KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/​2013 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 12 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

Aber hal­lo, wer­te Leser und Musik­freun­de, da ist doch tat­säch­lich schon wie­der Ende Dezem­ber; Zeit also, wie zuletzt im Juni die musi­ka­li­schen Per­len aus dem gro­ßen Hau­fen an dies­jäh­ri­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen her­aus­zu­picken. Die Guten ins Töpf­chen, die Schlech­ten in die Vergessenheit.

Kei­ner soll sagen, ich hät­te mir die Ent­schei­dung über die Auf­nah­me oder Nicht­auf­nah­me in die­se Rück­schau leicht gemacht; tat­säch­lich haben es eini­ge Musik­al­ben nach Abwä­gung der Argu­men­te wider Erwar­ten nicht geschafft. Die Woo­den Shjips etwa haben mit Back To Land mal wie­der ein her­vor­ra­gen­des Vel­vet-Under­ground-Gedächt­ni­sal­bum ver­öf­fent­licht. Zwar gibt es sti­li­stisch nichts Neu­es zu ver­mel­den, wes­halb eine sepa­ra­te Rezen­si­on hier blo­ße Wie­der­ho­lung blie­be; man mag’s trotz­dem mögen. Schlech­ter wird es nicht. Das gilt im Übri­gen auch für Zola Jesus‘ Album Ver­si­ons, auf dem sie eigent­lich nur strei­cher­be­wehr­te (aller­dings sehr gute) Vari­an­ten frü­he­rer Lie­der aus ihrem Œuvre darbietet.

Unschlüs­sig war ich mir bei Mog­wais Les Reven­ants Sound­track, das als „nicht regu­lä­res Stu­dio­al­bum“ eigent­lich nicht in die­se Liste gehört. Ich habe mich dazu ent­schlos­sen, das wie üblich soli­de, aber unge­wohnt melan­cho­li­sche und herbst­taug­li­che Album (mit Gesang!) trotz­dem mal unver­bind­lich zu emp­feh­len und dann nicht wei­ter dar­auf ein­zu­ge­hen. Um so mehr Platz bleibt für die ande­ren her­vor­ra­gen­den Alben im zwei­ten Teil mei­ner Jahresrückschau.

Näm­lich diese:

1. Käuf­li­che Begeisterung.

  1. Ample­deed – A is for Ampledeed
    „I hear a sound /​ from Under­ground“ (Wan­ders and Wonders)

    „A steht für Apfel“, so lernen’s die Kin­der angeb­lich in den USA, und viel wei­ter kom­men sie dann nicht mehr, weil sie lie­ber Leu­te erschie­ßen gehen als in der Schu­le her­um­zu­sit­zen. Dass die Ame­ri­ka­ner von Ample­deed bei der Suche nach einem Band­na­men auch irgend­was mit „A“ genom­men haben, über­rascht inso­fern nicht. Weiß der Gei­er, was ein „Ample­deed“ sein soll. Die Beset­zung auf „A is for Ample­deed“ ist aber beach­tens­wert: Zwei­mal Key­boards (hier­von bekannt: Aaron Gol­dich, vor­her Mit­glied der Retro­prog­band The Source), drei­mal Bass, zwei­mal Schlag­zeug, Saxo­phon, Gitar­re, Uku­le­le, mehr­fach Gesang (per­so­nel­le Über­schnei­dun­gen sind teil­wei­se gegeben).

    Musi­ka­lisch haben sie sich jeden­falls bei den Bri­ten bedient, unter ande­rem (wie so vie­le vor ihnen) bei Yes und Gent­le Giant. Los geht es aber erst ein­mal mit käsi­gen Key­boards und unsi­cher wir­ken­dem Instru­men­tal­gefrickel: „We Brea­the Time“ ist ein ver­track­tes Pro­gres­si­ve-Jazz­rock-Stück, das den Hörer gleich von Anfang an zu über­for­dern ver­sucht. Vier Gen­res in acht Minu­ten, das macht etwa zwei Minu­ten pro Gen­re. Ande­re brau­chen dafür drei gan­ze Alben. Gesangs­pas­sa­gen begin­nen ab etwa sechs Minu­ten Lauf­zeit. Rele­van­te Ver­glei­che für besag­ten Gesang: Pink Floyd und die Flower Kings. Ein biss­chen art­ver­wandt (aber weni­ger jaz­zig): The Sea­son Stan­dard (könnt‘ ich auch mal wie­der hören).

    „Super Col­li­der Brom­wich“ setzt mit can­ter­bu­ryes­quem Gesang (schon wie­der: Flower Kings) und brat­zen­der Gitar­re ein, stei­gert sich dann aber zu einem präch­tig verz­wir­bel­ten Jazz­rock, in dem end­lich auch mal die Key­boards ihrer eigent­li­chen Bestim­mung zuge­führt wer­den. So ähn­lich geht das Album dann auch wei­ter; mäan­dernd zwi­schen Jazz, Retro-Prog und Avant­gar­de darf jeder Musi­ker sei­ne Stär­ken demon­strie­ren. (Eini­ge Stücke, etwa „Drum Fuc­k­in‘ “, sind auch in Gän­ze einem Solo­in­stru­ment gewid­met. Ratet mal, wel­chem!) Nils Macher von POWERMETAL.de ist über­for­dert, was ja auch ein Qua­li­täts­merk­mal sein kann:

    Allen­falls als kau­zig lie­ße sich der Misch­masch wohl noch klas­si­fi­zie­ren, denn wie Gesang, Akkor­de und Melo­dien bei Tracks wie ‚Brown Hole Blues‘ gegen­ein­an­der lau­fen, das ist sicher­lich nicht jeder­manns Sache.

    Mei­ne schon.

    Rein­hö­ren! Dafür bie­tet sich etwa die Web­site der Band an.

  2. Disper­se – Living Mirrors
    „Tho­se days, this dream wants to sleep away“ (Pro­fa­ne the Ground)

    Was Dream Thea­ter (sie­he Schrottecke wei­ter unten) die­ses Jahr falsch gemacht haben, haben Disper­se um so rich­ti­ger gemacht. (Hyper­la­ti­ve – uff. Nicht, dass mich jetzt SPIEGEL ONLINE anwirbt.) Ich mag ja eigent­lich kei­nen Metal, aber…

    Disper­se („aus­ein­an­der­ge­hen“), 2007 gegrün­det, kom­men aus Polen, und wer ande­re rezen­te pol­ni­sche Bands wie SBB kennt, der weiß, dass das jeden­falls im Musik­ge­schäft oft mit hoher Qua­li­tät ein­her­geht. So auch hier. Gleich von Anfang an („Dan­cing with End­less Love“) pras­selt die Gitar­re auf den Hörer ein, dass es eine wah­re Freu­de ist. Mühe­los bewe­gen sich Disper­se auf dem schma­len Grat zwi­schen (recht elek­tro­ni­schem) Pro­gres­si­ve Metal und Post­rock, zwi­schen Oce­an­si­ze und Fates Warning qua­si, ohne künst­lich bom­ba­stisch zu wir­ken; auch echo­lyn sind immer mal wie­der prä­sent. Die lan­gen Instru­men­tal­pas­sa­gen sind rhyth­misch-ver­trackt und so ein­gän­gig zugleich, dass die Bei­ne des freu­di­gen Rezen­sen­ten sich wei­gern, den Takt zu ver­pas­sen. Großartig!

    Hält mich also noch etwas von der Ver­ga­be der Höchst­no­te für die­ses Jahr ab? Aber sicher: Der Gesang von Key­boar­der Rafal Bier­nacki etwa ist, wohl gen­re­ty­pisch, wenig impo­sant und eher Bei­werk, stört aber auch nicht, was ja auch eine Art von Lei­stung ist. Ande­rer­seits geht’s beim Pro­gres­si­ve Metal ja auch eher um die Instru­men­te, und die sind ziem­lich gut.

