KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2018 - Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 21 von 23 der Serie Jahresrückblick

Ach je, schon wie­der haben wir es mit einem Jahresende zu tun! In einer Zeit schwin­den­der Gewissheiten bleibt jeden­falls die, dass dies eine gute Gelegenheit ist, um zum zwei­ten Mal in die­sem Jahr auf die emp­feh­lens­wer­te­sten Musikalben 2018 zurück­zu­blicken. Während die Jugend immer noch Podcasts hört, die doch heut­zu­ta­ge eigent­lich Phonecasts hei­ßen müss­ten, gebe ich mich lie­ber der wah­ren Kultur hin. „Nicht jedes Gequiek“, befand ein­mal Ulrich Erckenbrecht, „ist Musik“. So hal­te ich es selbst­ver­ständ­lich ebenfalls.

Der Kalender hin­der­te mich erneut nicht dar­an, im ver­ge­hen­den Halbjahr unge­dul­dig und dar­um vor­zei­tig auf die aktu­el­len Studioalben von Abraham, Árstíðir, Monophonist, VAK und Träden hin­zu­wei­sen. Kunden, die das kauf­ten, kauf­ten auch…

Zum Glück sind noch genug ande­re Musikalben übrig geblie­ben, näm­lich die fol­gen­den. Fangen wir an.

1. Neues von heute.

  1. Spurv - Myra

    Wenn wir es hier schon mit sol­chen Temperaturen zu tun haben, dann wol­len wir wenig­stens auch die rich­ti­ge Musik dazu hören. Spurv - das bedeu­tet „Spatz“ auf Norwegisch - ist daher eine durch­aus anspre­chen­de Formation aus Oslo, deren jüng­stes Studioalbum „Myra“ aller­dings bereits im Mai 2018 erschei­nen durf­te. Als Gastmusiker sind auf „Myra“ unter ande­rem Mitglieder von Ulver zu hören. Nicht immer sind sol­che Hilfsarbeiten ein Versuch des name­drop­pings, das haben Spurv nicht nötig. Auf dem Coverbild knud­delt eine Frau ein Rentier. Ich wäre sehr albern, lei­te­te ich dar­aus etwas über Norwegen ab.

    Trotzdem erfül­len Spurv wenig­stens das Klischee, dass Musikgruppen aus der Gegend bit­te­schön vor allem so was wie Postrock zu spie­len haben, denn in Norwegen ist es bekannt­lich immer dun­kel. So auch hier: Zwar nen­nen sich die Musiker selbst eine Postmetalband, ich aber wei­ge­re mich, mich die­ser Selbstbezeichnung anzu­schlie­ßen, und ver­or­te sie stur im Shoegaze, Abteilung Instrumentalmusik. Tja! Zu hören gibt es flä­chi­ge Gitarren mit Cello und Geige. Aus sol­chen ein­fa­chen Zutaten sind sehr gute Alben gemacht und auch „Myra“ ist ein sehr gutes Album.

    Flächig geht es gele­gent­lich nicht nur in die Breite, son­dern auch in die Höhe, so etwa im bei­na­he doom­taug­li­chen „Fra Myrtempelet“ und im fan­ta­sti­schen „Fra dypet under ste­nen“, das, obwohl es auf ein Verglühen hin­cre­scen­diert, mit ent­spann­tem Klavier aus­klingt. Huch! In „Allting får sin ende, også nat­ten“ las­sen die Musiker Heidegger zu Klavierbegleitung über die Sterblichkeit des Menschen dozie­ren, anschlie­ßend bricht Postrockgewitter („Post-Metal“) los.

    Eigentlich scha­de, dass nor­ma­le Spatzen nur so blö­de Piepgeräusche machen.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com gibt es einen Komplettstream, auf Amazon.de Hörproben und Kauf.

  2. Kōenji Hyakkei - Dhorimviskha
    „Veedem quidhas twl­lie­es immi­da­val­ly“ (Phlessttighas)

    Nachdem die fran­zö­si­sche Ausnahmeerscheinung Magma das John-Coltrane-Gedächtnisgenre Zeuhl - wohl unge­fähr „Söhl“ aus­ge­spro­chen; ver­rück­te Franzosen immer! - erfun­den und eine Zeitlang allein aus­ge­füllt haben, ent­stan­den irgend­wann auch außer­halb Frankreichs erste Musikprojekte, die die­sem Stil etwas abge­win­nen konn­ten, etwa Univers Zéro aus Belgien. Nicht alle über­nah­men die Kunstsprache Kobaïanisch oder den viel­stim­mi­gen Chorgesang, ihnen allen sind aber die domi­nan­te, jazz­na­he Rhythmik und das Spiel mit der hyp­no­ti­schen Wiederholung gemein. Bis heu­te bleibt Frankreich der Mittelpunkt der inter­na­tio­na­len Zeuhlszene, als star­ker Konkurrent hat sich aber inzwi­schen Japan herausgestellt.

    In Japan, regel­mä­ßi­gen Lesern mei­ner Rückschauen sowie­so längst als Land der posi­tiv beklopp­ten Musik bekannt, grün­de­te Schlagzeuger und Sänger Tatsuya Yoshida bereits 1985 das Duo Ruins, des­sen Musik mit Text zu beschrei­ben nicht ganz ein­fach ist, Zeuhl auf Koks in der Achterbahn trä­fe es aber ganz gut. Weil so ein Duo einen japa­ni­schen Musiker aber nicht aus­la­stet, ist Tatsuya Yoshida neben­bei auch noch ander­wei­tig beschäf­tigt, unter ande­rem in Projekten mit Mitgliedern der gleich­falls bis­her nicht durch wenig Aktivität auf­ge­fal­le­nen Acid Mothers Temple. Außerdem grün­de­te er 1991 die Band Kōenji Hyakkei, von deren Gründungsmitgliedern nur noch er selbst mit­macht, obwohl sie auf „Dhorimviskha“, ihrem ersten Studioalbum seit 2005, schon wie­der zu sechst ist.

    Weil man zu sechst auch ande­re Musik machen kann als zu zweit, unter­schei­det sich die­sel­be auf „Dhorimvishka“, was bestimmt irgend­was heißt, recht deut­lich von dem, was von Ruins nor­ma­ler­wei­se zu hören ist. Neben die­sen und Magma höre ich hier jeden­falls, vor allem in den text­lo­sen Gesangspassagen, auch Yes. Natürlich gibt es hier weit­ge­hend, bis in das abschlie­ßen­de Titelstück hin­ein, auch Zeuhlrhythmik und meist komisch über­dreh­ten repe­ti­ti­ven Gesang mit und ohne Text, zumeist von Sängerin „Ah“, zu hören, aber Funk und Jazz kämp­fen hart um die Aufmerksamkeit des Hörers. In „Levhorm“ mei­ne ich gar Latinmusik aus­zu­ma­chen. Das für Bandverhältnisse unge­wöhn­lich ruhig groo­vend begin­nen­de „Palbeth Tissilaq“ woan­ders als im rei­nen Jazzrock zu ver­or­ten schie­ne mir auch falsch.

    Klar: Wer Magma nicht mag, der wird mit „Dhorimviskha“ vor­aus­sicht­lich auch nicht zufrie­den sein. Wer aber gele­gent­lich eine Dosis Zeuhl ver­tra­gen kann, den wer­den Kōenji Hyakkei kaum ent­täu­schen. Den Versuch ist es wert.

    Reinhören: Amazon.de hat Download und Hörproben im Sortiment.

  3. Body/Head - The Switch
    „Scream to the wind“ (Last Time)

    Wir wech­seln ele­gant das Land: Body/Head sind ein US-ame­ri­ka­ni­sches Gitarrenduo. Wer der Körper und wer der Kopf ist, weiß ich nicht. Das ist ange­sichts der Herkunft der bei­den Musiker aber auch völ­lig uner­heb­lich, denn wenig­stens einen Namen kennt man: Kim Gordon war von 1981 bis 2011 Teil der erfreu­li­chen Band Sonic Youth, die mit ihrer Trennung von Thurston Moore zu exi­stie­ren auf­ge­hört hat, seit 2012 ist sie mit Bill Nace zusam­men auf musi­ka­li­schen Pfaden unter­wegs. Bill Nace wie­der­um kennt man bis­her nur vom 2013er Debütalbum von Body/Head, „Coming Apart“, aber man soll­te ihn sich ver­mut­lich end­lich mal merken.

    Dass Body/Head trotz die­ses Neuanfangs und der mini­ma­len Besetzung - offi­zi­ell sind nur Gesang (Kim Gordon) und zwei Gitarren (bei­de) als Beteiligte genannt - eigent­lich wie eine Fortsetzung von Sonic Youth klin­gen, über­rascht kaum. „The Switch“ ist ein mini­ma­li­stisch-expe­ri­men­tel­les Album vol­ler „No Wave“. Das hat man ja auch schon län­ger nicht mehr gehört. Enthalten sind fünf Stücke, aber die haben es in sich.

