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Musik 06/2013 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 11 von 23 der Serie Jahresrückblick

Eeeeeinenwunderschönengutentag, wer­te Freunde des ange­wand­ten Musikgenusses!

Ein Blick in mei­nen Kalender wies mich mah­nend dar­auf hin, dass das erste hal­be Jahr 2013 ja qua­si vor­über ist. Das bedeu­tet, dass es (wie alle sechs Monate) Zeit ist für mei­ne Rückschau der kau­fens­wer­te­sten Musikalben 2013. Ich muss euch aller­dings ver­schämt geste­hen, dass ich ein­fach nicht die Zeit gefun­den (oder mir genom­men habe), allen Musikalben, die viel­ver­spre­chend erschie­nen, genug Zeit zu geben, sich zu entfalten.

Dabei ist eines der bis­lang beacht­lich­sten Alben 2013 auch das wohl umstrit­ten­ste: Zu Heinos „Mit freund­li­chen Grüßen“ hat­te ich mich ja schon im Februar aus­ge­las­sen. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob es ein Kandidat für die Top- oder Schrottliste ist; skur­ril und dar­um inter­es­sant ist es aber auf jeden Fall. Das gelang in die­sem Jahr anson­sten nicht vie­len Musikern.

Das neue Album „Everybody Loves Sausages“ der Melvins, das so rich­tig Eier hat, ist lei­der ein Coveralbum und genügt daher mei­nen Ansprüchen für die­se Liste nicht. Hören soll­tet ihr es natür­lich trotz­dem. Ansonsten ist von Dantes „November Red“ bis zu dem Comebackalbum von My Bloody Valentine jede Menge viel­ver­spre­chen­der Musik ange­fal­len, die lei­der nicht ansatz­wei­se mei­nem Qualitätsstandard genü­gen konnte.

Die Hauptliste ist daher mit gera­de ein­mal neun Musikalben (plus gege­be­nen­falls Heino) dies­mal deut­lich kür­zer als sonst, das erste Halbjahr 2013 gab eben ein­fach nicht viel her - dafür wird’s am Ende des Jahres hof­fent­lich um so vol­ler. Freut euch darauf!

Los geht’s:

1. Kurz und gut.

  1. Steven Wilson - The Raven That Refused To Sing (and other stories)
    „Here we all are born into a strugg­le / to come so far but end up retur­ning to dust“ (Luminol)

    Dass ich, Porcupine-Tree-Affinität hin oder her, mit der Solomusiziererei des Herrn Wilson nicht viel anfan­gen kann, ist alt­be­kannt und hof­fent­lich ver­ständ­lich. Viel zu sphä­risch und zurück­hal­tend blub­bert da die Elektronik aus den Lautsprechern, viel zu sanft und letzt­lich ein­schlä­fernd folgt er den Pfaden der frü­hen Pink Floyd, wie es auch Porcupine Tree anfangs taten.

    Insofern ist „The Raven That Refused To Sing (and other sto­ries)“ nicht nur ein­fach gut, son­dern ein Überraschungstreffer. Wer indes der „Rabe“ ist, weiß ich nicht. Steven Wilson selbst ist zumin­dest nicht gemeint, denn er wei­gert sich kei­nes­falls zu sin­gen, was ich anson­sten bedau­ern wür­de, aber „The Raven…“ - ich kür­ze das jetzt mal ab - ist, wie bereits erwähnt, recht groß­ar­tig. Tatsächlich ist der Rabe aber ein Symbol für den Tod oder eine zumin­dest trau­ri­ge Erinnerung.

    Das kann man anhand des tri­sten grau­en art­works theo­re­tisch bereits fol­gern, bekannt aber soll­te Edgar Allan Poes Gedicht The Raven sein, das unter ande­rem von Lou Reed, Omnia und Alan Parsons musi­ka­lisch umge­setzt wur­de und das die­se Verbindung erst­mals beschreibt. Alan Parsons ist es dann auch, der auf „The Raven…“, gera­de ein­mal 37 Jahre nach sei­nem eige­nen „Raben“, an einer der Gitarren zu hören ist und Steven Wilson bei der Produktion des Albums unter­stütz­te. Vielleicht ist das alles aber auch nur ein Zufall.

    Andererseits ist „The Raven…“ durch­aus mit Bedacht kon­zi­piert wor­den. Jedes der sechs Stücke basiert auf Geschichten aus dem Supranaturalismus, es geht also in jedem der Stücke text­lich um Geister. Entsprechend getrübt ist die Grundstimmung; dabei ver­gisst es Steven Wilson aber nicht, den Hörer immer wie­der aus der Beklemmung zu befreien.

    Nicht alles an „The Raven…“ ist neu. Der long­track Luminol etwa wur­de bereits auf der Tour zum Vorgängeralbum „Grace For Drowning“ gespielt. Nie kam Steven Wilson sei­nen eige­nen Vorbildern King Crimson - neben Pink Floyd, ver­steht sich - so nahe wie hier: Ein trei­ben­der Bass und Theo Travis‘ Flöte las­sen Kenner des Canterbury Sound auf­hor­chen, dazu ist ein Mellotron zu hören. Unvermittelt setzt mehr­stim­mi­ger Gesang ein, der eben­so unver­mit­telt wie­der endet und so den Beginn eines län­ge­ren Instrumentalteils mar­kiert, der gegen Ende wie­der das Thema vom Anfang auf­greift und nach etwa vier­ein­halb Minuten in einen ruhi­gen Teil mün­det, der mit Klavier und beat­les­quem Gesang eben­so von King Crimsons „Islands“ stam­men könn­te. Nach wie­der­um vier Minuten erfolgt eine wei­te­re Zäsur, Mellotron und Schlagzeug stei­gern sich bis fast zur Explosion und ver­klin­gen, bis Luminol mit dem ursprüng­li­chen Thema schließ­lich endet. Habe ich schon King Crimson erwähnt?

    Einzelne Elemente die­ses Beispiels zie­hen sich durch alle Stücke auf dem Album; das beschau­li­che The Watchmaker steht so wie selbst­ver­ständ­lich neben dem offen­siv rocken­den The Holy Drinker. Wer wie ich bis­lang der Meinung war, von Steven Wilson hät­te er schon alles irgend­wann mal gehört, könn­te hier eine posi­ti­ve Überraschung erle­ben. Zu emp­feh­len ist’s jeden­falls ohne jed­wel­ches Aber.

