatles, klar, aber auch: Oasis und allerlei „Indie-Rock”, was auch immer man darunter im Einzelfall verstehen möchte.

    Auf „People of the Stream’s Mouth” passiert zumindest eine Menge, was man von anderen Vertretern dieser Sparte nicht unbedingt behaupten sollte. Allein schon das Stück „Alaska” ist atmosphärisch unglaublich dicht, gleichzeitig beklemmend und befreiend wie auch das zugehörige Video. Sonst so? Placebo-Poprock („Adrift”), Folkrock („Disconnected”), fetziges Gitarrendurcheinander („Tightrope Walkers on the Run”), schöne Bassrhythmen („In Amber”), Weltraumkeyboards („Levitate”, wie passend!).

    Mankos? Schwierig. Ich äußerte an anderer Stelle, der Gesang sei etwas nervig, aber Luca Daniels (Mikrofon und Gitarre) Einsatz ist eigentlich gar nicht mal schlecht. Gelegentlich erinnert mich das alles an Placebo, möglicherweise hat das Abwehrreflexe hervorgerufen. END, das sind Placebo ohne Kopfschmerzen und aus der Schweiz. Ein prächtiges Land.

    Wofür der Bandname END steht, weiß ich übrigens nicht. Am Ende ist das aber wahrscheinlich auch nicht wichtig.

    Hörproben:
    Das Album ist momentan (13. Juli 2014) per SoundCloud in ganzer Länge hörbar, auf YouTube gibt es schicke Videos zu „Adrift” und weiteren Liedern.

  9. Pixies – Indie Cindy
    „Give me the pow-wow, give me the hexe!” (Blue Eyed Hexe)

    Wer übrigens auch immer noch da ist, sind die Pixies, die schon in den 1980-er Jahren ziemlich aufgedreht haben.

    Seit ihrer jüngsten Reformation im Jahr 2004 hat die beeindruckende Bassistin und Sängerin Kim Deal die Pixies leider verlassen, ihr Ersatz Kim Shattuck von den Muffs sprang nur vorübergehend ein (sie ist auf „Indie Cindy” zu hören) und wurde noch im gleichen Jahr wieder gefeuert; seit Ende 2013 ist die Argentinierin Paz Lenchantin die Frau am Bass.

    Und eigentlich fehlt auch nichts, die Pixies klingen immer noch frisch wie damals, Charles Thompsons Alter Ego Black Francis hat von seiner Energie nur wenig eingebüßt. Mit „What Goes Boom” beginnt „Indie Cindy” standesgemäß mit kräftiger Gitarre, die Rhythmusgruppe tritt mit Schmackes voll in die Eisen, während ihr Frontmann gewohnt mehrdeutige Texte rezitiert. Der Refrain – wie einst „Debaser” oder „Hey” – ist einprägsam:

    Make
    Some
    Room
    What
    Goes
    Boom

    Kann man sich merken, kann man auch zu fortgeschrittener Stunde noch mitbrüllen. Höchst erfreulich für uns, die wir es bisweilen ja doch auf die frontale Breitseite der Pixies abgesehen haben und leise Töne gar nicht erst erwarten.

    Dabei können sie auch anders: Nick Cave & The Bad Seeds kommen – wäre da nicht der schlimme Weezer-Gedächtnisrefrain – im Titelstück in den Sinn, an wen mich das superbe „Bagboy”, das zunächst auf der „EP1” als erstes Stück nach Kim Deals Weggang veröffentlicht wurde, mit seinem Wechselgesang (cover your breath, polish your speech!) erinnert, weiß ich nicht; vielleicht am Ehesten noch an die Pixies selbst. Sie zu covern sei schwierig, heißt es, und auch im Jahr 2014 stellen die Pixies wieder unter Beweis, was (neben obskuren Liedtiteln wie „Blue-Eyed Hexe”) wir eigentlich an ihnen haben.

    Das ist vor allem eine Menge Spaß.

