KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2013 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 13 von 16 der Serie Jahresrückblick

Aber hallo, werte Leser und Musikfreunde, da ist doch tatsächlich schon wieder Ende Dezember; Zeit also, wie zuletzt im Juni die musikalischen Perlen aus dem großen Haufen an diesjährigen Veröffentlichungen herauszupicken. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten in die Vergessenheit.

Keiner soll sagen, ich hätte mir die Entscheidung über die Aufnahme oder Nichtaufnahme in diese Rückschau leicht gemacht; tatsächlich haben es einige Musikalben nach Abwägung der Argumente wider Erwarten nicht geschafft. Die Wooden Shjips etwa haben mit Back To Land mal wieder ein hervorragendes Velvet-Underground-Gedächtnisalbum veröffentlicht. Zwar gibt es stilistisch nichts Neues zu vermelden, weshalb eine separate Rezension hier bloße Wiederholung bliebe; man mag’s trotzdem mögen. Schlechter wird es nicht. Das gilt im Übrigen auch für Zola Jesus‘ Album Versions, auf dem sie eigentlich nur streicherbewehrte (allerdings sehr gute) Varianten früherer Lieder aus ihrem Œuvre darbietet.

Unschlüssig war ich mir bei Mogwais Les Revenants Soundtrack, das als „nicht reguläres Studioalbum” eigentlich nicht in diese Liste gehört. Ich habe mich dazu entschlossen, das wie üblich solide, aber ungewohnt melancholische und herbsttaugliche Album (mit Gesang!) trotzdem mal unverbindlich zu empfehlen und dann nicht weiter darauf einzugehen. Um so mehr Platz bleibt für die anderen hervorragenden Alben im zweiten Teil meiner Jahresrückschau.

Nämlich diese:

1. Käufliche Begeisterung.

  1. Ampledeed – A is for Ampledeed
    „I hear a sound / from Underground” (Wanders and Wonders)

    „A steht für Apfel”, so lernen’s die Kinder angeblich in den USA, und viel weiter kommen sie dann nicht mehr, weil sie lieber Leute erschießen gehen als in der Schule herumzusitzen. Dass die Amerikaner von Ampledeed bei der Suche nach einem Bandnamen auch irgendwas mit „A” genommen haben, überrascht insofern nicht. Weiß der Geier, was ein „Ampledeed” sein soll. Die Besetzung auf „A is for Ampledeed” ist aber beachtenswert: Zweimal Keyboards (hiervon bekannt: Aaron Goldich, vorher Mitglied der Retroprogband The Source), dreimal Bass, zweimal Schlagzeug, Saxophon, Gitarre, Ukulele, mehrfach Gesang (personelle Überschneidungen sind teilweise gegeben).

    Musikalisch haben sie sich jedenfalls bei den Briten bedient, unter anderem (wie so viele vor ihnen) bei Yes und Gentle Giant. Los geht es aber erst einmal mit käsigen Keyboards und unsicher wirkendem Instrumentalgefrickel: „We Breathe Time” ist ein vertracktes Progressive-Jazzrock-Stück, das den Hörer gleich von Anfang an zu überfordern versucht. Vier Genres in acht Minuten, das macht etwa zwei Minuten pro Genre. Andere brauchen dafür drei ganze Alben. Gesangspassagen beginnen ab etwa sechs Minuten Laufzeit. Relevante Vergleiche für besagten Gesang: Pink Floyd und die Flower Kings. Ein bisschen artverwandt (aber weniger jazzig): The Season Standard (könnt’ ich auch mal wieder hören).

    „Super Collider Bromwich” setzt mit canterburyesquem Gesang (schon wieder: Flower Kings) und bratzender Gitarre ein, steigert sich dann aber zu einem prächtig verzwirbelten Jazzrock, in dem endlich auch mal die Keyboards ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt werden. So ähnlich geht das Album dann auch weiter; mäandernd zwischen Jazz, Retro-Prog und Avantgarde darf jeder Musiker seine Stärken demonstrieren. (Einige Stücke, etwa „Drum Fuckin'”, sind auch in Gänze einem Soloinstrument gewidmet. Ratet mal, welchem!) Nils Macher von POWERMETAL.de ist überfordert, was ja auch ein Qualitätsmerkmal sein kann:

    Allenfalls als kauzig ließe sich der Mischmasch wohl noch klassifizieren, denn wie Gesang, Akkorde und Melodien bei Tracks wie ‘Brown Hole Blues’ gegeneinander laufen, das ist sicherlich nicht jedermanns Sache.

    Meine schon.

    Reinhören! Dafür bietet sich etwa die Website der Band an.

  2. Disperse – Living Mirrors
    „Those days, this dream wants to sleep away” (Profane the Ground)

    Was Dream Theater (siehe Schrottecke weiter unten) dieses Jahr falsch gemacht haben, haben Disperse um so richtiger gemacht. (Hyperlative – uff. Nicht, dass mich jetzt SPIEGEL ONLINE anwirbt.) Ich mag ja eigentlich keinen Metal, aber…

    Disperse („auseinandergehen”), 2007 gegründet, kommen aus Polen, und wer andere rezente polnische Bands wie SBB kennt, der weiß, dass das jedenfalls im Musikgeschäft oft mit hoher Qualität einhergeht. So auch hier. Gleich von Anfang an („Dancing with Endless Love”) prasselt die Gitarre auf den Hörer ein, dass es eine wahre Freude ist. Mühelos bewegen sich Disperse auf dem schmalen Grat zwischen (recht elektronischem) Progressive Metal und Postrock, zwischen Oceansize und Fates Warning quasi, ohne künstlich bombastisch zu wirken; auch echolyn sind immer mal wieder präsent. Die langen Instrumentalpassagen sind rhythmisch-vertrackt und so eingängig zugleich, dass die Beine des freudigen Rezensenten sich weigern, den Takt zu verpassen. Großartig!

    Hält mich also noch etwas von der Vergabe der Höchstnote für dieses Jahr ab? Aber sicher: Der Gesang von Keyboarder Rafal Biernacki etwa ist, wohl genretypisch, wenig imposant und eher Beiwerk, stört aber auch nicht, was ja auch eine Art von Leistung ist. Andererseits geht’s beim Progressive Metal ja auch eher um die Instrumente, und die sind ziemlich gut.