    Hörproben:
    Auf YouTube gibt es zur­zeit eine groß­ar­ti­ge Liveversion von Luminol zu bestau­nen, das voll­stän­di­ge Album ist unter ande­rem per Grooveshark stream­bar. Falls euch die Kurzform genügt: Amazon.de wur­de mit den übli­chen kur­zen Ausschnitten bestückt.

  2. Eels - Wonderful, Glorious
    „If you’­re not rea­dy then you bet­ter get out now!“ (Bombs Away)

    „My hover­craft is full of eels“ - die­ses Zitat der bri­ti­schen Komiker Monty Python soll­te bekannt sein. So schlimm ist das aber gar nicht, denn wenn Aale so inter­es­san­te Musik machen wie Eels auf „Wonderful, Glorious“, dann kau­fe ich mir sofort ein Luftkissenfahrzeug.

    Blöde histo­ri­sche Referenzen aber mal bei­sei­te gelas­sen - mit Monty Python haben Eels tat­säch­lich nicht viel zu tun. Glaubt man den Aussagen von Bandgründer Mark Oliver Everett, der sei­ne Soloalben zur Zeit der Gründung bereits seit Jahren unter dem Künstlernamen E ver­öf­fent­li­chen ließ, so wur­de der Name gewählt, um die Alben der Band im Schallplattenladen mög­lichst nahe an sei­nen eige­nen ste­hen zu haben. Es wur­de nicht bedacht, dass Earth, Wind & Fire sowie die Eagles das Alphabet klar auf ihrer Seite hat­ten. Nun, Eels ist ja trotz­dem ein schö­ner Bandname.

    Dem Mythos um die Entstehung des Namens sei’s ver­zie­hen, dass weder Earth, Wind & Fire noch die Eagles musi­ka­lisch viel mit Eels gemein­sam haben. (Einen Saturnmitarbeiter stört so was erfah­rungs­ge­mäß übri­gens nicht im Geringsten.) Eels machen statt­des­sen so genann­ten „Indie-Rock“ par excel­lence. Ich bin durch­aus wil­lens, „Wonderful, Glorious“ als bestes main­stream-Album des bis­he­ri­gen Jahres zu betrach­ten, immer­hin geben sich die Musiker nicht viel Mühe, den Vorwurf der Radiokompatibilität zu ent­kräf­ten. Dennoch: „Wonderful, Glorious“ ist genau an den rich­ti­gen Stellen rau genug, um anzuecken.

    Da wäre etwa New Alphabet zu nen­nen. Im Zentrum des Albums setzt es mit sei­ner Lo-Fi-Ästhetik nach Art der Dandy Warhols einen star­ken Kontrast zu der Klavierballade The Turnaround und dem sti­li­stisch (wenn auch nicht musi­ka­lisch) an den Punk (und mehr noch an Frank Zappa) ange­lehn­ten Stück Peach Blossom, von des­sen inten­siv wie­der­hol­tem Refrain („Open the win­dow, man, to smell the peach blossom / the tiger lily, the mer­ry­gold“, viel mehr Text gibt es nicht) ich eine Weile einen Ohrwurm hat­te. Störend, so was!

    Man stel­le sich sol­che Zeilen über­dies nicht sanft gesäu­selt, son­dern affek­tiert geru­fen (fast: gerappt) vor, wäh­rend im Hintergrund die Gitarre knarzt und Klavierklänge sie beglei­ten. Vielleicht soll­te man Eels weni­ger ernst neh­men und ver­su­chen, Spaß an dem zu fin­den, was sie hier dar­bie­ten. Dabei hilft es, dass man die unter­schied­li­chen Einflüsse leicht aus­ein­an­der­hal­ten kann. Von Simon & Garfunkel (I Am Building A Shrine) über The Velvet Underground oder ihre Zöglinge (New Alphabet) bis zu John Lennon (The Turnaround) reicht die Spanne der von jeden­falls mir spon­tan asso­zi­ier­ten Vergleiche.

    Julian Schmitz schrieb zutref­fend:

    Es ist die­ser herr­li­che Wechsel zwi­schen schnar­ren­den, trei­ben­den Beats und zwi­schen­durch vie­le uner­war­te­te Dynamikwechsel, locker-leich­te Frühlignssynthiesounds (sic!), die einen hoff­nungs­voll und gut gelaunt gen hel­le­re Tage blin­zeln lassen.

    „Sommeralbum“ ist eigent­lich ein Wort, das ich zu mei­den ver­su­che. Bei „Wonderful. Glorious“ fällt mir das aber gar nicht so leicht. Darum bre­che ich hier mal ab und über­las­se euch den Rest.

    Hörproben:
    Bei einem Musikalbum, das so hete­ro­gen wie „Wonderful, Glorious“ ist, ist das mit den Hörproben schwie­rig. Interessant ist viel­leicht das Musikvideo zu Peach Blossom, anson­sten sind natür­lich auch ein Grooveshark-Stream und Amazon.de-Hörproben verfügbar.

  3. The Joy Formidable - Wolf’s Law
    „I think I under­stand / that past is cir­cling“ (Tendons)

    Erinnert ihr euch an The Joy Formidable? Ihr 2011 erschie­ne­nes Debütalbum „The Big Roar“ sor­tier­te ich damals als „Artpop, Indie-Rock, Grunge, irgend­wie so Alternative“ ein und leg­te euch ans Herz, die­ses Album zu hören. Wenn der Tipp euch damals Freude berei­te­te, dann passt jetzt mal kurz auf: „Wolf’s Law“, das neue Album der Waliser (erschie­nen im Januar 2013), ist kei­nes­wegs schlechter.

    So weit lie­gen die bei­den Alben auch zeit­lich nicht aus­ein­an­der. Weite Teile von „Wolf’s Law“ wur­den bereits wäh­rend der zwölf­mo­na­ti­gen Tour zu „The Big Roar“ geschrie­ben. Erst gro­ßes Getöse, nun das Gesetz des Wolfs - die Wildnis hat’s The Joy Formidable anschei­nend angetan.

