KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/​2018 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 20 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

Kaum ist es mal schier uner­träg­lich warm gewor­den, schon ist wie­der ein hal­bes Jahr vor­bei. Das kann nur eines bedeu­ten: Es ist wie­der Zeit für die besten Musik­al­ben des ersten Halb­jah­res 2018. Dass seit der letz­ten Rück­schau sowohl Mark E. Smith und mit ihm wohl auch The Fall als auch Den­nis Edwards (The Tempt­ati­ons) und Jon Hise­man (Colos­se­um, Colos­se­um II, JCM) sich für immer aus der Musik und vor­aus­sicht­lich auch aus der Welt der Leben­den ver­ab­schie­det haben, mahnt zur Eile. Wer weiß, wie vie­le Künst­ler ster­ben, wäh­rend ich dies hier schreibe?

Sicher­heits­hal­ber griff ich der Liste bereits vor: Die aktu­el­len Stu­dio­al­ben von awa­ke­but­stil­lin­bed, Mes­sa und den bei­den Davids Cross und Jack­son blei­ben Teil der dies­jäh­ri­gen Emp­feh­lun­gen, auch das Debüt­al­bum „Dan­ger Dance“ von Nose­holes, deren titel­lo­se EP mich Anfang Janu­ar zu einer Rezen­si­on ver­an­lass­te, ist erwar­tungs­ge­mäß gut geworden.

Was sonst noch los war, folgt sofort.

1. Hören, was gut ist.

  1. møl – JORD

    Zu Beginn gilt es, erst mal die Gehör­gän­ge frei­zu­bla­sen. Hier­für bie­ten sich møl aus Däne­mark eigent­lich an.

    Auf ihrem ersten Voll­zeit-Stu­dio­al­bum „JORD“ – vor­aus gin­gen zwei EPs – igno­riert das Quin­tett gekonnt die ver­meint­li­che Gen­re­gren­ze zwi­schen Post­rock und Black Metal, was mich als Genreigno­ran­ten in mehr­fa­cher Hin­sicht erfreut. Im Inter­net ist von „Black­ga­ze“ als Gen­re die Rede und spä­te­stens hier soll­ten auch Ver­fech­ter ein­fach­ster Schub­la­di­sie­rung erken­nen, dass ihr Trei­ben mit­un­ter gro­tesk wirkt.

    Zu Beginn („Storm“) höre ich auch tat­säch­lich erst ein­mal Post­rock, bevor unver­se­hens das Gewit­ter los­bricht. Im spä­te­ren Ver­lauf des Albums („Liga­ment“) wird es immer mal wie­der beacht­li­che Postrock­mo­men­te geben, domi­nant ist aber die Selbst­be­schrei­bung der Band als „ein zer­schmet­tern­des Nichts“. „Jord“ ist das däni­sche Wort für Erde, als erdig wäre das Album aber nur unzu­rei­chend beschrie­ben. Anders­wo schrieb jemand, es han­de­le sich um „rasen­des Geschram­mel mit dank Key­board (…) orche­stra­ler Note“ und das ist ver­dammt rich­tig.

    Ich sol­le erwar­ten, am Jah­res­en­de „JORD“ auf vie­len Album-des-Jah­res-Listen zu fin­den, kün­dig­te das bri­ti­sche Musik­ma­ga­zin „noiz­ze“ an. Ich grei­fe dem hier­mit um meh­re­re Mona­te vor, ich Punk.

    Rein­hö­ren: Freund­li­cher­wei­se (naja, eigent­lich: wie bei­na­he schon üblich) stel­len møl „JORD“ via Bandcamp.com für Kauf und Stream zur Verfügung.

  2. Black Space Riders – Amo­re­tum Vol. 1

    Wir blei­ben erst mal beim Krach. Die Mün­ste­ra­ner Hard­rock­com­bo Black Space Riders ist lang­jäh­ri­gen Lesern mei­ner Musik­kri­ti­ken nicht unbe­kannt, schon 2015 befand ich, dass es bei die­ser Band mit­un­ter vie­les zu ent­decken gebe. Auch ihr fünf­tes Album „Amo­re­tum Vol. 1“ – ich erken­ne immer­hin ein Muster in der Benen­nung ihrer Alben – ist von Flach­heit weit ent­fernt. „Amo­re­tum“ ist dabei ein Kof­fer­wort aus den latei­ni­schen Wör­tern für die Lie­be und den Gar­ten. Soll es „Lie­bes­gar­ten“ bedeu­ten? Aus­zu­schlie­ßen ist es nicht.

    Beim Hören von „Amo­re­tum Vol. 1“ den­ke ich in Über­ein­stim­mung mit den gele­gent­lich zu lesen­den Ver­glei­chen mit Hawk­wind an Motör­head: Die bei­den wei­ter­hin in der Band beschäf­tig­ten Sän­ger (ich konn­te bis­her nicht ermit­teln, wer am Mikro­fon nun wer ist), die bei­de auch die Key­boards bedie­nen, tra­gen hier hei­se­ren Gesang, gele­gent­lich („Lovely love­lie“, „Fire! Fire! Death of a giant“) auch Grow­ling bei. Auch sonst hat sich bis auf einen Wech­sel am Bass nicht viel geän­dert: Unver­än­dert gehen die Musi­ker einer Tätig­keit nach, die Freun­de von Spa­ce­rock, Hard­rock und Psy­che­de­lic Rock glei­cher­ma­ßen erfreu­en mag. Dass „Amo­re­tum Vol. 1“ außer­dem „tanz­bar“ sei, ein Wort, das ich als Musi­ker als Belei­di­gung emp­fän­de, ist dabei eine den­noch zutref­fen­de Feststellung.

    Zumal sie, wenn sie nicht gera­de hard­rocken, new­wa­ven: Aus der Vor­be­rei­tung für die­se Rück­schau ent­neh­me ich eine Notiz mei­ner­seits, dass ich außer an Motör­head auch an die Smit­hs gedacht habe, als ich „Amo­re­tum Vol. 1“ hör­te, und da ich sonst eigent­lich nie an die Smit­hs den­ke, könn­te das an die­sem Album liegen.

    Marek Protzak schrieb:

    Wer sich von der Musik der BLACK SPACE RIDERS irgend­was mit kathar­ti­scher Tran­szen­denz und einen Flucht­weg in den Schlag­ho­sen-Orbit erhofft, geht auch 2018 leer aus.

    Und das, um an unge­eig­ne­ter Stel­le ein Poli­tik­erzi­tat anzu­brin­gen, ist auch gut so. „Amo­re­tum Vol. 2“ soll jeden­falls noch 2018 erschei­nen. Ich ver­mu­te, es wird groß­ar­tig sein.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com, ver­steht sich.

  3. Anna von Hauss­wolff – Dead Magic

    „Who is she /​ to say good­bye?“ („The Myste­rious Vanis­hing Of Electra“)

    Vor­läu­fig ist’s genug des Krachs, denn wenn man immer nur Krach hört, ver­liert man den Sinn für das Schö­ne. Dabei gibt es so viel mehr als Gitar­ren­riffs und Geschrei, zum Bei­spiel Pfeifenorgeln.

    Eine sol­che, auf­grund ihrer Ver­wen­dung in Kir­chen oft als sakral klin­gend wahr­ge­nom­men und hier tat­säch­lich in der Kopen­ha­ge­ner Mar­mor­kir­ken her­um­ste­hend, ist das bevor­zug­te Instru­ment von Anna von Hauss­wolff, schwe­di­sche Sän­ge­rin, Pia­ni­stin und Künst­ler­toch­ter, die seit 2010 ab und zu Alben ver­öf­fent­licht, die Namen wie „Cere­mo­ny“, „Sin­ging from the Gra­ve“ oder „Dead Magic“ tra­gen. Alles deu­tet auf Gothic Rock hin, aber bei Gothic Rock den­ke ich an The Cure und HIM und wer­de ein biss­chen ungehalten.

    Aller­dings ist das auf „Dead Magic“, auf dem außer ihr neun wei­te­re Musi­ker, dar­un­ter ihr Pro­du­zent Rand­all Dunn, über­wie­gend an Saiten‑, sonst an Tasten­in­stru­men­ten zu hören sind, Auf­ge­nom­me­ne zur Beru­hi­gung auch nur bedingt geeig­net. Wie wie­der­keh­ren­de Leser viel­leicht inzwi­schen wis­sen, mag ich ja her­aus­ra­gen­de Stim­men, dabei ist das Gen­re bei­na­he zweit­ran­gig. Selbst Sarah Lesch, einer, nüch­tern betrach­tet, auch nur wenig anstren­gen­den Schla­ger­sän­ge­rin, kann ich auf­grund ihrer Stim­me etwas abge­win­nen. Und ver­dammt, Anna von Hauss­wolff ist wirk­lich gut dar­in, eine her­aus­ra­gen­de Stim­me zu haben. Wer einen Ver­gleich haben möch­te, der neh­me Kate Bush ohne das über­dreh­te Quiet­schen ihrer frü­hen Alben, Björk ohne die fürch­ter­li­che Exal­tiert­heit ihrer sämt­li­chen Alben oder fin­de sich ein­fach damit ab, dass man­che Stim­men ein­ma­lig scheinen.

