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Musik 12/2021 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 24 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Ah, es ist wieder ein Jahr vor­bei. Das kriegt man ja derzeit gar nicht so wirk­lich mit, deswe­gen schreibe ich es lieber dran. Während die meis­ten Jahres­rück­blicke aber schon im Spätherb­st weit­ge­hend fer­tiggeschrieben wor­den waren, gab ich auch dies­mal wieder der Musik­er­welt die Chance, mich noch bis zum let­zten Tag des Jahres von ihrem Kön­nen zu überzeu­gen. Wenig wäre trau­riger als einen Rück­blick auf ein Jahr zu schreiben und einen Tag später geschähe etwas, das alles ändert. Nein, nein.

Hier also — zur Erbau­ung hof­fentlich viel­er — fol­gen einige der bemerkenswertesten Musikalben des Jahres 2021. Es scheinen einige Über­raschun­gen — etwa das neueste Album von Limp Bizk­it — zu fehlen. Dem ist aber nicht so. Die haben mir nur nicht gefall­en.

Bere­its zuvor besprochen beziehungsweise beschrieben habe ich die aktuellen Werke von Palo Alto, Neu­rosen­blüte, Bossk, God­speed You! Black Emper­or, Dry Clean­ing und Elec­tric Orange. Bitte nicht mehr anrufen, die sind nicht mehr dabei.

Der Musik­er Mor­ris­sey schrieb im April 2021, in der mod­er­nen Musik haben Emo­tio­nen keinen Platz mehr. Das wollen wir doch mal sehen. In ein­er Studie kam vor ein­er Weile her­aus, dass es dur­chaus einen Zusam­men­hang zwis­chen dem Charak­ter und dem Musikgeschmack eines Men­schen gibt. Men­schen, denen hier­von irgen­det­was gefällt, sind daher gute Men­schen. Wirk­lich.

Los geht’s.


  1. КОМВУИАТ ЯОВОТЯОИ — ‑270°C

    Die Gruppe, die tat­säch­lich nicht “Kom­bi­nat Robot­ron” heißt, weil die kyril­lis­chen Buch­staben eigentlich irgend­wie anders gele­sen wer­den, reicht dem Genießer auf “-270°C” gewohnt mitreißende (ich mag nicht “gereifte” schreiben, das hätte was von Langeweile) Space-/Krautkost auf gewohnt hohem Niveau. Würde ich tanzen, tanzte ich dazu, doch ich tanze nicht. Ich höre, nicke unrhyth­misch und freue mich.

    Minus 270 Grad Cel­sius, wie der Name des Albums vielle­icht aus­ge­sprochen wer­den soll, sind 3,15 Grad Cel­sius über dem absoluten Nullpunkt, also immer noch recht kühl. Da es hier keinen Gesang gibt (uff!), ist der Kon­text schw­er auszu­machen. Die vier Stücke heißen wie Teleskope (“Comp­ton”, “Chan­dra”, “Spitzer” und “Hub­ble”). Natür­lich ist “Hub­ble” (21:21 Minuten) am läng­sten. Ken­nen die meis­ten, also braucht es auch am meis­ten Platz.

    Die Viny­lau­flage ist rest­los ausverkauft und gebraucht derzeit recht teuer. Ver­dammter Main­stream.

    Rein­hören: Band­camp, TIDAL.

  2. Sleaford Mods — Spare Ribs

    Das erste Album nach dem “Brex­it” kon­nte wegen der Krise nicht per Tour bewor­ben wer­den wie früher, trotz­dem hat sich kaum etwas geän­dert: Jason Williamson erzählt wütend, wenn auch zah­mer als bish­er, zu monot­o­nen beats etwas über alles, was ihn aufregt; das ist, so viel sei vor­weggenom­men, immer noch einiges. Wirk­lich neu sind die bei­den Kol­lab­o­ra­tio­nen mit den Gast­sän­gerin­nen Amy Tay­lor und Bil­ly Nomates, wobei ins­beson­dere let­ztere — in “Mork n Mindy” zu hören — im gesun­genen Refrain einen ungewöhn­lichen Soulein­druck hin­ter­lässt. Dass die Sleaford Mods trotz­dem weit von den furcht­bar belan­glosen Pop­staral­ben von Eminem vor sein­er Besin­nung auf früher ent­fer­nt bleiben, beruhigt: Auf das Nötig­ste reduziert­er Elek­trop­unk ohne Kom­pro­misse. Worauf soll­ten sie auch aus sein — auf Verkauf­szahlen?

    Wer bis zum Ende durch­hält, den erwartet trotz­dem noch eine Über­raschung: Das abschließende “Fish­cakes”, das ange­blich auto­bi­ografisch die Kind­heit des Tex­ters nacherzählt, ist von ein­er ger­adezu trau­ri­gen Stim­mung, wenn auch mit einem hoff­nungsvollen Refrain verse­hen: “And when it mat­tered, and it always did, at least we lived.” Was für ein wun­der­volles Ende für ein Album, das jet­zt lei­der auch zu Ende ist. Die Sleaford Mods aber sind es wohl noch lange nicht.

    Rein­hören: Es gibt ein Musikvideo zu “Mork n Mindy”, anson­sten natür­lich Hör­proben auf Amazon.de und alles auf TIDAL.

  3. Syn­done — Kama Sutra

    Wenn man den Pro­gres­sive Rock über eine Zeit­lang ver­fol­gt, erken­nt man oft Muster, was Musik­er und Regio­nen ange­ht. David Jack­son etwa, früher unter anderem ver­di­en­ter Sax­o­phon­ist der inzwis­chen zahn­losen Van der Graaf Gen­er­a­tor, spielt gele­gentlich mit ital­ienis­chen Stilkol­le­gen zusam­men.

    Von ital­ienis­chen “Prog­bands” halte ich in der Regel wenig, weil mich ital­ienis­chsprachiger Gesang ganz furcht­bar nervt und die meis­ten hier rel­e­van­ten Grup­pen aus Ital­ien anscheinend auch vor allem Gen­e­sis nacheifern, die mich eben­falls ganz furcht­bar ner­ven; nicht aber so Syn­done.

    Syn­done wur­den, sofern das Inter­net nicht irrt, 1988 gegrün­det und haben seit­dem ein paar Alben raus­ge­bracht. Auf dem neuesten, “Kama Sutra”, gastieren neben David Jack­son unter anderem ein Sitar­spiel­er, drei Bläs­er und das Budapest Scor­ing Sym­phon­ic Orch­ester. Stilis­tisch ist “Kama Sutra” zap­paesk, indem es nicht nur dur­chaus kom­plexe Kom­po­si­tio­nen gibt, son­dern auch über­raschende Stil­wech­sel. Hier fol­gen auch schon mal Schlager (“Into the Kama”, ein Stück mit dem Titelbe­standteil “Sutra” hinge­gen gibt es übri­gens nicht auf dem Album), ener­gis­ch­er Jaz­zrock (“Bitch­es”), Blues und Film­musik (“You Still Shine”) direkt aufeinan­der. Bloß keine Langeweile!