    Allzu wild ist jedoch auch „Wolf’s Law“ nicht. Vielmehr wer­den bekann­te Stärken bei­be­hal­ten und perfektioniert.

    Es fängt harm­los mit Streichern an, die sich als Einführung in so ein Album immer gut machen. MTV-Seher wis­sen, was gemeint ist. Dann: Gitarrengeschepper. Schön. This Ladder Is Ours: Gitarrenlastiger Mainstream-Indie-Rock, der jeden Applaus ver­dient. Auf Pitchfork wer­den auch schon mal New Order und die (aller­dings grau­en­vol­len) Muse als Vergleiche her­an­ge­zo­gen. Schon wie­der Indie-Rock! „Aber du magst doch sonst kei­nen Mainstream?!“, höre ich euch nun wie­der unken. Stimmt, weil Mainstream mei­stens lahm ist. „Wolf’s Law“ ist aber nicht lahm.

    Was ist das „Wolfsgesetz“ eigent­lich? Laut dem Cover wohl: Tod des Wolfs. Ein Wolf liegt tot am Boden, Blumen lie­gen auf ihm (oder wach­sen sie aus ihm?). Gesund ist das nicht. Ganz anders The Joy Formidable, die so leben­dig wir­ken wie nur weni­ge Bands. Gelegentlich den­ke ich an Blondie, manch­mal auch an die neue­ren Eatliz. Jochen König spricht von „Konsens-Pop, der nicht schmerzt, son­dern das Herz erwärmt und ein Lächeln ins Grinsegesicht zau­bert“, und meint das wahr­schein­lich nicht mal böse.

    Zugegeben, der Anfang des Albums ist, ver­gli­chen mit dem Vorgänger, trotz all der Großartigkeit ein wenig belang­los. Die Qualität steigt aber mit anstei­gen­der Liednummer. Little Blimp (Lied Nummer 4) groovt mit domi­nan­tem Bass nach vor­ne, die Ballade Silent Treatment (6) ist mit ruhi­ger Gitarre und eben­sol­chem Gesang sozu­sa­gen die Ruhe vor dem Sturm. Dieser Sturm heißt Maw Maw Song und fasst das Album schon vor sei­nem Ende umfas­send zusam­men: Kopfnick-Refrain, schep­pern­de und quir­li­ge Gitarren, Ritzy Bryans stets begei­stert klin­gen­de Stimme, beglei­tet „maw, maw“ im Refrain. Miau, miau. - Eigentlich genügt es, Maw Maw Song zu ken­nen, um die­ses Album für groß­ar­tig zu hal­ten; und das mit Recht!

    Zum Abschluss dann The Turnaround, eine neun­ein­halb­mi­nü­ti­ge Streicherballade, die sich nach sie­ben Minuten zu stei­gern beginnt und in einem ful­mi­nan­ten fast instru­men­ta­len Finale endet, gleich­sam als Verbeugung vor dem applau­die­ren­den Publikum (also jeden­falls mir). Dieses Finale wur­de bereits im August 2012 als Lied namens Wolf’s Law im Internet ver­öf­fent­licht, um den Hörer auf das Album vor­zu­be­rei­ten. Das ist ziem­lich gut gelungen.

    Die letz­ten Textzeilen auf „Wolf’s Law“ lau­ten: „Don’t wait, let’s go, go, go“. Das Ende die­ses Albums ist nur der Aufbruch zum näch­sten. Die Reise wird sicher span­nend, ich bin dabei. Ihr auch?

    Hörproben:
    Auf YouTube gibt es unter ande­rem eine qua­li­ta­tiv gera­de noch akzep­ta­ble Liveversion vom Maw Maw Song zu sehen und zu hören, das gan­ze Album ist per Grooveshark sowie in 30-Sekunden-Schnipseln auf Amazon.de anzuhören.

  4. Henry Fool - Men Singing

    Henry Fool ist der Name eines Actionfilms von 1997 sowie der Hauptfigur in die­sem Film, die auch im Folgefilm „Fay Grim“ mit­spielt. Im Jahr 2001, also zumin­dest nach dem gleich­na­mi­gen Film, erschien das Debütalbum der Musikgruppe wie­der­um glei­chen Namens, auf dem unter ande­rem Tim Bowness (unter ande­rem no-man) an Mikrofon und Gitarre zu hören war. Zwölf Jahre spä­ter heißt das aktu­el­le Album von Henry Fool irri­tie­ren­der­wei­se „Men Singing“, obwohl Tim Bowness gar nicht mehr singt.

    Ja, „Men Singing“ ist ein Instrumentalalbum. Die Besetzungsliste kann sich sehen las­sen: Außer Tim Bowness sind unter ande­rem auch sein regel­mä­ßi­ger musi­ka­li­scher Partner Peter Chilvers, der gele­gent­lich auch mit Brian Eno zusam­men musi­ziert, Myke Clifford, Saxophonist bei The Pink Floyd Dimension, und Jarrod Gosling, der sich in jün­ge­rer Zeit vor allem mit The Human League und I Monster zusam­men­ge­tan hat­te. Zwei der vier Stücke ver­edelt Gastmusiker Phil Manzanera (Roxy Music) mit sei­ner Gitarre, der zwei­te Gast Steve Bingham (Violine) hat wie­der­um jah­re­lang Erfahrung mit der no-man-Liveband gesam­melt. Im Wesentlichen ist Henry Fool also ein Projekt von Tim Bowness und sei­nen Wegbegleitern.

    Das klingt nun wie Billy Sherwood, der in jedem sei­ner unge­zähl­ten Bandprojekte (Circa:, zeit­wei­se Yes und eini­ge wei­te­re) den Ton maß­geb­lich angab und angibt, aber das Ergebnis ist ein viel bes­se­res. Thomas Kohlruß para­phra­sier­te:

    (…) wenn man sich eine Melange aus psy­che­de­li­scher Soft Machine, pink­floydesken Porcupine Tree, einem Schuss David Sylvian, 80er-Jahre-Wave-Crimson, den ProjeKcts, leich­ten Postrock-Einflüssen und Minimal Music vor­stel­len kann, dann ist man schon irgend­wie in der Welt von „Men Singing“, ent­span­nend spannend!