    Tho­mas Kohl­ruß kon­sta­tier­te, Disper­se leg­ten hier…

    (…) ein Album vol­ler kraft­vol­lem, ver­track­tem, hef­ti­gem Mathrock, gepaart mit hin­rei­ßen­den Melo­dien und gele­gent­lich fili­gran-lyri­schen Momen­ten vor. Der Hörer wird guten Ideen, gelun­ge­nen unor­tho­do­xen Wen­dung (sic! A.d.V.) und aller­lei ein­ge­streu­ten Gim­micks verwöhnt.

    Span­nend bleibt es bis zur letz­ten Minu­te; Stück Num­mer 13 („AUM“, was immer das bedeu­ten mag) bie­tet ein letz­tes Mal ein groß­ar­ti­ges Wech­sel­spiel zwi­schen flir­ren­der Gitar­re und prä­gnan­tem Bass, bevor ein Key­board­tep­pich in einen Por­cu­p­i­ne-Tree-Teil über­lei­tet. (Weni­ger ein­schlä­fernd als Ste­ven Wil­son, der anson­sten her­vor­ra­gen­de Arbeit lei­stet, singt Rafal Bier­nacki übri­gens alle­mal.) Deren New Art­rock, auf Disper­ses Debüt­al­bum „Jour­ney Through The Hid­den Gar­dens“ noch eine von vie­len Zuta­ten, ist auf „Living Mir­rors“ aller­dings nur noch wenig mehr als ein ent­fern­ter Ein­fluss. Disper­se haben sich mit „Living Mir­rors“ freigeschwimmen.

    Hör­pro­ben: Das kom­plet­te Album steht auf Bandcamp.com zwecks Strea­mings zur Verfügung.

  3. Days Bet­ween Sta­ti­ons – In Extremis
    „There’s no repla­cing what’s been left behind /​ There’s no retur­ning to that place and time“ (Visio­na­ry)

    Das kali­for­ni­sche Duo Days Bet­ween Sta­ti­ons, einst instru­men­tal unter­wegs, hat sich für sein Zweit­lings­werk „In Extre­mis“ pro­mi­nen­te Unter­stüt­zung an Bord geholt, die auch mal sin­gen darf. Die bekann­te­sten Hel­fer sind Tony Levin (von 1982 bis Mit­te der 1990er Jah­re bei King Crim­son), Bil­ly Sher­wood, Peter Banks und Rick Wak­e­man (alle­samt zeit­wei­se bei Yes). Dass „In Extre­mis“ in den Pha­sen, in denen Bil­ly Sher­wood singt, auch genau so klingt wie ein Album mit sei­ner Betei­li­gung („Visio­na­ry“ etwa könn­te auch von Cir­ca: auf­ge­nom­men wor­den sein), bedeu­tet aus­nahms- wie erstaun­li­cher­wei­se nicht, dass er dem kom­plet­ten Album sei­nen Stem­pel auf­drückt. Es spricht aber für sich, dass das Stück, in dem der Gesang irgend­wie her­aus­ra­gend (peter­ga­bri­elesque) aus dem Kopf­hö­rer schallt, näm­lich „The Man Who Died Two Times“, aus­nahms­wei­se von Colin Moul­ding (vor­ran­gig bekannt als Teil von XTC) into­niert wird.

    Von sei­nem Gesang abge­se­hen lei­stet Bil­ly Sher­wood hier aller­dings zumin­dest am Schlag­zeug gute Arbeit. Ist es nicht auf­fäl­lig, dass grund­sätz­lich gute Schlag­zeu­ger zumin­dest im wei­te­ren Umfeld des Pro­gres­si­ve Rocks mei­stens schau­der­haf­te Sän­ger sind? Nun gut, des­we­gen sind sie wahr­schein­lich Schlag­zeu­ger und kei­ne Front­män­ner gewor­den; in der vagen Hoff­nung, dass das nicht so auf­fällt. (Phil Col­lins hat es also, wie so vie­les, völ­lig falsch gemacht.) Aber genug des Geplän­kels, kom­men wir zur Musik.

    Um es auf Gen­risch zu erklä­ren: Trotz des selt­sa­men Anfangs, der mich eher an das Trans-Sibe­ri­an Orche­stra (oder irgend­so­ei­nen Dis­co-Stamp­fer) erin­nert, spie­len Days Bet­ween Sta­ti­ons eher einen recht gitar­ren­la­sti­gen New Art­rock als den immer­glei­chen Neo­prog, von dem wohl die mei­sten Leu­te inzwi­schen genug haben dürf­ten. Eher Pen­dra­gon als Maril­li­on, eher Por­cu­p­i­ne Tree als Yes. Sepand Samzadeh, der Gitar­rist des Duos, bedient sich sti­li­stisch an den Gro­ßen, laut Inter­net also mal an David Gil­mour, mal an Andrew Lati­mer, und das ist ja auch nicht die schlech­te­ste Referenz.

    Und immer wie­der Stil­wech­sel: Die „alten“ Gene­sis, Camel, (natür­lich) Cir­ca:, Por­cu­p­i­ne Tree und King Crim­son geben sich hier die Klin­ke in die Hand, mit dem zwei­mi­nü­ti­gen „Waltz In E Minor“ wird auch ein (deplatz­iert wir­ken­des) Strei­cher­stück dazwi­schen­ge­scho­ben. Vier der acht Stücke knacken die zehn Minu­ten, „In Extre­mis“ gar die zwan­zig. Die­ses Stück, unter­teilt in sechs „Kapi­tel“, wie es so Brauch ist, ist sozu­sa­gen die Quint­essenz des Albums: King-Crim­son-, Gene­sis- und Pink-Floyd-Zita­te tref­fen auf­ein­an­der, selbst Maril­li­on wer­den (pas­sen­der­wei­se an einer Stel­le, an der die Wor­te „childhood’s end“ fal­len) hier kurz ins Gedächt­nis geru­fen. Gar­niert wird die­se Mischung mit Neo­prog-Key­board­klän­gen. Ah, der Neo­prog! So ganz weg­ge­hen will er dann doch nicht. Macht ja nichts.

    Days Bet­ween Sta­ti­ons gelingt im Übri­gen das sel­te­ne Kunst­stück, zum Ende hin bes­ser zu wer­den. Die fast 70 Minu­ten Lauf­zeit des Albums sind nur in der Mit­te, in die­sen Sher­wood-Momen­ten, ein biss­chen quä­lend. Ande­rer­seits: Es hät­te wahr­schein­lich noch schlim­mer kom­men können.

    Bei der Suche nach Hör­pro­ben hilft Amazon.de mit den übli­chen kur­zen Aus­schnit­ten weiter.

  4. Sava­ges – Silence Yourself
    „The world’s a dead sor­ry hole“ (Shut Up)

    Sprach­fet­zen und Hor­ror­mu­sik (nein, kein Pop) lei­ten „Silence Yours­elf“ ein, bis unver­mit­telt der Bass ein­setzt. Oder heißt es die Bäs­sin? Sava­ges sind eine vier­köp­fi­ge Lon­do­ner Post-Punk-Band, die den Vor­bil­dern aus den spä­ten 1970er und frü­hen 1980er Jah­ren ziem­lich gut nach­ei­fert. Frau­en­quo­te: 100 Pro­zent. Na, das mag ja was wer­den. „Silence Yours­elf“, „ver­stum­me dich selbst“ – wie zum Trotz tun die vier Frau­en hier das Gegenteil.