    Rein­hören: Her­aus­ra­gend scheint mir das Stück Sex Toys R Us zu sein, anson­sten Schnipsel auf Amazon.de (lei­der kein Vinyl) und Kom­plettstream auf TIDAL.

  4. Ræd­sel — Menetekel

    Æs ist mir ein Ræd­sel, warum Ræd­sel sich Ræd­sel nen­nen. An der Sprache (Hes­sisch?) mag’s nicht liegen, die vier gut frisierten Her­ren (Quelle: Inter­net) kom­men aus Kas­sel oder so und brin­gen druck­vollen Postrock her­vor. Das alte Laut-Leise-Spiel wird auf angenehm atmo­sphärische Weise durchex­erziert, ohne dabei ins Schram­meln zu ver­fall­en.

    Auf das ini­tiale instru­men­tale “My Hands Your Eyes” fol­gt mit “Tree­top” ein Post-Met­al-Stück, das schon in der ersten Hälfte (mehrstim­mi­gen oder effek­t­be­lade­nen?) Gesang aufweist; und das klingt dann sog­ar gut. Im son­st meist nicht mit gut klin­gen­dem Gesang auf­fal­l­en­den Postrock muss man das ja auch mal pos­i­tiv bemerken. Son­st machen die das nie wieder.

    Das mit dem Gesang machen Ræd­sel danach aber auch nie wieder. Auf dem Rest von “Menetekel” bleiben sie wieder instru­men­tal, ohne dabei lang­weilig zu wer­den. Postrock­alben, von denen man nicht annimmt, man habe sie schon zu oft gehört, sind immer wieder reizend, und seien’s hier nur die kleinen Gitar­ren­tupfer, die die Mauern aus Schall immer wieder durch­brechen. Hüb­sche Scheibe, so ins­ge­samt, wenn auch mit etwas über 33 Minuten Spielzeit etwas kurz. Dafür macht es mehr Spaß als manch län­geres Album, das dieses Jahr so raus­gekom­men ist. Auch mal schön.

    Rein­hören: Damit es nicht lang­weilig wird, mal eine andere Rei­hen­folge: TIDAL, Band­camp (dort auch auf CD), Amazon.de (dort ohne Ton­träger).

  5. Suf­fo­cate for Fuck Sake — Fyra

    Man sollte sich von dem beschaulichen Anfang dieses Albums wie auch von eini­gen Zwis­chen­tö­nen nicht beir­ren lassen: Suf­fo­cate for Fuck Sake tra­gen ihren Namen zu Recht. “Fyra”, das (wie der Name schon andeutet) vierte Album der Schwe­den, enthält schon wieder Postrock im weitesten Sinne, allerd­ings flankiert von post hard­core im vokalen wie im ger­ifften Sinne. Mitunter, in den ruhigeren Momenten, wird auf Schwedisch gesprochen. Schade. Ich kann kein Schwedisch.

    In “Hope” gibt es eine san­ft-clean gesun­gene bridge, anson­sten gibt’s in “Fyra” etwas mehr als eine Stunde und 21 Minuten lang weit­ge­hend auf die Fresse (A. Nahles, ander­er Zusam­men­hang). “Post-Met­al mit Screamo-Ein­schlag”, schrieb ein Redak­teur von “metal1.info”, werde mit dieser Dauer “anstren­gend”. Ich teile diese Auf­fas­sung nicht, denn ich, obwohl meine Aufmerk­samkeitss­panne inzwis­chen auch merk­lich nach­lässt (man wird ja nicht jünger), emp­fand die Laufzeit als genau richtig. Muss so ein Men­schen­prob­lem sein.

    “Fyra” ist sicher­lich kein Album für die Fre­unde beschaulich­er Töne, aber das mir zuerst einge­fal­l­ene Adjek­tiv für dieses Album war “kurzweilig”. (Einige Men­schen, denen gegenüber ich dieses Wort ver­wen­det habe, glauben, das bedeute so was ähn­lich­es wie lang­weilig. Ich arbeite daran.) Und darum geht es ja let­z­tendlich, oder?

    Rein­hören: Kauf usw. auf Amazon.de, Stream usw. via TIDAL und Band­camp. Ton­träger sind — außer den CDs, aber wer kauft schon noch CDs? — lei­der aus.

  6. Oslo Tapes — ØR

    Oslo Tapes, der Name sagt’s schon, ist ein Trio aus Ital­ien, allerd­ings sind auf Presse­fo­tos vier Her­ren zu sehen. Vielle­icht ist es doch ein Quar­tett oder irgendwelche Texte und/oder Presse­fo­tos müssten mal wieder erneuert wer­den. Sei’s drum.

    Gegrün­det wor­den sei es, so will es die Leg­ende, nach ein­er Reise durch Nor­we­gen. Das dritte Album der mir unbekan­nten Anzahl an Musikem heißt “ØR”, was auf Nor­wegisch irgend­was heißt, und enthält Avant-Rock beziehungsweise “einen schwindel­er­re­gen­den Ritt durch eine fiebrige Traum­land­schaft des imag­inären nor­wegis­chen Hochlands, gemalt in kubis­tis­chen For­men” (Quelle: Pres­se­text) oder aber Free Jazz mit Ele­fan­ten­trompe­ten (“Exot­ic Dreams”; sind ver­mut­lich nor­wegis­che Ele­fan­ten), Depeche Mode und Joy Divi­sion (“Obses­sion is the Moth­er of All”) sowie jede Menge Space­rock mit Dance-Ein­schlag.

    Die Stim­mung auf “ØR” ist tat­säch­lich träumerisch, der (nur manch­mal etwas nervig) effek­t­ge­ladene dream-pop-Gesang, der die nicht rein instru­men­tal­en Teile des Albums begleit­et, klingt wie hin­ter einem Schleier ver­bor­gen. Gesun­gen wird im Übri­gen auf Englisch, was ich gut finde. Ital­ienis­chsprachiger Gesang stört mich sehr; das erwäh­nte ich ja aber schon.

    Aaron Kavanagh von “New Noise” find­et, Oslo Tapes soll­ten unbe­d­ingt bekan­nter wer­den. Meinetwe­gen. Haupt­sache, sie bleiben so.

    Rein­hören: Amazon.de hat aus­nahm­sweise keinen Stream, nur die Ton­träger; Bandcamp.com und TIDAL schaf­fen Abhil­fe.