    Gelegentlich ist Musik wie die­se auf die­ser Internetpräsenz ja auch schon mal Thema, „Tank“ von Kreidler etwa fand hier bereits im Juni 2011 loben­de Erwähnung. „Men Singing“ stößt in ein ähn­li­ches Horn, eig­net sich jedoch weni­ger zur Hintergrundbeschallung. Wer hier nicht auf­passt, ver­passt wahr­schein­lich vieles.

    Auch die Fachwelt (sprich: Musikjournaille) ist begei­stert von „Men Singing“. Es pas­siert tat­säch­lich ober­fläch­lich nicht viel, aber die Atmosphäre, die auf „Men Singing“ ein­ge­fan­gen wur­de, sucht sicher­lich ihres­glei­chen. Freunde der gitar­ren­la­sti­gen Rockmusik sind hier wahr­schein­lich unter­for­dert; wer aber die genann­ten Vergleiche schätzt, dem soll­te „Men Singing“ zusa­gen. Ich jeden­falls mag es.

    Hörproben:
    Alle vier Stücke las­sen sich aus­zugs­wei­se auf Amazon.de hören, auf YouTube ist ein Stop-Motion-Video zu Everyone In Sweden zu sehen.

  5. Motorpsycho - Still Life With Eggplant

    Das nor­we­gi­sche Trio Motorpsycho erweist sich auch nach 24 Jahren wei­ter­hin als recht aktiv. Dem jazz­do­mi­nier­ten Album „The Death Defying Unicorn“, mei­nem Album des Jahres 2012, folgt nun mit nicht ein­mal einem Jahr Abstand das inzwi­schen sech­zehn­te Studioalbum „Still Life With Eggplant“. Das zugrun­de lie­gen­de Material ent­stammt teil­wei­se Entwürfen, die wegen der Kollaboration mit Ståle Storløkken vor­über­ge­hend zurück­ge­stellt wur­den. Ein Orchester ist dies­mal auch nicht dabei.

    Die Jazzanteile auf „Still Life With Eggplant“ wur­den kon­se­quent (wie­der) deut­lich zurück­ge­fah­ren, von Anfang an ist die Gitarre ein star­kes Instrument, der druck­vol­le Bass trägt sei­nen Teil bei. Dies ist Rock.

    Das ist auch dann Rock, wenn Motorpsycho ihr Bestes geben, ihn zu tar­nen. Da wäre etwa der long­track Ratcatcher (17:11 Minuten), der lei­der ein wenig unin­spi­riert und blue­sig vor sich hin­plät­schert, bis er nach eini­gen Minuten deut­lich an Tempo und Intensität gewinnt. Der durch­schnitt­li­che Rockfan hat da schon längst wei­ter­ge­schal­tet, der Progressive-Rock-Freund hin­ge­gen lauscht gebannt jeder neu­en Nuance. Warum soll­te Rock auch immer in das Drei-Minuten-Korsett der öffent­lich-recht­li­chen Radioanstalten pas­sen müssen?

    Und sonst? „The Afterglow“. Ist das Oasis? Zumindest ist es 60er-Beatpopirgendwas. (Also wie­der­um Oasis.) Der rocki­ge Teil nach drei Minuten und zwan­zig Sekunden ist über­ra­gend. Beim Gesang muss ich gera­de in die­sem Stück oft an John Lennon den­ken, aber das ist ja durch­aus auch nichts Schlechtes.

    Apropos „nicht schlecht“ bezie­hungs­wei­se apro­pos „eclip­sed“: Dort schrieb Wolf Kampmann im Mai 2013 über „Still Life With Eggplant“:

    „Still Life With Eggplant“ ist eine Compilation der besten Songs, die Motorpsycho nie­mals auf­ge­nom­men haben. Die Band han­gelt sich durch ihre gesam­te Geschichte mit semi-aku­sti­schen Balladen, saf­ti­gen Sleaze-Krachern und monu­men­ta­len Kraftpaketen.

    Keine Einwände!

    Hörproben:
    Amazon.de hat Ausschnitte vom Album in 30-Sekunden-Länge zum Anhören. Tut dies zahlreich!

  6. Daymoon - Fabric of Space Divine
    „Let the­re be life!“ (Seed of Complexity)

    Es gibt auch Neues von der US-ame­ri­ka­nisch-por­tu­gie­si­schen Regressive-Rock-Institution Daymoon. Nach dem über­ra­gen­den Debütalbum „All Tomorrows“ erga­ben sich eini­ge Änderungen im Privatleben von Frontmann Fred Lessing wie auch in der Besetzung. Entsprechend lan­ge haben die Aufnahmen gedauert.

    Fred Lessing begann nach eige­nem Bekunden bereits 2002 mit den Aufnahmen für „Fabric of Space Divine“. Das Album hat­te also viel Zeit zu rei­fen. Es basiert auf der Arbeit von Stephen Baxter, einem von ihm bewun­der­ten eng­li­schen Science-Fiction-Autor, und erzählt im Wesentlichen die Geschichte des Universums (gemäß den liner notes „hin­ter­grün­dig miss­ver­stan­den von Fred Lessing“) von sei­nem Anfang bis zu sei­nem Ende. Das Album wur­de über die Jahre immer wei­ter ver­fei­nert und schließ­lich ab 2010 vom neu­en Schlagzeuger André Marques pro­du­ziert. Vom Debütalbum geblie­ben ist nur besag­ter Fred Lessing, alle ande­ren Bandmitglieder wur­den zwi­schen 2009 und 2011 aus­ge­tauscht (obwohl noch eini­ge von ihnen auf dem Album zu hören sind). Dass das den musi­ka­li­schen Stil umwirft, ist wenig überraschend.

    So beginnt (Singularity to Sol) es mit Spacerockzirpen, das in einen mit weni­gen Canterburyelementen ver­fei­ner­ten Spacerockteil über­geht. Gelegentlich ist er noch da, die­ser Yes-Moment, aber er schwand zugun­sten einer mir bis dahin noch nicht begeg­ne­ten Herangehensweise an das Weltraumthema. Am Ende zum ersten Mal Gesang: „Let the­re be light!“ Schön.