    Thomas Kohlruß konstatierte, Disperse legten hier…

    (…) ein Album voller kraftvollem, vertracktem, heftigem Mathrock, gepaart mit hinreißenden Melodien und gelegentlich filigran-lyrischen Momenten vor. Der Hörer wird guten Ideen, gelungenen unorthodoxen Wendung (sic! A.d.V.) und allerlei eingestreuten Gimmicks verwöhnt.

    Spannend bleibt es bis zur letzten Minute; Stück Nummer 13 („AUM”, was immer das bedeuten mag) bietet ein letztes Mal ein großartiges Wechselspiel zwischen flirrender Gitarre und prägnantem Bass, bevor ein Keyboardteppich in einen Porcupine-Tree-Teil überleitet. (Weniger einschläfernd als Steven Wilson, der ansonsten hervorragende Arbeit leistet, singt Rafal Biernacki übrigens allemal.) Deren New Artrock, auf Disperses Debütalbum „Journey Through The Hidden Gardens” noch eine von vielen Zutaten, ist auf „Living Mirrors” allerdings nur noch wenig mehr als ein entfernter Einfluss. Disperse haben sich mit „Living Mirrors” freigeschwimmen.

    Hörproben: Das komplette Album steht auf Bandcamp.com zwecks Streamings zur Verfügung.

  3. Days Between Stations – In Extremis
    „There’s no replacing what’s been left behind / There’s no returning to that place and time” (Visionary)

    Das kalifornische Duo Days Between Stations, einst instrumental unterwegs, hat sich für sein Zweitlingswerk „In Extremis” prominente Unterstützung an Bord geholt, die auch mal singen darf. Die bekanntesten Helfer sind Tony Levin (von 1982 bis Mitte der 1990er Jahre bei King Crimson), Billy Sherwood, Peter Banks und Rick Wakeman (allesamt zeitweise bei Yes). Dass „In Extremis” in den Phasen, in denen Billy Sherwood singt, auch genau so klingt wie ein Album mit seiner Beteiligung („Visionary” etwa könnte auch von Circa: aufgenommen worden sein), bedeutet ausnahms- wie erstaunlicherweise nicht, dass er dem kompletten Album seinen Stempel aufdrückt. Es spricht aber für sich, dass das Stück, in dem der Gesang irgendwie herausragend (petergabrielesque) aus dem Kopfhörer schallt, nämlich „The Man Who Died Two Times”, ausnahmsweise von Colin Moulding (vorrangig bekannt als Teil von XTC) intoniert wird.

    Von seinem Gesang abgesehen leistet Billy Sherwood hier allerdings zumindest am Schlagzeug gute Arbeit. Ist es nicht auffällig, dass grundsätzlich gute Schlagzeuger zumindest im weiteren Umfeld des Progressive Rocks meistens schauderhafte Sänger sind? Nun gut, deswegen sind sie wahrscheinlich Schlagzeuger und keine Frontmänner geworden; in der vagen Hoffnung, dass das nicht so auffällt. (Phil Collins hat es also, wie so vieles, völlig falsch gemacht.) Aber genug des Geplänkels, kommen wir zur Musik.

    Um es auf Genrisch zu erklären: Trotz des seltsamen Anfangs, der mich eher an das Trans-Siberian Orchestra (oder irgendsoeinen Disco-Stampfer) erinnert, spielen Days Between Stations eher einen recht gitarrenlastigen New Artrock als den immergleichen Neoprog, von dem wohl die meisten Leute inzwischen genug haben dürften. Eher Pendragon als Marillion, eher Porcupine Tree als Yes. Sepand Samzadeh, der Gitarrist des Duos, bedient sich stilistisch an den Großen, laut Internet also mal an David Gilmour, mal an Andrew Latimer, und das ist ja auch nicht die schlechteste Referenz.

    Und immer wieder Stilwechsel: Die „alten” Genesis, Camel, (natürlich) Circa:, Porcupine Tree und King Crimson geben sich hier die Klinke in die Hand, mit dem zweiminütigen „Waltz In E Minor” wird auch ein (deplatziert wirkendes) Streicherstück dazwischengeschoben. Vier der acht Stücke knacken die zehn Minuten, „In Extremis” gar die zwanzig. Dieses Stück, unterteilt in sechs „Kapitel”, wie es so Brauch ist, ist sozusagen die Quintessenz des Albums: King-Crimson-, Genesis– und Pink-Floyd-Zitate treffen aufeinander, selbst Marillion werden (passenderweise an einer Stelle, an der die Worte „childhood’s end” fallen) hier kurz ins Gedächtnis gerufen. Garniert wird diese Mischung mit Neoprog-Keyboardklängen. Ah, der Neoprog! So ganz weggehen will er dann doch nicht. Macht ja nichts.

    Days Between Stations gelingt im Übrigen das seltene Kunststück, zum Ende hin besser zu werden. Die fast 70 Minuten Laufzeit des Albums sind nur in der Mitte, in diesen Sherwood-Momenten, ein bisschen quälend. Andererseits: Es hätte wahrscheinlich noch schlimmer kommen können.

    Bei der Suche nach Hörproben hilft Amazon.de mit den üblichen kurzen Ausschnitten weiter.

  4. Savages – Silence Yourself
    „The world’s a dead sorry hole” (Shut Up)

    Sprachfetzen und Horrormusik (nein, kein Pop) leiten „Silence Yourself” ein, bis unvermittelt der Bass einsetzt. Oder heißt es die Bässin? Savages sind eine vierköpfige Londoner Post-Punk-Band, die den Vorbildern aus den späten 1970er und frühen 1980er Jahren ziemlich gut nacheifert. Frauenquote: 100 Prozent. Na, das mag ja was werden. „Silence Yourself”, „verstumme dich selbst” – wie zum Trotz tun die vier Frauen hier das Gegenteil.

    Die Texte jedenfalls sind vielversprechend: Don’t worry about breaking my heart; oh Darling, are you free when you doubt?

