KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2022 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 26 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Lange nichts mehr über Musik geschrieben.

Es hat endlich ein neues Jahr begonnen. Der früh­este Zeit­punkt für Jahres­rück­blicke ist jet­zt. Wer schon im Okto­ber seinen Jahres­rück­blick fer­tiggestellt hat­te, dem fehlt in diesem ein Sech­stel­jahr. Noch bis Sil­vester hät­ten the­o­retisch wun­der­bare Musikalben rauskom­men kön­nen und die haben die anderen Rückschauer euch allen unter­schla­gen. Ich nicht! Daher bekommt ihr den ersten zuver­läs­si­gen musikalis­chen Jahres­rück­blick 2022 der­jeni­gen Alben, die hörenswert sind, exk­lu­siv hier auf dieser beza­ubern­den Webpräsenz (und später vielle­icht auch woan­ders). Ist das nicht nett von mir?

Wie fast immer hat­te ich mehrmals eine musik­the­o­retis­che eiac­u­la­tio prae­cox (hehe, cocks) und kon­nte hin­sichtlich der jew­eils aktuellen Alben von Faust, Empath, JIRM, Ufo­mam­mut, Hiroe, Motor!k und Nǽnøĉÿb­bŒrğ VbëřřĦōlökäävsŦ (“Nanocy­borg Uber­holokaust”) nicht an mich hal­ten. Der Rest fol­gt unten. Das viel­gerühmte Rück­kehral­bum von Por­cu­pine Tree — ihr “In Absen­tia” ist immer­hin seit weit über zehn Jahren mein bevorzugtes Avatar­bild in manchen sozialen Medi­en — wusste mich dabei nicht zu begeis­tern, weshalb es hier nicht vorkommt. Das Leben ist zu kurz für (gle­ich­wie gut gemacht­en) Kuschel­rock.


  1. Earth­less — Night Parade of One Hun­dred Demons

    Mit schw­eren Gitar­ren­klän­gen begin­nt es: Auf dem aktuellen Stu­dioal­bum des US-amerikanis­chen Psy­che­del­ic-Rock-Trios Earth­less klingt fünf Minuten lang leichter Doom an, bevor sich das eröff­nende Stück “Night Parade of One Hun­dred Demons (Part 1)” in dun­klen Blues auflöst, schließlich ganz ver­s­tummt und nach fast sieben Minuten plöt­zlich explodiert. Der Rest des Stücks wird von ein­er Art heavy psy­che­del­ic bes­timmt, die man sich wahrschein­lich unge­fähr so vorstellen kann, als hät­ten sich Pink Floyd und Led Zep­pelin zusam­mengeschlossen und beschlossen, kün­ftig Space­rock zu spie­len. Der wesentliche Fak­tor scheint die Gitarre zu sein: Mal darf sie ein aus­giebiges Solo sin­gen, mal ergänzt sie (mit viel Hall) das Treiben der anderen Instru­mente. Sind ja nicht so viele, sind nur Schlagzeug und Bass.

    “Part 2” des gle­ichen Stücks wird mit grooven­dem Rhyth­mus aus Schlagzeug und Bass ein­geleit­et, dazu ein elek­tro­n­is­ches Blub­bern, über dem bald wieder eine blue­sige Gitarre soliert. So ähn­lich würde ich einen Wüs­ten­thriller ver­to­nen, glaube ich. Aber ich kenne mich nicht aus mit dem Ver­to­nen von Wüs­ten­thrillern. Es gab 2017 ein Album des fast gle­ichen Titels von ein­er Hard­core­punkband. Damit haben Earth­less zum Glück nichts zu tun.

    Auf “Night Parade of One Hun­dred Demons” gibt es keinen Gesang, aber dafür auch nur drei Stücke. Keines davon ist unter 19 Minuten lang. Wieder eine Band ohne Radio­tauglichkeit. Glück gehabt. Es groovt über die gesamte Dauer von etwas über ein­er Stunde, ohne auch nur kurz das Gefühl auszulösen, das habe man doch ger­ade erst gehört. Ein Album wie eine einzige lange Impro­vi­sa­tion dreier gut einge­spiel­ter Musik­er. Nicht übel.

    Rein­hören: Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort son­st nichts).

  2. Author & Pun­ish­er — Krüller

    Kein Knüller, aber zumin­d­est ein Krüller: Unter diesem inter­es­san­ten Titel veröf­fentlichte der US-amerikanis­che Solokün­stler und Erfind­er Tris­tan Shone im Feb­ru­ar 2022 ein wei­thin als über­durch­schnit­tlich wahrgenommenes Album. Weil ich den Namen inter­es­sant fand, habe ich es mir ange­hört und ich mag es.

    Bere­its das erste Stück “Drone Car­ry­ing Dread” — mit 8:16 Minuten Laufzeit das läng­ste auf dem Album — präsen­tiert die stilis­tis­che Band­bre­ite nahezu in Gänze. Tief tönende Drones (haha, daher der Name; nein, daran dürft’s nicht liegen), Indus­tri­al­rhyth­men und meist clean­er Gesang — der im Ver­lauf des Albums aber nicht immer so san­ft bleibt — sagen mir zu. Ich hab’ so meine Momente. Im Inter­net las ich, “Krüller” sei stilis­tisch im Wesentlichen Alter­na­tive Rock, und das kön­nte stim­men. Ich höre eine härtere Ver­sion von Linkin Park, eine andere Ver­sion der Nine Inch Nails. Dem Widerk­langfre­und, der bei meinem Musik­genuss gele­gentlich das dom­i­nante Ohr führt, gefällt auch das eige­nar­tige elek­tro­n­is­che Fiepsen, das manche Stücke (etwa das her­rlich zer­ris­sene “Black­smith”) begleit­et; aber fade-out (“Glo­ry­box”) ist doch immer ein bedauer­lich­er Abgang.

    Für die Gesamtwer­tung sind solche fehlen­den Enden aber let­ztlich nicht schmälernd genug: “Krüller” gefällt. Schön, es ent­deckt zu haben, und schön, es weit­erempfehlen zu kön­nen.

    Rein­hören: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD), TIDAL (dort als explizite Lyrik gekennze­ich­net).

