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Musik 12/2018 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 21 von 22 der Serie Jahresrückblick

Ach je, schon wieder haben wir es mit einem Jahresende zu tun! In einer Zeit schwindender Gewissheiten bleibt jedenfalls die, dass dies eine gute Gelegenheit ist, um zum zweiten Mal in diesem Jahr auf die empfehlenswertesten Musikalben 2018 zurückzublicken. Während die Jugend immer noch Podcasts hört, die doch heutzutage eigentlich Phonecasts heißen müssten, gebe ich mich lieber der wahren Kultur hin. „Nicht jedes Gequiek“, befand einmal Ulrich Erckenbrecht, „ist Musik“. So halte ich es selbstverständlich ebenfalls.

Der Kalender hinderte mich erneut nicht daran, im vergehenden Halbjahr ungeduldig und darum vorzeitig auf die aktuellen Studioalben von Abraham, Árstíðir, Monophonist, VAK und Träden hinzuweisen. Kunden, die das kauften, kauften auch…

Zum Glück sind noch genug andere Musikalben übrig geblieben, nämlich die folgenden. Fangen wir an.

1. Neues von heute.

  1. Spurv – Myra

    Wenn wir es hier schon mit solchen Temperaturen zu tun haben, dann wollen wir wenigstens auch die richtige Musik dazu hören. Spurv – das bedeutet „Spatz“ auf Norwegisch – ist daher eine durchaus ansprechende Formation aus Oslo, deren jüngstes Studioalbum „Myra“ allerdings bereits im Mai 2018 erscheinen durfte. Als Gastmusiker sind auf „Myra“ unter anderem Mitglieder von Ulver zu hören. Nicht immer sind solche Hilfsarbeiten ein Versuch des namedroppings, das haben Spurv nicht nötig. Auf dem Coverbild knuddelt eine Frau ein Rentier. Ich wäre sehr albern, leitete ich daraus etwas über Norwegen ab.

    Trotzdem erfüllen Spurv wenigstens das Klischee, dass Musikgruppen aus der Gegend bitteschön vor allem so was wie Postrock zu spielen haben, denn in Norwegen ist es bekanntlich immer dunkel. So auch hier: Zwar nennen sich die Musiker selbst eine Postmetalband, ich aber weigere mich, mich dieser Selbstbezeichnung anzuschließen, und verorte sie stur im Shoegaze, Abteilung Instrumentalmusik. Tja! Zu hören gibt es flächige Gitarren mit Cello und Geige. Aus solchen einfachen Zutaten sind sehr gute Alben gemacht und auch „Myra“ ist ein sehr gutes Album.

    Flächig geht es gelegentlich nicht nur in die Breite, sondern auch in die Höhe, so etwa im beinahe doomtauglichen „Fra Myrtempelet“ und im fantastischen „Fra dypet under stenen“, das, obwohl es auf ein Verglühen hincrescendiert, mit entspanntem Klavier ausklingt. Huch! In „Allting får sin ende, også natten“ lassen die Musiker Heidegger zu Klavierbegleitung über die Sterblichkeit des Menschen dozieren, anschließend bricht Postrockgewitter („Post-Metal“) los.

    Eigentlich schade, dass normale Spatzen nur so blöde Piepgeräusche machen.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com gibt es einen Komplettstream, auf Amazon.de Hörproben und Kauf.

  2. Kōenji Hyakkei – Dhorimviskha
    „Veedem quidhas twlliees immidavally“ (Phlessttighas)

    Nachdem die französische Ausnahmeerscheinung Magma das John-Coltrane-Gedächtnisgenre Zeuhl – wohl ungefähr „Söhl“ ausgesprochen; verrückte Franzosen immer! – erfunden und eine Zeitlang allein ausgefüllt haben, entstanden irgendwann auch außerhalb Frankreichs erste Musikprojekte, die diesem Stil etwas abgewinnen konnten, etwa Univers Zéro aus Belgien. Nicht alle übernahmen die Kunstsprache Kobaïanisch oder den vielstimmigen Chorgesang, ihnen allen sind aber die dominante, jazznahe Rhythmik und das Spiel mit der hypnotischen Wiederholung gemein. Bis heute bleibt Frankreich der Mittelpunkt der internationalen Zeuhlszene, als starker Konkurrent hat sich aber inzwischen Japan herausgestellt.

    In Japan, regelmäßigen Lesern meiner Rückschauen sowieso längst als Land der positiv bekloppten Musik bekannt, gründete Schlagzeuger und Sänger Tatsuya Yoshida bereits 1985 das Duo Ruins, dessen Musik mit Text zu beschreiben nicht ganz einfach ist, Zeuhl auf Koks in der Achterbahn träfe es aber ganz gut. Weil so ein Duo einen japanischen Musiker aber nicht auslastet, ist Tatsuya Yoshida nebenbei auch noch anderweitig beschäftigt, unter anderem in Projekten mit Mitgliedern der gleichfalls bisher nicht durch wenig Aktivität aufgefallenen Acid Mothers Temple. Außerdem gründete er 1991 die Band Kōenji Hyakkei, von deren Gründungsmitgliedern nur noch er selbst mitmacht, obwohl sie auf „Dhorimviskha“, ihrem ersten Studioalbum seit 2005, schon wieder zu sechst ist.

    Weil man zu sechst auch andere Musik machen kann als zu zweit, unterscheidet sich dieselbe auf „Dhorimvishka“, was bestimmt irgendwas heißt, recht deutlich von dem, was von Ruins normalerweise zu hören ist. Neben diesen und Magma höre ich hier jedenfalls, vor allem in den textlosen Gesangspassagen, auch Yes. Natürlich gibt es hier weitgehend, bis in das abschließende Titelstück hinein, auch Zeuhlrhythmik und meist komisch überdrehten repetitiven Gesang mit und ohne Text, zumeist von Sängerin „Ah“, zu hören, aber Funk und Jazz kämpfen hart um die Aufmerksamkeit des Hörers. In „Levhorm“ meine ich gar Latinmusik auszumachen. Das für Bandverhältnisse ungewöhnlich ruhig groovend beginnende „Palbeth Tissilaq“ woanders als im reinen Jazzrock zu verorten schiene mir auch falsch.

    Klar: Wer Magma nicht mag, der wird mit „Dhorimviskha“ voraussichtlich auch nicht zufrieden sein. Wer aber gelegentlich eine Dosis Zeuhl vertragen kann, den werden Kōenji Hyakkei kaum enttäuschen. Den Versuch ist es wert.

    Reinhören: Amazon.de hat Download und Hörproben im Sortiment.

  3. Body/Head – The Switch
    „Scream to the wind“ (Last Time)

    Wir wechseln elegant das Land: Body/Head sind ein US-amerikanisches Gitarrenduo. Wer der Körper und wer der Kopf ist, weiß ich nicht. Das ist angesichts der Herkunft der beiden Musiker aber auch völlig unerheblich, denn wenigstens einen Namen kennt man: Kim Gordon war von 1981 bis 2011 Teil der erfreulichen Band Sonic Youth, die mit ihrer Trennung von Thurston Moore zu existieren aufgehört hat, seit 2012 ist sie mit Bill Nace zusammen auf musikalischen Pfaden unterwegs. Bill Nace wiederum kennt man bisher nur vom 2013er Debütalbum von Body/Head, „Coming Apart“, aber man sollte ihn sich vermutlich endlich mal merken.

    Dass Body/Head trotz dieses Neuanfangs und der minimalen Besetzung – offiziell sind nur Gesang (Kim Gordon) und zwei Gitarren (beide) als Beteiligte genannt – eigentlich wie eine Fortsetzung von Sonic Youth klingen, überrascht kaum. „The Switch“ ist ein minimalistisch-experimentelles Album voller „No Wave“. Das hat man ja auch schon länger nicht mehr gehört. Enthalten sind fünf Stücke, aber die haben es in sich.