    In fünf Lie­dern, von denen zwei über zwölf Minu­ten lang sind, lässt die Inha­be­rin die­ser Stim­me ihr Talent bril­lie­ren; von sanft beru­hi­gend über beschwing­ten Pop­rock („Ugly and Ven­ge­ful“) bis hin zur stimm­li­chen Beglei­tung A Sil­ver Mt. Zion nicht unwür­di­gen Dro­ne-Postrocks („The Truth, The Glow, The Fall“) ist auf „Dead Magic“ alles zu fin­den, immer beglei­tet von der Orgel, die das stimm­lo­se „The Marb­le Eye“ sogar als ein­zi­ges Instru­ment bestrei­ten darf. Dass das, was sie selbst „Begräb­nis­pop“ nennt, von fröh­li­cher Pop­mu­sik weit ent­fernt sei, obwohl die Künst­le­rin in Inter­views mit­un­ter mit­teil­te, Auf­nah­men lie­ßen sie stets fröh­lich zurück, möch­te ich nicht bestrei­ten, wohl aber, dass das Album doch auf­grund der Instru­men­tie­rung und der Titel bestimmt ziem­lich depri­mie­rend klin­ge. Fast ist das Gegen­teil der Fall. Gera­de die erste Sin­gle „The Myste­rious Vanis­hing Of Elec­tra“, eigent­lich ein Gedicht ihres längst ver­stor­be­nen Lands­man­nes Wal­ter Ljung­quist, spru­delt vor eige­ner Ener­gie der­ma­ßen über, dass sie auf den Hörer über­springt. Der unge­mein extro­ver­tier­te Gesang, nicht nur für Ver­eh­rer Court­ney Swains einen zwei­ten und drit­ten Hör­durch­lauf wert, tut sein Übri­ges. Boah! Waren die Vor­gän­ger­al­ben noch merk­lich zurück­hal­ten­der, greift Anna von Hauss­wolff hier in die Vol­len und legt die sprich­wört­li­che Lat­te um etli­che Meter höher.

    Ich wage zu schrei­ben: „Dead Magic“ wird jeden­falls dort, wo es sich ein­fin­det, ein ein­ma­li­ges Album im noch jun­gen Jahr 2018 blei­ben. Wer sonst wird es nicht nur wagen, son­dern auch schaf­fen, aus einem uncoo­len Instru­ment so ein pracht­vol­les und dabei noch kon­stan­tes Werk zu schaf­fen? Ich bin bewegt, man sehe es mir nach.

    Rein­hö­ren: Zur erwähn­ten Sin­gle gibt es ein Video, anson­sten wis­sen Amazon.de, Bandcamp.com und TIDAL zu helfen.

  4. Pipa­po – Kri­stov in der Allee der Kosmonauten

    Als ich mich auf der Band­camp­sei­te von Tur­bi­ne Stoll­pro­na her­um­trieb, um auf­grund ihrer Lied­ti­tel („Jens Mül­ler woll­te unbe­dingt ihren Vater anru­fen“, auf so was muss man ja auch erst mal kom­men) das Album „Effekt­ha­sche­rei“ genau­er zur Kennt­nis zu neh­men als zuvor, stieß ich dort auf wei­te­re Namen von Musik­grup­pen ähn­li­chen Typs und anschei­nend auch ähn­li­chen Humors. Unter die­sen Grup­pen sah ich Pipa­po und war spon­tan amüsiert.

    Pipa­po ist ein Leip­zi­ger Duo, bestehend aus einem Schlag­zeu­ger und einem Gitar­ri­sten, und sei­ne Musik ist rein instru­men­tal. Ich wür­de trotz mei­nes Holz­ohrs neben der genann­ten Beset­zung außer­dem einen Bass erken­nen, jedoch ist dar­über nichts über­lie­fert. Ob die Beset­zungs­li­ste sonst über­haupt zutref­fend ist, ist unklar, denn die Liste der Musi­ker, die die Lie­der gere­cor­det haben, unter­schei­det sich hin­sicht­lich der dort notier­ten Initia­li­en sehr. Mit Lied­ti­teln wie „Ramo Zepol at Tank­stel­le Bock­wurst“ und „Goofy is not a Metal­band, ok?“ bin ich nichts­de­sto­trotz ver­sucht, dem Duo komö­di­an­ti­sches Inter­es­se nach­zu­sa­gen, Tex­te zum Nach­weis gibt es jedoch nicht. Woher der Titel des Albums stammt, ist mir unklar, das Ber­li­ner Stu­dio, in dem es auf­ge­nom­men wur­de, heißt jedoch „Allee der Kos­mo­nau­ten“. Nur ein Kri­stov ist nicht auszumachen.

    Auf die Ohren bekom­me ich hier eine gelun­ge­ne, von der Band „Mathrock“ genann­te Melan­ge aus Psy­che­de­lic Rock und Jazz­rock, weit­ge­hend instru­men­tal dar­ge­bo­ten, obwohl gele­gent­lich undeut­li­che Rufe oder auch Lachen (was is’n der Plu­ral eines Lachens?) ertö­nen, wobei die Musi­ker angeb­lich von einem sonst nicht wei­ter erwähn­ten Juri K. unter­stützt wer­den. Das macht sich bestimmt gut im Lebens­lauf. Es sind „math pop prog post che­mi­s­try“ im Inter­net her­um­lie­gen­de Stich­wör­ter für „Kri­stov in der Allee der Kos­mo­nau­ten“. Es fol­ge­re dar­aus, wer will, was er will.

    Rein­hö­ren: Via Band­camp gibt es Kauf, Stream und T‑Shirts.

  5. Plu­rals – Tri Tone

    Zum Jah­res­en­de 2015 war ich unge­ahnt begei­stert von Boris‘ über­ra­gen­dem Album „asia“. Ich hat­te nicht ange­nom­men, dass mich so bald noch mal ein Album so sehr fes­seln wür­de. „Tri Tone“ von Plu­rals aus Süd­eng­land gibt sich trotz­dem gro­ße Mühe, es zu schaffen.

    Auf ihrer (nach libe­ra­ler Schät­zung) sieb­zehn­ten Ver­öf­fent­li­chung „Tri Tone“, ver­öf­fent­licht erst im März 2018, sind Plu­rals – daher womög­lich der Titel des Albums – erst­mals zu dritt, eines ihrer Mit­glie­der scheint ihnen abhan­den­ge­kom­men zu sein. Wie sie es so lan­ge geschafft haben, von mir nicht bemerkt zu wer­den, ver­ste­he ich selbst nicht. Da habe ich was nachzuholen.

    Aber erst ein­mal gilt es, den beim Musik­ge­nuss eher lästi­gen Ver­stand abzu­schal­ten, so gut es eben geht. Wie schon auf vori­gen Alben sind auf „Tri Tone“ zwei Stücke, angeb­lich das Ergeb­nis drei­stün­di­ger auf­ge­nom­me­ner Ideen­fin­dung, zu hören, die jeweils über 23 Minu­ten lang sind und so bei­de LP-Sei­ten ganz gut fül­len. Es gibt nur Vinyl oder Down­load. CD-Spie­ßer sind hier nicht will­kom­men. Wer aber die Geduld für Vinyl hat, der wird belohnt. Über­haupt ist „Tri Tone“ sehr ent­schleu­ni­gend, wobei innig das wohl noch bes­se­re Adjek­tiv ist. Die gespiel­ten Dro­nes las­sen nicht viel action außer gele­gent­li­chen Miss­tö­nen zu. „Bas Fond“, was auf Fran­zö­sisch laut Inter­net „unten“ heißt, baut sich lang­sam auf, beglei­tet von einem kam­mer­mu­si­ka­lisch klin­gen­den, grum­melnd krat­zen­den Fun­da­ment wer­den den rest­li­chen Instru­men­ten weni­ge Töne, die­se dafür lan­ge anhal­tend, ent­lockt. Kein Schlag­zeug, wofür auch? Dass über­haupt nichts pas­sie­re, ist aller­dings eine Fehl­an­nah­me; die anschwel­len­den und abeb­ben­den Töne, gera­de auch gepaart mit dem durch­drin­gen­den Brum­men, hin­ter­las­sen schon nach weni­gen Minu­ten (bei mir waren es etwa acht) eine erstaun­li­che Gän­se­haut, die die sich immer wei­ter ver­dich­ten­de Musik tat­säch­lich nicht nur hal­ten, son­dern sogar meh­ren kann. Hui! Ich mag das.

