KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2022 – Favo­ri­ten und Ana­ly­se

Die­ser Arti­kel ist Teil 26 von 29 der Serie Jah­res­rück­blick

Lan­ge nichts mehr über Musik geschrie­ben.

Es hat end­lich ein neu­es Jahr begon­nen. Der frü­he­ste Zeit­punkt für Jah­res­rück­blicke ist jetzt. Wer schon im Okto­ber sei­nen Jah­res­rück­blick fer­tig­ge­stellt hat­te, dem fehlt in die­sem ein Sech­stel­jahr. Noch bis Sil­ve­ster hät­ten theo­re­tisch wun­der­ba­re Musikal­ben raus­kom­men kön­nen und die haben die ande­ren Rück­schau­er euch allen unter­schla­gen. Ich nicht! Daher bekommt ihr den ersten zuver­läs­si­gen musi­ka­li­schen Jah­res­rück­blick 2022 der­je­ni­gen Alben, die hörens­wert sind, exklu­siv hier auf die­ser bezau­bern­den Web­prä­senz (und spä­ter viel­leicht auch woan­ders). Ist das nicht nett von mir?

Wie fast immer hat­te ich mehr­mals eine musik­theo­re­ti­sche eiacu­la­tio prae­cox (hehe, cocks) und konn­te hin­sicht­lich der jeweils aktu­el­len Alben von Faust, Empath, JIRM, Ufom­am­mut, Hiroe, Motor!k und Nǽnøĉÿb­bŒrğ VbëřřĦōlö­kääv­sŦ („Nano­cy­borg Uber­ho­lo­kaust“) nicht an mich hal­ten. Der Rest folgt unten. Das viel­ge­rühm­te Rück­kehr­al­bum von Por­cupi­ne Tree – ihr „In Absen­tia“ ist immer­hin seit weit über zehn Jah­ren mein bevor­zug­tes Ava­tar­bild in man­chen sozia­len Medi­en – wuss­te mich dabei nicht zu begei­stern, wes­halb es hier nicht vor­kommt. Das Leben ist zu kurz für (gleich­wie gut gemach­ten) Kuschel­rock.


  1. Earthl­ess – Night Para­de of One Hundred Demons

    Mit schwe­ren Gitar­ren­klän­gen beginnt es: Auf dem aktu­el­len Stu­dio­al­bum des US-ame­ri­ka­ni­schen Psy­che­de­lic-Rock-Tri­os Earthl­ess klingt fünf Minu­ten lang leich­ter Doom an, bevor sich das eröff­nen­de Stück „Night Para­de of One Hundred Demons (Part 1)“ in dunk­len Blues auf­löst, schließ­lich ganz ver­stummt und nach fast sie­ben Minu­ten plötz­lich explo­diert. Der Rest des Stücks wird von einer Art hea­vy psy­che­de­lic bestimmt, die man sich wahr­schein­lich unge­fähr so vor­stel­len kann, als hät­ten sich Pink Floyd und Led Zep­pe­lin zusam­men­ge­schlos­sen und beschlos­sen, künf­tig Spa­ce­rock zu spie­len. Der wesent­li­che Fak­tor scheint die Gitar­re zu sein: Mal darf sie ein aus­gie­bi­ges Solo sin­gen, mal ergänzt sie (mit viel Hall) das Trei­ben der ande­ren Instru­men­te. Sind ja nicht so vie­le, sind nur Schlag­zeug und Bass.

    „Part 2“ des glei­chen Stücks wird mit groo­ven­dem Rhyth­mus aus Schlag­zeug und Bass ein­ge­lei­tet, dazu ein elek­tro­ni­sches Blub­bern, über dem bald wie­der eine bluesi­ge Gitar­re soliert. So ähn­lich wür­de ich einen Wüsten­thril­ler ver­to­nen, glau­be ich. Aber ich ken­ne mich nicht aus mit dem Ver­to­nen von Wüsten­thril­lern. Es gab 2017 ein Album des fast glei­chen Titels von einer Hard­co­re­punk­band. Damit haben Earthl­ess zum Glück nichts zu tun.

    Auf „Night Para­de of One Hundred Demons“ gibt es kei­nen Gesang, aber dafür auch nur drei Stücke. Kei­nes davon ist unter 19 Minu­ten lang. Wie­der eine Band ohne Radio­taug­lich­keit. Glück gehabt. Es groovt über die gesam­te Dau­er von etwas über einer Stun­de, ohne auch nur kurz das Gefühl aus­zu­lö­sen, das habe man doch gera­de erst gehört. Ein Album wie eine ein­zi­ge lan­ge Impro­vi­sa­ti­on drei­er gut ein­ge­spiel­ter Musi­ker. Nicht übel.

    Rein­hö­ren: Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort sonst nichts).

  2. Aut­hor & Punis­her – Krül­ler

    Kein Knül­ler, aber zumin­dest ein Krül­ler: Unter die­sem inter­es­san­ten Titel ver­öf­fent­lich­te der US-ame­ri­ka­ni­sche Solo­künst­ler und Erfin­der Tri­stan Sho­ne im Febru­ar 2022 ein weit­hin als über­durch­schnitt­lich wahr­ge­nom­me­nes Album. Weil ich den Namen inter­es­sant fand, habe ich es mir ange­hört und ich mag es.

    Bereits das erste Stück „Dro­ne Car­ry­ing Dread“ – mit 8:16 Minu­ten Lauf­zeit das läng­ste auf dem Album – prä­sen­tiert die sti­li­sti­sche Band­brei­te nahe­zu in Gän­ze. Tief tönen­de Dro­nes (haha, daher der Name; nein, dar­an dürft’s nicht lie­gen), Indu­stri­al­rhyth­men und meist clea­ner Gesang – der im Ver­lauf des Albums aber nicht immer so sanft bleibt – sagen mir zu. Ich hab‘ so mei­ne Momen­te. Im Inter­net las ich, „Krül­ler“ sei sti­li­stisch im Wesent­li­chen Alter­na­ti­ve Rock, und das könn­te stim­men. Ich höre eine här­te­re Ver­si­on von Lin­kin Park, eine ande­re Ver­si­on der Nine Inch Nails. Dem Wider­klang­freund, der bei mei­nem Musik­ge­nuss gele­gent­lich das domi­nan­te Ohr führt, gefällt auch das eigen­ar­ti­ge elek­tro­ni­sche Fiep­sen, das man­che Stücke (etwa das herr­lich zer­ris­se­ne „Blacks­mith“) beglei­tet; aber fade-out („Glo­ry­box“) ist doch immer ein bedau­er­li­cher Abgang.