  3. Ani­mals as Lead­ers — Par­rhe­sia

    Ich mag ja keinen Met­al, aber.

    Ani­mals as Lead­ers, ein US-amerikanis­ches Trio mit zwei Gitar­ren und einem Schlagzeug (wen­ngle­ich auf “Par­rhe­sia” Misha Man­soor, derzeit bei Periph­ery, als Bassist gastiert) und keinem Gesang. “Par­rhe­sia”, der Name ihres diesjähri­gen Stu­dioal­bums, ist Englisch und heißt Par­rhe­sie. Das ist witzig, weil Rede­frei­heit ohne Text gar nicht so ein­fach funk­tion­iert wie mit Text.

    Lassen wir also die Musik für sich sprechen. Das erste Stück “Con­flict Car­tog­ra­phy” lässt mich während der gesamten fünf Minuten sein­er Dauer in wech­sel­nden Rhyth­men neben dem Takt mit dem Kopf nick­en, weshalb ich bere­its sein intro zum Anlass nehme, dieses Album in diese Liste aufzunehmen. Die ineinan­der verzwirbel­ten Instru­mente ver­drehen dem geneigten Hör­er (mir) indes bere­its im zweit­en Stück “Mon­o­myth” gehörig den Kopf. Die 80er-Alben von King Crim­son sind gele­gentlich — etwa hier — nicht fern und die mag ich bei fortschre­i­t­en­dem Alter auch immer lieber.

    Dass die US-Amerikan­er am Deutschen so viel Gefall­en find­en wie ich an ihrer Musik, erkenne ich zumin­d­est am Titel des Stück­es “Gestaltzer­fall”. Ein schönes Wort. Das klaue ich mal für meine Auto­bi­ografie. Das abschließende “Gor­dian Naught”, das als dritte Sin­gle veröf­fentlicht wor­den ist (das musste ich nach­le­sen, Sin­gles inter­essieren mich seit über zwanzig Jahren nur noch, wenn ich die B‑Seite mag), über­windet qua­si im Vor­beige­hen die Gen­re­gren­zen zwis­chen Pro­gres­sive Met­al, Math Rock und — tat­säch­lich — Funk. Inter­es­sant. Hör­bar. Selt­sam.

    Rein­hören: Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort nur Hören).

  4. Green Asphalt
    “I know that we will meet again some day.” (She’s a Cow)

    Abseits dessen, dass die meis­ten früheren Mit­glieder von Gen­tle Giant während der Pan­demie tat­säch­lich mal wieder gemein­sam einen ihrer hits intonierten, war in den let­zten Jahren in ihrer musikalis­chen Nis­che — ich würd’s Barock-Prog nen­nen — eher wenig los, und auch der Can­ter­bury Style, eine Zeit­lang von (unter anderem) Argos ver­wal­tet, schien sich ein wenig auszu­ruhen. Umso mehr freut mich, dass Green Asphalt auf ihrem Debü­tal­bum bei­des miteinan­der verbinden.

    Dan Borne­mark, befre­un­det mit Ker­ry Min­n­ear und auch son­st im Gen­tle-Giant-Kos­mos kein völ­lig Fremder, habe, erzählt das Inter­net, mit sechs weit­eren Musik­ern (davon drei Sän­gerin­nen) ins­ge­samt siebzehn Jahre lang an diesem Album gear­beit­et. Das Ergeb­nis klingt tat­säch­lich beein­druck­end reif: Mehrstim­mige Arrange­ments mit offen­sichtlichen (“Suit Your­self”) und weniger offen­sichtlichen (“ ‘Xcuse Me”) Vernei­gun­gen vor dem großen Vor­bild, zwar weniger Instru­menten­durcheinan­der als das Orig­i­nal, dafür mehr jazz­ige Can­ter­bury­pas­sagen mit Flöte (beachtlich in “She’s a Cow”, in dem übri­gens tat­säch­lich gemuht wird), gele­gentliche Anlei­hen an David Bowie und dazu eine dem Jahr 2022 angemessene Pro­duk­tion hin­ter­lassen ein wis­sendes Lächeln auf dem Gesicht der­er, die diesen alten Kram mögen, gegen ein wenig mod­erne Rock­musik mit Stre­ich­ern (“200 Girls”) aber auch nichts einzuwen­den haben.

    Auf meinem zum Beispiel.

    Das über zehn­minütige “Time in Your Face” run­det das Album schließlich wie eine Zusam­men­fas­sung des bis dahin Gehörten — vielle­icht mit einem zusät­zlichen Löf­fel Emer­son, Lake & Palmer in der Mis­chung — ab und macht dabei nichts falsch. Das ist auch mal char­mant. Dieses Album macht Spaß. Spaß ist wichtig.

    Rein­hören: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl).

  5. Eunoia — Psy­op of the Year

    Eunoia — eigentlich: εὔνοιᾰ — ist Alt­griechisch und heißt so viel wie “schön denken”. Der Name ist nicht unbe­d­ingt Pro­gramm, denn wie Schön­denken klingt das Album “Psy­op of the Year”, das im April erschienen ist, eher nicht, son­dern vielmehr nach ein­er selt­samen Mis­chung aus Grunge, Math­core und beizeit­en (“Leather Lol­lipop”) Post­punk — auch gesprochene/gerufene Sprachein­schübe kom­men vor — beziehungsweise, wie’s wir Gen­reag­nos­tik­er zu for­mulieren pfle­gen, nach Krach.

    Mitunter instru­men­tal, oft aber mit meist extro­vertiertem Gesang (ins­beson­dere in der zweit­en Hälfte des Albums wird auch gegrowlt, passt aber trotz­dem) gehen die drei Her­ren hier zu Werke. Ich denke an eine weniger ver­spielte, dafür ziem­lich wütende Ver­sion der jet­zt auch schon seit fünf Jahren ver­schwun­de­nen The Dillinger Escape Plan. Der Name und das Titel­bild des Albums fol­gen dem Konzept des Vorgänger­al­bums “YOU’RE NOT PARANOID ENOUGH” (2019), das ins­ge­samt das Band­konzept zu sein scheint. Das abschließende Stück — keines über­schre­it­et übri­gens fünf Minuten Spiel­d­auer — trägt den Titel “ ‘Sad­dam Nev­er Worked for the CIA’ and Oth­er Lies Your Father Told You”.