    Dass „Bas Fond“ zwi­schen­drin auch mal nach futu­ri­sti­scher Fabrik­hal­le klingt, fällt daher auch nur auf, wenn man mit­ten­drin rein­schal­tet. Wer macht denn auch so was? In der zwei­ten Hälf­te wird die Rei­be­flä­che schritt­wei­se erhöht, aus der Wol­ken­rei­se über einer glän­zen­den Fabrik wird ein her­auf­zie­hen­des Gewit­ter über ver­ro­ste­ten Schorn­stei­nen. Man bleibt gespannt, wie es wohl aus­ge­hen wird. Die Band selbst bleibt unent­schlos­sen: Als „Bas Fond“ (etwas lang­wei­lig mit fade-out) ver­klingt, ist das Gewit­ter zwar über­stan­den, die Fabrik aber ist nicht mehr die­sel­be, sie scheint in Flam­men zu ste­hen. Hof­fent­lich ist nie­man­dem etwas passiert.

    Im direk­ten Ver­gleich damit wirk­te „Sun Lock“, das auch nicht ganz so klingt, wie es heißt, bei­na­he sakral, wenn nicht in den ersten Minu­ten immer wie­der ein Pau­ken­don­ner erschöl­le. Man meint die Son­ne über einer Kapel­le wäh­rend einer Mes­se auf­ge­hen zu sehen. Musik, die wie Natur­ge­wal­ten klingt, bleibt eine Rari­tät, was ich bedau­re. Bei blo­ßem Schön­klang belas­sen es Plu­rals aber nicht, son­dern auch dies­mal, begin­nend ab etwa sechs Minu­ten, errich­ten sie zunächst fast unbe­merkt, aber zuse­hends deut­li­cher eine dis­har­mo­ni­sche Dys­to­pie mit einem ver­zwei­fel­ten Gei­ger mit ver­stimm­tem Instru­ment in einer zer­stör­ten Stadt. Ich weiß nicht, ob die Band sich das so gedacht hat, aber ein guter Künst­ler erklärt sein Werk nun mal nicht. Nicht zum ersten Mal auf „Tri Tone“ füh­le ich mich zur Hälf­te von „Sun Lock“ an besag­tes „asia“ erin­nert, der „Tal­ka­ti­ve Lord“ scheint nicht weit ent­fernt, sei­ne ble­cher­ne Stim­me ist im Sturm zu ver­neh­men. Was er sagt, ist unver­ständ­lich, aber es klingt bei­na­he mensch­lich; oder bil­de ich mir das ein? Mit sei­ner Rede klingt auch er selbst ab, als wür­de er sich auf­lö­sen oder, wie es die reli­giö­se Mytho­lo­gie vor­schlägt, erleuch­tet. Zum Abschied spen­die­ren Plu­rals mir noch ein­mal eine Gänsehaut.

    Ein biss­chen erleuch­tet füh­le ich mich nach den fast 49 Minu­ten, die das Album dau­ert, jetzt aller­dings auch selbst – erleuch­tet und unglaub­lich erschöpft. Ich bin glück­lich. Doch, das trifft es.

    Rein­hö­ren: Wer sich den Spaß unbe­dingt selbst ver­der­ben möch­te, der kann vor dem Kau­fen via Bandcamp.com dort auch das Album in gan­zer Län­ge anhören.

  6. Bar­do Pond – Volu­me 8

    Noch eine Rei­se? Noch eine Reise!

    Auch Bar­do Pond zäh­len hier nicht zu den völ­lig Unbe­kann­ten, erst im Janu­ar die­ses Jah­res fei­er­te ich das Ergeb­nis ihrer Zusam­men­ar­beit mit Acid Mothers Temp­le und Guru Guru, um es mal ange­mes­sen selt­sam aus­zu­drücken, voll ab. Ihr neue­stes Stu­dio­al­bum, dies­mal wie­der im Allein­gang ein­ge­spielt, klingt zwar bei­na­he selbst­ver­ständ­lich weni­ger durch­ge­knallt, aber auf kei­nen Fall eintöniger.

    Weit­ge­hend instru­men­tal arbei­ten die fünf US-Ame­ri­ka­ner auf „Volu­me 8“, Fünf ist auch die Anzahl der ent­hal­te­nen Stücke, die es zusam­men auf etwa vier­zig Minu­ten brin­gen. Aus­schwei­fun­gen hal­ten sich hier also bis kurz vor dem Ende in Gren­zen. Hip­pie­es­que mit fern­öst­li­chen Anklän­gen ist „Volu­me 8“ bereits ab den ersten Tak­ten von „Kailash“. Gen­res ver­bie­ten sich wei­ter­hin. Wer Schub­la­den will, der mag kei­ne Musik. Ich mag „Volu­me 8“.

    „Flay­ed Wish“ fließt zäh aus den Boxen wie ein ent­span­nen­der Trip, was das Album sowie­so ganz gut beschreibt. „Power Child­ren“ ist eine instru­men­ta­le Hip­pie­bal­la­de, die der Wahr­neh­mung von Bar­do Pond als (im wei­te­sten Sin­ne) Psy­che­de­lic-Dro­ne-Band eine sonst fast ver­ges­se­ne Nuan­ce anfügt. Ihm folgt mit „Cud“ ein ähn­li­ches Stück, in dem eine unver­zerr­te E‑Gitarre als ein­zi­ges zu hören­des Instru­ment die Stim­mung auf ent­span­nen­dem Niveau hal­ten darf.

    Der Höhe­punkt und gleich­zei­tig der per­fek­te Kon­trast zu „Cud“ aber steht am Ende: Das fast sieb­zehn­mi­nü­ti­ge „And I Will“ frisst sich krau­tig mit hef­tig fuz­zen­der Gitar­re ins Ohr, Flö­te und ent­rück­ter Gesang tra­gen selbst noch etwas dazu bei, dass man die musi­ka­li­schen spä­ten 60-er Jah­re noch nicht ver­gan­gen glaubt. Die neh­men doch alle Dro­gen. Wie machen die das? Man soll­te mei­nen, 17 Minu­ten sei­en lan­ge, aber ich mer­ke gar nicht, wie das Stück vor­an­schrei­tet. Als es ver­klingt, kommt das jeden­falls über­ra­schend und viel zu früh. Aber wofür gibt es denn die Wiederholen-Taste?

    Das Album, steht im Inter­net, ver­set­ze den Hörer in einen ande­ren Bewusst­seins­zu­stand. Das hal­te ich für untertrieben.

    Rein­hö­ren: Auch Bar­do Pond sind nicht nur auf Amazon.de, son­dern auch auf Bandcamp.com zu finden.

  7. Sopor Aeter­nus & The Ensem­ble of Shadows – The Spi­ral Sacrifice

    „Ich brauch ein neu­es Aug‘, einen neu­en Sinn“ (Ever­ything is an Illusion)

    Die Band („Musik­pro­jekt“, Wiki­pe­dia) nennt sich selbst den ewi­gen Schlaf mit­samt dem Ensem­ble der Schat­ten. Wer errät das Genre?

    Wenn ein Musi­ker erst ein­mal in der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia auf­taucht und der Arti­kel nicht von mir erstellt wur­de, dann ist er ent­we­der schon sehr lan­ge im Geschäft, macht furcht­ba­re Musik oder will sich selbst im ver­meint­lich rich­ti­gen Licht dar­stel­len. Auf Sopor Aeter­nus & The Ensem­ble of Shadows trifft im hek­ti­schen 21. Jahr­hun­dert, rela­tiv gese­hen, erste­re Annah­me zu: Seit der Grün­dung im Jahr 1989 erschie­nen zwi­schen kei­nem und drei offi­zi­el­le Ver­öf­fent­li­chun­gen belie­bi­ger Län­ge und Qua­li­tät. 1994 wur­de ein Album namens „…Ich töte mich jedes­mal aufs Neue, doch ich bin unsterb­lich, und ich erste­he wie­der auf: in einer Visi­on des Unter­gangs…“ auf die Öffent­lich­keit los­ge­las­sen, die ent­hal­te­nen Lie­der tra­gen Titel wie „Tanz der Grau­sam­keit“ und „Im Gar­ten des Nichts“. Nicht sehr fröh­lich, die Combo.