    Wie damals in den 1980ern.

    Selbst die spießige „taz” findet’s gut:

    Ihr Sound streift die üblichen Postpunk-Referenzquellen von Gang of Four bis Joy Division nur. Er verzichtet auf epigonale Posen und larmoyantes Selbstbedauern.

    Vielmehr aktualisieren Savages die angry young women jener Ära. Sie erinnern an X-Ray Spex’ „Oh Bondage Up Yours!“, Poly Styrenes wütende Anklage der männerdominierten Gesellschaft. Oder an den düster-metallenen Gothicpunk von Siouxsie & The Banshees.

    „Strife” mit seiner Lo-Fi-Garagengitarre und dem klagenden Gesang von Frontfrau Jehnny Beth fasst das Album eigentlich gut zusammen, aber warum sollte man sich auf ein einziges Lied beschränken? Zumal es auch die anderen Stücke in sich haben. Wie „Husbands” gemeint ist (He sung the final hour of my sleep / oh God I wanna get rid of it / (…) / my house, my bed, my husbands, husbands, husbands, (…)), würde mich zum Beispiel schon interessieren. Aber Künstler verraten nicht, was sie meinen, wenn sie etwas sagen. Das wäre doch albern.

    Entdeckt „Silence Yourself” also unerklärt:
    Auf YouTube kann man den Musikerinnen beim Spielen zusehen, auf Amazon.de kurz reinhören.

  5. Tomahawk – Oddfellows
    „And I’ll shoot you off the range / Sell your daddy’s grange” (White Hats/Black Hats)

    Was macht eigentlich Mike Patton (umtriebiges Mitglied von Mr. Bungle, Fantômas, Faith No More, Peeping Tom und The Moonchild Trio sowie Gastsänger bei vielen, vielen anderen Musikgruppen und -projekten) gerade so? Nun, im Jahr 2000 hat er zusammen mit Duane Denison (unter anderem The Jesus Lizard) die Band Tomahawk gegründet, mit der er Alben wie „Mit Gas” (2003 veröffentlicht) aufnahm. Mit „Oddfellows” erschien 2013 das mittlerweile vierte Studioalbum von Tomahawk; ob es wie ältere Aufnahmen der Band irgendetwas mit Indianern zu tun hat, weiß ich nicht.

    Die Website der Plattenfirma Ipecac Recordings weist darauf hin, dass „Oddfellows” trotz über fünfjähriger „Pause” von Tomahawk keine Reunion bedeutet, „es sei denn, das bringt mehr Geld” (Zitat von ebendort), denn so richtig aufgelöst hätten sich Tomahawk ja nie. Dass es mit „Stone Letter” auf „Oddfellows” sogar eine Single gibt (wie bei so ‘ner Popband), ist allerdings ein bisschen komisch.

    „Oddfellows” ist andererseits auch wenig experimentell verglichen mit Fantômas, Maik Maerten nennt es gar „erstaunlich zahm”; und für Mike Patton mag das auch stimmen. Aber auch Trevor Dunn, der regelmäßigen Lesern meiner Rückschauen zuletzt zum Beispiel auf ‘nem Melvins-Album begegnet sein dürfte, zeigt sich auf „Oddfellows” ähnlich wandlungsfähig. Mathias Freiesleben geht ins Detail:

    Ich hoffe nur, ich vergesse das Album in der Jahresrückschau im Dezember 2013 nicht. Gefahr laufe ich da aber nicht, wenn ich an die schüchternen Perle ‘I.O.U.’ oder den Neo-Jazz-Hauch ‘Rise Up Dirty Waters’ denke. Das lauernde ‘A Thousand Eyes’ ist auch ein Hit, ein leiser, hatte ich vergessen zu erwähnen. Mit ‘Typhoon’ durch die sterbende Kleinstadt brettern – eine Lust!

    Sonst so? Nick Cave and the Bad Seeds, Tom Waits, Foo Fighters und natürlich alles von Mike Patton. Nehm’ ich.

    Nun fahre ich eher selten durch sterbende Kleinstädte – vergessen haben möchte aber auch ich „Oddfellows” auf keinen Fall. Schön, dass das erledigt ist.

    Hörproben:
    Reinhören könnt ihr auszugsweise auf Amazon.de, in voller Länge beim Streaminganbieter eurer Wahl, zum Beispiel Grooveshark.

  6. Bardo Pond – Peace on Venus
    „I think it’s gonna be different this time.” (Kali Yuga Blues)

    In „meiner” Hochschule probt unter anderem gelegentlich eine Punkband, die unter anderem das doch recht bekannte Lied „Lemon Tree” covert. Die engagierte Sängerin scheint jedoch Angst vor dem Mikrofon zu haben und ihre eigene Stimme nicht sonderlich gern zu mögen, allzu zaghaft lässt sie ihr Stimmchen zu den drückenden Gitarren ertönen. Zu rotzigem Brüllpunk passt das nicht, zu der Musik von Bardo Pond allerdings durchaus.

    Bardo Pond? Merkwürdiger Name! Laut Internet stammt „Bardo” aus dem Tibetanischen Totenbuch, „Pond” („Teich”) wurde ergänzt, weil es in dieser Verbindung cool klinge. Der „Bardo” sei der Ort, an dem eine Seele nach dem Tod des Körpers landet. Dabei ist die Musik auf ihrem inzwischen neunten Album „Peace on Venus” alles andere als tot. Bardo Pond stammen im Übrigen aus Philadelphia. Was das über Philadelphia aussagt, möge ein jeder Leser bitte selbst ergründen.

    Das Cover zieren schwarzweiße nackte „Blumenkinder”. Wie klischeehaft. Wie treffend! Dargeboten wird verzerrter Garagenrock mit reichlich „Fuzz”, Flöte und angenehmen Amateurcharme. Crazy Horse (die Band, nicht der Indianerhäuptling) lassen grüßen. Isobel Sollenbergers angenehm unaufdringlicher Gesang, der dem eingangs erwähnter Punksängerin ähnelt, disharmoniert erfreulich angenehm mit dem psychedelischen Rhythmusfundament, dem „weißen Rauschen” der Gitarren; und wohl wissend, dass die Scheißradiosender Musik wie diese sowieso nicht spielen, wird dann auch auf so etwas Langweiliges wie Längenbeschränkungen gepfiffen: „Peace on Venus” sind fünf Stücke zwischen fast fünf und über zehn Minuten. In der Länge liegt die, äh, Musik.