    Das Album klinge von Anfang an nach Gefahr und Unruhe, las ich im Inter­net und ver­mag nicht argu­men­ta­tiv zu wider­sprechen. Ich empfinde während des Hör­vor­gangs eine Stim­mung wie auf ein­er poli­tis­chen Demon­stra­tion in irgen­dein­er Großs­tadt, ein ener­gis­ches wir gegen die in Musik­form; ver­track­te Rhyth­men inklu­sive, weil so ein Straßenkampf ja auch sel­ten abläuft wie ein Bal­lettstück.

    “Psy­op” ist ein fremd­sprachiges Kurz­wort für psy­chol­o­gis­che Kriegs­führung. Passt.

    Rein­hören: Amazon.de, Bandcamp.com (dort auch CD), TIDAL (dort son­st nichts).

  6. Shad­ow Uni­verse — Sub­tle Realms, Sub­tle Worlds

    Shad­ow Uni­verse ist der Pro­jek­t­name vier­er slowenis­ch­er Musik­er. Auf ihrem drit­ten Album “Sub­tle Realms, Sub­tle Worlds” ist inter­es­sant grooven­der Instru­men­tal­postrock mit wirk­lich viel Klavier, gespielt von Peter Dimnik (auch: Gitarre und Syn­the­siz­er), und hin und wieder auch Geige zu hören, zwei der sechs Stücke haben Gast­musik­er. Es han­delt sich um ein Konzep­tal­bum, das die Annahme ver­to­nen soll, dass jed­er Men­sch in sein­er eige­nen Welt lebt, weil er sie auf eine ein­ma­lige Art wahrn­immt oder so.

    Das ist eine ziem­lich eso­ter­ische Prämisse, der ich nur auszugsweise fol­gen kann, aber der Stim­mungswech­sel zwis­chen analog­musikalis­ch­er Beschaulichkeit, Bedrohlichkeit (“Los­ing Home”) und Post-Met­al-Erup­tio­nen — “Frieden und Chaos”, wie’s der Pres­se­text nen­nt — ist tat­säch­lich erstaunlich fes­sel­nd (aber auf die gute Art) und lässt mich eigentlich nur schade find­en, dass das Album mit nur 38:10 Minuten Laufzeit viel zu kurz scheint, ohne dabei wirk­lich kurz zu sein.

    Ich freue mich trotz­dem und genieße sichtlich still.

    Rein­hören: Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort wed­er CD noch Vinyl).

  7. Brueck­en — Innere Unruhen

    “Innere Unruhen liegen dann vor, wenn zahlen­mäßig nicht uner­he­bliche Teile des Volkes in ein­er die öffentliche Ruhe und Ord­nung stören­den Weise in Bewe­gung ger­at­en und Gewalt­tätigkeit­en gegen Per­so­n­en oder Sachen verüben” (Inter­net). Da freut man sich gle­ich noch ein wenig mehr, dass man den Genuss von “Innere Unruhen” der Old­en­burg­er Postrock­band Brueck­en halb­wegs ohne Prügelei über­ste­hen kann, wenn man will.

    Dass dem Rezensen­ten (d.h.: mir) im zweit­en Stück “Abgrundtief”, das insofern immer­hin einen passenden Namen trägt, immer wieder der Refrain von “Ein Kom­pli­ment” der Sport­fre­unde Stiller ins Gedächt­nis gerufen wird, spricht nicht für meinen damals kon­se­quent durchge­hal­te­nen her­vor­ra­gen­den Musikgeschmack, ist aber auch ein­er der sel­te­nen Momente auf “Innere Unruhen”, in denen mir irgend­was bekan­nt vorkommt. Von wegen, Postrock klinge immer gle­ich.

    Schwach­es gibt es eben­falls so gut wie nicht; vielle­icht: Dem Sech­sein­halb­minüter “Atax­ie” haftet streck­en­weise ein gewiss­er Demo-EP-Charme an. Aber ich mag Demo-EPs von Postrock­grup­pen eigentlich fast immer. Natür­lich lassen auch Brueck­en das alt­bekan­nte Laut-Leise-Spiel nicht unge­spielt, aber sie ver­suchen nicht eine Spalte in der Rezen­sion­srubrik “klingt wie …” auszufüllen. Das finde ich sehr nett von ihnen. Zu ihren Vor­bildern, behauptet irgen­dein Pres­se­text indi­rekt, zählen unter anderem Red Sparowes, diejenige Postrock­band also, von der ich annehme, sie habe irgen­deine Wette mit irgendwem laufen, wie lang die Titel ihrer Stücke sein dür­fen, bevor jemand ein­schre­it­et.

    Eine direk­te Rela­tion zwis­chen Namen und Stim­mungen der auf “Innere Unruhen” enthal­te­nen Musik kann ich auch schemen­haft erken­nen; “Lichter­loh” klingt so, wie es heißt, und “Immer­sion” wirkt tat­säch­lich immer­siv. Das Album sei inspiri­ert von den “Gefühlen des Unbe­ha­gens”, behaupten die Musik­er, reden aber von “Songs”, obwohl gar kein­er singt. Unbe­haglich ist “Innere Unruhen” jeden­falls nicht gewor­den, aber ihnen das vorzuw­er­fen liegt mir fern. Stattdessen danke ich ihnen für ein gelun­ge­nes Stück inneres Gle­ichgewicht spenden­der Musik. Ätsch.

    Rein­hören: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort Stream).

  8. dälek — Precipice
    “Tick, tock, moth­er­fuck­er!” (A Heretic’s Inher­i­tance)

    Ohne deren Zusam­me­nar­beit mit Faust (“Derbe Respect, Alder”, 2004) hätte ich die Exis­tenz von dälek, ein­er US-amerikanis­chen Hip-Hop-Gruppe um den Front­mann MC dälek, benan­nt nach (aber falsch abgeschrieben von) Mutan­ten aus ein­er britis­chen Sci­ence-Fic­tion-Serie, wahrschein­lich gar nicht wahrgenom­men. Wer mag schon Hip-Hop?

