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Musik 12/2019 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 23 von 23 der Serie Jahresrückblick

Kuckuck, nächstes halbes Jahr! Schüss, letztes halbes Jahr! Und damit auch: Willkommen zum zweiten Teil der Liste der feinsten Musikalben 2019, so weit sie mein Geschmack eben hergab. Teil 1 wurde im Juli hier und anderswo publiziert, seitdem war ich mal wieder ungeduldig und gab den neuen Studioalben von Cranial, bensnburner und You Guitarprayer Gelegenheit zur Entfaltung.

Ehrenhalber erwähnt sei das sehr hörenswerte, aber keinesfalls durchweg neue und darum disqualifizierte Gemeinschaftsalbum von Mike Patton und Jean-Claude Vannier. Was die sonstigen Regeln angeht: Beim Verfassen dieser Zeile wurde ich gefragt, warum ich nicht ein einziges Album zum Sieger küre. Die Erklärung ist einfach: Was mir heute gefällt, kann morgen schon stören – und andersherum. Es gibt (abgesehen von Phil Collins) nicht die falsche Musik. Es gibt nur die falsche Stimmung.

Ich hoffe, ich bilde auch diesmal wieder ein breites Spektrum derselben ab.

1. Die Liste

  1. Злурад – Во благо злу

    Um meinem sorgsam gepflegten Ruf als Putinversteher gebührend Respekt zu zollen, beginne ich diese Liste mit „Во благо злу“ von Злурад, was Russisch ist und „Zlurad“ heißt, wobei es sich vermutlich um einen Eigennamen handelt, den zu übersetzen wenig Sinn ergäbe. Korrekterweise handelt es sich bei der Band um eine russische.

    Der Mitglieder hat sie fünf, wovon vier auch mal singen, wovon eines, Violetta Postnova, überhaupt keine andere Aufgabe hat. Worum es in den Texten geht, weiß ich nicht, denn sie werden nicht nur sehr unsanft vorgetragen, sondern ich verstehe auch die Sprache nicht. Musikalisch ist das Album völlig irre. Der Reklametext zum Album (von mir übersetzt) fasst es so zusammen:

    Alle wilden Tiere in einem Moshpit – man kann Schreie und Flüstern hören, Stimmen von Mann und Frau, punkige Melodien und Explosionen. Halsbrecherischer Fastcore trifft auf Sludge, rituelle Perkussion und Mantragesänge.

    Ich höre Brachialpunkrock mit Horn und Trompete. Hui!

    Reinhören: Amazon.de, Bandcamp, TIDAL.

  2. Stonefield – BENT

    Da bereits jetzt die weniger Hartgesottenen unter meinen Lesern die Flucht ergriffen haben dürften, können wir wenigen Verbliebenen das, was noch vor uns liegt, wenigstens unter uns genießen. Dafür greifen wir umgehend in eine ganz andere Schublade. Konstant bleibt allerdings, welchem Geschlecht der Gesang zufällt: Alle Mitglieder von Stonefield sind Frauen.

    Um noch etwas präziser zu werden und weil’s das Internet bewegt: Es handelt sich um vier Schwestern aus Australien. Dem Vernehmen nach ist das Band zwischen Schwestern ein Leben lang gefestigt, was die Ausdauer erklärt. „BENT“ ist immerhin bereits ihr viertes Album. Aufgewachsen seien die vier Musikerinnen mit Led Zeppelin, deren Stück „Whole Lotta Love“ ihnen, Stonefield, in einer Neuaufnahme, glaubt man dem Hörensagen, erste größere Bekanntschaft eingebracht habe, und vergleichbaren Künstlern. Es ist daher kaum erstaunlich, dass auch auf „BENT“ vor allem der Musik aus älterer Zeit gehuldigt wird.

    „Wie eine Mischung aus 80er-Pop und okkultem Doom“ lautete eine Beschreibung eines Rezensenten im Internet. Ich habe keine Ahnung, was okkulter Doom ist, aber 80er-Pop klingt hier zum Glück nur in Erinnerungen durch. Stonefield, sich selbst unter anderem mit „Heavy Metal“ etikettierend, spielen in meinen Ohren, die selbstredend die einzig maßgeblichen sind, vor allem Stoner Rock, allerdings in der melodiösen Retrorock-, nicht in der Bretterspielart. Nicht, dass sie das nicht könnten, wie schon die Eruption in „Dead Alive“ deutlich belegt; aber sie müssen nicht. Selten war heuriger 70er-Orgelrock besser eingebunden, selten empfahl ich ein Album dieser Kategorie lieber.