  7. Car­a­van — It’s None of Your Busi­ness
    “Coun­try life’s not for you” (Down From Lon­don)

    Ein neues Album von Car­a­van lässt mich meist schnell zum Kopfhör­er greifen: In den inzwis­chen 53 Jahren ihres Beste­hens haben die Alt­meis­ter des Can­ter­bury Style sel­ten wirk­lich nach­drück­lich ent­täuscht und man ist ja auch immer froh über alles, was aus dieser musikalis­chen Ecke über­haupt noch kommt; neben Car­a­van, Camel und den zurück­gekehrten Soft Machine sind die Alten nahezu aus­nahm­s­los in Rente gegan­gen, ver­stor­ben oder sonst­wie ver­s­tummt.

    “It’s None of Your Busi­ness”, das diesjährige ins­ge­samt 15. Stu­dioal­bum, auf dem mit Pye Hast­ings (Gitarre, Gesang) immer­hin noch ein Grün­dungsmit­glied von Car­a­van zu hören ist (das wer­den andere Grup­pen dieses Alters, etwa Yes, ver­mut­lich nie wieder schaf­fen), begin­nt mit “Down From Lon­don” direkt mit ein­er Ent­täuschung: Das Stück wird lang­weilig aus­ge­blendet, als sei es eigentlich viel länger, aber zu lang für — keine Ahnung — das Radio oder so. Diesen Faux­pas wieder­holen Car­a­van auf dem Rest des Albums allerd­ings nicht oft. Sie woll­ten mit diesem Album zurück zu ihren Wurzeln, teilte Pye Hast­ings in einem Inter­view mit. Ursänger und ‑bassist Richard Sin­clair, einst dessen stimm­lich­es und musikalis­ches Gegengewicht, fehlt allerd­ings auch auf “It’s None of Your Busi­ness”.

    Im zeit­genös­sis­chen Radio würde der san­fte Jaz­zrock, der hier zu hören ist, trotz­dem auf­fall­en, denn die Stücke sind entwed­er zu lang (das Titel­stück schafft fast zehn Minuten Laufzeit) oder zu musikalisch anspruchsvoll für diejeni­gen, die einen drei Minuten lang durchge­hal­te­nen 4/4‑Takt als höch­stes Glück der Berieselung begreifen. Dabei sind schon ein paar ver­i­ta­ble Ohrwürmer auf “It’s None of Your Busi­ness” zu hören, etwa das bemerkenswert rhyth­mis­che “Ready Or Not” (Abzug in der B‑Note, sozusagen: auch hier wird wieder blöde aus­ge­blendet), wenn auch sich­er keine großen Über­raschun­gen. Car­a­van: Da weiß man, was man hat. Biss­chen Flöte, viel Akustikgi­tarre und natür­lich der promi­nent nach vorn gemis­chte, angenehme, nie auf­dringliche, aber auch — stilunüblich — nicht auf­fal­l­end schlechte Gesang Pye Hast­ings’.

    Schönes Album, auch von der Stim­mung her. Gerne wieder.

    Rein­hören: Kom­plettstream via TIDAL, Schnipsel und Kauf per Amazon.de.

  8. Whis­per­ing Sons — Sev­er­al Oth­ers
    “I carve silence in my fore­arm / there’s no silence in my head.” (Flood)

    Näch­ster Stil- und Land­sprung: Bei “Sev­er­al Oth­ers” der bel­gis­chen Band Whis­per­ing Sons, die ich als — wie eine Stich­probe im Bekan­ntenkreis ergab — anscheinend weltweit let­zter Men­sch noch nicht kan­nte, nicht bin­nen kürzester Zeit an Joy Divi­sion, The Cure, Sav­ages und hin und wieder (zuerst am Schluss des zweit­en Stücks “Heat”) auch an Grin­der­man zu denken ver­mochte ich nicht. Aufge­spielt wird mit musikalisch oft angenehm zurück­hal­ten­dem, düsterem Post­punk, Gitar­ren­dom­i­nanz herrscht nur sel­ten. Sän­gerin Fenne Kup­pens legt einen inter­es­san­ten Gesang darüber, der kaum als ein­deutig weib­lich, wohl aber als zer­brech­lich wahrzunehmen ist.

    Diese Kom­bi­na­tion wirkt am ein­drucksvoll­sten, wenn Whis­per­ing Sons aus dem sowieso schon nur lock­er angelegten Gen­reko­rsett aus­brechen, etwa im von Klavier und Perkus­sion­se­lek­tron­ik getra­ge­nen “Screens”, dessen Stre­ichere­in­satz selb­st einen hart­ge­sot­te­nen Gries­gram wie mich nicht ganz unbe­wegt lässt; daran ändert auch das fol­gende stampfende “Flood”, das in einem zeit­genös­sis­chen Goth­ic-Tanzschup­pen sowohl musikalisch als auch textlich kaum neg­a­tiv auffiele und deswe­gen zumin­d­est meinen Geschmack knapp ver­fehlt, nichts.

    “Ein Traum” (ander­swo gele­sen) sei das hier Gehörte. In diesen “schwieri­gen Zeit­en” (danke, mir kommt’s sel­ber hoch) sind Träume immer gern gese­hen; und gehört.

    Rein­hören: Es gibt Stream (TIDAL) und/oder Kauf (Bandcamp.com, Amazon.de).

  9. Lotus Titan — Odyssées

    Ich kon­nte nie Franzö­sisch und kann es bis heute nicht. Das macht den Genuss von Lotus Titans irgend­wie passend benan­ntem Debütwerk “Odyssées” etwas schwieriger als erhofft.

    Die vier Musik­er näm­lich, von denen eine — Julie Cas­tel Jordy, eine auch son­st viel­seit­ig inter­essierte Kün­st­lerin — neben dem Theremin auch das Mikro­fon spielt, also Texte dar­bi­etet, spie­len eine merk­würdi­ge Mis­chung aus impro­visiertem Free Jazz, dem gele­gentlich crim­sonesque Aus­brüche ent­lockt wer­den (“Jeter­ri­ble”), und ein­er Art Poet­ry Slam, indem, sieht man vom auch son­st tre­f­fend betitel­ten, beina­he wie ein Fremd­kör­p­er erscheinen­den “Silence” ab, statt Gesangs oft inten­sive Monologe auf den Hör­er ein­pras­seln, auf dass er nicht mehr wis­sen möge, wo oben und unten, vorne und hin­ten und auch son­st irgen­deine Rich­tung ist. Eine wahre Odyssee qua­si.