    Dann: Seed of Complexity. Hier taucht zum ersten Mal der Titel des Albums auf, der sich wie ein roter Faden durch das Album zieht. Musikalisch herrscht hier weit­ge­hend unauf­fäl­li­ger AOR vor, gele­gent­lich zumin­dest beglei­tet von inter­es­san­ten RIO/Avant-Effekten. Ganz anders Beyond Nature, das uns olle Ärzte-Fans zuerst an „Die Bestie in Menschengestalt“ erin­nert (zumal auch der Gesang Bela B. recht nahe kommt), dann aber erkennt man den Krautrock, Stilrichtung world music mit indi­schem touch, yeah. Der ver­stö­ren­de (krei­schen­de) Hintergrundgesang ist ein hörens­wer­ter Kontrapunkt.

    Interessant ist auch Beyond Trinity, eine Klavierballade im unge­fäh­ren Stil von Elton John. Der Gesang ist aber schlech­ter. - Ja, der Gesang, die alte Schwachstelle von Daymoon. Es gibt viel Gesang auf „Fabric of Space Divine“, nur weni­ge Stücke kom­men ohne ihn aus. Andererseits hat Fred Lessing zumin­dest etwas bes­ser sin­gen gelernt, oft fügt sich der Gesang gut in die Musik ein. - Nachtrag: In den Kommentaren weist mich Herr Lessing dar­auf hin, dass er gar nicht mehr selbst singt. Ich hat­te mich schon gewundert.

    Aber was wird eigent­lich gesun­gen? Vor allem viel Religiöses. So heißt es etwa in Beyond Multiplicity:

    La ila­he illa allah, jamal of God we sing
    La ila­he illa allah, jalal of Allah we sing

    Natürlich: Wer die Geschichte des Universums erzählt, der soll­te auch reli­giö­se Bewegungen nicht aus­las­sen. Dass Fred Lessing sich selbst als „über­haupt nicht reli­gi­ös“ bezeich­net (und sich dafür unnüt­z­er­wei­se ent­schul­digt), wer­te ich posi­tiv. Also, wie gesagt, der Gesang ist die Schwachstelle auf die­sem Album.

    Wer dar­über hin­weg­se­hen kann und nichts gegen Spacerock mit Stilwechseln und ohne gro­ße Ecken und Kanten hat, der soll­te „Fabric of Space Divine“ eine Chance gewäh­ren. Fest steht jeden­falls: Daymoon schaf­fen es bis­lang, sich auf jedem Album neu zu erfin­den. Mal sehen, wohin die Reise führt - die­ses Jahr jeden­falls ins Weltall.

    Hörproben:
    Ach was, war­um mit Proben zufrie­den­ge­ben? „Fabric of Space Divine“ gibt es in vol­ler Länge per Bandcamp zum Streamen und Kaufen. Das ver­dient Applaus.

  7. Carpet - Elysian Pleasures

    Carpet. Teppich. Blöder Name. Andererseits ist Bandgründer Maximilian Stephan, der für das zwei­te Carpet-Album drei wei­te­re Musiker an Bord geholt hat, ja für blö­de Bandnamen bekannt: Seine ande­re Band heißt dear john let­ter (Schreibweise vari­ie­rend) und wur­de für ziem­lich groß­ar­ti­gen, atmo­sphä­ri­schen Postrock bekannt. Auf „Elysian Pleasures“ ist auch Schlagzeuger Jakob von eben­dort zu hören. (Dass „Elysian Pleasures“ ein auf­wän­dig gestal­te­tes Coverbild spen­diert bekom­men hat, das nur im Vinylformat rich­tig zur Geltung kommt, ver­steht sich da eigent­lich von selbst.)

    Man möge mir ver­zei­hen, wenn die per­so­nel­len und son­sti­gen Überschneidungen treue Leser mei­ner Rezensionen nun auf eine fal­sche Fährte locken: Postrock ist hier nicht zu fin­den. Stattdessen wird in den 70-ern gesto­chert: Post-Beatles-Beat (For The Love Of Bokeh), Canterbury-nahe Bläserklänge (Smoke Signals) und atmo­sphä­ri­scher Rock (Man Changing The Atoms mit, immer­hin, einer gefäl­li­gen Lärmkaskade gegen Ende des Stücks) tref­fen hier auf­ein­an­der und erge­ben ein inter­es­san­tes Zusammenspiel. Etwas bedau­er­lich ist, dass der Gesang in den bei­gemisch­ten Effekten bei­na­he zu ertrin­ken scheint; das tut dem Gesamteindruck aber kei­nen nach­hal­ti­gen Schaden an.

    Im Magazin „eclip­sed“ („alles, was das letz­te hal­be Jahrhundert Rockmusik aus­ge­macht hat, fin­det sich auf die­sem Album wie­der“) war man gera­de­zu über­schwäng­lich begei­stert von „Elysian Pleasures“; halb­wegs auf dem Boden bleibt jeden­falls Peter auf Schallgrenzen.de:

    “Elysian Pleasures” ist, im Gegensatz zum eher eher ambi­en­ten, expe­ri­men­tel­len Debüt, eine durch­aus hand­fe­ste Veranstaltung. Zu hören gibt es näm­lich trei­ben­den Rock zwi­schen Psychedelic und Progressive. Aber auch eine immer wie­der durch­schim­mern­de sub­ver­si­ve Jazz-Note gefällt mir sehr gut. Summa Summarum: Zeitsturz in die spä­ten Siebziger. Schöne pro­gres­si­ve Tütenmusik inklu­si­ve Orgel.

    Etwas weni­ger Hall täte, wie schon erwähnt, dem Album gut, aber irgend­was ist ja immer. Freunde der eher ent­rück­ten Musik der 1970-er Jahre soll­ten es aber auf kei­nen Fall ver­säu­men, sich mit „Elysian Pleasures“ zu beschäftigen.

    Hörproben:
    Auch „Elysian Pleasures“ ist vor dem Kauf kom­plett per Bandcamp streambar.