    Die Tex­te jeden­falls sind viel­ver­spre­chend: Don’t worry about brea­king my heart; oh Dar­ling, are you free when you doubt?

    Wie damals in den 1980ern.

    Selbst die spie­ßi­ge „taz“ findet’s gut:

    Ihr Sound streift die übli­chen Post­punk-Refe­renz­quel­len von Gang of Four bis Joy Divi­si­on nur. Er ver­zich­tet auf epi­go­na­le Posen und lar­moy­an­tes Selbstbedauern.

    Viel­mehr aktua­li­sie­ren Sava­ges die angry young women jener Ära. Sie erin­nern an X‑Ray Spex’ „Oh Bonda­ge Up Yours!“, Poly Sty­re­nes wüten­de Ankla­ge der män­ner­do­mi­nier­ten Gesell­schaft. Oder an den düster-metal­le­nen Gothic­punk von Sioux­sie & The Bans­hees.

    „Stri­fe“ mit sei­ner Lo-Fi-Gara­gen­gi­tar­re und dem kla­gen­den Gesang von Front­frau Jehn­ny Beth fasst das Album eigent­lich gut zusam­men, aber war­um soll­te man sich auf ein ein­zi­ges Lied beschrän­ken? Zumal es auch die ande­ren Stücke in sich haben. Wie „Hus­bands“ gemeint ist (He sung the final hour of my sleep /​ oh God I wan­na get rid of it /​ (…) /​ my hou­se, my bed, my hus­bands, hus­bands, hus­bands, (…)), wür­de mich zum Bei­spiel schon inter­es­sie­ren. Aber Künst­ler ver­ra­ten nicht, was sie mei­nen, wenn sie etwas sagen. Das wäre doch albern.

    Ent­deckt „Silence Yours­elf“ also unerklärt:
    Auf You­Tube kann man den Musi­ke­rin­nen beim Spie­len zuse­hen, auf Amazon.de kurz reinhören.

  5. Toma­hawk – Oddfellows
    „And I’ll shoot you off the ran­ge /​ Sell your daddy’s gran­ge“ (White Hats/​Black Hats)

    Was macht eigent­lich Mike Pat­ton (umtrie­bi­ges Mit­glied von Mr. Bung­le, Fan­tô­mas, Faith No More, Pee­ping Tom und The Moon­child Trio sowie Gast­sän­ger bei vie­len, vie­len ande­ren Musik­grup­pen und ‑pro­jek­ten) gera­de so? Nun, im Jahr 2000 hat er zusam­men mit Dua­ne Den­i­son (unter ande­rem The Jesus Liz­ard) die Band Toma­hawk gegrün­det, mit der er Alben wie „Mit Gas“ (2003 ver­öf­fent­licht) auf­nahm. Mit „Oddfel­lows“ erschien 2013 das mitt­ler­wei­le vier­te Stu­dio­al­bum von Toma­hawk; ob es wie älte­re Auf­nah­men der Band irgend­et­was mit India­nern zu tun hat, weiß ich nicht.

    Die Web­site der Plat­ten­fir­ma Ipe­cac Record­ings weist dar­auf hin, dass „Oddfel­lows“ trotz über fünf­jäh­ri­ger „Pau­se“ von Toma­hawk kei­ne Reuni­on bedeu­tet, „es sei denn, das bringt mehr Geld“ (Zitat von eben­dort), denn so rich­tig auf­ge­löst hät­ten sich Toma­hawk ja nie. Dass es mit „Stone Let­ter“ auf „Oddfel­lows“ sogar eine Sin­gle gibt (wie bei so ’ner Pop­band), ist aller­dings ein biss­chen komisch.

    „Oddfel­lows“ ist ande­rer­seits auch wenig expe­ri­men­tell ver­gli­chen mit Fan­tô­mas, Maik Maer­ten nennt es gar „erstaun­lich zahm“; und für Mike Pat­ton mag das auch stim­men. Aber auch Tre­vor Dunn, der regel­mä­ßi­gen Lesern mei­ner Rück­schau­en zuletzt zum Bei­spiel auf ’nem Mel­vins-Album begeg­net sein dürf­te, zeigt sich auf „Oddfel­lows“ ähn­lich wand­lungs­fä­hig. Mathi­as Frei­es­le­ben geht ins Detail:

    Ich hof­fe nur, ich ver­ges­se das Album in der Jah­res­rück­schau im Dezem­ber 2013 nicht. Gefahr lau­fe ich da aber nicht, wenn ich an die schüch­ter­nen Per­le ‚I.O.U.‘ oder den Neo-Jazz-Hauch ‚Rise Up Dir­ty Waters‘ den­ke. Das lau­ern­de ‚A Thousand Eyes‘ ist auch ein Hit, ein lei­ser, hat­te ich ver­ges­sen zu erwäh­nen. Mit ‚Typho­on‘ durch die ster­ben­de Klein­stadt bret­tern – eine Lust!

    Sonst so? Nick Cave and the Bad Seeds, Tom Waits, Foo Figh­ters und natür­lich alles von Mike Pat­ton. Nehm‘ ich.

    Nun fah­re ich eher sel­ten durch ster­ben­de Klein­städ­te – ver­ges­sen haben möch­te aber auch ich „Oddfel­lows“ auf kei­nen Fall. Schön, dass das erle­digt ist.

    Hör­pro­ben:
    Rein­hö­ren könnt ihr aus­zugs­wei­se auf Amazon.de, in vol­ler Län­ge beim Strea­ming­an­bie­ter eurer Wahl, zum Bei­spiel Groo­veshark.

  6. Bar­do Pond – Peace on Venus
    „I think it’s gon­na be dif­fe­rent this time.“ (Kali Yuga Blues)

    In „mei­ner“ Hoch­schu­le probt unter ande­rem gele­gent­lich eine Punk­band, die unter ande­rem das doch recht bekann­te Lied „Lemon Tree“ covert. Die enga­gier­te Sän­ge­rin scheint jedoch Angst vor dem Mikro­fon zu haben und ihre eige­ne Stim­me nicht son­der­lich gern zu mögen, all­zu zag­haft lässt sie ihr Stimm­chen zu den drücken­den Gitar­ren ertö­nen. Zu rot­zi­gem Brüll­punk passt das nicht, zu der Musik von Bar­do Pond aller­dings durchaus.

    Bar­do Pond? Merk­wür­di­ger Name! Laut Inter­net stammt „Bar­do“ aus dem Tibe­ta­ni­schen Toten­buch, „Pond“ („Teich“) wur­de ergänzt, weil es in die­ser Ver­bin­dung cool klin­ge. Der „Bar­do“ sei der Ort, an dem eine See­le nach dem Tod des Kör­pers lan­det. Dabei ist die Musik auf ihrem inzwi­schen neun­ten Album „Peace on Venus“ alles ande­re als tot. Bar­do Pond stam­men im Übri­gen aus Phil­adel­phia. Was das über Phil­adel­phia aus­sagt, möge ein jeder Leser bit­te selbst ergründen.

    Das Cover zie­ren schwarz­wei­ße nack­te „Blu­men­kin­der“. Wie kli­schee­haft. Wie tref­fend! Dar­ge­bo­ten wird ver­zerr­ter Gara­gen­rock mit reich­lich „Fuzz“, Flö­te und ange­neh­men Ama­teur­charme. Cra­zy Hor­se (die Band, nicht der India­ner­häupt­ling) las­sen grü­ßen. Iso­bel Sol­len­ber­gers ange­nehm unauf­dring­li­cher Gesang, der dem ein­gangs erwähn­ter Punk­sän­ge­rin ähnelt, dis­har­mo­niert erfreu­lich ange­nehm mit dem psy­che­de­li­schen Rhyth­mus­fun­da­ment, dem „wei­ßen Rau­schen“ der Gitar­ren; und wohl wis­send, dass die Scheiß­ra­dio­sen­der Musik wie die­se sowie­so nicht spie­len, wird dann auch auf so etwas Lang­wei­li­ges wie Län­gen­be­schrän­kun­gen gepfif­fen: „Peace on Venus“ sind fünf Stücke zwi­schen fast fünf und über zehn Minu­ten. In der Län­ge liegt die, äh, Musik.