    Das auf “Silence” fol­gende Titel­stück, mt über zwölf Minuten Laufzeit auch das mit Abstand läng­ste, lässt das Tem­po zunächst gedrosselt: Es gibt ger­adezu sakrale Ambi­en­tk­länge und zurück­hal­tende Stim­mein­sätze zu hören. Erst nach etwa sieben Minuten set­zt eine Instru­men­tal­pas­sage ein, die erk­lärt, warum Lotus Titan sich für von aus­gerech­net Meshug­gah bee­in­flusst ver­ste­hen, denn deren Spielart des Pro­gres­sive Met­al beherrschen sie gar nicht mal schlecht. Dass Julie Cas­tel Jordy zwis­chen­drin wütend etwas rein­ruft, passt zur umgeben­den Musik, ist aber trotz­dem ärg­er­lich, weil ich auch jet­zt immer noch kein Franzö­sisch kann. Vielle­icht ist “Odyssées” noch bess­er, wenn man es kann?

    Auch für alle anderen ist es allerd­ings ein Album, das sicher­lich eines aufmerk­samen Kon­sumenten bedarf, dessen Aufmerk­samkeit aber mit hin­ter­gründi­ger Ver­spieltheit bei gle­ichzeit­iger musikalis­ch­er Über­raschung belohnt. Mein Album des Jahres 2021 ist es nicht, aber in der Avant­gardekat­e­gorie schon sehr weit oben. Das ist ja auch was.

    Rein­hören: Eine Dar­bi­etung von “Héroïne” hat­te ich schon mal als Mon­tagsmusik, anson­sten gibt es “Odyssées” natür­lich auch auf TIDAL, Amazon.de und Bandcamp.com zu hören.

  10. Hip­po­trak­tor — Merid­i­an

    Toller Name, tolle Musik. Die (schon wieder!) Bel­gi­er tun mir den Gefall­en, zumin­d­est auf Englisch zu sin­gen, denn auch mein Flämisch ist schlecht. Ihr seht: Ich bin zwar viel­seit­ig inter­essiert und gebildet, aber meine Ken­nt­nisse von zeit­genös­sis­chen europäis­chen Sprachen ist dürftig.

    Auf “Merid­i­an”, dem ersten long play­er von Hip­po­trak­tor, wer­den fast 42 (schöne Zahl auch) Minuten lang harte Riffs, clea­nen wie unclea­nen Gesang und ger­adezu fes­sel­nde grooves ent­fes­selt. Die Beset­zung der Band, die man wohl als “Super­group”, wie Musik­grup­pen aus mehreren schon bekan­nten Musik­ern früher mal hießen, beze­ich­nen sollte, spricht für sich; unter anderem ist hier sozusagen auch die DNS der Ston­er-Met­al-Gruppe Psy­cho­naut und der “Krank-Rock”-Band L’itchich denke mir diese Gen­re­na­men nicht aus — beteiligt.

    Die weni­gen leise(re)n Momente fängt das grol­lende Instru­men­tal­ge­wit­ter mit Leichtigkeit auf, diese wer­den indes von vorn­here­in nur spär­lich angekündigt. “Merid­i­an” ist laut, ungestüm, “Merid­i­an” ist Krach. Ich mag Krach.

    Rein­hören: Bandcamp.com, TIDAL und so weit­er.

  11. Kurushi­mi — Chaos Remains

    “Kurushi­mi” ist Japanisch und heißt “Lei­den”. Das aus­tralis­che Sex­tett gle­ichen Namens — nicht zu ver­wech­seln mit dem japanis­chen, anscheinend inzwis­chen inak­tiv­en Musik­er, der sich eben­falls Kurushi­mi nen­nt — klagt auf seinem sech­sten Ton­träger “Chaos Remains”, namensgerecht aus Auf­nah­mer­esten des Vorgänger­al­bums “What Is Chaos?” (2018) zusam­mengestellt, aber kaum, denn Gesang im ver­bre­it­eten Sinne gibt es nicht. Man habe sich the­ma­tisch von Werken John Zorns inspiri­eren lassen, lässt die Band mit­teilen. Der erfahrene Leser weiß nun bere­its: Hier geht es um Freiform-Jazz.

    Tat­säch­lich sei “Chaos Remains” wie fol­gt ent­standen: Andrew Mortensen, Bass- und Key­board­spiel­er von Kurushi­mi, habe ein paar Schallplat­ten­schleifen (“turntable loops”) erschaf­fen, indem er an zufäl­li­gen Stellen Aufk­le­ber auf den Plat­ten aufge­bracht hat, und im Stu­dio soll­ten die Musik­er dann unter der Anleitung des gle­ich­falls zur freien Ent­fal­tung ange­hal­te­nen Diri­gen­ten Sime­on Bartholomew zu diesen loops spie­len, wonach ihnen ger­ade der Sinn stand. Auf­grund der immer­hin zwei Sax­o­phon­is­ten klingt das Ergeb­nis unge­fähr so, als wür­den die 70er- und die 90er-Beset­zun­gen von King Crim­son einan­der gle­ichzeit­ig cov­ern, während ein Orch­ester auf ein­er Auto­bahn spielt und den dort zu find­en­den Fahrzeu­gen kaum auszuwe­ichen imstande ist. In “Funer­al Moon” gibt es wenige Sekun­den lang text­lose Stim­mein­würfe, die zur Stim­mung der Musik vor allem als bekräfti­gen­des Ele­ment beitra­gen.

    “Chaos Remains” ist 29:35 Minuten lang und somit deut­lich kürz­er als “What Is Chaos?”, was etwas kurz scheint. Es wurde bere­its im Feb­ru­ar veröf­fentlicht, angekündigt waren weit­ere Veröf­fentlichun­gen im Laufe des Jahres. Bis­lang — heute ist der 19. Novem­ber 2021 — ist daraus nichts gewor­den. Blödes Coro­na. Tolles Album.

    Rein­hören: Neben “What Is Chaos?” gibt es auch “Chaos Remains” bei Band­camp und auf TIDAL.

  12. Idles — Crawler
    “Can I get a Hal­lelu­jah?” (The Wheel)

    Kom­men wir nun zu etwas völ­lig anderem.

    Es wäre zu ein­fach, an Idles und ihr neuestes Album “Crawler” lediglich das lang­weilige Etikett “Post­punk” anzuheften, zumal das eröff­nende “MTT 420 RR” — meine erste Assozi­a­tion war Bryan Fer­rys CPL 593H und tat­säch­lich geht es auch um ein Fahrzeug, allerd­ings um einen Motor­radun­fall — eine klaus­tro­pho­bis­che Bad-Seeds-Atmo­sphäre erzeugt, keineswegs aber eine dröh­nend-intime, wie gewöhn­lich­er Post­punk sie üblicher­weise her­vor­bringt.