    Aber man muss ja auch nicht immer nur fröh­lich her­um­sprin­gen. Über den Grün­der von Sopor Aeter­nus & The Ensem­ble of Shadows weiß man in der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia, dass er heu­te „all­ge­mein als Frau“ lebe, wie auch immer man sich das vor­zu­stel­len hat. Ich wuss­te nicht mal, dass Frau­en „all­ge­mein“ anders leben als ich, vom gele­gent­li­chen Auf­su­chen eines Pis­soirs abgesehen.

    Einem ins­ge­samt eher anstren­gend zu lesen­den Inter­view mit Front­per­son Anna-Var­ney Can­to­dea, was natür­lich ein Künst­ler­na­me ist, ent­neh­me ich, dass die genaue Beset­zung auf die­sem Album eigent­lich kei­ne gro­ße Rol­le spielt, denn Krea­ti­vi­tät und somit künst­le­ri­sche Iden­ti­tät von Sopor Aeter­nus & The Ensem­ble of Shadows ist ein Ein-Personen-Spiel.

    Gemes­sen dar­an ist das hier zu Hören­de aber fan­ta­stisch, und das nicht nur im text­li­chen Sin­ne. „The Spi­ral Sacri­fice“ ist, trotz des Cover­bil­des, erfreu­lich action-armer Kam­mer­prog mit Strei­chern, wie ich ihn so zuletzt nur von den nicht min­der fan­ta­sti­schen Eclip­se Sol-Air gehört hat­te. Zu dem eben­falls unge­wöhn­li­chen, aber zur vor­lie­gen­den Musik gut pas­sen­den Gesang, der in zehn der ins­ge­samt 19 Stücke zu hören ist, gesellt sich zusätz­lich ein schön grum­meln­der Bass, was ins­be­son­de­re Kopf­hö­rer­be­nut­zern das zusätz­li­che Etwas geben könn­te. Mit Eclip­se Sol-Air ver­bin­det die Band auch eine ande­re Gemein­sam­keit, näm­lich die häu­fi­ger mal wech­seln­de Spra­che. Über­ra­schen­der­wei­se haben hier manch­mal Lie­der mit einem deut­schen Titel eng­lisch­spra­chi­ge lyrics und anders­her­um. The­ma­tisch geht es um Tod, Abschied und der­glei­chen, was sich durch die Band­ge­schich­te wie ein roter Faden, der sich irgend­wo durch­zieht, zieht, wenn auch deut­lich weni­ger thea­tra­lisch als zum Bei­spiel die auf ande­re Art hörens­wer­ten Unto­ten. Das klingt womög­lich jetzt nach einem Ver­riss, ist aber gar nicht so gemeint.

    „The Spi­ral Sacri­fice“ sei „mög­li­cher­wei­se“ das letz­te Album, ist im oben ver­link­ten Inter­view zu lesen. Falls das zutref­fen soll­te, ist es zumin­dest kein übler Abgang; falls nicht, bleibt es doch ein Album, das nicht gehört zu haben ein biss­chen bedau­er­lich wäre.

    Rein­hö­ren: Das ist momen­tan auf Amazon.de und TIDAL möglich.

  8. Man Moun­tain – Infi­ni­ty Mirror

    Die all­se­mest­ri­ge Dosis instru­men­ta­len Postrocks wird wei­ter ver­grö­ßert von Man Moun­tain. Über Post­rock heißt es aus Krei­sen, deren Banau­sen­tum hier allen­falls abschät­zi­ge Wür­di­gung ver­dient haben soll, dass er immer gleich klin­ge. Ich tei­le die­se Auf­fas­sung nicht, denn selbst in jenen Post­röcken, die mit zwei bis vier Gitar­ren, Schlag­zeug und Bass Wän­de auf­bau­en und wie­der ein­rei­ßen, kann von Gleich­form kei­ne Spur sein. Die­se Musik hört man nicht, man fühlt sie.

    Womit ich zu „Infi­ni­ty Mir­ror“ kom­me. Man Moun­tain aus aus­ge­rech­net den USA (Michi­gan, heißt es) ist ein Quar­tett mit zwei Gitar­ren, einem Schlag­zeug und einem Bass. Es gilt das alte Laut-Lei­se-Spiel, kaum beson­ders anders dar­ge­bo­ten als üblich, aber viel­leicht gera­de des­halb eine Erwäh­nung hier wert. Dau­ert ja auch nicht lan­ge: Die sechs Stücke sind in 38 Minu­ten vor­bei. Das passt noch rein. Mehr vom sel­ben also? Natür­lich!

    Trotz­dem (oder: des­we­gen) wird auch „Infi­ni­ty Mir­ror“ nach einem lan­gen Tag mit Mog­wai und Menis­cus nicht so schnell lang­wei­lig. Wer hier kei­nen Unter­schied hört, dem kann ich nicht hel­fen, zu beschrei­ben jeden­falls ist und bleibt er schwer. Allein der Bass könn­te viel­leicht etwas lau­ter sein. Irgend­was ist ja immer. Kopf­hö­rer sind jeden­falls Pflicht. Zuwi­der­hand­lung wird mit Tzk-tzk-Geräu­schen bestraft.

    Rein­hö­ren: Man schaue hier­zu bei Band­camp vorbei.

  9. Vvl­va – Path of Virtue

    „Histo­ry has shown: many good ones were kil­led.“ (Cryp­tic Faith)

    Was weiß man schon über Aschaf­fen­burg? Oft nicht viel, aber zumin­dest die dor­ti­ge Musik­sze­ne scheint etwas Auf­merk­sam­keit zu ver­die­nen. Aus ihr näm­lich ent­sprang das Quin­tett Vvl­va, das man trotz­dem hof­fent­lich wie „Vul­va“ und nicht wie „Wlwa“ aus­spre­chen soll, denn das klän­ge irgend­wie bescheu­ert. Am Bass steht Dr. Micha­el Hock, also jemand mit aktiv genutz­tem Dok­tor­ti­tel, weiß das Inter­net. Von wegen Fachkräftemangel!

    Das könn­te man aller­dings selbst dann von der Musik nicht behaup­ten, jeden­falls über­wie­gend nicht. Die näm­lich ist genau so 70er-beseelt wie man sich das vor­stellt, wenn man die­se Wort­schöp­fung zum ersten Mal liest: Auf „Path of Vir­tue“ spie­len Vvl­va einen ange­nehm unmo­der­nen Blues-/Hard­rock mit nach Orgel klin­gen­den Key­boards und natür­lich Fuz­zgi­tar­re. So spiel’n die Deut­schen – die Deut­schen, die spiel’n so. Dass sich in mei­nen Rezen­sio­nen die­se Sti­le ver­mehrt wie­der­fin­den, wer­te ich als Zei­chen, dass gera­de eine Retro­rock-Wel­le durch die Musik­welt schwappt. Irgend­wo muss das ja her­kom­men. Man wür­de Deep Pur­p­le und Uriah Heep Unrecht tun, behaup­te­te man, „Path of Vir­tue“ klin­ge wie Deep Pur­p­le mit ganz ande­rem Gesang oder wie Uriah Heep über­haupt, sonst wür­de ich genau das jetzt tun.

    Nein, mit Schub­la­den und „klingt wie“ haben Vvl­va höch­stens aus Ver­se­hen was zu tun. In „Dieb der See­len“ wird (lei­der zum ein­zi­gen Mal auf „Path of Vir­tue“) auf Deutsch gesun­gen, anders­wo gibt es musi­ka­li­sche Über­ra­schun­gen: Domi­nie­ren in der ersten Hälf­te des Albums noch alte Mei­ster, so wagt sich die Band spä­ter in ver­spiel­te Ecken. Das Titel­stück „Path of Vir­tue“ etwa, das ich auf­grund sei­ner Qua­li­tät für so etwas wie den Anspiel­tipp des Albums hal­te, wird mit einer Art Kir­mes­wal­zer­me­lo­die ein­ge­lei­tet, bevor die Band nach einer hal­ben Minu­te kraft­voll alles zu geben scheint, was sie hat. Sän­ger Tobi­as Rit­ter trägt im inbrün­sti­gen Post­punk­stil einen Refrain vor, der dem sonst eher bewe­gungs­ar­men Rezen­sen­ten ein wenig Mit­ge­wackel auf dem Stuhl ent­lockt, dazwi­schen bril­lie­ren die Instru­men­ta­li­sten mit ener­gie­rei­cher Sieb­zi­ge­rei. Dass zum Abschluss des Albums mit „Second Voice“ ein lah­mes Clas­sic-Rock-Lied­lein ertönt, des­sen wenig­stens erste Hälf­te ich zu über­sprin­gen emp­feh­le, trübt den Ein­druck kaum. Die ande­ren sie­ben Stücke kann einem ja nie­mand mehr nehmen.

