Ein Jahr ist vorbei und ihr wisst, was das heißt: Die Liste meiner bevorzugten Alben des Jahres bedarf wieder eurer ungeteilten Aufmerksamkeit. Es könnte das letzte Mal sein, dass ich es euch so einfach mache: Der außerordentlich unhöfliche Konzern Songtradr hat 2023 Bandcamp halbiert. Ich würde ja gern mit positiven Aussichten das Musikjahr 2023 verabschieden, aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht.
Steven Wilson hat 2023 mit „The Harmony Codex“ ein weiteres vielgerühmtes Album mit Stampfpop (na gut: artpop) rausgebracht. Die Rezensenten waren wie üblich hin und weg, weil man Musik von Steven Wilson (Steven Wilson!) ja nicht einfach ignorieren darf. Ich wollte das Album eigentlich selbst nicht hören (der Vorgänger „The Future Bites“ war wirklich schlimm, aber ich hatte zu viel Zeit und fasse mich mal kurz: Ich wünschte, Popmusik würde mich interessieren. 2024 werde das „Jahr der Popfrauen“, mutmaßte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ im Dezember. Das hoffe ich doch einfach mal nicht.
Dass es im jüngst abgelaufenen Jahr trotzdem ziemlich gute Musik gab, sei hier dennoch nicht verschwiegen. Einiges davon, nämlich die jeweiligen Alben von Uriah Heep, PoiL Ueda, scheissediebullen und Sigur Rós, hatte ich schon früher im Jahr positiv bewertet. Siebzehn weitere gelungene Werke folgen im Folgenden. Es möge euch von Nutzen sein.
Atsuko Chiba — Water, It Feels Like It’s Growing
Atsuko Chiba, der Name verrät es schon, stammen aus Montréal (Kanada), sind also mit einer florierenden Postrockszene vertraut. „Water, It Feels Like It’s Growing“ ist ihr drittes Studioalbum und war der erste wirkliche Knaller des Jahres. Also nicht im Wortsinne jetzt.
Ich höre weitgehend Rockmusik mit dem gewissen Etwas. Adjektiv? Tanzbar. Das Dargebotene ist vielschichtig, überall und ständig passiert etwas, aber man schafft es kaum, sich darauf zu konzentrieren, weil der Mahlstrom an Musik rhythmisch vorantreibt. Nicht innehalten. Bewegen. Die immer noch unterschätzten Crippled Black Phoenix fallen mir als Vergleich (auf und) ein.
Das Titelstück fließt zum Abschluss des Albums eher zäh, jazz-trippig aus dem Kopfhörer, ohne dabei Komplexität zu opfern. Ein Album, das sich zu kurz anfühlt. Atsuko Chiba ist eine Figur aus dem japanischen Anime „Paprika“ (noch so ein japanischer Name) von 2006. Ich mag keine Animes. Die Musik ist aber gut.
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Hong Faux — Desolation Years
Hong, so sagt’s der Wissensschatz, sei unter anderem eine Marienkäferart. Hong Faux, ein falscher Marienkäfer also? Das schwedische Quartett dieses Namens spielt jedenfalls eine Musik derjenigen Art, die mit Marienkäfern wenig gemein hat.
Irreführend ist auch der Beginn von „Desolation Years“, des aktuellen Albums der vier Herren, denn das, was ich zunächst für grollenden Stoner hielt, geht später über in gut gemachten Indierock mit mitunter mehrstimmigem Powergesang. Yeah. Die „VISIONS“ zitiert die Foo Fighters (offensichtlich in „Starkiller“), Clutch (mag ich) und Queens of the Stone Age (haben auch so ihre Momente) als Einflüsse. Dem zu widersprechen liegt mir fern. „Desolation Years“, „trostlose Jahre“ — der Titel deutet erdige Klänge an und daran mangelt es hier nicht. Trockene Musik für die trockene Wüste. Blöd, dass ich diese Rezension im Winter zu Ende bringe. Aber das Album behalte ich ja noch etwas länger; im Sommer könnte ich es noch mal brauchen.
MSPAINT — Post-American
Wenn man MSPAINT heißt, dann muss man wahrscheinlich genau so was machen wie die Musikgruppe gleichen Namens aus Mississippi, die von sich behauptet, sie würde „Tanzpunk“ hervorbringen. Auf ihrem ironisch „Post-American“ genannten 2023er Album ist davon auch tatsächlich etwas zu hören, wobei der Tanz- dem Punkfaktor übergeordnet scheint.
Sicher: Es gibt wütende Gitarren und zornigen Gesang (oft vielmehr: Gerufe), aber der Rezensent (= ich) erwischt sich doch öfter beim Mitwippen als beim Sitzpogo. Das wirklich großartige „Delete It“, eins dieser Lieder, an denen ich mich immer noch vergebens sattzuhören versuche, ist eins von zwei Liedern auf diesem Album, auf denen Gastmusiker zu hören sind — in „Delete It“ ist es Ian Shelton, Sänger der Post-Hardcore-Combo Militarie Gun, auf „Decapitated Reality“ singt Pierce Jordan der mir bislang unbekannten Soul Glo. Eine gewisse stilistische Stringenz ist dabei erkennbar, „Free From the Sun“ etwa glaube ich schon zuvor auf demselben Album so ähnlich gehört zu haben, aber das macht ja nichts, so lange es gut ist. In der Tat schwächeln MSPAINT auf „Post-American“ kaum, sondern gehen gut ab. Das haben sie dem Malprogramm voraus.
