KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2019 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 22 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Lange nichts mehr über Musik geschrieben.

Das erste halbe Jahr 2019 ist vor­bei — schon jet­zt bietet sich daher eine Gele­gen­heit, ein paar Worte über die pass­abel­sten Musikalben des Jahres zu ver­lieren. Wie üblich erhebe ich keinen Anspruch darauf, eine voll­ständi­ge Liste vorzule­gen, zumal noch — zum Zeit­punkt des Ver­fassens dieses Absatzes — ein halbes Jahr vor uns liegt. Natür­lich war ich wie meist ungeduldig und habe bere­its die diesjähri­gen Stu­dioal­ben von Mono, The Clay­pool Lennon Delir­i­um und Sunn O))) kurz bew­ertet, weshalb sie hier nicht mehr auf­tauchen.

Die anderen Musik­w­erke dieses ersten hal­ben Jahres sind aber auch nicht unbe­d­ingt schlecht. Das wären diese hier:

  1. Itha­ca — The Lan­guage of Injury
    “I’m not here to make friends.” (Youth vs. Wis­dom)

    Zur Ein­stim­mung auf das, was fol­gt, beginne ich dies­mal mit etwas Met­al- und Math­core­musik. Das aus Lon­don stam­mende Quin­tett Itha­ca, dem Brex­it trotzend, über­zog Europa 2019 mit ihrem ersten eigentlichen Stu­dioal­bum “The Lan­guage of Injury”, nach­dem sie mit eini­gen kürz­eren Veröf­fentlichun­gen schon mal einen Vorgeschmack gewährt hat­ten. Die hier enthal­te­nen Stücke sind recht kurz, aber das ist nicht schlimm.

    “The Lan­guage of Injury” erre­ichte die Märk­te im Feb­ru­ar, also bei eher unschö­nen Tem­per­a­turen, aber die enthal­tene Musik hält hin­re­ichend warm. Djami­la Azzouz, die eine Frau ist, aber gar nicht so klingt, schraubt ihre Schreis­timme in aber­witzige Inten­sität hinein, während Schlagzeuger James Lewis seine Band­kol­le­gen (zweimal Gitarre, ein­mal Bass) maschi­nengewehrar­tig zur Höch­stleis­tung an. Nach der Auf­nahme von “The Lan­guage of Injury” wurde Bassist Drew Hay­cock allerd­ings erset­zt, was ich bedau­re, denn sein Spiel auf diesem Album sagt mir zu. “The Lan­guage of Injury” wird im Inter­net als “chao­tisch und aggres­siv” beschrieben, was nur die halbe Wahrheit ist.

    Den tak­t­ver­set­zten, gitar­ren­bret­tern­den Growlin­gat­tack­en näm­lich ste­hen Momente wie das instru­men­tale “(No Trans­la­tion)” oder auch Teile des Titel­stücks ent­ge­gen, in denen es ger­adezu sphärisch und san­ft zuge­ht. Das verdeckt allerd­ings — zum Glück — nicht, dass die her­aus­geschriene Ein­samkeit die Essenz ist, die dieses Album bildet. Jedem, dem auch manch­mal zum Schreien zumute ist, ist es sicher­lich ein Genuss; mir zum Beispiel.

    Ein Banause ist, wer noch sitzen bleibt.

    Rein­hören: Stream und Kauf gibt es auf Amazon.de und Band­camp.

  2. Juleah — Desert Skies
    “High on junk, that’s what we are.” (Ana­logue)

    Den Regelmäßi­gen mein­er Leser ist die oft son­nen­be­brillte Öster­re­icherin Juleah eine alte Bekan­nte: Nicht nur war “Straw­ber­ry Shake” von ihrem aktuellen Album “Desert Skies” im Feb­ru­ar 2019 wie schon 2015 ihr Lied “Beau­ti­ful for you” zur Mon­tagsmusik avanciert, auch ihr Album “Melt Inside The Sun” endete bere­its auf ein­er mein­er Jahres­lis­ten.

    Vielle­icht kann man etwas daraus fol­gern, dass auch “Desert Skies” hier in dieser Liste auf­taucht, min­destens jedoch, dass es Musik­er zu geben scheint, die einen Qual­itätsver­lust ablehnen. Alles, was Juleah dafür tun musste, war es, so zu bleiben, wie sie war. “Desert Skies” ist ein Album voller Psy­che­del­ic Rock. Der “Fal­ter” nan­nte es “Dream­pop” und ich mag immer noch keine Gen­re­na­men. Das Album ist unge­fähr 39 Minuten lang, kommt mir aber kürz­er vor.

    Natür­lich dominiert die Gitarre dieses Album, wie sich das für anständi­ge Rock­musik eben gehört, aber die Mul­ti­in­stru­men­tal­istin streut auch gern mal andere Töne, etwa die ein­er Orgel (“Catch-22”), ein, was zu einem Gesamtsound führt, der zeit­genös­sis­che Rezensen­ten zu der Bemerkung ver­an­lasste, The Bri­an Jon­estown Mas­sacre habe hier offen­bar seine Spuren hin­ter­lassen. Auch Blues­rock, ins­beson­dere über den her­rlichen Bass, und Folk wer­den gekon­nt einge­flocht­en. Auch die Stimme, vielschichtig hal­lend gemis­cht und ein biss­chen frech klin­gend, ent­täuscht noch immer nicht. Sie habe Gesang­sun­ter­richt genom­men, erzählte sie in einem Inter­view anlässlich der Veröf­fentlichung von “Desert Skies”. Zum Glück singt Juleah weit­er­hin auf Englisch. Öster­re­ichisch wäre doch wirk­lich eine Ver­schwen­dung.

    Rein­hören: Man kön­nte sich das Video zu “Straw­ber­ry Shake” reinziehen; und sich dann, natür­lich das ganze Album gön­nen, etwa auf Amazon.de oder Band­camp.

  3. Cab­i­nets of Curios­i­ty — The Chaos Game

    Bei Cab­i­nets of Curios­i­ty han­dle es sich, las ich soeben, um die “bekan­nteste Prog­band in Bor­den­town, New Jer­sey”. Den Wahrheits­ge­halt dieser Aus­sage kann ich nicht objek­tiv beurteilen, sub­jek­tiv ist es zumin­d­est zutr­e­f­fend, dass mir ger­ade keine andere Pro­gres­sive-Rock-Band bekan­nt ist, die sich in Bor­den­town, New Jer­sey, befind­et. Für die Beurteilung als “Prog­band” gibt es aber Anhalt­spunk­te: Sän­gerin Nat Hornyak nahm um den Jahreswech­sel von 2018 auf 2019 herum an einem dieser Wet­tbe­werbe auf Twit­ter teil, indem sie ein paar Musikalben nan­nte, die ihr etwas bedeuten. Darunter kon­nte der inter­essierte Leser auch etwas von Gen­e­sis, Jethro Tull und Yes — und keineswegs die schlecht­esten ihrer Alben — find­en. Sän­gerin­nen set­zen sich oft durch, ich ver­buche das also als gutes Zeichen.