    Die Gitarre schwingt und schweigt im eröffnenden „Last Time“, nach drei Minuten ertönt gedehnter Gesang. Es klingt wie die frühen Kraut-Psychedelic-Experimente und ich würde mir einen Experimentalfilm mit dieser Untermalung vermutlich aus Prinzip gern ansehen. Wieso gerate ich eigentlich in letzter Zeit immer wieder an dieses Avantgarde-Zeug? Mir soll’s ja auch recht sein. Unbeachtet schwellen die Instrumente zu Kammermusik mit Streicherstakkato an. Unwillkürlich denkt man darüber nach, was die Beatles aus der heutigen Studiotechnik gemacht hätten, wenn sie noch intakt wären. In „You Don’t Need“ wird die Kammermusik fortgesetzt. Es baut sich eine bedrohliche, dichte, beinahe industrielle, wie von einem alten Tonband abgespielt klingende Atmosphäre mit dünnem, fast untergehendem, aber wieder krautigen Gesang auf. Damals war Gesang ja auch selten gut. Das Stück endet plötzlich.

    Es folgt „In The Dark Room“: Der Beginn klingt wie der Verbindungsaufbau eines alten Modems, geht dann aber über in eine vergleichbar sterile Umgebung. Genau so würde ich einen dunklen Raum auch vertonen, wenn ich ein bisschen Ahnung von Stimmung und Musikmachen hätte. Elektronisch erzeugte Klangeffekte, darunter ein unklares Kratzen, lassen mich abermals aufhorchen, wie es eigentlich immer passiert, wenn ich mich an das noch immer ziemlich geile „asia“ von boris (hier entlang) erinnert fühle. Hier gibt es keinen Gesang, hier gibt es nur Stimmung. Hui! „Change My Brain“ ist anfangs eigentlich fast das gleiche Stück, aber mit noisiger Gitarre statt bloßer Effekte. Nach zwei Minuten setzt abermals der melodiefreie Gesang Kim Gordons ein. Gegen 4:30 Minuten intensiviert sich dieser aber erstmals auf dem Album in einer Art Refrain, bevor der Instrumentalteil wieder einsetzt. Irgendwas ist mit meinem Hirn bereits jetzt passiert. „Change My Brain“ ist 10:41 Minuten lang und damit eigentlich immer noch zu kurz.

    Zum Schluss – „Reverse Hard“ – haut das Duo dem Hörer noch einmal Dronegewitter, dann wieder industrielle Elektronik um die Ohren. Nach fast fünf Minuten ertönt Gesang, der wie durch ein Wasserglas gesungen klingt, dazu schneidende Gitarren. Nach sechs Minuten ist es vorb- nein, doch nicht, ein neuer Teil beginnt: Eine verzerrte Gitarre breitet eine Wüste vor dem geistigen Auge aus. Kakteen entstehen, hin und wieder ein bedrohliches Lebewesen, hier gespielt von einem Bass, der wahrscheinlich auch wieder so ein Gitarreneffekt ist. Erneut undeutlicher „Wasser“-Gesang. Das Stück wird zum Ende hin schneller, die Stimme bellt nun eher als sie singt. Das Stück verklingt instrumental mit verzerrter Elektronik.

    Was war das? „The Switch“ braucht unbedingt einen zweiten, wenn nicht gar einen dritten Hördurchlauf, bevor es sich erschließt. Ich weiß es zu würdigen, dass hier oberflächlich nur wenig passiert, während sich das Album kaum merklich ins Nervensystem bohrt. Es muss ja nicht immer scheppern.

    Reinhören: „The Switch“ gibt es auf Bandcamp.com und TIDAL als Komplettstream, auf Amazon.de auszugsweise und zum Kauf.

  4. H E X – H E X

    Apropos Scheppern.

    H E X, die anscheinend mit Leerzeichen geschrieben werden möchten, sind eine Schweizer Band und heißen wie ein Album von Bark Psychosis, aber das kann Zufall sein. Musikalisch und auch sonst ist wenig Gemeinsamkeit festzustellen, sieht man davon ab, dass ich beide Bands zu kennen nicht für Zeitverschwendung halte.

    Die Band selbst nennt ihre Musik „Psychedelic Industrial“, was sich eigenartig genug vorstellen lässt. Dominiert wird das Album, das anscheinend wie die Band heißt und sogar nur aus vier (wenn auch vergleichsweise langen) Stücken zusammengesetzt ist, allerdings von einem mitunter monotonen groove, der vor allem (uns) von Faust und Can Begeisterte verzückt. Die Musik ist ziemlich dicht und klingt manchmal wie eine überwiegend instrumentale Variante von Laibach mit weniger gothic. Jau.

    Überwiegend instrumental? Naja: In „Collider“ taucht erstmals kaum verständlicher Gesang auf, viel zu leise, um verstanden zu werden, was Absicht sein könnte. „Highrise“ ist wieder ein Gesangsstück, jedoch wird auch hier der Gesang von der Industrial-Wucht schier erdrückt und dient daher vielmehr als melodischer Gegenpunkt. Apropos „Collider“: Lässt sich dieses Liedlein noch als Postpunk kategorisieren und gräbt „Process“ tief im Industrial, so vermeidet der dronegeladene Postrock, den man sonst auch von Isis so oder so ähnlich schon mal gehört hat, ein Schwarzweißbild, was das Kategorisieren betrifft. Ich gäbe für so etwas grundsätzlich Bonuspunkte, wenn ich hier überhaupt irgendwelche Punkte verteilte.

    Da ich darauf aber gern verzichte, bleibt mir in Reintext die Erkenntnis, dass „H E X“ eine willkommene Abwechslung in der sonst doch sehr gitarrenrockorientierten Liste dieses Semesters ist. Man sollte aber in der richtigen Stimmung sein – für Frühling oder gar Sommer ist das hier nichts, auch wenn’s bereits im Mai dieses Jahres erschien. Zu heute passt es allerdings ausgezeichnet.

    Reinhören: Stream und Kauf stellen H E X via Bandcamp.com bereit, ansonsten mag’s Amazon.de tun.

  5. Prairie – After the Flash Flood

    Wir bleiben bei Drones. Bei Prairie, so ist im Internet zu lesen, handelt es sich um „das Projekt“ des aus Brüssel stammenden, aber in den Niederlanden wurzelnden Multiinstrumentalisten und Produzenten Marc Jacobs, der live noch mehr Musiker um sich schart und zuvor bereits Musik beim Berliner Verlag Shitkatapult, der zwar schön heißt, mir aber bisher namentlich unbekannt war, unterbringen konnte. Wenn das hier jedoch Scheiße ist, dann kann Marc Jacobs daraus Gold machen und gehört erst recht erwähnt.

    Eine Eiswüste türmt sich auf, von fern donnert floydesque Perkussion auf und verklingt: Mit „Flash Flood“ beginnt das Album „After the Flash Flood“ ungefähr wie angenommen, hat man erst einmal einen Blick auf das Coverbild geworfen. Das Thema „Eiswüste“ wird später auch mit Geräuschen berstenden Eises („Hard Water:Cracked Ice“) nochmals in Erinnerung gerufen. Der geneigte Rezensent kommt nicht umhin, ein wenig zu frieren, was derzeit – Mitte September – keine Selbstverständlichkeit, dafür jedoch sehr angenehm ist.

    Der Rest des Albums, der nach „Flash Flood“ ertönt, steht diesem hinsichtlich der Intensität und Dichte nicht nach; mal wird mit Sprachfetzen und Störgeräuschen eine beklemmende Atmosphäre geschaffen („Raindeaf“), mal breiten Prairie mit vielschichtigen drones abermals eine, nun ja, akustische Prärie vor dem Hörer aus. Auch leise, mitunter indisch angehauchte Momente finden sich auf dem Album („A Permanent War Economy“, „Elephants Will Rise Again“). Was jedoch nicht auftaucht, ist Gesang. Brauch’mer des? Nein, in diese Stimmung reinzusingen wäre gehässig.

    „After The Flash Flood“ belohnt Geduld mit Tiefe. Wer keine solche (also Geduld, nicht Tiefe) mitbringt, der möge dieses Album beim unvermeidlichen Kauf all meiner Empfehlungen auslassen. Allen anderen möge es ein Genuss sein wie mir.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com gibt es – ungewöhnlicherweise – nur Auszüge aus „After the Flash Flood“ zu hören, Amazon.de und TIDAL besorgen den Rest.