    “Precipice”, ihr 2022er Album, begin­nt aber auch gar nicht mit Hip-Hop, son­dern mit der “Lo-Fi-Sound­wand” (Dominik Stein­er) “Lest We For­get”, die nicht im Ger­ing­sten auf das vor­bere­it­et, was kom­men mag: Im fol­gen­den “Boy­cott” wird druck­voll und sehr US-amerikanisch ger­appt, wobei die Geräuschcol­lage im Hin­ter­grund mich eher an Jam­bi­nais “Abyss” als an typ­is­che Vertreter zeit­genös­sis­chen Sprechge­sangs erin­nert. dälek ver­men­gen Indus­tri­al- eben­so wie krautige Elek­tron­ikklänge mit han­del­süblichem Hip-Hop, als hät­ten sie eigentlich Berlin­er Elek­tron­ik aufnehmen wollen, dann aber beats und Bässe drübergeschüt­tet und plöt­zlich war’s eine andere Art von Musik. Nicht schlecht.

    Diese Art klan­glich­er Her­vor­bringun­gen ohne Län­gen zu pro­duzieren erscheint schwierig, und obwohl nur “A Heretic’s Inher­i­tance” sechs Minuten Laufzeit über­schre­it­et, bemerke ich beim Hören des Albums, dass es manch­mal ein paar Tak­te weniger auch tun wür­den, etwa in “Good”; ander­er­seits lässt sich so die melodis­che Struk­tur noch etwas länger genießen, was ich ins­beson­dere in den Indus­tri­al-näheren Stück­en (etwa “The Har­bin­gers”) gern annehme.

    Auf der Vor­ab­s­in­gle “A Heretic’s Inher­i­tance” gastiere Adam Jones (unter anderem Gitar­rist von Tool), ver­meldet der Pres­se­text mit erkennbarem Stolz, und obwohl ich Tool gar nicht mal beson­ders gern mag, möchte ich diese fast sieben Minuten vor­sichtig als den musikalis­chen Höhep­unkt auf “Precipice” beze­ich­nen: Kopfnick­rhyth­mus, ein selt­sam schräges Elek­tron­ikfun­da­ment, vier Minuten Instru­men­tal­in­tro und erst dann von anschwellen­dem Krautrock (Krautrock!) begleit­eter Sprechge­sang, danach ein san­ftes, aber schnelles Ausklin­gen. Ich bin ange­tan.

    Rein­hören: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort son­st nichts).

  9. Sc’ööf — CDR003SA

    Ich weiß noch unge­fähr, was eine CD‑R ist, und ahne daher auch, warum das Album “CDR003SA” (das es indes nur auf Kas­sette und als Down­load gibt, nicht jedoch auf CD) so heißt, wie es heißt. Da endet mein Wis­sen aber auch schon.

    Ich weiß nicht, was Sc’ööf — vier Her­ren aus der Schweiz und der Name der Band — heißen soll (zumin­d­est die Aussprache ist klar: in “B” und anderen Inter­lu­di­en klingt es unge­fähr wie “Scurf”), und ich weiß auch nicht, was das hier genau ist. Musik, ver­mut­lich, “bru­tal jazz”, also “bru­taler Jazz”, kol­portiert die Gruppe selb­st bzw. lässt die Gruppe ihre Plat­ten­fir­ma kol­portieren, das weiß man ja heute nie so genau. Struk­turen gibt es auf “CDR003SA” jeden­falls nicht zu hören und Rhyth­men auch nicht. Kein Stück über­schre­it­et 3:16 Minuten Laufzeit, die meis­ten schaf­fen nicht mal 2 Minuten, bis auf das 13. Stück “10”, das fast 22 Minuten lang ist.

    Das ist alles ein fabel­hafter Krach auf “CDR003SA”, unter­brochen von Pseu­do-Spo­ti­fy-Wer­bung für die Band­camp­seite von Sc’ööf. Ich finde das lustig. Alles klingt, als würde man leiernde Kas­set­ten auf zerkratzte CDs über­spie­len, und zwar mit einem Bag­ger. Viele Stücke hören abrupt auf. Das passt alles ins Konzept.

    In der Rubrik “klingt wie” kriegt “CDR003SA” bei mir zehn Punk­te auf der Kopf­schmerz- und immer­hin acht auf der “asia”-Skala. Langjährige Leser wis­sen: “asia” von boris ist bis heute ein von mir gern zitiertes Album, wenn es um fabel­haften Krach geht. Mal was anderes als Gitarre.

    Rein­hören: Bandcamp.com wurde ja bere­its ver­linkt, mehr gibt es anscheinend nicht. Qual­ität muss man halt manch­mal auf unge­wohn­ten Pfaden suchen. Ver­dammter Kap­i­tal­is­mus.

  10. Julie Tip­petts & Mar­tin Archer — Illu­sion

    Im Jahr 1969 nahm die junge Sän­gerin Julie Driscoll ihr erstes Soloal­bum auf, das den Titel “1969” trug. Bere­its auf diesem gastierten unter anderem Mit­glieder von Soft Machine sowie der mit­tler­weile ver­stor­bene Jaz­zpi­anist Kei­th Tip­pett, der eigentlich Tip­petts hieß und später ihr Ehe­mann wurde. In der Folge tauchte Julie Driscoll als Julie Tip­petts in zahlre­ichen Beset­zungslis­ten von Pro­jek­ten von und mit let­zterem auf, darunter auf dem empfehlenswerten Album “Sep­to­ber Ener­gy” des 55-köp­fi­gen Ensem­bles Cen­tipede.

    Seit eini­gen Jahren arbeit­et sie vor allem mit Mar­tin Archer zusam­men, seines Zeichens Jaz­zsax­o­phon­ist und Key­board­er. Bei­de veröf­fentlicht­en im Jahr 2022 gemein­sam “Illu­sion”, was ein fast zweiein­halb­stündi­ges Dop­pelal­bum ist, das aus zwei eigentlich sep­a­rat­en Alben beste­ht, namentlich aus der avant­gardis­tis­chen “Illu­sion Suite”, die aus sieben Teilen beste­ht, die aber wiederkehrende The­men aufweisen und insofern als einzelnes Stück begrif­f­en wer­den soll­ten, sowie dem “Cir­cle of Whis­pers”, der 13 einzelne, über­wiegend in Jazz und Jaz­zrock anzusiedel­nde Stücke umfasst. “Cir­cle of Whis­pers” begin­nt dabei mit einem kraftvoll vor­ge­tra­ge­nen Lied namens “Illu­sion”, schließt somit zumin­d­est the­ma­tisch an die “Illu­sion Suite” an.