    Reinhören: Erneut gibt es einen Komplettstream auf Amazon.de, Bandcamp und TIDAL.

  3. black midi – Schlagenheim
    „They find different ways to suck themselves off.“ (bmbmbm)

    Darf man Dinge gut finden, die die meisten anderen Hörer auch gut finden? Ich finde: In diesem Fall sollte man das sogar, denn es ärgert die Richtigen. Ich mag es, wenn die Richtigen geärgert werden.

    black midi, eine Gruppe von vier Londonern, die jeweils ungefähr 19 Jahre alt sind, haben mit „Schlagenheim“ „im Jahr 2019 nach Christus“ („ZEIT ONLINE“) ein Album veröffentlicht, das auch langweiligen Kritikern („ZEIT ONLINE“) gefällt. Der einzige Verriss, den ich während meiner (wenn auch: kurzen) Presseschau finden konnte, wurde von Daniela Weinmann, Liedautorin der mir unbekannten Gruppe Odd Beholder, in die Schweizer „WOZ“ reingeschrieben:

    So wie Rammstein keine Nazis sein mögen, sind Black Midi wahrscheinlich keine Incels, also keine misogynen Nerds, die sich das Patriarchat zurückwünschen. Dennoch könnten sie von den problematischen Frauenbildern in ihren Lyrics finanziell profitieren.

    Ich für meinen Teil profitiere von problematischen Rezensionen, denn sie legen mir mitunter gute Musik nahe. „Schlagenheim“ ist ein gutes Beispiel dafür.

    Das auffallendste Element der Musik von black midi scheinen Stimme und Akzent des Sängers Geordie Greep zu sein. Musikalisch ist die Bandbreite eine vergleichsweise große: so ist etwa „953“ ein Stück aus explosivem Noiserock, durchsät von klanglichem Widerhaken; das funkig-ruhige „Speedway“ folgt einem crimsonesquen Gitarrengrundmuster (man ziehe sich zum Vergleich etwa letztgenannter Gruppe 80er-Werk rein); das Titelstück „Of Schlagenheim“ wiederum lässt den Industrial wieder aufleben. Selbst „bmbmbm“, das um Audioaufnahmen der hysterischen Nikki Grahame („Big Brother“) herum gesponnen wurde, ist mit dem expressiven, sich ins ebenso Irre steigernden Gesang und den gut abgestimmten Instrumentalausbrüchen mehr als eine bloße Provokation.

    Mit „Ducter“ endet „Schlagenheim“ mit nervöser 80er-Elektronik und damit genau so, wie man es nicht erwartet hätte. Grandios!

    Reinhören: Bandcamp.com hier, TIDAL dort.

  4. MindSpeak – Eclipse Chaser

    Erneut wechseln wir Land und Stil.

    MindSpeak haben eine blöde Binnenmajuskel, kommen aus Wien und ihr aktuelles Album „Eclipse Chaser“ lügt mich an. Die drei Stücke heißen „When Giants Cry“, „Tetrachrome“ und „The Human Element“ (wobei letzteres Stück sechs Teile zu haben vorgibt) und auch das Album hat einen eher astronomischen Titel, aber es ist gar kein Spacerock. Tz, Österreicher!

    Stattdessen höre ich Stoner Rock und Retroprog, zum Teil sogar gleichzeitig, wobei von zweiterem Stil insbesondere der prägende Bass adaptiert wurde. Moment: Drei Stücke? Ja, und lang sind sie auch noch! Wieder so ein Album also, das eher nicht im Radio gespielt werden wird. Woran man das erkenne, wurde ich gefragt – und die Länge mag ein Argument sein. Da passt ja gar keine Werbung rein. Fast zwanzig Minuten lang passiert allerdings auf „Eclipse Chaser“ nicht viel, in der zweiten Hälfte des zweiten Stücks „Tetrachrome“ geht es erstmals, jedenfalls instrumental, zur Sache.

    Sängerin Viktoria Simon-Lukic – wie man in Wien halt so heißt – macht ihre Sache insgesamt gut; sie ist mit persönlich stellenweise etwas zu glatt und wenig kraftvoll, überzeugt aber auch mal mit überraschenden Melodien, was sich also insgesamt die Waage hält.

