MusikkritikKaufbefehle
Musik 12/2018 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 21 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

Ach je, schon wie­der haben wir es mit einem Jah­res­en­de zu tun! In einer Zeit schwin­den­der Gewiss­hei­ten bleibt jeden­falls die, dass dies eine gute Gele­gen­heit ist, um zum zwei­ten Mal in die­sem Jahr auf die emp­feh­lens­wer­te­sten Musik­al­ben 2018 zurück­zu­blicken. Wäh­rend die Jugend immer noch Pod­casts hört, die doch heut­zu­ta­ge eigent­lich Pho­ne­casts hei­ßen müss­ten, gebe ich mich lie­ber der wah­ren Kul­tur hin. „Nicht jedes Gequiek“, befand ein­mal Ulrich Ercken­brecht, „ist Musik“. So hal­te ich es selbst­ver­ständ­lich ebenfalls.

Der Kalen­der hin­der­te mich erneut nicht dar­an, im ver­ge­hen­den Halb­jahr unge­dul­dig und dar­um vor­zei­tig auf die aktu­el­len Stu­dio­al­ben von Abra­ham, Árstí­ðir, Mono­pho­nist, VAK und Trä­den hin­zu­wei­sen. Kun­den, die das kauf­ten, kauf­ten auch…

Zum Glück sind noch genug ande­re Musik­al­ben übrig geblie­ben, näm­lich die fol­gen­den. Fan­gen wir an.

1. Neu­es von heute.

  1. Spurv – Myra

    Wenn wir es hier schon mit sol­chen Tem­pe­ra­tu­ren zu tun haben, dann wol­len wir wenig­stens auch die rich­ti­ge Musik dazu hören. Spurv – das bedeu­tet „Spatz“ auf Nor­we­gisch – ist daher eine durch­aus anspre­chen­de For­ma­ti­on aus Oslo, deren jüng­stes Stu­dio­al­bum „Myra“ aller­dings bereits im Mai 2018 erschei­nen durf­te. Als Gast­mu­si­ker sind auf „Myra“ unter ande­rem Mit­glie­der von Ulver zu hören. Nicht immer sind sol­che Hilfs­ar­bei­ten ein Ver­such des name­drop­pings, das haben Spurv nicht nötig. Auf dem Cover­bild knud­delt eine Frau ein Ren­tier. Ich wäre sehr albern, lei­te­te ich dar­aus etwas über Nor­we­gen ab.

    Trotz­dem erfül­len Spurv wenig­stens das Kli­schee, dass Musik­grup­pen aus der Gegend bit­te­schön vor allem so was wie Post­rock zu spie­len haben, denn in Nor­we­gen ist es bekannt­lich immer dun­kel. So auch hier: Zwar nen­nen sich die Musi­ker selbst eine Post­me­tal­band, ich aber wei­ge­re mich, mich die­ser Selbst­be­zeich­nung anzu­schlie­ßen, und ver­or­te sie stur im Shoe­ga­ze, Abtei­lung Instru­men­tal­mu­sik. Tja! Zu hören gibt es flä­chi­ge Gitar­ren mit Cel­lo und Gei­ge. Aus sol­chen ein­fa­chen Zuta­ten sind sehr gute Alben gemacht und auch „Myra“ ist ein sehr gutes Album.

    Flä­chig geht es gele­gent­lich nicht nur in die Brei­te, son­dern auch in die Höhe, so etwa im bei­na­he doom­taug­li­chen „Fra Myr­tem­pelet“ und im fan­ta­sti­schen „Fra dypet under ste­nen“, das, obwohl es auf ein Ver­glü­hen hin­cre­scen­diert, mit ent­spann­tem Kla­vier aus­klingt. Huch! In „All­ting får sin ende, også nat­ten“ las­sen die Musi­ker Hei­deg­ger zu Kla­vier­be­glei­tung über die Sterb­lich­keit des Men­schen dozie­ren, anschlie­ßend bricht Postrock­ge­wit­ter („Post-Metal“) los.

    Eigent­lich scha­de, dass nor­ma­le Spat­zen nur so blö­de Piep­ge­räu­sche machen.

    Rein­hö­ren: Auf Bandcamp.com gibt es einen Kom­plett­stream, auf Amazon.de Hör­pro­ben und Kauf.

  2. Kōen­ji Hyak­kei – Dhorimviskha
    „Veedem quidhas twl­lie­es immi­da­val­ly“ (Phlesst­tighas)

    Nach­dem die fran­zö­si­sche Aus­nah­me­erschei­nung Mag­ma das John-Col­tra­ne-Gedächt­nis­gen­re Zeu­hl – wohl unge­fähr „Söhl“ aus­ge­spro­chen; ver­rück­te Fran­zo­sen immer! – erfun­den und eine Zeit­lang allein aus­ge­füllt haben, ent­stan­den irgend­wann auch außer­halb Frank­reichs erste Musik­pro­jek­te, die die­sem Stil etwas abge­win­nen konn­ten, etwa Uni­vers Zéro aus Bel­gi­en. Nicht alle über­nah­men die Kunst­spra­che Kobaïa­nisch oder den viel­stim­mi­gen Chor­ge­sang, ihnen allen sind aber die domi­nan­te, jazz­na­he Rhyth­mik und das Spiel mit der hyp­no­ti­schen Wie­der­ho­lung gemein. Bis heu­te bleibt Frank­reich der Mit­tel­punkt der inter­na­tio­na­len Zeu­hl­sze­ne, als star­ker Kon­kur­rent hat sich aber inzwi­schen Japan herausgestellt.

    In Japan, regel­mä­ßi­gen Lesern mei­ner Rück­schau­en sowie­so längst als Land der posi­tiv beklopp­ten Musik bekannt, grün­de­te Schlag­zeu­ger und Sän­ger Tats­u­ya Yoshi­da bereits 1985 das Duo Ruins, des­sen Musik mit Text zu beschrei­ben nicht ganz ein­fach ist, Zeu­hl auf Koks in der Ach­ter­bahn trä­fe es aber ganz gut. Weil so ein Duo einen japa­ni­schen Musi­ker aber nicht aus­la­stet, ist Tats­u­ya Yoshi­da neben­bei auch noch ander­wei­tig beschäf­tigt, unter ande­rem in Pro­jek­ten mit Mit­glie­dern der gleich­falls bis­her nicht durch wenig Akti­vi­tät auf­ge­fal­le­nen Acid Mothers Temp­le. Außer­dem grün­de­te er 1991 die Band Kōen­ji Hyak­kei, von deren Grün­dungs­mit­glie­dern nur noch er selbst mit­macht, obwohl sie auf „Dho­ri­m­vis­kha“, ihrem ersten Stu­dio­al­bum seit 2005, schon wie­der zu sechst ist.

    Weil man zu sechst auch ande­re Musik machen kann als zu zweit, unter­schei­det sich die­sel­be auf „Dho­ri­m­vish­ka“, was bestimmt irgend­was heißt, recht deut­lich von dem, was von Ruins nor­ma­ler­wei­se zu hören ist. Neben die­sen und Mag­ma höre ich hier jeden­falls, vor allem in den text­lo­sen Gesangs­pas­sa­gen, auch Yes. Natür­lich gibt es hier weit­ge­hend, bis in das abschlie­ßen­de Titel­stück hin­ein, auch Zeu­hl­rhyth­mik und meist komisch über­dreh­ten repe­ti­ti­ven Gesang mit und ohne Text, zumeist von Sän­ge­rin „Ah“, zu hören, aber Funk und Jazz kämp­fen hart um die Auf­merk­sam­keit des Hörers. In „Lev­horm“ mei­ne ich gar Latin­mu­sik aus­zu­ma­chen. Das für Band­ver­hält­nis­se unge­wöhn­lich ruhig groo­vend begin­nen­de „Pal­beth Tis­si­laq“ woan­ders als im rei­nen Jazz­rock zu ver­or­ten schie­ne mir auch falsch.

    Klar: Wer Mag­ma nicht mag, der wird mit „Dho­ri­m­vis­kha“ vor­aus­sicht­lich auch nicht zufrie­den sein. Wer aber gele­gent­lich eine Dosis Zeu­hl ver­tra­gen kann, den wer­den Kōen­ji Hyak­kei kaum ent­täu­schen. Den Ver­such ist es wert.

    Rein­hö­ren: Amazon.de hat Down­load und Hör­pro­ben im Sortiment.

  3. Body/Head – The Switch
    „Scream to the wind“ (Last Time)

    Wir wech­seln ele­gant das Land: Body/Head sind ein US-ame­ri­ka­ni­sches Gitar­ren­duo. Wer der Kör­per und wer der Kopf ist, weiß ich nicht. Das ist ange­sichts der Her­kunft der bei­den Musi­ker aber auch völ­lig uner­heb­lich, denn wenig­stens einen Namen kennt man: Kim Gor­don war von 1981 bis 2011 Teil der erfreu­li­chen Band Sonic Youth, die mit ihrer Tren­nung von Thurs­ton Moo­re zu exi­stie­ren auf­ge­hört hat, seit 2012 ist sie mit Bill Nace zusam­men auf musi­ka­li­schen Pfa­den unter­wegs. Bill Nace wie­der­um kennt man bis­her nur vom 2013er Debüt­al­bum von Body/Head, „Com­ing Apart“, aber man soll­te ihn sich ver­mut­lich end­lich mal merken.

    Dass Body/Head trotz die­ses Neu­an­fangs und der mini­ma­len Beset­zung – offi­zi­ell sind nur Gesang (Kim Gor­don) und zwei Gitar­ren (bei­de) als Betei­lig­te genannt – eigent­lich wie eine Fort­set­zung von Sonic Youth klin­gen, über­rascht kaum. „The Switch“ ist ein mini­ma­li­stisch-expe­ri­men­tel­les Album vol­ler „No Wave“. Das hat man ja auch schon län­ger nicht mehr gehört. Ent­hal­ten sind fünf Stücke, aber die haben es in sich.