    Die Gitarre schwingt und schweigt im eröff­nen­den „Last Time“, nach drei Minuten ertönt gedehn­ter Gesang. Es klingt wie die frü­hen Kraut-Psychedelic-Experimente und ich wür­de mir einen Experimentalfilm mit die­ser Untermalung ver­mut­lich aus Prinzip gern anse­hen. Wieso gera­te ich eigent­lich in letz­ter Zeit immer wie­der an die­ses Avantgarde-Zeug? Mir soll’s ja auch recht sein. Unbeachtet schwel­len die Instrumente zu Kammermusik mit Streicherstakkato an. Unwillkürlich denkt man dar­über nach, was die Beatles aus der heu­ti­gen Studiotechnik gemacht hät­ten, wenn sie noch intakt wären. In „You Don’t Need“ wird die Kammermusik fort­ge­setzt. Es baut sich eine bedroh­li­che, dich­te, bei­na­he indu­stri­el­le, wie von einem alten Tonband abge­spielt klin­gen­de Atmosphäre mit dün­nem, fast unter­ge­hen­dem, aber wie­der krau­ti­gen Gesang auf. Damals war Gesang ja auch sel­ten gut. Das Stück endet plötzlich.

    Es folgt „In The Dark Room“: Der Beginn klingt wie der Verbindungsaufbau eines alten Modems, geht dann aber über in eine ver­gleich­bar ste­ri­le Umgebung. Genau so wür­de ich einen dunk­len Raum auch ver­to­nen, wenn ich ein biss­chen Ahnung von Stimmung und Musikmachen hät­te. Elektronisch erzeug­te Klangeffekte, dar­un­ter ein unkla­res Kratzen, las­sen mich aber­mals auf­hor­chen, wie es eigent­lich immer pas­siert, wenn ich mich an das noch immer ziem­lich gei­le „asia“ von boris (hier ent­lang) erin­nert füh­le. Hier gibt es kei­nen Gesang, hier gibt es nur Stimmung. Hui! „Change My Brain“ ist anfangs eigent­lich fast das glei­che Stück, aber mit noi­si­ger Gitarre statt blo­ßer Effekte. Nach zwei Minuten setzt aber­mals der melo­die­freie Gesang Kim Gordons ein. Gegen 4:30 Minuten inten­si­viert sich die­ser aber erst­mals auf dem Album in einer Art Refrain, bevor der Instrumentalteil wie­der ein­setzt. Irgendwas ist mit mei­nem Hirn bereits jetzt pas­siert. „Change My Brain“ ist 10:41 Minuten lang und damit eigent­lich immer noch zu kurz.

    Zum Schluss - „Reverse Hard“ - haut das Duo dem Hörer noch ein­mal Dronegewitter, dann wie­der indu­stri­el­le Elektronik um die Ohren. Nach fast fünf Minuten ertönt Gesang, der wie durch ein Wasserglas gesun­gen klingt, dazu schnei­den­de Gitarren. Nach sechs Minuten ist es vorb- nein, doch nicht, ein neu­er Teil beginnt: Eine ver­zerr­te Gitarre brei­tet eine Wüste vor dem gei­sti­gen Auge aus. Kakteen ent­ste­hen, hin und wie­der ein bedroh­li­ches Lebewesen, hier gespielt von einem Bass, der wahr­schein­lich auch wie­der so ein Gitarreneffekt ist. Erneut undeut­li­cher „Wasser“-Gesang. Das Stück wird zum Ende hin schnel­ler, die Stimme bellt nun eher als sie singt. Das Stück ver­klingt instru­men­tal mit ver­zerr­ter Elektronik.

    Was war das? „The Switch“ braucht unbe­dingt einen zwei­ten, wenn nicht gar einen drit­ten Hördurchlauf, bevor es sich erschließt. Ich weiß es zu wür­di­gen, dass hier ober­fläch­lich nur wenig pas­siert, wäh­rend sich das Album kaum merk­lich ins Nervensystem bohrt. Es muss ja nicht immer scheppern.

    Reinhören: „The Switch“ gibt es auf Bandcamp.com und TIDAL als Komplettstream, auf Amazon.de aus­zugs­wei­se und zum Kauf.

  4. H E X - H E X

    Apropos Scheppern.

    H E X, die anschei­nend mit Leerzeichen geschrie­ben wer­den möch­ten, sind eine Schweizer Band und hei­ßen wie ein Album von Bark Psychosis, aber das kann Zufall sein. Musikalisch und auch sonst ist wenig Gemeinsamkeit fest­zu­stel­len, sieht man davon ab, dass ich bei­de Bands zu ken­nen nicht für Zeitverschwendung halte.

    Die Band selbst nennt ihre Musik „Psychedelic Industrial“, was sich eigen­ar­tig genug vor­stel­len lässt. Dominiert wird das Album, das anschei­nend wie die Band heißt und sogar nur aus vier (wenn auch ver­gleichs­wei­se lan­gen) Stücken zusam­men­ge­setzt ist, aller­dings von einem mit­un­ter mono­to­nen groo­ve, der vor allem (uns) von Faust und Can Begeisterte ver­zückt. Die Musik ist ziem­lich dicht und klingt manch­mal wie eine über­wie­gend instru­men­ta­le Variante von Laibach mit weni­ger gothic. Jau.

    Überwiegend instru­men­tal? Naja: In „Collider“ taucht erst­mals kaum ver­ständ­li­cher Gesang auf, viel zu lei­se, um ver­stan­den zu wer­den, was Absicht sein könn­te. „Highrise“ ist wie­der ein Gesangsstück, jedoch wird auch hier der Gesang von der Industrial-Wucht schier erdrückt und dient daher viel­mehr als melo­di­scher Gegenpunkt. Apropos „Collider“: Lässt sich die­ses Liedlein noch als Postpunk kate­go­ri­sie­ren und gräbt „Process“ tief im Industrial, so ver­mei­det der dro­ne­ge­la­de­ne Postrock, den man sonst auch von Isis so oder so ähn­lich schon mal gehört hat, ein Schwarzweißbild, was das Kategorisieren betrifft. Ich gäbe für so etwas grund­sätz­lich Bonuspunkte, wenn ich hier über­haupt irgend­wel­che Punkte verteilte.

    Da ich dar­auf aber gern ver­zich­te, bleibt mir in Reintext die Erkenntnis, dass „H E X“ eine will­kom­me­ne Abwechslung in der sonst doch sehr gitar­ren­rock­ori­en­tier­ten Liste die­ses Semesters ist. Man soll­te aber in der rich­ti­gen Stimmung sein - für Frühling oder gar Sommer ist das hier nichts, auch wenn’s bereits im Mai die­ses Jahres erschien. Zu heu­te passt es aller­dings ausgezeichnet.

    Reinhören: Stream und Kauf stel­len H E X via Bandcamp.com bereit, anson­sten mag’s Amazon.de tun.

  5. Prairie - After the Flash Flood

    Wir blei­ben bei Drones. Bei Prairie, so ist im Internet zu lesen, han­delt es sich um „das Projekt“ des aus Brüssel stam­men­den, aber in den Niederlanden wur­zeln­den Multiinstrumentalisten und Produzenten Marc Jacobs, der live noch mehr Musiker um sich schart und zuvor bereits Musik beim Berliner Verlag Shitkatapult, der zwar schön heißt, mir aber bis­her nament­lich unbe­kannt war, unter­brin­gen konn­te. Wenn das hier jedoch Scheiße ist, dann kann Marc Jacobs dar­aus Gold machen und gehört erst recht erwähnt.

    Eine Eiswüste türmt sich auf, von fern don­nert floy­des­que Perkussion auf und ver­klingt: Mit „Flash Flood“ beginnt das Album „After the Flash Flood“ unge­fähr wie ange­nom­men, hat man erst ein­mal einen Blick auf das Coverbild gewor­fen. Das Thema „Eiswüste“ wird spä­ter auch mit Geräuschen ber­sten­den Eises („Hard Water:Cracked Ice“) noch­mals in Erinnerung geru­fen. Der geneig­te Rezensent kommt nicht umhin, ein wenig zu frie­ren, was der­zeit - Mitte September - kei­ne Selbstverständlichkeit, dafür jedoch sehr ange­nehm ist.

    Der Rest des Albums, der nach „Flash Flood“ ertönt, steht die­sem hin­sicht­lich der Intensität und Dichte nicht nach; mal wird mit Sprachfetzen und Störgeräuschen eine beklem­men­de Atmosphäre geschaf­fen („Raindeaf“), mal brei­ten Prairie mit viel­schich­ti­gen dro­nes aber­mals eine, nun ja, aku­sti­sche Prärie vor dem Hörer aus. Auch lei­se, mit­un­ter indisch ange­hauch­te Momente fin­den sich auf dem Album („A Permanent War Economy“, „Elephants Will Rise Again“). Was jedoch nicht auf­taucht, ist Gesang. Brauch’mer des? Nein, in die­se Stimmung rein­zu­sin­gen wäre gehässig.

    „After The Flash Flood“ belohnt Geduld mit Tiefe. Wer kei­ne sol­che (also Geduld, nicht Tiefe) mit­bringt, der möge die­ses Album beim unver­meid­li­chen Kauf all mei­ner Empfehlungen aus­las­sen. Allen ande­ren möge es ein Genuss sein wie mir.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com gibt es - unge­wöhn­li­cher­wei­se - nur Auszüge aus „After the Flash Flood“ zu hören, Amazon.de und TIDAL besor­gen den Rest.

  6. Oh Sees - Smote Reverser

    Endlich mal wie­der eine Band mit Geschichte - obwohl die gar nicht beson­ders lang ist.