    Eine stilistische Einordnung ist trotzdem nicht so einfach wie es scheint: Experimentell? Psychedelisch? Pop? Postrock? Ach, diese Musikjournalisten immer. Wer Musik mag, der redet nicht darüber, außer man ist ich und empfiehlt gern Gutes zum Hören.

    Rock’n’Roll sei nicht tot, befindet das Internet angehörs dieses Albums. Ich bin geneigt, dem zuzustimmen.

    Hörproben:
    Schaut einfach mal auf Amazon.de vorbei.

  7. Sons of Kemet – Burn

    Ein Blick zurück nach Großbritannien, von wo aus die Sons of Kemet agieren. „Kemet” bedeutet Schwarzes (Land), womit das fruchtbare Ackerland im Niltal und Nildelta gemeint ist. Dass das Album „Burn” trotzdem „Burn” und nicht zum Beispiel „Moisturize” heißt, ist sicher nur ein Versehen.

    Das Dargebotene ist dann im Übrigen auch weit weniger antik als man annehmen könnte, obwohl Sons of Kemet tatsächlich einem betagten „Genre” frönen, nämlich dem Jazz. Musikfreunde wissen, dass Jazz eine komplexe Welt ist, und auch Sons of Kemet tröten nicht lustlos wie der abertausendste Miles-Davis-Kopist vor sich hin, sondern begehen ihre eigenen Wege. Das fängt schon bei der Besetzung an: Saxophon/Klarinette, Tuba und zwei Schlagzeuge. Kein Gesang. Die Tuba ist dann tatsächlich auch ein dominantes Instrument, mal im Vordergrund, mal als markanter Teil der Rhythmusgruppe.

    Das Ganze klingt etwas esoterisch, aber nicht störend. Die meisten der zehn Stücke treiben hektisch voran, ihnen haftet der Charakter einer Liveimprovisation an. Nicht nur hier erkenne ich Parallelen zum „Double Trio” aus früheren King-Crimson-Tagen, das ähnliche Musik (wenn auch rockiger) auf Bühnen und Tonträger brachte. Schon der opener „All Will Surely Burn” bereitet den Hörer angemessen vor: Während hallende Perkussion und Schlagzeug ertönen, gesellen sich allmählich weitere Instrumente hinzu, ein eingängiger Tubarhythmus trifft auf mal wild umherflatternde, mal taktgetreue Einwürfe von Shabaka Hutchings, Vordenker der Sons of Kemet und umtriebiger Vertreter des Jazz, sagt das Internet. Mein Lieblingsstück auf „Burn”, das noch energischere „The Itis”, ist mit gerade einmal 2:29 Minuten Laufzeit leider etwas kurz geraten.

    Auf „Burn” sind mit „Song for Galeano”, Eduardo Galeano gewidmet, und „The Godfather” auch zwei Stücke zu finden, die der experimentell-rauen Seite der Sons of Kemet eine ruhige Nuance hinzufügen, auch „Adonia’s Lullaby” fließt vergleichsweise gemächlich neben „Beware”, das seinen Namen nicht zu Unrecht trägt, her. Dass nicht gesungen wird, tut im Übrigen auch der Coverversion „Rivers of Babylon” (im Original nur schwer und/oder betrunken zu ertragen) gut, die „Burn” beschließt.

    Free Jazz mit Tuba könnt ihr euch wahrscheinlich jetzt ungefähr so gut vorstellen wie ich, aber wofür gibt es denn das Internet?

    Mit Hörproben haben die Sons of Kemet SoundCloud bestückt, Amazon.de hat natürlich auch was.

    Ihr solltet es auch bald haben.

  8. Amplifier – Echo Street
    „Driving at the wheel / there is a prisoner / upon a road of vainlessness / I’m traveling without a rival” (The Wheel)

    „Echo Street”, anderswo schon mal zum Album der Woche gekürt, ist das (abzüglich der verschiedenen EPs) inzwischen vierte Studioalbum des britischen Alternative-Rock-Quartetts Amplifier. Auf Echos wird verzichtet.

    Warum „Echo Street”, wenn doch schon für Herbst 2012 das bis heute nicht erschienene „Mystoria” angekündigt war? Das übliche Problem trat auf: Das Geld ging aus.

    Wir arbeiteten eigentlich an einem anderen Album namens „Mystoria“, bei dem allerdings absehbar war, dass sie nicht rechtzeitig fertig werden würde[,] (…) bevor uns das Geld ausgegangen wäre und wir nicht mehr die Möglichkeit gehabt hätten, eine Platte rauszubringen. Als uns dies im August 2012 klar wurde, mussten wir aus dem Stand eine andere Scheibe aus dem Boden stampfen und diese aufnehmen und pressen lassen, solange noch Kohle vorhanden war.

    Wie sich das für eine gute Musikgruppe, wie es Amplifier nun mal ist, gehört, waren dafür aber sowieso noch Stücke übrig:

    Das einzige was wir hatten, waren hunderte von Tonbändern aus unserer Anfangszeit. Das hat es für mich rückwirkend echt gerechtfertigt, die ganzen Kassetten überhaupt aufgehoben zu haben. Es war nur ein winziger Bruchteil des Archivs, was letztlich auf der Platte gelandet ist.

    „Echo Street” ist also eigentlich keineswegs ein neues, sondern vielmehr eins von mehreren möglichen „alten” Amplifier-Alben. Dabei klingt „alt” schlimmer als es ist, gegründet wurde die Band ja erst 1999; was im Musikgeschäft andererseits wiederum eine halbe Ewigkeit – wie auch immer das gehen soll – darstellt. Schöne, neue Welt. Schlecht sind die ollen Kamellen aber trotzdem nicht.