    Hörproben:
    Ein annehmbares Livevideo zu „What Goes Boom” gibt es auf YouTube, ein Musikvideo zu „Bagboy” auf Vimeo zu sehen. Auf Amazon.de könnt ihr „Indie Cindy” als Doppelvinyl mit CD kaufen und dreißigsekündig reinhören, per WiMP und Grooveshark auch in voller Länge.

  10. Carla Bozulich – Boy
    „Why do you think that I sing about these things that I do?” (Ain’t No Grave)

    In Progressive-Rock-Kreisen sind zwei Carlas mittlerweile weltbekannt: Die US-amerikanische Violinistin Carla Kihlstedt arbeitete schon mit John Zorn und Fred Frith zusammen, regelmäßige Leser meiner Rezensionen kennen auch ihr Projekt The Book of Knots, deren Album „Traineater” ich 2011 lobend hervorhob.

    Auf „Traineater” ist die andere Carla am Mikrofon zu hören: Carla Bozulich, erstmals im Umfeld von Sleepytime Gorilla Museum aufgetaucht und seitdem mit diversen Musikgruppen wie etwa ihrer eigenen Band Evangelista zugange, hat mit „Boy” nach einigen Jahren wieder einmal ein Soloalbum unter ihrem eigenen Namen aufgenommen. Solo? Nun ja, zu hören sind neben Frau Bozulich ein Schlagzeuger, ein Keyboarder und ein Hintergrundchor, aber alle Beteiligten waren offenbar damit einverstanden, ihren Namen nicht prominent auf das Album drucken zu lassen.

    Die Musik von Evangelista wagte schon immer den Spagat zwischen Zerbrechlichkeit und Aggression, sie ist sanft und zugleich rau. Mit „Boy” pflegt Carla Bozulich ihren gewohnten Stil weiter. Müsste ich Vergleiche bemühen, ich wählte “Tom Waits in weiblich”, was beiden Künstlern gegenüber zutiefst unfair wäre, weshalb ich dankbar bin, dass das gar nicht nötig ist.

    Zumal Frau Bozulich auch wesentlich zurückhaltender musiziert, die Aggression, die in Tom Waits’ Schaffen immer wieder hervorscheint, fehlt hier. Das eröffnende „Ain’t No Grave”, das die dezente Avantgarde von Evangelista erahnen lässt, ist noch eins der härteren Stücke, aber es bleibt still. In der Ruhe liegt die Kraft; die dann auch „Deeper Than The Well” und „One Hard Man” ausstrahlen, während eine Gitarre und allerlei Elektronisches begleitend scheppern. Die Bad Seeds treffen auf broken.heart.collector und lassen Gwen Stefani auch mal singen. Kammerprog, Jazzpop. Genres sind für’n Arsch.

    Egal, wie mörderisch die Texte sind („I’m gonna stop killing today, make better use of my hands”, in: „Gonna Stop Killing”), Carla Bozulich bleibt gelassen. Beängstigend und deshalb faszinierend. „Boy” sei ihr „Popalbum”, behauptet das Beiheft zur CD. Ich habe Pop viel schlimmer in Erinnerung. – Erwähnte ich, dass ich den Gesang mag?

    Hörproben:
    Amazon. WiMP. Grooveshark. Völlig egal. Live? „One Hard Man”. Noch verrückter als auf dem Album, stilecht mit Kerzenlicht. Hörbefehl!

  11. Closure In Moscow – Pink Lemonade
    „Do you know you’re a lovely old soul?” (Seeds of Gold)

    Mit „Pink Lemonade” – dieser Name! – schließlich legen die Australier Closure In Moscowdieser Name! – eines der abwechslungsreichsten Musikalben der ersten Jahreshälfte vor.