    Der kraftvolle Vor­trag ist tat­säch­lich ein­er der stärk­sten Aspek­te dieses ohne­hin starken Albums. Julie Tip­petts ist im Juni 2022 75 Jahre alt gewor­den, aber ihre Stimme — Alt, behauptet das Inter­net zugun­sten von Hol­zohren wie mir — scheint das noch nicht gemerkt zu haben; da ist ordentlich Feuer drin. Über­haupt ist ihr wesentlich­es Instru­ment seit Jahrzehn­ten ihre Stimme und sie weiß sie einzuset­zen (hierzu beachtlich­es Stück: “Nev­er As They Seem”). Finde ich gut. James Archer, der ver­mut­lich irgend­wie mit Mar­tin Archer ver­wandt ist oder auch nicht, streute über das Album eine Por­tion beats und loops, manch­mal lugt also etwas Dis­co­musik (mit Stampf­beat) vor­sichtig um die Ecke, wird dabei aber niemals auf­dringlich und bleibt nie lange. Die Aufmerk­samkeit des Hör­ers hat auch genug anderes zu tun; der ver­meintlich leicht­füßige Jazz weicht an inter­es­san­ten Stellen (sehr, sehr gutes Teil­stück: “Pan­de­mo­ni­um”) ein­er RIO-Det­o­na­tion mit eskalieren­den Blasin­stru­menten, find­et aber stets zurück in die Spur.

    Das let­zte Stück der “Illu­sion Suite” heißt “Turn It Around”, also “dreh es um”. Zum Zeit­punkt der Nieder­schrift dieser Rezen­sion — 18. Juni 2022 — gibt es “Illu­sion” (noch?) nicht auf Vinyl, son­st wäre das ein guter Abschluss mein­er Aus­führun­gen. Schade.

    Rein­hören: Amazon.de (dort auch CD), Bandcamp.com (dort auch Down­load und CD), TIDAL (dort son­st nix).

  11. J. Peter Schwalm & Stephan The­len — Transnep­tun­ian Plan­ets

    Stephan The­len ist ein in Zürich leben­der Kom­pon­ist, Musik­er und Math­e­matik­er, den wieder­holte Leser mein­er Rezen­sio­nen vielle­icht bere­its als Mit­glied der Gruppe Sonar ken­nen, J. Peter Schwalm wiederum ist ein deutsch­er Kom­pon­ist und Musikpro­duzent, der um das Jahr 2000 herum erst­mals in hin­re­ichend pop­ulärem Umfeld, näm­lich in mehreren Gemein­schaft­sar­beit­en mit Bri­an Eno, von sich hören ließ. Gemein­sam mit drei weit­eren, an der Kom­po­si­tion jedoch nur wenig beteiligten Musik­ern, darunter dem Schlagzeuger Manuel Pasquinel­li (eben­falls für Sonar tätig), haben die bei­den in elek­tro­n­is­ch­er Avant­garde bewan­derten Her­ren unter dem Titel “Transnep­tun­ian Plan­ets” acht transnep­tunis­chen Objek­ten — unter ihnen natür­lich Plu­to und sein Her­aus­forder­er Quaoar — jew­eils ein weit­ge­hend instru­men­tales Stück mit weni­gen Sprachein­wür­fen gewid­met.

    Gele­gentlich zer­reißt eine schnei­dende Gitarre das ele­gant gewobene Tuch, aber größ­ten­teils wird mit “Transnep­tun­ian Plan­ets” eine vorder­gründig groovende, im Detail aber erfrischend ver­knotete Wel­traum­land­schaft gemalt, deren Vor­trag zwis­chen Space­rock, Indus­tri­al und Postrock schwebt (über­haupt: Schweben), angere­ichert allerd­ings mit ein­er oft kaum auf­fäl­lig polyrhyth­mis­chen Grund­struk­tur, die ver­meintlich­es Ambi­ent (schön­er Kon­trast: “Orcus”) in Span­nung ver­set­zt, ohne es zu verder­ben. Mitunter, etwa im Stück “Gong­Gong” (mit der Band Gong hat es trotz ähn­lich­er musikalis­ch­er Ziele nichts zu tun), atmet “Transnep­tun­ian Plan­ets” auch etwas vom Geist des frühen Krautrocks (ich meine die mit­tleren Can zu hören), der Fokus liegt aber klar auf der Reise durch das All. Län­gen gibt es kaum, erst das vor­let­zte Stück “Sed­na” hätte mein­er Mei­n­ung nach etwas kürz­er sein kön­nen, aber ich bin ja auch Kon­sument und nicht cre­ator und habe darum kein Mit­spracherecht. Musik ist keine Demokratie. Das ist wahrschein­lich auch bess­er so.

    Die Musik­er haben, behauptet der Pres­se­text, sich von den äußeren Gren­zen des Kos­mos inspiri­eren lassen. Da war ich noch nie, aber es scheint dort voller Wohlk­lang zu sein. Vielle­icht gucke ich doch mal, wann die näch­ste Bahn dahin fährt.

    Rein­hören: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort nur Stream).

  12. Tassen­schrank — Vom Erfolg ver­fol­gt
    “Kap­i­tal­is­mus, ich liebe dich / ich verehre dich ewiglich!” (Ich habe Geld)

    “Die irrste Band Europas”, schreibt der Ver­ant­wortliche für die Web­site von Tassen­schrank auf der Web­site von Tassen­schrank, sei Tassen­schrank. Lorem ipsum! Das Schweiz­er Quin­tett sei im Jahr 2020 gegrün­det wor­den, als auch in der Schweiz plöt­zlich jede Menge Freizeit da war. Die Plat­ten­fir­ma pret­ty noice, bei der 2022 ihr Debü­tal­bum “Vom Erfolg ver­fol­gt” veröf­fentlicht wurde, ver­legt unter anderem auch Das Niveau und Die Stre­uner. Wer daraus abzuleit­en ver­sucht, wie “Vom Erfolg ver­fol­gt” wohl klingt, der wird voraus­sichtlich scheit­ern.