    Mit anschwellendem Klang beginnt „Matmos”, Stimme und unverzerrte Gitarre gesellen sich dazu. Schön, hat was von Psychedelic Rock. Nanana na nana nana. Die Stimmung, irgendwo zwischen Steven Wilson und Everlast und intim wie dereinst Talk Talk, geht unter die Haut, noch bevor ein Text zu hören ist; der allerdings auch nicht schlecht ist: „And hazy are all my memories / and take away from me the past / your deconstructed soul immortal / is thinking laughing gas thoughts.” „Matmos” ist nach einem Unheil bringenden See aus der Comicbuchreihe „Barbarella” benannt, die ich im Übrigen auch nicht kenne. Am Ende wird’s rockig: „For the love that I found, I found” (Wdh.) Was kommt mir da in den Sinn? echolyn.

    Sonst so? „The Wheel”, ein vergnügliches Spacerockstück, das beatlesque „Between Today and Yesterday”, das new-artrockige „Echo Street” (laut Internet das älteste jemals aufgenommene Amplifier-Lied), am Ende der bassdominierte Rocker „Mary Rose”, der den Hörer vergebens auf die Eruption warten lässt – und dazwischen Gitarre und jede Menge Elektronik. Hervorragend!

    Das Punk-Grunge-Album „Mystoria” soll nach derzeitigem Stand übrigens nun endlich 2014 erscheinen. Wer bis dahin noch etwas mehr Amplifier braucht, der möge den/die/das mit „Echo Street” zusammen erschienene EP Sunriders gleich hinterherhören. Gefällt!

    Hörproben haben Grooveshark, Amazon.de und sonstwelche Seiten im Angebot. Sucht euch eine aus.

Für diejenigen von euch, die Musik lieber hören als allzu viel über sie zu lesen, hatte ich vor einem Jahr die Rubrik „prima Alben in einem Absatz zusammengefasst” eingeführt. Diese Rubrik wird auch 2013 fortgesetzt, schon deshalb, weil ich mal wieder nicht rechtzeitig mit Rezensieren fertig geworden bin. Fünf weitere Musikalben buhlen also im Folgenden um eure Aufmerksamkeit.

2. Kurze Freuden.

  1. De Staat – I_Con

    „I_Con” fügt dem bandeigenen Rock einige interessante Nuancen hinzu, die sie aus der Rockschublade entfernen und dann sozusagen den ganzen Schrank neu zimmern. Der The-Strokestouch (wenn auch mit weniger „Lo-Fi”) ist zwar kaum zu überhören, aber auch so Discomusik wie damals in den 90-ern ist zu hören („Make Way For The Passenger”). Und erinnert sich noch jemand an Pop Will Eat Itself, Rage Against the Machine oder die Beastie Boys, an diese Melange aus Gitarren, Rap und dance? Spätestens in „Down Town” kehrt die Erinnerung zurück. Hörproben? Hier entlang.

  2. Sound of Contact – Dimensionaut

    In „Dimensionaut” treffen frühe Yes (aus der Zeit vor „Fragile”) auf späte (wenig experimentierfreudige) Genesis und vermählen sich schließlich mit dem Spacerock von Hawkwind. Die Genesisnähe ist vermutlich kein Zufall, ist doch Schlagzeuger und Sänger Simon Collins der älteste Sohn des anderen, schlechteren Herrn Collins. Das fällt aber ansonsten zu meinem Entzücken kaum auf, wie zum Beispiel auf Amazon.de zu hören ist.

  3. Marnie Stern – The Chronicles of Marnia

    Marnie Stern macht in den „Chroniken von Marnia” das, was sie am Besten kann: Gitarre spielen und dazu seltsam singen. Häufig klingt das wie die neueren Stücke der ehemaligen The-Velvet-Underground-Schlagzeugerin Moe Tucker, manchmal auch nach den Pixies. Afrikanische („Noonan”) und 60-er-Jahre-Rhythmen („Still Moving”) verschmilzen mit den Tappingteppichen und Frau Sterns jedenfalls einzigartigem Gesang zu einem spaßigen Gesamtwerk, das seine Kraft vermutlich im Sommer eher entfaltet als im Winter, aber der nächste Sommer dauert ja voraussichtlich auch nicht mehr lange. Es gibt auch ein Musikvideo dazu. Juhu!

  4. Minerva – Germinal
    Minerva ist die römische Göttin des Handwerks und der Weisheit, also eine Göttin der Gegensätze. Minerva ist außerdem eine Psychedelic-Rock-Band aus Potsdam, die mit „Germinal” ein hörenswertes Debütalbum vorgelegt hat, das so gegensätzlich ist wie die Göttin selbst: Melodisch untermalte Gedichte („Der gläserne Käfig”) einerseits, treibender Rock wie von The Mars Volta („Before I Lost My Fight And Sight”) andererseits; hier Gitarren, da Saxophon und Bass; Stoner Rock („Hastily”) und Alternative Rock („All I’ve Done”) wechseln sich wie selbstverständlich ab. Texte wie von Ira! (Herzen gefüllt mit Monotonie / Wo sind wir geblieben, wo?), Musik wie seit Langem nicht mehr gehört.
  5. Omb – SwineSong

    Etwas name dropping zu „SwineSong”: Gentle Giant, King Crimson, Sleepytime Gorilla Museum, Eatliz, Mr. Bungle, The Void’s Last Stand. Omb hießen früher Of Marble’s Black und machten Metal. Geblieben ist das Growling, hinzu kam abgedrehter Dämonengesang, verstärkt wurden verzwirbelte Gitarren. Alles auf einmal. Israel scheint fruchtbaren Nährboden für Bands zu liefern, die alles anders machen wollen (nochmals cf. Eatliz). Wer mag, kann’s per Bandcamp hören und/oder kaufen. Schwein gehabt.

Ein Manko des musikalischen Jahres 2013 ist es, dass das Angebot an wirklich außergewöhnlichen kostenlos zur Verfügung gestellten Produktionen entweder gesunken oder mir schlicht völlig entgangen ist. Aus dem Einheitsbrei der Oceansize-, Tool– und Franz-Ferdinand-Imitatoren konnte ich daher im zweiten Halbjahr 2013 auch nur diese zwei wahren Perlen herausfischen:

3. Spaß für nix.

  • Snöhamn

    Für regelmäßige Leser meiner Texte sind Snöhamn fast schon alte Bekannte, das Stück „Du vilar nu” hatte ich erst kürzlich empfohlen. „Snöhamn” heißt laut Plattenfirma ungefähr so viel wie „Astralkörper aus Eis” und klingt auch so ähnlich.