    Eine sti­li­sti­sche Ein­ord­nung ist trotz­dem nicht so ein­fach wie es scheint: Expe­ri­men­tell? Psy­che­de­lisch? Pop? Post­rock? Ach, die­se Musik­jour­na­li­sten immer. Wer Musik mag, der redet nicht dar­über, außer man ist ich und emp­fiehlt gern Gutes zum Hören.

    Rock’n’Roll sei nicht tot, befin­det das Inter­net ange­hörs die­ses Albums. Ich bin geneigt, dem zuzustimmen.

    Hör­pro­ben:
    Schaut ein­fach mal auf Amazon.de vorbei.

  7. Sons of Kemet – Burn

    Ein Blick zurück nach Groß­bri­tan­ni­en, von wo aus die Sons of Kemet agie­ren. „Kemet“ bedeu­tet Schwar­zes (Land), womit das frucht­ba­re Acker­land im Nil­tal und Nil­del­ta gemeint ist. Dass das Album „Burn“ trotz­dem „Burn“ und nicht zum Bei­spiel „Moistu­ri­ze“ heißt, ist sicher nur ein Versehen.

    Das Dar­ge­bo­te­ne ist dann im Übri­gen auch weit weni­ger antik als man anneh­men könn­te, obwohl Sons of Kemet tat­säch­lich einem betag­ten „Gen­re“ frö­nen, näm­lich dem Jazz. Musik­freun­de wis­sen, dass Jazz eine kom­ple­xe Welt ist, und auch Sons of Kemet trö­ten nicht lust­los wie der aber­tau­send­ste Miles-Davis-Kopist vor sich hin, son­dern bege­hen ihre eige­nen Wege. Das fängt schon bei der Beset­zung an: Saxophon/​Klarinette, Tuba und zwei Schlag­zeu­ge. Kein Gesang. Die Tuba ist dann tat­säch­lich auch ein domi­nan­tes Instru­ment, mal im Vor­der­grund, mal als mar­kan­ter Teil der Rhythmusgruppe. 

    Das Gan­ze klingt etwas eso­te­risch, aber nicht stö­rend. Die mei­sten der zehn Stücke trei­ben hek­tisch vor­an, ihnen haf­tet der Cha­rak­ter einer Liveim­pro­vi­sa­ti­on an. Nicht nur hier erken­ne ich Par­al­le­len zum „Dou­ble Trio“ aus frü­he­ren King-Crim­son-Tagen, das ähn­li­che Musik (wenn auch rocki­ger) auf Büh­nen und Ton­trä­ger brach­te. Schon der ope­ner „All Will Surely Burn“ berei­tet den Hörer ange­mes­sen vor: Wäh­rend hal­len­de Per­kus­si­on und Schlag­zeug ertö­nen, gesel­len sich all­mäh­lich wei­te­re Instru­men­te hin­zu, ein ein­gän­gi­ger Tubarhyth­mus trifft auf mal wild umher­flat­tern­de, mal takt­ge­treue Ein­wür­fe von Shabaka Hut­chings, Vor­den­ker der Sons of Kemet und umtrie­bi­ger Ver­tre­ter des Jazz, sagt das Inter­net. Mein Lieb­lings­stück auf „Burn“, das noch ener­gi­sche­re „The Itis“, ist mit gera­de ein­mal 2:29 Minu­ten Lauf­zeit lei­der etwas kurz geraten.

    Auf „Burn“ sind mit „Song for Galea­no“, Edu­ar­do Galea­no gewid­met, und „The God­f­a­ther“ auch zwei Stücke zu fin­den, die der expe­ri­men­tell-rau­en Sei­te der Sons of Kemet eine ruhi­ge Nuan­ce hin­zu­fü­gen, auch „Adonia’s Lul­la­by“ fließt ver­gleichs­wei­se gemäch­lich neben „Bewa­re“, das sei­nen Namen nicht zu Unrecht trägt, her. Dass nicht gesun­gen wird, tut im Übri­gen auch der Cover­ver­si­on „Rivers of Baby­lon“ (im Ori­gi­nal nur schwer und/​oder betrun­ken zu ertra­gen) gut, die „Burn“ beschließt.

    Free Jazz mit Tuba könnt ihr euch wahr­schein­lich jetzt unge­fähr so gut vor­stel­len wie ich, aber wofür gibt es denn das Internet?

    Mit Hör­pro­ben haben die Sons of Kemet Sound­Cloud bestückt, Amazon.de hat natür­lich auch was.

    Ihr soll­tet es auch bald haben.

  8. Ampli­fier – Echo Street
    „Dri­ving at the wheel /​ the­re is a pri­so­ner /​ upon a road of vain­less­ness /​ I’m tra­ve­ling without a rival“ (The Wheel)

    „Echo Street“, anders­wo schon mal zum Album der Woche gekürt, ist das (abzüg­lich der ver­schie­de­nen EPs) inzwi­schen vier­te Stu­dio­al­bum des bri­ti­schen Alter­na­ti­ve-Rock-Quar­tetts Ampli­fier. Auf Echos wird verzichtet.

    War­um „Echo Street“, wenn doch schon für Herbst 2012 das bis heu­te nicht erschie­ne­ne „Mysto­ria“ ange­kün­digt war? Das übli­che Pro­blem trat auf: Das Geld ging aus.

    Wir arbei­te­ten eigent­lich an einem ande­ren Album namens „Mysto­ria“, bei dem aller­dings abseh­bar war, dass sie nicht recht­zei­tig fer­tig wer­den wür­de[,] (…) bevor uns das Geld aus­ge­gan­gen wäre und wir nicht mehr die Mög­lich­keit gehabt hät­ten, eine Plat­te raus­zu­brin­gen. Als uns dies im August 2012 klar wur­de, muss­ten wir aus dem Stand eine ande­re Schei­be aus dem Boden stamp­fen und die­se auf­neh­men und pres­sen las­sen, solan­ge noch Koh­le vor­han­den war.

    Wie sich das für eine gute Musik­grup­pe, wie es Ampli­fier nun mal ist, gehört, waren dafür aber sowie­so noch Stücke übrig:

    Das ein­zi­ge was wir hat­ten, waren hun­der­te von Ton­bän­dern aus unse­rer Anfangs­zeit. Das hat es für mich rück­wir­kend echt gerecht­fer­tigt, die gan­zen Kas­set­ten über­haupt auf­ge­ho­ben zu haben. Es war nur ein win­zi­ger Bruch­teil des Archivs, was letzt­lich auf der Plat­te gelan­det ist.

    „Echo Street“ ist also eigent­lich kei­nes­wegs ein neu­es, son­dern viel­mehr eins von meh­re­ren mög­li­chen „alten“ Ampli­fier-Alben. Dabei klingt „alt“ schlim­mer als es ist, gegrün­det wur­de die Band ja erst 1999; was im Musik­ge­schäft ande­rer­seits wie­der­um eine hal­be Ewig­keit – wie auch immer das gehen soll – dar­stellt. Schö­ne, neue Welt. Schlecht sind die ollen Kamel­len aber trotz­dem nicht.