    Von 1997 bis 2003 exi­stier­te das kali­for­ni­sche Punkrockduo Pink and Brown, bestehend aus den bei­den schon zuvor auf­ein­an­der getrof­fe­nen Musikern John Dwyer (Gesang, Gitarre) und Jeffrey Rosenberg (Schlagzeug). Ersterer war eben­falls ab 1997 als Solomusiker unter dem Projektnamen Orinoka Crash Suite (kurz OCS) tätig, von 2001 bis 2005 außer­dem mit der Garagenrockband Coachwhips beschäf­tigt. 2002 grün­de­te er zudem Zeigenbock Kopf, eine vor­geb­lich deut­sche Partyband mit Schwulenimage, die ver­mut­lich bis heu­te existiert.

    Nach der Auflösung von Pink and Brown trat Jeffrey Rosenberg vor­über­ge­hend OCS bei, das offi­zi­el­le Debütalbum „1“ wur­de 2003 ver­öf­fent­licht. John Dwyer mach­te danach erst allein, dann mit Schlagzeuger Patrick Mullins wei­ter und nahm so bis 2005 drei wei­te­re Alben auf. Anschließend wur­de Sängerin Brigid Dawson Bandmitglied, von 2006 bis 2007 hieß die Band erst The Ohsees, was eine mög­li­che Aussprache von „OCS“ zu sein scheint, dann The Oh Sees, schließ­lich bis 2016 Thee Oh Sees. Das „Thee“ wur­de 2017 fal­len gelas­sen, es erschien erst „Orc“ als Oh Sees, dann „Memory of a Cut Off Head“ als OCS. Wie die Band aktu­ell heißt, wage ich gar nicht nach­zu­schla­gen, als The Oh Sees wur­de im Mai 2018 jeden­falls das noch aktu­el­le Album „Smote Reverser“ ver­öf­fent­licht, das, zählt man nur die Studioalben und nicht auch die EPs, das 21. die­ser Gruppe seit 2003 ist, was recht sport­lich ist. Ich mag aber kei­nen Sport.

    Womit ich hin­ge­gen eine Menge anfan­gen kann, ist - das soll­te bekannt sein - gute Musik. Und „Smote Reverser“ ist durch­aus nicht schlecht dar­in, sol­che zu bie­ten. In mei­nen Notizen zum Album steht „ordent­lich Groove“. Ordentlich! Im Oktober die­ses Jahres wur­de „Moon Bog“, vom „Rolling Stone“ als Weltraumballade beschimpft, von mir als Montagsmusik aus­ge­wählt, aber obwohl sich auf „Smote Reverser“ mit „Last Peace“ noch mehr Stilverwandtes fin­den lässt, grei­fen Oh Sees auf jede Menge Erfahrung und damit auch Vielfalt zurück: Dank der zur­zeit bei­den Schlagzeuger rhyth­misch auf­ge­la­de­ner Progressive Metal („Sentient Oona“), Elektronik, die mit­un­ter ver­spielt sein darf („Anthemic Aggressor“), Stoner/Hardrock („Enrique El Cobrador“, „Abysmal Urn“) und der seit über zwan­zig Alben irgend­wie vor­han­de­ne Garagenrock funk­tio­nie­ren hier groß­ar­tig zusam­men. Andere Bands - gern aus Großbritannien - krie­gen nicht mal zwan­zig Jahre lang mehr als einen Stil hin.

    Reinhören: Auf TIDAL und Bandcamp.com ist neben ande­ren Alben von Oh Sees auch die­ses zu finden.

  7. Fire Down Below - Hymn of the Cosmic Man
    Everything I’ve ever known means not­hing“ (Ignition/Space Cruiser)

    Im Jahr 2016 ver­öf­fent­lich­te die bel­gi­sche Stoner-/Psychedelic-Rock-Band Fire Down Below ihr Debütalbum „Viper Vixen Goddess Saint“, das von Kritikern als nicht schlecht wahr­ge­nom­men wur­de. 2018 folg­te das Folgealbum „Hymn of the Cosmic Man“, in dem der Stil weit­ge­hend bei­be­hal­ten, aber um Spacerock erwei­tert wur­de. Wie soll­te es bei die­sem Titel auch anders sein?

    Die hier gehör­te Musik erin­nert mich anfangs ein wenig an das klar unter­schätz­te „Lulu“, aller­dings ohne Gesangsbeitrag. Wie die­ses ist auch „Hymn of the Cosmic Man“ ein Konzeptalbum, es geht text­lich im Wesentlichen um einen recht trau­ri­gen Herrn, der sich im Weltall, ver­mut­lich von der nack­ten Dame auf dem Coverbild, gefan­gen fühlt. Musikalisch domi­niert grol­len­der Space/Thrash Metal mit kräf­tig ver­zerr­ter Gitarre, also so, wie ich ihn mag. Gelegentlich („Ascension“) darf es aber auch mal ein­fa­cher Hardrock sein.

    Ab dem zwei­ten Stück „Ignition/Space Cruiser“ ertönt auch Gesang, der zwar recht gewöhn­lich (also bei­na­he sta­di­on­taug­lich) daher­kommt, aber trotz­dem nicht den Eindruck erweckt, sich beson­ders an Radiohörer zu rich­ten. Dafür spricht auch das abschlie­ßen­de „Adrift in a Sea of Stars“, das mit sei­ner Länge von über elf Minuten im der­zei­ti­gen Formatradio nicht mal zwi­schen zwei Werbepausen pas­sen wür­de. Das Internet fin­det sti­li­sti­sche Übereinstimmungen mit Tool und Kyuss. Ich kann das verstehen.

    Beim „Angry Metal Guy“ heißt es:

    If you like your prog psy­ched up, and your stoner rock prog­gy, this is your album.

    Passt.

    Reinhören: Bandcamp.com ist eine gute erste Anlaufstelle, anson­sten könn­ten Amazon.de und TIDAL nütz­lich sein.

  8. Rolo Tomassi - Time Will Die And Love Will Bury It

    Rolo Tomassi, benannt nach einer Figur aus dem Film L.A. Confidential, ist ein eng­li­sches Mathrockquintett, das seit sei­ner Gründung im Jahr 2005 mehr Alben, Singles und EPs ver­öf­fent­licht hat als manch älte­re Band in drei Jahrzehnten und mit „Time Will Die And Love Will Bury It“ ein fan­ta­sti­sches Shoegaze-nahes Studioalbum unter die Leute zu brin­gen ver­sucht. Die Genrekollegen 65daysofstatic, mit denen Rolo Tomassi auch schon mal zusam­men (bzw. nach­ein­an­der) auf­ge­tre­ten sind, haben vor eini­gen Jahren eines ihrer Stücke remixt. Die Welt ist klein.

    Wobei „Shoegaze“ auch zu ein­fach gedacht ist: Nachdem der instru­men­ta­le ope­ner „Towards Dawn“ eben­so wie das leicht­gän­gi­ge Lied „Aftermath“ mich nach­se­hen lie­ßen, was Toc.Sin eigent­lich gera­de machen (lei­der nichts mehr), und ich mich also gera­de in einer ent­spann­ten Stimmung befin­de, brüllt mich die Band in „Rituals“ mit Gitarrengeschepper und Growlgeschrei an. Huch!

    „The Hollow Hour“ macht nach einem gefäl­li­gen (wenn auch hek­ti­schen) Postrockintro genau so wei­ter. Zeit wird ster­ben und so klingt das auch. Selbst schuld, wer sei­ne Rezensionen nach gera­de mal zwei Stücken für ein­fach hält. Das Gesangsduo aus James und Eva Spence (ver­mut­lich ver­wandt) schal­tet im Weiteren zwi­schen „zucker­sü­ßen“ (Quelle: Internet) vocals und Screamo-Aggression wie selbst­ver­ständ­lich um, Schönklang prägt „Time Will Die and Love Will Bury It“ nur als Alibi. So wütend muss man erst mal sein.

    Eine Verschnaufpause gewährt erst­mals das sieb­te Stück „A Flood of Light“, das für weni­ge Takte am Anfang und am Ende eine ambi­ent-Landschaft errich­tet, bevor erneut der Zorn („Whispers Among Us“) durch­bricht. „Risen“ been­det das Album mit Gesang und Klavierklängen dann bei­na­he versöhnlich.

    Hui!

    Reinhören: Wenig über­ra­schend ist, dass auch die­ses Album auf Bandcamp.com (lei­der nur noch als CD und Download) zu haben ist, zum Reinhören eig­nen sich aber auch Amazon.de und TIDAL.

  9. The STOCK - Humanize
    „The white light is dan­cing like a mor­se code“ (Kronos)

    Komischer Name, komi­sches Coverbild.

    The STOCK ist, wie man her­aus­fin­den kann, ein Trio aus Bad Camberg, das in Hessen liegt und trotz­dem auf Fotos ganz gut aus­sieht. Anscheinend hat es seit sei­ner Gründung im Jahr 2010 bis­her erst ein ein­zi­ges Album auf­ge­nom­men, näm­lich die­ses. Auf „Humanize“, als „Langzeitprojekt“ nach drei­jäh­ri­ger Produktionszeit Anfang 2018 erschie­nen, wer­den drei Stücke von elf­ein­halb bis etwas über 20 Minuten gebo­ten. Schon wie­der nichts fürs Radio.