    Für die Gesamt­wer­tung sind sol­che feh­len­den Enden aber letzt­lich nicht schmä­lernd genug: „Krül­ler“ gefällt. Schön, es ent­deckt zu haben, und schön, es wei­ter­emp­feh­len zu kön­nen.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD), TIDAL (dort als expli­zi­te Lyrik gekenn­zeich­net).

  3. Ani­mals as Lea­ders – Par­r­he­sia

    Ich mag ja kei­nen Metal, aber.

    Ani­mals as Lea­ders, ein US-ame­ri­ka­ni­sches Trio mit zwei Gitar­ren und einem Schlag­zeug (wenn­gleich auf „Par­r­he­sia“ Misha Man­so­or, der­zeit bei Peri­phery, als Bas­sist gastiert) und kei­nem Gesang. „Par­r­he­sia“, der Name ihres dies­jäh­ri­gen Stu­dio­al­bums, ist Eng­lisch und heißt Par­r­he­sie. Das ist wit­zig, weil Rede­frei­heit ohne Text gar nicht so ein­fach funk­tio­niert wie mit Text.

    Las­sen wir also die Musik für sich spre­chen. Das erste Stück „Con­flict Car­to­gra­phy“ lässt mich wäh­rend der gesam­ten fünf Minu­ten sei­ner Dau­er in wech­seln­den Rhyth­men neben dem Takt mit dem Kopf nicken, wes­halb ich bereits sein intro zum Anlass neh­me, die­ses Album in die­se Liste auf­zu­neh­men. Die inein­an­der verz­wir­bel­ten Instru­men­te ver­dre­hen dem geneig­ten Hörer (mir) indes bereits im zwei­ten Stück „Mono­myth“ gehö­rig den Kopf. Die 80er-Alben von King Crims­on sind gele­gent­lich – etwa hier – nicht fern und die mag ich bei fort­schrei­ten­dem Alter auch immer lie­ber.

    Dass die US-Ame­ri­ka­ner am Deut­schen so viel Gefal­len fin­den wie ich an ihrer Musik, erken­ne ich zumin­dest am Titel des Stückes „Gestalt­zer­fall“. Ein schö­nes Wort. Das klaue ich mal für mei­ne Auto­bio­gra­fie. Das abschlie­ßen­de „Gor­di­an Naught“, das als drit­te Sin­gle ver­öf­fent­licht wor­den ist (das muss­te ich nach­le­sen, Sin­gles inter­es­sie­ren mich seit über zwan­zig Jah­ren nur noch, wenn ich die B‑Seite mag), über­win­det qua­si im Vor­bei­ge­hen die Gen­re­gren­zen zwi­schen Pro­gres­si­ve Metal, Math Rock und – tat­säch­lich – Funk. Inter­es­sant. Hör­bar. Selt­sam.

    Rein­hö­ren: Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort nur Hören).

  4. Green Asphalt
    „I know that we will meet again some day.“ (She’s a Cow)

    Abseits des­sen, dass die mei­sten frü­he­ren Mit­glie­der von Gent­le Giant wäh­rend der Pan­de­mie tat­säch­lich mal wie­der gemein­sam einen ihrer hits into­nier­ten, war in den letz­ten Jah­ren in ihrer musi­ka­li­schen Nische – ich würd’s Barock-Prog nen­nen – eher wenig los, und auch der Can­ter­bu­ry Style, eine Zeit­lang von (unter ande­rem) Argos ver­wal­tet, schien sich ein wenig aus­zu­ru­hen. Umso mehr freut mich, dass Green Asphalt auf ihrem Debüt­al­bum bei­des mit­ein­an­der ver­bin­den.

    Dan Born­emark, befreun­det mit Ker­ry Min­ne­ar und auch sonst im Gent­le-Giant-Kos­mos kein völ­lig Frem­der, habe, erzählt das Inter­net, mit sechs wei­te­ren Musi­kern (davon drei Sän­ge­rin­nen) ins­ge­samt sieb­zehn Jah­re lang an die­sem Album gear­bei­tet. Das Ergeb­nis klingt tat­säch­lich beein­druckend reif: Mehr­stim­mi­ge Arran­ge­ments mit offen­sicht­li­chen („Suit Yours­elf“) und weni­ger offen­sicht­li­chen („ ‚Xcu­se Me“) Ver­nei­gun­gen vor dem gro­ßen Vor­bild, zwar weni­ger Instru­men­ten­durch­ein­an­der als das Ori­gi­nal, dafür mehr jaz­zi­ge Can­ter­bu­ry­pas­sa­gen mit Flö­te (beacht­lich in „She’s a Cow“, in dem übri­gens tat­säch­lich gemuht wird), gele­gent­li­che Anlei­hen an David Bowie und dazu eine dem Jahr 2022 ange­mes­se­ne Pro­duk­ti­on hin­ter­las­sen ein wis­sen­des Lächeln auf dem Gesicht derer, die die­sen alten Kram mögen, gegen ein wenig moder­ne Rock­mu­sik mit Strei­chern („200 Girls“) aber auch nichts ein­zu­wen­den haben.

    Auf mei­nem zum Bei­spiel.

    Das über zehn­mi­nü­ti­ge „Time in Your Face“ run­det das Album schließ­lich wie eine Zusam­men­fas­sung des bis dahin Gehör­ten – viel­leicht mit einem zusätz­li­chen Löf­fel Emer­son, Lake & Pal­mer in der Mischung – ab und macht dabei nichts falsch. Das ist auch mal char­mant. Die­ses Album macht Spaß. Spaß ist wich­tig.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl).

  5. Eun­oia – Psyop of the Year

    Eun­oia – eigent­lich: εὔνοιᾰ – ist Alt­grie­chisch und heißt so viel wie „schön den­ken“. Der Name ist nicht unbe­dingt Pro­gramm, denn wie Schön­den­ken klingt das Album „Psyop of the Year“, das im April erschie­nen ist, eher nicht, son­dern viel­mehr nach einer selt­sa­men Mischung aus Grunge, Math­co­re und bei­zei­ten („Lea­ther Lollipop“) Post­punk – auch gesprochene/gerufene Sprach­ein­schü­be kom­men vor – bezie­hungs­wei­se, wie’s wir Gen­re­agno­sti­ker zu for­mu­lie­ren pfle­gen, nach Krach.

    Mit­un­ter instru­men­tal, oft aber mit meist extro­ver­tier­tem Gesang (ins­be­son­de­re in der zwei­ten Hälf­te des Albums wird auch gegrowlt, passt aber trotz­dem) gehen die drei Her­ren hier zu Wer­ke. Ich den­ke an eine weni­ger ver­spiel­te, dafür ziem­lich wüten­de Ver­si­on der jetzt auch schon seit fünf Jah­ren ver­schwun­de­nen The Dil­lin­ger Escape Plan. Der Name und das Titel­bild des Albums fol­gen dem Kon­zept des Vor­gän­ger­al­bums „YOU’RE NOT PARANOID ENOUGH“ (2019), das ins­ge­samt das Band­kon­zept zu sein scheint. Das abschlie­ßen­de Stück – kei­nes über­schrei­tet übri­gens fünf Minu­ten Spiel­dau­er – trägt den Titel „ ‚Sad­dam Never Work­ed for the CIA‘ and Other Lies Your Father Told You“.