    “Crawler” ist ein Konzep­tal­bum, das sich weit­ge­hend mit einem Fahrzeu­gun­fall unter Dro­gene­in­fluss, dessen Zus­tandekom­men und dessen Fol­gen beschäftigt. Erst­mals explo­siv wird es in “Car Crash”, das die Geschichte aus dem ersten Stück aus ein­er anderen Per­spek­tive beleuchtet. Die Stimme des “mit Glas gurgel­nden” (The Guardian) Front­manns Joe Tal­bot, dessen Gesang nicht nur im Refrain von “Stock­holm Syn­drome” an Bob Dylan (man hole Fack­eln und Mist­ga­beln, ich habe soeben ein Sakri­leg began­gen) erin­nert, mitunter — in den ruhigeren Momenten (“The Beach­land Ball­room”) — aber auch san­ft, zer­brech­lich gar, aus dem Kopfhör­er fließt, ist trotz schön dom­i­nan­ten Bassspiels das wesentliche Alle­in­stel­lungsmerk­mal dieses Albums.

    In “The New Sen­sa­tion”, das textlich (“re-train as a dancer”) unter anderem auf eine sehr bescheuerte Wer­bung der britis­chen Regierung Bezug nimmt, die wegen Coro­na vorgeschla­gen hat, dass Leute, die ihre Arbeit ver­lieren, ihre Kar­ri­ere­pläne aufgeben und etwas ganz anderes ler­nen soll­ten, meine ich mich an “Their Satan­ic Majesties Request” und dessen musikalis­ches Vor­bild — die Dro­gen­phase der lang­weili­gen Bea­t­les — erin­nert, und auch der von elek­tro­n­is­chem Zir­pen und Grollen begleit­ete Kanon “Progress”, der von zwei Halb­minütern einger­ahmt ist, fällt aus jedem Schema. Dass ich spätestens nach den ersten paar Stück­en meine Ein­schätzung, dass es sich hier nicht um banalen Post­punk han­delt, rev­i­dieren muss, bedau­re ich indes kaum; denn zwar lässt sich der Post­punk selb­st von mir nicht wegdisku­tieren, aber banal ist er nicht, son­dern vielmehr der bish­er beste, der mir 2021 untergekom­men ist.

    “Crawl!” würde ich gar einen Par­tykracher nen­nen, wenn ich allein von dem Wort nicht die sprich­wörtlichen Krätze bekäme. Zum bedrück­enden The­ma des Albums mag’s nicht passen, aber ich bekomme tat­säch­lich gute Laune, während ich dieses Album höre. Das wäre doch jet­zt nicht nötig gewe­sen.

    “Life is beau­ti­ful!” stellt der Sänger am Ende des Albums — in “The End” — fest. Ein passender Abschluss für ein großar­tiges Album.

    Rein­hören: TIDAL (Kom­plettstream), Amazon.de (auch Kauf).

  13. BRUIT ≤ — The Machine is burn­ing and now every­one knows it could hap­pen again

    Ich mag ja Bands mit Namen, die ich nicht aussprechen kann (aber anscheinend spricht man das “≤” nicht mit), und Musikalben mit viel zu lan­gen Titeln. Den Reko­rd scheinen bish­er Chum­bawam­ba zu hal­ten. Haben sie ver­di­ent. BRUIT ≤ machen Postrock und davon hat­te es 2021 son­st sowieso zu wenig.

    Auf “The Machine is burn­ing and now every­one knows it could hap­pen again” sind vier Stücke von jew­eils über achtein­halb Minuten Länge enthal­ten. Ich wün­schte, das wäre noch ein Qual­itätsmerk­mal, aber das macht inzwis­chen sog­ar Tay­lor Swift. Möglicher­weise haben wir es hier mit einem Konzep­tal­bum zu tun; zwei der vier Stücke sind mit Textz­i­tat­en unter­legt, in denen eine bessere Welt mit mehr Men­schlichkeit und weniger Kap­i­tal­is­mus und Umweltzer­störung her­beige­sehnt wird. BRUIT ≤ kom­men aus Toulouse, aber das macht nichts.

    Am lang­weili­gen Laut-leise-Spiel, das in den Neun­zigern schon per­fek­tion­iert wor­den ist und deshalb längst unin­ter­es­sant ist, beteili­gen sich BRUIT ≤ nur schein­bar. Zur Stammbe­set­zung des Quar­tetts gehört ein Cel­list, die vier Gast­musik­er tra­gen Bass­posaune, Klar­inette, Horn und Vibraphon bei. Ins­beson­dere unter der Prämisse, dass es sich hier um ein Debü­tal­bum han­delt, ist das Ergeb­nis außeror­dentlich beein­druck­end. BRUIT ≤ kom­binieren typ­is­che Postrock­ef­fek­te, also Gitar­renkrach und dur­chaus über­raschende elek­tro­n­is­che Schnitte, mit diesen klas­sis­chen Zutat­en (“Renais­sance” zeigt sie erst­mals in voller Pracht), ohne dass sie zu viel ver­suchen, wie es manch ander­er Band geht, die zu exper­i­men­tieren ver­sucht. Wohldosierte instru­men­tale Explo­sio­nen an den richti­gen Stellen und ein völ­liges Fehlen von fade-outs — das Album ist als Ein­heit zu erken­nen, nicht bloß als lose Ideen­samm­lung — tun ihr Übriges zu mein­er Ein­schätzung, dass es in let­zter Zeit kaum ein beein­druck­enderes Postrock­album als dieses gegeben hat.

    Hof­fentlich lassen BRUIT ≤ jet­zt nicht nach.

    Rein­hören: Es gibt ein Video zum Stück “The Machine Is Burn­ing”. Es ist gut.

  14. Tri­al­o­gos — Stroh zu Gold

    Der Titel des Albums klingt nach Grimm’schen Märchen, die Musik hinge­gen keines­falls.

    Das anscheinend in Berlin behei­matete Trio Tri­al­o­gos trat erst­mals — wie auch son­st? — im Jahr 2020 im Rah­men ein­er Kun­stausstel­lung gemein­sam auf. Kon­se­quent erschiene es mir falsch, diese Kun­st zum Genre zu degradieren. Die drei sub­kul­turell diversen Musik­er spie­len Nois­e­rock, Postrock und Indus­tri­al, über­wiegend instru­men­tal. Wer braucht schon Gesang? Zur Beschrei­bung des tre­f­fend betitel­ten Stücks “Bat­dance”, das der Tanz­musik And-One-sch­er Manier ange­hört, las ich irgend­wo im Web das Wort “Gruf­tidis­co”. Schönes Wort.

    Das Album endet mit ein­er instru­men­tal­en Kli­max, dank mod­ern­er Tech­nik inten­siv­er als der viel­stim­mige Orch­ester­akko­rd, den die blö­den Bea­t­les irgend­wann mal gemacht haben. “Wellen­re­it­er” heißt das let­zte Stück und es schickt tat­säch­lich Wellen durch den Kör­p­er. Hüb­sch.