    „Path of Vir­tue“ sei, heißt es, das Debüt­al­bum von Vvl­va. Davon bit­te gern mehr!

    Rein­hö­ren: Vvl­va sind, man ahnt es, außer auf Amazon.de auch auf Bandcamp.com zu finden.

  10. Shob – Kar­ma Obscur

    Seit eini­ger Zeit begin­ne ich Wochen gern damit, mei­ne Leser mit Musik zu berei­chern, auf dass der Mon­tag etwas von sei­nem Schrecken ver­lie­re. Im April die­ses Jah­res traf es Shob, was laut Online­über­set­zer ein rus­si­sches, wahr­schein­lich aber ein völ­lig frei erfun­de­nes Wort sowie der Künst­ler­na­me eines fran­zö­si­schen Bass­gi­tar­ri­sten ist.

    Für „Kar­ma Obscur“, nach „Prag­ma­tism“ (2015) das erst zwei­te ver­öf­fent­lich­te Album des Herrn Shob, hat er sich prin­zip­be­dingt eine Viel­zahl an Gästen ins Stu­dio bestellt oder sie sonst­wie auf das Album bekom­men. Ich zäh­le ins­ge­samt 17 betei­lig­te Musi­ker, wobei die­se natür­lich nicht gleich­zei­tig über­all zu hören sind. Sän­ge­rin Laurè­ne Pierre Magna­ni aus ein­gangs ver­link­tem Stück scheint etwa nur dort zu hören zu sein, der Rest der Stücke ist gesang­los, obgleich in der Beset­zungs­li­ste zumin­dest auch Mon­key D’Be­asty (die Schreib­wei­se scheint Absicht zu sein) als Beat­bo­xer zu lesen ist. Über die ein­zel­nen Gäste ist nur wenig zu fin­den, die Aus­nah­men schei­nen aber vor allem im Jazz­rock aktiv zu sein.

    Das spie­gelt sich auch auf „Kar­ma Obscur“, anschei­nend ein Wort­spiel mit „Came­ra obscu­ra“, wider, in des­sen musi­ka­li­schem Inhalt, man höre ins­be­son­de­re „The right move“, weit­ge­hend Instru­men­tal­funk mit deut­li­chem Jazz­ein­schlag gespielt wird, was die Anwe­sen­heit zwei­er Trom­pe­ter, eines Saxo­pho­ni­sten und eines Posau­ni­sten sicher­lich begün­stigt. Dass die Musi­ker dazwi­schen (etwa gegen Ende von „Strai­ght Ahead“) auch mal hart rocken oder dem Mathrock („Except I’m 65“) frö­nen, im Titel­stück „Kar­ma Obscur“ gar crim­sones­que ans Werk gehen, ist dabei so beach­tens- wie hörenswert.

    Ande­re Rezen­sen­ten beschrei­ben „Kar­ma Obscur“ im uner­klär­ten Kon­junk­tiv als „Funk-Prog für die anspruchs­vol­le Hörer­schaft mit einem uner­müd­lich kom­plex groo­ven­den Bass­gi­tar­ri­sten“ zusam­men. Das kann man so gel­ten lassen.

    Rein­hö­ren: Schwie­rig – war­um nicht mal über Band­camp?

  11. Hinds – I Don’t Run

    And all the­se ran­dom melo­dies sound again“ (Final­ly Floating)

    Spa­ni­en ist nicht nur für sei­ne Lebens­mit­tel, sei­ne Sie­stas und sei­ne bedau­er­li­che Innen­po­li­tik bekannt, son­dern ist auch in mei­nen halb­jähr­li­chen Rück­blicken bis­her ein wenig zu kurz gekom­men. Das soll sich mit Hinds nun ändern. Hinds („Hirsch­kü­he“) hie­ßen bis 2014, weiß das Inter­net, Deers („Hir­sche“), aber die unge­ahnt unhöf­li­che und mir unbe­kann­ter­wei­se bereits jetzt unsym­pa­thi­sche kana­di­sche Musik­grup­pe The Dears hielt das für kei­nen so guten Namen.

    Die Umbe­nen­nung hat­te aber nicht nur nega­ti­ve Fol­gen (wahr­schein­lich war in der Fol­ge etwas orga­ni­sa­to­ri­scher Auf­wand von­nö­ten), son­dern auch posi­ti­ve: Die Hinds sind seit ihrem Bestehen – anfangs als Duo, inzwi­schen als Quar­tett – eine aus­schließ­lich von Frau­en geführ­te Grup­pe. Dass die­se ihr aktu­el­les Album aus­ge­rech­net „I Don’t Run“ nann­te, was sämt­li­che Vor­ur­tei­le über Frau­en­sport… aber ich schwei­fe ab.

    Der Titel des Albums ver­rät es bereits: Trotz teil­wei­se lan­des­sprach­li­cher Anfän­ge ist die hier domi­nan­te Spra­che Eng­lisch. Das fin­de ich gut, denn gesun­ge­nes Spa­nisch steht in mei­ner abstei­gend nach Rümp­fig­keit sor­tier­ten Nase­rümpf­li­ste nur auf­grund des Ita­lie­ni­schen nicht an erster Stel­le. Aber auch musi­ka­lisch ist das, was auf „I Don’t Run“ zu hören ist, nicht zu ver­ach­ten: Was von der Band selbst (oder wenig­stens ihrer Ver­mark­tungs­ab­tei­lung) „Gara­gen­pop“ genannt wird, hört sich wie eine sehr som­mer­taug­li­che Surf­rock­va­ri­an­te mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on von heu­ti­gen Jugend­li­chen schon wie­der fast ver­ges­se­ner Indie­ga­ra­gen­mu­sik (The Hives, The Strokes und so weiter).

    Dass die Hinds wenig­stens gesang­lich noch ein wenig Riot-Grrrl-Pathos hin­zu­fü­gen, indem sie den mal ein- („New For You“), mal mehr­stim­mi­gen („Final­ly Floa­ting“) Gesang nicht pop­sta­rhaft in das anson­sten Gehör­te ein­flech­ten, son­dern ihn als schril­len Kon­tra­punkt prä­sen­tie­ren, run­det „I Don’t Run“, wie ich mei­ne, erst ab. Wer zu lan­ge nichts von The Vel­vet Under­ground gehört hat, dem dürf­ten Hinds eben­so gro­ße Befrie­di­gung ver­schaf­fen wie all jenen, die deren spä­te Nach­fol­ger im Gei­ste lei­der ver­passt haben. Es lebe Spa­ni­en, sozusagen.

    Rein­hö­ren: Wie auch die Vor­gän­ger­al­ben gibt es „I Don’t Run“ auf Bandcamp.com zum Stream und Kauf in vie­ler­lei Formaten.

  12. Bro­ther Grimm – Home Today, Gone Tomorrow

    „Who put ‚Sax‘ in ‚Sax­o­ny‘?“ (Still Afraid of Germany)

    „Home Today, Gone Tomor­row“ ist bei­lei­be kein Mär­chen. Der Inter­pret Bro­ther Grimm, der zwar wirk­lich Grimm, nicht jedoch wirk­lich Bro­ther heißt, kommt aus­ge­rech­net aus Ber­lin, macht aber Musik, die gar nicht klingt wie Musik aus Ber­lin. Im blö­de her­um­gen­ren­den Web kann man (hier: jemand von sei­ner Plat­ten­fir­ma „NOISOLUTION“ aus eben­falls Ber­lin) sich zwi­schen „Gei­ster­haus­blues“ und „Albträume[n] in Fuck­moll“ gar nicht so recht ent­schei­den. Will man es? Ich will es nicht.

    Statt­des­sen höre ich so unvor­ein­ge­nom­men wie mög­lich, was Bro­ther Grimm mir zu erzäh­len hat. Das ist leich­ter, wenn man sich erst Noti­zen zum Album macht und dann ein wenig Hin­ter­grund­ge­schich­te recher­chiert. Zum Glück bin ich Pro­fi; wenn­gleich sich mei­ne Pro­fes­sio­na­li­tät zu mei­nem eige­nen Bedau­ern auf das blo­ße Hören beschränkt, Bro­ther Grimm aber ist Macher.