    “The Chaos Game” ist dabei das Debüt-Vol­lzeital­bum von Cab­i­nets of Curios­i­ty. Dem Inter­net ist ein/eine unbetitelte EP von Mai 2016 bekan­nt, seit­dem wurde in der siebenköp­fi­gen Beset­zung lediglich der Key­board­er aus­ge­tauscht. Eine gewisse Reife im Zusam­men­spiel der Band ist also anzunehmen.

    Und die ist tat­säch­lich gegeben: Nach “Death, She Walks On”, ein­er Art A‑Cap­pel­la-Gesang der Sän­gerin mit sich selb­st (bekan­nt gewor­den durch den “Prophet’s Song” von Queen) exerziert die Band den Can­ter­bury durch. Dabei ist “Angu­lar Steril­i­ty” eigentlich bloß Jaz­zrock mit abge­drehtem Gesang, der allerd­ings in einen gut gefüll­ten Eimer Beard­fish und, der Flöte von Kristi­na Baci­ch sei’s gedankt, Camel getaucht wurde. Beim Gesang kom­men mir zumeist die Stolen Babies in den Sinn, was auch eine Art Qual­itätsmerk­mal ist. “Frac­tals & Coast­lines”, über 12 Minuten lang, ist eine Art Suite, deren einzelne Teile jedoch nicht ineinan­der überge­hen, son­dern nur — etwas ein­fall­s­los — hin­tere­inan­der hän­gen. Zu hören sind Gen­tle Giant, Hat­field & the North und, ver­mut­lich vor allem dank der mir mit jed­er Minute etwas bess­er gefal­l­en­den Sän­gerin, Think­ing Plague, bevor das Stück aber­mals mit gemal­ten Camel-Land­schaften ausklingt. Etwas aus dem Rah­men des übri­gen Albums fällt “In A Day”, das ein Solostück von Nat Hornyak an Klavier und Mikro­fon zu sein scheint, obwohl es mehrere Gesangsspuren gibt. Ich denke an Tina Turn­er und bin nicht unzufrieden damit.

    Es gibt einen com­pan­ion zu “The Chaos Game”, in dem Texte und eine Art Konzept drin­ste­hen. Auf schnellen Erfolg haben sie es nicht unbe­d­ingt abge­se­hen. Das Album lebt von der Kom­bi­na­tion aus der ein­drucksvollen Stimme von Nat Hornyak und dem ver­spiel­ten Jaz­zrock ihrer Mit­musik­er, ungeachtet des Umstandes, dass das Wort “Mit­musik­er” niemals ver­wen­det wer­den sollte.

    Das Ziel von Cab­i­nets of Curios­i­ty, las ich, sei es, das Zeital­ter des klas­sis­chen Progs wieder zum Leben zu erweck­en. (Wie tötet man eigentlich Zeital­ter?) Das Ziel haben sie nicht ver­fehlt.

    Rein­hören: Bandcamp.com scheint die bevorzugte Anlauf­stelle zu sein, auf Amazon.de gibt es wenig­stens einen Down­load und die üblichen Hörschnipsel.

  4. ni — Pan­to­pho­bie

    Im Dezem­ber 2018 befand ich “Bran Coucou”, das anscheinend bish­er einzige Album von Pin­ioL, für angenehm ver­rückt. Pin­ioL ist ein Zusam­men­schluss von PoiL und ni, von let­zter­er Band gab es bish­er nur ein einziges eigenes Stu­dioal­bum.

    Dies ist ihr zweites.

    Es wird unter anderem als RIO und Jaz­zcore bewor­ben, was nach “Bran Coucou” recht nahe liegt und Assozi­a­tio­nen mit King Crim­son weckt. In der Tat begin­nt das erste der neun Titel, “Hélio­pho­bie”, so instru­men­tal und zer­ris­sen, wie es auch die Pro­jeKcts aufzunehmen imstande waren. Pan­to­pho­bie ist die Angst vor allen Din­gen, dass alle neun bis elf — der erste (“Phono­pho­bie”) und der let­zte (“Apéiro­pho­bie”) Titel scheinen in der Band­cam­p­vari­ante nicht vorhan­den zu sein — Stücke eine Pho­bie benen­nen, ist daher nur kon­se­quent. Nach etwa vier Minuten gibt es erst­mals geschriene Vokalein­würfe und das Album bleibt anschließend kantig irre.

    Das Quar­tett flack­ert zwis­chen Met­al und Jazz­igem umher, zer­reibt Struk­turen im Chaos. Nach meinen Erfahrun­gen beim Zusam­men­stellen dieser fast regelmäßi­gen Lis­ten ist es nicht ver­fehlt, von typ­isch franzö­sis­ch­er Avant­garde­musik zu sprechen; eben “RIO/Avant” im besten Sinne. Michael Bohli zieht das Faz­it:

    “Pan­to­pho­bie” passiert, und zwar zu jed­er Sekunde.

    Und wer braucht Tak­te und Ord­nung, wenn er stattdessen ein Geschehen haben kann?

    Rein­hören: Vinyl, Down­loads, CDs und Hör­proben bietet Amazon.de feil, anson­sten gäbe es noch Band­camp.

  5. David Torn/Tim Berne/Ches Smith — Sun of Goldfin­ger

    David Torn ist ein US-amerikanis­ch­er Jaz­zgi­tar­rist, der bere­its mit David Bowie, Bill Bru­ford, Tony Levin und Don Cher­ry zusam­mengear­beit­et hat. Gemein­sam mit dem Sax­o­phon­is­ten Tim Berne sowie dem unter anderem von Secret Chiefs 3 bekan­nten Schlagzeuger Ches Smith hat er ein Album namens “Sun of Goldfin­ger” aufgenom­men. Alle drei Musik­er sind einan­der nicht unbekan­nt und halfen einan­der auch in der Ver­gan­gen­heit bere­its aus. Man verzei­he mir, dass ich als gele­gentlich erfreuter Exper­i­men­tal­jaz­zhör­er diesem Album manche Vorschus­s­lor­beere in den Hals stopfte.

    Es hat sie alle geschluckt.