    Dessen unge­ach­tet ver­su­chen die drei Musiker es mit soli­dem Alternative Rock mit mehr gespro­che­nen als gesun­ge­nen lyrics. Dass sie musik­hi­sto­risch eini­ger­ma­ßen bewan­dert sind, lässt sich aller­dings nicht leug­nen, vor allem in der süd- und west­deut­schen Musik der 1970er Jahre scheint man zu Hause zu sein. Das, was anders­wo Krautrock geschmäht wird, klingt auf „Humanize“ gar nicht so furcht­bar. Gut: über den nach mei­nem Empfinden zu sehr in den Vordergrund gemisch­ten Gesang von Rainer Ludwig lie­ße sich treff­lich strei­ten, aber so ist das im klas­si­schen Krautrock ja auch.

    Dass staub­trocke­ner Stoner Rock („Kronos“) das Album eröff­net, soll dar­über nicht hin­weg­täu­schen. Das zwei­te Stück, „Proletarian Suicide“ (wun­der­vol­ler Titel auch), klingt strecken­wei­se nach einer Countryversion von Faust, ist ins­be­son­de­re also schlag­zeug- und rhyth­mus­ge­trie­ben. Auch das abschlie­ßen­de „Puzzles“ beginnt mit krau­tig-elek­tro­ni­schen Klangexperimenten, die immer wie­der auf­ge­grif­fen wer­den, koket­tiert aber durch­aus auch mit bowie­squem Artpop. Dem gesam­ten Album „Humanize“ ist den­noch eine Ungeschliffenheit zu eigen, die für alle Fälle eine Brücke zur Garagenmusik offen hält. Man weiß ja nie. Menschlich klin­gen The STOCK jeden­falls auch ohne Hilfe. Kann man auch mal hören, so was.

    Reinhören: Auch The STOCK ver­öf­fent­li­chen Musik auf Bandcamp.com.

  10. Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs - King of Cowards
    „I talk a lot.“ (Gloamer)

    Apropos „komi­scher Name“: Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs haben auch einen, den sogar die Band selbst gele­gent­lich als „Pigsx7“ abkürzt, etwa bei der Auswahl ihrer Webdomain. Beim Schreiben ihres 2018er Albums „King of Cowards“ in einer umge­bau­ten Scheune auf dem Land sei­en, behaup­tet die Band, tat­säch­lich auch Schweine anwe­send gewesen.

    Anders als auf dem Vorgängeralbum „Feed the Rats“ gehen Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs hier nicht mehr vor allem auf Länge, kei­nes der sechs Stücke ist über neun Minuten lang. Erstmals in der Band ist Schlagzeuger Chris Morley, der zuvor unter ande­rem für Gnod trom­meln, hihat­ten usw. durf­te. Beim „Guardian“ sprach man mit Bezug auf „King of Cowards“ von „zugäng­li­chem Metal“, aber das ist ja noch kei­ne qua­li­fi­zier­te Aussage. Geht es nach Sänger, Keyboarder und „krea­ti­vem Schwamm“ (Andreas Schiffmann) Matt Baty, so ist „King of Cowards“ ein Konzeptalbum über die sie­ben Todsünden, die auch als Piktogramme auf dem Coverbild zu sehen sind, was zah­len­mä­ßig doch erstaunt. Da hät­te es gern ein Stück mehr sein dürfen.

    Was anders­wo mal Sludge, mal „zugäng­li­cher Metal“ heißt, heißt bei mir dann doch eher Psychedelic/Hardrock. Hinter schwe­ren, schlep­pen­den Rhythmen und gele­gent­lich einer schrei­en­den Gitarre spie­len Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs zwi­schen Motörhead und Hawkwind, der hei­se­re Gesang bezie­hungs­wei­se - in „Gloamer“ - das hei­se­re Gesprech darf sich über viel Hall freu­en oder, je nach Vorliebe, ärgern. Ich ärge­re mich nicht, ich höre und emp­feh­le weiter.

    Schwein gehabt.

    Reinhören: Stream und Kauf haben Bandcamp.com und Amazon.de anzu­bie­ten, Kunden von TIDAL bekom­men eben­falls einen Stream.

  11. Sanguine Hum - Now We Have Power

    Vor elf Jahren, im Juli 2007, ver­öf­fent­lich­te die Joff Winks Band, gegrün­det von dem auch im Jazz nicht unbe­kann­ten Musiker Joff Winks, das ein­zi­ge Album in vol­ler Länge unter die­sem Namen, nann­te sich anschlie­ßend ein paar­mal um und ist inzwi­schen ein Trio namens Sanguine Hum. Das dies­jäh­ri­ge Album von Sanguine Hum heißt „Now We Have Power“ („Jetzt haben wir Kraft“), ist das Nachfolgealbum von „Now We Have Light“ („Jetzt haben wir Licht“, 2015) und lässt neu­gie­rig wer­den, was die drei Herren künf­tig noch alles haben werden.

    Derzeit haben sie vor allem die Fähigkeit, gute Melodien mit aus­rei­chen­der Fähigkeit zur Instrumentenbedienung zu ver­bin­den. Gelegentlich den­ke ich an Genesis aus der Zeit, bevor Phil Collins sich für einen akzep­ta­blen Sänger hielt, aber wirk­lich qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig klingt das ja nun auch nicht, also neh­me ich das zurück. Joff Winks ist hin­ge­gen ein Sänger, der sich ein biss­chen nach zeit­ge­nös­si­schen Popsängern, also nicht über­mä­ßig inter­es­sant, anhört, sich aber ganz gut in den Bandkontext ein­fügt. Musikalisch prä­sen­tiert sel­bi­ger vor allem dich­te Klaviermelodien (gespielt von Matt Baber), ent­span­nend und ange­nehm zum Genießen. Ein wenig Jazz schwingt immer mit, auch wenn die Handlung hin­ter den Texten - ein Mann ist von einer rie­si­gen schwe­ben­den Blase run­ter­ge­fal­len - ver­gleichs­wei­se hane­bü­chen ist. Aber ist das wichtig?

    Die beschwing­te sti­li­sti­sche Mischung, in der ich die Einflüsse von atmo­sphä­ri­schem Artrock, sanf­tem Canterbury-Prog, dem „klas­si­schen“ Prog und Jazz zu ent­decken glau­be, lässt alle text­li­chen Konzepte zweit­ran­gig erschei­nen. Stellenweise schei­nen die geschmack­vol­len Piano-, Synthesizer- oder E-Piano-Beiträge die füh­ren­de Rolle zu über­neh­men. Sobald die Gitarre hin­zu­kommt, herrscht wie­der das per­fek­te Gleichgewicht in den Arrangements, das in sel­te­nen Fällen sogar zu rocki­ge­ren Momenten füh­ren kann. Gelegentlich (wie in „Skydive“) sind zudem Vibraphonklänge zu ver­neh­men, die natür­lich den Leichtigkeitsfaktor des Gebotenen bedeu­tend erhö­hen. In zwei Stücken sorgt zudem ein Gasttrompeter für jaz­zi­ge und kam­mer­mu­si­ka­li­sche („Flight of the Uberloon“) Akzente.

    Eben.

    Reinhören: Mit Amazon.de, Bandcamp.com und TIDAL gibt es hier­zu hin­rei­chend vie­le Gelegenheiten.

  12. Self Defense Family - Have You Considered Punk Music

    Schon mal über Punkmusik nachgedacht?

    Das ist schön, aber hier nicht ganz so wich­tig, denn mit rohem Gekloppe hat „Have You Considered Punk Music“, das dies­jäh­ri­ge Studioalbum von Self Defense Family, höch­stens the­ma­tisch etwas zu tun: Sänger Patrick Kindlon, der beim Singen immer ein biss­chen ver­zwei­felt klingt, sprach andern­orts, das Album hand­le davon, „sich mit einer Sache inten­siv zu beschäf­ti­gen“, wobei man bemerk­te, „dass sich der Rest der Welt einen Scheißdreck dafür inter­es­siert“. Punk, yo.

    Nee, das hier ist Indie (was immer das schon wie­der ist). Vergleiche sind dies­mal recht ein­fach zu zie­hen, denn Self Defense Family sind stolz auf ihre Vorbilder; so heißt es etwa in „Have you con­si­de­red anything else“:

    You’re big on wordplay
    Into the arms of Nick Cave (…)
    You want new thoughts
    Kate Bush on ready

    Das sind nur zwei der Namen, die genannt wer­den, und sie bei­de pas­sen zur rela­tiv melan­cho­li­schen Grundstimmung. Man sol­le das Album „als Verb im Präteritum begrei­fen“, schwa­fel­te ein Banause für die „VISIONS“ und hat damit natür­lich völ­lig Unrecht, denn „Have You Considered Punk Music“ fin­det jetzt statt, immer jetzt, so post der Punk und so psy­che­de­lic der Rock auch sein mag. Nach über drei­ßig gemein­sa­men Veröffentlichungen kennt man sei­ne Richtung und/oder Pappenheimer. Es ist, so viel sei noch geschrie­ben, unge­fähr die meine.

    Reinhören: Es gibt zur­zeit (Mitte Dezember 2018) noch Stream und Kauf von LP und/oder „digi­ta­lem Album“ (also so Dateien) via Bandcamp.com, anson­sten wie üblich Amazon.de bzw. TIDAL konsultieren.