    Mit anschwel­len­dem Klang beginnt „Mat­mos“, Stim­me und unver­zerr­te Gitar­re gesel­len sich dazu. Schön, hat was von Psy­che­de­lic Rock. Nana­na na nana nana. Die Stim­mung, irgend­wo zwi­schen Ste­ven Wil­son und Ever­last und intim wie der­einst Talk Talk, geht unter die Haut, noch bevor ein Text zu hören ist; der aller­dings auch nicht schlecht ist: „And hazy are all my memo­ries /​ and take away from me the past /​ your deco­n­struc­ted soul immor­tal /​ is thin­king laug­hing gas thoughts.“ „Mat­mos“ ist nach einem Unheil brin­gen­den See aus der Comic­buch­rei­he „Bar­ba­rel­la“ benannt, die ich im Übri­gen auch nicht ken­ne. Am Ende wird’s rockig: „For the love that I found, I found“ (Wdh.) Was kommt mir da in den Sinn? echolyn.

    Sonst so? „The Wheel“, ein ver­gnüg­li­ches Spa­ce­rock­stück, das beat­lesque „Bet­ween Today and Yester­day“, das new-art­rocki­ge „Echo Street“ (laut Inter­net das älte­ste jemals auf­ge­nom­me­ne Ampli­fier-Lied), am Ende der bass­do­mi­nier­te Rocker „Mary Rose“, der den Hörer ver­ge­bens auf die Erup­ti­on war­ten lässt – und dazwi­schen Gitar­re und jede Men­ge Elek­tro­nik. Hervorragend!

    Das Punk-Grunge-Album „Mysto­ria“ soll nach der­zei­ti­gem Stand übri­gens nun end­lich 2014 erschei­nen. Wer bis dahin noch etwas mehr Ampli­fier braucht, der möge den/​die/​das mit „Echo Street“ zusam­men erschie­ne­ne EP Sunri­ders gleich hin­ter­her­hö­ren. Gefällt!

    Hör­pro­ben haben Groo­veshark, Amazon.de und sonst­wel­che Sei­ten im Ange­bot. Sucht euch eine aus.

Für die­je­ni­gen von euch, die Musik lie­ber hören als all­zu viel über sie zu lesen, hat­te ich vor einem Jahr die Rubrik „pri­ma Alben in einem Absatz zusam­men­ge­fasst“ ein­ge­führt. Die­se Rubrik wird auch 2013 fort­ge­setzt, schon des­halb, weil ich mal wie­der nicht recht­zei­tig mit Rezen­sie­ren fer­tig gewor­den bin. Fünf wei­te­re Musik­al­ben buh­len also im Fol­gen­den um eure Aufmerksamkeit.

2. Kur­ze Freuden.

  1. De Staat – I_Con

    „I_​Con“ fügt dem band­ei­ge­nen Rock eini­ge inter­es­san­te Nuan­cen hin­zu, die sie aus der Rock­schub­la­de ent­fer­nen und dann sozu­sa­gen den gan­zen Schrank neu zim­mern. Der The-Strokes-touch (wenn auch mit weni­ger „Lo-Fi“) ist zwar kaum zu über­hö­ren, aber auch so Dis­co­mu­sik wie damals in den 90-ern ist zu hören („Make Way For The Pas­sen­ger“). Und erin­nert sich noch jemand an Pop Will Eat Its­elf, Rage Against the Machi­ne oder die Bea­stie Boys, an die­se Melan­ge aus Gitar­ren, Rap und dance? Spä­te­stens in „Down Town“ kehrt die Erin­ne­rung zurück. Hör­pro­ben? Hier ent­lang.

  2. Sound of Con­ta­ct – Dimensionaut

    In „Dimen­sion­aut“ tref­fen frü­he Yes (aus der Zeit vor „Fra­gi­le“) auf spä­te (wenig expe­ri­men­tier­freu­di­ge) Gene­sis und ver­mäh­len sich schließ­lich mit dem Spa­ce­rock von Hawk­wind. Die Gene­sisnähe ist ver­mut­lich kein Zufall, ist doch Schlag­zeu­ger und Sän­ger Simon Col­lins der älte­ste Sohn des ande­ren, schlech­te­ren Herrn Col­lins. Das fällt aber anson­sten zu mei­nem Ent­zücken kaum auf, wie zum Bei­spiel auf Amazon.de zu hören ist.

  3. Mar­nie Stern – The Chro­ni­cles of Marnia

    Mar­nie Stern macht in den „Chro­ni­ken von Mar­nia“ das, was sie am Besten kann: Gitar­re spie­len und dazu selt­sam sin­gen. Häu­fig klingt das wie die neue­ren Stücke der ehe­ma­li­gen The-Vel­vet-Under­ground-Schlag­zeu­ge­rin Moe Tucker, manch­mal auch nach den Pixies. Afri­ka­ni­sche („Noo­n­an“) und 60-er-Jah­re-Rhyth­men („Still Moving“) ver­schmil­zen mit den Tap­ping­tep­pi­chen und Frau Sterns jeden­falls ein­zig­ar­ti­gem Gesang zu einem spa­ßi­gen Gesamt­werk, das sei­ne Kraft ver­mut­lich im Som­mer eher ent­fal­tet als im Win­ter, aber der näch­ste Som­mer dau­ert ja vor­aus­sicht­lich auch nicht mehr lan­ge. Es gibt auch ein Musik­vi­deo dazu. Juhu!

  4. Miner­va – Germinal
    Miner­va ist die römi­sche Göt­tin des Hand­werks und der Weis­heit, also eine Göt­tin der Gegen­sät­ze. Miner­va ist außer­dem eine Psy­che­de­lic-Rock-Band aus Pots­dam, die mit „Ger­mi­nal“ ein hörens­wer­tes Debüt­al­bum vor­ge­legt hat, das so gegen­sätz­lich ist wie die Göt­tin selbst: Melo­disch unter­mal­te Gedich­te („Der glä­ser­ne Käfig“) einer­seits, trei­ben­der Rock wie von The Mars Vol­ta („Befo­re I Lost My Fight And Sight“) ande­rer­seits; hier Gitar­ren, da Saxo­phon und Bass; Stoner Rock („Hasti­ly“) und Alter­na­ti­ve Rock („All I’ve Done“) wech­seln sich wie selbst­ver­ständ­lich ab. Tex­te wie von Ira! (Her­zen gefüllt mit Mono­to­nie /​ Wo sind wir geblie­ben, wo?), Musik wie seit Lan­gem nicht mehr gehört.
  5. Omb – SwineSong

    Etwas name drop­ping zu „Swi­ne­Song“: Gent­le Giant, King Crim­son, Slee­py­ti­me Goril­la Muse­um, Eat­liz, Mr. Bung­le, The Void’s Last Stand. Omb hie­ßen frü­her Of Marble’s Black und mach­ten Metal. Geblie­ben ist das Grow­ling, hin­zu kam abge­dreh­ter Dämo­nen­ge­sang, ver­stärkt wur­den verz­wir­bel­te Gitar­ren. Alles auf ein­mal. Isra­el scheint frucht­ba­ren Nähr­bo­den für Bands zu lie­fern, die alles anders machen wol­len (noch­mals cf. Eat­liz). Wer mag, kann’s per Band­camp hören und/​oder kau­fen. Schwein gehabt.