    Das Album klin­ge von Anfang an nach Gefahr und Unru­he, las ich im Inter­net und ver­mag nicht argu­men­ta­tiv zu wider­spre­chen. Ich emp­fin­de wäh­rend des Hör­vor­gangs eine Stim­mung wie auf einer poli­ti­schen Demon­stra­ti­on in irgend­ei­ner Groß­stadt, ein ener­gi­sches wir gegen die in Musik­form; ver­track­te Rhyth­men inklu­si­ve, weil so ein Stra­ßen­kampf ja auch sel­ten abläuft wie ein Bal­lett­stück.

    „Psyop“ ist ein fremd­spra­chi­ges Kurz­wort für psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung. Passt.

    Rein­hö­ren: Amazon.de, Bandcamp.com (dort auch CD), TIDAL (dort sonst nichts).

  6. Shadow Uni­ver­se – Subt­le Realms, Subt­le Worlds

    Shadow Uni­ver­se ist der Pro­jekt­na­me vie­rer slo­we­ni­scher Musi­ker. Auf ihrem drit­ten Album „Subt­le Realms, Subt­le Worlds“ ist inter­es­sant groo­ven­der Instru­men­tal­post­rock mit wirk­lich viel Kla­vier, gespielt von Peter Dim­nik (auch: Gitar­re und Syn­the­si­zer), und hin und wie­der auch Gei­ge zu hören, zwei der sechs Stücke haben Gast­mu­si­ker. Es han­delt sich um ein Kon­zept­al­bum, das die Annah­me ver­to­nen soll, dass jeder Mensch in sei­ner eige­nen Welt lebt, weil er sie auf eine ein­ma­li­ge Art wahr­nimmt oder so.

    Das ist eine ziem­lich eso­te­ri­sche Prä­mis­se, der ich nur aus­zugs­wei­se fol­gen kann, aber der Stim­mungs­wech­sel zwi­schen ana­log­mu­si­ka­li­scher Beschau­lich­keit, Bedroh­lich­keit („Losing Home“) und Post-Metal-Erup­tio­nen – „Frie­den und Cha­os“, wie’s der Pres­se­text nennt – ist tat­säch­lich erstaun­lich fes­selnd (aber auf die gute Art) und lässt mich eigent­lich nur scha­de fin­den, dass das Album mit nur 38:10 Minu­ten Lauf­zeit viel zu kurz scheint, ohne dabei wirk­lich kurz zu sein.

    Ich freue mich trotz­dem und genie­ße sicht­lich still.

    Rein­hö­ren: Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort weder CD noch Vinyl).

  7. Bruecken – Inne­re Unru­hen

    „Inne­re Unru­hen lie­gen dann vor, wenn zah­len­mä­ßig nicht uner­heb­li­che Tei­le des Vol­kes in einer die öffent­li­che Ruhe und Ord­nung stö­ren­den Wei­se in Bewe­gung gera­ten und Gewalt­tä­tig­kei­ten gegen Per­so­nen oder Sachen ver­üben“ (Inter­net). Da freut man sich gleich noch ein wenig mehr, dass man den Genuss von „Inne­re Unru­hen“ der Olden­bur­ger Postrock­band Bruecken halb­wegs ohne Prü­ge­lei über­ste­hen kann, wenn man will.

    Dass dem Rezen­sen­ten (d.h.: mir) im zwei­ten Stück „Abgrund­tief“, das inso­fern immer­hin einen pas­sen­den Namen trägt, immer wie­der der Refrain von „Ein Kom­pli­ment“ der Sport­freun­de Stil­ler ins Gedächt­nis geru­fen wird, spricht nicht für mei­nen damals kon­se­quent durch­ge­hal­te­nen her­vor­ra­gen­den Musik­ge­schmack, ist aber auch einer der sel­te­nen Momen­te auf „Inne­re Unru­hen“, in denen mir irgend­was bekannt vor­kommt. Von wegen, Post­rock klin­ge immer gleich.

    Schwa­ches gibt es eben­falls so gut wie nicht; viel­leicht: Dem Sechs­ein­halb­mi­nü­ter „Ata­xie“ haf­tet strecken­wei­se ein gewis­ser Demo-EP-Charme an. Aber ich mag Demo-EPs von Postrock­grup­pen eigent­lich fast immer. Natür­lich las­sen auch Bruecken das alt­be­kann­te Laut-Lei­se-Spiel nicht unge­spielt, aber sie ver­su­chen nicht eine Spal­te in der Rezen­si­ons­ru­brik „klingt wie …“ aus­zu­fül­len. Das fin­de ich sehr nett von ihnen. Zu ihren Vor­bil­dern, behaup­tet irgend­ein Pres­se­text indi­rekt, zäh­len unter ande­rem Red Spa­rowes, die­je­ni­ge Postrock­band also, von der ich anneh­me, sie habe irgend­ei­ne Wet­te mit irgend­wem lau­fen, wie lang die Titel ihrer Stücke sein dür­fen, bevor jemand ein­schrei­tet.

    Eine direk­te Rela­ti­on zwi­schen Namen und Stim­mun­gen der auf „Inne­re Unru­hen“ ent­hal­te­nen Musik kann ich auch sche­men­haft erken­nen; „Lich­ter­loh“ klingt so, wie es heißt, und „Immersi­on“ wirkt tat­säch­lich immersiv. Das Album sei inspi­riert von den „Gefüh­len des Unbe­ha­gens“, behaup­ten die Musi­ker, reden aber von „Songs“, obwohl gar kei­ner singt. Unbe­hag­lich ist „Inne­re Unru­hen“ jeden­falls nicht gewor­den, aber ihnen das vor­zu­wer­fen liegt mir fern. Statt­des­sen dan­ke ich ihnen für ein gelun­ge­nes Stück inne­res Gleich­ge­wicht spen­den­der Musik. Ätsch.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort Stream).

  8. dälek – Pre­cipi­ce
    „Tick, tock, mother­fucker!“ (A Heretic’s Inhe­ri­tance)

    Ohne deren Zusam­men­ar­beit mit Faust („Der­be Respect, Alder“, 2004) hät­te ich die Exi­stenz von dälek, einer US-ame­ri­ka­ni­schen Hip-Hop-Grup­pe um den Front­mann MC dälek, benannt nach (aber falsch abge­schrie­ben von) Mutan­ten aus einer bri­ti­schen Sci­ence-Fic­tion-Serie, wahr­schein­lich gar nicht wahr­ge­nom­men. Wer mag schon Hip-Hop?