  6. Oh Sees – Smote Reverser

    Endlich mal wieder eine Band mit Geschichte – obwohl die gar nicht besonders lang ist.

    Von 1997 bis 2003 existierte das kalifornische Punkrockduo Pink and Brown, bestehend aus den beiden schon zuvor aufeinander getroffenen Musikern John Dwyer (Gesang, Gitarre) und Jeffrey Rosenberg (Schlagzeug). Ersterer war ebenfalls ab 1997 als Solomusiker unter dem Projektnamen Orinoka Crash Suite (kurz OCS) tätig, von 2001 bis 2005 außerdem mit der Garagenrockband Coachwhips beschäftigt. 2002 gründete er zudem Zeigenbock Kopf, eine vorgeblich deutsche Partyband mit Schwulenimage, die vermutlich bis heute existiert.

    Nach der Auflösung von Pink and Brown trat Jeffrey Rosenberg vorübergehend OCS bei, das offizielle Debütalbum „1“ wurde 2003 veröffentlicht. John Dwyer machte danach erst allein, dann mit Schlagzeuger Patrick Mullins weiter und nahm so bis 2005 drei weitere Alben auf. Anschließend wurde Sängerin Brigid Dawson Bandmitglied, von 2006 bis 2007 hieß die Band erst The Ohsees, was eine mögliche Aussprache von „OCS“ zu sein scheint, dann The Oh Sees, schließlich bis 2016 Thee Oh Sees. Das „Thee“ wurde 2017 fallen gelassen, es erschien erst „Orc“ als Oh Sees, dann „Memory of a Cut Off Head“ als OCS. Wie die Band aktuell heißt, wage ich gar nicht nachzuschlagen, als The Oh Sees wurde im Mai 2018 jedenfalls das noch aktuelle Album „Smote Reverser“ veröffentlicht, das, zählt man nur die Studioalben und nicht auch die EPs, das 21. dieser Gruppe seit 2003 ist, was recht sportlich ist. Ich mag aber keinen Sport.

    Womit ich hingegen eine Menge anfangen kann, ist – das sollte bekannt sein – gute Musik. Und „Smote Reverser“ ist durchaus nicht schlecht darin, solche zu bieten. In meinen Notizen zum Album steht „ordentlich Groove“. Ordentlich! Im Oktober dieses Jahres wurde „Moon Bog“, vom „Rolling Stone“ als Weltraumballade beschimpft, von mir als Montagsmusik ausgewählt, aber obwohl sich auf „Smote Reverser“ mit „Last Peace“ noch mehr Stilverwandtes finden lässt, greifen Oh Sees auf jede Menge Erfahrung und damit auch Vielfalt zurück: Dank der zurzeit beiden Schlagzeuger rhythmisch aufgeladener Progressive Metal („Sentient Oona“), Elektronik, die mitunter verspielt sein darf („Anthemic Aggressor“), Stoner/Hardrock („Enrique El Cobrador“, „Abysmal Urn“) und der seit über zwanzig Alben irgendwie vorhandene Garagenrock funktionieren hier großartig zusammen. Andere Bands – gern aus Großbritannien – kriegen nicht mal zwanzig Jahre lang mehr als einen Stil hin.

    Reinhören: Auf TIDAL und Bandcamp.com ist neben anderen Alben von Oh Sees auch dieses zu finden.

  7. Fire Down Below – Hymn of the Cosmic Man
    Everything I’ve ever known means nothing“ (Ignition/Space Cruiser)

    Im Jahr 2016 veröffentlichte die belgische Stoner-/Psychedelic-Rock-Band Fire Down Below ihr Debütalbum „Viper Vixen Goddess Saint“, das von Kritikern als nicht schlecht wahrgenommen wurde. 2018 folgte das Folgealbum „Hymn of the Cosmic Man“, in dem der Stil weitgehend beibehalten, aber um Spacerock erweitert wurde. Wie sollte es bei diesem Titel auch anders sein?

    Die hier gehörte Musik erinnert mich anfangs ein wenig an das klar unterschätzte „Lulu“, allerdings ohne Gesangsbeitrag. Wie dieses ist auch „Hymn of the Cosmic Man“ ein Konzeptalbum, es geht textlich im Wesentlichen um einen recht traurigen Herrn, der sich im Weltall, vermutlich von der nackten Dame auf dem Coverbild, gefangen fühlt. Musikalisch dominiert grollender Space/Thrash Metal mit kräftig verzerrter Gitarre, also so, wie ich ihn mag. Gelegentlich („Ascension“) darf es aber auch mal einfacher Hardrock sein.

    Ab dem zweiten Stück „Ignition/Space Cruiser“ ertönt auch Gesang, der zwar recht gewöhnlich (also beinahe stadiontauglich) daherkommt, aber trotzdem nicht den Eindruck erweckt, sich besonders an Radiohörer zu richten. Dafür spricht auch das abschließende „Adrift in a Sea of Stars“, das mit seiner Länge von über elf Minuten im derzeitigen Formatradio nicht mal zwischen zwei Werbepausen passen würde. Das Internet findet stilistische Übereinstimmungen mit Tool und Kyuss. Ich kann das verstehen.

    Beim „Angry Metal Guy“ heißt es:

    If you like your prog psyched up, and your stoner rock proggy, this is your album.

    Passt.

    Reinhören: Bandcamp.com ist eine gute erste Anlaufstelle, ansonsten könnten Amazon.de und TIDAL nützlich sein.

  8. Rolo Tomassi – Time Will Die And Love Will Bury It

    Rolo Tomassi, benannt nach einer Figur aus dem Film L.A. Confidential, ist ein englisches Mathrockquintett, das seit seiner Gründung im Jahr 2005 mehr Alben, Singles und EPs veröffentlicht hat als manch ältere Band in drei Jahrzehnten und mit „Time Will Die And Love Will Bury It“ ein fantastisches Shoegaze-nahes Studioalbum unter die Leute zu bringen versucht. Die Genrekollegen 65daysofstatic, mit denen Rolo Tomassi auch schon mal zusammen (bzw. nacheinander) aufgetreten sind, haben vor einigen Jahren eines ihrer Stücke remixt. Die Welt ist klein.

    Wobei „Shoegaze“ auch zu einfach gedacht ist: Nachdem der instrumentale opener „Towards Dawn“ ebenso wie das leichtgängige Lied „Aftermath“ mich nachsehen ließen, was Toc.Sin eigentlich gerade machen (leider nichts mehr), und ich mich also gerade in einer entspannten Stimmung befinde, brüllt mich die Band in „Rituals“ mit Gitarrengeschepper und Growlgeschrei an. Huch!

    „The Hollow Hour“ macht nach einem gefälligen (wenn auch hektischen) Postrockintro genau so weiter. Zeit wird sterben und so klingt das auch. Selbst schuld, wer seine Rezensionen nach gerade mal zwei Stücken für einfach hält. Das Gesangsduo aus James und Eva Spence (vermutlich verwandt) schaltet im Weiteren zwischen „zuckersüßen“ (Quelle: Internet) vocals und Screamo-Aggression wie selbstverständlich um, Schönklang prägt „Time Will Die and Love Will Bury It“ nur als Alibi. So wütend muss man erst mal sein.

    Eine Verschnaufpause gewährt erstmals das siebte Stück „A Flood of Light“, das für wenige Takte am Anfang und am Ende eine ambient-Landschaft errichtet, bevor erneut der Zorn („Whispers Among Us“) durchbricht. „Risen“ beendet das Album mit Gesang und Klavierklängen dann beinahe versöhnlich.

    Hui!

    Reinhören: Wenig überraschend ist, dass auch dieses Album auf Bandcamp.com (leider nur noch als CD und Download) zu haben ist, zum Reinhören eignen sich aber auch Amazon.de und TIDAL.

  9. The STOCK – Humanize
    „The white light is dancing like a morse code“ (Kronos)

    Komischer Name, komisches Coverbild.

    The STOCK ist, wie man herausfinden kann, ein Trio aus Bad Camberg, das in Hessen liegt und trotzdem auf Fotos ganz gut aussieht. Anscheinend hat es seit seiner Gründung im Jahr 2010 bisher erst ein einziges Album aufgenommen, nämlich dieses. Auf „Humanize“, als „Langzeitprojekt“ nach dreijähriger Produktionszeit Anfang 2018 erschienen, werden drei Stücke von elfeinhalb bis etwas über 20 Minuten geboten. Schon wieder nichts fürs Radio.