  13. Tangled Thoughts of Leaving - No Tether

    Wir blei­ben im Genre, wech­seln aber den Kontinent: Das in Australien hei­mi­sche Quartett Tangled Thoughts of Leaving (Gitarre, Bass, Schlagzeug, Klavier) ver­öf­fent­lich­te im Juli 2018 nach fast drei Jahren ohne neu­es Album ihr neue­stes namens „No Tether“.

    In den bis­her zehn Jahren ihres Bestehens haben Tangled Thoughts of Leaving sich in einer Szene ein­ge­rich­tet, in der es schwer scheint, noch posi­tiv her­aus­zu­ste­chen, aber die gemein­sa­men Touren und Aufnahmen mit Kollegen wie Russian Circles und sleep­makes­wa­ves haben gezeigt, dass es auch im gele­gent­lich von außen aus­ge­lutscht wir­ken­den Psychedelic/Postrock noch mög­lich ist, auf­zu­fal­len. „Doom Jazz“, „Post-Jazz“ gar, wird die hier zu hören­de Musik im Internet auch genannt, aber Doom klingt anders.

    Den Jazzanteil kann aber selbst ich nicht leug­nen, gele­gent­lich aus­ge­dehn­te Klavierpassagen („Inner Dissonance“, „Binary Collapse“) las­sen das mit ihrer Intensität kaum zu. Dazwischen bleibt die Musik dicht und effekt­ge­la­den („The Alarmist“) und vol­ler über­ra­schen­der Wechsel zwi­schen Flächigkeit und ordent­lich Wumms. Wem das alte Laut-Leise-Spiel jemals zu lang­wei­lig wird, der hat kei­ne Seele mehr. Vor eini­gen Tagen sprach Bela B. im Interview mit der „ZEIT“ dar­über, dass die all­ge­mei­ne Verfügbarkeit von Musikstreaming der Musik die­sel­be genom­men habe, aber zum Glück haben Tangled Thoughts of Leaving das noch nicht gelesen.

    „Cavern Ritual“ beein­druckt mich mit genau rich­tig ein­ge­setz­ten Längen, die Spannung wird bis zum Ende des Stückes an der Berstgrenze gehal­ten. Gelegentlich den­ke ich hier an die letz­ten Siebzigeralben von King Crimson und gera­te ein wenig ins Träumen. - Apropos Ende: Auch das zwölf­ein­halb­mi­nü­ti­ge Titelstück („No Tether“), mit dem „No Tether“ endet, schafft es noch ein­mal, eine beklem­men­de Atmosphäre nicht nur auf­zu­bau­en, son­dern auch zu hal­ten. Postrock ist Musik zum Film im Kopf. Dieser hier ist in Schwarz-Weiß gedreht und ein wah­res Kunstwerk.

    „In die­sen Höhlen“, schrieb jemand auf „a clo­ser listen“, kön­ne man sich „leicht ver­ir­ren“. Es bleibt aber immer das Licht am Ende des Tunnels. Nur Mut!

    Reinhören: Bandcamp.com, Amazon.de, TIDAL. Weiter im Text.

  14. Wang Wen - Invisible City

    Postrock zum Dritten? Aber gern!

    Woher eine Band, die sich Wang Wen (eigent­lich 惘闻) nennt, kom­men mag, bedarf kei­ner gro­ßen Erklärung, wel­che Art von Musik sie macht, womög­lich aber doch. Sie sei die „füh­ren­de Postrockband“ ihres Landes, spe­ku­lie­ren Medien, aber das ist ja auch wie­der zu kurz formuliert.

    Das Sextett hat unter ande­rem schon gemein­sam mit pg.lost Musik auf­ge­nom­men und ver­öf­fent­licht, was ja auch ein Qualitätskriterium sein kann. Aus dem Tonausgabegerät schwillt jeden­falls flä­chi­ger Psychedelic/Postrock, bei dem sich mir Vergleiche mit Pink Floyd anbie­ten, zu denen ich nicht Nein sage, obwohl ich Pink Floyd hin und wie­der als zähes Gewaber wahr­neh­me. Immerhin singt Roger Waters hier nicht.

    Überhaupt wird wenig gesun­gen, denn „Invisible City“ ist ein weit­ge­hend instru­men­ta­les Album, sieht man vom stark ver­zerr­ten und somit für uns alte Leute nicht mehr ver­ständ­li­chen Gesang in „Stone Scissors“ ab. Im ost­eu­ro­pä­isch anklin­gen­den „Lost in Train Station“ wird auch ein wenig gespro­chen. Als Instrument kommt unter ande­rem das Horn zum Einsatz, gemein­sam mit einem Klavier oder etwas, das klingt wie ein Klavier, lebt unter ande­rem „Silenced Dalian“ von Tiefe statt von Instrumentalwänden. Von wegen, Postrock geht nur mit Brachialgitarren! - Ich mei­ne am Ende von „Stone Scissors“ auch ein wenig typisch asia­ti­sche Klänge (vgl. Jambinai) aus­zu­ma­chen. Bei „Sputnikmusic“ wur­de „Invisible City“ als exzel­lent bewer­tet. Ich schlie­ße mich vor­be­halt­los an.

    Reinhören: Ist ja 2018, also sind Wang Wen mit­samt ihrer Musik auch auf Bandcamp.com zu fin­den. Amazon.de scheint der­zeit lei­der kei­ne Hörproben zu haben, Kunden von TIDAL hin­ge­gen wer­den eben­falls fündig.

  15. Toby Driver - They Are the Shield

    Den Herrn hat­te ich ja auch ganz ver­ges­sen. Obwohl ich vor neun Jahren das damals neue Album sei­ner Band maud­lin of the Well emp­fahl und deren Nachfolgeformation Kayo Dot ab und zu mal in mei­ner Wahrnehmung auf­tauch­te, blieb Toby Driver weit­ge­hend unauf­fäl­lig. Das scheint scha­de zu sein, denn wenn das, was er in der Zwischenzeit so ange­stellt hat, die Qualität von „They Are the Shield“ - wovon ich aus­ge­he - wenig­stens teil­wei­se erreicht, muss ich dem­nächst wohl etwas nachholen.

    Grundsätzlich treibt sich der Musiker, der hier von fünf Gästen (davon zwei Violinisten) unter­stützt wird, nach wie vor in eher ruhi­gen musi­ka­li­schen Gewässern her­um. Ich höre weit­ge­hend Ambientmusik, der durch­aus nicht üble Gesang sucht die Nähe zu Bands wie a-ha einer-, Peter Gabriel und Ian Curtis ande­rer­seits. Das ist alles gar nicht so seicht und die Musik ist es noch weni­ger: Mit dank lang gehal­te­ner Noten aus­ge­brei­te­ten Klangflächen beginnt „They Are the Shield“ mit dem impo­san­ten „Anamnesis Park“, dem läng­sten Stück auf dem Album. Wer die spä­ten Talk Talk oder die wenig­stens mitt­le­ren Pink Floyd mag, der wird sich hier bereits pudel­wohl füh­len. Wie die­ses Stück zeich­net sich auch das fol­gen­de, „Glyph“, durch aller­lei Streicherklänge aus. Erstmals macht sich eine enor­me Melancholie bemerk­bar. Auch „470 Nanometers“ fin­det eher im Artrock statt, wenn auch wei­ter­hin in einer ange­nehm unauf­ge­reg­ten Art. Das Solowerk von Steven Wilson - nur deut­lich bes­ser - erscheint mir als geeig­ne­ter Vergleich.

    „Scaffold of Digital Snow“ ist wie­der etwas ruhi­ger, setzt sich selbst aber mit dem leich­ten Spiel mit Misstönen bei­na­he in RIO-Gegenden. Das hät­te ich nicht erwar­tet, hei­ße es aber herz­lich will­kom­men. Bridget Bellavia, mir sonst bis­her unbe­kannt, steu­ert unpein­li­chen Gesang bei, Toby Driver hält sich dies­mal etwas zurück. Wieder anders ist „Smoke-Scented Mycelium“: Das Schlagzeug stol­pert vor­wärts, im Hintergrund ver­zer­ren Geigen. Es gibt kei­nen offen­sicht­li­chen Refrain, das Warten dar­auf schürt in beacht­li­chem Maße die Spannung. Mit ähn­li­cher Technik, wir erin­nern uns, arbei­te­ten frü­her auch maud­lin of the Well. Apropos „frü­her“: Ich höre hier auch Anklänge an Nico. Ein tie­fes Danke dem­je­ni­gen, der mir erklä­ren kann, warum.

    Mit dem nick­ca­ve­es­quen „The Knot“, mit gera­de mal 4:12 Minuten Laufzeit dem kür­ze­sten Stück auf „They Are the Shield“, klingt das Album aus und fast wie­der an. Das ein­zig Willkommene an digi­ta­len Darreichungsformen ist bekannt­lich, dass man nicht so lan­ge war­ten muss, um wie­der von vorn anzufangen.

    Reinhören: Leider nur als CD und Stream gibt es „They Are the Shield“ auf Bandcamp.com zu kau­fen, Vinyl gibt Amazon.de her. Kunden von TIDAL wer­den auch bedient.