    „Pre­cipi­ce“, ihr 2022er Album, beginnt aber auch gar nicht mit Hip-Hop, son­dern mit der „Lo-Fi-Sound­wand“ (Domi­nik Stei­ner) „Lest We For­get“, die nicht im Gering­sten auf das vor­be­rei­tet, was kom­men mag: Im fol­gen­den „Boy­cott“ wird druck­voll und sehr US-ame­ri­ka­nisch gerappt, wobei die Geräusch­col­la­ge im Hin­ter­grund mich eher an Jam­bi­nais „Abyss“ als an typi­sche Ver­tre­ter zeit­ge­nös­si­schen Sprech­ge­sangs erin­nert. dälek ver­men­gen Indu­stri­al- eben­so wie krau­ti­ge Elek­tronik­klän­ge mit han­dels­üb­li­chem Hip-Hop, als hät­ten sie eigent­lich Ber­li­ner Elek­tro­nik auf­neh­men wol­len, dann aber beats und Bäs­se drü­ber­ge­schüt­tet und plötz­lich war’s eine ande­re Art von Musik. Nicht schlecht.

    Die­se Art klang­li­cher Her­vor­brin­gun­gen ohne Län­gen zu pro­du­zie­ren erscheint schwie­rig, und obwohl nur „A Heretic’s Inhe­ri­tance“ sechs Minu­ten Lauf­zeit über­schrei­tet, bemer­ke ich beim Hören des Albums, dass es manch­mal ein paar Tak­te weni­ger auch tun wür­den, etwa in „Good“; ande­rer­seits lässt sich so die melo­di­sche Struk­tur noch etwas län­ger genie­ßen, was ich ins­be­son­de­re in den Indu­stri­al-nähe­ren Stücken (etwa „The Har­bin­gers“) gern anneh­me.

    Auf der Vor­ab­sin­gle „A Heretic’s Inhe­ri­tance“ gastie­re Adam Jones (unter ande­rem Gitar­rist von Tool), ver­mel­det der Pres­se­text mit erkenn­ba­rem Stolz, und obwohl ich Tool gar nicht mal beson­ders gern mag, möch­te ich die­se fast sie­ben Minu­ten vor­sich­tig als den musi­ka­li­schen Höhe­punkt auf „Pre­cipi­ce“ bezeich­nen: Kopf­nick­rhyth­mus, ein selt­sam schrä­ges Elek­tronik­fun­da­ment, vier Minu­ten Instru­men­tal­in­tro und erst dann von anschwel­len­dem Kraut­rock (Kraut­rock!) beglei­te­ter Sprech­ge­sang, danach ein sanf­tes, aber schnel­les Aus­klin­gen. Ich bin ange­tan.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort sonst nichts).

  9. Sc’ööf – CDR003SA

    Ich weiß noch unge­fähr, was eine CD‑R ist, und ahne daher auch, war­um das Album „CDR003SA“ (das es indes nur auf Kas­set­te und als Down­load gibt, nicht jedoch auf CD) so heißt, wie es heißt. Da endet mein Wis­sen aber auch schon.

    Ich weiß nicht, was Sc’ööf – vier Her­ren aus der Schweiz und der Name der Band – hei­ßen soll (zumin­dest die Aus­spra­che ist klar: in „B“ und ande­ren Inter­lu­di­en klingt es unge­fähr wie „Scurf“), und ich weiß auch nicht, was das hier genau ist. Musik, ver­mut­lich, „bru­tal jazz“, also „bru­ta­ler Jazz“, kol­por­tiert die Grup­pe selbst bzw. lässt die Grup­pe ihre Plat­ten­fir­ma kol­por­tie­ren, das weiß man ja heu­te nie so genau. Struk­tu­ren gibt es auf „CDR003SA“ jeden­falls nicht zu hören und Rhyth­men auch nicht. Kein Stück über­schrei­tet 3:16 Minu­ten Lauf­zeit, die mei­sten schaf­fen nicht mal 2 Minu­ten, bis auf das 13. Stück „10“, das fast 22 Minu­ten lang ist.

    Das ist alles ein fabel­haf­ter Krach auf „CDR003SA“, unter­bro­chen von Pseu­do-Spo­ti­fy-Wer­bung für die Band­camp­sei­te von Sc’ööf. Ich fin­de das lustig. Alles klingt, als wür­de man lei­ern­de Kas­set­ten auf zer­kratz­te CDs über­spie­len, und zwar mit einem Bag­ger. Vie­le Stücke hören abrupt auf. Das passt alles ins Kon­zept.

    In der Rubrik „klingt wie“ kriegt „CDR003SA“ bei mir zehn Punk­te auf der Kopf­schmerz- und immer­hin acht auf der „asia“-Skala. Lang­jäh­ri­ge Leser wis­sen: „asia“ von boris ist bis heu­te ein von mir gern zitier­tes Album, wenn es um fabel­haf­ten Krach geht. Mal was ande­res als Gitar­re.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com wur­de ja bereits ver­linkt, mehr gibt es anschei­nend nicht. Qua­li­tät muss man halt manch­mal auf unge­wohn­ten Pfa­den suchen. Ver­damm­ter Kapi­ta­lis­mus.

  10. Julie Tip­petts & Mar­tin Archer – Illu­si­on

    Im Jahr 1969 nahm die jun­ge Sän­ge­rin Julie Dris­coll ihr erstes Solo­al­bum auf, das den Titel „1969“ trug. Bereits auf die­sem gastier­ten unter ande­rem Mit­glie­der von Soft Machi­ne sowie der mitt­ler­wei­le ver­stor­be­ne Jazz­pia­nist Keith Tip­pett, der eigent­lich Tip­petts hieß und spä­ter ihr Ehe­mann wur­de. In der Fol­ge tauch­te Julie Dris­coll als Julie Tip­petts in zahl­rei­chen Beset­zungs­li­sten von Pro­jek­ten von und mit letz­te­rem auf, dar­un­ter auf dem emp­feh­lens­wer­ten Album „Sep­to­ber Ener­gy“ des 55-köp­fi­gen Ensem­bles Cen­ti­pe­de.