    Dessen ungeachtet versuchen die drei Musiker es mit solidem Alternative Rock mit mehr gesprochenen als gesungenen lyrics. Dass sie musikhistorisch einigermaßen bewandert sind, lässt sich allerdings nicht leugnen, vor allem in der süd- und westdeutschen Musik der 1970er Jahre scheint man zu Hause zu sein. Das, was anderswo Krautrock geschmäht wird, klingt auf „Humanize“ gar nicht so furchtbar. Gut: über den nach meinem Empfinden zu sehr in den Vordergrund gemischten Gesang von Rainer Ludwig ließe sich trefflich streiten, aber so ist das im klassischen Krautrock ja auch.

    Dass staubtrockener Stoner Rock („Kronos“) das Album eröffnet, soll darüber nicht hinwegtäuschen. Das zweite Stück, „Proletarian Suicide“ (wundervoller Titel auch), klingt streckenweise nach einer Countryversion von Faust, ist insbesondere also schlagzeug- und rhythmusgetrieben. Auch das abschließende „Puzzles“ beginnt mit krautig-elektronischen Klangexperimenten, die immer wieder aufgegriffen werden, kokettiert aber durchaus auch mit bowiesquem Artpop. Dem gesamten Album „Humanize“ ist dennoch eine Ungeschliffenheit zu eigen, die für alle Fälle eine Brücke zur Garagenmusik offen hält. Man weiß ja nie. Menschlich klingen The STOCK jedenfalls auch ohne Hilfe. Kann man auch mal hören, so was.

    Reinhören: Auch The STOCK veröffentlichen Musik auf Bandcamp.com.

  10. Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs – King of Cowards
    „I talk a lot.“ (Gloamer)

    Apropos „komischer Name“: Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs haben auch einen, den sogar die Band selbst gelegentlich als „Pigsx7“ abkürzt, etwa bei der Auswahl ihrer Webdomain. Beim Schreiben ihres 2018er Albums „King of Cowards“ in einer umgebauten Scheune auf dem Land seien, behauptet die Band, tatsächlich auch Schweine anwesend gewesen.

    Anders als auf dem Vorgängeralbum „Feed the Rats“ gehen Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs hier nicht mehr vor allem auf Länge, keines der sechs Stücke ist über neun Minuten lang. Erstmals in der Band ist Schlagzeuger Chris Morley, der zuvor unter anderem für Gnod trommeln, hihatten usw. durfte. Beim „Guardian“ sprach man mit Bezug auf „King of Cowards“ von „zugänglichem Metal“, aber das ist ja noch keine qualifizierte Aussage. Geht es nach Sänger, Keyboarder und „kreativem Schwamm“ (Andreas Schiffmann) Matt Baty, so ist „King of Cowards“ ein Konzeptalbum über die sieben Todsünden, die auch als Piktogramme auf dem Coverbild zu sehen sind, was zahlenmäßig doch erstaunt. Da hätte es gern ein Stück mehr sein dürfen.

    Was anderswo mal Sludge, mal „zugänglicher Metal“ heißt, heißt bei mir dann doch eher Psychedelic/Hardrock. Hinter schweren, schleppenden Rhythmen und gelegentlich einer schreienden Gitarre spielen Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs zwischen Motörhead und Hawkwind, der heisere Gesang beziehungsweise – in „Gloamer“ – das heisere Gesprech darf sich über viel Hall freuen oder, je nach Vorliebe, ärgern. Ich ärgere mich nicht, ich höre und empfehle weiter.

    Schwein gehabt.

    Reinhören: Stream und Kauf haben Bandcamp.com und Amazon.de anzubieten, Kunden von TIDAL bekommen ebenfalls einen Stream.

  11. Sanguine Hum – Now We Have Power

    Vor elf Jahren, im Juli 2007, veröffentlichte die Joff Winks Band, gegründet von dem auch im Jazz nicht unbekannten Musiker Joff Winks, das einzige Album in voller Länge unter diesem Namen, nannte sich anschließend ein paarmal um und ist inzwischen ein Trio namens Sanguine Hum. Das diesjährige Album von Sanguine Hum heißt „Now We Have Power“ („Jetzt haben wir Kraft“), ist das Nachfolgealbum von „Now We Have Light“ („Jetzt haben wir Licht“, 2015) und lässt neugierig werden, was die drei Herren künftig noch alles haben werden.

    Derzeit haben sie vor allem die Fähigkeit, gute Melodien mit ausreichender Fähigkeit zur Instrumentenbedienung zu verbinden. Gelegentlich denke ich an Genesis aus der Zeit, bevor Phil Collins sich für einen akzeptablen Sänger hielt, aber wirklich qualitativ hochwertig klingt das ja nun auch nicht, also nehme ich das zurück. Joff Winks ist hingegen ein Sänger, der sich ein bisschen nach zeitgenössischen Popsängern, also nicht übermäßig interessant, anhört, sich aber ganz gut in den Bandkontext einfügt. Musikalisch präsentiert selbiger vor allem dichte Klaviermelodien (gespielt von Matt Baber), entspannend und angenehm zum Genießen. Ein wenig Jazz schwingt immer mit, auch wenn die Handlung hinter den Texten – ein Mann ist von einer riesigen schwebenden Blase runtergefallen – vergleichsweise hanebüchen ist. Aber ist das wichtig?

    Die beschwingte stilistische Mischung, in der ich die Einflüsse von atmosphärischem Artrock, sanftem Canterbury-Prog, dem „klassischen“ Prog und Jazz zu entdecken glaube, lässt alle textlichen Konzepte zweitrangig erscheinen. Stellenweise scheinen die geschmackvollen Piano-, Synthesizer- oder E-Piano-Beiträge die führende Rolle zu übernehmen. Sobald die Gitarre hinzukommt, herrscht wieder das perfekte Gleichgewicht in den Arrangements, das in seltenen Fällen sogar zu rockigeren Momenten führen kann. Gelegentlich (wie in „Skydive“) sind zudem Vibraphonklänge zu vernehmen, die natürlich den Leichtigkeitsfaktor des Gebotenen bedeutend erhöhen. In zwei Stücken sorgt zudem ein Gasttrompeter für jazzige und kammermusikalische („Flight of the Uberloon“) Akzente.

    Eben.

    Reinhören: Mit Amazon.de, Bandcamp.com und TIDAL gibt es hierzu hinreichend viele Gelegenheiten.

  12. Self Defense Family – Have You Considered Punk Music

    Schon mal über Punkmusik nachgedacht?

    Das ist schön, aber hier nicht ganz so wichtig, denn mit rohem Gekloppe hat „Have You Considered Punk Music“, das diesjährige Studioalbum von Self Defense Family, höchstens thematisch etwas zu tun: Sänger Patrick Kindlon, der beim Singen immer ein bisschen verzweifelt klingt, sprach andernorts, das Album handle davon, „sich mit einer Sache intensiv zu beschäftigen“, wobei man bemerkte, „dass sich der Rest der Welt einen Scheißdreck dafür interessiert“. Punk, yo.

    Nee, das hier ist Indie (was immer das schon wieder ist). Vergleiche sind diesmal recht einfach zu ziehen, denn Self Defense Family sind stolz auf ihre Vorbilder; so heißt es etwa in „Have you considered anything else“:

    You’re big on wordplay
    Into the arms of Nick Cave (…)
    You want new thoughts
    Kate Bush on ready

    Das sind nur zwei der Namen, die genannt werden, und sie beide passen zur relativ melancholischen Grundstimmung. Man solle das Album „als Verb im Präteritum begreifen“, schwafelte ein Banause für die „VISIONS“ und hat damit natürlich völlig Unrecht, denn „Have You Considered Punk Music“ findet jetzt statt, immer jetzt, so post der Punk und so psychedelic der Rock auch sein mag. Nach über dreißig gemeinsamen Veröffentlichungen kennt man seine Richtung und/oder Pappenheimer. Es ist, so viel sei noch geschrieben, ungefähr die meine.

