KaufbefehleMusikkritik
Hei­no – Mit freund­li­chen Grüßen

Heino - Mit freundlichen Grüßen„Nun, da sich der Vor­hang der Nacht von der Büh­ne hebt, kann das Spiel begin­nen, das uns vom Dra­ma einer Kul­tur berichtet.”
– Hei­no (Ori­gi­nal: Die Fan­ta­sti­schen Vier): MfG


Eigent­lich dürf­te ich Hei­no nicht mögen.

Ich habe mei­nen musi­ka­li­schen Stolz über Jah­re hin­weg hart erar­bei­tet, nen­ne Schla­ger­ver­an­stal­tun­gen im Gei­ste gele­gent­lich (zum Bei­spiel jetzt gera­de) pau­schal „Toten­ge­sang” und betrach­te die Prot­ago­ni­sten des Gen­res mit ihrem Bumm-Tschack und Gefie­del im Hin­ter­grund als tra­gi­ko­mi­sche Figu­ren, nicht jedoch als künst­le­risch sym­pa­thi­sche Musi­ker. Aller­dings gebe ich offen zu, auf­grund die­ses Des­in­ter­es­ses auch nur weni­ge „Lie­der” der Totensän­ger zu ken­nen. Eines von den Wil­decker Herz­bu­ben, eines von Mari­an­ne Rosen­berg, eines von Vicky Lean­dros, kei­nes von Andrea Berg. Und Hei­no war der Typ mit dem Enzian.

Dann kam „Mit freund­li­chen Grü­ßen”. Das „Skan­dal-Album”, vol­ler ver­meint­li­cher Urhe­ber­rechts­dings bezie­hungs­wei­se eben Hei­no-Ver­sio­nen bekann­ter Pop- und Rock- und Ramm­stein­stücke, von denen eini­ge selbst mir bekannt sind. Skan­da­lös ist indes nicht das uner­laub­te Nach­spie­len, denn von § 23 UrhG wären die nach­ge­spiel­ten Stücke nur dann betrof­fen, wür­de Hei­no den Text modi­fi­zie­ren; skan­da­lös ist, dass mit dem Umstand, dass sich im Urhe­ber­recht nur noch weni­ge Bür­ger (Mas­sen­ab­mah­nun­gen sei Dank) aus­rei­chend gut aus­ken­nen, gezielt gewor­ben wird. Ver­mut­lich sind eini­ge Adres­sa­ten der vira­len Wer­bung für das Album inzwi­schen so ver­un­si­chert, dass sie glau­ben, es sei ille­gal, sich „Mit freund­li­chen Grü­ßen” zu kau­fen. Na, mit einem Hei­no-Album soll­te man sich ver­mut­lich zumin­dest nicht drau­ßen blicken lassen.

Aber ohne die­sen Skan­dal wäre auch mir „Mit freund­li­chen Grü­ßen” wahr­schein­lich nicht mal aufgefallen.

Geschützt durch Not­fall­mu­sik, die nur weni­ge Tasten­drücke ent­fernt ist, bin ich das Wag­nis ein­ge­gan­gen, mir zwecks Mei­nungs­bil­dung ein­mal selbst besag­tes Album anzu­hö­ren. Eigent­lich dürf­te ich es nicht mögen.

Hei­no, der Typ mit dem Enzi­an, inzwi­schen seit bald einem Jahr­zehnt im Ren­ten­al­ter und immer noch mit, zuge­ge­ben, krank­heits­be­ding­ter Son­nen­bril­le und Perücke vor dem öffent­li­chen Ver­fall (und davor, auf Kon­zer­ten sein öffent­lich ver­fal­len­des Publi­kum all­zu gut sehen zu müs­sen) geschützt, macht nun also, wie schon vor eini­gen Jah­ren der gleich­falls berufs­ju­gend­li­che Tho­mas Gott­schalk („What Hap­pen­ed to Rock’n’Roll”) in Leder­kluft gewan­det, das mit der Rockmusik.

Sei­ne Abschieds­tour­nee (2005) war offen­sicht­lich eher eine Pau­sen­tour­nee. Die Ärz­te haben die­ses Kon­zept im Jahr 2012 (auf das „Abschieds­kon­zert” folg­te die „Come­back-Tour”) geco­vert, gleich­sam als Revan­che ist das erste Lied auf „Mit freund­li­chen Grü­ßen” nun deren „Jun­ge”, vor­ge­tra­gen mit tie­fer Stim­me und rol­len­dem „R”. Tie­fe Stim­me, rol­len­des „R”? Ach, Ramm­stein, ja. „Son­ne” klingt tat­säch­lich der Vor­la­ge recht ähn­lich. „Leucht­turm” von ehe­mals Nena geht mir in der Hei­no-Ver­si­on deut­lich weni­ger auf die Ner­ven. Und falls sich jemand fragt, war­um das Album „Mit freund­li­chen Grü­ßen” heißt: „MfG” von den Fan­ta­sti­schen Vie­ren ist auch drauf, aus recht­li­chen Grün­den (ich erwähn­te es oben) mit gespro­che­ner Ein­lei­tung und Hintergrundchören.

THC in OCB ist, was ich dreh’.

Als Die Toten Hosen in den 1980-er Jah­ren mit dem „wah­ren Hei­no” Nor­bert Häh­nel (etwa für „Eis­ge­kühl­ter Bom­mer­lun­der”) zusam­men­ar­bei­te­ten, war das eine der weni­ger schlech­ten Hei­no-Par­odien. Lei­der wur­den Die Toten Hosen nicht in das Reper­toire auf­ge­nom­men. „Eis­ge­kühl­ter Bom­mer­lun­der” hät­te in der Wirk­lich-wah­rer-Hei­no-Ver­si­on ver­mut­lich erst recht an Komik gewon­nen. Man könn­te „Mit freund­li­chen Grü­ßen” trotz­dem als Par­odie auf­fas­sen. Ob Hei­no die Pop­mu­sik-Sze­ne, sich selbst oder die Par­odien auf sich selbst par­odie­ren woll­te, weiß ich lei­der nicht.

Klar ist: „Mit freund­li­chen Grü­ßen” ist schräg; eigent­lich zu schräg, um noch zu gefal­len, aber doch schräg genug, um wie­der zu gefal­len. Ich bin zumin­dest nach einem Hör­durch­gang ziem­lich amü­siert, viel­leicht aber auch nur über den Umstand, dass ich gera­de Hei­no höre. Eigent­lich dürf­te ich das nicht mögen.

„Mit freund­li­chen Grü­ßen” ist kein Rock im Schla­ger­ge­wand, wie oft behaup­tet wird; es ist Rock im Heinoge­wand. Hei­no ver­al­bert Leu­te, die Hei­no ver­al­bern. Dafür hat er zumin­dest den Respekt des Troll­freu­di­gen ver­dient. Und er hat es ver­dient, dass man mal rein­hört. Doof fin­den und im Inter­net ver­rei­ßen kann man es spä­ter immer noch.

Man muss es ja nicht mögen.


„Was soll das? Was soll das?”
– Hei­no (Ori­gi­nal: Her­bert Grö­ne­mey­er): Was soll das

Senfecke:

  1. Ich habe ledig­lich mal irgend­wann irgend­wo die Num­mern 12 + 13 gehört. Die fand ich selbst im Ori­gi­nal beschis­sen. Ich füh­le mich veralbert.

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