    Seit eini­gen Jah­ren arbei­tet sie vor allem mit Mar­tin Archer zusam­men, sei­nes Zei­chens Jazz­sa­xo­pho­nist und Key­boar­der. Bei­de ver­öf­fent­lich­ten im Jahr 2022 gemein­sam „Illu­si­on“, was ein fast zwei­ein­halb­stün­di­ges Dop­pel­al­bum ist, das aus zwei eigent­lich sepa­ra­ten Alben besteht, nament­lich aus der avant­gar­di­sti­schen „Illu­si­on Suite“, die aus sie­ben Tei­len besteht, die aber wie­der­keh­ren­de The­men auf­wei­sen und inso­fern als ein­zel­nes Stück begrif­fen wer­den soll­ten, sowie dem „Cir­cle of Whis­pers“, der 13 ein­zel­ne, über­wie­gend in Jazz und Jazz­rock anzu­sie­deln­de Stücke umfasst. „Cir­cle of Whis­pers“ beginnt dabei mit einem kraft­voll vor­ge­tra­ge­nen Lied namens „Illu­si­on“, schließt somit zumin­dest the­ma­tisch an die „Illu­si­on Suite“ an.

    Der kraft­vol­le Vor­trag ist tat­säch­lich einer der stärk­sten Aspek­te die­ses ohne­hin star­ken Albums. Julie Tip­petts ist im Juni 2022 75 Jah­re alt gewor­den, aber ihre Stim­me – Alt, behaup­tet das Inter­net zugun­sten von Holz­oh­ren wie mir – scheint das noch nicht gemerkt zu haben; da ist ordent­lich Feu­er drin. Über­haupt ist ihr wesent­li­ches Instru­ment seit Jahr­zehn­ten ihre Stim­me und sie weiß sie ein­zu­set­zen (hier­zu beacht­li­ches Stück: „Never As They Seem“). Fin­de ich gut. James Archer, der ver­mut­lich irgend­wie mit Mar­tin Archer ver­wandt ist oder auch nicht, streu­te über das Album eine Por­ti­on beats und loops, manch­mal lugt also etwas Dis­co­mu­sik (mit Stampf­beat) vor­sich­tig um die Ecke, wird dabei aber nie­mals auf­dring­lich und bleibt nie lan­ge. Die Auf­merk­sam­keit des Hörers hat auch genug ande­res zu tun; der ver­meint­lich leicht­fü­ßi­ge Jazz weicht an inter­es­san­ten Stel­len (sehr, sehr gutes Teil­stück: „Pan­de­mo­ni­um“) einer RIO-Deto­na­ti­on mit eska­lie­ren­den Blas­in­stru­men­ten, fin­det aber stets zurück in die Spur.

    Das letz­te Stück der „Illu­si­on Suite“ heißt „Turn It Around“, also „dreh es um“. Zum Zeit­punkt der Nie­der­schrift die­ser Rezen­si­on – 18. Juni 2022 – gibt es „Illu­si­on“ (noch?) nicht auf Vinyl, sonst wäre das ein guter Abschluss mei­ner Aus­füh­run­gen. Scha­de.

    Rein­hö­ren: Amazon.de (dort auch CD), Bandcamp.com (dort auch Down­load und CD), TIDAL (dort sonst nix).

  11. J. Peter Schwalm & Ste­phan The­len – Trans­nep­tu­ni­an Pla­nets

    Ste­phan The­len ist ein in Zürich leben­der Kom­po­nist, Musi­ker und Mathe­ma­ti­ker, den wie­der­hol­te Leser mei­ner Rezen­sio­nen viel­leicht bereits als Mit­glied der Grup­pe Sonar ken­nen, J. Peter Schwalm wie­der­um ist ein deut­scher Kom­po­nist und Musik­pro­du­zent, der um das Jahr 2000 her­um erst­mals in hin­rei­chend popu­lä­rem Umfeld, näm­lich in meh­re­ren Gemein­schafts­ar­bei­ten mit Bri­an Eno, von sich hören ließ. Gemein­sam mit drei wei­te­ren, an der Kom­po­si­ti­on jedoch nur wenig betei­lig­ten Musi­kern, dar­un­ter dem Schlag­zeu­ger Manu­el Pas­qui­nel­li (eben­falls für Sonar tätig), haben die bei­den in elek­tro­ni­scher Avant­gar­de bewan­der­ten Her­ren unter dem Titel „Trans­nep­tu­ni­an Pla­nets“ acht trans­nep­tu­ni­schen Objek­ten – unter ihnen natür­lich Plu­to und sein Her­aus­for­de­rer Quaoar – jeweils ein weit­ge­hend instru­men­ta­les Stück mit weni­gen Sprach­ein­wür­fen gewid­met.

    Gele­gent­lich zer­reißt eine schnei­den­de Gitar­re das ele­gant gewo­be­ne Tuch, aber größ­ten­teils wird mit „Trans­nep­tu­ni­an Pla­nets“ eine vor­der­grün­dig groo­ven­de, im Detail aber erfri­schend ver­kno­te­te Welt­raum­land­schaft gemalt, deren Vor­trag zwi­schen Spa­ce­rock, Indu­stri­al und Post­rock schwebt (über­haupt: Schwe­ben), ange­rei­chert aller­dings mit einer oft kaum auf­fäl­lig poly­rhyth­mi­schen Grund­struk­tur, die ver­meint­li­ches Ambi­ent (schö­ner Kon­trast: „Orcus“) in Span­nung ver­setzt, ohne es zu ver­der­ben. Mit­un­ter, etwa im Stück „GongGong“ (mit der Band Gong hat es trotz ähn­li­cher musi­ka­li­scher Zie­le nichts zu tun), atmet „Trans­nep­tu­ni­an Pla­nets“ auch etwas vom Geist des frü­hen Kraut­rocks (ich mei­ne die mitt­le­ren Can zu hören), der Fokus liegt aber klar auf der Rei­se durch das All. Län­gen gibt es kaum, erst das vor­letz­te Stück „Sedna“ hät­te mei­ner Mei­nung nach etwas kür­zer sein kön­nen, aber ich bin ja auch Kon­su­ment und nicht crea­tor und habe dar­um kein Mit­spra­che­recht. Musik ist kei­ne Demo­kra­tie. Das ist wahr­schein­lich auch bes­ser so.

    Die Musi­ker haben, behaup­tet der Pres­se­text, sich von den äuße­ren Gren­zen des Kos­mos inspi­rie­ren las­sen. Da war ich noch nie, aber es scheint dort vol­ler Wohl­klang zu sein. Viel­leicht gucke ich doch mal, wann die näch­ste Bahn dahin fährt.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort nur Stream).

  12. Tas­sen­schrank – Vom Erfolg ver­folgt
    „Kapi­ta­lis­mus, ich lie­be dich / ich ver­eh­re dich ewig­lich!“ (Ich habe Geld)

    „Die irr­ste Band Euro­pas“, schreibt der Ver­ant­wort­li­che für die Web­site von Tas­sen­schrank auf der Web­site von Tas­sen­schrank, sei Tas­sen­schrank. Lorem ipsum! Das Schwei­zer Quin­tett sei im Jahr 2020 gegrün­det wor­den, als auch in der Schweiz plötz­lich jede Men­ge Frei­zeit da war. Die Plat­ten­fir­ma pret­ty noice, bei der 2022 ihr Debüt­al­bum „Vom Erfolg ver­folgt“ ver­öf­fent­licht wur­de, ver­legt unter ande­rem auch Das Niveau und Die Streu­ner. Wer dar­aus abzu­lei­ten ver­sucht, wie „Vom Erfolg ver­folgt“ wohl klingt, der wird vor­aus­sicht­lich schei­tern.