    Man merkt: Ich bin nicht übermäßig begeistert – aber ich halte „Eclipse Chaser“ noch immer für eines der hörenswerteren Alben des zweiten Halbjahrs. (Es erschien bereits im Juni, aber wir wollen ja nicht immer nur kleinlich sein.) Es möge auch unter meinen Lesern Menschen erreichen, die es nicht für wegwerfenswert halten.

    Reinhören: Amazon.de (Schnipsel), Bandcamp (Komplettstream), TIDAL (auch).

  5. Brighteye Brison – V

    Schon wieder so ein Format! Das Wichtigste zuerst: Auf „V“ von Brighteye Brison aus Stockholm, was man auch hört, sind schon wieder nur drei Stücke drauf, deren Länge jeweils zwischen zwölfeinhalb und fast 37 (siebenunddreißig!) Minuten liegt. So muss das sein!

    Die ersten zweieinhalb Minuten des Albums weisen wabernde Elektronik auf, wie sie später an anderen Stellen, etwa in der Mitte des Titelstücks „V“, immer mal wieder zu hören sein wird. Der Teil danach aber hat es in sich: Zunächst zurückhaltend, dann druckvoller ertönt eine deutliche Erinnerung an Starcastle (beziehungsweise, weil diese selbst eine Art US-amerikanische Yes waren, Yes). Die besseren Siebziger sind bei Brighteye Brison ständig zugegen.

    Darum wird ab dem zweiten Stück „V“ per akustischer Sänfte auch ein Mellotron in die mellotronentwöhnten Ohren getragen. Mehr noch: Dasselbe Stück lässt bei ansteigender Abspieldauer auch den Gesang, parallel laufend, mehrstimmig erklingen, was nebenbei Gentle Giant anklingen lässt, weil wir Menschen einfach gestrickte Wesen sind und mit nicht chorartiger Mehrstimmigkeit immer Gentle Giant verbinden. Es passt eben auch ganz gut ins bis dahin Gehörte.

    Das abschließende Stück, „The Magician Chronicles – Part II“, scheint schon aufgrund seiner Länge ein strukturell wichtiges zu sein, zumal es der Untertitel des Albums ist. Leider kenne ich Teil 1 von 2011, das wohl ein ganzes Album war, bisher nicht, es soll aber ganz gut gewesen sein. Es befindet sich mancher AOR in ihm, allerdings wenigstens der bessere AOR (ich denke an Circa:), auch scheint hier und da der Canterbury Sound durch.

    Im Internet wird dem Album eine eher durchschnittliche Bewertung zuteil: Es sei „mitunter zu austauschbar und beliebig“, was sicherlich auch daran liegt, dass man in der gegebenen Stilrichtung nur bedingt neue Wege beschreiten kann, ohne am Ende am völlig falschen Ort zu landen. Zum Glück bin ich nicht das Internet und vergebe auch keine Punkte. Mir gefällt’s. So.

    Reinhören: Stream und Kauf (leider nur als Download und/oder CD) gibt es per Bandcamp und Amazon.de, das übliche Nur-Streaming-Gedöns natürlich wie üblich auch auf TIDAL.

  6. Oiseaux-Tempête – From Somewhere Invisible

    Aufmerksame wiederkehrende Leser vermissen an dieser Stelle womöglich bereits eine dieser skurrilen französischen Musikgruppen, die ich sonst relativ wortgewaltig würdige. Haben sie etwa seit der letzten Rückschau kaum etwas veröffentlicht, was der Rede wert wäre? Doch, natürlich haben sie das – und hier kommt auch schon eine solche!

    Oiseaux-Tempête nämlich, man kann es am Namen erkennen, ist ein Quintett (das nicht) aus Frankreich (das schon). Das nächste Album ist bereits angekündigt worden, es soll im Februar 2020 erscheinen. Heute ist aber erst mal „From Somewhere Invisible“ von Oktober 2019 dran. Einer der beiden Gitarristen von Oiseaux-Tempête nennt sich Mondkopf. Ich mag das.