    Wie zu erwarten war, han­delt es sich bei “Sun of Goldfin­ger” um ein rein instru­men­tales Album. “Jaz­zTrail” sprach von einem Pflich­tal­bum für Anhänger neuer Musik, der­er ein­er ich fra­g­los bin. Es gibt drei Stücke mit ein­er Länge zwis­chen 22 und 24 Minuten, was “Sun of Goldfin­ger” nicht nur rel­a­tiv lang (aber keineswegs län­gen­haltig) macht, son­dern auch ahnen lässt, wohin die Reise geht: Ich höre vor allem Freiform-Jazz, in dem das Impro­visieren hoch gehal­ten wird, aber auch eine in kein­er Sekunde kitschige Spielart der Welt­musik, vor allem in der zweit­en Hälfte von “Spar­tan, Before It Hit”. Sich­er: Wer dem unge­fähren beschriebe­nen Stil noch nie viel abgewin­nen kon­nte, der kann dieses Album über­sprin­gen, ohne befürcht­en zu müssen, viel ver­passt zu haben. Wer aber grund­sät­zlich für Jazz offen ist, dem scheint keine Minute dieses Albums eine Ver­schwen­dung von Zeit zu sein — auch und ger­ade nicht mir.

    Als “Debü­tal­bum” wird es wei­thin benan­nt, was in dieser Kon­stel­la­tion ver­mut­lich nicht falsch ist. Zwar ist im Jazz wech­sel­nde Zusam­me­nar­beit nicht ungewöhn­lich, ich hoffe den­noch, “Sun of Goldfin­ger” bleibe nicht das erste und let­zte gemein­same Album der drei Her­ren.

    Rein­hören: Amazon.de (kurz), TIDAL (lang).

  6. De Staat — Bub­ble Gum

    Von De Staat, ein­er nieder­ländis­chen Pop­gruppe, berichtete ich zulet­zt 2016, als ihr angenehmes Album “O” veröf­fentlicht wor­den war:

    (…) chan­neln De Staat mal Primus (…), mal die Pet Shop Boys, schwin­gen im Kos­mos von Tanzpop (…), New Wave und Groove herum, ohne sich dabei in irgendwelche Gren­zen zwän­gen zu lassen.

    Muss denn auf jedem Album ein ganz neuer Stil her? Ich finde: Nein. Und so ist auch “Bub­ble Gum” trotz seines Titels zwar ein Album mit Pop­musik gewor­den, aber Kau­gum­mipop sucht man weit­er­hin vergebens. Gewürzt wird “Bub­ble Gum” mit Früh-90er-Elek­tron­ik (“Pikachu”) und ein­er beein­druck­enden Eingängigkeit, anson­sten nehmen sie weit­er­hin die besten Primus-Alben auf, die nicht von Primus selb­st stam­men. “Bub­ble Gum” ist ein sehr lebendi­ges Album, das auch mal in Text und Stil Boy­bands (“Fake It Till You Make It”) per­si­fliert. Man sollte den Humor dieser Band mögen, anson­sten kann man De Staat nicht gän­zlich genießen. Ich mag ihn und genieße, Tanzpop hin oder her. Mein Bedarf an Kurzweil bedankt sich artig für die Rev­erenz.

    Auf dem Niveau können’se gerne noch etwas bleiben.

    Rein­hören: Es gibt ein gewohnt selt­sames Video zum eröff­nen­den “KITTY KITTY”, im Übri­gen helfen Amazon.de und TIDAL wom­öglich weit­er.

  7. Kuhn Fu — Chain The Snake

    Wir bleiben in den Nieder­lan­den.

    Von dort, aus Gronin­gen näm­lich, kom­men außer De Staat auch Kuhn Fu. Weil im deutschen Sprachraum der Name “Kuhn” vielle­icht Ver­gle­iche weckt, die nicht unbe­d­ingt angemessen sind, sei hier darauf hingewiesen, dass der Name eigentlich falsch ist, denn der Gitar­rist und Sänger dieses Quar­tetts heißt Chris­t­ian Kühn. Nach zwei Alben, die eben­falls irgend­was mit “Kuhn” hießen, ist “Chain the Snake” nun das dritte Stu­diow­erk der seit dem let­zten Album “KUHNSPIRACY” (2017) lediglich am Schlagzeug umbe­set­zten Gruppe.

    In “Trak­tus” wird auf Deutsch geflucht, anson­sten ist der mal komö­di­antis­che (“Wolf’s Muck­enko­gel”), meist aber wenig­stens irgend­wie schräge (“Mar­co Messy Mil­lion­aire”) Gesang auf Englisch gehal­ten. Weil das ein­fall­s­los ist, spielt die Band dazu um so bemerkenswert­ere Musik: Es wird, kräftig unter­stützt von Ziv Tauben­feld an der Bassklar­inette, bläseror­i­en­tiert­er Jaz­zrock her­vorge­bracht, der wieder ein­mal in guter, alter RIO-Tra­di­tion ste­ht. Ver­set­zte Rhyth­men (“Gargamel”) tre­f­fen auf crim­sonesque Stücke (“Gus­tav Grinch”)

    Auf den “Baby­blauen Seit­en” befand Sig­gy Zielin­s­ki im März 2019, Kuhn Fu seien “ein heißer Tipp für die Fre­unde von Avant-Jazz-Punk-Prog”. Ich füh­le mich ange­sprochen und bin nicht ent­täuscht.

    Rein­hören: Das kom­plette Album gibt es als Stream bei TIDAL und Band­camp, bei let­zter­er Anlauf­stelle sowie bei Amazon.de auch auf physis­chem Ton­träger zum Verkauf.

  8. Inter Arma — Sul­phur Eng­lish

    Inter Arma ist zwar Latein, beze­ich­net jedoch ein recht haariges Quar­tett aus Rich­mond. Diesem sei bescheinigt, dass es auf seinem selt­sam benan­nten Stu­dioal­bum “Sul­phur Eng­lish” Sludge Met­al spielt, der so gut ist, dass sog­ar ich ihn mag.

    Schrilles Pfeifen, dumpfe Schläge von fern: Mit “Bum­gard­ner” begin­nt “Sul­phur Eng­lish” rät­sel­haft, bevor nach ein­er Minute schlep­pen­der Doom Met­al ein­set­zt. Lyrics gibt es noch nicht, wohl aber im fol­gen­den “A Wax­en Sea”, in das “Bum­gard­ner” überge­ht, wen­ngle­ich man sie akustisch kaum ver­ste­ht: “I raise my hands to the sea beyond, intox­i­cat­ed by the winds that whip up from her fair shores”, genau so klingt das hier Gehörte auch. Schön­klang? Pah, Gebrüll — inmit­ten des Stücks gar: Gekreisch — zu Instru­men­tal­rudel­bums! Man hat ja hier einen Ruf zu ver­lieren (einen schlecht­en).