  8. Shining - One One One
    „I do not fight back, I paint the sky black“ (Paint The Sky Black)

    Metalfreunde kamen bis hier­hin etwas weni­ger auf ihre Kosten. Aber auch für sie hat das Jahr 2013 schon einen Schatz zu bie­ten, näm­lich „One One One“ von Shining (der nor­we­gi­schen Metalband, nicht der schwe­di­schen Metalband glei­chen Namens).

    „Metalband“ ist viel­leicht etwas kurz gegrif­fen. Obwohl „One One One“ - „Six Six Six“ wäre zu plump - beim ersten Reinhören sehr, sehr gut und vor allem sehr, sehr laut klingt, lie­gen die Wurzeln der Band im Jazz. Geblieben ist die Lust am Experimentieren, die schon auf dem Vorgängeralbum - oder ist es ein gan­zes Genre? - „Blackjazz“ (2010), auf das im Titel Blackjazz Rebels noch­mals Bezug genom­men wird, nur schwer zu über­hö­ren war. Shining mischen auch auf „One One One“ Black Metal, Nu-Metal (etwa My Dying Drive) und Avantgardistisches wie merk­wür­di­ge Klangsequenzen dort, wo ande­re Metalbands viel­leicht ein Gitarrensolo platz­ie­ren wür­den, zu einer beacht­li­chen Kombination (auf musikreviews.de und anders­wo ist von „Jazz-Metal“ die Rede, was eben unge­fähr so hilf­reich ist wie „Schlagerpunk“, aber sei’s drum) zusam­men, die trotz allem auch uns Freunde des Schönklangs dazu ein­lädt, die Texte mit­zu­brül­len. Wirklich scha­de, dass ich gera­de kein Textbuch zur Hand habe.

    Und ein wenig Jazz ist ja dann auch noch da: How Your Story Ends etwa beginnt mit Solosaxophon von - wahr­schein­lich - Frontmann Jørgen Munkeby, der, wenn er gera­de nicht bläst, bevor­zugt brüllt und Gitarre spielt. So ein wenig Klischee muss ja schon sein. Das Saxophon als Metalinstrument erzielt zumin­dest eine inter­es­san­te Wirkung, gera­de in den etwas lau­te­ren Teilen. Natürlich hat das mit Metallica weni­ger zu tun als mit Marduk, weni­ger mit Tool als mit einer sata­ni­sti­schen Kultmesse. Wer Metal nur aus dem Radio kennt, den könn­te „One One One“ also even­tu­ell über­for­dern. Aber das Ziel jedes Musikfreundes, lie­be Leser, soll­te es stets sein, sei­ne Grenzen (eben sei­nen Horizont) ken­nen­zu­ler­nen und bestän­dig zu erweitern.

    Natürlich ist das nur Modellpflege und kein radi­ka­ler Umbruch. Warum auch? Dieses Niveau dür­fen Shining gern noch ein paar Jahre lang halten.

    Ich fin­de Metal doof. „One One One“ fin­de ich aber über­haupt nicht doof. Ihr soll­tet es mir gleichtun.

    Hörproben:
    Amazon.de lässt euch für jedes Stück drei­ßig Sekunden Zeit.

  9. Sigur Rós - Kveikur
    „Við sker­um á / aug­naráð / nú stin­gur í / ofbir­ta“ (Brennisteinn)

    Kommen wir nun zu etwas völ­lig Anderem (als Metal). Gerade noch recht­zei­tig erreich­te mich „Kveikur“, das neue Album der islän­di­schen Postrockband Sigur Rós. Wer aber dach­te, er wüss­te, was ihn erwar­tet, der hat sich getäuscht. Nach einî­gen ver­ton­ten Traumwelten und der Hinwendung zur bei­na­he fröh­li­chen Popmusik auf „Takk…“ und „Með suð í eyrum við spilum enda­l­aust“ ging es mit „Valtari“ wie­der zurück zum „Dreampop“ (Zitat: Wikipedia - ich fin­de Genres immer noch bescheu­ert) der frü­he­ren Alben.

    Aber „Kveikur“?

    Die Verpackung des Albums ist in Schwarz-Grau gehal­ten. Texte gibt es nicht. Innen sind mit schwarz­brau­ner Farbgebung merk­wür­di­ge Fantasieszenen gezeich­net, ver­se­hen mit weni­gen roten Flecken. Eine gro­ße Krallenhand kommt von oben rechts und schießt auf Baumstümpfe. Merkwürdig, aber bezeich­nend für „Kveikur“. Nachdem zum Jahreswechsel 2012/2013 der Keyboarder Kjartan „Kjarri“ Sveinsson sich aus ver­mut­lich fami­liä­ren Gründen aus der Band ver­ab­schie­det hat­te, ist „Kveikur“ das erste Album, das Sigur Rós als Trio ver­öf­fent­lich­ten; dies oben­drein bei einer neu­en Plattenfirma, nament­lich XL Recordings. Wie bei den mei­sten Bands (etwa auch Van der Graaf Generator, „Trisector“) ist damit ein klang­li­cher Wechsel verbunden.

    Das erste Adjektiv, das mir zu „Kveikur“ ein­fällt, ist: Dunkel. Der Postrock ist zu Hause ange­kom­men. Nie klan­gen Sigur Rós so sehr nach God Is An Astronaut wie auf die­sem Album. Das bedeu­tet nicht, dass es an Eigenständigkeit fehlt; etwa Ísjaki und Yfirborð knüp­fen an alte Erfolge an. Neu sind Stücke wie Brennisteinn und das Titelstück Kveikur: Getrieben von aller­lei elek­tro­ni­schen Spielereien und dröh­nen­dem Bass und mit weni­ger sanf­tem Gesang und weni­ger mono­to­nem Schlagzeug als noch auf „Með suð í eyrum við spilum enda­l­aust“ wir­ken sie bei­na­he aggres­siv und hek­tisch. Das ist gut! (Wenn ich nur die Texte ver­stün­de!) „Kveikur“ klingt mit dem instru­men­ta­len Quasiklavierstück Var dann aber doch noch stan­des­ge­mäß aus.