    Snöhamn machen im Wesentlichen ambienten Postrock. Schon wieder Postrock? Reicht es nicht langsam? Nö. Das titellose Beinahealbum (das wird langsam zur Gewohnheit) haut dem Hörer nicht ständig irgendwelche Effekte oder Gitarrenbretter um die Ohren, sondern arbeitet sich behutsam mit Pinsel und Pinzette voran.

    Beinahealbum? Nun ja, mit fünf Stücken und nicht ganz 40 Minuten Spieldauer ist dies eher ein/eine EP, aber die fünf Schweden wissen die Zeit wohl zu nutzen. Gesungen wird nicht. Gut so! Ihre Stimme ist die Musik. Snöhamn erzählen fünf Geschichten und reden nicht viel dabei. Was ist Traum, was Wirklichkeit? „Snöhamn” klingt wie wenn man durch einen schönen Wald spaziert und dem Wind lauscht. Das machen wir viel zu selten.

    Runterholen:
    Auf Bandcamp.com gibt es „Snöhamn” in voller Länge zu hören und herunterzuladen, eMule hat es ebenfalls.

  • Il Rumore Bianco – Mediocrazia

    Italienische Bands haben sehr oft das Problem, dass ihre Texte ebenfalls auf Italienisch gehalten sind. Italienisch ist zwar eine schöne melodiöse Sprache, aber italienischer Gesang ist in der Regel eher kantig und etwas störend. Il Rumore Bianco gelingt das Kunststück, mir trotzdem zu gefallen.

    Was bekommen wir hier zu hören? Nun, ebenfalls eine sehr kurze „Scheibe”, die nicht mal eine halbe Stunde dauert. Stilistisch betätigen sich die sechs Herren (klassische Rockbandbesetzung plus Keyboards, Synthesizer und Saxophon) auf dem weiten Feld des Jazzrock, dabei in den durchaus gehobenen Gefilden. Passende Vergleiche: Gentle Giant, The Tangent, Van der Graaf Generator. Eintönig bleibt es trotzdem nicht: Ist „Tutto un sogno (pt. 1)” noch ein bass- und keyboardlastiges straightes (Progressive-)Rockbrett, dominieren in „Tutto un sogno (pt. 2)” jazziges Saxophon und Tasteninstrumente zu weitgehend unaufgeregtem Gesang. Explodieren tut’s nur zwischendrin mal, da meldet sich auch die Gitarre zu Wort (und da sind Van der Graaf Generator so nah wie selten).

    Dazwischen? Das streckenweise schön vertrackte „Il vestito buono” und das seltsame „Il primo attore”, in dem ich mal wieder King Crimson aus den frühen 70-ern erkenne, Saxophon selbstverständlich inklusive. „Rock”- und „Jazz”-Teile werden auf „Mediocrazia” jedenfalls so nahtlos aneinandergeheftet, dass man es kaum mitbekäme, würde man nicht plötzlich mittendrin den Takt beim Mitwippen verlieren. Aktives Musikhören ist ganz schön anstrengend; vor allem aber ganz schön. Das solltet ihr aber schon wissen.

    Runterholen:
    Stream und Download gibt’s auf Bandcamp.com, holen und mitverbreiten könnt ihr „Mediocrazia” zum Beispiel auch per eMule.

War das schon alles? Aber nein! Neben all diesen Studioproduktionen landeten unlängst auch zwei Liveaufnahmen in meinem Musikspieler, die meine Wertschätzung ehrlich verdient haben.

4. Zwei Konzerte für zu Hause.

  • Møster! – Edvard Lygre Møster

    Ich wiederhole: Was ein Edvard Lygre ist, vermag ich aufgrund mangelnder Norwegischkenntnisse nicht zu wissen. Ist das nicht aber sowieso beinahe egal? Ich lasse lieber die Musik für sich sprechen. Und die geht, Verzeihung!, tierisch ab.

    Ist das erste Stück „Plastic Disco” (12:10 Minuten; keine Sorge, bumm-tschack bleibt hier aus) schon ein prachtvoller Vorbote für das Folgende, drehen die vier Herren danach erst so richtig auf. In „Ransom Bird” ist erstmals tatsächlich etwas Publikum (jubelnd) zu hören. Wer könnte es ihm angehörs der schieren Instrumenteneskapade, herausragend vorangetrieben von Schlagzeug und Bass, schon verdenken? Das Internet schreibt hier von „rauschhafter Ekstase”, und ich könnte es kaum besser umschreiben.

    Jazz für jede Gelegenheit!

    Reinhören:
    Amazon.de stellt kurze Ausschnitte aus jedem der vier enthaltenen Stücke bereit.

  • PropheXy – Improvviso

    Am 17. März 2012 fand sich die italienische Band PropheXy für eines ihrer Konzerte zusammen.

    Der jazzige Retro-Prog-Hardrock ihres Debütalbums „alconauta” von 2008 hat sich mit dem Ausstieg von Matteo Bonazza in eine freiförmigere Richtung bewegt, die mir sehr gefällt. Zu hören ist die typische Mischung aus den Rhythmusexperimenten von Gentle Giant, dem Instrumentengefrickel der 1982er King Crimson und extrovertiertem italienischem Gesang, der sich schon aufgrund der reinen Sprachmelodie dem Hörer geradezu aufdrängt. Auch der Canterbury, vorrangig repräsentiert vom schier allgegenwärtigen Flötisten Alessandro Valle, kommt nicht zu kurz; mit „Disassociation” und „Golf Girl” wurden sogar zwei Coverversionen von Caravan-Klassikern gespielt, gesungen von Richard Sinclair höchstselbst, der vielleicht gerade mal etwas Zeit übrig hatte.