    Folk spie­len Tas­sen­schrank, anders als die genann­ten Kol­le­gen, in kei­ner Wei­se, hin­ge­gen einen humor­vol­len, oft gar alber­nen Pop­rock, der Gen­re­gren­zen allen­falls als gro­be Emp­feh­lung, nicht aber als festen Rah­men begreift. Mr. Bungle und Pri­mus („Ich habe Geld“) kann ich eben­so wie die Neue Deut­sche Wel­le („Der Wald“) als Inspi­ra­tio­nen aus­ma­chen, mög­li­cher­wei­se unbe­ab­sich­tigt, aber nicht unge­fäl­lig, hier und da auch mit Ohr­wurm­qua­li­tä­ten: „Und plötz­lich der Regen“ – so endet „Der Wald“ und damit auch das Album – bleibt noch eine Wei­le im Ohr.

    Vom Erfolg ver­folgt sind Tas­sen­schrank tat­säch­lich, immer­hin haben sie es hier auf die­se noble Liste geschafft. Hof­fent­lich blei­ben sie ihr auch mit dem näch­sten Album gerecht – der Ein­stand war schon mal gut.

    Rein­hö­ren: TIDAL hat einen Kom­plett­stream, es gibt im Übri­gen auch einen offi­zi­ell schei­nen­den You­Tube-Kanal mit Aus­zü­gen aus dem Album.

  13. Birth – Born

    Da hat die Birth Con­trol zum Glück ver­sagt: „Born“, das Debüt­al­bum von Birth, klingt tat­säch­lich eher bri­tisch und ist nach mei­nem Emp­fin­den das beste 70er-Pro­gres­si­ve-Blues­rock-Album, das mir 2022 unter­ge­kom­men ist. Birth ist trotz­dem ein US-ame­ri­ka­ni­sches Quar­tett, das über­wie­gend aus Mit­glie­dern der der­zeit anschei­nend pau­sie­ren­den Pro­gres­si­ve-Rock-Band Astra besteht.

    Ich höre Deep Pur­ple („Des­cen­ding Us“), die Beat­les, frü­he King Crims­on (schön!), aber auch eine gitar­ren­ori­en­tier­te Ver­si­on von Yes („Born“), all­ge­mein viel AOR mit wenig, dafür ange­nehm mit der Musik har­mo­nie­ren­den Gesang. Davon kön­nen sich ande­re zeit­ge­nös­si­sche Musik­grup­pen, die ver­su­chen, in den 1970er Jah­ren zu wil­dern, eine gro­ße Schei­be abschnei­den und dann ist immer noch genug übrig. An Text soll’s auch genug sein.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (dort auch CD, Vinyl und Beu­tel), Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort kei­ne Ton­trä­ger).

  14. ANA FOSCA – Poi­sed at the Edge of Struc­tu­re

    Ein zumin­dest glück­li­cher Zufall – ihre Mit­wir­kung an einer Zusam­men­stel­lung von Stücken von meh­re­ren Künst­lern, die mir aus nicht mehr lücken­los rekon­stru­ier­ba­ren Grün­den emp­foh­len wur­de – stell­te mir Ana Fos­ca („ANA FOSCA“, die Groß- und Klein­schrei­bung scheint so gewollt zu sein) vor, eine der däni­schen Unter­grund­sze­ne anschei­nend ent­wach­sen­den Musi­ke­rin aus Kopen­ha­gen, die eigent­lich anders heißt und, wie man den Pres­se­infor­ma­tio­nen ent­neh­men kann, beein­flusst wur­de von „Kier­ke­gaard, Plath, Tar­kow­ski, Han­nah Are­ndt, Wie­ner Aktio­nis­mus, Élia­ne Radi­gues Ansatz des Zuhö­rens, den Fil­men von Kurt Kren“ sowie den „Gedan­ken und Schrif­ten von Simo­ne de Beau­voir“. Ihr neu­es Album „Poi­sed at the Edge of Struc­tu­re“ ist ihr Debüt bei der bemer­kens­wer­ten, weil wohl aus Lie­be zur Musik statt aus rein finan­zi­el­len Erwä­gun­gen seit 2003 von einer Pri­vat­per­son betrie­be­nen Plat­ten­fir­ma „The Helen Scar­sda­le Agen­cy“, die ich bis­lang auch gar nicht kann­te. Die­se sei, erfah­re ich, spe­zia­li­siert auf Post-Indu­stri­al, Sur­rea­lis­mus, Mini­ma­lis­mus und so wei­ter. Das klingt uniro­nisch ein­la­dend nach fürch­ter­li­chem Krach, aber ich bin ja auch komisch.

    „Poi­sed at the Edge of Struc­tu­re“ ist tat­säch­lich kein geeig­ne­tes Album für eine spa­ßi­ge Tanz­ver­an­stal­tung oder auch nur für ein Ren­dez­vous (es sei denn, der Ren­dez­vous­part­ner ist eben­falls komisch). Es brummt, es knat­tert, manch­mal zirpt es, irgend­wo spricht eine Frau zum Ver­ste­hen zu Ver­zerr­tes. „Gegen­sätz­li­che Kräf­te, sen­gen­des Geräusch und bedroh­li­ches Dröh­nen“, teilt der Pres­se­text wei­ter mit, sei­en der Kern die­ses Albums, in den von Stim­me ergänz­ten Tei­len gepaart mit einer „kathar­ti­schen Beschwö­rung“ mit dem Ziel, „in all der Qual und Ver­zweif­lung“ einen Sinn zu fin­den. Nach Abschluss des ersten Hör­durch­gangs (grund­sätz­lich ist der opti­ma­le Zeit­punkt für eine Rezen­si­on, wie ich fin­de, der­je­ni­ge, der die spon­ta­nen Ein­drücke noch frisch abbil­den lässt) ver­ste­he ich das nicht: Es fühlt sich alles irgend­wie sinn­los an.