    Rein­hören: Via Bandcamp.com kann man strea­men, kaufen und the­o­retisch auch (in mit­telmäßiger Qual­ität) direkt herun­ter­laden, aber natür­lich macht man so was nicht, das wäre unmoralisch.

  15. Big ‡ Brave — Vital

    Was fehlt in dieser Rückschau noch? Ach ja: Postrock und Artver­wandtes.

    Big ‡ Brave, inzwis­chen zum Trio angewach­sen, zele­bri­eren auf “Vital” einen sehr, nun ja, vital­en Doom-Post­met­al, dessen bedrohlich­es Don­nern das Nieder­schreiben dieser Ein­drücke erschw­ert, denn ich bin ein Mann, ich kann nicht zwei Dinge gle­ichzeit­ig machen. Diese Musik aber zwingt mich zu Aufmerk­samkeit. Schade.

    In fünf Stück­en, aber ins­ge­samt immer­hin über 38 Minuten, trifft düster­ste Instru­men­ta­lar­beit auf den expres­siv-kla­gen­den, mitunter auch wüten­den (“Of This Ilk”) Gesang von Robin Wat­tie, der jenen, die sowieso keinen Frauenge­sang mögen, ganz beson­ders wenig gefall­en dürfte, für mich aber ein mehr als nur tre­f­fend­er Kon­trast ist. Ich denke manch­mal an Anna von Hauss­wolff. Ich denke sehr gern an Anna von Hauss­wolff. (Die seit 2021 übri­gens auch als Gast­sän­gerin und ‑organ­istin auf Sunn O)))s “Met­ta, Benev­o­lence BBC 6Music: Live on the Invi­ta­tion of Mary Anne Hobbs” zu hören ist, aber Liveal­ben und Später­veröf­fentlichun­gen nehme ich ja aus Prinzip nicht in diese Liste auf.)

    Das Tem­po bleibt dabei über weite Streck­en gedrosselt, die brachiale Gewalt will san­ft genossen wer­den. Ein passendes Adjek­tiv für das hier Gehörte ist “schw­ergewichtig”. Ich füh­le mich musikalisch ger­adezu erdrückt und das gefällt mir auch noch gut. Ich weiß nicht, welch­er ICD-10-Code das jet­zt wieder ist. Im Inter­net wird dem Werk von Big ‡ Brave eine kathar­tis­che Wirkung bescheinigt. Stimmt.

    Rein­hören: Es gibt ein Video zu “Half Breed”, das zeigt, wie eine unsicht­bare Hand Erde auf einen am Boden liegen­den Men­schen schüt­tet, der anschließend auf­ste­ht und geht. Ich ver­ste­he das nicht. Das macht nichts.

  16. Spir­itczual­ic Enhance­ment Cen­ter — Car­pet Album

    Was erwarte ich von ein­er Band, deren Name mit “Spir­itczual­ic” — ein Kof­fer­wort aus “spir­it”, “rit­u­al” und einem pol­nis­chen Zis­chlaut — begin­nt? Klar: Dro­gen­musik. Bek­iffte Audiotrips mit bedächtigem Rhyth­mus, gern mit dom­i­nan­tem Bass und gele­gentlich ein biss­chen Gitar­ren­flir­ren.

    Was ist auf dem “Car­pet Album” des Berlin­er “Musik­erkollek­tivs” (warum muss in Berlin immer alles ein “Kollek­tiv” sein?) Spir­itczual­ic Enhance­ment Cen­ter zu hören? Klar: Dro­gen­musik. Bek­iffte Audiotrips mit bedächtigem Rhyth­mus, gern mit dom­i­nan­tem Bass und gele­gentlich ein biss­chen Gitar­ren­flir­ren. Instru­men­tal, ver­ste­ht sich, und manch­mal an der Gren­ze zur Mas­sage­pornomusik (“Car­pet Inau­gu­ra­tion”), sich von dieser aber jedes Mal schnell wieder ent­fer­nend.

    Die Musik­er selb­st sprechen von “Spek­tral­jazz” und ein­er Inspi­ra­tion durch die “kos­mis­che Musik”, was ein Kun­st­be­griff war, den ein LSD-ver­rück­ter Idiot in den 1970er Jahren propagieren zu müssen meinte, weshalb er heute pleite und ver­schollen ist. Zu Recht, wie ich meine. Ob Spir­itczual­ic Enhance­ment Cen­ter auch pleite sind, weiß ich nicht, aber ver­schollen sind sie bish­er nicht. Finde ich gut.

    Erfreulicher­weise verzichtet das “Kollek­tiv” — wäh — auch darauf, den gle­ichen lang­weili­gen Fehler wie die meis­ten anderen zeit­genös­sis­chen “psy­che­delis­chen” Musik­grup­pen zu machen und Pink Floyd und/oder Hawk­wind zu imi­tieren. “Spek­tral­jazz” passt schon als Beze­ich­nung. Etwas schade sind nur die hier auch vork­om­menden fade-outs und son­sti­gen eher abrupten Enden (sofern man bei so entspan­nen­der Musik über­haupt von “abrupt” reden kann), denn während Spir­itczual­ic Enhance­ment Cen­ter Anfänge ganz gut hin­bekom­men, fehlt ihnen für gute Schlüsse anscheinend manch­mal der Antrieb. Ich behaupte: wären die 1980er Jahre nicht gewe­sen, wäre das Aus­blenden von Musik­stück­en die fürchter­lich­ste Erschei­n­ung, die je in die Musik Einzug gehal­ten hat. Schön ist das trotz­dem nicht.

    Alles Weit­ere aber schon, deshalb: Empfehlung.

    Rein­hören: Bandcamp.com (Vinyl ist aus).

  17. Red Kite — Apophen­ian Bliss

    Mal wieder ein biss­chen Anstren­gung zwis­chen­durch, son­st lang­weilt ihr euch noch.

    Red Kite, ein Instru­men­talquar­tett und gle­ichzeit­ig eine super­group, unter anderem mit Beteili­gung der großar­ti­gen Elephant9, aus Nor­we­gen, hat mit “Apophen­ian Bliss” im Novem­ber 2021 sein bish­er zweites Stu­dioal­bum veröf­fentlicht. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Fend­er Rhodes, wobei ins­beson­dere das Schlagzeug eine dom­i­nante Rolle ein­nimmt, überzeu­gen mit ein­er merk­würdi­gen Zusam­men­stel­lung von Jazz- und Space-Rock-Ele­menten, wobei diese Fusion schon im zweit­en Stück “This Immor­tal Coil” — mit fast achtein­halb Minuten Laufzeit das drit­tläng­ste auf dem Album — sich als “brennbar” (Quelle: Inter­net) erweist. Von “Met­al” und “Heavy Prog” quatscht das Etiket­ten­netz. Ich mag keine Etiket­ten.