    Geprägt ist das Album von einer Zerrissenheit, die auch RIO/Avant-Bands wie Sebkha-Chott auszeichnet, obwohl Closure In Moscow weniger albern agieren und auch einen deutlich geringeren Metalanteil haben. Mehr noch als Sebkha-Chott kommen dem geneigten Rezensenten allerdings die guten alten Mr. Bungle in den Sinn, die ihrerzeit musikalische Späße wie „Egg” und „Girls of Porn” aufnahmen.

    Zwar haben Closure in Moscow keinen Mike Patton als Sänger, dennoch schaffen sie es, mit insgesamt sechs Gastsängern (deren Beitrag dann auch schon mal als „Vocals and general adorableness” beschrieben wird) ziemlich nennenswerte Leistungen zu vollbringen. Dass sich die Vertracktheit von „Pink Lemonade” hinter Wohlklang verbirgt, steht außer Frage, und dass Titel wie „Mauerbauertraurigkeit” (sic!) genau so klingen, wie sie heißen, ist höchst willkommen; dann steht eben schon mal das Indie-Rock-Pop-Lied „Seeds of Gold” neben der Psychedelic-Suite „That Brahmatron Song”. Na und?

    „That Brahmatron Song” (was genau ein Brahmatron sein soll, konnte ich bislang nicht in Erfahrung bringen) ist ohnehin ein gutes Beispiel, wie’s auch gehen kann: Nach einem weitgehend unauffälligen intro folgt zunächst ein Alternative-Rock-Teil, in dem der „Brahmatron Song” als nicht göttlich, eher satanisch beschrieben wird. Brahma, der hinduistische Schöpfungsgott, ist wahrscheinlich also nicht beteiligt. Das Stück geht zum Ende hin in ein ziemlich psychedelisches, überdrehtes Finale über.

    Ach, überdreht? Schalten wir mal zwei Stücke zurück: „Neoprene Byzantine” klingt wie von einer noch breiteren Version von The Mars Volta, und auch das Titelstück schlägt in diese Kerbe. Unterschiede? Es gibt mehr Sänger beiderlei Geschlechts, mehr Psychedelisches, mehr Effekte, mehr Spaß. Mir waren The Mars Volta immer etwas zu hektisch, Closure In Moscow dosieren ihre Mittel hingegen genau richtig. Massenware ist „Pink Lemonade” nicht, eher im Gegenteil:

    Wer sich etwas Ungewöhnliches, teilweise abgefahren Proggiges antun möchte, der sollte mal Closure in Moscow antesten.

    Einfach mal was ausprobieren. Schließung in Moskau, Tanz auf den Tischen.

    „ピンクレモネード”, so heißt das letzte Lied, ist übrigens Japanisch und bedeutet so viel wie – ihr ahnt es – rosa Limonade. Prost!

    Hörproben:
    Zu „Seeds of Gold” gibt es ein Video auf YouTube, zum Anfixen mag’s genügen.

2. In Kürze

War das schon alles? Aber nein! Diese drei Alben möchte ich zumindest noch kurz erwähnen, bevor es zum nächsten Thema geht:

  1. Subway to Sally – Mitgift

    Die ostdeutsche Mittelalter-Metal-Combo Subway to Sally, die ab Mitte der 1990-er Jahre ein paar (im Wortsinne) fabelhafte Musikalben aufgenommen hat, bevor sie es vorübergehend mit mehr Elektronik und weniger Authentizität versucht hatte, hat mit dem Konzeptalbum „Mitgift” – Untertitel: „Mördergeschichten” – zu alter Form und Stärke zurückgefunden. „Was uns einst von Gott gegeben, wird uns auch der Tod nicht nehmen” („Schwarze Seide”). Bittersüß und wunderbar.