    Zu den fünf Mitgliedern gesellen sich eine Violinistin und ein Bediener von Synthesizer sowie elektronischem Buzuk als Gäste. Da ich keine Ahnung habe, wie ein elektronischer Buzuk zu klingen hat, finde ich das Album bereits beim Lesen der Besetzungsliste interessant. Und höre da: Ich ward nicht enttäuscht. Ich höre irgendwas zwischen Kammermusik und Postrock. Nick Cave trifft broken.heart.collector trifft die wilden Gitarrenausbrüche der neueren King Crimson. „The Naming of a Crow“ ist gesprochener Text zu Streichmusik, ab etwa sieben Minuten kommt ein orientalisches flair hinzu.

    Für Freunde des Widerklangs ist „From Somewhere Invisible“ eines der besten Alben des Jahres – und für diejenigen, die meinen Geschmack teilen, sowieso.

    Reinhören und/oder kaufen: Natürlich geht das auf Bandcamp, aber auch auf Amazon.de und TIDAL.

  7. Glutton – Eating Music
    „So I watch you from afar, but I don’t mind a second time.“ (Pinhole)

    „Eating Music“ ist ein hektisches Album und das finde ich gut. Seine Interpreten von Glutton nebst sieben bis acht Gastmusikern (je nachdem, ob man den abgetretenen Keyboarder Åsmund R. Sæbøe nun noch als Mitglied zählt oder nicht), von denen wenigstens einer, der Streicher Kari Rønnekleiv, als Orchestermusiker auch bereits mit Sunn O))), Ulver und Motorpsycho gemeinsam musiziert hat, sind in Norwegen heimisch, wo man sich erfahrungsgemäß auskennt mit der Kunst, Gutes hervorzubringen.

    „Eating Music“, „eine klare Empfehlung für Liebhaber eines Alternative-orientierten Prog mit Ecken und Kanten“ (Jochen Rindfrey), sortiere ich musikalisch zwischen Umphrey’s McGee, Ulver und (schon wieder) King Crimson ein, aber ich habe auch weder Geschmack noch Ahnung, wie mir gelegentlich mitgeteilt wird, weshalb das erst mal als Richtschnur untauglich ist. Man erlaube mir zwei der neun Stücke beispielhaft herauszugreifen:

    „The Tomb of the Unknown Ontonaut“ ist eines der drei Stücke, in denen die vier Gastbläser an Waldhorn, Posaune, Euphonium und Trompete ebenso auftreten wie Trond Gjellum an Perkussion und Synthesizer. Diese für Rockmusik eher ungewöhnliche Besetzung sorgt nicht nur für schöne Melodien, sondern auch dafür, dass man noch genauer hinhört als ohnehin schon. So kann man das prima Zusammenspiel von mehrstimmigem Gesang, Progressive Rock und Bläsern noch aufmerksamer genießen. Dem entgegen steht das abschließende „Space & Our Hearts“: Zum wiederholten, aber letzten Mal wird die musikalische Atmosphäre mit immer mehr Schichten verdichtet, freiformatig wuseln allerlei Instrumente, wohl überwiegend aus Synthesizern und/oder Keyboards gewonnen, unter einer Rockklimax. Das Album klingt sanft aus wie eine Welle bei Ebbe und man würde es gern sofort noch mal hören, aber es gibt noch so viele andere Alben. Mache ich also später.

    So lange könnt ihr das ja für mich übernehmen.

    Reinhören: Ich hätte Amazon.de, Bandcamp und TIDAL im Angebot. Greift zu!

  8. Sleater-Kinney – The Center Won’t Hold

    Bei Sleater-Kinney handelt es sich um eine dieser Gruppen, die mir zum ersten Mal medial aufgefallen sind, als die Schlagzeugerin ihren Ausstieg bekanntgab, was von einem hier nicht weiter erwähnenswerten Musikmagazin unnötig umständlich weitergetragen wurde. Auf „The Center Won’t Hold“ ist sie aber noch dabei, so dass es sich hier um ein Damentrio mit zwei Gitarren und einem Schlagzeug handelt.

    Das hier Gehörte klingt britisch, kommt aber zusammen mit der Band aus Olympia, Washington. Man kennt ja diese Musik, bei der man zunächst denkt: Ah, britischer Punk! Ist das hier aber nicht. Wobei: Eigentlich ist es nicht mal wirklich Punk, sondern nur etwas ähnliches. Etwas besseres, wie ich meine.