    Die Gitar­re schwingt und schweigt im eröff­nen­den „Last Time“, nach drei Minu­ten ertönt gedehn­ter Gesang. Es klingt wie die frü­hen Kraut-Psy­che­de­lic-Expe­ri­men­te und ich wür­de mir einen Expe­ri­men­tal­film mit die­ser Unter­ma­lung ver­mut­lich aus Prin­zip gern anse­hen. Wie­so gera­te ich eigent­lich in letz­ter Zeit immer wie­der an die­ses Avant­gar­de-Zeug? Mir soll’s ja auch recht sein. Unbe­ach­tet schwel­len die Instru­men­te zu Kam­mer­mu­sik mit Strei­cher­st­ak­ka­to an. Unwill­kür­lich denkt man dar­über nach, was die Beat­les aus der heu­ti­gen Stu­dio­tech­nik gemacht hät­ten, wenn sie noch intakt wären. In „You Don’t Need“ wird die Kam­mer­mu­sik fort­ge­setzt. Es baut sich eine bedroh­li­che, dich­te, bei­na­he indu­stri­el­le, wie von einem alten Ton­band abge­spielt klin­gen­de Atmo­sphä­re mit dün­nem, fast unter­ge­hen­dem, aber wie­der krau­ti­gen Gesang auf. Damals war Gesang ja auch sel­ten gut. Das Stück endet plötzlich.

    Es folgt „In The Dark Room“: Der Beginn klingt wie der Ver­bin­dungs­auf­bau eines alten Modems, geht dann aber über in eine ver­gleich­bar ste­ri­le Umge­bung. Genau so wür­de ich einen dunk­len Raum auch ver­to­nen, wenn ich ein biss­chen Ahnung von Stim­mung und Musik­ma­chen hät­te. Elek­tro­nisch erzeug­te Klang­ef­fek­te, dar­un­ter ein unkla­res Krat­zen, las­sen mich aber­mals auf­hor­chen, wie es eigent­lich immer pas­siert, wenn ich mich an das noch immer ziem­lich gei­le „asia“ von boris (hier ent­lang) erin­nert füh­le. Hier gibt es kei­nen Gesang, hier gibt es nur Stim­mung. Hui! „Chan­ge My Brain“ ist anfangs eigent­lich fast das glei­che Stück, aber mit noi­si­ger Gitar­re statt blo­ßer Effek­te. Nach zwei Minu­ten setzt aber­mals der melo­die­freie Gesang Kim Gor­dons ein. Gegen 4:30 Minu­ten inten­si­viert sich die­ser aber erst­mals auf dem Album in einer Art Refrain, bevor der Instru­men­tal­teil wie­der ein­setzt. Irgend­was ist mit mei­nem Hirn bereits jetzt pas­siert. „Chan­ge My Brain“ ist 10:41 Minu­ten lang und damit eigent­lich immer noch zu kurz.

    Zum Schluss – „Rever­se Hard“ – haut das Duo dem Hörer noch ein­mal Dro­ne­ge­wit­ter, dann wie­der indu­stri­el­le Elek­tro­nik um die Ohren. Nach fast fünf Minu­ten ertönt Gesang, der wie durch ein Was­ser­glas gesun­gen klingt, dazu schnei­den­de Gitar­ren. Nach sechs Minu­ten ist es vorb- nein, doch nicht, ein neu­er Teil beginnt: Eine ver­zerr­te Gitar­re brei­tet eine Wüste vor dem gei­sti­gen Auge aus. Kak­teen ent­ste­hen, hin und wie­der ein bedroh­li­ches Lebe­we­sen, hier gespielt von einem Bass, der wahr­schein­lich auch wie­der so ein Gitar­ren­ef­fekt ist. Erneut undeut­li­cher „Wasser“-Gesang. Das Stück wird zum Ende hin schnel­ler, die Stim­me bellt nun eher als sie singt. Das Stück ver­klingt instru­men­tal mit ver­zerr­ter Elektronik.

    Was war das? „The Switch“ braucht unbe­dingt einen zwei­ten, wenn nicht gar einen drit­ten Hör­durch­lauf, bevor es sich erschließt. Ich weiß es zu wür­di­gen, dass hier ober­fläch­lich nur wenig pas­siert, wäh­rend sich das Album kaum merk­lich ins Ner­ven­sy­stem bohrt. Es muss ja nicht immer scheppern.

    Rein­hö­ren: „The Switch“ gibt es auf Bandcamp.com und TIDAL als Kom­plett­stream, auf Amazon.de aus­zugs­wei­se und zum Kauf.

  4. H E X – H E X

    Apro­pos Scheppern.

    H E X, die anschei­nend mit Leer­zei­chen geschrie­ben wer­den möch­ten, sind eine Schwei­zer Band und hei­ßen wie ein Album von Bark Psy­cho­sis, aber das kann Zufall sein. Musi­ka­lisch und auch sonst ist wenig Gemein­sam­keit fest­zu­stel­len, sieht man davon ab, dass ich bei­de Bands zu ken­nen nicht für Zeit­ver­schwen­dung halte.

    Die Band selbst nennt ihre Musik „Psy­che­de­lic Indu­stri­al“, was sich eigen­ar­tig genug vor­stel­len lässt. Domi­niert wird das Album, das anschei­nend wie die Band heißt und sogar nur aus vier (wenn auch ver­gleichs­wei­se lan­gen) Stücken zusam­men­ge­setzt ist, aller­dings von einem mit­un­ter mono­to­nen groo­ve, der vor allem (uns) von Faust und Can Begei­ster­te ver­zückt. Die Musik ist ziem­lich dicht und klingt manch­mal wie eine über­wie­gend instru­men­ta­le Vari­an­te von Lai­bach mit weni­ger gothic. Jau.

    Über­wie­gend instru­men­tal? Naja: In „Col­li­der“ taucht erst­mals kaum ver­ständ­li­cher Gesang auf, viel zu lei­se, um ver­stan­den zu wer­den, was Absicht sein könn­te. „Highri­se“ ist wie­der ein Gesangs­stück, jedoch wird auch hier der Gesang von der Indu­stri­al-Wucht schier erdrückt und dient daher viel­mehr als melo­di­scher Gegen­punkt. Apro­pos „Col­li­der“: Lässt sich die­ses Lied­lein noch als Post­punk kate­go­ri­sie­ren und gräbt „Pro­cess“ tief im Indu­stri­al, so ver­mei­det der dro­ne­ge­la­de­ne Post­rock, den man sonst auch von Isis so oder so ähn­lich schon mal gehört hat, ein Schwarz­weiß­bild, was das Kate­go­ri­sie­ren betrifft. Ich gäbe für so etwas grund­sätz­lich Bonus­punk­te, wenn ich hier über­haupt irgend­wel­che Punk­te verteilte.

    Da ich dar­auf aber gern ver­zich­te, bleibt mir in Rein­text die Erkennt­nis, dass „H E X“ eine will­kom­me­ne Abwechs­lung in der sonst doch sehr gitar­ren­rock­ori­en­tier­ten Liste die­ses Seme­sters ist. Man soll­te aber in der rich­ti­gen Stim­mung sein – für Früh­ling oder gar Som­mer ist das hier nichts, auch wenn’s bereits im Mai die­ses Jah­res erschien. Zu heu­te passt es aller­dings ausgezeichnet.

    Rein­hö­ren: Stream und Kauf stel­len H E X via Bandcamp.com bereit, anson­sten mag’s Amazon.de tun.

  5. Prai­rie – After the Flash Flood

    Wir blei­ben bei Dro­nes. Bei Prai­rie, so ist im Inter­net zu lesen, han­delt es sich um „das Pro­jekt“ des aus Brüs­sel stam­men­den, aber in den Nie­der­lan­den wur­zeln­den Mul­ti­in­stru­men­ta­li­sten und Pro­du­zen­ten Marc Jacobs, der live noch mehr Musi­ker um sich schart und zuvor bereits Musik beim Ber­li­ner Ver­lag Shit­ka­ta­pult, der zwar schön heißt, mir aber bis­her nament­lich unbe­kannt war, unter­brin­gen konn­te. Wenn das hier jedoch Schei­ße ist, dann kann Marc Jacobs dar­aus Gold machen und gehört erst recht erwähnt.

    Eine Eis­wü­ste türmt sich auf, von fern don­nert floy­des­que Per­kus­si­on auf und ver­klingt: Mit „Flash Flood“ beginnt das Album „After the Flash Flood“ unge­fähr wie ange­nom­men, hat man erst ein­mal einen Blick auf das Cover­bild gewor­fen. Das The­ma „Eis­wü­ste“ wird spä­ter auch mit Geräu­schen ber­sten­den Eises („Hard Water:Cracked Ice“) noch­mals in Erin­ne­rung geru­fen. Der geneig­te Rezen­sent kommt nicht umhin, ein wenig zu frie­ren, was der­zeit – Mit­te Sep­tem­ber – kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, dafür jedoch sehr ange­nehm ist.

    Der Rest des Albums, der nach „Flash Flood“ ertönt, steht die­sem hin­sicht­lich der Inten­si­tät und Dich­te nicht nach; mal wird mit Sprach­fet­zen und Stör­ge­räu­schen eine beklem­men­de Atmo­sphä­re geschaf­fen („Rain­de­af“), mal brei­ten Prai­rie mit viel­schich­ti­gen dro­nes aber­mals eine, nun ja, aku­sti­sche Prä­rie vor dem Hörer aus. Auch lei­se, mit­un­ter indisch ange­hauch­te Momen­te fin­den sich auf dem Album („A Per­ma­nent War Eco­no­my“, „Ele­phants Will Rise Again“). Was jedoch nicht auf­taucht, ist Gesang. Brauch’­mer des? Nein, in die­se Stim­mung rein­zu­sin­gen wäre gehässig.

    „After The Flash Flood“ belohnt Geduld mit Tie­fe. Wer kei­ne sol­che (also Geduld, nicht Tie­fe) mit­bringt, der möge die­ses Album beim unver­meid­li­chen Kauf all mei­ner Emp­feh­lun­gen aus­las­sen. Allen ande­ren möge es ein Genuss sein wie mir.

    Rein­hö­ren: Auf Bandcamp.com gibt es – unge­wöhn­li­cher­wei­se – nur Aus­zü­ge aus „After the Flash Flood“ zu hören, Amazon.de und TIDAL besor­gen den Rest.

  6. Oh Sees – Smo­te Reverser

    End­lich mal wie­der eine Band mit Geschich­te – obwohl die gar nicht beson­ders lang ist.