Ein Man­ko des musi­ka­li­schen Jah­res 2013 ist es, dass das Ange­bot an wirk­lich außer­ge­wöhn­li­chen kosten­los zur Ver­fü­gung gestell­ten Pro­duk­tio­nen ent­we­der gesun­ken oder mir schlicht völ­lig ent­gan­gen ist. Aus dem Ein­heits­brei der Oce­an­si­ze-, Tool- und Franz-Fer­di­nand-Imi­ta­to­ren konn­te ich daher im zwei­ten Halb­jahr 2013 auch nur die­se zwei wah­ren Per­len herausfischen:

3. Spaß für nix.

  • Snöhamn

    Für regel­mä­ßi­ge Leser mei­ner Tex­te sind Snöhamn fast schon alte Bekann­te, das Stück „Du vilar nu“ hat­te ich erst kürz­lich emp­foh­len. „Snöhamn“ heißt laut Plat­ten­fir­ma unge­fähr so viel wie „Astral­kör­per aus Eis“ und klingt auch so ähnlich.

    Snöhamn machen im Wesent­li­chen ambi­en­ten Post­rock. Schon wie­der Post­rock? Reicht es nicht lang­sam? Nö. Das titel­lo­se Bei­nahe­al­bum (das wird lang­sam zur Gewohn­heit) haut dem Hörer nicht stän­dig irgend­wel­che Effek­te oder Gitar­ren­bret­ter um die Ohren, son­dern arbei­tet sich behut­sam mit Pin­sel und Pin­zet­te voran.

    Bei­nahe­al­bum? Nun ja, mit fünf Stücken und nicht ganz 40 Minu­ten Spiel­dau­er ist dies eher ein/​eine EP, aber die fünf Schwe­den wis­sen die Zeit wohl zu nut­zen. Gesun­gen wird nicht. Gut so! Ihre Stim­me ist die Musik. Snöhamn erzäh­len fünf Geschich­ten und reden nicht viel dabei. Was ist Traum, was Wirk­lich­keit? „Snöhamn“ klingt wie wenn man durch einen schö­nen Wald spa­ziert und dem Wind lauscht. Das machen wir viel zu selten.

    Run­ter­ho­len:
    Auf Bandcamp.com gibt es „Snöhamn“ in vol­ler Län­ge zu hören und her­un­ter­zu­la­den, eMu­le hat es ebenfalls.

  • Il Rumo­re Bian­co – Mediocrazia

    Ita­lie­ni­sche Bands haben sehr oft das Pro­blem, dass ihre Tex­te eben­falls auf Ita­lie­nisch gehal­ten sind. Ita­lie­nisch ist zwar eine schö­ne melo­diö­se Spra­che, aber ita­lie­ni­scher Gesang ist in der Regel eher kan­tig und etwas stö­rend. Il Rumo­re Bian­co gelingt das Kunst­stück, mir trotz­dem zu gefallen.

    Was bekom­men wir hier zu hören? Nun, eben­falls eine sehr kur­ze „Schei­be“, die nicht mal eine hal­be Stun­de dau­ert. Sti­li­stisch betä­ti­gen sich die sechs Her­ren (klas­si­sche Rock­band­be­set­zung plus Key­boards, Syn­the­si­zer und Saxo­phon) auf dem wei­ten Feld des Jazz­rock, dabei in den durch­aus geho­be­nen Gefil­den. Pas­sen­de Ver­glei­che: Gent­le Giant, The Tan­gent, Van der Graaf Gene­ra­tor. Ein­tö­nig bleibt es trotz­dem nicht: Ist „Tut­to un sog­no (pt. 1)“ noch ein bass- und key­board­la­sti­ges strai­gh­tes (Progressive-)Rockbrett, domi­nie­ren in „Tut­to un sog­no (pt. 2)“ jaz­zi­ges Saxo­phon und Tasten­in­stru­men­te zu weit­ge­hend unauf­ge­reg­tem Gesang. Explo­die­ren tut’s nur zwi­schen­drin mal, da mel­det sich auch die Gitar­re zu Wort (und da sind Van der Graaf Gene­ra­tor so nah wie selten).

    Dazwi­schen? Das strecken­wei­se schön ver­track­te „Il vesti­to buo­no“ und das selt­sa­me „Il pri­mo atto­re“, in dem ich mal wie­der King Crim­son aus den frü­hen 70-ern erken­ne, Saxo­phon selbst­ver­ständ­lich inklu­si­ve. „Rock“- und „Jazz“-Teile wer­den auf „Medi­o­cra­zia“ jeden­falls so naht­los anein­an­der­ge­hef­tet, dass man es kaum mit­be­kä­me, wür­de man nicht plötz­lich mit­ten­drin den Takt beim Mit­wip­pen ver­lie­ren. Akti­ves Musik­hö­ren ist ganz schön anstren­gend; vor allem aber ganz schön. Das soll­tet ihr aber schon wissen.

    Run­ter­ho­len:
    Stream und Down­load gibt’s auf Bandcamp.com, holen und mit­ver­brei­ten könnt ihr „Medi­o­cra­zia“ zum Bei­spiel auch per eMu­le.

War das schon alles? Aber nein! Neben all die­sen Stu­dio­pro­duk­tio­nen lan­de­ten unlängst auch zwei Live­auf­nah­men in mei­nem Musik­spie­ler, die mei­ne Wert­schät­zung ehr­lich ver­dient haben.

4. Zwei Kon­zer­te für zu Hause.

  • Møster! – Edvard Lyg­re Møster

    Ich wie­der­ho­le: Was ein Edvard Lyg­re ist, ver­mag ich auf­grund man­geln­der Nor­we­gisch­kennt­nis­se nicht zu wis­sen. Ist das nicht aber sowie­so bei­na­he egal? Ich las­se lie­ber die Musik für sich spre­chen. Und die geht, Ver­zei­hung!, tie­risch ab.

    Ist das erste Stück „Pla­stic Dis­co“ (12:10 Minu­ten; kei­ne Sor­ge, bumm-tschack bleibt hier aus) schon ein pracht­vol­ler Vor­bo­te für das Fol­gen­de, dre­hen die vier Her­ren danach erst so rich­tig auf. In „Ran­som Bird“ ist erst­mals tat­säch­lich etwas Publi­kum (jubelnd) zu hören. Wer könn­te es ihm ange­hörs der schie­ren Instru­men­ten­es­ka­pa­de, her­aus­ra­gend vor­an­ge­trie­ben von Schlag­zeug und Bass, schon ver­den­ken? Das Inter­net schreibt hier von „rausch­haf­ter Eksta­se“, und ich könn­te es kaum bes­ser umschreiben.

    Jazz für jede Gelegenheit!

    Rein­hö­ren:
    Amazon.de stellt kur­ze Aus­schnit­te aus jedem der vier ent­hal­te­nen Stücke bereit.

  • Pro­phe­Xy – Improvviso

    Am 17. März 2012 fand sich die ita­lie­ni­sche Band Pro­phe­Xy für eines ihrer Kon­zer­te zusammen.

    Der jaz­zi­ge Retro-Prog-Hard­rock ihres Debüt­al­bums „alco­nau­ta“ von 2008 hat sich mit dem Aus­stieg von Matteo Bonaz­za in eine frei­för­mi­ge­re Rich­tung bewegt, die mir sehr gefällt. Zu hören ist die typi­sche Mischung aus den Rhyth­mus­ex­pe­ri­men­ten von Gent­le Giant, dem Instru­men­ten­gefrickel der 1982er King Crim­son und extro­ver­tier­tem ita­lie­ni­schem Gesang, der sich schon auf­grund der rei­nen Sprach­me­lo­die dem Hörer gera­de­zu auf­drängt. Auch der Can­ter­bu­ry, vor­ran­gig reprä­sen­tiert vom schier all­ge­gen­wär­ti­gen Flö­ti­sten Ales­san­dro Val­le, kommt nicht zu kurz; mit „Dis­as­so­cia­ti­on“ und „Golf Girl“ wur­den sogar zwei Cover­ver­sio­nen von Cara­van-Klas­si­kern gespielt, gesun­gen von Richard Sin­c­lair höchst­selbst, der viel­leicht gera­de mal etwas Zeit übrig hatte.