    Lobenswert auch die Abmischung: Nervig dazwischenklatschendes Publikum wie in deutschen Bierzelten ist nicht zu hören, der Applaus ertönt, wenn überhaupt, allenfalls am Ende eines Stückes und wird dann recht schnell ausgeblendet. Ich bin ja für die Wiedereinführung der Rettichstrafe für jeden, der eine musikalische Aufführung mit blödem Gepatsche stört, aber dieses Publikum war ein sehr gutes.

    Es war dem Konzert wohl durchaus angemessen.

    Reinhören:
    Auch diesmal werdet ihr auf Amazon.de fündig.

Nach all der Freud’ nun etwas Leid: Wie üblich habe ich es auch diesmal nicht versäumt, die einschlägigen Rezensionszeitschriften und -webseiten nach Geheimtipps, Alben des Jahres (und so weiter und so fort) zu durchforsten, und den Fehler gemacht, die Euphorie nachvollziehen zu wollen. Ein großer Name bewahrt oft nicht vor großem Mist. Die vier größten Totalausfälle sind diese:

5. Geschenke für den Feindeskreis.

  1. Nektar – Time Machine

    Ich weiß nicht, in welche Zeit Nektar hier gereist sind, aber spannend geht es dort sicherlich nicht zu. Blöderweise sind sie auch wieder zurückgekehrt und erzählen allen davon.

  2. Dream Theater

    Ich hole mal etwas weiter aus: Ein neuer Schlagzeuger ist an Bord, Mike Portnoy will nicht mehr mitspielen. Ein Sakrileg? Wer weiß! Ein viel größeres Sakrileg vielleicht: Dream Theater hielt ich ja immer für etwas überbewertet (wie sonst nur die Beatles und Miles Davis). Der Anfang des Albums (trägt es nun eigentlich einen Namen oder nicht?): Opernhaft? Nightwish? Zum Glück keine Tarja! Ach, jetzt weiß ich wieder, wieso ich mich von allem, was sich „Progressive Metal” nennt, normalerweise fernhalte, diese Keyboardfanfaren sind mir schon bei Muse auf die Nerven gefallen. Weiterhin in gebotener Kürze: Chor und Gitarrengebratze. Gesang folgt erst in Stück 2, klingt aber von Anfang an etwas arg gepresst. Und er wird nicht besser! Gitarre und Schlagzeug zweifelsfrei (wie oft behauptet) großartig, aber der Gesang verdirbt’s. Hat der Sänger Bauchschmerzen? Und dann noch die Texte! Jetzt weiß ich, wer Transatlantic zu ihrem grauenhaften textlichen Gejammer inspriert hat. Man verstehe mich nicht falsch und schmähe mich einen bloßen Dream-Theater-Verächter: „Metropolis Pt. II – Scenes From a Memory” halte ich für ein gelungenes Album. „Dream Theater”, sieben Studioalben später, ist aber das, was der „Name” verspricht: Schrecklich uninspiriert. Schade drum.

  3. The Flower Kings – Desolation Rose

    Den Titel haben sie bei Bob Dylan abgeguckt und schlecht verkalauert, aber er spricht Bände: Mehr als desolation ist hier nicht zu erwarten. Denkmalpflege ja, aber nicht auf hohem Niveau. Hat man alles schon mal von den Flower Kings gehört – und zwar besser.

  4. Public Service Broadcasting – Inform – Educate – Entertain

    Das Londoner Duo Public Service Broadcasting musiziert auf „Inform – Educate – Entertain” stilsicher an Konventionen vorbei. Um Ausschnitte aus alten Propaganda- und Werbefilmen herum stricken sie elektronische instrumentale Klangwelten, die mal minimalistisch („Late Night Final”), mal bedrohlich („Night Mail”), mal feierlich („The Now Generation”) daherkommen. Gelegentliche Reminiszenz ist das Penguin Cafe Orchestra, leider übernimmt man auch dessen größtes Manko: Das Zeug wird einfach sehr schnell langweilig. Spätestens nach dem zweiten Stück.

Früher was alles besser? Aber nicht doch! Früher gab es zum Beispiel viel mehr furchtbare Musikgruppen als heute. Das ist ein wünschenswerter Zustand, über den wir uns jeden Tag wieder freuen sollten. Andererseits fällt das manchmal auch schwer, wenn man hingegen bedenkt, welch eigentlich prima Zeit für die Musik niemals zurückkehren wird. Erinnern wir uns also zurück!