    Von 1997 bis 2003 exi­stier­te das kali­for­ni­sche Punk­rock­duo Pink and Brown, bestehend aus den bei­den schon zuvor auf­ein­an­der getrof­fe­nen Musi­kern John Dwy­er (Gesang, Gitar­re) und Jef­frey Rosen­berg (Schlag­zeug). Erste­rer war eben­falls ab 1997 als Solo­mu­si­ker unter dem Pro­jekt­na­men Ori­no­ka Crash Suite (kurz OCS) tätig, von 2001 bis 2005 außer­dem mit der Gara­gen­rock­band Coach­whips beschäf­tigt. 2002 grün­de­te er zudem Zei­gen­bock Kopf, eine vor­geb­lich deut­sche Par­ty­band mit Schwu­len­image, die ver­mut­lich bis heu­te existiert.

    Nach der Auf­lö­sung von Pink and Brown trat Jef­frey Rosen­berg vor­über­ge­hend OCS bei, das offi­zi­el­le Debüt­al­bum „1“ wur­de 2003 ver­öf­fent­licht. John Dwy­er mach­te danach erst allein, dann mit Schlag­zeu­ger Patrick Mul­lins wei­ter und nahm so bis 2005 drei wei­te­re Alben auf. Anschlie­ßend wur­de Sän­ge­rin Bri­gid Daw­son Band­mit­glied, von 2006 bis 2007 hieß die Band erst The Ohsees, was eine mög­li­che Aus­spra­che von „OCS“ zu sein scheint, dann The Oh Sees, schließ­lich bis 2016 Thee Oh Sees. Das „Thee“ wur­de 2017 fal­len gelas­sen, es erschien erst „Orc“ als Oh Sees, dann „Memo­ry of a Cut Off Head“ als OCS. Wie die Band aktu­ell heißt, wage ich gar nicht nach­zu­schla­gen, als The Oh Sees wur­de im Mai 2018 jeden­falls das noch aktu­el­le Album „Smo­te Rever­ser“ ver­öf­fent­licht, das, zählt man nur die Stu­dio­al­ben und nicht auch die EPs, das 21. die­ser Grup­pe seit 2003 ist, was recht sport­lich ist. Ich mag aber kei­nen Sport.

    Womit ich hin­ge­gen eine Men­ge anfan­gen kann, ist – das soll­te bekannt sein – gute Musik. Und „Smo­te Rever­ser“ ist durch­aus nicht schlecht dar­in, sol­che zu bie­ten. In mei­nen Noti­zen zum Album steht „ordent­lich Groo­ve“. Ordent­lich! Im Okto­ber die­ses Jah­res wur­de „Moon Bog“, vom „Rol­ling Stone“ als Welt­raum­bal­la­de beschimpft, von mir als Mon­tags­mu­sik aus­ge­wählt, aber obwohl sich auf „Smo­te Rever­ser“ mit „Last Peace“ noch mehr Stil­ver­wand­tes fin­den lässt, grei­fen Oh Sees auf jede Men­ge Erfah­rung und damit auch Viel­falt zurück: Dank der zur­zeit bei­den Schlag­zeu­ger rhyth­misch auf­ge­la­de­ner Pro­gres­si­ve Metal („Sen­tient Oona“), Elek­tro­nik, die mit­un­ter ver­spielt sein darf („Ant­he­mic Aggres­sor“), Stoner/Hardrock („Enri­que El Cob­ra­dor“, „Abys­mal Urn“) und der seit über zwan­zig Alben irgend­wie vor­han­de­ne Gara­gen­rock funk­tio­nie­ren hier groß­ar­tig zusam­men. Ande­re Bands – gern aus Groß­bri­tan­ni­en – krie­gen nicht mal zwan­zig Jah­re lang mehr als einen Stil hin.

    Rein­hö­ren: Auf TIDAL und Bandcamp.com ist neben ande­ren Alben von Oh Sees auch die­ses zu finden.

  7. Fire Down Below – Hymn of the Cos­mic Man
    Ever­ything I’ve ever known means not­hing“ (Ignition/Space Cruiser)

    Im Jahr 2016 ver­öf­fent­lich­te die bel­gi­sche Stoner-/Psy­che­de­lic-Rock-Band Fire Down Below ihr Debüt­al­bum „Viper Vixen God­dess Saint“, das von Kri­ti­kern als nicht schlecht wahr­ge­nom­men wur­de. 2018 folg­te das Fol­ge­al­bum „Hymn of the Cos­mic Man“, in dem der Stil weit­ge­hend bei­be­hal­ten, aber um Spa­ce­rock erwei­tert wur­de. Wie soll­te es bei die­sem Titel auch anders sein?

    Die hier gehör­te Musik erin­nert mich anfangs ein wenig an das klar unter­schätz­te „Lulu“, aller­dings ohne Gesangs­bei­trag. Wie die­ses ist auch „Hymn of the Cos­mic Man“ ein Kon­zept­al­bum, es geht text­lich im Wesent­li­chen um einen recht trau­ri­gen Herrn, der sich im Welt­all, ver­mut­lich von der nack­ten Dame auf dem Cover­bild, gefan­gen fühlt. Musi­ka­lisch domi­niert grol­len­der Space/Thrash Metal mit kräf­tig ver­zerr­ter Gitar­re, also so, wie ich ihn mag. Gele­gent­lich („Ascen­si­on“) darf es aber auch mal ein­fa­cher Hard­rock sein.

    Ab dem zwei­ten Stück „Ignition/Space Crui­ser“ ertönt auch Gesang, der zwar recht gewöhn­lich (also bei­na­he sta­di­on­taug­lich) daher­kommt, aber trotz­dem nicht den Ein­druck erweckt, sich beson­ders an Radio­hö­rer zu rich­ten. Dafür spricht auch das abschlie­ßen­de „Adrift in a Sea of Stars“, das mit sei­ner Län­ge von über elf Minu­ten im der­zei­ti­gen For­ma­t­ra­dio nicht mal zwi­schen zwei Wer­be­pau­sen pas­sen wür­de. Das Inter­net fin­det sti­li­sti­sche Über­ein­stim­mun­gen mit Tool und Kyuss. Ich kann das verstehen.

    Beim „Angry Metal Guy“ heißt es:

    If you like your prog psy­ched up, and your stoner rock prog­gy, this is your album.

    Passt.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com ist eine gute erste Anlauf­stel­le, anson­sten könn­ten Amazon.de und TIDAL nütz­lich sein.

  8. Rolo Tomas­si – Time Will Die And Love Will Bury It

    Rolo Tomas­si, benannt nach einer Figur aus dem Film L.A. Con­fi­denti­al, ist ein eng­li­sches Mathrock­quin­tett, das seit sei­ner Grün­dung im Jahr 2005 mehr Alben, Sin­gles und EPs ver­öf­fent­licht hat als manch älte­re Band in drei Jahr­zehn­ten und mit „Time Will Die And Love Will Bury It“ ein fan­ta­sti­sches Shoe­ga­ze-nahes Stu­dio­al­bum unter die Leu­te zu brin­gen ver­sucht. Die Gen­re­kol­le­gen 65daysofstatic, mit denen Rolo Tomas­si auch schon mal zusam­men (bzw. nach­ein­an­der) auf­ge­tre­ten sind, haben vor eini­gen Jah­ren eines ihrer Stücke remixt. Die Welt ist klein.

    Wobei „Shoe­ga­ze“ auch zu ein­fach gedacht ist: Nach­dem der instru­men­ta­le ope­ner „Towards Dawn“ eben­so wie das leicht­gän­gi­ge Lied „After­math“ mich nach­se­hen lie­ßen, was Toc.Sin eigent­lich gera­de machen (lei­der nichts mehr), und ich mich also gera­de in einer ent­spann­ten Stim­mung befin­de, brüllt mich die Band in „Ritu­als“ mit Gitar­ren­ge­schep­per und Growl­ge­schrei an. Huch!

    „The Hol­low Hour“ macht nach einem gefäl­li­gen (wenn auch hek­ti­schen) Postrockin­tro genau so wei­ter. Zeit wird ster­ben und so klingt das auch. Selbst schuld, wer sei­ne Rezen­sio­nen nach gera­de mal zwei Stücken für ein­fach hält. Das Gesangs­duo aus James und Eva Spence (ver­mut­lich ver­wandt) schal­tet im Wei­te­ren zwi­schen „zucker­sü­ßen“ (Quel­le: Inter­net) vocals und Screamo-Aggres­si­on wie selbst­ver­ständ­lich um, Schön­klang prägt „Time Will Die and Love Will Bury It“ nur als Ali­bi. So wütend muss man erst mal sein.

    Eine Ver­schnauf­pau­se gewährt erst­mals das sieb­te Stück „A Flood of Light“, das für weni­ge Tak­te am Anfang und am Ende eine ambi­ent-Land­schaft errich­tet, bevor erneut der Zorn („Whis­pers Among Us“) durch­bricht. „Risen“ been­det das Album mit Gesang und Kla­vier­klän­gen dann bei­na­he versöhnlich.

    Hui!

    Rein­hö­ren: Wenig über­ra­schend ist, dass auch die­ses Album auf Bandcamp.com (lei­der nur noch als CD und Down­load) zu haben ist, zum Rein­hö­ren eig­nen sich aber auch Amazon.de und TIDAL.

  9. The STOCK – Humanize
    „The white light is dan­cing like a mor­se code“ (Kro­nos)

    Komi­scher Name, komi­sches Coverbild.

    The STOCK ist, wie man her­aus­fin­den kann, ein Trio aus Bad Cam­berg, das in Hes­sen liegt und trotz­dem auf Fotos ganz gut aus­sieht. Anschei­nend hat es seit sei­ner Grün­dung im Jahr 2010 bis­her erst ein ein­zi­ges Album auf­ge­nom­men, näm­lich die­ses. Auf „Huma­ni­ze“, als „Lang­zeit­pro­jekt“ nach drei­jäh­ri­ger Pro­duk­ti­ons­zeit Anfang 2018 erschie­nen, wer­den drei Stücke von elf­ein­halb bis etwas über 20 Minu­ten gebo­ten. Schon wie­der nichts fürs Radio.