    Zumindest Brennisteinn (auf Deutsch „Schwefel“, was irgend­wie passt) ist auf­merk­sa­men Musikfreunden indes schon lan­ge live bekannt, eine her­vor­ra­gen­de Liveversion etwa ist auf YouTube zu sehen. Wenn das aber die neu­en Sigur Rós sind, dann: Gern mehr davon!

    Hörproben:
    Auf YouTube - im Text ver­linkt - gibt es ziem­lich gute Liveaufnahmen zu hören, auf Amazon.com gab es kurz­zei­tig das gan­ze Album als Stream. Wer es ver­passt hat, der kann dies per Grooveshark (plus zwei Bonusstücke) nach­ho­len oder sich mit den kur­zen Ausschnitten auf Amazon.de zufrie­den geben.

Waren das schon neun? Oh, ja, das waren schon neun.

Aber es gab doch schon so viel gute Musik 2013, sagen die Medien! - Ja, die Medien. Die Medien hypen eine Menge furcht­ba­ren Scheiß. Wollt ihr wis­sen, was ich mei­ne? Nun, zum Beispiel fol­gen­de Musikalben:

2. Immer noch viel zu lang.

  • Villagers - Awayland
    Eine müde, kraft­lo­se Variante des immer­glei­chen Mando-Diao-Aufgusses.
  • My Bloody Valentine - m b v
    Peter ist der Ansicht, man kön­ne sich das hier schönsau­fen. Ich mel­de Bedenken an.
  • Jacco Gardner - Cabinet Of Curiosities
    Beatlesquer Einschlaf-Weichspülpop.
  • Long Distance Calling - The Flood Inside
    Die einst­mals über­ra­gen­de Postrockband hat sich einen scheuß­li­chen Sänger an Bord geholt. Graus!
  • Lifesigns - Lifesigns
    Melodic Rock für Anfänger und Hausfrauen.
  • Mr Averell - Gridlock
    Tolle Besetzung, grau­en­haf­te Umsetzung.

Ihr merkt, Qualität und Quantität unter­schei­den sich mit­un­ter stark. Nie wur­de so viel Musik pro­du­ziert wie heu­te, nie kam so viel Schrott dabei her­aus. Wie anders doch frü­he­re Jahrzehnte!

Zum Abschluss des dies­jäh­ri­gen Zwischenberichts machen wir also erneut eine Zeitreise durch die Musikgeschichte:

3. Und viel zu lang ist’s her.

  • Vor 40 Jahren:
    Genesis - Selling England by the Pound

    1973 begann der Progressive Rock sich voll zu ent­fal­ten. Der Canterbury Sound hat­te mit „Camel“ (Camel) und „For Girls Who Grow Plump in the Night“ (Caravan) sei­nen gro­ßen Auftritt, in Frankreich setz­ten Magma mit „Mekanïk Destruktïw Kommandöh“ alles auf eine Karte (und gewan­nen). In Großbritannien wett­ei­fer­ten der­weil zwei völ­lig unter­schied­li­che Musikgruppen um die Gunst des Publikums: Die 1966 gegrün­de­ten 10cc ver­ein­ten auf ihrem end­lich erschie­ne­nen Debütalbum Artrock und Progressive Rock zu einer über­zeu­gen­den Melange, die ihnen eine Bekanntheit ein­brach­te, ange­sichts derer es eigent­lich ver­wun­der­lich ist, dass man ihren Namen gemein­hin nicht als Allgemeinwissen betrach­tet, ganz im Gegensatz zu dem ihrer Landsmänner von Genesis, die im glei­chen Jahr mit „Selling England by the Pound“ das vor­letz­te Album mit Peter Gabriel ver­öf­fent­lich­ten (lei­der darf Phil Collins hier auch schon sin­gen). Trotz Liedtiteln wie The Battle of Epping Forest und Dancing with the Moonlit Knight tre­ten hier jedoch die mysti­schen Texte frü­he­rer Alben zugun­sten gesell­schafts­kri­ti­scher Alltagsbeobachtungen zurück. Einen ähn­li­chen Wandel haben im glei­chen Jahr übri­gens die wie­der ver­ein­ten King Crimson auf „Larks’ Tongues in Aspic“, dem ersten Studioalbum ohne Texter Peter Sinfield, voll­zo­gen. Der Wandel zur radio­taug­li­chen Poprock-Schlagergruppe jedoch dau­er­te bei Genesis noch eine Weile.

  • Vor 30 Jahren:
    Marillion - Script for a jester’s tear

    Ein Jahrzehnt spä­ter war die­ser Wandel abge­schlos­sen. Auf dem Album mit dem sel­ten däm­li­chen Namen „Genesis“ (kommt schon, Jungs, als Debütalbum ist so was in Ordnung, aber doch nicht für’s zwölf­te!) ist außer grau­en­vol­len Collins-Schnulzen mit Bumm-Tschack-Schlagzeug (That’s All) zumin­dest auch Mama zu fin­den. Teuflisch lachen kann er ja, der Phil Collins; wenn da eben nur nicht die ande­ren Lieder auf dem Album wären! Besser mach­ten es Marillion, die mit „Script for a Jester’s Tear“ mit­tels der Rückbesinnung auf die Tage, als Genesis noch den Mut hat­ten, mit Konventionen zu bre­chen, einen der Grundsteine für das neue Genre des „Neo-Prog“ leg­ten. Ein wirk­li­cher long­track fehlt auf dem Album, der wur­de indes bereits im Vorjahr als B-Seite der Single Market Square Heroes ver­öf­fent­licht. Dieses Stück (Grendel) wird heu­te als das Supper’s Ready der 1980er Jahre gehan­delt, und tat­säch­lich waren Marillion nicht schlecht dar­in, ihren Vorbildern nach­zu­ei­fern. Im dunk­len Plastikjahrzehnt war tat­säch­lich auch außer­halb des main­streams eini­ges mög­lich. Dass Marillion mit Kayleigh eini­ge Jahre spä­ter einen Poprockhit in den Hitparaden hat­ten, soll die­sen Erfolg nicht schmälern.