    Lobens­wert auch die Abmi­schung: Ner­vig dazwi­schen­klat­schen­des Publi­kum wie in deut­schen Bier­zel­ten ist nicht zu hören, der Applaus ertönt, wenn über­haupt, allen­falls am Ende eines Stückes und wird dann recht schnell aus­ge­blen­det. Ich bin ja für die Wie­der­ein­füh­rung der Ret­tich­stra­fe für jeden, der eine musi­ka­li­sche Auf­füh­rung mit blö­dem Gepat­sche stört, aber die­ses Publi­kum war ein sehr gutes.

    Es war dem Kon­zert wohl durch­aus angemessen.

    Rein­hö­ren:
    Auch dies­mal wer­det ihr auf Amazon.de fündig.

Nach all der Freud‘ nun etwas Leid: Wie üblich habe ich es auch dies­mal nicht ver­säumt, die ein­schlä­gi­gen Rezen­si­ons­zeit­schrif­ten und ‑web­sei­ten nach Geheim­tipps, Alben des Jah­res (und so wei­ter und so fort) zu durch­for­sten, und den Feh­ler gemacht, die Eupho­rie nach­voll­zie­hen zu wol­len. Ein gro­ßer Name bewahrt oft nicht vor gro­ßem Mist. Die vier größ­ten Total­aus­fäl­le sind diese:

5. Geschen­ke für den Feindeskreis.

  1. Nek­tar – Time Machine

    Ich weiß nicht, in wel­che Zeit Nek­tar hier gereist sind, aber span­nend geht es dort sicher­lich nicht zu. Blö­der­wei­se sind sie auch wie­der zurück­ge­kehrt und erzäh­len allen davon.

  2. Dream Thea­ter

    Ich hole mal etwas wei­ter aus: Ein neu­er Schlag­zeu­ger ist an Bord, Mike Port­noy will nicht mehr mit­spie­len. Ein Sakri­leg? Wer weiß! Ein viel grö­ße­res Sakri­leg viel­leicht: Dream Thea­ter hielt ich ja immer für etwas über­be­wer­tet (wie sonst nur die Beat­les und Miles Davis). Der Anfang des Albums (trägt es nun eigent­lich einen Namen oder nicht?): Opern­haft? Night­wish? Zum Glück kei­ne Tar­ja! Ach, jetzt weiß ich wie­der, wie­so ich mich von allem, was sich „Pro­gres­si­ve Metal“ nennt, nor­ma­ler­wei­se fern­hal­te, die­se Key­board­fan­fa­ren sind mir schon bei Muse auf die Ner­ven gefal­len. Wei­ter­hin in gebo­te­ner Kür­ze: Chor und Gitar­ren­ge­brat­ze. Gesang folgt erst in Stück 2, klingt aber von Anfang an etwas arg gepresst. Und er wird nicht bes­ser! Gitar­re und Schlag­zeug zwei­fels­frei (wie oft behaup­tet) groß­ar­tig, aber der Gesang verdirbt’s. Hat der Sän­ger Bauch­schmer­zen? Und dann noch die Tex­te! Jetzt weiß ich, wer Trans­at­lan­tic zu ihrem grau­en­haf­ten text­li­chen Gejam­mer ins­priert hat. Man ver­ste­he mich nicht falsch und schmä­he mich einen blo­ßen Dream-Thea­ter-Ver­äch­ter: „Metro­po­lis Pt. II – Sce­nes From a Memo­ry“ hal­te ich für ein gelun­ge­nes Album. „Dream Thea­ter“, sie­ben Stu­dio­al­ben spä­ter, ist aber das, was der „Name“ ver­spricht: Schreck­lich unin­spi­riert. Scha­de drum.

  3. The Flower Kings – Deso­la­ti­on Rose

    Den Titel haben sie bei Bob Dyl­an abge­guckt und schlecht ver­ka­lau­ert, aber er spricht Bän­de: Mehr als deso­la­ti­on ist hier nicht zu erwar­ten. Denk­mal­pfle­ge ja, aber nicht auf hohem Niveau. Hat man alles schon mal von den Flower Kings gehört – und zwar besser.

  4. Public Ser­vice Broad­ca­sting – Inform – Edu­ca­te – Entertain

    Das Lon­do­ner Duo Public Ser­vice Broad­ca­sting musi­ziert auf „Inform – Edu­ca­te – Enter­tain“ stil­si­cher an Kon­ven­tio­nen vor­bei. Um Aus­schnit­te aus alten Pro­pa­gan­da- und Wer­be­fil­men her­um stricken sie elek­tro­ni­sche instru­men­ta­le Klang­wel­ten, die mal mini­ma­li­stisch („Late Night Final“), mal bedroh­lich („Night Mail“), mal fei­er­lich („The Now Genera­ti­on“) daher­kom­men. Gele­gent­li­che Remi­nis­zenz ist das Pen­gu­in Cafe Orche­stra, lei­der über­nimmt man auch des­sen größ­tes Man­ko: Das Zeug wird ein­fach sehr schnell lang­wei­lig. Spä­te­stens nach dem zwei­ten Stück.

Frü­her was alles bes­ser? Aber nicht doch! Frü­her gab es zum Bei­spiel viel mehr furcht­ba­re Musik­grup­pen als heu­te. Das ist ein wün­schens­wer­ter Zustand, über den wir uns jeden Tag wie­der freu­en soll­ten. Ande­rer­seits fällt das manch­mal auch schwer, wenn man hin­ge­gen bedenkt, welch eigent­lich pri­ma Zeit für die Musik nie­mals zurück­keh­ren wird. Erin­nern wir uns also zurück!