    Reinhören: Es gibt zurzeit (Mitte Dezember 2018) noch Stream und Kauf von LP und/oder „digitalem Album“ (also so Dateien) via Bandcamp.com, ansonsten wie üblich Amazon.de bzw. TIDAL konsultieren.

  13. Tangled Thoughts of Leaving – No Tether

    Wir bleiben im Genre, wechseln aber den Kontinent: Das in Australien heimische Quartett Tangled Thoughts of Leaving (Gitarre, Bass, Schlagzeug, Klavier) veröffentlichte im Juli 2018 nach fast drei Jahren ohne neues Album ihr neuestes namens „No Tether“.

    In den bisher zehn Jahren ihres Bestehens haben Tangled Thoughts of Leaving sich in einer Szene eingerichtet, in der es schwer scheint, noch positiv herauszustechen, aber die gemeinsamen Touren und Aufnahmen mit Kollegen wie Russian Circles und sleepmakeswaves haben gezeigt, dass es auch im gelegentlich von außen ausgelutscht wirkenden Psychedelic/Postrock noch möglich ist, aufzufallen. „Doom Jazz“, „Post-Jazz“ gar, wird die hier zu hörende Musik im Internet auch genannt, aber Doom klingt anders.

    Den Jazzanteil kann aber selbst ich nicht leugnen, gelegentlich ausgedehnte Klavierpassagen („Inner Dissonance“, „Binary Collapse“) lassen das mit ihrer Intensität kaum zu. Dazwischen bleibt die Musik dicht und effektgeladen („The Alarmist“) und voller überraschender Wechsel zwischen Flächigkeit und ordentlich Wumms. Wem das alte Laut-Leise-Spiel jemals zu langweilig wird, der hat keine Seele mehr. Vor einigen Tagen sprach Bela B. im Interview mit der „ZEIT“ darüber, dass die allgemeine Verfügbarkeit von Musikstreaming der Musik dieselbe genommen habe, aber zum Glück haben Tangled Thoughts of Leaving das noch nicht gelesen.

    „Cavern Ritual“ beeindruckt mich mit genau richtig eingesetzten Längen, die Spannung wird bis zum Ende des Stückes an der Berstgrenze gehalten. Gelegentlich denke ich hier an die letzten Siebzigeralben von King Crimson und gerate ein wenig ins Träumen. – Apropos Ende: Auch das zwölfeinhalbminütige Titelstück („No Tether“), mit dem „No Tether“ endet, schafft es noch einmal, eine beklemmende Atmosphäre nicht nur aufzubauen, sondern auch zu halten. Postrock ist Musik zum Film im Kopf. Dieser hier ist in Schwarz-Weiß gedreht und ein wahres Kunstwerk.

    „In diesen Höhlen“, schrieb jemand auf „a closer listen“, könne man sich „leicht verirren“. Es bleibt aber immer das Licht am Ende des Tunnels. Nur Mut!

    Reinhören: Bandcamp.com, Amazon.de, TIDAL. Weiter im Text.

  14. Wang Wen – Invisible City

    Postrock zum Dritten? Aber gern!

    Woher eine Band, die sich Wang Wen (eigentlich 惘闻) nennt, kommen mag, bedarf keiner großen Erklärung, welche Art von Musik sie macht, womöglich aber doch. Sie sei die „führende Postrockband“ ihres Landes, spekulieren Medien, aber das ist ja auch wieder zu kurz formuliert.

    Das Sextett hat unter anderem schon gemeinsam mit pg.lost Musik aufgenommen und veröffentlicht, was ja auch ein Qualitätskriterium sein kann. Aus dem Tonausgabegerät schwillt jedenfalls flächiger Psychedelic/Postrock, bei dem sich mir Vergleiche mit Pink Floyd anbieten, zu denen ich nicht Nein sage, obwohl ich Pink Floyd hin und wieder als zähes Gewaber wahrnehme. Immerhin singt Roger Waters hier nicht.

    Überhaupt wird wenig gesungen, denn „Invisible City“ ist ein weitgehend instrumentales Album, sieht man vom stark verzerrten und somit für uns alte Leute nicht mehr verständlichen Gesang in „Stone Scissors“ ab. Im osteuropäisch anklingenden „Lost in Train Station“ wird auch ein wenig gesprochen. Als Instrument kommt unter anderem das Horn zum Einsatz, gemeinsam mit einem Klavier oder etwas, das klingt wie ein Klavier, lebt unter anderem „Silenced Dalian“ von Tiefe statt von Instrumentalwänden. Von wegen, Postrock geht nur mit Brachialgitarren! – Ich meine am Ende von „Stone Scissors“ auch ein wenig typisch asiatische Klänge (vgl. Jambinai) auszumachen. Bei „Sputnikmusic“ wurde „Invisible City“ als exzellent bewertet. Ich schließe mich vorbehaltlos an.

    Reinhören: Ist ja 2018, also sind Wang Wen mitsamt ihrer Musik auch auf Bandcamp.com zu finden. Amazon.de scheint derzeit leider keine Hörproben zu haben, Kunden von TIDAL hingegen werden ebenfalls fündig.

  15. Toby Driver – They Are the Shield

    Den Herrn hatte ich ja auch ganz vergessen. Obwohl ich vor neun Jahren das damals neue Album seiner Band maudlin of the Well empfahl und deren Nachfolgeformation Kayo Dot ab und zu mal in meiner Wahrnehmung auftauchte, blieb Toby Driver weitgehend unauffällig. Das scheint schade zu sein, denn wenn das, was er in der Zwischenzeit so angestellt hat, die Qualität von „They Are the Shield“ – wovon ich ausgehe – wenigstens teilweise erreicht, muss ich demnächst wohl etwas nachholen.

    Grundsätzlich treibt sich der Musiker, der hier von fünf Gästen (davon zwei Violinisten) unterstützt wird, nach wie vor in eher ruhigen musikalischen Gewässern herum. Ich höre weitgehend Ambientmusik, der durchaus nicht üble Gesang sucht die Nähe zu Bands wie a-ha einer-, Peter Gabriel und Ian Curtis andererseits. Das ist alles gar nicht so seicht und die Musik ist es noch weniger: Mit dank lang gehaltener Noten ausgebreiteten Klangflächen beginnt „They Are the Shield“ mit dem imposanten „Anamnesis Park“, dem längsten Stück auf dem Album. Wer die späten Talk Talk oder die wenigstens mittleren Pink Floyd mag, der wird sich hier bereits pudelwohl fühlen. Wie dieses Stück zeichnet sich auch das folgende, „Glyph“, durch allerlei Streicherklänge aus. Erstmals macht sich eine enorme Melancholie bemerkbar. Auch „470 Nanometers“ findet eher im Artrock statt, wenn auch weiterhin in einer angenehm unaufgeregten Art. Das Solowerk von Steven Wilson – nur deutlich besser – erscheint mir als geeigneter Vergleich.

    „Scaffold of Digital Snow“ ist wieder etwas ruhiger, setzt sich selbst aber mit dem leichten Spiel mit Misstönen beinahe in RIO-Gegenden. Das hätte ich nicht erwartet, heiße es aber herzlich willkommen. Bridget Bellavia, mir sonst bisher unbekannt, steuert unpeinlichen Gesang bei, Toby Driver hält sich diesmal etwas zurück. Wieder anders ist „Smoke-Scented Mycelium“: Das Schlagzeug stolpert vorwärts, im Hintergrund verzerren Geigen. Es gibt keinen offensichtlichen Refrain, das Warten darauf schürt in beachtlichem Maße die Spannung. Mit ähnlicher Technik, wir erinnern uns, arbeiteten früher auch maudlin of the Well. Apropos „früher“: Ich höre hier auch Anklänge an Nico. Ein tiefes Danke demjenigen, der mir erklären kann, warum.

    Mit dem nickcaveesquen „The Knot“, mit gerade mal 4:12 Minuten Laufzeit dem kürzesten Stück auf „They Are the Shield“, klingt das Album aus und fast wieder an. Das einzig Willkommene an digitalen Darreichungsformen ist bekanntlich, dass man nicht so lange warten muss, um wieder von vorn anzufangen.