    Folk spie­len Tassen­schrank, anders als die genan­nten Kol­le­gen, in kein­er Weise, hinge­gen einen humor­vollen, oft gar alber­nen Poprock, der Gen­re­gren­zen allen­falls als grobe Empfehlung, nicht aber als fes­ten Rah­men begreift. Mr. Bun­gle und Primus (“Ich habe Geld”) kann ich eben­so wie die Neue Deutsche Welle (“Der Wald”) als Inspi­ra­tio­nen aus­machen, möglicher­weise unbe­ab­sichtigt, aber nicht unge­fäl­lig, hier und da auch mit Ohrwur­mqual­itäten: “Und plöt­zlich der Regen” — so endet “Der Wald” und damit auch das Album — bleibt noch eine Weile im Ohr.

    Vom Erfolg ver­fol­gt sind Tassen­schrank tat­säch­lich, immer­hin haben sie es hier auf diese noble Liste geschafft. Hof­fentlich bleiben sie ihr auch mit dem näch­sten Album gerecht — der Ein­stand war schon mal gut.

    Rein­hören: TIDAL hat einen Kom­plettstream, es gibt im Übri­gen auch einen offiziell scheinen­den YouTube-Kanal mit Auszü­gen aus dem Album.

  13. Birth — Born

    Da hat die Birth Con­trol zum Glück ver­sagt: “Born”, das Debü­tal­bum von Birth, klingt tat­säch­lich eher britisch und ist nach meinem Empfind­en das beste 70er-Pro­gres­sive-Blues­rock-Album, das mir 2022 untergekom­men ist. Birth ist trotz­dem ein US-amerikanis­ches Quar­tett, das über­wiegend aus Mit­gliedern der derzeit anscheinend pausieren­den Pro­gres­sive-Rock-Band Astra beste­ht.

    Ich höre Deep Pur­ple (“Descend­ing Us”), die Bea­t­les, frühe King Crim­son (schön!), aber auch eine gitar­renori­en­tierte Ver­sion von Yes (“Born”), all­ge­mein viel AOR mit wenig, dafür angenehm mit der Musik har­monieren­den Gesang. Davon kön­nen sich andere zeit­genös­sis­che Musik­grup­pen, die ver­suchen, in den 1970er Jahren zu wildern, eine große Scheibe abschnei­den und dann ist immer noch genug übrig. An Text soll’s auch genug sein.

    Rein­hören: Bandcamp.com (dort auch CD, Vinyl und Beu­tel), Amazon.de (dort auch CD und Vinyl), TIDAL (dort keine Ton­träger).

  14. ANA FOSCA — Poised at the Edge of Struc­ture

    Ein zumin­d­est glück­lich­er Zufall — ihre Mitwirkung an ein­er Zusam­men­stel­lung von Stück­en von mehreren Kün­stlern, die mir aus nicht mehr lück­en­los rekon­stru­ier­baren Grün­den emp­fohlen wurde — stellte mir Ana Fos­ca (“ANA FOSCA”, die Groß- und Klein­schrei­bung scheint so gewollt zu sein) vor, eine der dänis­chen Unter­grund­szene anscheinend entwach­senden Musik­erin aus Kopen­hagen, die eigentlich anders heißt und, wie man den Pres­se­in­for­ma­tio­nen ent­nehmen kann, bee­in­flusst wurde von “Kierkegaard, Plath, Tarkows­ki, Han­nah Arendt, Wiener Aktion­is­mus, Éliane Radigues Ansatz des Zuhörens, den Fil­men von Kurt Kren” sowie den “Gedanken und Schriften von Simone de Beau­voir”. Ihr neues Album “Poised at the Edge of Struc­ture” ist ihr Debüt bei der bemerkenswerten, weil wohl aus Liebe zur Musik statt aus rein finanziellen Erwä­gun­gen seit 2003 von ein­er Pri­vat­per­son betriebe­nen Plat­ten­fir­ma “The Helen Scars­dale Agency”, die ich bis­lang auch gar nicht kan­nte. Diese sei, erfahre ich, spezial­isiert auf Post-Indus­tri­al, Sur­re­al­is­mus, Min­i­mal­is­mus und so weit­er. Das klingt uniro­nisch ein­ladend nach fürchter­lichem Krach, aber ich bin ja auch komisch.

    “Poised at the Edge of Struc­ture” ist tat­säch­lich kein geeignetes Album für eine spaßige Tanzver­anstal­tung oder auch nur für ein Ren­dezvous (es sei denn, der Ren­dezvous­part­ner ist eben­falls komisch). Es brummt, es knat­tert, manch­mal zirpt es, irgend­wo spricht eine Frau zum Ver­ste­hen zu Verz­er­rtes. “Gegen­sät­zliche Kräfte, sen­gen­des Geräusch und bedrohlich­es Dröh­nen”, teilt der Pres­se­text weit­er mit, seien der Kern dieses Albums, in den von Stimme ergänzten Teilen gepaart mit ein­er “kathar­tis­chen Beschwörung” mit dem Ziel, “in all der Qual und Verzwei­flung” einen Sinn zu find­en. Nach Abschluss des ersten Hör­durch­gangs (grund­sät­zlich ist der opti­male Zeit­punkt für eine Rezen­sion, wie ich finde, der­jenige, der die spon­ta­nen Ein­drücke noch frisch abbilden lässt) ver­ste­he ich das nicht: Es fühlt sich alles irgend­wie sinn­los an.