    Was es ist, das er macht, in weni­ge ein­fa­che Begrif­fe zu fas­sen ist aber auch für mich nicht leicht, denn auch „Home Today, Gone Tomor­row“ ist ein Album der Viel­falt. Bro­ther Grimms gebro­che­ner und den­noch inten­siv-war­mer Gesang ver­leiht jedem Lied eine beacht­li­che Inti­mi­tät, gewiss ist sonst nichts, nicht mal die Rich­tung, die im näch­sten Moment ein­ge­schla­gen wer­den wird. Irgend­wo im musi­ka­li­schen Geflecht zwi­schen Scott Wal­ker, David Bowie und Nick Cave such­te man nicht all­zu ver­kehrt, begä­be man sich denn über­haupt auf eine Suche.

    Das eröff­nen­de „A Let­ter to Bob“ bin ich als Aku­stik­doom zu beschrei­ben ver­sucht, „Sharp’s the Word“ hin­ge­gen als Noi­se­rock mit mehr als nur ein biss­chen Blues­bei­fü­gung. Moll und Blues: Häk­chen dran. Das gilt für die bei­den erst­ge­nann­ten eben­so wie die fol­gen­den Stücke. Mit „The Black Lodge“ folgt aber erst ein­mal ein Instru­men­tal­stück, düste­re („Geisterhaus-“?)Elektronik mit gele­gent­li­chen Aus­brü­chen. Fröh­lich wird es auf „Home Today, Gone Tomor­row“ auch nicht mehr, da kön­nen noch so vie­le Titel wie „Alo­ha“ auf­tau­chen. Wie auch „Echoes“ ist die­ses eher betrüb­lich. Wer dazu tanzt, ist selbst schuld. Unbe­dingt hörens­wert ist der Frei­stil­teil in der Mit­te von „Alo­ha“ aber trotz­dem, beglei­tet von unheil­vol­len Akkor­den. Alo­ha!

    Die musi­ka­li­sche Welt­rei­se von Bro­ther Grimm setzt das Welt­mu­sik­lied „Born Under Pun­ches“ fort, mit dem ange­jazz­ten „Still Afraid of Ger­ma­ny“ wird es bei­na­he ein wenig radio­taug­lich, obwohl ich anneh­me, dass gän­gi­ge Radio­sen­der Lie­der ohne Mitklatsch‑4/​4‑Takt gar nicht erst anhö­ren wol­len. Das Titel­stück, eine erschreckend gefäl­li­ge Bal­la­de mit Gitar­re und klop­fen­dem Bass, geht schließ­lich über in einen „Hid­den Track“, eine recht noi­se-umklam­mern­de Cover­ver­si­on von aus­ge­rech­net David Bowies „Heroes“, deren Dar­bie­tung auf­grund des her­aus­ge­nom­me­nen Tem­pos und der Instru­men­tal­eska­la­ti­on bei­na­he bedroh­lich wirkt und des­we­gen ein stim­mi­ger Abschluss für ein Album ist, das genau auf die­ses ver­steck­te Stück hin­ge­ar­bei­tet zu haben scheint. Passt!

    Rein­hö­ren: Ratet mal!

  13. Van­tom­me – Vegir

    Kom­men wir von einem Ein­zel­kämp­fer zu einer Zusammenarbeit.

    Der bel­gi­sche Pia­nist, Kom­po­nist, Pro­du­zent, Mello­tro­nist (u.a.) Domi­ni­que Van­tom­me hat für sein dies­jäh­ri­ges Album „Vegir“, auf dem kein Gesang statt­fin­det, min­de­stens gleich­wer­tig pro­mi­nen­te Unter­stüt­zung gefun­den. Wäh­rend am Schlag­zeug der ver­gleichs­wei­se unbe­kann­te Jazz­schlag­zeu­ger Maxi­me Lens­sens sitzt, steht Michel Del­vil­le (The Wrong Object, douBt, Machi­ne Mass) an der Gitar­re, gleich­falls meist im Jazz und des­sen Spiel­ar­ten aktiv. Nicht aus Bel­gi­en, eigent­lich nicht ein­mal aus dem Jazz stammt hin­ge­gen der Mann am E‑Bass und am Chap­man Stick, näm­lich der umtrie­bi­ge Tony Levin (King Crim­son, Liquid Ten­si­on Expe­ri­ment, Stick Men).

    Mit des­sen domi­nan­tem, melo­di­schem Bass ist kon­se­quent wäh­rend des gesam­ten Albums zu rech­nen, was im Jazz­rock – und dar­um han­delt es sich bei „Vegir“ – grund­sätz­lich ein gutes Zei­chen ist. Die Grund­stim­mung ist ent­spannt, gar smooth, auch wenn Michel Del­vil­le von vorn­her­ein („Dou­ble Down“) den Groo­ve mit man­cher ver­spiel­ter, mit­un­ter tem­po­rei­cher Frei­form berei­chert. Gele­gent­lich fühlt man sich so an die 80er- und Mitt-90er-Auf­nah­men von King Crim­son und deren Pro­jeKcts erin­nert. Außer Jazz- und gele­gent­lich („Agent Oran­ge“) auch Post­rock darf sich der Schub­la­den­freund auch auf RIO/​Avant („Siz­zurp“) freu­en, dar­ge­bo­ten mit Pro­fes­sio­na­li­tät einer- und Freu­de am Expe­ri­men­tie­ren ande­rer­seits. Immer bloß Jazz, so schön er auch ist, wäre unter dem Niveau der vier Musi­ker, sie müs­sen nie­man­dem mehr bewei­sen, dass sie Regeln beherr­schen. Sie zu über­win­den ist die wah­re Kunst.

    „Vegir“ sei, schrieb Tho­ralf Koß anders­wo, ein „pro­gres­si­ves Jazz-Rock-Album vol­ler Har­mo­nie und Expe­ri­men­te“ und das ist fast noch ein biss­chen unter­trie­ben. Eines jeden­falls ist es unbe­dingt: Nicht schlecht.

    Rein­hö­ren: Auf You­Tube gibt es diver­se Vide­os, unter ande­rem eines, auf dem die Musi­ker beim Spie­len von „The Self Licking Ice-cream Cone“ zu sehen sind. Das gesam­te Album in vol­ler Län­ge gibt es via Bandcamp.com und Amazon.de als Stream und Kauf, lei­der aber nicht auf Vinyl.

  14. Sammal – Suuliekki

    „Suuliek­ki“ heißt auf Fin­nisch „Mün­dungs­feu­er“. Trotz­dem hat sich das fin­ni­sche Quin­tett Sammal für sein drit­tes Album ein wenig Zeit gelas­sen, der Vor­gän­ger „Myrs­ky­va­roitus“ wur­de immer­hin schon 2015 ver­öf­fent­licht. Bemerkt habe ich die Band jedoch selbst erst 2018, das auf „Suuliek­ki“ ent­hal­te­ne „Ylis­tys ja kum­ar­rus“ läu­te­te im April eine Woche ein.

    Von einer „kau­zi­gen“ und „pit­to­resk schrul­li­gen“ Grup­pe ist im Web die Rede, wenn ver­sucht wird, Sammal zu beschrei­ben, was mei­nem ersten Ein­druck durch­aus ent­spricht. Das könn­te mit dem Gesang zu tun haben, der nach dem Intro im Titel­stück ein­setzt und in der Lan­des­spra­che statt­fin­det, was eigent­lich sehr gut, aber doch unge­wöhn­lich klingt und „Suuliek­ki“ einen bei­na­he fol­ki­gen touch ver­leiht. Auf min­de­stens einem Pres­se­fo­to zum Album ste­hen die fünf mehr­heit­lich haa­ri­gen Her­ren fol­ge­rich­tig in einem Wald her­um. War­um sich auf dem Cover­bild zwei Pin­gui­ne anschei­nend prü­geln, weiß ich aber nicht.

    Die Musik selbst aller­dings ist weit von Volks­mu­sik ent­fernt, statt­des­sen höre ich Neo­prog mit viel Key­board (wer auch die lei­der auf­ge­lö­sten Beard­fi­sh mag, der möge sich hier ein­ge­la­den füh­len), manch­mal („Viti­tuk­sen valt­ame­ri“, was für eine fas­zi­nie­ren­de Spra­che!) auch mit etwas mehr Gitar­re. „Neo­prog“ ist aber viel­leicht auch etwas hoch gegrif­fen, denn, wie sich das für skan­di­na­vi­sche Bands gehört, brin­gen Sammal eine gehö­ri­ge Por­ti­on retro mit. Hat­ten wir schon einen Ver­gleich mit Uriah Heep? Hier haben wir noch einen.