    Es dauert etwas über zwei Minuten, bevor Sleater-Kinney im eröffnenden Titelstück die interessant schleppende Elektronik, mit der sie das Album einleiten, durch krachenden, elektronisch verzierten Indierock mit deutlicher Punkschlagseite ersetzen, den sie erfreulich konsequent durchhalten, was nicht mal das balladesque „Restless“ zunichte machen kann. Dass das stilbedingt einen etwas einfallslosen Schlagzeugrhythmus mit sich bringt, fällt nur auf, wenn man darauf achtet, und selbst dann nur in wenigen Momenten. Überwiegend ist aber nichts zu hören außer nach vorn preschender Spaß machender Musik von überzeugt Spielfreude vermittelnden Musikerinnen. Ich heiße das gut.

    Mit dem ruhigen Klavierstück „Broken“, dessen zerbrechlicher Gesang selbst einem abgehärteten alten Sack wie mir eine angenehme Gänsehaut verpasst, klingt „The Center Won’t Hold“ schließlich aus. Ein Narr, wen das kalt lässt.

    Reinhören: TIDAL, (zurzeit auszugsweise, Stand: 29. Dezember 2019) Bandcamp, häppchenhaft auch Amazon.de.

  9. Yellow Eyes – Rare Field Ceiling

    Noch mehr auf die Pauke hauen Yellow Eyes aus New York, deren fünftes Album „Rare Field Ceiling“, erschienen im Juni 2019, gemäß dem Pressetext ihr bislang kältestes sei. Ich hatte Black Metal bisher nicht mit emotionaler Hitze in Verbindung gebracht, insofern kann das durchaus sein.

    Das Album klingt nun auch genau so, wie wir Banausen uns Black Metal eben so vorstellen: Rohe Herren wirbeln, kloppen und scheppern sich durch die Musik, dazu brüllt jemand heiser eigentlich völlig bekloppte, aber kaum verständliche und darum nicht so schlimme Texte; „The glint above the swollen tree / The shrimp inside the pillowcase“ („No Dust“) – na dann!

    Und das Ärgerlichste an diesem Album: Es gefällt mir. Es tut genau das, was diese Musikrichtung tun soll: Es geht gut ab. Dass das Internet behauptet, Yellow Eyes seien auch handwerklich überdurchschnittlich gut, sei dem Internet vergönnt. Sicher: Ein paar Finessen nehme ich in der Klangwucht selbst wahr, etwa den durchaus gelungenen Übergang zwischen „Warmth Trance Reversal“ und „No Dust“ und den Spannungsaufbau in den Momenten, in denen man die gar nicht immer belanglosen Gitarrenmelodien selbst wahrnehmen darf. Fünf der sechs Stücke, das den Stil brechende, weil zäh dahinfließende outro „Maritime Flare“ ausgenommen, sind über sieben Minuten lang, es bleibt somit hinreichend viel Zeit zum Genuss.

    Aber muss man Musik denn immer mit einem Monokel im Gesicht und einem Cognac im Glas genießen? „Rare Field Ceiling“ schreit nach Sitztanz mit Dosenbier. Mal sehen, was sich machen lässt.

    Reinhören: Bandcamp, TIDAL, Amazon.de.

  10. We Lost The Sea – Triumph & Disaster

    Was dieser Liste noch dringend fehlt, ist eine ordentliche Dosis instrumentalen Postrocks. Da kommen We Lost The Sea gerade recht, die in meinen Ausführungen bisher, sofern ich das richtig archiviert habe, nur als Montagsmusik eine auffallende Rolle spielten.

    Es handelt sich um ein australisches Sextett mit drei Gitarren, das ich 2017 auch schon mal – damals gemeinsam mit seinen Landsleuten von Dumbsaint und Meniscus – live gesehen habe, das aber von der brachialen Wucht letzterer Gruppe schlicht weggeblasen wurde. Da ich Meniscus aber mal wieder aus den Augen verloren habe, kommen We Lost The Sea mir dieses Jahr durchaus gelegen.

    Präsentiert werden weitgehend kantenarme Gitarrenlandschaften, wobei die aufgetürmten walls of sound im stilüblichen Spiel von Laut und Leise hier kaum eine Rolle spielen. We Lost The Sea versuchen es stattdessen mit ausgedehnten Melodieverschrankungen – das längste Stück „Towers“ ist eine Viertelstunde lang – und nur selten („Dust“) elektronischer Effektwürze. Etwas aus dem Rahmen fällt das abschließende „Mother’s Hymn“, getextet und gesungen von Louise Nutting (Wartime Sweethearts), dessen Emotionalität mit der dichten Instrumentierung, Trompete eingeschlossen, vorzüglich harmoniert. „Are we really too late?“ Nein, seid ihr nicht – ihr seid im perfekten Moment genau am richtigen Ort.