    Des­sen unge­ach­tet ver­su­chen die drei Musi­ker es mit soli­dem Alter­na­ti­ve Rock mit mehr gespro­che­nen als gesun­ge­nen lyrics. Dass sie musik­hi­sto­risch eini­ger­ma­ßen bewan­dert sind, lässt sich aller­dings nicht leug­nen, vor allem in der süd- und west­deut­schen Musik der 1970er Jah­re scheint man zu Hau­se zu sein. Das, was anders­wo Kraut­rock geschmäht wird, klingt auf „Huma­ni­ze“ gar nicht so furcht­bar. Gut: über den nach mei­nem Emp­fin­den zu sehr in den Vor­der­grund gemisch­ten Gesang von Rai­ner Lud­wig lie­ße sich treff­lich strei­ten, aber so ist das im klas­si­schen Kraut­rock ja auch.

    Dass staub­trocke­ner Stoner Rock („Kro­nos“) das Album eröff­net, soll dar­über nicht hin­weg­täu­schen. Das zwei­te Stück, „Pro­le­ta­ri­an Sui­ci­de“ (wun­der­vol­ler Titel auch), klingt strecken­wei­se nach einer Coun­try­ver­si­on von Faust, ist ins­be­son­de­re also schlag­zeug- und rhyth­mus­ge­trie­ben. Auch das abschlie­ßen­de „Puz­zles“ beginnt mit krau­tig-elek­tro­ni­schen Klang­ex­pe­ri­men­ten, die immer wie­der auf­ge­grif­fen wer­den, koket­tiert aber durch­aus auch mit bowie­squem Art­pop. Dem gesam­ten Album „Huma­ni­ze“ ist den­noch eine Unge­schlif­fen­heit zu eigen, die für alle Fäl­le eine Brücke zur Gara­gen­mu­sik offen hält. Man weiß ja nie. Mensch­lich klin­gen The STOCK jeden­falls auch ohne Hil­fe. Kann man auch mal hören, so was.

    Rein­hö­ren: Auch The STOCK ver­öf­fent­li­chen Musik auf Bandcamp.com.

  10. Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs – King of Cowards
    „I talk a lot.“ (Glo­a­mer)

    Apro­pos „komi­scher Name“: Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs haben auch einen, den sogar die Band selbst gele­gent­lich als „Pigsx7“ abkürzt, etwa bei der Aus­wahl ihrer Web­do­main. Beim Schrei­ben ihres 2018er Albums „King of Cowards“ in einer umge­bau­ten Scheu­ne auf dem Land sei­en, behaup­tet die Band, tat­säch­lich auch Schwei­ne anwe­send gewesen.

    Anders als auf dem Vor­gän­ger­al­bum „Feed the Rats“ gehen Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs hier nicht mehr vor allem auf Län­ge, kei­nes der sechs Stücke ist über neun Minu­ten lang. Erst­mals in der Band ist Schlag­zeu­ger Chris Mor­ley, der zuvor unter ande­rem für Gnod trom­meln, hihat­ten usw. durf­te. Beim „Guar­di­an“ sprach man mit Bezug auf „King of Cowards“ von „zugäng­li­chem Metal“, aber das ist ja noch kei­ne qua­li­fi­zier­te Aus­sa­ge. Geht es nach Sän­ger, Key­boar­der und „krea­ti­vem Schwamm“ (Andre­as Schiff­mann) Matt Baty, so ist „King of Cowards“ ein Kon­zept­al­bum über die sie­ben Tod­sün­den, die auch als Pik­to­gram­me auf dem Cover­bild zu sehen sind, was zah­len­mä­ßig doch erstaunt. Da hät­te es gern ein Stück mehr sein dürfen.

    Was anders­wo mal Sludge, mal „zugäng­li­cher Metal“ heißt, heißt bei mir dann doch eher Psychedelic/Hardrock. Hin­ter schwe­ren, schlep­pen­den Rhyth­men und gele­gent­lich einer schrei­en­den Gitar­re spie­len Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs zwi­schen Motör­head und Hawk­wind, der hei­se­re Gesang bezie­hungs­wei­se – in „Glo­a­mer“ – das hei­se­re Gesprech darf sich über viel Hall freu­en oder, je nach Vor­lie­be, ärgern. Ich ärge­re mich nicht, ich höre und emp­feh­le weiter.

    Schwein gehabt.

    Rein­hö­ren: Stream und Kauf haben Bandcamp.com und Amazon.de anzu­bie­ten, Kun­den von TIDAL bekom­men eben­falls einen Stream.

  11. San­gui­ne Hum – Now We Have Power

    Vor elf Jah­ren, im Juli 2007, ver­öf­fent­lich­te die Joff Winks Band, gegrün­det von dem auch im Jazz nicht unbe­kann­ten Musi­ker Joff Winks, das ein­zi­ge Album in vol­ler Län­ge unter die­sem Namen, nann­te sich anschlie­ßend ein paar­mal um und ist inzwi­schen ein Trio namens San­gui­ne Hum. Das dies­jäh­ri­ge Album von San­gui­ne Hum heißt „Now We Have Power“ („Jetzt haben wir Kraft“), ist das Nach­fol­ge­al­bum von „Now We Have Light“ („Jetzt haben wir Licht“, 2015) und lässt neu­gie­rig wer­den, was die drei Her­ren künf­tig noch alles haben werden.

    Der­zeit haben sie vor allem die Fähig­keit, gute Melo­dien mit aus­rei­chen­der Fähig­keit zur Instru­men­ten­be­die­nung zu ver­bin­den. Gele­gent­lich den­ke ich an Gene­sis aus der Zeit, bevor Phil Col­lins sich für einen akzep­ta­blen Sän­ger hielt, aber wirk­lich qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig klingt das ja nun auch nicht, also neh­me ich das zurück. Joff Winks ist hin­ge­gen ein Sän­ger, der sich ein biss­chen nach zeit­ge­nös­si­schen Pop­sän­gern, also nicht über­mä­ßig inter­es­sant, anhört, sich aber ganz gut in den Band­kon­text ein­fügt. Musi­ka­lisch prä­sen­tiert sel­bi­ger vor allem dich­te Kla­vier­me­lo­dien (gespielt von Matt Baber), ent­span­nend und ange­nehm zum Genie­ßen. Ein wenig Jazz schwingt immer mit, auch wenn die Hand­lung hin­ter den Tex­ten – ein Mann ist von einer rie­si­gen schwe­ben­den Bla­se run­ter­ge­fal­len – ver­gleichs­wei­se hane­bü­chen ist. Aber ist das wichtig?

    Die beschwing­te sti­li­sti­sche Mischung, in der ich die Ein­flüs­se von atmo­sphä­ri­schem Art­rock, sanf­tem Can­ter­bu­ry-Prog, dem „klas­si­schen“ Prog und Jazz zu ent­decken glau­be, lässt alle text­li­chen Kon­zep­te zweit­ran­gig erschei­nen. Stel­len­wei­se schei­nen die geschmack­vol­len Piano‑, Syn­the­si­zer- oder E‑Pia­no-Bei­trä­ge die füh­ren­de Rol­le zu über­neh­men. Sobald die Gitar­re hin­zu­kommt, herrscht wie­der das per­fek­te Gleich­ge­wicht in den Arran­ge­ments, das in sel­te­nen Fäl­len sogar zu rocki­ge­ren Momen­ten füh­ren kann. Gele­gent­lich (wie in „Sky­di­ve“) sind zudem Vibra­phon­klän­ge zu ver­neh­men, die natür­lich den Leich­tig­keits­fak­tor des Gebo­te­nen bedeu­tend erhö­hen. In zwei Stücken sorgt zudem ein Gast­trom­pe­ter für jaz­zi­ge und kam­mer­mu­si­ka­li­sche („Flight of the Uber­loon“) Akzente.

    Eben.

    Rein­hö­ren: Mit Amazon.de, Bandcamp.com und TIDAL gibt es hier­zu hin­rei­chend vie­le Gelegenheiten.

  12. Self Defen­se Fami­ly – Have You Con­si­de­red Punk Music

    Schon mal über Punk­mu­sik nachgedacht?

    Das ist schön, aber hier nicht ganz so wich­tig, denn mit rohem Geklop­pe hat „Have You Con­si­de­red Punk Music“, das dies­jäh­ri­ge Stu­dio­al­bum von Self Defen­se Fami­ly, höch­stens the­ma­tisch etwas zu tun: Sän­ger Patrick Kind­lon, der beim Sin­gen immer ein biss­chen ver­zwei­felt klingt, sprach andern­orts, das Album hand­le davon, „sich mit einer Sache inten­siv zu beschäf­ti­gen“, wobei man bemerk­te, „dass sich der Rest der Welt einen Scheiß­dreck dafür inter­es­siert“. Punk, yo.

    Nee, das hier ist Indie (was immer das schon wie­der ist). Ver­glei­che sind dies­mal recht ein­fach zu zie­hen, denn Self Defen­se Fami­ly sind stolz auf ihre Vor­bil­der; so heißt es etwa in „Have you con­si­de­red anything else“:

    You’re big on wordplay
    Into the arms of Nick Cave (…)
    You want new thoughts
    Kate Bush on ready

    Das sind nur zwei der Namen, die genannt wer­den, und sie bei­de pas­sen zur rela­tiv melan­cho­li­schen Grund­stim­mung. Man sol­le das Album „als Verb im Prä­ter­itum begrei­fen“, schwa­fel­te ein Banau­se für die „VISIONS“ und hat damit natür­lich völ­lig Unrecht, denn „Have You Con­si­de­red Punk Music“ fin­det jetzt statt, immer jetzt, so post der Punk und so psy­che­de­lic der Rock auch sein mag. Nach über drei­ßig gemein­sa­men Ver­öf­fent­li­chun­gen kennt man sei­ne Rich­tung und/oder Pap­pen­hei­mer. Es ist, so viel sei noch geschrie­ben, unge­fähr die meine.

    Rein­hö­ren: Es gibt zur­zeit (Mit­te Dezem­ber 2018) noch Stream und Kauf von LP und/oder „digi­ta­lem Album“ (also so Datei­en) via Bandcamp.com, anson­sten wie üblich Amazon.de bzw. TIDAL konsultieren.

  13. Tan­gled Thoughts of Lea­ving – No Tether

    Wir blei­ben im Gen­re, wech­seln aber den Kon­ti­nent: Das in Austra­li­en hei­mi­sche Quar­tett Tan­gled Thoughts of Lea­ving (Gitar­re, Bass, Schlag­zeug, Kla­vier) ver­öf­fent­lich­te im Juli 2018 nach fast drei Jah­ren ohne neu­es Album ihr neue­stes namens „No Tether“.