    Wer jet­zt noch nicht tot aus dem Ses­sel gefall­en oder panisch aus dem Fen­ster gesprun­gen ist, dem sei ver­sichert, dass das Album dieses Niveau bis zum Ende durch­hält, mitunter bere­ichert von Zwis­chen­spie­len wie einem uner­warteten, aus­gedehn­ten Psy­che­del­ic-Hardrock-Gitar­ren­so­lo (“Citadel”), Doom- (“Blood on the Lupines”) und Shoegaze­mo­menten (“Howl­ing Lands”). Dabei schweifen sie auch schon mal aus — das läng­ste Stück “The Atavist’s Merid­i­an” ist mit­samt Span­nungsauf­bau und Kli­max über zwölfein­halb Minuten lang -, keines­falls aber lassen sie es dabei langsam ange­hen. Inter Arma hal­ten sich nicht mit Bit­ten auf, sie verteilen “reini­gende Kopfnüsse” (Jake Wal­ters) und das zu Recht.

    Dass das warme “Still­ness”, getra­gen von Schlagzeug und Akustikgi­tarre, in sein­er ersten Hälfte neben den Spä­tal­ben von Pink Floyd nur auf­grund sein­er selt­samen Unruhe beson­ders auf­fall­en würde, wider­spricht dieser Erken­nt­nis nicht, denn die zweite Hälfte erin­nert wieder daran, wom­it wir es hier zu tun haben. Mich amüsiert der geschriene Titel des Stücks. Anscheinend gibt es auch eine Text-Klang-Schere.

    “Sul­phur Eng­lish” ist ein lautes, bru­tales Album. Es hat seinen Platz in dieser Liste redlich ver­di­ent. Bitte nicht schießen!

    Rein­hören: Zu “Howl­ing Lands” gibt es ein Musikvideo, anson­sten kön­nten Amazon.de, TIDAL und Bandcamp.com weit­er­helfen.

  9. Drahla — Use­less Coor­di­nates
    “Have you ever seen a neon globe flick­er?” (Stim­u­lus for Liv­ing)

    Weniger bru­tal geht Drahla, eine britis­che Post­punkband, zu Werke. Nach eini­gen kürz­eren Veröf­fentlichun­gen hat sie es 2019 endlich geschafft, ihr Debü­tal­bum “Use­less Coor­di­nates” ein­er über­rascht­en Öffentlichkeit zu präsen­tieren. Ihre Herkun­ft hat unter anderem den Vorteil, dass Sän­gerin Luciel Brown die schönere Form des Englis­chen von sich gibt, näm­lich das Britis­che mit her­rlich gedehn­ten Vokalen. Selb­st schuld, wer den US-amerikanis­chen Dialekt wertschätzt, denn hier ent­ge­ht ihm was. Die Dame ist nie laut und aufgeregt, immer eher lock­er-luftig. Fein.

    Und die Musik selb­st taugt auch was. “Gild­ed Cloud” etwa weist ein langes, immer wieder unter­broch­enes intro auf. “Seren­i­ty” führt den stiltyp­is­chen Sprechge­sang ein, erst­mals sind hier auch die Sax­o­phonein­würfe von Gast­musik­er Chris Duf­fin zu hören, die später immer wieder vorkom­men. Mitunter (“Sero­tonin Lev­el”) denke ich an diejenige Beset­zung von Van der Graaf Gen­er­a­tor, in der noch David Jack­son mit­spie­len wollte, obwohl wir uns hier in einem ganz anderen Genre bewe­gen. Auch im fol­gen­den “Pyra­mid Estate” spielt das Sax­ophon neben dem dom­i­nan­ten Bass — den ich bei Post­punkplat­ten sehr schätze — eine gewichtige Rolle und bekommt sog­ar eine Solopas­sage. Ander­swo (“Stim­u­lus for Liv­ing”, “Prim­i­tive Rhythm”) ver­sucht sich die Band an Grunge. Fast bin ich der Ansicht, Son­ic Youth zu hören. Ich mag Son­ic Youth.

    Das im Inter­net als zen­trales Stück der Plat­te beschriebene “React/Revolt” ist ein aus anderen Grün­den erfreulich­es: Sax­ophon und Bass leit­en mit instru­men­talem Free Jazz ein, bevor nach zweiein­halb Minuten gitar­rengetrieben­er Post­punk übern­immt, wie er auch später (“Sero­tonin Lev­el”) wieder zu hören sein wird. Das anson­sten recht nor­mal post­punk­ende “Twelve Divi­sions of the Day” über­rascht mit­tig mit einem erstaunlich laut­en und druck­vollen Teil mit angenehm schrä­gen Zwis­chen­tö­nen. Keine Sorge, eingeschlafen wäre ich auch son­st nicht. Dass Drahla aus der eher linken “Szene” stam­men, ruft das let­zte Lied “Invis­i­ble Sex” nochmals in Erin­nerung, in dem es mit bedrück­ender Stim­mung um erfun­dene Geschlechter geht. In Berlin kön­nte man damit auch erfol­gre­ich wer­den.

    Ins­ge­samt dominieren hier allerd­ings ver­gle­ich­sweise lange Instru­men­tal­pas­sagen, die für die gele­gentlich sehr grü­nen Texte mehr als entschädi­gen. Plat­ten wie diese höre ich sel­ten wegen ihres lyrischen Anspruchs, aber die Melo­di­en, die Melo­di­en! Da sieht man (also: sehe ich) auch darüber hin­weg, dass Lieder und Album ver­gle­ich­sweise kurz aus­fall­en. Bonus­punk­te gibt es im Übri­gen für das schön schlechte Cover­bild, das darauf hin­weist, was drin ist. So was wird heutzu­tage ja viel zu sel­ten gemacht.

    Rein­hören: Das Album gibt es auf Amazon.de, Bandcamp.com und TIDAL.

  10. Boltz­mann Brain — Spacesquid Brain

    Ein Boltz­mann-Gehirn, darüber informieren ver­schiedene Pub­lika­tio­nen, beze­ich­net das men­schliche Gehirn, das in einem beliebig großen Uni­ver­sum in einem beliebi­gen Zeitraum irgend­wann durch quan­ten­physikalis­che Zusam­men­hänge unweiger­lich entste­hen wird. Boltz­mann Brain kom­men trotz­dem aus Ilme­nau. Das Uni­ver­sum erlaubt sich eige­nar­tige Scherze.