    Danke dafür.

    Reinhören: Noch mal Bandcamp, noch mal TIDAL, noch mal Amazon.de.

  11. kokomo – Totem Youth

    Ich weigere mich, dieser Art von Musik ein schlichtes Etikett zu verpassen. Am Ende käme da wieder nur so ein langweiliges Wort wie „Postrock“ heraus und das hatten wir ja gerade erst.

    Nein, dem Duisburger Quintett kokomo – auf gar keinen Fall zu verwechseln mit der britischen Soulgruppe gleichen Namens – wohnt eine Energie inne, die zu beschreiben mir schwer fällt. Im Schatten gigantischer Gitarrenwände bauen sie bereits im eröffnenden „Sterben am Fluss“ ein polterndes Belagerungsinstrumentarium auf, das jedes Bauwerk mit Wänden beliebiger Dicke erschauern ließe, wenn Bauwerke erschauern könnten. Texte gibt es abseits von „Melodic Rock Night“ nicht, aber Texte schreibe ich selbst schon genug. Obwohl: Sind das Schreie, die in „Narcosis“ in der Ferne zu hören sind, oder haben sie einen Text? Ich weiß es nicht und es kümmert mich auch nicht. Schade, dass ausgerechnet das Stück „Der Vogelmann“ auch keinen Text hat. Wie auch immer: Ich lasse mich vom Gitarrenarpeggio tragen und weiß noch nicht, wo ich landen werde. Gänsehaut bis nach Paris. Soll schön sein dort.

    Dass die fünf Herren es trotz mancher Erfahrung mit Vergleichbarem immer wieder schaffen, dem Rezensenten eine kurze Entspannung zu gönnen, indem sie sich an sanften Melodien versuchen, bevor die perfekte Welle krachend die noch junge Landschaft unter sich begräbt, überrascht positiv. „Totem Youth“ ist bereits das fünfte eigene Studioalbum der Gruppe und es hat trotzdem immer noch Feuer. Ein Jammer, so spät erst auf sie aufmerksam geworden zu sein!

    Ein Auge bleibt darum auf sie geworfen. Bis dahin sind sie auch hier etwas fürs Ohr.

    Reinhören: Na? Richtig: Bandcamp, TIDAL, Amazon.de!

  12. NAP – Ausgeklingt
    „Was kommt nun?“ (Ausgeklingt)

    Machen wir noch was lustiges, hören wir Musik aus Oldenburg!

    Dort haust das Trio NAP, dessen zweites Album „Ausgeklingt“ ein Wortspiel im Namen trägt und mir schon darum gefällt. Es klingt aber nicht aus, sondern an, und zwar stilvoll. Das eröffnende „Astrojelly“ etwa, mit nicht mal vier Minuten Länge nach meinem Dafürhalten etwas zu kurz geraten, ist ein schönes Stück Weltraumpsychedelic (instrumental). Wer den Fehler macht, das für den vorherrschenden Stil auf diesem Album zu halten, der ist selbst schuld.

    Das folgende „Voigo“ enthält landesüblich belanglos vorgetragenen Gesang, dazu ertönt ein immer noch recht psychedelisch dargebotener Hardrock der alten Schule, bretternde Riffs inklusive. Bei diesem Stil wiederum bleibt die Band mal mit, mal ohne Gesang noch für einige Stücke. Beim Sitzen wird unterdessen eines der beiden Tanzbeine geschwungen, so verlangt es der Rhythmus.

    „Amygdala“, das vorletzte Stück, bringt etwas Bluesrock (der mich, zugegeben, gegen Ende an die Titelmusik von „ALF“ erinnert) in das inzwischen deutlich stonernde Album, bevor dieses mit „Treibsand“ angemessen riffend, nun ja, ausklingt. Interessante Scheibe also.

    Reinhören: Warum nicht mal Bandcamp, TIDAL oder Amazon.de?