  16. Julia Holter - Aviary

    Julia Holter, unge­fähr in mei­nem Alter, ist eine US-ame­ri­ka­ni­sche Musikerin mit theo­re­ti­scher Ahnung von („Sie selbst mach­te ihren Abschluss in Elektronischer Musik am California Institute of the Arts“, Wikipedia) und prak­ti­scher Erfahrung mit Musik: „Aviary“ ist ihr inzwi­schen ach­tes Studioalbum.

    Es war auch wirk­lich höch­ste Zeit, das Album (das es immer­hin auch als Doppel-LP gibt) ist mit fast 90 Minuten an Musik sozu­sa­gen rand­voll; und kei­ne Minute ist ver­schwen­det. Von einer Autorin des „Guardian“ wur­de das hier Gehörte in die Nähe der sowie­so uner­reich­ten The Velvet Underground gerückt, weil es mit­un­ter dröh­ne, aber das ist selbst im Vergleich zu mei­nen eige­nen Vergleichen, die ich manch­mal zie­he, zu wenig hilf­reich. The Velvet Underground haben ja nie Musik gemacht, die man guten Gewissens wider­spen­sti­gen Kammerpop nen­nen könnte.

    „Aviary“ hin­ge­gen klingt genau so, wie man sich wider­spen­sti­gen Kammerpop vor­stel­len soll­te: Schon vom ersten Moment an („Turn the Light On“) durch­setzt eine ordent­li­che Portion an RIO/Avant die eigent­lich sanf­te Musik. Das aus­ge­lutsch­te, abge­klap­per­te, durch­ge­nu­del­te (kann fort­ge­setzt wer­den) Imaginärgenre „Singer/Songwriter“, obwohl’s ja nur eine Tätigkeitsbeschreibung ist, lernt hier end­lich eine neue Nuance ken­nen. Nicht schlecht. „I Shall Love 2“, das über­ra­schend in der Albumsabfolge vor „I Shall Love 1“ steht, und „Words I Heard“ waren, wie her­aus­zu­fin­den ist, Singles zu die­sem Album. Schade, dass die mei­sten Radiosender so ver­schnarcht sind. Die Lieder aber wir­ken unru­hig, als fürch­te­ten sie einen her­auf­zie­hen­den Sturm. Gelegentlich („Chaitius“) rufen Orgelklänge eine sakra­le Stimmung her­vor, dann klingt „Aviary“ fast wie eine rausch­freund­li­che­re Variante von Anna von Hausswolff. Ihre sechs Mitmusiker (über­wie­gend Streicher und Bläser) lei­sten gute Arbeit, das sind hier kei­ne Instrumente zum blo­ßen Selbsterhalt, das ist fei­ne Kunst. Die deut­sche Bezeichnung für ein avi­a­ry ist „Vogelhaus“. Der Rabe ist hier aber näher als der Papagei. Nimmermehr.

    Reinhören: Außer auf Bandcamp.com - all­mäh­lich mache ich mir Sorgen dar­um, was pas­siert, wenn Bandcamp mal die Tore schließt - ist „Aviary“ auch auf TIDAL zu hören und auf Amazon.de zu kaufen.

  17. Me El-Ma - Bowing Crosses

    In den 1970-er Jahren, so viel erfährt man aus halb­wegs siche­ren Quellen, war Me El-Ma, ein israe­li­scher Schlagzeuger, in der Progressive-Rock-Gruppe Atmosphera, die legen­där gewe­sen sei, von der ich aber trotz­dem bis­her nichts ken­ne, aktiv. Anschließend ver­schlug es ihn zunächst zu ande­ren Musikern, dann nach Deutschland und 2002 schließ­lich wie­der zurück nach Israel, wo er immer noch aktiv ist. „Bowing Crosses“ dürf­te also ein Soloalbum - mit Gesang von Virja, was ein Frauenname zu sein scheint - sein.

    Im Onlineforum „Progressive Ears“ wur­de dar­über spe­ku­liert, dass „Virja“ statt­des­sen auch „VirJA“, vir­tu­el­ler Jon Anderson also, hei­ßen könn­te. Die gesang­li­che Nähe zwi­schen Virja und besag­tem frü­he­rem Sänger von Yes möch­te ich auch gar nicht abstrei­ten, obwohl ich nicht so weit wie eini­ge Diskussionsteilnehmer gehen wür­de, die hier eine Personalidentität anneh­men. Gerade das fünf­mi­nü­ti­ge „Please do as You plea­se“ - Großschreibung anschei­nend beab­sich­tigt - wäre auf „Relayer“ sei­ner­zeit kaum auf­ge­fal­len, obwohl Me El-Ma rhyth­misch noch über die Experimente der offen­sicht­li­chen Vorbilder hin­aus­geht; und immer nur so weit, dass es noch nicht zu viel des Guten wird. Das muss man heut­zu­ta­ge ja auch mal posi­tiv anmerken.

    Bei den Vorbildern für sei­ne Polyrhythmik scheint sich der Musiker viel­mehr bei den 90er-„ProjeKcts“ von King Crimson („Perception Perfection Satisfaction“, Titelstück „Bowing Crosses“) zu bedie­nen. Vieles ist recht tech­nisch, kühl und gera­de­zu Kopf ver­dre­hend ver­wor­ren - nicht ohne sich selbst wie­der auf­zu­lö­sen. Dafür braucht man mehr als bloß einen Kopfhörer, dafür braucht man Talent; und gera­de in Kombination mit dem Gesang, den King Crimson selbst nur auf dem Album „Lizard“, auf dem Jon Anderson selbst gastier­te, in die­ser Weise in ihre damals noch weni­ger aus­ge­reif­ten Arrangements ein­flie­ßen las­sen konn­te, ist das trotz der Wiedererkennungen ein über­ra­schend ori­gi­nel­les Werk gewor­den, von denen es klar zu weni­ge gibt.

    Für „mehr vom sel­ben“ ist er sich selbst in Albenlänge zu scha­de: Wenn er nicht gera­de avant­gar­des­que Rockspektakel ver­an­stal­tet, spielt Me El-Ma in den ruhi­ge­ren Momenten („Eternity Heart“) auch mal Artpop - und auch das groß­ar­tig: Es guckt mal David Bowie, mal Kate Bush um die Ecke. Anderen Bands nach­zu­ei­fern ist unkrea­tiv? Theoretisch ja, prak­tisch kann es begei­stern. Wenn schon „klingt wie…“, dann wie „Bowing Crosses“!

    Reinhören: Bandcamp.com scheint zur­zeit die allei­ni­ge Vertriebsplattform für „Bowing Crosses“ zu sein (und bie­tet lei­der nur die „digi­ta­le“ Version ohne Tonträger an).

  18. Earth Ship - Resonant Sun

    Kommen wir nun zu etwas völ­lig anderem.

    Earth Ship waren auch schon mal in Deutschland und sind es wahr­schein­lich auch immer noch, denn es han­delt sich um ein Berliner Trio (Gitarre/Gesang, Schlagzeug, Bass). „Resonant Sun“ ist ihr inzwi­schen fünf­tes Album und sicher­lich kein schlech­tes, sofern man mit stark ver­zerr­ten Gitarrenriffs und unge­stü­mem „Gebrüll“, wie man es frü­her nann­te, kein gro­ßes Problem hat: Earth Ship sind eine tech­nisch ver­sier­te Sludgeband und haben nicht vor, das zu ver­stecken. Auf dem Coverbild macht ein Wolf im Kapuzenpulli ein sel­fie von sich. Versteh‘ ich nicht.

    Dass das Album mit „A Handful of Flies“, einem, um es zurück­hal­tend aus­zu­drücken, schwer zu schla­gen­den Stück, beginnt, ist viel­leicht der ein­zi­ge Kritikpunkt, denn die ande­ren sie­ben (bis neun) Stücke errei­chen des­sen Qualität nicht ganz, aber der musi­ka­li­sche Kern bleibt erhal­ten: Wahnwitzige Gitarrensoli und sel­ten clea­ner, meist hei­ser geschrie­ner Gesang lie­gen über bass­la­sti­gem Stoner-Metal mit wenig Doomeinsatz. Die Zahl der ent­hal­te­nen Liedlein ist abhän­gig vom Format, in der „digi­ta­len Version“ ist unter ande­rem auch eine (wenig berei­chern­de) Coverversion von „Children of the Revolution“ ent­hal­ten, die ich nach Konsum (nicht: Genuss) für ver­zicht­bar hal­te. Konzentrieren wir uns aber auf das Gute, näm­lich auf die Grundausstattung von „Resonant Sun“, so bleibt genug übrig, was es zu wür­di­gen gilt:

    (…) wum­mern­der E-Bass trifft auf dyna­mi­sches Schlagzeugspiel trifft auf sägen­de Gitarren trifft auf bein­har­te Reibeisenstimme.

    Wohl dem, der jetzt trotz­dem nicht an Torfrock denkt.

    Reinhören: Auf Amazon.de gibt es Hörproben, wie auch auf TIDAL sind die zuvor erwähn­ten Bonustitel hier ver­füg­bar. Nur Bandcamp.com lässt sie weg. Ich ent­hal­te mich einer Wertung.

  19. PinioL - Bran Coucou

    Apropos Metal - oder doch nicht? Ich bin jeden­falls ein biss­chen ent­täuscht von mir: Ich hat­te ange­nom­men, ich hät­te zu PoiL in der Vergangenheit schon etwas geschrie­ben, dem scheint aber nicht so zu sein.