    Dem Namen des Albums entsprechend haben wir es hier mit Space­rock zu tun, allerd­ings nicht in sein­er unver­fälscht­en Form, denn Boltz­mann Brain mögen das Spiel mit den Stilen und lassen sich vom Krautrock eben­so inspiri­eren wie vom 70er-Fusion. Schon “Good­bye, Mr. Clooney” (neunein­halb Minuten lang), das erste der nur vier Stücke, begin­nt mit einem lan­gen exper­i­mentellen Instru­men­tal­in­tro und gewährt erst nach über viere­in­halb Minuten Laufzeit etwas Entspan­nung. Eine stark verz­er­rte Stimme spricht energiege­laden Texte, die ich erst mal nach­le­sen müsste, aber nicht will. Das erin­nert mich an Faust und ich bin bere­its entzückt. Eher an der Früh­phase von Can ist das fol­gende “Infin­i­ty” ori­en­tiert, das auf eine Jaz­zgrund­lage aufge­baut ist. Der Sänger dreht allmäh­lich durch, bellt und brüllt mal punkig, mal grungig, mal blue­sig unverän­dert verz­er­rt ins Mikro­fon. “I tried to see / what you showed to me”, ach so, naja.

    Punkig ist auch “Suc­qmah”, das anfangs aus zu Punkrock durchge­führten Elek­tron­ikex­per­i­menten beste­ht, sich aber anschließend dem Jaz­zrock zuwen­det. Das Stück ist instru­men­tal. Das Inter­net behauptet, der Text zum Lied laute “oh”, aber das ist natür­lich kein Text und das Inter­net sollte sich schä­men. Falls jemand nicht so viel Zeit hat, wis­sen Boltz­mann Brain Rat: “Until” ist , musikalisch betra­chtet, eigentlich eine Zusam­men­fas­sung der ersten drei Stücke mit ein biss­chen Text drin. Lang sind die Texte auf “Spacesquid Brain” allerd­ings alle­samt nicht. Das macht nichts, dafür ist Space­rock auch nicht so gut geeignet.

    Rein­hören: Amazon.de hat Schnipsel und Bezahlstream, Möglichkeit­en zu Kauf und Kom­plettstream gibt es anson­sten auf Bandcamp.com.

  11. BIG|BRAVE — A Gaze Among Them

    Die Stadt Mon­tréal ken­nen wir Musik­lieb­haber vor allem daher, dass God­speed You! Black Emper­or sowie ein halbes Dutzend per­son­ell ver­wandter Grup­pen, zumeist mit Postrock­hin­ter­grund, sich dort behei­matet sehen. Bei mehreren von ihnen spielt unter anderem Thier­ry Amar (Bass und Kon­tra­bass) mit.

    Sel­biger gastiert auch auf “A Gaze Among Them”, dem vierten Vol­lal­bum von BIG|BRAVE aus der­sel­ben Stadt, zurzeit anscheinend beste­hend aus Robin Wat­tie (Gitarre, Bass, Gesang), Math­ieu Ball (Gitarre) und Loel Camp­bell (Schlagzeug). Das Album beste­ht aus fünf Stück­en, grund­sät­zlich ein gutes Zeichen.

    Dass BIG|BRAVE trotz­dem keinen schw­er­müti­gen Postrock aufnehmen, son­dern sich etwas abseits tum­meln, tut der Abwech­slung ja dur­chaus gut. Mehr als ein­mal werde ich trotz des extro­vertiert-aufge­dreht­en Gesangs an Sig­ur Rós’ “Bren­nis­teinn” erin­nert. Ich höre Nois­e­rock, Post­met­al und Psy­che­del­ic Rock, umwoben von und ver­flocht­en mit Gitar­ren­drones. Das zweite und zweitläng­ste Stück “Hold­ing Pat­tern” fällt dabei fast ein wenig aus der Rei­he: Es begin­nt ambi­ent, geht dann aber wieder in bek­lem­mend elek­tro­n­is­che Psy­che­del­ic mit einem ungewöhn­lichen, aber nicht stören­den Stampf­beat über. Wenn ich etwas kri­tisieren müsste, dann, dass die Abmis­chung von “A Gaze Among Them” für einen etwas ver­wasch­enen Klang sorgt, der die gedachte Punk­tzahl aber auch nicht deut­lich senkt. Erfreulich ist es jedoch, dass ich das gar nicht muss und es deswe­gen auch sein lasse.

    Rein­hören: Amazon.de, TIDAL und Bandcamp.com sind von mir emp­foh­lene Rein­hör- und zum Teil auch Kaufgele­gen­heit­en.

  12. The War­locks — Mean Machine Music

    Von ein­er Band, die so heißt, wie sie heißt, weil The Vel­vet Under­ground irgend­wann auch mal so hießen, wird schon vor dem Hören einiges erwartet, jeden­falls von mir. Dass sie ein Album her­aus­bringt, das “Mean Machine Music” heißt, ver­stärkt diesen Effekt.

    Dass “Mean Machine Music” von The War­locks trotz­dem keine Kopie von Lou Reeds “Met­al Machine Music” ist, verzei­he ich ihr gern, denn ihrer Vor­bilder ist sie sich trotz­dem bewusst. Die gemein­same Liebe zu Rock & Roll habe sie zusam­menge­führt, behauptet die Biografie auf der Band­camp­seite, aber dahin­ter steckt mehr als Elvis Pres­ley. “Rock & Roll” legt die Band auch großzügig aus, denn während ich die wohl bekan­nteste Rock-and-Roll-Band, die nur ein Album lang wirk­lich “Rock & Roll” — eines der Lieder hieß sog­ar so — zu spie­len ver­sucht hat, im Nuschelge­sang eben­so wieder­erkenne wie in den monot­o­nen Rhyth­men, die den Fuzz- und Droneschüben zugrunde liegen, ist vieles auf “Mean Machine Music” doch eher dem Post­punk zuzuord­nen, woran der grol­lende Bass, der mal von Sänger und Front­mann Bob­by Heck­sh­er, meist aber von Christo­pher DiPino bedi­ent wird, seinen angemesse­nen Anteil einzu­fordern wohl berechtigt wäre.

    Genau genom­men ist “Mean Machine Music” sog­ar zwei Alben, denn das Album ist sowohl in sein­er nor­malen als auch in ein­er reduzierten, instru­men­tal­en Ver­sion (also ohne Gesang) zu hören; nach “Trib­ute to Hawk­wind”, das auch genau so klingt, wie es heißt, begin­nen die repris­es jedes der fünf Stücke. In der Beschrei­bung ist dazu, frei über­set­zt, zu lesen:

    Inspiri­ert von allem zwis­chen Stere­o­lab, Krautrock und Death-Rock präsen­tiert dieses Album fünf neue Kom­po­si­tio­nen und sucht diese Lieder dann für instru­men­tale Wieder­auf­nah­men erneut auf, die tiefe Schicht­en voller Melodie und Atmo­sphäre offen­baren!