  13. 65daysofstatic – replicr, 2019

    Es gab zuvor kein Album namens „replicr“ von 65daysofstatic und vielleicht wird es auch später kein Album namens „replicr“ von 65daysofstatic geben. Tatsächlich heißt dieses Album – ihr siebtes Studioalbum – von 65daysofstatic trotzdem „replicr, 2019“. Vielleicht beschreibt das das englische Quartett bereits ganz gut.

    Für den Rest meiner Leser verliere ich noch ein paar weitere Worte: „replicr, 2019“ enthält Stücke namens „stillstellung“, „interference_1“, aber auch „[]lid“ und „gr[]v-_s“. Wer jetzt aufgrund der merkwürdigen Titelschreibung an die neulich vorübergegangene, aber meiner Meinung nach auch künftig schwer zu übertreffende Serie „Mr. Robot“ denkt, irrt, denn das ist Zufall.

    Ein wenig Interesse an Elektronik setzen 65daysofstatic bei ihren Hörern aber trotzdem voraus, denn auf „replicr, 2019“ servieren sie fast eine Dreiviertelstunde lang mal stampfendes („Bad Age“), mal sanft malendes („sister“), mal den Klängen einer Fabrik huldigendes („gr[]v-_s“), aber immer die Grenze zum Postrock berührendes oder auch überschreitendes Instrumentalspiel, womit sie sich seit 2009 genau richtig geändert haben, nämlich: kaum. Postrock ist immer auch ein Spiel dessen, was bleibt. 65daysofstatic bleiben, ihr Stil bleibt, darum bleibe auch ich.

    Man begleite mich.

    Reinhören: Kein Bandcamp, dafür TIDAL und Amazon.de.

    Huch, so spät schon? Jetzt aber schnell!

  14. Russian Circles – Blood Year

    Wie immer bringen Russian Circles ihre ganz eigene Melange aus Postrock und Industrial hervor – und immer ist das Ergebnis großartig. Amazon.de.

  15. Earth Moves – Human Intricacy

    Noch ein bisschen Schreimusik gefällig? Hier, bitteschön! Amazon.de.

  16. Enablers – Zones

    Mit Ausnahme des gut abgehenden „Squint“ haben Enablers hier etwas aufgenommen, was eine Art Slint-Postrock mit Nick-Cave-esquen vocals ist und mich restlos überzeugt. Bandcamp.

  17. Ride – This Is Not A Safe Place

    New Wave trifft auf Postpunk trifft voll auf meinen Geschmack – herrlich. Amazon.de.

  18. Cosmic Ground – cosmic ground 5

    „cosmic ground 5“ klingt, als spielten die mittleren Pink Floyd in einer futuristischen Wüstenlandschaft einen von Kraftwerk beeinflussten, instrumentalen Nachfolger von „Meddle“ ein; einen sehr guten, ohne Zweifel. Bandcamp.

  19. Soulsplitter – Salutogenesis

    Nach einer an Jazz angelehnten Einführung („The Prophecy“) erfreut das deutsche Quartett mit vielen Gastmusikern meine sonst gelegentlich gequälten Ohren mit sinfonischem Retro-Prog/-Metal, der das weite Feld zwischen echolyn und Dream Theater nicht unbestellt lässt, wobei Sängerin Ophelia T. Sullivan mich in ihrem kontrastbildenden Vortrag mal wieder Toc.Sin vermissen lässt – aber der Lauf der Dinge ist bekanntlich ein zynischer. Bandcamp.

  20. CHORD – CHORD II

    Die beiden Gitarristen Nick Didkovsky (unter anderem Doctor Nerve) und Tom Marsan bringen auf dem zweiten gemeinsamen Album live, also ohne Nachbearbeitungen, aufgenommene Instrumentalgewitter hervor, die jeder erkennbaren Struktur – von wegen Takte! – stolz trotzen und fast eine Dreiviertelstunde lang mit ordentlich Feedback ein aurales Feuerwerk nach dem nächsten zünden. Bandcamp.

  21. Lingua Nada – Djinn

    „Djinn“ klingt, als würden Primus versuchen, ein Jazzrockalbum aufzunehmen – herrlich durcheinander, großartig verspielt, erschreckend tanzbar, einfach gut. Bandcamp.

  22. Bad Breeding – Exiled

    Vielerorts sind die Siebziger mitsamt ihrem Schrammelpunkrock längst vorüber, nicht so aber in ihrem Ursprungsland Großbritannien, von wo aus die Anarchopunkband Bad Breeding 2019 mit „Exiled“ eine beruhigende Note in die Sorge setzte, es fehle der Musik heutzutage an Rebellion und Wut. Bandcamp.