  2. iamthemorning – Miscellany

    Das russische Duo iamthemorning – jedenfalls behauptet das Internet, sie seien im Kern zu zweit – ist für regelmäßige Leser meiner Rezensionen ein bekanntes, sein Album „~” fand ich 2013 ja wortreich gut. Nun also statt eines kryptischen Titels ein ebenfalls nicht zielführender. „Miscellany”, „Vermischtes”. Pünktlich am 1. Januar 2014 erschien diese EP von etwas über 23 Minuten Spieldauer in Vorbereitung auf das zweite Vollzeitalbum, das ich dann mal in meinem schier grenzenlosen Optimismus noch in diesem Jahr erwarte. Zu hören gibt es überwiegend schönen unplugged-Kammerrock mit vielerlei Streichern und umwerfendem Gesang (Vorder- und Hintergrund) von Marjana Semkina. Es gibt auch einen Stream. Augen zu und hinein!

  3. We Insist! – We Insist!

    Ein Album, das wie die Band heißt. Ausdruck mangelnder Kreativität? Manchmal schon, aber auf We Insist! trifft das nicht zu. Saxophonist François Wong und zweiter Gitarrist Julien Divisia sind weg, zurück bleibt ein Trio mit zwei Gastsängern und einem Gastakkordeonisten. Rudimentär musizieren die Herren dennoch nicht, schon das eröffnende „While the West is Falling” überfällt den Hörer mit fetzigem Mathrock und einer angenehmen Dosis RIO/Avant, „First Draft” überzeugt mit nach vorn preschenden Strophen und einem zerrissenen Rhythmus, der jedes stupide Mitklatschen quasi verbietet. „Grinding Down The Pole” klingt sogar mit einem Banjo dreckig. Mathrock, wie er sein muss. Ich mag die Richtung, in die sich die Band entwickelt. Reinhören!

3. Ins Downloadverzeichnis

  • Tacita Intesa – Tacita Intesa

    Auch Italien weiß in diesem Jahr zu überzeugen: Tacita Intesa („Stillschweigendes Einverständnis”) aus der Toskana legen zwei Jahre nach ihrer Gründung mit ihrem Debütalbum ein kurzweiliges Psychedelic-Rock-Werk vor, das den Spuren von Pink Floyd und Genesis bleibt, gleichwohl mehr bietet als eine bloße Kopie.

    Der „Valzer della Morte” ist tatsächlich ein solcher, im kurzen „Portmanteau” klingt (sanft) Hardrock an, „Corona” ist ein floydeskes Stück, dem Daniele Stocchi (Keyboards und Synthesizer) ebenso markant seinen Stempel aufdrückt wie auch dem Rest des Albums. Der (natürlich italienische) Gesang von Gitarrist und Sänger Alessandro Granelli rundet „Tacita Intesa” ab.

    „Tacita Intesa” ist ein sehr italienisches Album, und ich meine das positiv: Zwar orientiert es sich wie viele italienische Musikalben der letzten Jahre mitunter stark am klassischen Progressive Rock, aber die fünf Musiker tragen über das bloße Nachahmen hinaus eine Spielfreude mit sich, die beinahe ansteckend ist. Ich bin gespannt, was da noch kommt.

    Runterholen:
    „Tacita Intesa” gibt es auf Bandcamp.com als Stream und zum Herunterladen und Kaufen, aber auch via eMule werdet ihr fündig.

4. Ins Kröpfchen

Es ist nicht alles rund, was sich dreht, und wenn die Medien etwas gut finden, dann haben sie nur allzu oft Unrecht. Platten anhand ihrer Bewertungen auf Amazon.de zu kaufen. Ein neues Jahr, ein neues „hättet ihr mal lieber nicht”. Natürlich möge ein jeder Musiker das tun, was ihm Spaß macht, und wie auch der Rest dieser Liste ist meine Aversion gegen manches eine sehr persönliche Auffassung von dem, was gute und weniger gute Musik ausmacht.