    „Am Ende“, schrieb „Mario“ für das „Hand­writ­ten­Mag“, sei­en Sammal aber „ein­fach nur Sammal“, für einen Geheim­tipp sei­en sie jeden­falls zu scha­de. Dem kann ich bei­pflich­ten und hof­fe, hier­mit mei­nen Bei­trag zur Ver­bes­se­rung gelei­stet zu haben.

    Rein­hö­ren: Auf Bandcamp.com kann man das Album zwar hören und kau­fen, aber lei­der zur­zeit nur als „digi­ta­les Album“, also als flüch­ti­ge Kopie. Für Anspie­len und hand­fe­ste Ton­trä­ger rate ich zu Amazon.de.

  15. Chro­mi­um Hawk Machi­ne – Annunaki

    Kei­ne Sor­ge: Mit Enten hat „Annuna­ki“ nichts zu tun. Die eigent­lich anders geschrie­be­nen Anunna­ki waren, glaubt man aus­nahms­wei­se den Inhal­ten der Wiki­pe­dia, viel­mehr die meso­po­ta­mi­schen Göt­ter der Unterwelt.

    Um so erstaun­li­cher ist es, dass aus­ge­rech­net eine Space-Rock-Grup­pe ein Album die­ses Titels auf­nimmt, denn mit dem Welt­all hat die Unter­welt ja nur bedingt etwas zu tun. Chro­mi­um Hawk Machi­ne aus den USA sind das Ergeb­nis einer Zusam­men­ar­beit von Heli­os Creed, Gitar­rist von Chro­me, und Nik Tur­ner, mit einer Unter­bre­chung bis 1984 bei Hawk­wind an Saxo­phon und Flö­te tätig. Das könn­te den Band­na­men erklä­ren. Mit ihnen in der Band ist Jay Tau­sig an Schlag­zeug, Syn­the­si­zern und Bass, der aber, so weit ich das her­aus­ge­fun­den habe, nie in einer Grup­pe gespielt hat, die irgend­was mit „Machi­ne“ hieß. Vorn auf dem gen­re­üb­lich schreck­li­chen Cover­bild prangt jedoch vor allem der Name Nik Tur­ners in gen­re­üb­lich schreck­li­cher Schrift, der dort als ein­zi­ger der drei Musi­ker kom­plett in Groß­buch­sta­ben zu lesen ist. Ehre, wem Ehre gebührt. Laut Inter­net ist „Annuna­ki“ bereits seit 2017 zu haben, die Band­camp­sei­te zum Album behaup­tet aber, die Ver­öf­fent­li­chung sei erst am 28. Febru­ar 2018 erfolgt. Ich bin mal mutig und neh­me es in die­se Liste auf.

    Das Album beginnt mit hek­ti­schem RIO/​spacigem Jazz­rock unter best­mög­li­cher Aus­nut­zung der Ste­reo­tech­nik, nicht unähn­lich der Hoch­pha­se von Gong, ver­mengt mit Sprach­fet­zen: „Cos­mic Explo­si­on“, bereits eine Vier­tel­stun­de lang, ist genau das, was sein Titel behaup­tet. Erst­mals erscheint (ver­zerr­ter) Sprech­ge­sang, den sich auf dem Album Nik Tur­ner und Heli­os Creed tei­len, wie anders­wo zu lesen ist. Ich wage kei­ne Zuord­nung, stel­le aber fest, dass Spa­ce­rock und San­ges­kunst mit­ein­an­der ten­den­zi­ell eher mit­tel­gut harmonieren.

    „Time and Ter­ra­for­ming“ und „But­ter­cups and Pop­pey­fiel­ds“ sind ner­vö­ser Industrial/​Noise/​Stoner Rock mit Flö­te, Saxo­phon und Kli­max, ver­mut­lich war hier eher der Chro­me-Teil feder­füh­rend. Im „Titel­stück“ – naja, „Annuna­ki Come“ – wird wie­der mehr gespro­chen als gesun­gen, was gut ist, denn der Sän­ger ori­en­tiert sich auch hier an den Gong der 1970-er Jah­re. Dae­vid Allen war nie ein beson­ders über­ra­gen­der Dar­bie­ter von Melo­dien. Bei „Ano­t­her System (The Adam is Born)“ han­delt es sich um eine Art melo­di­schen Space­folk, mein Hirn asso­zi­iert sofort Cir­cu­lus, aber auch The Moo­dy Blues; es folgt ein aus­ge­dehn­ter Instru­men­tal-Indu­stri­al-Teil mit zuse­hends stär­ke­rem Jazzfundament.

    Über­ra­schun­gen? Aber gern! „Cry­ing Moon, Dying Sun“ ist der schwer schlep­pen­de Gegen­satz zum vor­he­ri­gen Stück. Es ist 32:26 Minu­ten lang. Ande­re machen mit die­ser Zeit ein gan­zes Album voll. Es gibt groo­ven­den Bass und schnei­den­de Gitar­re, etwa zur Hälf­te auch ein wenig Can in ihrer beson­ders rohen Früh­pha­se und ver­gleich­bar krau­tig-elek­tro­ni­sche Zeit­ge­nos­sen. „They’­re Buy­ing Time“ und „My Fuz­zy Fan­ta­sy“ sind schließ­lich zwei schön groo­ven­de, luf­ti­ge Spa­ce­rock-Klein­ode mit (wie­der­um) Flö­ten­ein­satz zum Abschluss des Albums. Auch „My Fuz­zy Fan­ta­sy“ kommt noch­mals auf bei­na­he 20 Minu­ten Dau­er, ins­ge­samt bekom­men Chro­mi­um Hawk Machi­ne hier eine Stun­de und 46 Minu­ten und damit zwei CDs voll, ohne dabei irgend­wel­che Län­gen zu erzeu­gen, die man lie­ber schnell über­sprin­gen möchte.

    Da wäre jedes Rein­hö­ren bei­na­he ver­schwen­det. Wer es denn unbe­dingt trotz­dem tun möch­te: Bandcamp.com steht zur Seite.

  16. Neu­ro­sen­blü­te – Dis­zi­plin AKUT

    Im Som­mer 2016 tauch­te erst­mals die bizar­re Ham­bur­ger Musik­grup­pe Neu­ro­sen­blü­te in mei­nem Wahr­neh­mungs­feld auf. Ich freu­te mich damals über eine „Rezen­si­on, die sich sozu­sa­gen von allein schreibt“, indem ich ein­fach den Wer­be­text zum Album übernahm.

    Auch dies­mal haben sie selbst einen geschrie­ben. Auch dies­mal ist er bes­ser als alles, was ich dazu schrei­ben könnte:

    Auf DISPLIZIN AKUT ver­zich­ten wir auf jeg­li­chen Gesang und lie­fern ein etwa ein­stün­di­ges Instru­men­tal­bum, das sich wie­der mal unsitt­lich quer durch die Musik fummelt.

    Neben Rei­hen­tech­ni­ken und frei­er Ato­na­li­tät gibt es natür­lich wie­der reich­lich krum­me Din­ger, Poly­me­trik aus dem ste­ve­sten Reich, eine klas­si­sche „Sweet“, die sich nicht gewa­schen hat und ein wenig impro­vi­sier­ten Scha­ber­nack, als ner­ven­ero­die­ren­de Intermezzi.

    Auf der Band­camp­sei­te zum Album ist außer­dem zu lesen:

    Comes in a nice „Kar­ton­steck­ta­sche“.

    Wel­ches ande­re Album kann das schon von sich behaupten?

    Rein­hö­ren: Na gut, ein­mal Band­camp geht noch.

    War es das schon? Fast! Wei­te­re Alben im Schnelldurchlauf:

  17. Cab­ba­ge – Nihi­li­stic Gla­mour Shots

    Trotz text­li­cher Ärger­nis­se – so scheint „Molo­tov Alco­pop“ etwa ein Lob­lied auf Molo­tow­cock­tails zu sein – ist „Nihi­li­stic Gla­mour Shots“ wenig­stens musi­ka­lisch undoo­fer Post­punk (bezie­hungs­wei­se Coun­try, „Exhi­bit A“) mit 70er-Charme. Amazon.de.

  18. Mala­dy – Toi­nen toista

    „Toi­nen toista“ ist epi­scher (allein „Nur­ja puo­li“ ist bereits 23 Minu­ten lang!), mit­un­ter crim­sones­quer Psy­che­de­lic Rock aus Finn­land mit Flö­te, Strei­chern und unpein­li­chem Gesang in der Lan­des­spra­che. Sound­Cloud, TIDAL, Amazon.de.