  • Vor 20 Jahren:
    Nirvana - In Utero

    Weniger rosa sah es für den Progressive Rock dann 1993 aus. Marillion wan­del­ten sich mit ihrem neu­en Sänger Steve Hogarth dem New Artrock zu (und mach­ten damit immer­hin nicht den glei­chen Fehler wie Genesis), in Deutschland kämpf­ten Die Fantastischen Vier mit dem dro­gen­schwan­ge­ren „Die 4. Dimension“ und Die Ärzte mit ihrem Comebackalbum „Die Bestie in Menschengestalt“ um die Gunst der Jugendlichen. Diese gewann jedoch ein depres­si­ver US-Amerikaner letzt­lich für sich: Nirvanas letz­tes Studioalbum „In Utero“ war auch ihr bestes. Verglichen mit dem Vorgängeralbum „Nevermind“ (dem mit dem nack­ten Kleinkind vor­ne drauf) sind Nirvana hier noch aggres­si­ver und expe­ri­men­tel­ler gewor­den. Dass MTV der Band den­noch regel­mä­ßi­ge Werbung ver­schaff­te, stimmt mich ein biss­chen trau­rig, denn heut­zu­ta­ge nimmt MTV einen Musiker ja anschei­nend nur noch ernst, wenn er lang­wei­li­ge Liebesscheiße ins Mikrofon heult. Nun ja. - Ein Problem stell­te anschei­nend nur Rape Me („Vergewaltige mich“) dar, das sich in den USA, wie zu erwar­ten, diver­sen Beschneidungen und Verboten unter­zie­hen las­sen muss­te. Dass mit den ande­ren Liedern, etwa Milk It („Look on the bright side is sui­ci­de“), nie­mand eine Schwierigkeit zu haben schien, ist dann doch etwas selt­sam. „In Utero“ jeden­falls ist auf­grund sei­ner Rauheit bei gleich­zei­ti­ger Kontroversität das Nirvana-Album, das man am ehe­sten ken­nen (und schät­zen) soll­te. Ab und zu soll­te man es viel­leicht auch mal wie­der MTV vor­spie­len, viel­leicht neh­men sie ja irgend­wann wie­der Vernunft an.

  • Vor 10 Jahren:
    Ektroverde - Ukkossalama

    Es ist ja auch nicht so, dass die Menschen nicht lern­fä­hig wären. Sie wol­len nur ein­fach sel­ten. Andererseits ver­setz­te sie das neue Jahrtausend offen­bar in Aufbruchstimmung, und so schos­sen ab dem Jahr 2000 welt­weit vie­le Musikgruppen schier aus dem Boden, die sich als kom­pro­miss­lo­se Anhänger der alten Heroen prä­sen­tier­ten. Aus Spanien etwa kommt das selbst­be­ti­tel­te Album der Combo Psicotropia, die trotz der Gitarrenfrickeleien im Stil Robert Fripps wohl auch Mr. Bungle, Primus, Tool, Muse und nicht zuletzt Frank Zappa auf­merk­sam gelauscht hat­ten. Ganz anders dage­gen Ektroverde, ein Nebenprojekt der umtrie­bi­gen Finnen Circle, das mit „Ukkossalama“ sein bis heu­te letz­tes Lebenszeichen vor­ge­legt hat. Das hat es aber in sich: Hier wird wild gejammt, spa­cig-neo­krau­tig-postrockig, mit­un­ter auch jaz­zig-rockig, trei­bend, hyp­no­tisch, laut und sper­rig, dabei aber auch selt­sam ent­spannt und gemäch­lich. Dass über­dies mal eng­li­scher, mal fin­ni­scher (Sprech-)Gesang ertönt, ver­setzt den Hörer dann end­gül­tig in Verwirrung. Was ist das gera­de? Natürlich hat das alles kei­ne Struktur, kei­nen Rhythmus. Assoziation? Can. Freiformmusik, wie sie ein­drucks­vol­ler nicht sein könn­te, sozu­sa­gen Circle ohne das dort ohne­hin schon recht locker sit­zen­de Strukturkorsett. Insgesamt drei­zehn betei­lig­te Musiker kön­nen so ein Konsumentenhirn ziem­lich auf Trab brin­gen. Was bleibt von Ektroverde? Vorerst: Circle hören. Das ist zu ver­schmer­zen. Aber viel­leicht kom­men sie zurück, und das wird sicher grandios.

Nun, ich bin am Ende. Ich dan­ke euch für die Aufmerksamkeit.

Wenn ihr noch ein Musikalbum kennt, das ich hier eurer Meinung nach hät­te auf­füh­ren sol­len, hin­ter­lasst es mir bit­te in den Kommentaren; womög­lich wer­de ich es berück­sich­ti­gen kön­nen. Noch auf Halde habe ich zum Beispiel die neu­en Album von Big Big Train, The Strokes und Spock’s Beard. Das wird ein inter­es­san­tes zwei­tes Halbjahr.

Weiter geht es - wie gewohnt - im Dezember. Bis dann: Habt Spaß!

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Senfecke:

  1. Hallo :-) Danke auch für die­se Super-Review vom 2. Album mei­ner Band Daymoon. Es macht immer wie­der Spass, wenn jemand Musik auf­merk­sam hört und so schön beschreibt, wie hier. Im Gegensatz zum Vorjahr haben sich dies­mal aller­dings ein paar sach­li­che Fehler ein­ge­schli­chen: 1. Auf die­ser CD sin­ge ich selbst bis auf ein paar Hintergrundchöre gar nicht. Hihi, und wer da auf „kreischt“ ist Michael Dorp von der deut­schen Prog-Band Flying Circus. Reinhören unbe­dingt emp­foh­len! 2. Von der „All Tomorrows“ Band sind ausser mir selbst wie­der Paulo Chagas (Saxofon, Flöten), Adriano (Klarinette) und Paulo Catroga (Klavier auf einem der Stücke) mit dabei. Aber das wirk­lich nur neben­bei. Dank Dir GANZ lieb :-)

    Gruss aus Portugal,
    Fred

    • Poah. Frech! Da liest man sich ein ein­zi­ges Mal die Hintergründe zu einem Album durch und dann stim­men die nicht mal! ;)

      Danke für dei­ne Korrekturen. Ich glau­be, Flying Circus möch­te ich jetzt gar nicht mehr ken­nen. ;)

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