    In den bis­her zehn Jah­ren ihres Bestehens haben Tan­gled Thoughts of Lea­ving sich in einer Sze­ne ein­ge­rich­tet, in der es schwer scheint, noch posi­tiv her­aus­zu­ste­chen, aber die gemein­sa­men Tou­ren und Auf­nah­men mit Kol­le­gen wie Rus­si­an Cir­cles und sleep­makes­wa­ves haben gezeigt, dass es auch im gele­gent­lich von außen aus­ge­lutscht wir­ken­den Psychedelic/Postrock noch mög­lich ist, auf­zu­fal­len. „Doom Jazz“, „Post-Jazz“ gar, wird die hier zu hören­de Musik im Inter­net auch genannt, aber Doom klingt anders.

    Den Jaz­z­an­teil kann aber selbst ich nicht leug­nen, gele­gent­lich aus­ge­dehn­te Kla­vier­pas­sa­gen („Inner Dis­so­nan­ce“, „Bina­ry Col­lap­se“) las­sen das mit ihrer Inten­si­tät kaum zu. Dazwi­schen bleibt die Musik dicht und effekt­ge­la­den („The Alar­mist“) und vol­ler über­ra­schen­der Wech­sel zwi­schen Flä­chig­keit und ordent­lich Wumms. Wem das alte Laut-Lei­se-Spiel jemals zu lang­wei­lig wird, der hat kei­ne See­le mehr. Vor eini­gen Tagen sprach Bela B. im Inter­view mit der „ZEIT“ dar­über, dass die all­ge­mei­ne Ver­füg­bar­keit von Musik­strea­ming der Musik die­sel­be genom­men habe, aber zum Glück haben Tan­gled Thoughts of Lea­ving das noch nicht gelesen.

    „Cavern Ritu­al“ beein­druckt mich mit genau rich­tig ein­ge­setz­ten Län­gen, die Span­nung wird bis zum Ende des Stückes an der Berst­gren­ze gehal­ten. Gele­gent­lich den­ke ich hier an die letz­ten Sieb­zi­ger­al­ben von King Crim­son und gera­te ein wenig ins Träu­men. – Apro­pos Ende: Auch das zwölf­ein­halb­mi­nü­ti­ge Titel­stück („No Tether“), mit dem „No Tether“ endet, schafft es noch ein­mal, eine beklem­men­de Atmo­sphä­re nicht nur auf­zu­bau­en, son­dern auch zu hal­ten. Post­rock ist Musik zum Film im Kopf. Die­ser hier ist in Schwarz-Weiß gedreht und ein wah­res Kunstwerk.

    „In die­sen Höh­len“, schrieb jemand auf „a clo­ser listen“, kön­ne man sich „leicht ver­ir­ren“. Es bleibt aber immer das Licht am Ende des Tun­nels. Nur Mut!

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com, Amazon.de, TIDAL. Wei­ter im Text.

  14. Wang Wen – Invi­si­ble City

    Post­rock zum Drit­ten? Aber gern!

    Woher eine Band, die sich Wang Wen (eigent­lich 惘闻) nennt, kom­men mag, bedarf kei­ner gro­ßen Erklä­rung, wel­che Art von Musik sie macht, womög­lich aber doch. Sie sei die „füh­ren­de Postrock­band“ ihres Lan­des, spe­ku­lie­ren Medi­en, aber das ist ja auch wie­der zu kurz formuliert.

    Das Sex­tett hat unter ande­rem schon gemein­sam mit pg.lost Musik auf­ge­nom­men und ver­öf­fent­licht, was ja auch ein Qua­li­täts­kri­te­ri­um sein kann. Aus dem Ton­aus­ga­be­ge­rät schwillt jeden­falls flä­chi­ger Psychedelic/Postrock, bei dem sich mir Ver­glei­che mit Pink Floyd anbie­ten, zu denen ich nicht Nein sage, obwohl ich Pink Floyd hin und wie­der als zähes Gewa­ber wahr­neh­me. Immer­hin singt Roger Waters hier nicht.

    Über­haupt wird wenig gesun­gen, denn „Invi­si­ble City“ ist ein weit­ge­hend instru­men­ta­les Album, sieht man vom stark ver­zerr­ten und somit für uns alte Leu­te nicht mehr ver­ständ­li­chen Gesang in „Stone Scis­sors“ ab. Im ost­eu­ro­pä­isch anklin­gen­den „Lost in Train Sta­ti­on“ wird auch ein wenig gespro­chen. Als Instru­ment kommt unter ande­rem das Horn zum Ein­satz, gemein­sam mit einem Kla­vier oder etwas, das klingt wie ein Kla­vier, lebt unter ande­rem „Silen­ced Dali­an“ von Tie­fe statt von Instru­men­tal­wän­den. Von wegen, Post­rock geht nur mit Bra­chi­al­gi­tar­ren! – Ich mei­ne am Ende von „Stone Scis­sors“ auch ein wenig typisch asia­ti­sche Klän­ge (vgl. Jam­bi­nai) aus­zu­ma­chen. Bei „Sput­nik­mu­sic“ wur­de „Invi­si­ble City“ als exzel­lent bewer­tet. Ich schlie­ße mich vor­be­halt­los an.

    Rein­hö­ren: Ist ja 2018, also sind Wang Wen mit­samt ihrer Musik auch auf Bandcamp.com zu fin­den. Amazon.de scheint der­zeit lei­der kei­ne Hör­pro­ben zu haben, Kun­den von TIDAL hin­ge­gen wer­den eben­falls fündig.

  15. Toby Dri­ver – They Are the Shield

    Den Herrn hat­te ich ja auch ganz ver­ges­sen. Obwohl ich vor neun Jah­ren das damals neue Album sei­ner Band maud­lin of the Well emp­fahl und deren Nach­fol­ge­for­ma­ti­on Kayo Dot ab und zu mal in mei­ner Wahr­neh­mung auf­tauch­te, blieb Toby Dri­ver weit­ge­hend unauf­fäl­lig. Das scheint scha­de zu sein, denn wenn das, was er in der Zwi­schen­zeit so ange­stellt hat, die Qua­li­tät von „They Are the Shield“ – wovon ich aus­ge­he – wenig­stens teil­wei­se erreicht, muss ich dem­nächst wohl etwas nachholen.

    Grund­sätz­lich treibt sich der Musi­ker, der hier von fünf Gästen (davon zwei Vio­li­ni­sten) unter­stützt wird, nach wie vor in eher ruhi­gen musi­ka­li­schen Gewäs­sern her­um. Ich höre weit­ge­hend Ambi­ent­mu­sik, der durch­aus nicht üble Gesang sucht die Nähe zu Bands wie a‑ha einer‑, Peter Gabri­el und Ian Cur­tis ande­rer­seits. Das ist alles gar nicht so seicht und die Musik ist es noch weni­ger: Mit dank lang gehal­te­ner Noten aus­ge­brei­te­ten Klang­flä­chen beginnt „They Are the Shield“ mit dem impo­san­ten „Ana­mne­sis Park“, dem läng­sten Stück auf dem Album. Wer die spä­ten Talk Talk oder die wenig­stens mitt­le­ren Pink Floyd mag, der wird sich hier bereits pudel­wohl füh­len. Wie die­ses Stück zeich­net sich auch das fol­gen­de, „Glyph“, durch aller­lei Strei­cherklän­ge aus. Erst­mals macht sich eine enor­me Melan­cho­lie bemerk­bar. Auch „470 Nano­me­ters“ fin­det eher im Art­rock statt, wenn auch wei­ter­hin in einer ange­nehm unauf­ge­reg­ten Art. Das Solo­werk von Ste­ven Wil­son – nur deut­lich bes­ser – erscheint mir als geeig­ne­ter Vergleich.

    „Scaf­fold of Digi­tal Snow“ ist wie­der etwas ruhi­ger, setzt sich selbst aber mit dem leich­ten Spiel mit Miss­tö­nen bei­na­he in RIO-Gegen­den. Das hät­te ich nicht erwar­tet, hei­ße es aber herz­lich will­kom­men. Brid­get Bel­la­via, mir sonst bis­her unbe­kannt, steu­ert unpein­li­chen Gesang bei, Toby Dri­ver hält sich dies­mal etwas zurück. Wie­der anders ist „Smo­ke-Scen­ted Myce­li­um“: Das Schlag­zeug stol­pert vor­wärts, im Hin­ter­grund ver­zer­ren Gei­gen. Es gibt kei­nen offen­sicht­li­chen Refrain, das War­ten dar­auf schürt in beacht­li­chem Maße die Span­nung. Mit ähn­li­cher Tech­nik, wir erin­nern uns, arbei­te­ten frü­her auch maud­lin of the Well. Apro­pos „frü­her“: Ich höre hier auch Anklän­ge an Nico. Ein tie­fes Dan­ke dem­je­ni­gen, der mir erklä­ren kann, warum.

    Mit dem nick­ca­ve­es­quen „The Knot“, mit gera­de mal 4:12 Minu­ten Lauf­zeit dem kür­ze­sten Stück auf „They Are the Shield“, klingt das Album aus und fast wie­der an. Das ein­zig Will­kom­me­ne an digi­ta­len Dar­rei­chungs­for­men ist bekannt­lich, dass man nicht so lan­ge war­ten muss, um wie­der von vorn anzufangen.

    Rein­hö­ren: Lei­der nur als CD und Stream gibt es „They Are the Shield“ auf Bandcamp.com zu kau­fen, Vinyl gibt Amazon.de her. Kun­den von TIDAL wer­den auch bedient.

  16. Julia Hol­ter – Aviary

    Julia Hol­ter, unge­fähr in mei­nem Alter, ist eine US-ame­ri­ka­ni­sche Musi­ke­rin mit theo­re­ti­scher Ahnung von („Sie selbst mach­te ihren Abschluss in Elek­tro­ni­scher Musik am Cali­for­nia Insti­tu­te of the Arts“, Wiki­pe­dia) und prak­ti­scher Erfah­rung mit Musik: „Avi­a­ry“ ist ihr inzwi­schen ach­tes Studioalbum.