Ich mache jedenfalls bei folgenden diesjährigen Musikalben und EPs aus:

  • Caravan – Paradise Filter
    Die wohl langlebigste Gruppe aus dem Canterbury-Umfeld ist immer noch da. Allmählich frage ich mich nur, wofür das gut ist.
  • Empire Years – Come Alive
    Kostet (auf Wunsch) nichts und wäre wirklich eine ziemlich primae Postpunkscheibe, wenn man nicht ständig diesen schrecklichen Unheilig-Gedächtnisgesang im Ohr hätte.
  • Pharrell Williams – G.I.R.L.
    Warum One-Hit-Wunder – „Happy” macht mich gar nicht mehr fröhlich – immer ganze Alben aufnehmen müssen, ist mir unklar. Man weiß doch, wie es endet.
  • The Melodic – Effra Parade
    Hier ist beinahe alles drauf, was auf Alben von Belle and Sebastian zu hören ist, leider jedoch nichts von dem, was auf Alben von Belle and Sebastian hörenswert ist.
  • Kaukasus – I
    Dies wäre großartiger Retro-Folk-Prog von Mitgliedern von Änglagård, Motorpsycho und Opium, wenn der Gitarrist nicht auch versuchen würde zu singen. Sehr schade.
  • Yes – Heaven & Earth
    Nach dem eigentlich recht guten „Fly from Here” von 2011 legen die guten alten Yes mit schon wieder neuem Sänger jetzt eine unglaubliche Scheiße vor. Chris Squire sagte im „eclipsed”-Interview, ihr Ziel seien die weltweiten Hitparaden. Nun denn.

Aber genug von heute. Wie war’s gestern?