    Das mit der “Melodie und Atmo­sphäre” klappt tat­säch­lich sehr gut. Der erste Teil des Albums begeis­tert mit dem Rück­griff auf den besseren Teil der Rock­musik der 1960er Jahre, der zweite Teil wiegt sich groovend ins Gehör und ins Innere. Ein Album zum Schwel­gen.

    Rein­hören: Wie inzwis­chen gewohnt ste­hen Amazon.de, TIDAL und Bandcamp.com bere­its bere­it. Offen­bar ist die Instru­men­talver­sion von “Trib­ute to Hawk­wind” jedoch nicht über­all enthal­ten, ich empfehle darauf zu acht­en.

  13. Die Gold­e­nen Zitro­nen — More Than a Feel­ing
    “Ihr dürft hier bald gar nichts mehr dür­fen!” (20x20)

    Dass die Gold­e­nen Zitro­nen, vor vie­len Jahren Spaßpunkband, wenig später Punksatirik­er, seit­dem Elek­trotanzwasweißich, immer noch neue Sätze find­en, die sie noch nicht ver­tont haben, über­rascht mich auf jedem Album wieder. Dem sei beige­fügt, dass auch Über­raschun­gen vorherse­hbar sein kön­nen. Die let­zten paar Stu­diow­erke haben mich tat­säch­lich etwas ermüdet zurück­ge­lassen: Zu fest­ge­fahren schienen die Ham­burg­er Schüler in ihrer Achtzigeräs­thetik.

    Auf “More Than a Feel­ing”, Album Num­mer 13, gelingt ihnen jedoch der textliche und melodis­che Brück­en­schlag zwis­chen ihren jün­geren Werken und Glanz­tat­en wie “Schafott zum Fahrstuhl”. Dichte Spät-80er-Elek­tron­ik gibt es auch weit­er­hin, anson­sten hat die Gruppe ihre musikalis­chen Gren­zen in dem eige­nar­ti­gen Dreieck zwis­chen Trip-Hop, Indie-Pop (“Nüt­zliche Katas­tro­phen”) und dem, was textlich klis­chee­haft albern und musikalisch den Punkrock verspot­tend jedem Genre trotzt und was ich daher Zitro­nen­stil nen­nen möchte (“Katakombe”), anscheinend noch längst nicht abschließend abgesteckt. Textlich sind sie unbeir­rt in Hochform, wie man nicht erst in “Mauern bauen (test­weise)” belustigt fest­stellen darf: “Was meinen sie mit ‘Volk’? (…) Meinen sie damit, dass sie (…) um die Schweine, die sie essen wollen, die Schritte, die sie marschieren wollen, etwas herum bauen wollen?” Dazu wun­der­volle Neol­o­gis­men wie “Mit­dem­schwanzwedelung” (“In der Schleife”) und der ein­st­mals ent­täuschte Hör­er (ich) kehrt freudig zurück.

    Ihre deut­liche poli­tis­che Hal­tung — heutzu­tage ist ja alles eine Hal­tung — fließt freilich aus jedem Moment auf diesem Album, begin­nend bei “Es nervt”, vor­ge­tra­gen von “LaToya Man­ly-Spain von der Schwarzen Fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung” (“musik­ex­press”), die die Vere­in­nah­mung ihrer Posi­tio­nen seit­ens der Guten kri­tisiert, gipfel­nd im Abschlussstück “Die alte Kauf­mannsstadt, Juli 2017”, in dem die aus­geufer­ten G20-Demon­stra­tio­nen vor zwei Jahren zusam­menge­fasst wer­den: “Wer vom Fach war, der wusste, was passieren würde.” Die Gold­e­nen Zitro­nen müssen es wis­sen, sie waren als musikalis­ch­er act mit­ten­drin. Fraglich ist, ob die Demon­stran­ten die hier vor­ge­tra­gene Kri­tik an ihrer Berechen­barkeit als eine solche ver­ste­hen wür­den.

    “More Than a Feel­ing” bläst dem immer­hin nur schein­bar müde gewor­de­nen Zitro­nen­schiff also wieder Wind in die Segel. Ihm sei allzeit eine Hand­bre­it Wass­er unter dem Kiel zuteil.

    Rein­hören: Zu “Es nervt” gibt es ein gewohnt selt­sames Video. Des Weit­eren sind Amazon.de und TIDAL sehr fre­undlich zu inter­essierten Kon­sumenten, andere Stream­ing­di­en­ste bitte ich bei Bedarf selb­st zu kon­sul­tieren.

  14. Per Wiberg — Head With­out Eyes

    Bei Durch­sicht mein­er bish­eri­gen Besten­lis­ten habe ich über­rascht fest­gestellt, dass unter den­jeni­gen Bands, von denen ich annahm, sie wären bere­its darin vorgekom­men, wom­it ich jedoch falsch lag, auch die schwedis­che Prog­met­al­gruppe Opeth ist. Aus nahe­liegen­den Grün­den ändere ich das auch heute nicht, denn das diesjährige Album von Opeth — “In Cau­da Venenum” — ist noch gar nicht erschienen. Stattdessen möchte ich ein wenig in ihrer Geschichte herumwühlen.

    Diese ist geprägt von stetigem Wan­del: Bere­its drei Jahre vor Veröf­fentlichung ihres Debü­tal­bums “Orchid” (1995) war das let­zte Grün­dungsmit­glied David Isberg nicht mehr dabei, seit­dem führt Gitar­rist und Sänger Mikael Åker­feldt die Band an. 2005 stieß Key­board­er Per Wiberg dazu, der drei Live- und zwei Stu­dioal­ben lang dabei blieb. Neben sein­er Aushil­fe bei anderen Kün­stlern und sein­er Mit­glied­schaft bei den Spir­i­tu­al Beg­gars hat­te er jet­zt sog­ar noch Zeit, ein erstes Soloal­bum aufzunehmen. Es heißt “Head With­out Eyes” und ist nicht schlecht.

    Im Inter­net wird es für seinen Abwech­slungsre­ich­tum gewürdigt und das nicht unberechtigt. In sechs Stück­en, teil­weise (“Any­where the Blood Flows”) über 11 Minuten lang, höre ich vor allem atmo­sphärisch dicht­en Hard-/Space­rock. Wer Hawk­wind mag, dem sollte “Head With­out Eyes” gle­ich­falls gefall­en. Ander­swo gibt es mal Doom (“Pile of Noth­ing”), mal Nick-Cave-taugliche Musik mit dazu passenden lyrics zu genießen: “I don’t trust the light any­more” (“Fad­er”) — so muss das sein. Der Pres­se­text zum Album schwafelt was von Van der Graaf Gen­er­a­tor und Talk Talk, aber Press­eschreiber inter­essieren sich auch meist nicht beson­ders für Musik.