    Sel­ten — “Apophe­nia” ist eines dieser Beispiele — wird der Space-Rock-Anteil merk­lich reduziert und macht Platz für eine inter­es­sante Mis­chung aus Blues­rock (mit sin­gen­der Gitarre) und dem jet­zt schon etablierten Jazz; dafür dür­fen im fol­gen­den “Red Kite Flight” Schlagzeug und Bass wieder eskalieren. Eskala­tion ließ sich bei der Pro­duk­tion von “Apophen­ian Bliss” kaum ver­mei­den, fiel ihr Beginn doch auch mit der Eskala­tion der Pan­demie zusam­men. Mancher­lei Musik­er Kreativ­ität haben die erschw­erten Auf­nah­mebe­din­gun­gen jeden­falls offenkundig keinen nen­nenswerten Schaden zuge­fügt. Die einzige Cov­erver­sion auf dem Album, das Psych-Jazz-Stück “Mor­ra­sol”, wurde von dem Sax­o­phon­is­ten und Kom­pon­is­ten Gisle Johansen geliehen, der “Death Met­al und Coltrane gle­icher­maßen mag” (Quelle: Inter­net). Schöne Mis­chung. Schönes Album.

    Rein­hören: Stream bei Bandcamp.com und TIDAL, Kauf Amazon.de.

  18. West­on Super Maim — 180-Degree Mur­der
    “End me or I erupt” (180-Degree Mur­der)

    Kurz und schmerzhaft: Der/die/das EP “180-Degree Mur­der” — wun­der­bares Cover­bild auch — ist unge­fähr eine Vier­tel­stunde lang und enthält zwei Stücke, namentlich das Titel­stück sowie “We Need To Talk About Heav­en”. Die Band West­on Super Maim ist ein britisch-US-amerikanis­ches Duo und set­zt mit diesen zwei Stück­en ein angemessen bru­tales Aus­rufeze­ichen unter dieses ver­dammte Jahr 2021, obwohl “180-Degree Mur­der” bere­its im Juli 2021 rauskam. Macht ja nichts.

    Musikalisch bekommt der Hör­er es mit Tech-Met­al und Math­core zu tun, es wird gegrölt und gebrüllt und nicht gesun­gen. Das wäre auch eine sehr alberne Kom­bi­na­tion. Die bei­den Musik­er ver­weisen auf Meshug­gah als rel­e­vante Inspi­ra­tion und dem zu wider­sprechen läge mir fern. Es gibt sog­ar 12-Zoll-Vinyl zu diesem kurzen Aus­flug ins Extreme. Ich wün­schte, das kön­nte ich von allen Alben sagen, die ich 2021 zu schätzen gel­ernt habe.

    Rein­hören: Bandcamp.com, TIDAL. Tut fast gar nicht weh.

  19. Zement — Rohstoff

    Na gut, ich gebe es zu: Ich mag Kraftwerk nicht.

    Das schließt mich möglicher­weise von Diskus­sio­nen mit manchen Zeitgenossen aus, denn auch auf der anderen Seite des Musikhör­erspek­trums gibt es ähn­liche Dick­köpfe wie mich; aber ich kann es begrün­den: Obwohl sie als wirk­lich hör­bare Krautrock­band ange­fan­gen haben, sind sie sehr schnell in eine sehr lang­weilige elek­tro­n­is­che Schiene abge­bo­gen, die sich, glaubt man über­schwänglichen Rezensen­ten, noch bis heute vor allem dadurch ausze­ich­net, dass da so schön wenig passiert und deswe­gen so schön viel Platz ist für so schöne Langeweile. Gle­ich­bleibende Rhyth­men, kaum eine neue Idee in den aktiv­en Jahrzehn­ten. Der Kunde (“Hör­er”) hon­ori­ert es als “seinem Stil treu bleiben” oder so. Gähn.

    Statt auf der Auto­bahn zu fahrn­fahrn­fahrn, werfe ich mich mit­samt meinen Kopfhör­ern lieber in den Mis­ch­er, denn hier pro­duzierte das Würzburg­er Duo Zement 2021 neuen “Rohstoff”, wie dessen aktuelles Album — das bere­its dritte Vol­lzeitwerk — heißt. Ähn­lichkeit­en zu Kraftwerk, vom Ein­satz monot­o­n­er “Roboter”-Stimmen bis hin zu eben­falls recht gle­ich­bleiben­den Rhyth­men, lassen sich kaum verken­nen, aber Zement machen es bess­er, denn während Kraftwerk ihre Krautrock­wurzeln der­art inten­siv dem ewigen Vergessen über­ant­wortet haben, dass in ihrem “Kat­a­log” (so heißt die ab 2009 in ver­schiede­nen Ver­sio­nen veröf­fentlichte Werkschau) die ersten drei Stu­dioal­ben über­haupt nicht vorkom­men, sind Zement nicht ganz so däm­lich; hier darf auch mal eine Gitarre zu hören sein (etwa im polyrhyth­mis­chen Jazz-Aus­flug “Klein­er 3”) und immer wieder schwingt die gute alte Psy­che­de­lik mit.

    Im etwas zu kurzen “Zun­der” bedauert die Robot­er­stimme, etwas sei “such a shame”, aber von den Achtzigern lassen Zement, die dieser Stimme ein dom­i­nantes Sax­ophon ent­ge­genset­zen, anson­sten die Fin­ger. Ist auch bess­er so. Die Achtziger waren musikalisch fürchter­lich. Das läng­ste Stück hinge­gen heißt “Entzück­en”, fol­gt direkt auf “Zun­der” und ist über zehn Minuten lang. Ich bin entzückt. Mit “Atem” endet “Rohstoff” in ein­er Instru­men­talerup­tion mit irrlichtern­der Gitarre und schi­er ungezügel­tem Schlagzeug, wie man sie in dieser Ecke der elek­tro­n­is­chen Musik gar nicht mehr erwartet hätte. Ich mag es, wenn ungenü­gende Erwartun­gen weit übertrof­fen wer­den.

    Rein­hören: Kom­plettstreams gibt’s bei Band­camp und TIDAL, Hörschnipsel und (the­o­retisch) Stream und Kauf dies­mal auch wieder auf Amazon.de.

  20. Moor Moth­er — Black Ency­clo­pe­dia of the Air
    “I’m too fuck­ing high.” (Zami)

    Das erste Stück von “Black Ency­clo­pe­dia of the Air” erin­nert mich spon­tan und daher unüber­legt an die von mir ander­swo schon mal rezen­sierte neuere Musik von I Like Trains, aber auch an die elek­tro­n­is­che Musik der 70er und frühen 80er Jahre. Irgend­wie unwirk­lich verträumt wabert das min­i­mal­is­tis­che Stück “Tem­po­ral Con­trol of Light Echoes” zur Eröff­nung desjeni­gen Albums aus dem Kopfhör­er, das die in Rap und Jazz bewan­derte US-Amerikaner­in Camae Ayewa alias Moor Moth­er im Scherz ihr “Ausverkauf­sal­bum” nan­nte, da es zugänglich­er sei als manch­es, was sie zuvor her­aus­ge­bracht habe.