    Dann hole ich das kurz nach: PoiL ist ein fran­zö­si­sches Trio, das bis 2014 drei an schrä­gem Avant-Zeuhl rei­che Studioalben, danach die ersten bei­den Studioalben noch mal zusam­men („L’ire des papes / Dins o cuol“) ver­öf­fent­licht hat­te. Anschließend taten sich die drei Herren mit dem ein­hei­mi­schen Quartett ni, das bis­her nur ein ein­zi­ges „vol­les“ Album („Les insur­gés de Romilly“, 2015) mit ähn­lich ver­rück­ter Musik ver­öf­fent­licht hat­te, zusam­men und nen­nen sich in die­ser Formation PinioL, was zwar unver­nünf­tig ist, weil die Reihenfolge der Buchstaben nicht mehr stimmt, aber wenig­stens ganz gut klingt. In die­ser Formation nen­nen sich die Musiker ein „abscheu­li­ches Monster, das vor nichts Angst hat“. Puh!

    Unvernünftig, aber ganz gut klin­gend ist das hier Gehörte ins­ge­samt und sowie­so, was so weit geht, dass selbst der fran­zö­si­sche (das ist doch Französisch, oder?) Gesang sich hier nicht mal in der Scatform schei­ße anhört. Das eröff­nen­de „Pilon Bran Coucou“, das anschei­nend also als „Titelstück“ durch­ge­hen könn­te, wiegt den Rezensenten zwar erst mal in Sicherheit, indem PinioL eine sich stei­gen­de Krautrocksalve im Stil einer lei­der so nie pas­sier­ten Allianz von Neu! mit Faust abfeu­ern, bevor sie einen abrup­ten Wechsel in eine Art 80er-Avantdisco voll­zie­hen, die auch spä­ter („Mimolle“) noch mal auf­ge­grif­fen wird. Ganz schön viel „Avant“ für ein Album? Ja, eben! - Wer bei die­ser Beschreibung an ver­gleich­bar irre fran­zö­si­sche Musikgruppen denkt, dem kann ich ver­si­chern, dass er damit nicht allein ist. Mir kom­men sowohl Pryapisme als auch Sebkha-Chott in den Sinn, aller­dings zei­gen sich PinioL weni­ger an Brachialität inter­es­siert als Letztgenannte. An Gitarren ist „Bran Coucou“ den­noch nicht arm, in Stücken wie das vier­zehn­mi­nü­ti­ge Mathcore-Brett „Shô Shin“ oder dem nur zum Schein erfreu­lich jazz­rocki­gen „François 1er“ bekommt die dop­pel­te Rockbandbesetzung (zwei Gitarren, zwei Bässe, zwei Schlagzeuge, sechs Mikrofone, ein Keyboard) hin­rei­chend viel Gelegenheit, die unver­ges­se­nen The Dillinger Escape Plan nicht mehr ganz so schmerz­lich ver­mis­sen zu las­sen, was sogar vor­über­ge­hend gelingt. Direkt vorm Einschlafen soll­te man es aber wahr­schein­lich trotz­dem nicht hören. Meine Nerven!

    Ob das Projekt PinioL von Dauer sein wird, ob es also zu wei­te­ren Alben kom­men wird, wird sich zei­gen müs­sen. Für kom­men­den März wol­len ni erst ein­mal wie­der allein eines raus­brin­gen. Mindestens das emp­feh­le ich jeden­falls genaue­stens zu beob­ach­ten; und „Bran Coucou“ natür­lich auch. Im kom­men­den April tre­ten die zwei­ein­halb Bands in Berlin sozu­sa­gen zusam­men auf. Das könn­te inter­es­sant werden.

    Reinhören: Amazon.de (natür­lich), TIDAL (natür­lich), Bandcamp.com (natür­lich).

  20. Soft Machine - Hidden Details

    Vor fünf­zig Jahren, 1968 also, ver­öf­fent­lich­ten die nach dem visums­be­zo­ge­nen Ausstieg Daevid Allens vor­über­ge­hend zum Trio gewor­de­nen Soft Machine, neben Caravan eine der bei­den Nachfolgebands der Wilde Flowers, ihr Debütalbum, das sich musi­ka­lisch im Psychedelic Rock ver­or­ten ließ und damit damals ganz dem Zeitgeist ent­sprach. Aufgrund ver­trag­li­cher Verpflichtungen fan­den sie sich anschlie­ßend für wei­te­re Alben zusam­men, wech­sel­ten aber mehr­fach die Besetzung. Der hier­bei größ­te Einschnitt war ver­mut­lich die Trennung von Robert Wyatt, der nach dem vier­ten Album Soft Machine ver­ließ, deren zuse­hends jazz­ori­en­tier­te­re Ausrichtung (ohne Gesang) er als san­ges­freu­di­ger Schlagzeuger nicht mehr unter­stüt­zen woll­te, und Matching Mole grün­de­te, was ein Wortspiel mit „machi­ne mol­le“ und gar nicht mal so blöd ist. Im Juni 1973 fiel er aus einem Fenster und seit­dem gibt es Matching Mole nicht mehr.

    Soft Machine haben aber bis heu­te wei­ter gemacht, wenn auch unter wech­seln­den Namen, die alle­samt mit „Soft“ began­nen. Obwohl das letz­te Gründungsmitglied Mike Ratledge bereits wäh­rend der Aufnahmen zu „Softs“ (1976) die Band ver­las­sen hat­te, nann­te man sich irgend­wann Soft Machine Legacy und seit 2015 schließ­lich wie­der Soft Machine. Das dienst­äl­te­ste Mitglied John Marshall saß immer­hin seit 1971 für meh­re­re Versionen der Gruppe an Schlagzeug und Perkussion, was ja im Jahr 2018 doch schon erwäh­nens­wert ist. „Hidden Details“ ist also das erste Studioalbum unter dem Namen Soft Machine seit dem mau­en „Land of Cockayne“ von 1981; damals bestand die Band aus John Marshall und Karl Jenkins, die bei­de vor ihrem Beitritt bei den lei­der inzwi­schen auf­ge­lö­sten Nucleus spielten.

    Wer die Bandgeschichte hin­rei­chend auf­merk­sam ver­folgt hat, der ahnt inzwi­schen ver­mut­lich, wie „Hidden Details“ wohl klingt: Seit spä­te­stens 1971 steht den Jazzern bei Soft Machine kein Gegengewicht mehr ent­ge­gen, sie kön­nen sich also nach Herzenslust aus­to­ben. „Hidden Details“ ist ein soli­des instru­men­ta­les Jazzrockalbum mit - dem auch schon seit Jahrzehnten akti­ven Bassisten Roy Babbington sei Dank - viel groo­ve, das die Wurzeln der Band in Ehren hält. Ob in der mal quir­li­gen, mal („Ground Lift“) fle­hen­den Gitarre, ob in den gele­gent­lich avant­gar­di­sti­schen „expe­ri­men­tel­len“ Ausbrüchen („Life on Bridges“), an denen Saxophonist/Flötist/Pianist Theo Travis (zuvor unter ande­rem bei Gong und diver­sen Projekten von Steven Wilson, der­zeit auch bei The Tangent aktiv) womög­lich nicht unschul­dig ist: der can­ter­bu­ry sound beglei­tet „Hidden Details“ ohne Unterlass. Die Brücke zum Altwerk schla­gen Neueinspielungen von „The Man who Waved at Trains“, ursprüng­lich auf „Bundles“ von 1975 erschie­nen, und „Out-Bloody-Rageous“ vom fan­ta­sti­schen „Third“ (1970). Abgerundet wird das Album nicht zuletzt von dem von Theo Travis und dem drit­ten Altmitglied John Etheridge, immer­hin seit 1975 an Bord, geschrie­be­nen Bonusstück „Night Sky“, das, sanft und aus­la­dend Sonnenaufgangslandschaften malend, das (wenig­stens „digi­ta­le“) Album abschließt.

    Was wir hier haben, ist also sicher­lich nicht das schlech­te­ste aller Alterswerke. Besondere Überraschungen im Jazzrock zu erwar­ten wäre inzwi­schen kaum noch von Erfolg gekrönt, aber wer mit die­ser Spielart der Musik etwas anfan­gen kann, der ist bei Soft Machine im Jahr 2018 so gut auf­ge­ho­ben wie seit lan­ger Zeit nicht mehr. Das ist doch auch mal schön.

    Reinhören: Man ist nie zu alt für Bandcamp.com; und für Amazon.de und TIDAL sowie­so nicht.

  21. Domadora - Lacuna

    Auf dem dies­jäh­ri­gen Studioalbum der Franzosen gibt es fun­keln­den hea­vy psych in aus­la­den­der Jamform mit angriffs­lu­sti­ger Gitarre zu hören, des­sen ein­zi­ger Negativpunkt zu sein scheint, dass ich ihn noch nicht live erle­ben konn­te; aber Konserve ist ja auch mal schön. Bandcamp.

  22. Yuka & Chronoship - Ship

    Eines der besten Symphonic-Prog-Alben des aus­klin­gen­den Jahres 2018 legt aus­ge­rech­net die japa­ni­sche Gruppe um Sängerin und Keyboarderin Yuka Funakoshi vor, die auf dem Konzeptalbum über die Argonautensage alle Register zwi­schen Camel und Rush zu zie­hen imstan­de ist. Amazon.de.