    Wer einen Kopf hat, der höre. Guck­en muss er ja nicht, das Cover­bild ist ohne­hin keines der schöneren dieses Jahres.

    Rein­hören: TIDAL hat — wie oft — einen Kom­plettstream im Sor­ti­ment, für Kauf und Rein­hören scheint Amazon.de geeignet zu sein.

  15. Mag­ma — Zëss

    Hur­ra! Mag­ma sind im fün­fzig­sten Jahr ihres wenig­stens ideellen Beste­hens zurück und führen ein Werk mit sich, an dem seit wenig­stens 1977 gear­beit­et wurde.

    Das jahrzehn­te­lange Per­fek­tion­ieren bere­its live aufge­führter Rohfas­sun­gen hat dem erfreuten Rezensen­ten bere­its einige sehr schöne Musikalben dieser Gruppe zu Gehör gebracht. Sollte es jet­zt wom­öglich das let­zte Mal sein? Vor inzwis­chen zehn Jahren hat­te Band­chef und ‑grün­der Chris­t­ian Van­der in einem Inter­view mit­geteilt, “Zëss” werde das let­zte Stück sein, das er jemals aufnehmen werde. Inzwis­chen hat er diese Ein­schätzung zwar rev­i­diert, aber ihn daran zu messen erscheint mir trotz­dem nicht verkehrt. Mag­ma haben sich selb­st von Anfang an — mit ein­er kurzen Unter­brechung (“Mer­ci”, 1984) — immer wieder zu übertr­e­f­fen ver­sucht und sind damit sel­ten gescheit­ert.

    “Zëss” ist, vielle­icht gibt es auch deshalb erst im Sep­tem­ber eine nachgeschobene Viny­laus­gabe, ein einziges Stück von 37:57 Minuten Länge. Inhaltlich gehe es, das lässt sich her­aus­find­en, um griechis­che Mytholo­gie und um den let­zten Tag vor dem großen Nichts. Zumeist lässt die Gestal­tung der Alben von Mag­ma ja Schlüsse auf die ihnen zugrun­deliegende Mytholo­gie zu und auch dies­mal ist der Schriftzug “Zëss” unge­fähr so gestal­tet, wie man Texte eben so gestal­tet, wenn man einen Bezug zu Griechen­land her­stellen will. Der Unter­ti­tel von “Zëss”, sog­ar auf dem Album selb­st zu lesen, ist “le jour du néant”, also “der Tag des Nichts”. Chris­t­ian Van­der, son­st vor allem am Schlagzeug sitzend, zieht es in “Zëss” seit über vierzig Jahren vor zu sin­gen, seine Vertre­tung übern­immt Mor­gan Ågren von Mats/Morgan. Neben sieben weit­eren Vokalis­ten, darunter die anscheinend unver­wüstliche Isabelle Feuille­bois, sowie den zurzeit nur noch sechs Mag­mamusik­ern selb­st nahm auch das Prager Phil­har­monieorch­ester an der Auf­nahme teil. The­atra­lik stand Mag­ma schon immer gut.

    Apro­pos Unter­ti­tel: Das Stück beste­ht aus sieben Teilen, die aus­nahm­sweise neben einem kobaïanis­chen auch einen franzö­sis­chen Titel tra­gen. Das let­zte dieser sieben Teile heißt “Dümgëhl Blaö (Glas Ultime)”, was, wie zuvor schon “Šlağ Tanz” (2015), wahrschein­lich nur im Deutschen witzig klingt. Ich bin unver­min­dert froh darüber, dass Mag­ma mit weni­gen Aus­nah­men darauf verzicht­en, die Sprache ihres Heimat­landes Frankre­ich zu der ihren zu machen. Schön ist es auch, dass auf “Zëss” anfangs die Stärken der klas­sis­chen Mag­ma-Phase, näm­lich das Düstere und Hym­nis­che, wieder über das allzu Beschwingte (“Félic­ité Thösz”, 2012) siegen. Pop­musik ist nicht von Dauer.

    “Ẁöhm dëhm Zeuhl sta­di­um”, unter­titelt als die “Hymne des Nichts”, läutet das Album insofern sehr willkom­men ein, näm­lich getra­gen mit Klavier und ton­losem Chorge­sang. Nach zweiein­halb Minuten set­zt der Chef per­sön­lich mit warm vor­ge­tra­gen­em Kobaïanisch ein, jedoch nur kurz, denn der Chor übern­immt schnell wieder. “Da Zeuhl Ẁortz dëhm Ẁrëh­ntt” über­rascht dann doch: Zu einem monot­o­nen Klavier­rhyth­mus und treiben­dem Jaz­zschlagzeug wird ein franzö­sis­ch­er Monolog gehal­ten. Ich bin ver­wirrt, zumal es nicht mal scheußlich, son­dern sog­ar sehr stim­mig klingt. Chris­t­ian Van­der fehlt vielle­icht das Kratzig-Küh­le, das ich bis­lang für eine Voraus­set­zung gehal­ten hat­te, um franzö­sis­ch­er Sänger sein zu dür­fen. Der naht­lose Über­gang in “Dï Ẁööhr Sprašer”, “la voix qui par­le” (“die sprechende Stimme”), fällt auch nur durch den Wech­sel der Sprache auf, denn ohne Stil­bruch fährt der Sänger, immer orches­traler begleit­et, auf Kobaïanisch fort, das immer wieder, vielle­icht nicht zufäl­lig, wie eine wenig­stens gelun­gene Par­o­die des Deutschen klingt: “Und wir am wer­den Stür­men sein”, was man trotz des geroll­ten Rs wahrschein­lich aber ganz anders schreibt. Die zweite Hälfte dieses Teils wird im Wesentlichen bei gehal­tenem Klavier­rhyth­mus mit Scat­ge­sang bestrit­ten. Nie­mand soll behaupten, Mag­ma hät­ten ihre Jazz­wurzeln ver­drängt.

    Nach einem kurzen hym­nis­chen Zwis­chen­spiel mit erneutem text­losem Chorge­sang schließt “Štreüm Ündets Ẁëhëm” an, in dem das Orch­ester, wohl über­wiegend stre­ichend, endlich ein­mal auf­drehen darf. Dem Klavier­rhyth­mus wird hier ein vorüberge­hen­des Ende geset­zt, Blasin­stru­mente übernehmen. “Zëss Mah­n­tëhr Kan­töhm” ist eine Fort­set­zung von “Dï Ẁööhr Sprašer” mit einem noch dichteren Orch­ester und dom­i­nan­tem Chor. Einen Stil­wech­sel kann erst “Zï Ïss Ẁöss Štëhëm”, in dem der Chor Jesus Chris­tus — Sanc­tus! Sanc­tus! — besingt, wieder aufweisen, was nicht nur textlich auf­fällt, denn man ken­nt Mag­ma nicht unbe­d­ingt als beson­ders christliche Band. Tat­säch­lich scheint “Zëss” andauernd jubel­nder und fröh­lich­er zu wer­den. Und das Blöde ist: Mir gefällt das sog­ar.