5. Aus der Geschichte

  • Vor 40 Jahren:
    1974 – Erich Kästner starb, die Jackson Five erklommen gerade die US-amerikanische und Suzi Quatro die deutsche Hitparade – war ein Jahr der letzten Male für den Progressive Rock. In Deutschland bewegten sich Grobschnitt mit ihrem zweiten Album Ballermann, insbesondere mit dem enthaltenen Liveklassiker „Solar Music”, auf den Höhepunkt ihrer Karriere zu, King Crimson veröffentlichten mit Red und Starless and Bible Black zwei ihrer besten Studioalben, bevor sie sich – nicht zum letzten Mal – vorerst trennten. Auch bei den Canterbury-Urgesteinen Caravan, die ihren Bassisten John Perry durch Mike Wedgwood ersetzten, und den RIO/Avant-Pionieren Henry Cow gab es Änderungen: Mit Unrest erschien das letzte reguläre Henry-Cow-Album mit John Greaves; nach dem anschließenden Zusammenschluss mit Slapp Happy verließ der Bassist die Band, die sich 1978 schließlich auflöste. Yes, deren Keyboarder Rick Wakeman es einmal solo versuchen wollte, konnten den Personalwechsel besser verkraften, liehen sich Patrick Moraz von Refugee aus und nahmen das für ihre Verhältnisse recht raue, spacige Album Relayer mit dem ausufernden „The Gates of Delirium”, das lose auf Tolstois „Krieg und Frieden” basiert, auf, das in meiner persönlichen Yes-Bestenliste weit vor dem Konsensalbum Close To The Edge steht und einige großartige Textzeilen („Cha cha cha / cha cha”, „Sound Chaser”) für die Ewigkeit konservierte. Rick Wakeman kehrte für das Folgealbum Going For The One wieder zurück, Relayer bleibt jedoch unvergänglich. Das ist sehr nett von Yes.
  • Vor 30 Jahren:
    1984 war keine Anleitung! Wofür auch? Dafür passierte viel zu viel: Richard von Weizsäcker wurde Bundespräsident, der Apple Macintosh wurde eingeführt, Die Ärzte veröffentlichten mit Debil – zuvor gab es bereits eine EP sowie das Minialbum Uns geht’s prima… – ihr erstes, Die Toten Hosen mit Unter falscher Flagge ihr zweites Album. RIO hatte sich auch in dieses Jahr herübergerettet: Chris Cutler von Henry Cow machte mit Cassiber weiter und nahm mit diesen das improvisierte, sympathisch schräge Album Beauty and the Beast auf. King Crimson zerstreuten sich derweil nach Three of a Perfect Pair wieder einmal in alle Winde. Die Red Hot Chili Peppers veröffentlichten ihr Debütalbum und Herbert Grönemeyer das Mitgrölalbum 4630 Bochum („Alkohol”, „Flugzeuge im Bauch”). Magma brachten mit Merci ein verzichtbares Album zu Gehör, Marillion indes machten es besser: Dem Debütalbum Script for a jester’s tear ließen die fünf Briten, nachdem sie den etwas holprig spielenden Schlagzeuger Mick Pointer ausgetauscht hatten, das kriegskritische Fugazi folgen, das zum Meilenstein des „Neo-Progs” wurde. Bis zu „Kayleigh” war es dann aber leider nicht mehr weit.
  • Vor 20 Jahren:
    „Man muss sich ganz schön einschränken, wenn Krieg ist” stellten Die Goldenen Zitronen auf dem 1994 erschienenen Das bißchen Totschlag lapidar fest. An Krieg mangelte es ja auch in diesem Jahr nicht, insbesondere in Ruanda wurde hart gekämpft. Dazu passte das Album The Downward Spiral der Nine Inch Nails, das vom „Rolling Stone” zutreffend als musikalische Existenzangst beschrieben wurde, im Grunde ebenso gut wie Definitely Maybe, das Debütalbum von Oasis, von denen ich immer Kopfweh krieg. Heute heißt’s immerhin “Nie wieder Oasis“, 1994 hingegen forderte die Erste Allgemeine Verunsicherung: Nie wieder Kunst. Dessen ungeachtet nahmen die verrückten Japaner Kōenji Hyakkei mit ihrem Debütalbum Hundred Sights of Kōenji Kunst zwar nicht auf’s Korn, aber auf. Irgendwann im März des Jahres lösten sich Nirvana auf, ihr Frontmann Kurt Cobain hatte aber nicht mehr viel davon. „Me and my fucking gun” (Nine Inch Nails, „Big Man With A Gun”) – so fügt sich alles zusammen.
  • Vor 10 Jahren:
    Ähnlich, wie 1974 ein Jahr der letzten Male war, war 2004 ein Jahr der Anfänge. Mark Zuckerberg, Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin gründeten Facebook, ein paar Vereinsmeier gründeten Wikimedia Deutschland, selbstbetitelte Debütalben gab es unter Anderem von BIO, dem Kammer-Jazzrock-Quartett Far Corner, Steven Wilsons ungezähltem Nebenprojekt Blackfield (mit Aviv Geffen) und der Schweizer Stoner-Rock-Band Monkey3. 2004 belebte im Übrigen Graham Sutton die Band Bark Psychosis, die nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums HEX zehn Jahre zuvor auseinandergebrochen war, wieder. Für das Album ///CODENAME:dustsucker holte er neben dem Urmitglied Mark Simnett (Schlagzeug) auch viele Gastmusiker ins Studio, mit denen Bark Psychosis zum Teil bereits früher zusammengearbeitet hatten, darunter Lee Harris (Talk Talk, .O.rang). Das Ergebnis hat es unter Anderem in die Liste der „250 besten unbekannten Platten” im „Musikexpress” (aktuelle Ausgabe) geschafft, kann sich aber auch sonst hören lassen: „Eine wunderbare Scheibe” für Freunde von Mark Hollis’ Musik liege hier vor, Postrock von seiner zerbrechlichen Seite. Seit 2005 haben Bark Psychosis allerdings nur wenig Aktivität gezeigt. Ich hoffe, sie kommen zurück.

Dass sich seit Ende Juni noch einige weitere Musikalben angesammelt haben, die ich hier nicht berücksichtigt habe, spricht dafür, dass es im Dezember mit einer weiteren Rückschau weitergehen wird. Kritik, Anmerkungen und Ergänzungen sind willkommen.

Bis dann!

(Für S.)

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