    Genau die rich­ti­ge Dosis CoiL und Throb­bing Grist­le füllt die ver­meint­li­che Lücke, die der oft schein­bar feh­len­de Rhyth­mus hin­ter­lässt. Der fehlt aber gar nicht, auch wenn gera­de kei­ne Trom­meln ertö­nen, son­dern er fin­det im Kopf statt. Natür­lich klingt „Poi­sed at the Edge of Struc­tu­re“ in den Stücken, in denen die Kan­te der Struk­tur zurück­ge­las­sen wird, wie eine ein­sa­me Fabrik­hal­le, in der irgend­ei­ne Maschi­ne effi­zi­ent auf Metall rum­kloppt. Natür­lich ist die­ses Album von dem, was die­je­ni­gen, die Ramm­stein oder mei­net­we­gen Lai­bach als typi­sche Indu­stri­al­band ver­ste­hen, als „Indu­stri­al“ bezeich­nen wür­den, so weit ent­fernt wie Phil Coll­ins von einem Herrn, der beruf­lich sin­gen soll­te. Ich weiß nicht, wie ich die hier ent­hal­te­ne Musik zusam­men­fas­sen soll. Ambi­ent des Todes viel­leicht. Fac­to­ry Noi­se. Sen­gen­des Geräusch und bedroh­li­ches Dröh­nen. Es ist geil. Ich mag das Wort nicht, aber es stimmt. Es ist nur etwas bedau­er­lich, dass es anschei­nend der­zeit (Stand: 30. August 2022) kei­ne Vinylauf­la­ge gibt; bei klei­nen Künst­lern indes nicht unge­wöhn­lich.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (dort auch CD), Amazon.de (dort tat­säch­lich mal nur Stream), TIDAL (dort auch).

  15. The Slow Light – Limi­nal
    „As the sands divi­de / you see your ending / of grains piling as memo­ries.“ (The Hour­glass)

    Das jähr­li­che Soll an gutem Post­rock wur­de 2022 von Alt­ein­ge­ses­se­nen wie Long Distance Cal­ling eigent­lich über­erfüllt, das Debüt­al­bum der austra­li­schen Grup­pe The Slow Light – „Limi­nal“ beti­telt – bedarf den­noch beson­de­rer Erwäh­nung, denn Post­rock ist nur eine ihrer Facet­ten. „Limi­nal“ bedeu­tet unge­fähr „Schwel­len­wert“, was passt, denn auf der Schwel­le zwi­schen Post­rock, Spa­ce­rock und klas­si­schem Pro­gres­si­ve Rock (sehr schön: der Bass im Mit­tel­teil des Titel­stücks), nicht ganz unähn­lich den älte­ren Solo­al­ben Ste­ven Wil­sons, bewe­gen sich die fünf Musi­ker hier fast eine Drei­vier­tel­stun­de lang. Die Strei­cher sind lei­der nicht echt, klin­gen aber schön.

    Bei „Limi­nal“ han­delt es sich um ein Kon­zept­al­bum, das „die Kämp­fe der Trau­er und des Exi­sten­zia­lis­mus beleuch­tet“, erklärt der Infor­ma­ti­ons­text zum Album nebu­lös. Die­ses Kon­zept wird von den von Jack Bol­ing­bro­ke – schö­ner Name auch – into­nier­ten Tex­ten abge­bil­det, es exi­stiert also wirk­lich. Das muss man bei ver­meint­li­chen Kon­zept­al­ben die­ser Tage ja immer dran­schrei­ben.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (nur Digi­ta­les), Amazon.de (nur Digi­ta­les), TIDAL (nur Digi­ta­les).

  16. Archi­ve – Call to Arms & Angels
    „I’m con­stant­ly fal­ling / I con­stant­ly rise“ (Shou­ting Within)

    Ab „Con­trol­ling Crowds“ von 2009 hat­te ich die Lon­do­ner Art­rock­grup­pe Archi­ve zwar noch im Auge gehabt, aber kaum mehr wirk­lich zu schät­zen gewusst – spä­te­stens der Gastrap­per auf dem genann­ten Album hat­te mir jede Lust an der zuvor für eigent­lich ganz gut befun­de­nen Band weit­ge­hend genom­men.

    Nun erschien 2022 mit „Call to Arms & Angels“ ein mit über andert­halb Stun­den Lauf­zeit (das sind unge­fähr drei Schall­plat­ten, zumin­dest wird das Album als Drei­fach-LP ver­kauft) nicht unbe­dingt kom­pak­tes neu­es Album der wohl auf die Stamm­be­set­zung aus den bei­den letz­ten ver­blie­be­nen Grün­dungs­mit­glie­der Dari­us Kee­ler, den eine Krebs­er­kran­kung 2022 erfreu­li­cher­wei­se nicht dahin­ge­rafft hat, und Dan­ny Grif­fiths, die aller­dings dies­mal sat­te 14 Gast­mu­si­ker um sich geschart haben, dar­un­ter auch die lang­jäh­ri­gen Sän­ge­rin­nen Hol­ly Mar­tin und Maria Q. Rap gibt es dies­mal gar nicht zu hören, statt­des­sen ange­nehm inten­si­ve Elek­tro­nik, die den Post­rock frü­he­rer Alben immer mal wie­der durch­schei­nen lässt und in län­ge­ren Tei­len wie dem fast vier­tel­stün­di­gen Stück „Day­ti­me Coma“ auch den Indu­stri­al min­de­stens streift. wäh­rend die zwei­te Hälf­te des Acht­ein­halb­mi­nü­ters „Ene­my“ EBM und Post­punk gar nicht schlecht mit­ein­an­der kom­bi­niert. Die musi­ka­li­schen Wur­zeln der bei­den fak­ti­schen Band­lea­der in der Lon­do­ner Tanz­club­sze­ne sind eben nie ganz ver­blasst.

    „Call to Arms & Angels“ wirkt wie eine Werk­schau von Archi­ve, aber das war ja „25“ (2019) schon: Bereits in den ersten sechs Stücken gibt es – außer Rap natür­lich – einen Quer­schnitt aus all ihren bis­he­ri­gen musi­ka­li­schen Pha­sen. Domi­nant ist erstaun­lich gitar­ren­freund­li­cher psy­che­de­li­scher Shoe­ga­ze mit einem Quänt­chen Elek­tro­nik, die sich wie ein Schlei­er über die weni­gen Popan­klän­ge („Every Sin­gle Day“) legt. Obwohl es auf „Call to Arms & Angels“ meh­re­re lan­ge Stücke gibt, kann ich musi­ka­lisch kei­ne ein­zi­ge Län­ge aus­ma­chen. Sehr erfreu­li­ches Album, sehr erfreu­li­cher Zufalls­fund. Dan­ke, Archi­ve. Jetzt bit­te so blei­ben.

    Rein­hö­ren: Amazon.de (auch Vinyl, CD eben­falls dort irgend­wo), TIDAL (weder Vinyl noch CD).

  17. Huracán – We Are Very Hap­py

    So fröh­lich wie das Titel­bild die­ses Albums ist auch die Musik und so ähn­lich füh­le ich mich, wenn ich einen schlech­ten Tag habe; soll hei­ßen: Wenn Huracán so klin­gen, wenn sie very hap­py sind, möch­te ich sie lie­ber nicht schlecht gelaunt erle­ben.