    Aber Moment: Plöt­zlich ver­s­tum­men die Instru­mente. Wenig Orch­ester und ein zurück­hal­tendes Klavier bes­tim­men das abschließende “Dümgëhl Blaö”, das beina­he als Schlager durchgin­ge, wen­ngle­ich als außergewöhn­lich beschwören­der und überdies auf Kobaïanisch gesun­gener. Zwar wird so der Bogen zum Beginn des Albums geschla­gen, aber dieses Her­aus­reißen aus dem Beschwingten erfol­gte doch etwas unverse­hens.

    Mein Faz­it? Nun, “Zëss” ist selb­st im sowieso nicht ger­ade gewöhn­lichen Gesamtwerk von Mag­ma ein auf­fäl­liges Album, das kon­se­quent auf dem auf den let­zten paar Alben eingeschla­ge­nen Weg fortschre­it­et, ohne den Ursprung aus den Augen zu ver­lieren. Als Ein­stieg in den Zeuhl mag es ungeeignet sein, aber Spaß macht’s dann eben doch. Sollte es das let­zte Stu­dioal­bum Mag­mas bleiben, so war es wenig­stens ein würdi­ger Abschied.

    Rein­hören: Über­rascht stelle ich fest, dass sowohl Stream als auch Ama­zon­schnipsel sich zurzeit noch rar machen beziehungsweise gemacht wer­den. Auf YouTube gibt es jedoch eine Wieder­ga­beliste mit ein­er etwas älteren, aber bere­its sehr guten Auf­führung von “Zëss”.

    Was sagt der Kalen­der? Ah, spät dran. Dann machen wir den Rest im Schnell­durch­lauf:

  16. Pel­i­can — Night­time Sto­ries

    Diejeni­gen, die sich an energiege­laden­em instru­men­talem Post­met­al erfreuen kön­nen, ver­leit­et die Ankündi­gung eines neuen Albums der vier Her­ren von Pel­i­can gele­gentlich zu Aus­drück­en der Freude, die auch an “Night­time Sto­ries”, ihr angriff­s­lustig rif­f­end­es, doomendes und dröh­nen­des sech­stes Stu­dioal­bum, nicht ver­schwen­det sind. Amazon.de.

  17. Lost in Kiev — Per­sona

    “Per­sona” ist effek­tverziert­er, gitar­rengetrieben­er Konzept-Postrock aus Frankre­ich mit genau richtig einge­set­zten gesproch­enen Tex­ten, für den tief in den Archiv­en von Russ­ian Cir­cles und Explo­sions in the Sky gewühlt wurde und der 2019 zu den bish­er besten der Dekade gezählt wer­den kann. Band­camp.

  18. Spot­lights — Love & Decay

    Hin­ter diesem unauf­fäl­li­gen Titel ver­birgt das Trio aus New York schön dicht­en Doom/Shoegaze, der es sich, ver­fein­ert mit bemerkenswert san­ftem Gesang, auf dem opti­malen Platz zwis­chen Schwere und Melodie gemütlich gemacht hat. Band­camp.

  19. Lost World Band — Spheres Aligned

    Nach Auf­nah­men in Moskau und New York erfreut diese rus­sis­che Band den Fre­und klas­sis­chen Pro­gres­sive Rocks sowie östlich­er Folk­lore mit ein­er gelun­genen Kom­bi­na­tion aus bei­dem, darge­boten mit Flöte, Geige, brum­men­dem Bass, schnei­den­der Gitarre und ein­er angemesse­nen Menge an schön zurück­hal­tenden Vokalein­la­gen. Band­camp.

  20. Karako­rum — Fables and Fairy­tales

    Fast bleiben wir im Genre: Karako­rum kre­den­zen eine vortr­e­f­fliche Creme aus Retro­prog, Can­ter­bury und Clas­sic Rock in ein­er Dar­bi­etung, die mit per­len­dem Bass und rauchigem Gesang besticht. Band­camp.

  21. Labir­in­to — Divi­no Afflante Spir­i­tu

    Heißt ital­ienisch, kommt aber aus Brasilien: Das im Feb­ru­ar veröf­fentlichte “Divi­no Afflante Spir­i­tu”, aus unklaren Grün­den mit Großbuch­staben vor jedem Wort, vere­int bret­tern­den Post­met­al mit endlich mal passen­dem Gesang, näm­lich heis­erem Growl­ing, obwohl das Album weit­ge­hend instru­men­tal stat­tfind­et. Band­camp.

  22. The Moth Gath­er­er — Eso­teric Oppres­sion

    Was dieser Liste ja auch noch gefehlt hat, war ein wenig Post­met­al, und The Moth Gath­er­er servieren ihn auf ein­er reich­haltig gefüll­ten Plat­te mit Haupt­gän­gen in den Geschmack­srich­tun­gen Drone, Ambi­ent und Black­met­al mit gebrüll­ten lyrics (“The Drone King­dom”); da verzei­ht man auch das Übernehmen der schreck­lichen Unsitte, ein Album mit­tels fade­out ein­fach auszublenden (“Phos­pho­res­cent Blight”), statt sich ein gutes Ende zu über­legen. Band­camp.

  23. Cities of Mars — The Horol­o­gist

    Einen noch für den Weg: Das schwedis­che Trio Cities of Mars veröf­fentlichte im April 2019 ihr zweites Vol­l­län­gen­stu­dioal­bum “The Horol­o­gist”, bewor­ben als eine Art Konzep­tal­bum über die mythis­che Geschichte des Plan­eten Mars, auf dem sie — manch­mal ein biss­chen zu auss­chweifend und monot­on (“The Last Elec­tric Dream”), aber den­noch beacht­enswert — dem Hör­er einen her­vor­ra­gen­den smooth­ie aus Ston­er Rock und Sludge präsen­tieren, wen­ngle­ich mein Lieblingsstück auf dem Album — “Work Song”, das sich auf ein mehrstim­miges Folk-intro stützt und allmäh­lich ausufert — eigentlich gar nicht ins Konzept passt. Band­camp.

Mehr — und die Rückschau auf die let­zten paar Jahrzehnte in der Musik — gibt es wie gewohnt in etwa einem hal­ben Jahr an gewohn­ter Stelle zu lesen.

Man bleibe einan­der gewogen.

Jahresrückblick

Musik 12/2018 — Favoriten und Analyse Musik 12/2019 — Favoriten und Analyse
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