  23. Car Crash Weather - Secondary Drowning

    Weitgehend instru­men­ta­ler Progressive Metal mit mal bret­tern­den, mal sin­fo­ni­schen, in „The End“ sogar stark von New Wave beein­fluss­ten Eindrücken, die blei­ben. Bandcamp.com.

  24. Umphrey’s McGee - It’s Not Us

    Wer (wie ich) tanz­ba­rer Indie-Rock-Musik aus kul­tu­rell sonst eher abge­häng­ten Staaten etwas abge­win­nen kann und ganz­jäh­rig nichts gegen die mit­tels ihrer ent­stan­de­ne gute Laune ein­zu­wen­den hat, der ist auch im Winter mit „It’s Not Us“ mit Sicherheit glück­lich zu machen. Amazon.de.

  25. Automatism - From The Lake

    Auf „From The Lake“, dem aktu­el­len Musikalbum des Stockholmer Quartetts Automatism, ist im Studio impro­vi­sier­ter, jedoch lei­der nach­be­ar­bei­te­ter, stel­len­wei­se recht drecki­ger und rund­um gelun­ge­ner Psychedelic Rock ohne jeden Gesang, dafür mit drei Gastmusikern, zu hören. Bandcamp.com.

  26. Argos - Unidentified Dying Objects

    Dass der Canterbury noch nie für über­ra­gen­de Sänger bekannt war, kommt den deut­schen Ausnahmetalenten Argos nur gele­gen, die auf ihrem fünf­ten Studioalbum „Unidentified Dying Objects“ eigent­lich auch nur das machen, was sonst auch machen (näm­lich guten Canterbury Style mit dem sze­ne­ty­pi­schen Humor her­vor­brin­gen), das aber in noch immer stei­gen­der Qualität und gleich­blei­ben­der Freude am Spiel. Bandcamp.com.

  27. Homunculus Res - Della stes­sa sost­an­za dei sogni

    Ebenfalls Canterbury, dies­mal jedoch mit nicht mal furcht­ba­rem, son­dern sehr ange­nehm melo­di­schem, teil­wei­se sogar mehr­stim­mi­gem Gesang in der Landessprache, brin­gen Homunculus Res aus Italien mit, wobei sie zwei­fels­oh­ne auch das Gesamtwerk von Gentle Giant und Caravan min­de­stens schon mal gehört haben. Bandcamp.com.

  28. a bro­ken sail

    Die all­se­mest­ri­ge Dosis Postrock ver­voll­stän­digt am Ende des Jahres 2018 das Debütalbum des austra­li­schen Instrumentalquartetts a bro­ken sail, das die Welt in fünf Stücken zwi­schen zwei und zwölf Minuten Länge - lei­der momen­tan nicht als phy­si­scher Tonträger zu haben -, die Titel wie „tall buil­dings col­li­de“ (2018 geht das end­lich wie­der) tra­gen, um lang­sam dahin­trei­ben­den Shoegaze mit wär­mend flie­ßen­dem Bass berei­chert. Bandcamp.com.

  29. Interpol - Marauder

    Interpol, eine die­ser erst vor weni­gen Jahren popu­lä­ren Indie-Rock-Bands mit schnei­den­den Gitarrenmelodien, gehört zu den weni­ger ver­wüst­li­chen ihrer Gattung und beein­druckt 2018 mit ihrem immer­hin sech­sten Studioalbum „Marauder“, auf dem selbst einem Holzohr wie mir sich schwer ent­zieht, war­um Joy Division ein häu­fig gewähl­ter Vergleich bei denen sind, die beruf­lich gern Bands mit­ein­an­der ver­glei­chen. Amazon.de.

  30. Art Brut - Wham! Bang! Pow! Let’s Rock Out!

    In gewohnt exal­tier­ter Manier singt Eddie Argos gele­gent­lich bezie­hungs-, oft - zum Teil sogar auf Deutsch - ber­lin­be­zo­ge­ne Lieder vol­ler Selbstreferenzen („She Kissed Me (And It Felt Like a Hit)“), beglei­tet von einer wie­der ein­mal umbe­setz­ten Band, die mit unver­min­der­ter Spielfreude die band­ei­ge­ne Vorstellung von Indie-Rock nicht bloß spie­len, son­dern leben: „Everyone’s loo­kin‘ at the ticket machi­ne / like it’s the most com­pli­ca­ted thing that they’­ve ever seen“, hihi. Amazon.de.

So viel zu die­sem Jahr. Und früher?

2. Gutes von gestern.

  • Vor vier­zig Jahren erschien neben dem Debütalbum der damals noch enorm pro­duk­ti­ven Sängerin Kate Bush auch das ein­zi­ge Album der Band Babylon, die in einer Zeit des vor­über­ge­hend ster­ben­den Progressive Rocks viel­leicht ein­fach nur zu spät dran waren; ande­rer­seits blieb ihnen so ein Schicksal als schreck­li­che 80er-Popband erspart, wie es ande­ren zeit­ge­nös­si­schen Gruppen, dar­un­ter Yes, deren schlimm benann­tes Tormato schon den fol­gen­den Ärger erah­nen ließ, lei­der wider­fah­ren ist. Die fran­zö­si­sche Zeuhl-Institution Magma war mit Attahk immer­hin auch schon auf dem Weg dort­hin, kam einem end­gül­ti­gen Versumpfen aber mit ihrer Auflösung zuvor.
  • Vor drei­ßig Jahren, die „neue deut­sche Welle“ blüh­te fröh­lich vor sich hin, sang der spä­ter als (groß­ar­ti­ger) Schriftsteller bekannt gewor­de­ne Max Goldt als Teil des Duos Foyer des Arts auf dem Album Ein Kuss in der Irrtumstaverne unter ande­rem von dem Zusammenspiel von Penis und Vagina, was man­che (hier: mich) bis heu­te amü­siert. Seriöser ging es bei Terminal Cheesecake zu, deren EP Bladdersack nicht nur den Grundstein für ihre Karriere, son­dern auch den für Wiiija Records leg­te, die danach unter ande­rem auch Therapy? bekannt mach­ten und heu­te trotz­dem nicht mehr exi­stie­ren. So schnell kann’s gehen.
  • Vor zwan­zig Jahren war der Prog zwar schon beer­digt, erfreu­te sich im Untergrund aber noch bester Gesundheit: Fred Frith etwa, einer der Gründer von Henry Cow, ließ sich nach deren Trennung in New York nie­der und nahm an unge­zähl­ten musi­ka­li­schen Projekten teil, dar­un­ter an der von ihm gegrün­de­ten Experimentalgruppe Massacre (nicht mit der gleich­na­mi­gen Death-Metal-Band zu ver­wech­seln), die 1998 schließ­lich ihr zwei­tes Studioalbum Funny Valentine ver­öf­fent­lich­te. Sein Landsmann und zeit­wei­ser Mitmusikant Robert Wyatt - der mit dem Fenster - blieb in Europa, sang und blech­blies gele­gent­lich für ande­re Kollegen und über­rasch­te den Markt mit einer Neuabmischung sei­nes Albums Dondestan von 1991 namens Dondestan (revi­si­ted). Während Musik aus Deutschland 1998 Kraut & Rüben (WIZO) blieb, brach­ten auch die Finnen es auf beacht­li­che Leistungen: Mit ihrem eigent­li­chen Debütalbum Pingvin mach­ten Ektroverde, wie erstaun­lich vie­le ande­re fin­ni­sche Bands auch ein Nebenprojekt von Circle, mit ihrem jazz­ge­färb­ten Postrock von sich reden. Dass seit 2003 kein neu­es Album mehr von ihnen erschie­nen ist, lässt aber lei­der nicht auf wei­te­re Aufnahmen hoffen.
  • Vor zehn Jahren - apro­pos Postrock - stand sel­bi­ger in vol­ler Blüte: Nicht nur die famo­sen Sigur Rós berei­te­ten mir, wie schon damals erläu­tert, mit ihrem unge­wöhn­li­chen Með suð í­ eyrum við spilum enda­l­aust Vergnügen, auch Misuse (inzwi­schen anschei­nend inak­tiv), Maybeshewill (inzwi­schen lei­der auf­ge­löst) und Russian Circles (immer­hin noch exi­stent) spiel­ten mit neu­en Alben auf. Am ande­ren Ende der Skala debü­tier­te die Post-Hardcore-Band La Dispute mit Somewhere at the Bottom of the River Between Vega and Altair, mit­ten­drin bahn­te sich das, was regel­mä­ßig „Indie“ genannt wird, als sei das eine Stilbeschreibung, sei­nen Weg: Konstantin Gropper setz­te als Get Well Soon mit Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon Nuancen, Stephen Malkmus (vor­her bei Pavement) nahm gleich zwei Alben auf, näm­lich Real Emotional Trash mit den Jicks und Lookout Mountain, Lookout Sea mit den Silver Jews. Auf ein Album, näm­lich Narrow Stairs, beschränk­ten sich Death Cab for Cutie. Der Autor die­ser Zeilen nutz­te das Jahr weni­ger sinn­voll und fing bereits im Juni mit die­sen Jahresrückschauen an. Das haben wir jetzt alle davon.

Das soll erst mal rei­chen. Ich bit­te wie üblich um wei­te­re Empfehlungen und wün­sche anson­sten eine gute Reise - ich war­te hier.

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