  19. le_​mol – Heads Heads Heads

    Hier gibt es instru­men­ta­len, um Sound­s­capes her­um ent­wickel­ten Post­rock aus Wien mit gro­ßen Vor­bil­dern zu hören: Das drit­te Stück, auf dem es dann end­lich auch ein­mal etwas lau­ter wird, heißt „le_​mol fear Mog­wai“, aber die bei­den Öster­rei­cher arbei­ten dar­an, selbst eine Furcht ein­flö­ßen­de Gitar­ren­band zu wer­den. Bandcamp.com.

  20. Black­Wa­ter HolyLight

    Die US-ame­ri­ka­ni­sche Damen­com­bo Black­Wa­ter Holy­Light spielt auf ihrem Debüt­al­bum einen erstaun­lich dunk­len Blues­rock mit Post­punk­an­lei­hen, der trotz des Band­na­mens doch erfreu­lich unchrist­lich her­auf­don­nert. Bandcamp.com.

  21. Hot Sna­kes – Jeri­cho Sirens

    Kali­for­ni­sche, ener­ge­ti­sche Rock­mu­sik, der man ihre som­mer­li­che Her­kunft begei­stert anhört. Bandcamp.com.

  22. Demob Hap­py – Holy Doom

    Was aus­sieht wie Doom und heißt wie Doom, ist manch­mal gar kein Doom, son­dern beat­les­quer Som­mer­rock – und damit jetzt gera­de genau das Rich­ti­ge. Amazon.de, TIDAL.

  23. DDENT – Toro

    Aus­ge­rech­net Fran­zo­sen errich­ten unter Zuhil­fe­nah­me instru­men­ta­len, fan­ta­stisch dröh­nen­den Post-Metals mit flir­ren­den Gitar­ren bun­te Klang­wel­ten, die gele­gent­lich den Aus­brü­chen Menis­cus‘ wenig­stens ähneln. Bandcamp.com.

  24. Black Moon Cir­cle – Psy­che­de­lic Spacelord

    In einem ein­zi­gen fast 47-minü­ti­gen Stück exer­zie­ren die mir zuvor unbe­kann­ten Nor­we­ger Black Moon Cir­cle gemein­sam mit den Syn­the­si­zern des Øre­sund Space Collec­ti­ves den im Hard­rock der 1970er Jah­re ver­wur­zel­ten, psy­che­de­lisch gejamm­ten Spa­ce­rock mit Gesang, Orgel und Gei­ge (Gei­ge!) vor­treff­lich durch. Bandcamp.com.

Und sonst so? 2018 erst mal nichts, in den letz­ten Jahr­zehn­ten dafür eine Menge!

2. Alt und schön.

  • Vor 40 Jahren:

    1978, nach dem Hard­rock und vor dem New Wave, befand sich die Musik­welt in einer Krea­ti­vi­tät för­dern­den, weil insta­bi­len Pha­se. Der in gro­ßen Schü­ben erfol­gen­de Umbruch in der Musik rück­te ein­sti­ge Kon­stan­ten aus dem Blick­feld, Cans zehn­tes Stu­dio­al­bum Out of Reach hieß inso­fern schon ganz rich­tig. Aus­ge­rech­net die Rol­ling Stones zoll­ten auf Some Girls sowohl dem Punk („Shat­te­red“) als auch der Dis­co­mu­sik („Miss You“) Tri­but. Die im Vor­jahr gegrün­de­te ita­lie­ni­sche Punk- und spä­te­re New-Wave-Band Deci­bel ver­öf­fent­lich­te unter dem Namen Punk ihr Debüt­al­bum, ließ aber spä­ter lei­der kein Album namens „New Wave“ fol­gen. Wäh­rend sich wenig­stens Jet­hro Tull mit Hea­vy Hor­ses noch bedin­gungs­los treu blie­ben, ob nun im Guten oder im Schlech­ten, war das Ende der Ver­än­de­run­gen noch längst nicht erreicht: In Eng­land nahm die Punk­band War­saw ihr erst 1994 ver­öf­fent­lich­tes Debüt­al­bum auf, beschloss aber noch wäh­rend der Auf­nah­men eine Namens­än­de­rung. Sie soll­te fort­an als Joy Divi­si­on bekannt werden.

  • Vor 30 Jahren:

    Zehn Jah­re spä­ter war außer­halb des under­grounds nicht mehr viel Bewe­gung zu ver­zeich­nen: Wäh­rend dort Skin­ny Pup­py mit VIVI­sect­VI ver­stör­ten, die kurz­le­bi­ge Thrash-Metal-Band Realm mit End­less War debü­tier­te und die arbeits­wü­ti­ge Post-Punk-Grup­pe The Fall gan­ze zwei Alben (The Frenz Expe­ri­ment und I Am Kurious Oranj) ver­öf­fent­lich­te, implo­dier­te das, was oft als „Deutsch­rock“ ver­all­ge­mei­nert wird: Die noch nicht gänz­lich zu einer lau­te­ren Schla­ger­band ver­kom­me­nen Toten Hosen ver­ton­ten auf Ein klei­nes biss­chen Hor­ror­schau die unge­fäh­re Hand­lung von „Uhr­werk Oran­ge“, die Droogs von den Die Ärz­te – das „Die“ sei, heißt es, Teil des Band­na­mens und damit nicht zu dekli­nie­ren – hin­ge­gen lie­ßen ihre Kar­rie­re im glei­chen Jahr mit einem mit­tel­gro­ßen Knall (Das ist nicht die gan­ze Wahr­heit …, Nach uns die Sint­flut, anschlie­ßend Auf­lö­sung) ein vor­läu­fi­ges Ende nehmen.

  • Vor 20 Jahren:

    Die inzwi­schen, gering­fü­gig umbe­setzt, wie­der ver­ein­ten Die Ärz­te ver­öf­fent­lich­ten 1998 auf 13 das bis heu­te ein­zi­ge Lied ihrer Kar­rie­re, das ihnen bis heu­te pein­lich ist. Es wäre falsch, sie dafür anzu­pran­gern, denn auch der Autor die­ser Zei­len durch­leb­te im sel­ben Jahr eine im Nach­hin­ein recht pein­li­che Pha­se, prall gefüllt mit den gera­de aktu­el­len Wer­ken von Madon­na, West­Bam, Space Frog, Fat­boy Slim, Music Inst­ruc­tor und der­glei­chen. Dass 1998 außer­dem Tor­toi­se mit TNT und Ruins mit Vrre­sto unbe­dingt hörens­wer­te Alben ver­öf­fent­lich­ten, konn­te ich nicht ahnen. Zum Glück hat sich das spä­ter gelegt.

  • Vor 10 Jahren:

    2008 begann der Auf­stieg der anschei­nend bis heu­te bestehen­den Rock­band 1000 Robo­ta, die im sel­ben Jahr eine EP (Ham­burg brennt) und das Album Du nicht er nicht sie nicht auf den Markt wer­fen lie­ßen. Seit 2010 gab es jedoch kein wei­te­res Album von ihnen. Auch Cogs herr­li­ches Sharing Space blieb das letz­te Album vor deren Auf­lö­sung. Gera­de erst ange­fan­gen haben auch die deut­schen Postrock­wun­der Dear John Let­ter mit Bet­ween Lea­ves | Fore­s­tal, dem ich „zeit­nah“, wie es auf Neu­deutsch heißt, eine Rezen­si­on gewid­met hat­te. Ob sie noch exi­stie­ren, weiß ich lei­der nicht, eini­ge der Mit­glie­der machen mit Car­pet jetzt jeden­falls nicht mehr ganz so gute Musik. Wei­ter­hin exi­stie­ren ihre Lands­leu­te von Black­mail, die 2008 das Album Tem­po Tem­po ver­öf­fent­licht haben, und auch die Macher des Albums Vio­lent­ly Deli­ca­te, die israe­li­schen Musi­ker von Eat­liz, sind bis heu­te zusam­men, wenn auch nach man­cher Umbe­set­zung längst nicht mehr so berau­schend wie noch vor einem Jahr­zehnt. Man wird sehen, wie ich in zehn Jah­ren dar­über urteile.

Für heu­te jeden­falls ist hier Schluss – mei­nen Dank an alle aus­dau­ern­den Leser.

Wie üblich gilt: Habe ich ein Album über­se­hen, freue ich mich unter Umstän­den – so lan­ge Phil Col­lins nicht mit­spielt – über einen Hin­weis. Der zwei­te Teil wird, eben­falls wie üblich, vor­aus­sicht­lich am Jah­res­en­de fol­gen. Hof­fent­lich macht das Jahr in die­ser Qua­li­tät weiter!

Seri­en­na­vi­ga­ti­on« Musik 12/​​2017 – Favo­ri­ten und Ana­ly­seMusik 12/​​2018 – Favo­ri­ten und Analyse »

Senfecke:

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