    Es war auch wirk­lich höch­ste Zeit, das Album (das es immer­hin auch als Dop­pel-LP gibt) ist mit fast 90 Minu­ten an Musik sozu­sa­gen rand­voll; und kei­ne Minu­te ist ver­schwen­det. Von einer Autorin des „Guar­di­an“ wur­de das hier Gehör­te in die Nähe der sowie­so uner­reich­ten The Vel­vet Under­ground gerückt, weil es mit­un­ter dröh­ne, aber das ist selbst im Ver­gleich zu mei­nen eige­nen Ver­glei­chen, die ich manch­mal zie­he, zu wenig hilf­reich. The Vel­vet Under­ground haben ja nie Musik gemacht, die man guten Gewis­sens wider­spen­sti­gen Kam­mer­pop nen­nen könnte.

    „Avi­a­ry“ hin­ge­gen klingt genau so, wie man sich wider­spen­sti­gen Kam­mer­pop vor­stel­len soll­te: Schon vom ersten Moment an („Turn the Light On“) durch­setzt eine ordent­li­che Por­ti­on an RIO/Avant die eigent­lich sanf­te Musik. Das aus­ge­lutsch­te, abge­klap­per­te, durch­ge­nu­del­te (kann fort­ge­setzt wer­den) Ima­gi­när­gen­re „Singer/Songwriter“, obwohl’s ja nur eine Tätig­keits­be­schrei­bung ist, lernt hier end­lich eine neue Nuan­ce ken­nen. Nicht schlecht. „I Shall Love 2“, das über­ra­schend in der Albums­ab­fol­ge vor „I Shall Love 1“ steht, und „Words I Heard“ waren, wie her­aus­zu­fin­den ist, Sin­gles zu die­sem Album. Scha­de, dass die mei­sten Radio­sen­der so ver­schnarcht sind. Die Lie­der aber wir­ken unru­hig, als fürch­te­ten sie einen her­auf­zie­hen­den Sturm. Gele­gent­lich („Chai­ti­us“) rufen Orgel­klän­ge eine sakra­le Stim­mung her­vor, dann klingt „Avi­a­ry“ fast wie eine rausch­freund­li­che­re Vari­an­te von Anna von Hauss­wolff. Ihre sechs Mit­mu­si­ker (über­wie­gend Strei­cher und Blä­ser) lei­sten gute Arbeit, das sind hier kei­ne Instru­men­te zum blo­ßen Selbst­er­halt, das ist fei­ne Kunst. Die deut­sche Bezeich­nung für ein avi­a­ry ist „Vogel­haus“. Der Rabe ist hier aber näher als der Papa­gei. Nim­mer­mehr.

    Rein­hö­ren: Außer auf Bandcamp.com – all­mäh­lich mache ich mir Sor­gen dar­um, was pas­siert, wenn Band­camp mal die Tore schließt – ist „Avi­a­ry“ auch auf TIDAL zu hören und auf Amazon.de zu kaufen.

  17. Me El-Ma – Bowing Crosses

    In den 1970-er Jah­ren, so viel erfährt man aus halb­wegs siche­ren Quel­len, war Me El-Ma, ein israe­li­scher Schlag­zeu­ger, in der Pro­gres­si­ve-Rock-Grup­pe Atmo­s­phe­ra, die legen­där gewe­sen sei, von der ich aber trotz­dem bis­her nichts ken­ne, aktiv. Anschlie­ßend ver­schlug es ihn zunächst zu ande­ren Musi­kern, dann nach Deutsch­land und 2002 schließ­lich wie­der zurück nach Isra­el, wo er immer noch aktiv ist. „Bowing Cros­ses“ dürf­te also ein Solo­al­bum – mit Gesang von Vir­ja, was ein Frau­en­na­me zu sein scheint – sein.

    Im Online­fo­rum „Pro­gres­si­ve Ears“ wur­de dar­über spe­ku­liert, dass „Vir­ja“ statt­des­sen auch „Vir­JA“, vir­tu­el­ler Jon Ander­son also, hei­ßen könn­te. Die gesang­li­che Nähe zwi­schen Vir­ja und besag­tem frü­he­rem Sän­ger von Yes möch­te ich auch gar nicht abstrei­ten, obwohl ich nicht so weit wie eini­ge Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer gehen wür­de, die hier eine Per­so­nali­den­ti­tät anneh­men. Gera­de das fünf­mi­nü­ti­ge „Plea­se do as You plea­se“ – Groß­schrei­bung anschei­nend beab­sich­tigt – wäre auf „Relay­er“ sei­ner­zeit kaum auf­ge­fal­len, obwohl Me El-Ma rhyth­misch noch über die Expe­ri­men­te der offen­sicht­li­chen Vor­bil­der hin­aus­geht; und immer nur so weit, dass es noch nicht zu viel des Guten wird. Das muss man heut­zu­ta­ge ja auch mal posi­tiv anmerken.

    Bei den Vor­bil­dern für sei­ne Poly­rhyth­mik scheint sich der Musi­ker viel­mehr bei den 90er-„ProjeKcts“ von King Crim­son („Per­cep­ti­on Per­fec­tion Satis­fac­tion“, Titel­stück „Bowing Cros­ses“) zu bedie­nen. Vie­les ist recht tech­nisch, kühl und gera­de­zu Kopf ver­dre­hend ver­wor­ren – nicht ohne sich selbst wie­der auf­zu­lö­sen. Dafür braucht man mehr als bloß einen Kopf­hö­rer, dafür braucht man Talent; und gera­de in Kom­bi­na­ti­on mit dem Gesang, den King Crim­son selbst nur auf dem Album „Liz­ard“, auf dem Jon Ander­son selbst gastier­te, in die­ser Wei­se in ihre damals noch weni­ger aus­ge­reif­ten Arran­ge­ments ein­flie­ßen las­sen konn­te, ist das trotz der Wie­der­erken­nun­gen ein über­ra­schend ori­gi­nel­les Werk gewor­den, von denen es klar zu weni­ge gibt.

    Für „mehr vom sel­ben“ ist er sich selbst in Alben­län­ge zu scha­de: Wenn er nicht gera­de avant­gar­des­que Rock­spek­ta­kel ver­an­stal­tet, spielt Me El-Ma in den ruhi­ge­ren Momen­ten („Eter­ni­ty Heart“) auch mal Art­pop – und auch das groß­ar­tig: Es guckt mal David Bowie, mal Kate Bush um die Ecke. Ande­ren Bands nach­zu­ei­fern ist unkrea­tiv? Theo­re­tisch ja, prak­tisch kann es begei­stern. Wenn schon „klingt wie…“, dann wie „Bowing Crosses“!

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com scheint zur­zeit die allei­ni­ge Ver­triebs­platt­form für „Bowing Cros­ses“ zu sein (und bie­tet lei­der nur die „digi­ta­le“ Ver­si­on ohne Ton­trä­ger an).

  18. Earth Ship – Reso­nant Sun

    Kom­men wir nun zu etwas völ­lig anderem.

    Earth Ship waren auch schon mal in Deutsch­land und sind es wahr­schein­lich auch immer noch, denn es han­delt sich um ein Ber­li­ner Trio (Gitarre/Gesang, Schlag­zeug, Bass). „Reso­nant Sun“ ist ihr inzwi­schen fünf­tes Album und sicher­lich kein schlech­tes, sofern man mit stark ver­zerr­ten Gitar­ren­riffs und unge­stü­mem „Gebrüll“, wie man es frü­her nann­te, kein gro­ßes Pro­blem hat: Earth Ship sind eine tech­nisch ver­sier­te Slud­ge­band und haben nicht vor, das zu ver­stecken. Auf dem Cover­bild macht ein Wolf im Kapu­zen­pul­li ein sel­fie von sich. Ver­steh‘ ich nicht.

    Dass das Album mit „A Hand­ful of Flies“, einem, um es zurück­hal­tend aus­zu­drücken, schwer zu schla­gen­den Stück, beginnt, ist viel­leicht der ein­zi­ge Kri­tik­punkt, denn die ande­ren sie­ben (bis neun) Stücke errei­chen des­sen Qua­li­tät nicht ganz, aber der musi­ka­li­sche Kern bleibt erhal­ten: Wahn­wit­zi­ge Gitar­ren­so­li und sel­ten clea­ner, meist hei­ser geschrie­ner Gesang lie­gen über bass­la­sti­gem Stoner-Metal mit wenig Doo­m­ein­satz. Die Zahl der ent­hal­te­nen Lied­lein ist abhän­gig vom For­mat, in der „digi­ta­len Ver­si­on“ ist unter ande­rem auch eine (wenig berei­chern­de) Cover­ver­si­on von „Child­ren of the Revo­lu­ti­on“ ent­hal­ten, die ich nach Kon­sum (nicht: Genuss) für ver­zicht­bar hal­te. Kon­zen­trie­ren wir uns aber auf das Gute, näm­lich auf die Grund­aus­stat­tung von „Reso­nant Sun“, so bleibt genug übrig, was es zu wür­di­gen gilt:

    (…) wum­mern­der E‑Bass trifft auf dyna­mi­sches Schlag­zeug­spiel trifft auf sägen­de Gitar­ren trifft auf bein­har­te Reibeisenstimme.

    Wohl dem, der jetzt trotz­dem nicht an Torf­rock denkt.

    Rein­hö­ren: Auf Amazon.de gibt es Hör­pro­ben, wie auch auf TIDAL sind die zuvor erwähn­ten Bonus­ti­tel hier ver­füg­bar. Nur Bandcamp.com lässt sie weg. Ich ent­hal­te mich einer Wertung.

  19. Pini­oL – Bran Coucou

    Apro­pos Metal – oder doch nicht? Ich bin jeden­falls ein biss­chen ent­täuscht von mir: Ich hat­te ange­nom­men, ich hät­te zu PoiL in der Ver­gan­gen­heit schon etwas geschrie­ben, dem scheint aber nicht so zu sein.