    Genau die richtige Dosis CoiL und Throb­bing Gris­tle füllt die ver­meintliche Lücke, die der oft schein­bar fehlende Rhyth­mus hin­ter­lässt. Der fehlt aber gar nicht, auch wenn ger­ade keine Trom­meln ertö­nen, son­dern er find­et im Kopf statt. Natür­lich klingt “Poised at the Edge of Struc­ture” in den Stück­en, in denen die Kante der Struk­tur zurück­ge­lassen wird, wie eine ein­same Fab­rikhalle, in der irgen­deine Mas­chine effizient auf Met­all rumk­loppt. Natür­lich ist dieses Album von dem, was diejeni­gen, die Ramm­stein oder meinetwe­gen Laibach als typ­is­che Indus­tri­al­band ver­ste­hen, als “Indus­tri­al” beze­ich­nen wür­den, so weit ent­fer­nt wie Phil Collins von einem Her­rn, der beru­flich sin­gen sollte. Ich weiß nicht, wie ich die hier enthal­tene Musik zusam­men­fassen soll. Ambi­ent des Todes vielle­icht. Fac­to­ry Noise. Sen­gen­des Geräusch und bedrohlich­es Dröh­nen. Es ist geil. Ich mag das Wort nicht, aber es stimmt. Es ist nur etwas bedauer­lich, dass es anscheinend derzeit (Stand: 30. August 2022) keine Viny­lau­flage gibt; bei kleinen Kün­stlern indes nicht ungewöhn­lich.

    Rein­hören: Bandcamp.com (dort auch CD), Amazon.de (dort tat­säch­lich mal nur Stream), TIDAL (dort auch).

  15. The Slow Light — Lim­i­nal
    “As the sands divide / you see your end­ing / of grains pil­ing as mem­o­ries.” (The Hour­glass)

    Das jährliche Soll an gutem Postrock wurde 2022 von Alteinge­sesse­nen wie Long Dis­tance Call­ing eigentlich über­erfüllt, das Debü­tal­bum der aus­tralis­chen Gruppe The Slow Light — “Lim­i­nal” betitelt — bedarf den­noch beson­der­er Erwäh­nung, denn Postrock ist nur eine ihrer Facetten. “Lim­i­nal” bedeutet unge­fähr “Schwellen­wert”, was passt, denn auf der Schwelle zwis­chen Postrock, Space­rock und klas­sis­chem Pro­gres­sive Rock (sehr schön: der Bass im Mit­tel­teil des Titel­stücks), nicht ganz unähn­lich den älteren Soloal­ben Steven Wilsons, bewe­gen sich die fünf Musik­er hier fast eine Dreivier­tel­stunde lang. Die Stre­ich­er sind lei­der nicht echt, klin­gen aber schön.

    Bei “Lim­i­nal” han­delt es sich um ein Konzep­tal­bum, das “die Kämpfe der Trauer und des Exis­ten­zial­is­mus beleuchtet”, erk­lärt der Infor­ma­tion­s­text zum Album neb­ulös. Dieses Konzept wird von den von Jack Bol­ing­broke — schön­er Name auch — intonierten Tex­ten abge­bildet, es existiert also wirk­lich. Das muss man bei ver­meintlichen Konzep­tal­ben dieser Tage ja immer dran­schreiben.

    Rein­hören: Bandcamp.com (nur Dig­i­tales), Amazon.de (nur Dig­i­tales), TIDAL (nur Dig­i­tales).

  16. Archive — Call to Arms & Angels
    “I’m con­stant­ly falling / I con­stant­ly rise” (Shout­ing With­in)

    Ab “Con­trol­ling Crowds” von 2009 hat­te ich die Lon­don­er Artrock­gruppe Archive zwar noch im Auge gehabt, aber kaum mehr wirk­lich zu schätzen gewusst — spätestens der Gas­trap­per auf dem genan­nten Album hat­te mir jede Lust an der zuvor für eigentlich ganz gut befun­de­nen Band weit­ge­hend genom­men.

    Nun erschien 2022 mit “Call to Arms & Angels” ein mit über anderthalb Stun­den Laufzeit (das sind unge­fähr drei Schallplat­ten, zumin­d­est wird das Album als Dreifach-LP verkauft) nicht unbe­d­ingt kom­pak­tes neues Album der wohl auf die Stammbe­set­zung aus den bei­den let­zten verbliebe­nen Grün­dungsmit­glieder Dar­ius Keel­er, den eine Kreb­serkrankung 2022 erfreulicher­weise nicht dahinger­afft hat, und Dan­ny Grif­fiths, die allerd­ings dies­mal sat­te 14 Gast­musik­er um sich geschart haben, darunter auch die langjähri­gen Sän­gerin­nen Hol­ly Mar­tin und Maria Q. Rap gibt es dies­mal gar nicht zu hören, stattdessen angenehm inten­sive Elek­tron­ik, die den Postrock früher­er Alben immer mal wieder durch­scheinen lässt und in län­geren Teilen wie dem fast vier­tel­stündi­gen Stück “Day­time Coma” auch den Indus­tri­al min­destens streift. während die zweite Hälfte des Achtein­halb­minüters “Ene­my” EBM und Post­punk gar nicht schlecht miteinan­der kom­biniert. Die musikalis­chen Wurzeln der bei­den fak­tis­chen Band­leader in der Lon­don­er Tanz­club­szene sind eben nie ganz verblasst.

    “Call to Arms & Angels” wirkt wie eine Werkschau von Archive, aber das war ja “25” (2019) schon: Bere­its in den ersten sechs Stück­en gibt es — außer Rap natür­lich — einen Quer­schnitt aus all ihren bish­eri­gen musikalis­chen Phasen. Dom­i­nant ist erstaunlich gitar­ren­fre­undlich­er psy­che­delis­ch­er Shoegaze mit einem Quäntchen Elek­tron­ik, die sich wie ein Schleier über die weni­gen Popan­klänge (“Every Sin­gle Day”) legt. Obwohl es auf “Call to Arms & Angels” mehrere lange Stücke gibt, kann ich musikalisch keine einzige Länge aus­machen. Sehr erfreulich­es Album, sehr erfreulich­er Zufalls­fund. Danke, Archive. Jet­zt bitte so bleiben.

    Rein­hören: Amazon.de (auch Vinyl, CD eben­falls dort irgend­wo), TIDAL (wed­er Vinyl noch CD).

  17. Huracán — We Are Very Hap­py

    So fröh­lich wie das Titel­bild dieses Albums ist auch die Musik und so ähn­lich füh­le ich mich, wenn ich einen schlecht­en Tag habe; soll heißen: Wenn Huracán so klin­gen, wenn sie very hap­py sind, möchte ich sie lieber nicht schlecht gelaunt erleben.