2. Was war

  • Vor vierzig Jahren lief in Deutschland neben Punk und Disco auch noch die elektronische („kosmische“) Musik, wenn auch: langsam aus. Es war daher viel Platz in Studios und vor allem Terminkalendern, um auch ausländische Künstler einzuladen. Die US-amerikanische Gruppe Earthstar nutzte diese Gelegenheit und ließ sich von Klaus Schulze mit French Skyline das erste von drei Alben im hiesigen Inland produzieren, das gar nicht klingt, als hätte man mit dem Krautrock schon örtlich bedingt gar nichts zu tun. Wenige Jahre später und wieder zurück in den Vereinigten Staaten löste sich die Band wieder auf. Einen Zusammenhang könnte man herbeidenken, aber das lasse ich ausnahmsweise bleiben. Zurück bleiben eines der ungewöhnlicheren Alben aus der Welt der krautigen Klanglandschaften und eine viel zu späte Empfehlung meinerseits.
  • Vor dreißig Jahren widmete Lou Reed seinen Alben über langweilige Städte (Berlin), langweilige Frauen (Sally Can’t Dance) und langweilige Geräuschverursacher (The Bells) mit New York endlich der einen Stadt ein Album, mit der man ihn so eng verband wie Die Ärzte mit Berlin oder graue Betonklötze mit Hannover. Es wurde später als „eines der besten Alben der 80er“ bewertet, was für sich genommen noch keine ungefähre Qualitätsangabe darstellt, enthält aber mit „Dirty Blvd.“ und „Romeo Had Juliette“ zwei derjenigen Lieder im Solowerk des Künstlers, deren ungefähren Klang man nicht gleich wieder vergisst. Müsste ich nur ein Album von Lou Reed empfehlen, so schlösse ich nicht aus, dass ich dieses hier als eine Empfehlung in Erwägung zöge. Moe Tucker ist in zwei Stücken als Perkussionistin zu hören. Aus dem Erfolg dieses Albums speiste sich dem Vernehmen nach die Reunion der Velvet Underground in den Neunzigern, und mindestens dafür gebührt ihm meine Würdigung.
  • Vor zwanzig Jahren endete eine Ära: Das letzte Album von Popol Vuh, Messa di Orfeo, erschien. Zwei Jahre später starb ihr Gründer Florian Fricke und die Band löste sich auf. Bis dahin, so auch auf diesem letzten Album, war unter ihrem Namen oft esoterische, mitunter religiöse, immer entspannte Musik erschienen, die den LSD-Konsum ihrer frühen musikalischen Wegbegleiter noch jahrzehntelang erahnen ließ. Dass es trotzdem immer den richtigen Moment geben wird, um diese Art von Musik zu genießen, möge bitte niemals ein Zustand sein, der zu hinterfragen ist.
  • Vor zehn Jahren – und hier möchte ich den Kreis schließen – hatte ich gerade seit einem Jahr angefangen, Listen dieser Art zu führen – und meine Ausführungen von Juni und Dezember 2009 sind, wie ich an dieser Stelle schreiben zu dürfen meine, im Jahr 2019 noch immer aktuell. Von Olli Schulz kenne ich übrigens noch immer nichts. Wahrscheinlich ist das auch gut so.

3. Schlussworte

Ich schließe nicht aus, dass dies das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich der Jahresrückschau einen Ritt durch die Geschichte angefügt habe. Mir ist aufgefallen, dass man über musikalische Jahrzehnte nur bedingt viele verschiedene Aussagen treffen kann. Die Quelle der Ideen, aus der ich schöpfen kann, versiegt diesbezüglich in merklicher Geschwindigkeit. Insofern werde ich künftig immerhin noch mehr Zeit finden, um viel zu spät mit dem Schreiben dieser Listen zu beginnen.

Wie meist hoffe ich, meine Ausführungen waren auch diesmal wieder wenigstens für einige der hier Eingetroffenen erhellend. Ergänzungen bitte ich wie üblich per Kommentarfunktion zu hinterlassen. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und grüße energisch.

In etwa einem halben Jahr geht es an gewohnter Stelle weiter. Es möge ein beachtliches Musikjahr 2020 werden!

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