    Reinhören: Leider nur als CD und Stream gibt es „They Are the Shield“ auf Bandcamp.com zu kaufen, Vinyl gibt Amazon.de her. Kunden von TIDAL werden auch bedient.

  16. Julia Holter – Aviary

    Julia Holter, ungefähr in meinem Alter, ist eine US-amerikanische Musikerin mit theoretischer Ahnung von („Sie selbst machte ihren Abschluss in Elektronischer Musik am California Institute of the Arts“, Wikipedia) und praktischer Erfahrung mit Musik: „Aviary“ ist ihr inzwischen achtes Studioalbum.

    Es war auch wirklich höchste Zeit, das Album (das es immerhin auch als Doppel-LP gibt) ist mit fast 90 Minuten an Musik sozusagen randvoll; und keine Minute ist verschwendet. Von einer Autorin des „Guardian“ wurde das hier Gehörte in die Nähe der sowieso unerreichten The Velvet Underground gerückt, weil es mitunter dröhne, aber das ist selbst im Vergleich zu meinen eigenen Vergleichen, die ich manchmal ziehe, zu wenig hilfreich. The Velvet Underground haben ja nie Musik gemacht, die man guten Gewissens widerspenstigen Kammerpop nennen könnte.

    „Aviary“ hingegen klingt genau so, wie man sich widerspenstigen Kammerpop vorstellen sollte: Schon vom ersten Moment an („Turn the Light On“) durchsetzt eine ordentliche Portion an RIO/Avant die eigentlich sanfte Musik. Das ausgelutschte, abgeklapperte, durchgenudelte (kann fortgesetzt werden) Imaginärgenre „Singer/Songwriter“, obwohl’s ja nur eine Tätigkeitsbeschreibung ist, lernt hier endlich eine neue Nuance kennen. Nicht schlecht. „I Shall Love 2“, das überraschend in der Albumsabfolge vor „I Shall Love 1“ steht, und „Words I Heard“ waren, wie herauszufinden ist, Singles zu diesem Album. Schade, dass die meisten Radiosender so verschnarcht sind. Die Lieder aber wirken unruhig, als fürchteten sie einen heraufziehenden Sturm. Gelegentlich („Chaitius“) rufen Orgelklänge eine sakrale Stimmung hervor, dann klingt „Aviary“ fast wie eine rauschfreundlichere Variante von Anna von Hausswolff. Ihre sechs Mitmusiker (überwiegend Streicher und Bläser) leisten gute Arbeit, das sind hier keine Instrumente zum bloßen Selbsterhalt, das ist feine Kunst. Die deutsche Bezeichnung für ein aviary ist „Vogelhaus“. Der Rabe ist hier aber näher als der Papagei. Nimmermehr.

    Reinhören: Außer auf Bandcamp.com – allmählich mache ich mir Sorgen darum, was passiert, wenn Bandcamp mal die Tore schließt – ist „Aviary“ auch auf TIDAL zu hören und auf Amazon.de zu kaufen.

  17. Me El-Ma – Bowing Crosses

    In den 1970-er Jahren, so viel erfährt man aus halbwegs sicheren Quellen, war Me El-Ma, ein israelischer Schlagzeuger, in der Progressive-Rock-Gruppe Atmosphera, die legendär gewesen sei, von der ich aber trotzdem bisher nichts kenne, aktiv. Anschließend verschlug es ihn zunächst zu anderen Musikern, dann nach Deutschland und 2002 schließlich wieder zurück nach Israel, wo er immer noch aktiv ist. „Bowing Crosses“ dürfte also ein Soloalbum – mit Gesang von Virja, was ein Frauenname zu sein scheint – sein.

    Im Onlineforum „Progressive Ears“ wurde darüber spekuliert, dass „Virja“ stattdessen auch „VirJA“, virtueller Jon Anderson also, heißen könnte. Die gesangliche Nähe zwischen Virja und besagtem früherem Sänger von Yes möchte ich auch gar nicht abstreiten, obwohl ich nicht so weit wie einige Diskussionsteilnehmer gehen würde, die hier eine Personalidentität annehmen. Gerade das fünfminütige „Please do as You please“ – Großschreibung anscheinend beabsichtigt – wäre auf „Relayer“ seinerzeit kaum aufgefallen, obwohl Me El-Ma rhythmisch noch über die Experimente der offensichtlichen Vorbilder hinausgeht; und immer nur so weit, dass es noch nicht zu viel des Guten wird. Das muss man heutzutage ja auch mal positiv anmerken.

    Bei den Vorbildern für seine Polyrhythmik scheint sich der Musiker vielmehr bei den 90er-„ProjeKcts“ von King Crimson („Perception Perfection Satisfaction“, Titelstück „Bowing Crosses“) zu bedienen. Vieles ist recht technisch, kühl und geradezu Kopf verdrehend verworren – nicht ohne sich selbst wieder aufzulösen. Dafür braucht man mehr als bloß einen Kopfhörer, dafür braucht man Talent; und gerade in Kombination mit dem Gesang, den King Crimson selbst nur auf dem Album „Lizard“, auf dem Jon Anderson selbst gastierte, in dieser Weise in ihre damals noch weniger ausgereiften Arrangements einfließen lassen konnte, ist das trotz der Wiedererkennungen ein überraschend originelles Werk geworden, von denen es klar zu wenige gibt.

    Für „mehr vom selben“ ist er sich selbst in Albenlänge zu schade: Wenn er nicht gerade avantgardesque Rockspektakel veranstaltet, spielt Me El-Ma in den ruhigeren Momenten („Eternity Heart“) auch mal Artpop – und auch das großartig: Es guckt mal David Bowie, mal Kate Bush um die Ecke. Anderen Bands nachzueifern ist unkreativ? Theoretisch ja, praktisch kann es begeistern. Wenn schon „klingt wie…“, dann wie „Bowing Crosses“!

    Reinhören: Bandcamp.com scheint zurzeit die alleinige Vertriebsplattform für „Bowing Crosses“ zu sein (und bietet leider nur die „digitale“ Version ohne Tonträger an).

  18. Earth Ship – Resonant Sun

    Kommen wir nun zu etwas völlig anderem.

    Earth Ship waren auch schon mal in Deutschland und sind es wahrscheinlich auch immer noch, denn es handelt sich um ein Berliner Trio (Gitarre/Gesang, Schlagzeug, Bass). „Resonant Sun“ ist ihr inzwischen fünftes Album und sicherlich kein schlechtes, sofern man mit stark verzerrten Gitarrenriffs und ungestümem „Gebrüll“, wie man es früher nannte, kein großes Problem hat: Earth Ship sind eine technisch versierte Sludgeband und haben nicht vor, das zu verstecken. Auf dem Coverbild macht ein Wolf im Kapuzenpulli ein selfie von sich. Versteh‘ ich nicht.

    Dass das Album mit „A Handful of Flies“, einem, um es zurückhaltend auszudrücken, schwer zu schlagenden Stück, beginnt, ist vielleicht der einzige Kritikpunkt, denn die anderen sieben (bis neun) Stücke erreichen dessen Qualität nicht ganz, aber der musikalische Kern bleibt erhalten: Wahnwitzige Gitarrensoli und selten cleaner, meist heiser geschriener Gesang liegen über basslastigem Stoner-Metal mit wenig Doomeinsatz. Die Zahl der enthaltenen Liedlein ist abhängig vom Format, in der „digitalen Version“ ist unter anderem auch eine (wenig bereichernde) Coverversion von „Children of the Revolution“ enthalten, die ich nach Konsum (nicht: Genuss) für verzichtbar halte. Konzentrieren wir uns aber auf das Gute, nämlich auf die Grundausstattung von „Resonant Sun“, so bleibt genug übrig, was es zu würdigen gilt:

    (…) wummernder E-Bass trifft auf dynamisches Schlagzeugspiel trifft auf sägende Gitarren trifft auf beinharte Reibeisenstimme.

    Wohl dem, der jetzt trotzdem nicht an Torfrock denkt.

    Reinhören: Auf Amazon.de gibt es Hörproben, wie auch auf TIDAL sind die zuvor erwähnten Bonustitel hier verfügbar. Nur Bandcamp.com lässt sie weg. Ich enthalte mich einer Wertung.