6. Tage wie diese…

  • Vor 40 Jahren:
    „1973” ist ein Lied von James Blunt, der erst 1974 geboren wurde. Worum es in dem Lied geht, weiß ich nicht, vielleicht singt er davon, wie schön die Welt vor seiner Geburt doch war. Dabei sah es 1973 zuerst gar nicht nach einem guten Jahr aus: Im Juni verließ Brian Eno, Stil prägender Experimentalmusiker, die Glamrockband Roxy Music, mit der er erst kurz zuvor die ersten beiden Alben Roxy Music und For Your Pleasure aufgenommen hatte. Roxy Music versanken danach in der Beliebigkeit, auch nachrückende Musiker konnten Enos Kreativität nicht ersetzen. Er selbst verließ den eingeschlagenen Pfad auch recht schnell: Sein Solodebütalbum Here Come the Warm Jets, das noch im September 1973 gemeinsam mit ehemaligen Roxy-Music-Mitstreitern, Robert Fripp, John Wetton und anderen aufgenommen wurde, zehrte noch von seiner Zusammenarbeit mit einer Rockband, im weiteren Verlauf widmete er sich dann doch lieber der elektronischen „Ambient”-Einschlafmusik. Anders erging es Gong, die 1973 gleich zwei herausragende Musikalben (Flying Teapot und Angel’s Egg) veröffentlichten, die mit dem im Folgejahr erschienenen You die „Radio-Gnome-Trilogie” bildeten, mit der sie wie zuvor ihre Landsmänner von Magma ihren eigenen Erzählkosmos schufen. Gong zerfiel wenig später in verschiedene Gongs (zeitweise gab es mindestens drei verschiedene Bands dieses oder eines ähnlichen Namens zur gleichen Zeit), erst 1992 kehrte man zum gemeinsamen Namen Gong zurück. Das bisher letzte Album mit Radio-Gnome-Bezug, Zero To Infinity, erschien im Jahr 2000, 2032 erst 2009. Weitere Aktivitäten sind nicht ausgeschlossen.
  • Vor 30 Jahren:
    Rod Stewarts „Baby Jane”, ich kann’s nicht mehr hören, war 1983 sein erster „Nummer-1-Hit” in Deutschland, was über die deutsche Hitparade mehr aussagt als es mir lieb ist; das zugehörige Album Body Wishes verkaufte sich im selben Jahr ebenfalls ziemlich gut. Dieser geballten Ladung Schmalz wusste man in Deutschland wohl nicht viel entgegenzusetzen und belebte stattdessen die inländische Punkszene. Slime, damals provokante Heroen der Szene, machten nach ihrem vorläufigen Abschiedsalbum Alle gegen Alle aber erst einmal Pause; etwa zur selben Zeit entstanden aus verschiedenen Amateurpunkbands aber mit den Die Ärzte und den Toten Hosen neue Hoffnungsträger, die mal subtil (Die Ärzte), mal weniger subtil (Die Toten Hosen) das linkspolitische musikalische Engagement in das neue Jahrzehnt retteten. Auf ihrem 1983 erschienenen Debütalbum Opel-Gang beschränken die Toten Hosen ihre politische Aussage zwar noch auf leisen Sarkasmus („Ülüsü”), alle übrigen Bestandteile ihrer Musik einschließlich der fehlenden Reime sind aber schon erkennbar. Dreißig Jahre später haben sie noch nichts verlernt.
  • Vor 20 Jahren:
    Das musikalische 1993 in einem Wort: Verwirrend. Der von Jimi Hendrix hörbar beeindruckte Gitarrist Caspar Brötzmann sorgte mit seiner Band Caspar Brötzmann Massaker auf Koksofen für eine angenehm anstrengende Mischung aus Jazzrock, Stoner Rock und Zappaesquem mit mantraartig wiederholten, obskuren englischsprachigen Texten für Verwirrung, die Punkrockband Green Jellÿ mit der Single Three Little Pigs vom schon 1991 erschienenen Cereal Killer Soundtrack, auf dem auch Maynard James Keenan und Danny Carey (Tool) zu hören sind. Damals, als MTV sich noch was traute. Auch Die Fantastischen Vier haben sich auf Die 4. Dimension was getraut, nämlich die Hörerschaft wiederum zu verwirren, indem der Spaßrap der ersten beiden Alben textlich wie musikalisch den Drogen wich. „Tag am Meer” statt „Die da!?”. Auch textlich war Die 4. Dimension ein Konzeptalbum und handelte passenderweise von der Reise ins Ich, von der Reflexion über das eigene Dasein. Der Hörer honorierte das nicht, für eine nennenswerte Hitparadenplatzierung hat es trotz des „Tages am Meer” nicht genügt; vielleicht auch deshalb wagte man erst 1999 auf 4:99 wieder ähnlich Tiefgründiges. Dass die Fantastischen Vier laut Interviews heute noch Drogen als den Kraftstoff für ihr Schaffen betrachten, hört man ihrem aktuellen Album Für dich immer noch Fanta Sie bedauerlicherweise auch an. Die 4. Dimension war trotzdem klasse.
  • Vor 10 Jahren:
    Wie nennt man eigentlich als Musikgruppe eine Platte, wenn einem gar nichts einzufallen vermag? Genau: Platte. Electric Orange veröffentlichten 2003 die Platte Platte auf Platte (erst Jahre später gab es eine CD-Ausgabe), platt ist die aber gar nicht, vielmehr bin ich selbst platt von der Überdosis an frühen Pink Floyd, die Platte verursacht. Kein Gesang, nicht schlimm; dafür jede Menge Bass und Hammondorgel. Das Ausnahmestück heißt „Holzbock”, das Can noch näher ist als das dem verstorbenen Can-Musiker Michael Karoli gewidmete „Dedicated to Mk”. Musikalisch vorwärts statt rückwärts ging es für Subway to Sally, deren siebtes Studioalbum Engelskrieger den Mittelalterrock früherer Werke zum allgemeinen Entsetzen durch öden Metal ersetzte. Einige Jahre später wechselte man die Plattenfirma und machte diesen Stilwechsel erfreulicherweise wieder rückgängig. Zumindest die schottische Postrockband Aereogramme blieb sich derweil treu und verarbeitete auf ihrem zweiten Album Sleep and Release allerlei genreverwandte Einflüsse von Mogwai bis zu Sigur Rós. Reich wurden die Musiker damit aber nicht, und so ging man nach dem treffend benannten Album My Heart Has a Wish That You Would Not Go im Jahr 2007 schließlich vorübergehend getrennte Wege. Falls sich noch jemand fragen sollte, wieso der Eindruck entsteht, dass es immer weniger neue wirklich gute Musik gibt, so empfehle ich, den Plattenfirmen die Schuld zu geben. Zum Glück gibt es inzwischen akzeptable Vertriebsformen über das Internet. Die Hälfte von Aereogramme ist seit 2008 unter dem Namen The Unwinding Hours aktiv, ihre Aktivitäten im Auge zu behalten ist derweil nicht die schlechteste Idee.

Fertig? Fertig! Habe ich irgendein nennenswertes Album vergessen? Lasst es mich wissen!

Im Juni 2014 folgt voraussichtlich der nächste Teil. Vergesst bis dahin nicht, ab und zu Musik zu hören. Das Leben wäre ein tristes.

Bis dann!

Seriennavigation« Musik 06/2013 – Favoriten und AnalyseMusik 06/2014 – Favoriten und Analyse »

Senfecke

Bisher gibt es einen Senf:

  1. PINGBACK: Hirnfick 2.0 » Musik 12/2014 – Favoriten und Analyse

Senf dazugeben:

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
:P 
:ups: 
:cry: 
:evil: 
:twisted: 
mehr...
 

Erlaubte Tags:
Markdown sowie <strong> <em> <pre class="" title="" data-url=""> <code class="" title="" data-url=""> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <span style="" class="" title="" data-url=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Ihre IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details finden Sie hier.