    Huracán kom­men aus Bel­gi­en, aber das macht nichts. Gesun­gen wird trotz­dem auf Eng­lisch. Der Band­na­me – so heißt auch ein Auto, wahr­schein­lich aus dem glei­chen Grund – wur­de dem Maya­gott des Win­des, des Stur­mes und des Feu­ers ent­lie­hen und beschmutzt sei­nen Namen kei­nes­wegs, denn dar­ge­bo­ten wird stür­mi­scher, feu­ri­ger Sludge Metal. Die bei­den Gast­sän­ge­rin­nen Nele De Gussem (sonst bei Maya’s Moving Cast­le und Future Old Peo­p­le Are Wizards beschäf­tigt) und Eve­li­en Wey­mae­re (sonst anschei­nend nir­gends) sind erfreu­lich, aber die Stücke ohne ihre Betei­li­gung lie­fern trotz­dem, wie es in zeit­ge­nös­si­scher For­mu­lie­rung heißt. Zum eröff­nen­den Titel­stück, das die Essenz des Albums (d.h. zen­tral ins Ant­litz zim­mern­den Stoner, Doom und Post­me­tal) bereits in sich ver­eint, gibt es ein merk­wür­di­ges Musik­vi­deo. Gefällt.

    „Dem Gele­gen­heits­hö­rer“, schrieb jemand anders­wo, könn­te die­ses Album „etwas sper­rig erschei­nen“. Nun bin ich Gele­gen­heits­hö­rer des Art­ver­wand­ten, denn mein Leben ist selbst mir etwas zu kurz, um mich fort­wäh­rend anbrül­len zu las­sen, aber ich tei­le die­se Auf­fas­sung nicht. Im Gegen­teil: Es könn­te mei­net­we­gen gern noch län­ger sein. Aber so viel Musik, so wenig Zeit. Mein altes Pro­blem.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (nur Stream), Amazon.de (nur Stream), TIDAL (nur Stream).

  18. Holz – Holz
    „Die Hügel schie­ben sich an mir vor­bei / mit äußer­ster Geduld.“ (50 Mei­len gera­de­aus)

    Ich und mein – nein, dies ist ein­fach nur „Holz“, nicht „Hol­zi­holz“ und schon gar nicht „Hol­zi­hol­zi­holz“, das jüng­ste und womög­lich erste Stu­dio­al­bum des Kas­se­ler Tri­os glei­chen Namens. Holz gab es von 2011 bis unge­fähr 2016 und seit unge­fähr 2021 wie­der, sofern ich die Infor­ma­tio­nen im Inter­net kor­rekt zusam­men­ge­kratzt habe. Die zehn Lie­der sind über­wie­gend zwi­schen vier und vier­ein­halb Minu­ten lang, manch­mal kür­zer, nur „Gar­ten“ hebt mit 8:32 Minu­ten Lauf­zeit den Schnitt deut­lich.

    Die zusätz­li­chen Minu­ten in „Gar­ten“ wer­den über­wie­gend mit Instru­men­ta­lem gefüllt, womit wir auch schon bei der Haupt­sa­che wären, näm­lich der Musik; und die ist gut gelun­gen. Holz spie­len ener­gie­ge­la­de­nen, dabei aber staub­trocke­nen Stoner Rock mit unan­stren­gend, aber kraft­voll vor­ge­tra­ge­nen deut­schen Tex­ten. Irgend­wo begeg­ne­te ich dem Ein­wand, Sän­ger Leo­nard Rie­gel habe eine nicht über­zeu­gen­de Stim­me, aber mir gefällt sie – sie hat genau das rich­ti­ge Maß an Dreckig­keit, ohne dabei (ein Feh­ler, den sonst vie­le art­ver­wand­te Grup­pen machen) in Metal­ge­grun­ze zu ver­fal­len. Die Band selbst nennt ihren Stil auf Band­camp in den tags „Stoner­punk“, pas­sen könn­te es. Sau­fen und Poli­tik kom­men in den Tex­ten aber nicht vor, es ist also die jen­seits von Fei­ern und Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen bes­se­re Art von Punk. „Holz“ macht Spaß, „Holz“ hebt die Stim­mung. Ich fin­de die­se Wir­kung emp­feh­lens­wert.

    Das Cover­bild fin­de ich übri­gens selt­sam, aber selt­sam mag ich ja.

    Rein­hö­ren: Band­camp (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD und Vinyl).

  19. Kama­la – limbo666

    Kama­la, die­ses Wort habe ich in einem Wiki namens „Yoga­wi­ki“ gefun­den, ist ein Wort aus dem Sans­krit und bedeu­tet Lotos­blü­te. Über­haupt nicht indisch ist aller­dings eine der min­de­stens zwei Musik­grup­pen glei­chen Namens, von denen näm­lich eine wie­der­um in Leip­zig ansäs­sig zu sein behaup­tet und auf ihrem jüng­sten Album „limbo666“ erfreu­li­cher­wei­se trotz­dem auf Eng­lisch und nicht auf Säch­sisch singt. Die Tex­te sind dies­seits­be­zo­gen und recht unme­di­ta­tiv (der Titel „Freu­di­an Auto­cor­rect“ ver­rät es schon beim Drü­ber­le­sen). Alles Übri­ge wür­de mir auch miss­fal­len.

    Dass bereits das Titel­stück („Lim­bo“, aller­dings kommt „666“ im Text vor), das das Album anführt, nach etwas mehr als vier­ein­halb Minu­ten lang­wei­lig aus­ge­blen­det wird, schmä­lert mei­ne Freu­de ein wenig, aber grund­sätz­lich ist das hier zu Hören­de nicht zu ver­ach­ten: Ich höre recht gerad­li­ni­gen, soli­de und mit coo­lem Gesang dar­ge­bo­te­nen und nur sel­ten („Freu­di­an Auto­cor­rect“ – zum Zeit­punkt der Nie­der­schrift mein Favo­rit auf die­sem Album) ins Har­te gedreh­ten, manch­mal („Nar­cissus“) hin­ge­gen bal­la­des­ken Psy­che­de­lic Rock ohne Ecken und Kan­ten und ohne all­zu abge­dreh­te Expe­ri­men­te. Ohne einen ein­zi­gen Aus­fall. Wie unauf­re­gend. Wie schön. Kann man mal machen.

    Rein­hö­ren: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD), TIDAL (dort weder CD noch Vinyl).


Mal sehen, was 2023 auf uns zukommt. Die ersten Alben hab‘ ich schon.

Jah­res­rück­blick

Musik 12/2020 – Favo­ri­ten und Ana­ly­se Musik 12/2023 – Favo­ri­ten und Ana­ly­se
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