  19. PinioL – Bran Coucou

    Apropos Metal – oder doch nicht? Ich bin jedenfalls ein bisschen enttäuscht von mir: Ich hatte angenommen, ich hätte zu PoiL in der Vergangenheit schon etwas geschrieben, dem scheint aber nicht so zu sein.

    Dann hole ich das kurz nach: PoiL ist ein französisches Trio, das bis 2014 drei an schrägem Avant-Zeuhl reiche Studioalben, danach die ersten beiden Studioalben noch mal zusammen („L’ire des papes / Dins o cuol“) veröffentlicht hatte. Anschließend taten sich die drei Herren mit dem einheimischen Quartett ni, das bisher nur ein einziges „volles“ Album („Les insurgés de Romilly“, 2015) mit ähnlich verrückter Musik veröffentlicht hatte, zusammen und nennen sich in dieser Formation PinioL, was zwar unvernünftig ist, weil die Reihenfolge der Buchstaben nicht mehr stimmt, aber wenigstens ganz gut klingt. In dieser Formation nennen sich die Musiker ein „abscheuliches Monster, das vor nichts Angst hat“. Puh!

    Unvernünftig, aber ganz gut klingend ist das hier Gehörte insgesamt und sowieso, was so weit geht, dass selbst der französische (das ist doch Französisch, oder?) Gesang sich hier nicht mal in der Scatform scheiße anhört. Das eröffnende „Pilon Bran Coucou“, das anscheinend also als „Titelstück“ durchgehen könnte, wiegt den Rezensenten zwar erst mal in Sicherheit, indem PinioL eine sich steigende Krautrocksalve im Stil einer leider so nie passierten Allianz von Neu! mit Faust abfeuern, bevor sie einen abrupten Wechsel in eine Art 80er-Avantdisco vollziehen, die auch später („Mimolle“) noch mal aufgegriffen wird. Ganz schön viel „Avant“ für ein Album? Ja, eben! – Wer bei dieser Beschreibung an vergleichbar irre französische Musikgruppen denkt, dem kann ich versichern, dass er damit nicht allein ist. Mir kommen sowohl Pryapisme als auch Sebkha-Chott in den Sinn, allerdings zeigen sich PinioL weniger an Brachialität interessiert als Letztgenannte. An Gitarren ist „Bran Coucou“ dennoch nicht arm, in Stücken wie das vierzehnminütige Mathcore-Brett „Shô Shin“ oder dem nur zum Schein erfreulich jazzrockigen „François 1er“ bekommt die doppelte Rockbandbesetzung (zwei Gitarren, zwei Bässe, zwei Schlagzeuge, sechs Mikrofone, ein Keyboard) hinreichend viel Gelegenheit, die unvergessenen The Dillinger Escape Plan nicht mehr ganz so schmerzlich vermissen zu lassen, was sogar vorübergehend gelingt. Direkt vorm Einschlafen sollte man es aber wahrscheinlich trotzdem nicht hören. Meine Nerven!

    Ob das Projekt PinioL von Dauer sein wird, ob es also zu weiteren Alben kommen wird, wird sich zeigen müssen. Für kommenden März wollen ni erst einmal wieder allein eines rausbringen. Mindestens das empfehle ich jedenfalls genauestens zu beobachten; und „Bran Coucou“ natürlich auch. Im kommenden April treten die zweieinhalb Bands in Berlin sozusagen zusammen auf. Das könnte interessant werden.

    Reinhören: Amazon.de (natürlich), TIDAL (natürlich), Bandcamp.com (natürlich).

  20. Soft Machine – Hidden Details

    Vor fünfzig Jahren, 1968 also, veröffentlichten die nach dem visumsbezogenen Ausstieg Daevid Allens vorübergehend zum Trio gewordenen Soft Machine, neben Caravan eine der beiden Nachfolgebands der Wilde Flowers, ihr Debütalbum, das sich musikalisch im Psychedelic Rock verorten ließ und damit damals ganz dem Zeitgeist entsprach. Aufgrund vertraglicher Verpflichtungen fanden sie sich anschließend für weitere Alben zusammen, wechselten aber mehrfach die Besetzung. Der hierbei größte Einschnitt war vermutlich die Trennung von Robert Wyatt, der nach dem vierten Album Soft Machine verließ, deren zusehends jazzorientiertere Ausrichtung (ohne Gesang) er als sangesfreudiger Schlagzeuger nicht mehr unterstützen wollte, und Matching Mole gründete, was ein Wortspiel mit „machine molle“ und gar nicht mal so blöd ist. Im Juni 1973 fiel er aus einem Fenster und seitdem gibt es Matching Mole nicht mehr.

    Soft Machine haben aber bis heute weiter gemacht, wenn auch unter wechselnden Namen, die allesamt mit „Soft“ begannen. Obwohl das letzte Gründungsmitglied Mike Ratledge bereits während der Aufnahmen zu „Softs“ (1976) die Band verlassen hatte, nannte man sich irgendwann Soft Machine Legacy und seit 2015 schließlich wieder Soft Machine. Das dienstälteste Mitglied John Marshall saß immerhin seit 1971 für mehrere Versionen der Gruppe an Schlagzeug und Perkussion, was ja im Jahr 2018 doch schon erwähnenswert ist. „Hidden Details“ ist also das erste Studioalbum unter dem Namen Soft Machine seit dem mauen „Land of Cockayne“ von 1981; damals bestand die Band aus John Marshall und Karl Jenkins, die beide vor ihrem Beitritt bei den leider inzwischen aufgelösten Nucleus spielten.

    Wer die Bandgeschichte hinreichend aufmerksam verfolgt hat, der ahnt inzwischen vermutlich, wie „Hidden Details“ wohl klingt: Seit spätestens 1971 steht den Jazzern bei Soft Machine kein Gegengewicht mehr entgegen, sie können sich also nach Herzenslust austoben. „Hidden Details“ ist ein solides instrumentales Jazzrockalbum mit – dem auch schon seit Jahrzehnten aktiven Bassisten Roy Babbington sei Dank – viel groove, das die Wurzeln der Band in Ehren hält. Ob in der mal quirligen, mal („Ground Lift“) flehenden Gitarre, ob in den gelegentlich avantgardistischen „experimentellen“ Ausbrüchen („Life on Bridges“), an denen Saxophonist/Flötist/Pianist Theo Travis (zuvor unter anderem bei Gong und diversen Projekten von Steven Wilson, derzeit auch bei The Tangent aktiv) womöglich nicht unschuldig ist: der canterbury sound begleitet „Hidden Details“ ohne Unterlass. Die Brücke zum Altwerk schlagen Neueinspielungen von „The Man who Waved at Trains“, ursprünglich auf „Bundles“ von 1975 erschienen, und „Out-Bloody-Rageous“ vom fantastischen „Third“ (1970). Abgerundet wird das Album nicht zuletzt von dem von Theo Travis und dem dritten Altmitglied John Etheridge, immerhin seit 1975 an Bord, geschriebenen Bonusstück „Night Sky“, das, sanft und ausladend Sonnenaufgangslandschaften malend, das (wenigstens „digitale“) Album abschließt.

    Was wir hier haben, ist also sicherlich nicht das schlechteste aller Alterswerke. Besondere Überraschungen im Jazzrock zu erwarten wäre inzwischen kaum noch von Erfolg gekrönt, aber wer mit dieser Spielart der Musik etwas anfangen kann, der ist bei Soft Machine im Jahr 2018 so gut aufgehoben wie seit langer Zeit nicht mehr. Das ist doch auch mal schön.

    Reinhören: Man ist nie zu alt für Bandcamp.com; und für Amazon.de und TIDAL sowieso nicht.

  21. Domadora – Lacuna

    Auf dem diesjährigen Studioalbum der Franzosen gibt es funkelnden heavy psych in ausladender Jamform mit angriffslustiger Gitarre zu hören, dessen einziger Negativpunkt zu sein scheint, dass ich ihn noch nicht live erleben konnte; aber Konserve ist ja auch mal schön. Bandcamp.

  22. Yuka & Chronoship – Ship

    Eines der besten Symphonic-Prog-Alben des ausklingenden Jahres 2018 legt ausgerechnet die japanische Gruppe um Sängerin und Keyboarderin Yuka Funakoshi vor, die auf dem Konzeptalbum über die Argonautensage alle Register zwischen Camel und Rush zu ziehen imstande ist. Amazon.de.