    Dann hole ich das kurz nach: PoiL ist ein fran­zö­si­sches Trio, das bis 2014 drei an schrä­gem Avant-Zeu­hl rei­che Stu­dio­al­ben, danach die ersten bei­den Stu­dio­al­ben noch mal zusam­men („L’i­re des papes / Dins o cuol“) ver­öf­fent­licht hat­te. Anschlie­ßend taten sich die drei Her­ren mit dem ein­hei­mi­schen Quar­tett ni, das bis­her nur ein ein­zi­ges „vol­les“ Album („Les insur­gés de Romil­ly“, 2015) mit ähn­lich ver­rück­ter Musik ver­öf­fent­licht hat­te, zusam­men und nen­nen sich in die­ser For­ma­ti­on Pini­oL, was zwar unver­nünf­tig ist, weil die Rei­hen­fol­ge der Buch­sta­ben nicht mehr stimmt, aber wenig­stens ganz gut klingt. In die­ser For­ma­ti­on nen­nen sich die Musi­ker ein „abscheu­li­ches Mon­ster, das vor nichts Angst hat“. Puh!

    Unver­nünf­tig, aber ganz gut klin­gend ist das hier Gehör­te ins­ge­samt und sowie­so, was so weit geht, dass selbst der fran­zö­si­sche (das ist doch Fran­zö­sisch, oder?) Gesang sich hier nicht mal in der Scat­form schei­ße anhört. Das eröff­nen­de „Pilon Bran Cou­cou“, das anschei­nend also als „Titel­stück“ durch­ge­hen könn­te, wiegt den Rezen­sen­ten zwar erst mal in Sicher­heit, indem Pini­oL eine sich stei­gen­de Krautrock­sal­ve im Stil einer lei­der so nie pas­sier­ten Alli­anz von Neu! mit Faust abfeu­ern, bevor sie einen abrup­ten Wech­sel in eine Art 80er-Avant­dis­co voll­zie­hen, die auch spä­ter („Mimol­le“) noch mal auf­ge­grif­fen wird. Ganz schön viel „Avant“ für ein Album? Ja, eben! – Wer bei die­ser Beschrei­bung an ver­gleich­bar irre fran­zö­si­sche Musik­grup­pen denkt, dem kann ich ver­si­chern, dass er damit nicht allein ist. Mir kom­men sowohl Prya­pis­me als auch Sebkha-Chott in den Sinn, aller­dings zei­gen sich Pini­oL weni­ger an Bra­chia­li­tät inter­es­siert als Letzt­ge­nann­te. An Gitar­ren ist „Bran Cou­cou“ den­noch nicht arm, in Stücken wie das vier­zehn­mi­nü­ti­ge Math­core-Brett „Shô Shin“ oder dem nur zum Schein erfreu­lich jazz­rocki­gen „Fran­çois 1er“ bekommt die dop­pel­te Rock­band­be­set­zung (zwei Gitar­ren, zwei Bäs­se, zwei Schlag­zeu­ge, sechs Mikro­fo­ne, ein Key­board) hin­rei­chend viel Gele­gen­heit, die unver­ges­se­nen The Dil­lin­ger Escape Plan nicht mehr ganz so schmerz­lich ver­mis­sen zu las­sen, was sogar vor­über­ge­hend gelingt. Direkt vorm Ein­schla­fen soll­te man es aber wahr­schein­lich trotz­dem nicht hören. Mei­ne Nerven!

    Ob das Pro­jekt Pini­oL von Dau­er sein wird, ob es also zu wei­te­ren Alben kom­men wird, wird sich zei­gen müs­sen. Für kom­men­den März wol­len ni erst ein­mal wie­der allein eines raus­brin­gen. Min­de­stens das emp­feh­le ich jeden­falls genaue­stens zu beob­ach­ten; und „Bran Cou­cou“ natür­lich auch. Im kom­men­den April tre­ten die zwei­ein­halb Bands in Ber­lin sozu­sa­gen zusam­men auf. Das könn­te inter­es­sant werden.

    Rein­hö­ren: Amazon.de (natür­lich), TIDAL (natür­lich), Bandcamp.com (natür­lich).

  20. Soft Machi­ne – Hid­den Details

    Vor fünf­zig Jah­ren, 1968 also, ver­öf­fent­lich­ten die nach dem visums­be­zo­ge­nen Aus­stieg Dae­vid Allens vor­über­ge­hend zum Trio gewor­de­nen Soft Machi­ne, neben Cara­van eine der bei­den Nach­fol­ge­bands der Wil­de Flowers, ihr Debüt­al­bum, das sich musi­ka­lisch im Psy­che­de­lic Rock ver­or­ten ließ und damit damals ganz dem Zeit­geist ent­sprach. Auf­grund ver­trag­li­cher Ver­pflich­tun­gen fan­den sie sich anschlie­ßend für wei­te­re Alben zusam­men, wech­sel­ten aber mehr­fach die Beset­zung. Der hier­bei größ­te Ein­schnitt war ver­mut­lich die Tren­nung von Robert Wyatt, der nach dem vier­ten Album Soft Machi­ne ver­ließ, deren zuse­hends jazz­ori­en­tier­te­re Aus­rich­tung (ohne Gesang) er als san­ges­freu­di­ger Schlag­zeu­ger nicht mehr unter­stüt­zen woll­te, und Matching Mole grün­de­te, was ein Wort­spiel mit „machi­ne mol­le“ und gar nicht mal so blöd ist. Im Juni 1973 fiel er aus einem Fen­ster und seit­dem gibt es Matching Mole nicht mehr.

    Soft Machi­ne haben aber bis heu­te wei­ter gemacht, wenn auch unter wech­seln­den Namen, die alle­samt mit „Soft“ began­nen. Obwohl das letz­te Grün­dungs­mit­glied Mike Rat­ledge bereits wäh­rend der Auf­nah­men zu „Softs“ (1976) die Band ver­las­sen hat­te, nann­te man sich irgend­wann Soft Machi­ne Lega­cy und seit 2015 schließ­lich wie­der Soft Machi­ne. Das dienst­äl­te­ste Mit­glied John Mar­shall saß immer­hin seit 1971 für meh­re­re Ver­sio­nen der Grup­pe an Schlag­zeug und Per­kus­si­on, was ja im Jahr 2018 doch schon erwäh­nens­wert ist. „Hid­den Details“ ist also das erste Stu­dio­al­bum unter dem Namen Soft Machi­ne seit dem mau­en „Land of Cock­ay­ne“ von 1981; damals bestand die Band aus John Mar­shall und Karl Jenkins, die bei­de vor ihrem Bei­tritt bei den lei­der inzwi­schen auf­ge­lö­sten Nucleus spielten.

    Wer die Band­ge­schich­te hin­rei­chend auf­merk­sam ver­folgt hat, der ahnt inzwi­schen ver­mut­lich, wie „Hid­den Details“ wohl klingt: Seit spä­te­stens 1971 steht den Jaz­zern bei Soft Machi­ne kein Gegen­ge­wicht mehr ent­ge­gen, sie kön­nen sich also nach Her­zens­lust aus­to­ben. „Hid­den Details“ ist ein soli­des instru­men­ta­les Jazz­rock­al­bum mit – dem auch schon seit Jahr­zehn­ten akti­ven Bas­si­sten Roy Bab­bing­ton sei Dank – viel groo­ve, das die Wur­zeln der Band in Ehren hält. Ob in der mal quir­li­gen, mal („Ground Lift“) fle­hen­den Gitar­re, ob in den gele­gent­lich avant­gar­di­sti­schen „expe­ri­men­tel­len“ Aus­brü­chen („Life on Brid­ges“), an denen Saxophonist/Flötist/Pianist Theo Tra­vis (zuvor unter ande­rem bei Gong und diver­sen Pro­jek­ten von Ste­ven Wil­son, der­zeit auch bei The Tan­gent aktiv) womög­lich nicht unschul­dig ist: der can­ter­bu­ry sound beglei­tet „Hid­den Details“ ohne Unter­lass. Die Brücke zum Alt­werk schla­gen Neu­ein­spie­lun­gen von „The Man who Waved at Trains“, ursprüng­lich auf „Bund­les“ von 1975 erschie­nen, und „Out-Bloo­dy-Rage­ous“ vom fan­ta­sti­schen „Third“ (1970). Abge­run­det wird das Album nicht zuletzt von dem von Theo Tra­vis und dem drit­ten Alt­mit­glied John Ethe­r­idge, immer­hin seit 1975 an Bord, geschrie­be­nen Bonus­stück „Night Sky“, das, sanft und aus­la­dend Son­nen­auf­gangs­land­schaf­ten malend, das (wenig­stens „digi­ta­le“) Album abschließt.

    Was wir hier haben, ist also sicher­lich nicht das schlech­te­ste aller Alters­wer­ke. Beson­de­re Über­ra­schun­gen im Jazz­rock zu erwar­ten wäre inzwi­schen kaum noch von Erfolg gekrönt, aber wer mit die­ser Spiel­art der Musik etwas anfan­gen kann, der ist bei Soft Machi­ne im Jahr 2018 so gut auf­ge­ho­ben wie seit lan­ger Zeit nicht mehr. Das ist doch auch mal schön.

    Rein­hö­ren: Man ist nie zu alt für Bandcamp.com; und für Amazon.de und TIDAL sowie­so nicht.

  21. Doma­do­ra – Lacuna

    Auf dem dies­jäh­ri­gen Stu­dio­al­bum der Fran­zo­sen gibt es fun­keln­den hea­vy psych in aus­la­den­der Jam­form mit angriffs­lu­sti­ger Gitar­re zu hören, des­sen ein­zi­ger Nega­tiv­punkt zu sein scheint, dass ich ihn noch nicht live erle­ben konn­te; aber Kon­ser­ve ist ja auch mal schön. Band­camp.

  22. Yuka & Chro­no­ship – Ship

    Eines der besten Sym­pho­nic-Prog-Alben des aus­klin­gen­den Jah­res 2018 legt aus­ge­rech­net die japa­ni­sche Grup­pe um Sän­ge­rin und Key­boar­de­rin Yuka Funa­ko­shi vor, die auf dem Kon­zept­al­bum über die Argo­nau­ten­sa­ge alle Regi­ster zwi­schen Camel und Rush zu zie­hen imstan­de ist. Amazon.de.

  23. Car Crash Wea­ther – Secon­da­ry Drowning

    Weit­ge­hend instru­men­ta­ler Pro­gres­si­ve Metal mit mal bret­tern­den, mal sin­fo­ni­schen, in „The End“ sogar stark von New Wave beein­fluss­ten Ein­drücken, die blei­ben. Bandcamp.com.