    Nun bin ich mit dem bish­eri­gen Wirken von Moor Moth­er nicht ver­traut und ver­lasse mich somit auf meine eige­nen Ein­drücke. Zu diesen zählt, dass neun von den enthal­te­nen dreizehn Stück­en einen oder mehrere Gast­musik­er aufweisen, die ich alle­samt eben­falls nicht kenne. Pri­ma. Ich mag mir zuvor Unbekan­ntes in der Musik manch­mal. Und tat­säch­lich: Es wird ger­appt.

    Ja, ja, Rap ist keine Musik, er genügt der Def­i­n­i­tion von Musik gemäß der deutschsprachi­gen Wikipedia nicht und so weit­er und so fort. Das macht aber nichts, denn die musikalis­che Begleitung bleibt doch eher jazz­ig. Mir ist, als hörte ich eine US-amerikanis­che Konkur­renz zur Jaz­zkan­tine, aber mit noch tiefer im spacig Ver­spiel­ten unter­wegs. Textlich ist das Album weniger beschwingt, es geht in den meis­ten Stück­en um den US-eige­nen Ras­sis­mus, mitunter aber auch um Lehren aus dem Leben der Vor­fahren (“Tarot”) und die Frei­heit zu leben, wobei das resig­nierende Schlussstück “Clock Fight” sich­er nicht hoff­nungs­froh stim­men sollte. Vorhaben für die Zukun­ft: Öfter mal auf die Texte hören, auch wenn’s bloß Englisch ist. Dieses Vorhaben habe ich in let­zter Zeit ein wenig ver­nach­läs­sigt.

    Während ich dies tippe, merke ich, dass ich unbe­holfen an diese Art von Musik herange­he. Sie über­rascht mich, weil ich diese Kom­bi­na­tion nicht gewohnt bin. Sind die weniger “zugänglichen” Früher­w­erke von Camae Ayewa wirk­lich anstren­gen­der oder nur her­aus­fordern­der? Ich sollte das irgend­wann mal her­aus­find­en.

    Am Ende zählt aber ohne­hin nur: Gefällt’s oder gefällt’s nicht? Ganz ungeachtet der Tex­tex­egese, für die mehr Szeneken­nt­nisse mein­er­seits wahrschein­lich notwendig wären: Mir gefällt’s; auf eine ganz neue Art gar. Das muss erst mal reichen.

    Rein­hören: Für bloße Auszüge ist das Album zu schade, daher empfehle ich hier nur den Kom­plettstream via Band­camp und/oder TIDAL. Hap­tisch inter­es­san­tere Ton­träger — also: über­haupt Ton­träger — hinge­gen bietet Amazon.de an, bei Band­camp wird man dies­mal zurzeit nicht fündig. Schade eigentlich.

  21. Tom­a­hawk — Ton­ic Immo­bil­i­ty
    “Got a birthing coach with a COVID smile / We labor alone today” (Dooms­day Fatigue)

    Zum Abschluss dieser Liste muss dann doch noch ein wenig anständi­ge Rock­musik her.

    Mike Pat­ton möchte ich nicht sein müssen, der von mir geschätzte Herr ist anscheinend zu schnell gelang­weilt und muss darum dauernd irgend­was machen. 2021 hat er, mit­tler­weile 53 Jahre alt, zum Beispiel neben den reak­tivierten Mr. Bun­gle auch sein­er seit 2020 wieder formierten Exper­i­men­tal­rock­band Tom­a­hawk zu einem neuen Stu­dioal­bum ver­holfen. Es heißt “Ton­ic Immo­bil­i­ty” und ist erwartungs­gemäß vortr­e­f­flich gelun­gen.

    Zeit­los im klas­sis­chen Sinne ist es nicht, denn unter anderem wird auf Doom­scrolling während der Pan­demie (“Dooms­day Fatigue”) und zeit­genös­sis­che Kör­peride­ale (“Busi­ness Casu­al”) Bezug genom­men. Stilis­tisch passiert auf “Ton­ic Immo­bil­i­ty” jede Menge, ich höre Nu Met­al, Grunge, Coun­try (“Howlie”; trotz­dem gut und vor allem zum Ende hin eine höchst angenehme Eska­pade) und gele­gentlich auch etwas Punkrock. Zum Glück muss ich im Sat­urn nicht die Plat­ten­re­gale sortieren. Keine Ahnung, in welche Schublade dieses Album rein­müsste. Einen roten Faden gibt es nicht, aber das tut dem Hörvergnü­gen keinen Abbruch. Es rockt. Braucht man immer mehr?

    Ich kön­nte hier einen Indi­an­er­witz machen, aber den lasse ich begraben wie andere das Kriegs­beil. Stattdessen spreche ich diesem Album meine wärm­ste Empfehlung aus. Hugh.

    Rein­hören: Amazon.de oder eben auch TIDAL. Dort sind alle enthal­te­nen Stücke als expliz­it gekennze­ich­net. Weicheier.


Fra­gen, Kri­tik, Anmerkun­gen und Liebe­serk­lärun­gen nehme ich gern als Kom­men­tar ent­ge­gen. Anson­sten: Fort­set­zung fol­gt!

Jahresrückblick

Musik 12/2019 — Favoriten und Analyse Musik 12/2022 — Favoriten und Analyse
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Senfecke:

  1. So sehr ich auch Scheiß-Fan des Sarkas­mus bzw. der feinen Beobach­tun­gen des Her­rn Hirn­ficks bin: Das ist typ­is­che Kneipen­hock­er-Musik. Wer, warum auch immer (kann nicht tanzen/hat sich nicht getraut/hatte nur männliche Fre­unde) in sein­er “Prä­gungsphase” nie in eine Disko hineingestolpert ist — der find­et dann gle­ich­sam als Akt der Abwehr Kraftwerk öde, wahrschein­lich auch “Dis­co”, “House” und “Tech­no”. Und hört dann so einen Krampf. Habe mir die erste Hälfte der Empfehlun­gen ange­tan, ach Du meine Güte. Bin den­noch weit­er­hin Fan. Was ist heutzu­tage schon Musikgeschmack, da nie­mand mehr eine Plat­ten­samm­lung sein eigen nen­nt. So egal wie eine Back­rezepte­samm­lung. Ist er denn ge“impft”, das ist die Frage (Achtung, Ironie. Was geht es einen an, ver­dammt nochmal)!

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