  23. Car Crash Weather – Secondary Drowning

    Weitgehend instrumentaler Progressive Metal mit mal bretternden, mal sinfonischen, in „The End“ sogar stark von New Wave beeinflussten Eindrücken, die bleiben. Bandcamp.com.

  24. Umphrey’s McGee – It’s Not Us

    Wer (wie ich) tanzbarer Indie-Rock-Musik aus kulturell sonst eher abgehängten Staaten etwas abgewinnen kann und ganzjährig nichts gegen die mittels ihrer entstandene gute Laune einzuwenden hat, der ist auch im Winter mit „It’s Not Us“ mit Sicherheit glücklich zu machen. Amazon.de.

  25. Automatism – From The Lake

    Auf „From The Lake“, dem aktuellen Musikalbum des Stockholmer Quartetts Automatism, ist im Studio improvisierter, jedoch leider nachbearbeiteter, stellenweise recht dreckiger und rundum gelungener Psychedelic Rock ohne jeden Gesang, dafür mit drei Gastmusikern, zu hören. Bandcamp.com.

  26. Argos – Unidentified Dying Objects

    Dass der Canterbury noch nie für überragende Sänger bekannt war, kommt den deutschen Ausnahmetalenten Argos nur gelegen, die auf ihrem fünften Studioalbum „Unidentified Dying Objects“ eigentlich auch nur das machen, was sonst auch machen (nämlich guten Canterbury Style mit dem szenetypischen Humor hervorbringen), das aber in noch immer steigender Qualität und gleichbleibender Freude am Spiel. Bandcamp.com.

  27. Homunculus Res – Della stessa sostanza dei sogni

    Ebenfalls Canterbury, diesmal jedoch mit nicht mal furchtbarem, sondern sehr angenehm melodischem, teilweise sogar mehrstimmigem Gesang in der Landessprache, bringen Homunculus Res aus Italien mit, wobei sie zweifelsohne auch das Gesamtwerk von Gentle Giant und Caravan mindestens schon mal gehört haben. Bandcamp.com.

  28. a broken sail

    Die allsemestrige Dosis Postrock vervollständigt am Ende des Jahres 2018 das Debütalbum des australischen Instrumentalquartetts a broken sail, das die Welt in fünf Stücken zwischen zwei und zwölf Minuten Länge – leider momentan nicht als physischer Tonträger zu haben -, die Titel wie „tall buildings collide“ (2018 geht das endlich wieder) tragen, um langsam dahintreibenden Shoegaze mit wärmend fließendem Bass bereichert. Bandcamp.com.

  29. Interpol – Marauder

    Interpol, eine dieser erst vor wenigen Jahren populären Indie-Rock-Bands mit schneidenden Gitarrenmelodien, gehört zu den weniger verwüstlichen ihrer Gattung und beeindruckt 2018 mit ihrem immerhin sechsten Studioalbum „Marauder“, auf dem selbst einem Holzohr wie mir sich schwer entzieht, warum Joy Division ein häufig gewählter Vergleich bei denen sind, die beruflich gern Bands miteinander vergleichen. Amazon.de.

  30. Art Brut – Wham! Bang! Pow! Let’s Rock Out!

    In gewohnt exaltierter Manier singt Eddie Argos gelegentlich beziehungs-, oft – zum Teil sogar auf Deutsch – berlinbezogene Lieder voller Selbstreferenzen („She Kissed Me (And It Felt Like a Hit)“), begleitet von einer wieder einmal umbesetzten Band, die mit unverminderter Spielfreude die bandeigene Vorstellung von Indie-Rock nicht bloß spielen, sondern leben: „Everyone’s lookin‘ at the ticket machine / like it’s the most complicated thing that they’ve ever seen“, hihi. Amazon.de.

So viel zu diesem Jahr. Und früher?

2. Gutes von gestern.

  • Vor vierzig Jahren erschien neben dem Debütalbum der damals noch enorm produktiven Sängerin Kate Bush auch das einzige Album der Band Babylon, die in einer Zeit des vorübergehend sterbenden Progressive Rocks vielleicht einfach nur zu spät dran waren; andererseits blieb ihnen so ein Schicksal als schreckliche 80er-Popband erspart, wie es anderen zeitgenössischen Gruppen, darunter Yes, deren schlimm benanntes Tormato schon den folgenden Ärger erahnen ließ, leider widerfahren ist. Die französische Zeuhl-Institution Magma war mit Attahk immerhin auch schon auf dem Weg dorthin, kam einem endgültigen Versumpfen aber mit ihrer Auflösung zuvor.
  • Vor dreißig Jahren, die „neue deutsche Welle“ blühte fröhlich vor sich hin, sang der später als (großartiger) Schriftsteller bekannt gewordene Max Goldt als Teil des Duos Foyer des Arts auf dem Album Ein Kuss in der Irrtumstaverne unter anderem von dem Zusammenspiel von Penis und Vagina, was manche (hier: mich) bis heute amüsiert. Seriöser ging es bei Terminal Cheesecake zu, deren EP Bladdersack nicht nur den Grundstein für ihre Karriere, sondern auch den für Wiiija Records legte, die danach unter anderem auch Therapy? bekannt machten und heute trotzdem nicht mehr existieren. So schnell kann’s gehen.
  • Vor zwanzig Jahren war der Prog zwar schon beerdigt, erfreute sich im Untergrund aber noch bester Gesundheit: Fred Frith etwa, einer der Gründer von Henry Cow, ließ sich nach deren Trennung in New York nieder und nahm an ungezählten musikalischen Projekten teil, darunter an der von ihm gegründeten Experimentalgruppe Massacre (nicht mit der gleichnamigen Death-Metal-Band zu verwechseln), die 1998 schließlich ihr zweites Studioalbum Funny Valentine veröffentlichte. Sein Landsmann und zeitweiser Mitmusikant Robert Wyatt – der mit dem Fenster – blieb in Europa, sang und blechblies gelegentlich für andere Kollegen und überraschte den Markt mit einer Neuabmischung seines Albums Dondestan von 1991 namens Dondestan (revisited). Während Musik aus Deutschland 1998 Kraut & Rüben (WIZO) blieb, brachten auch die Finnen es auf beachtliche Leistungen: Mit ihrem eigentlichen Debütalbum Pingvin machten Ektroverde, wie erstaunlich viele andere finnische Bands auch ein Nebenprojekt von Circle, mit ihrem jazzgefärbten Postrock von sich reden. Dass seit 2003 kein neues Album mehr von ihnen erschienen ist, lässt aber leider nicht auf weitere Aufnahmen hoffen.
  • Vor zehn Jahren – apropos Postrock – stand selbiger in voller Blüte: Nicht nur die famosen Sigur Rós bereiteten mir, wie schon damals erläutert, mit ihrem ungewöhnlichen Með suð í­ eyrum við spilum endalaust Vergnügen, auch Misuse (inzwischen anscheinend inaktiv), Maybeshewill (inzwischen leider aufgelöst) und Russian Circles (immerhin noch existent) spielten mit neuen Alben auf. Am anderen Ende der Skala debütierte die Post-Hardcore-Band La Dispute mit Somewhere at the Bottom of the River Between Vega and Altair, mittendrin bahnte sich das, was regelmäßig „Indie“ genannt wird, als sei das eine Stilbeschreibung, seinen Weg: Konstantin Gropper setzte als Get Well Soon mit Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon Nuancen, Stephen Malkmus (vorher bei Pavement) nahm gleich zwei Alben auf, nämlich Real Emotional Trash mit den Jicks und Lookout Mountain, Lookout Sea mit den Silver Jews. Auf ein Album, nämlich Narrow Stairs, beschränkten sich Death Cab for Cutie. Der Autor dieser Zeilen nutzte das Jahr weniger sinnvoll und fing bereits im Juni mit diesen Jahresrückschauen an. Das haben wir jetzt alle davon.

Das soll erst mal reichen. Ich bitte wie üblich um weitere Empfehlungen und wünsche ansonsten eine gute Reise – ich warte hier.

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