  24. Umphrey’s McGee – It’s Not Us

    Wer (wie ich) tanz­ba­rer Indie-Rock-Musik aus kul­tu­rell sonst eher abge­häng­ten Staa­ten etwas abge­win­nen kann und ganz­jäh­rig nichts gegen die mit­tels ihrer ent­stan­de­ne gute Lau­ne ein­zu­wen­den hat, der ist auch im Win­ter mit „It’s Not Us“ mit Sicher­heit glück­lich zu machen. Amazon.de.

  25. Auto­ma­tism – From The Lake

    Auf „From The Lake“, dem aktu­el­len Musik­al­bum des Stock­hol­mer Quar­tetts Auto­ma­tism, ist im Stu­dio impro­vi­sier­ter, jedoch lei­der nach­be­ar­bei­te­ter, stel­len­wei­se recht drecki­ger und rund­um gelun­ge­ner Psy­che­de­lic Rock ohne jeden Gesang, dafür mit drei Gast­mu­si­kern, zu hören. Bandcamp.com.

  26. Argos – Uniden­ti­fied Dying Objects

    Dass der Can­ter­bu­ry noch nie für über­ra­gen­de Sän­ger bekannt war, kommt den deut­schen Aus­nah­me­ta­len­ten Argos nur gele­gen, die auf ihrem fünf­ten Stu­dio­al­bum „Uniden­ti­fied Dying Objects“ eigent­lich auch nur das machen, was sonst auch machen (näm­lich guten Can­ter­bu­ry Style mit dem sze­ne­ty­pi­schen Humor her­vor­brin­gen), das aber in noch immer stei­gen­der Qua­li­tät und gleich­blei­ben­der Freu­de am Spiel. Bandcamp.com.

  27. Homun­cu­lus Res – Del­la stes­sa sost­an­za dei sogni

    Eben­falls Can­ter­bu­ry, dies­mal jedoch mit nicht mal furcht­ba­rem, son­dern sehr ange­nehm melo­di­schem, teil­wei­se sogar mehr­stim­mi­gem Gesang in der Lan­des­spra­che, brin­gen Homun­cu­lus Res aus Ita­li­en mit, wobei sie zwei­fels­oh­ne auch das Gesamt­werk von Gent­le Giant und Cara­van min­de­stens schon mal gehört haben. Bandcamp.com.

  28. a bro­ken sail

    Die all­se­mest­ri­ge Dosis Post­rock ver­voll­stän­digt am Ende des Jah­res 2018 das Debüt­al­bum des austra­li­schen Instru­men­tal­quar­tetts a bro­ken sail, das die Welt in fünf Stücken zwi­schen zwei und zwölf Minu­ten Län­ge – lei­der momen­tan nicht als phy­si­scher Ton­trä­ger zu haben -, die Titel wie „tall buil­dings col­li­de“ (2018 geht das end­lich wie­der) tra­gen, um lang­sam dahin­trei­ben­den Shoe­ga­ze mit wär­mend flie­ßen­dem Bass berei­chert. Bandcamp.com.

  29. Inter­pol – Marauder

    Inter­pol, eine die­ser erst vor weni­gen Jah­ren popu­lä­ren Indie-Rock-Bands mit schnei­den­den Gitar­ren­me­lo­dien, gehört zu den weni­ger ver­wüst­li­chen ihrer Gat­tung und beein­druckt 2018 mit ihrem immer­hin sech­sten Stu­dio­al­bum „Mar­au­der“, auf dem selbst einem Holz­ohr wie mir sich schwer ent­zieht, war­um Joy Divi­si­on ein häu­fig gewähl­ter Ver­gleich bei denen sind, die beruf­lich gern Bands mit­ein­an­der ver­glei­chen. Amazon.de.

  30. Art Brut – Wham! Bang! Pow! Let’s Rock Out!

    In gewohnt exal­tier­ter Manier singt Eddie Argos gele­gent­lich beziehungs‑, oft – zum Teil sogar auf Deutsch – ber­lin­be­zo­ge­ne Lie­der vol­ler Selbst­re­fe­ren­zen („She Kis­sed Me (And It Felt Like a Hit)“), beglei­tet von einer wie­der ein­mal umbe­setz­ten Band, die mit unver­min­der­ter Spiel­freu­de die band­ei­ge­ne Vor­stel­lung von Indie-Rock nicht bloß spie­len, son­dern leben: „Everyone’s loo­kin‘ at the ticket machi­ne / like it’s the most com­pli­ca­ted thing that they’­ve ever seen“, hihi. Amazon.de.

So viel zu die­sem Jahr. Und früher?

2. Gutes von gestern.

  • Vor vier­zig Jah­ren erschien neben dem Debüt­al­bum der damals noch enorm pro­duk­ti­ven Sän­ge­rin Kate Bush auch das ein­zi­ge Album der Band Baby­lon, die in einer Zeit des vor­über­ge­hend ster­ben­den Pro­gres­si­ve Rocks viel­leicht ein­fach nur zu spät dran waren; ande­rer­seits blieb ihnen so ein Schick­sal als schreck­li­che 80er-Pop­band erspart, wie es ande­ren zeit­ge­nös­si­schen Grup­pen, dar­un­ter Yes, deren schlimm benann­tes Tor­mato schon den fol­gen­den Ärger erah­nen ließ, lei­der wider­fah­ren ist. Die fran­zö­si­sche Zeu­hl-Insti­tu­ti­on Mag­ma war mit Att­ahk immer­hin auch schon auf dem Weg dort­hin, kam einem end­gül­ti­gen Ver­sump­fen aber mit ihrer Auf­lö­sung zuvor.
  • Vor drei­ßig Jah­ren, die „neue deut­sche Wel­le“ blüh­te fröh­lich vor sich hin, sang der spä­ter als (groß­ar­ti­ger) Schrift­stel­ler bekannt gewor­de­ne Max Goldt als Teil des Duos Foy­er des Arts auf dem Album Ein Kuss in der Irr­tum­staver­ne unter ande­rem von dem Zusam­men­spiel von Penis und Vagi­na, was man­che (hier: mich) bis heu­te amü­siert. Seriö­ser ging es bei Ter­mi­nal Cheese­ca­ke zu, deren EP Blad­der­sack nicht nur den Grund­stein für ihre Kar­rie­re, son­dern auch den für Wiiija Records leg­te, die danach unter ande­rem auch The­ra­py? bekannt mach­ten und heu­te trotz­dem nicht mehr exi­stie­ren. So schnell kann’s gehen.
  • Vor zwan­zig Jah­ren war der Prog zwar schon beer­digt, erfreu­te sich im Unter­grund aber noch bester Gesund­heit: Fred Frith etwa, einer der Grün­der von Hen­ry Cow, ließ sich nach deren Tren­nung in New York nie­der und nahm an unge­zähl­ten musi­ka­li­schen Pro­jek­ten teil, dar­un­ter an der von ihm gegrün­de­ten Expe­ri­men­tal­grup­pe Mas­sa­c­re (nicht mit der gleich­na­mi­gen Death-Metal-Band zu ver­wech­seln), die 1998 schließ­lich ihr zwei­tes Stu­dio­al­bum Fun­ny Valen­ti­ne ver­öf­fent­lich­te. Sein Lands­mann und zeit­wei­ser Mit­mu­si­kant Robert Wyatt – der mit dem Fen­ster – blieb in Euro­pa, sang und blech­blies gele­gent­lich für ande­re Kol­le­gen und über­rasch­te den Markt mit einer Neu­ab­mi­schung sei­nes Albums Don­de­stan von 1991 namens Don­de­stan (revi­si­ted). Wäh­rend Musik aus Deutsch­land 1998 Kraut & Rüben (WIZO) blieb, brach­ten auch die Fin­nen es auf beacht­li­che Lei­stun­gen: Mit ihrem eigent­li­chen Debüt­al­bum Ping­vin mach­ten Ektro­ver­de, wie erstaun­lich vie­le ande­re fin­ni­sche Bands auch ein Neben­pro­jekt von Cir­cle, mit ihrem jazz­ge­färb­ten Post­rock von sich reden. Dass seit 2003 kein neu­es Album mehr von ihnen erschie­nen ist, lässt aber lei­der nicht auf wei­te­re Auf­nah­men hoffen.
  • Vor zehn Jah­ren – apro­pos Post­rock – stand sel­bi­ger in vol­ler Blü­te: Nicht nur die famo­sen Sigur Rós berei­te­ten mir, wie schon damals erläu­tert, mit ihrem unge­wöhn­li­chen Með suð í­ eyrum við spilum enda­l­aust Ver­gnü­gen, auch Misu­se (inzwi­schen anschei­nend inak­tiv), May­bes­he­will (inzwi­schen lei­der auf­ge­löst) und Rus­si­an Cir­cles (immer­hin noch exi­stent) spiel­ten mit neu­en Alben auf. Am ande­ren Ende der Ska­la debü­tier­te die Post-Hard­core-Band La Dis­pu­te mit Some­whe­re at the Bot­tom of the River Bet­ween Vega and Alta­ir, mit­ten­drin bahn­te sich das, was regel­mä­ßig „Indie“ genannt wird, als sei das eine Stil­be­schrei­bung, sei­nen Weg: Kon­stan­tin Grop­per setz­te als Get Well Soon mit Rest Now, Wea­ry Head! You Will Get Well Soon Nuan­cen, Ste­phen Malk­mus (vor­her bei Pave­ment) nahm gleich zwei Alben auf, näm­lich Real Emo­tio­nal Trash mit den Jicks und Loo­kout Moun­tain, Loo­kout Sea mit den Sil­ver Jews. Auf ein Album, näm­lich Nar­row Stairs, beschränk­ten sich Death Cab for Cutie. Der Autor die­ser Zei­len nutz­te das Jahr weni­ger sinn­voll und fing bereits im Juni mit die­sen Jah­res­rück­schau­en an. Das haben wir jetzt alle davon.

Das soll erst mal rei­chen. Ich bit­te wie üblich um wei­te­re Emp­feh­lun­gen und wün­sche anson­sten eine gute Rei­se – ich war­te hier.

Seri­en­na­vi­ga­ti­on« Musik 06/2018 – Favo­ri­ten und Ana­ly­seMusik 06/2019 – Favo­ri­ten und Analyse »

Senfecke:

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