6. Tage wie diese…

  • Vor 40 Jahren:
    „1973“ ist ein Lied von James Blunt, der erst 1974 gebo­ren wur­de. Wor­um es in dem Lied geht, weiß ich nicht, viel­leicht singt er davon, wie schön die Welt vor sei­ner Geburt doch war. Dabei sah es 1973 zuerst gar nicht nach einem guten Jahr aus: Im Juni ver­ließ Bri­an Eno, Stil prä­gen­der Expe­ri­men­tal­mu­si­ker, die Glam­rock­band Roxy Music, mit der er erst kurz zuvor die ersten bei­den Alben Roxy Music und For Your Plea­su­re auf­ge­nom­men hat­te. Roxy Music ver­san­ken danach in der Belie­big­keit, auch nach­rücken­de Musi­ker konn­ten Enos Krea­ti­vi­tät nicht erset­zen. Er selbst ver­ließ den ein­ge­schla­ge­nen Pfad auch recht schnell: Sein Solo­de­büt­al­bum Here Come the Warm Jets, das noch im Sep­tem­ber 1973 gemein­sam mit ehe­ma­li­gen Roxy-Music-Mit­strei­tern, Robert Fripp, John Wet­ton und ande­ren auf­ge­nom­men wur­de, zehr­te noch von sei­ner Zusam­men­ar­beit mit einer Rock­band, im wei­te­ren Ver­lauf wid­me­te er sich dann doch lie­ber der elek­tro­ni­schen „Ambient“-Einschlafmusik. Anders erging es Gong, die 1973 gleich zwei her­aus­ra­gen­de Musik­al­ben (Fly­ing Teapot und Angel’s Egg) ver­öf­fent­lich­ten, die mit dem im Fol­ge­jahr erschie­ne­nen You die „Radio-Gno­me-Tri­lo­gie“ bil­de­ten, mit der sie wie zuvor ihre Lands­män­ner von Mag­ma ihren eige­nen Erzähl­kos­mos schu­fen. Gong zer­fiel wenig spä­ter in ver­schie­de­ne Gongs (zeit­wei­se gab es min­de­stens drei ver­schie­de­ne Bands die­ses oder eines ähn­li­chen Namens zur glei­chen Zeit), erst 1992 kehr­te man zum gemein­sa­men Namen Gong zurück. Das bis­her letz­te Album mit Radio-Gno­me-Bezug, Zero To Infi­ni­ty, erschien im Jahr 2000, 2032 erst 2009. Wei­te­re Akti­vi­tä­ten sind nicht ausgeschlossen.
  • Vor 30 Jahren:
    Rod Ste­warts „Baby Jane“, ich kann’s nicht mehr hören, war 1983 sein erster „Num­mer-1-Hit“ in Deutsch­land, was über die deut­sche Hit­pa­ra­de mehr aus­sagt als es mir lieb ist; das zuge­hö­ri­ge Album Body Wis­hes ver­kauf­te sich im sel­ben Jahr eben­falls ziem­lich gut. Die­ser geball­ten Ladung Schmalz wuss­te man in Deutsch­land wohl nicht viel ent­ge­gen­zu­set­zen und beleb­te statt­des­sen die inlän­di­sche Punk­sze­ne. Sli­me, damals pro­vo­kan­te Hero­en der Sze­ne, mach­ten nach ihrem vor­läu­fi­gen Abschied­sal­bum Alle gegen Alle aber erst ein­mal Pau­se; etwa zur sel­ben Zeit ent­stan­den aus ver­schie­de­nen Ama­teur­punk­bands aber mit den Die Ärz­te und den Toten Hosen neue Hoff­nungs­trä­ger, die mal sub­til (Die Ärz­te), mal weni­ger sub­til (Die Toten Hosen) das links­po­li­ti­sche musi­ka­li­sche Enga­ge­ment in das neue Jahr­zehnt ret­te­ten. Auf ihrem 1983 erschie­ne­nen Debüt­al­bum Opel-Gang beschrän­ken die Toten Hosen ihre poli­ti­sche Aus­sa­ge zwar noch auf lei­sen Sar­kas­mus („Ülü­sü“), alle übri­gen Bestand­tei­le ihrer Musik ein­schließ­lich der feh­len­den Rei­me sind aber schon erkenn­bar. Drei­ßig Jah­re spä­ter haben sie noch nichts verlernt.
  • Vor 20 Jahren:
    Das musi­ka­li­sche 1993 in einem Wort: Ver­wir­rend. Der von Jimi Hen­drix hör­bar beein­druck­te Gitar­rist Cas­par Brötz­mann sorg­te mit sei­ner Band Cas­par Brötz­mann Mas­sa­ker auf Koks­ofen für eine ange­nehm anstren­gen­de Mischung aus Jazz­rock, Stoner Rock und Zap­paesquem mit man­tra­ar­tig wie­der­hol­ten, obsku­ren eng­lisch­spra­chi­gen Tex­ten für Ver­wir­rung, die Punk­rock­band Green Jel­lÿ mit der Sin­gle Three Litt­le Pigs vom schon 1991 erschie­ne­nen Cere­al Kil­ler Sound­track, auf dem auch May­nard James Keen­an und Dan­ny Carey (Tool) zu hören sind. Damals, als MTV sich noch was trau­te. Auch Die Fan­ta­sti­schen Vier haben sich auf Die 4. Dimen­si­on was getraut, näm­lich die Hörer­schaft wie­der­um zu ver­wir­ren, indem der Spaß­rap der ersten bei­den Alben text­lich wie musi­ka­lisch den Dro­gen wich. „Tag am Meer“ statt „Die da!?“. Auch text­lich war Die 4. Dimen­si­on ein Kon­zept­al­bum und han­del­te pas­sen­der­wei­se von der Rei­se ins Ich, von der Refle­xi­on über das eige­ne Dasein. Der Hörer hono­rier­te das nicht, für eine nen­nens­wer­te Hit­pa­ra­den­platz­ie­rung hat es trotz des „Tages am Meer“ nicht genügt; viel­leicht auch des­halb wag­te man erst 1999 auf 4:99 wie­der ähn­lich Tief­grün­di­ges. Dass die Fan­ta­sti­schen Vier laut Inter­views heu­te noch Dro­gen als den Kraft­stoff für ihr Schaf­fen betrach­ten, hört man ihrem aktu­el­len Album Für dich immer noch Fan­ta Sie bedau­er­li­cher­wei­se auch an. Die 4. Dimen­si­on war trotz­dem klasse.
  • Vor 10 Jahren:
    Wie nennt man eigent­lich als Musik­grup­pe eine Plat­te, wenn einem gar nichts ein­zu­fal­len ver­mag? Genau: Plat­te. Elec­tric Oran­ge ver­öf­fent­lich­ten 2003 die Plat­te Plat­te auf Plat­te (erst Jah­re spä­ter gab es eine CD-Aus­ga­be), platt ist die aber gar nicht, viel­mehr bin ich selbst platt von der Über­do­sis an frü­hen Pink Floyd, die Plat­te ver­ur­sacht. Kein Gesang, nicht schlimm; dafür jede Men­ge Bass und Ham­mond­or­gel. Das Aus­nah­me­stück heißt „Holz­bock“, das Can noch näher ist als das dem ver­stor­be­nen Can-Musi­ker Micha­el Karo­li gewid­me­te „Dedi­ca­ted to Mk“. Musi­ka­lisch vor­wärts statt rück­wärts ging es für Sub­way to Sal­ly, deren sieb­tes Stu­dio­al­bum Engels­krie­ger den Mit­tel­al­ter­rock frü­he­rer Wer­ke zum all­ge­mei­nen Ent­set­zen durch öden Metal ersetz­te. Eini­ge Jah­re spä­ter wech­sel­te man die Plat­ten­fir­ma und mach­te die­sen Stil­wech­sel erfreu­li­cher­wei­se wie­der rück­gän­gig. Zumin­dest die schot­ti­sche Postrock­band Aereo­gram­me blieb sich der­weil treu und ver­ar­bei­te­te auf ihrem zwei­ten Album Sleep and Release aller­lei gen­re­ver­wand­te Ein­flüs­se von Mog­wai bis zu Sigur Rós. Reich wur­den die Musi­ker damit aber nicht, und so ging man nach dem tref­fend benann­ten Album My Heart Has a Wish That You Would Not Go im Jahr 2007 schließ­lich vor­über­ge­hend getrenn­te Wege. Falls sich noch jemand fra­gen soll­te, wie­so der Ein­druck ent­steht, dass es immer weni­ger neue wirk­lich gute Musik gibt, so emp­feh­le ich, den Plat­ten­fir­men die Schuld zu geben. Zum Glück gibt es inzwi­schen akzep­ta­ble Ver­triebs­for­men über das Inter­net. Die Hälf­te von Aereo­gram­me ist seit 2008 unter dem Namen The Unwin­ding Hours aktiv, ihre Akti­vi­tä­ten im Auge zu behal­ten ist der­weil nicht die schlech­te­ste Idee.

Fer­tig? Fer­tig! Habe ich irgend­ein nen­nens­wer­tes Album ver­ges­sen? Lasst es mich wissen!

Im Juni 2014 folgt vor­aus­sicht­lich der näch­ste Teil. Ver­gesst bis dahin nicht, ab und zu Musik zu hören. Das Leben wäre ein tristes.

Bis dann!

Seri­en­na­vi­ga­ti­on« Musik 06/​​2013 – Favo­ri­ten und Ana­ly­seMusik 06/​​2014 – Favo­ri­ten und Analyse »

Senfecke:

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