    Huracán kom­men aus Bel­gien, aber das macht nichts. Gesun­gen wird trotz­dem auf Englisch. Der Band­name — so heißt auch ein Auto, wahrschein­lich aus dem gle­ichen Grund — wurde dem Mayagott des Windes, des Sturmes und des Feuers entliehen und beschmutzt seinen Namen keineswegs, denn darge­boten wird stür­mis­ch­er, feuriger Sludge Met­al. Die bei­den Gast­sän­gerin­nen Nele De Gussem (son­st bei Maya’s Mov­ing Cas­tle und Future Old Peo­ple Are Wiz­ards beschäftigt) und Evelien Wey­maere (son­st anscheinend nir­gends) sind erfreulich, aber die Stücke ohne ihre Beteili­gung liefern trotz­dem, wie es in zeit­genös­sis­ch­er For­mulierung heißt. Zum eröff­nen­den Titel­stück, das die Essenz des Albums (d.h. zen­tral ins Antlitz zim­mern­den Ston­er, Doom und Post­met­al) bere­its in sich vere­int, gibt es ein merk­würdi­ges Musikvideo. Gefällt.

    “Dem Gele­gen­heit­shör­er”, schrieb jemand ander­swo, kön­nte dieses Album “etwas sper­rig erscheinen”. Nun bin ich Gele­gen­heit­shör­er des Artver­wandten, denn mein Leben ist selb­st mir etwas zu kurz, um mich fortwährend anbrüllen zu lassen, aber ich teile diese Auf­fas­sung nicht. Im Gegen­teil: Es kön­nte meinetwe­gen gern noch länger sein. Aber so viel Musik, so wenig Zeit. Mein altes Prob­lem.

    Rein­hören: Bandcamp.com (nur Stream), Amazon.de (nur Stream), TIDAL (nur Stream).

  18. Holz — Holz
    “Die Hügel schieben sich an mir vor­bei / mit äußer­ster Geduld.” (50 Meilen ger­adeaus)

    Ich und mein — nein, dies ist ein­fach nur “Holz”, nicht “Holz­i­holz” und schon gar nicht “Holz­i­holz­i­holz”, das jüng­ste und wom­öglich erste Stu­dioal­bum des Kas­sel­er Trios gle­ichen Namens. Holz gab es von 2011 bis unge­fähr 2016 und seit unge­fähr 2021 wieder, sofern ich die Infor­ma­tio­nen im Inter­net kor­rekt zusam­mengekratzt habe. Die zehn Lieder sind über­wiegend zwis­chen vier und viere­in­halb Minuten lang, manch­mal kürz­er, nur “Garten” hebt mit 8:32 Minuten Laufzeit den Schnitt deut­lich.

    Die zusät­zlichen Minuten in “Garten” wer­den über­wiegend mit Instru­men­talem gefüllt, wom­it wir auch schon bei der Haupt­sache wären, näm­lich der Musik; und die ist gut gelun­gen. Holz spie­len energiege­lade­nen, dabei aber staub­trock­e­nen Ston­er Rock mit unanstren­gend, aber kraftvoll vor­ge­tra­ge­nen deutschen Tex­ten. Irgend­wo begeg­nete ich dem Ein­wand, Sänger Leonard Riegel habe eine nicht überzeu­gende Stimme, aber mir gefällt sie — sie hat genau das richtige Maß an Dreck­igkeit, ohne dabei (ein Fehler, den son­st viele artver­wandte Grup­pen machen) in Met­al­ge­grun­ze zu ver­fall­en. Die Band selb­st nen­nt ihren Stil auf Band­camp in den tags “Ston­er­punk”, passen kön­nte es. Saufen und Poli­tik kom­men in den Tex­ten aber nicht vor, es ist also die jen­seits von Feiern und Massen­ver­anstal­tun­gen bessere Art von Punk. “Holz” macht Spaß, “Holz” hebt die Stim­mung. Ich finde diese Wirkung empfehlenswert.

    Das Cover­bild finde ich übri­gens selt­sam, aber selt­sam mag ich ja.

    Rein­hören: Band­camp (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD und Vinyl).

  19. Kamala — limbo666

    Kamala, dieses Wort habe ich in einem Wiki namens “Yogawi­ki” gefun­den, ist ein Wort aus dem San­skrit und bedeutet Loto­s­blüte. Über­haupt nicht indisch ist allerd­ings eine der min­destens zwei Musik­grup­pen gle­ichen Namens, von denen näm­lich eine wiederum in Leipzig ansäs­sig zu sein behauptet und auf ihrem jüng­sten Album “limbo666” erfreulicher­weise trotz­dem auf Englisch und nicht auf Säch­sisch singt. Die Texte sind dies­seits­be­zo­gen und recht unmed­i­ta­tiv (der Titel “Freudi­an Auto­cor­rect” ver­rät es schon beim Drüber­lesen). Alles Übrige würde mir auch miss­fall­en.

    Dass bere­its das Titel­stück (“Lim­bo”, allerd­ings kommt “666” im Text vor), das das Album anführt, nach etwas mehr als viere­in­halb Minuten lang­weilig aus­ge­blendet wird, schmälert meine Freude ein wenig, aber grund­sät­zlich ist das hier zu Hörende nicht zu ver­acht­en: Ich höre recht ger­adlin­i­gen, solide und mit coolem Gesang darge­bote­nen und nur sel­ten (“Freudi­an Auto­cor­rect” — zum Zeit­punkt der Nieder­schrift mein Favorit auf diesem Album) ins Harte gedreht­en, manch­mal (“Nar­cis­sus”) hinge­gen bal­ladesken Psy­che­del­ic Rock ohne Eck­en und Kan­ten und ohne allzu abge­drehte Exper­i­mente. Ohne einen einzi­gen Aus­fall. Wie unaufre­gend. Wie schön. Kann man mal machen.

    Rein­hören: Bandcamp.com (dort auch CD und Vinyl), Amazon.de (dort auch CD), TIDAL (dort wed­er CD noch Vinyl).


Mal sehen, was 2023 auf uns zukommt. Die ersten Alben hab’ ich schon.

Jahresrückblick

Musik 12/2020 — Favoriten und Analyse Musik 12/2023 — Favoriten und Analyse
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