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Shem — III
Das (ja, huch!) dritte Studioalbum des Stuttgarter Psychedelic-Kollektivs Shem — dessen Bandcampseite witzigerweise „Shemtrails“ heißt, hehe, wegen Chemtrails — möge die jährliche Dosis Postrock einleiten. Zwar spielt es nicht das alte Laut-leise-Spiel mit, doch ist die instrumentale Reise (im fast dreiminütigen „Lamentum“, leider ausgeblendet mit einem blöden fade-out, gibt es erstmals textlosen Gesang, ebenso im abschließenden „Refugium“) von Gitarren getragen.
Die unklare Anzahl an Musikern (es handelt sich immerhin um ein „Kollektiv“) rührt kräftig im Topf der „Kosmischen Musik“, bedient sich dabei aber moderner Mittel. Der Hörer wird mitgenommen auf eine Klangreise in den (mentalen) Wolken, natürlich hat man das schon mal gehört.
Das Album ist unter 40 Minuten lang, es fühlt sich nicht länger an als eine halbe Stunde. Schade eigentlich.
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When Plagues Collide — An Unbiblical Paradigm
2023 erschienen manche gar nicht mal üble Alben, die in irgendeine Metalcorespielart einzusortieren sind. Dazu zählen Alben wie „Silhouettes of Disgust“ von Downfall of Gaia, das hier separat aufzuführen mir nur meine Faulheit verbietet, noch viel mehr aber lohnt sich ein Blick auf das europäische Ausland. Deutsche Musikalben werden hierzulande schon viel zu ausführlich gewürdigt.
2016 fanden ausgerechnet in Belgien fünf, nun, Musiker zusammen, um gemeinsam Geräusche hervorzubringen, die gemeinhin als „Symphonic Deathcore“, „sinfonischer Todeskern“ also, etikettiert werden. „Symphonic Deathcore“ muss man sich ungefähr wie folgt vorstellen: Man wohnt einem klassischen Konzert mit großem Orchester bei, hat aber in einem Ohr einen dieser unsäglichen Ohrstecker, in dem ein Metalgitarrist stundenlang dasselbe Riff spielt, begleitet von einem Schlagzeuger, der Hummeln im Hintern hat und wirklich wütend auf seine Exfreundin ist, deren neuen Freund er in Form eines Fotos auf seine Felle geklebt hat. Kurz nach Beginn des Konzerts springt Batman aus demjenigen Paralleluniversum, in dem er seit 50 Jahren Kettenraucher und überdies leicht erkältet ist, auf die Bühne und versucht ein störrisches, jedoch taubstummes Kind dazu zu bewegen, endlich mal sein Zimmer aufzuräumen.
Dieser Art von Musik, zumal deren Interpret „Wenn Plagen kollidieren“ heißt, kommt eine anstrengende Gesamtsituation wie die, in der die Welt sich im Zeitrahmen der Aufnahme und der Veröffentlichung von „An Unbiblical Paradigm“ (so heißt deren zweites Album) befand, freilich zupass und dem Verfasser dieser Zeilen ebenso; gelegentlich zieht es mich ja dazu, mich aus dem Kopfhörer anbrüllen zu lassen. Das abschließende „In alle stilte“ (das ist Ausländisch und heißt „In aller Stille“) macht es mit seinem beinahe melodischen Wesen und dem dazu erzählten Text (es mag Flämisch sein, das kann ich nicht) fast kaputt; aber eben nur fast.
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Vertonen — Einige Schadstoffe
Ich halte nicht viel von der Verwendung des schrecklichen Begriffs Liefern im Zusammenhang mit musikalischen oder sonstigen künstlerischen Werken, denn zwar liefert mir ein Bote bisweilen neue Schallplatten, die Künstler selbst liefern jedoch nur selten. Das ist auch nicht ihre Aufgabe.
Daher werde ich hier auch nicht auf die Formulierung zurückgreifen, die Helen Scarsdale Agency liefere zuverlässig völlig kaputte Musik, obwohl ich diesen Eindruck bereits seit Januar 2023 mit mir herumtrage. Mit Vertonen — so nennt sich ein Avantgardemusiker aus Chicago nicht ganz grundlos, obwohl ich nicht so genau weiß, was er eigentlich vertont — hat die “Agency” einen weiteren Musiker im Programm, der völlig kaputte Musik hervorbringt. Gut, was habe ich von einem Album auch erwartet, das „Einige Schadstoffe“ heißt?
Aufgenommen wurde das Album 2022, veröffentlicht wurde es trotzdem erst im April 2023. Als Musikinstrumente kommen ein Synthesizer, Feldaufnahmen, Kurzwellengeräte und Altmetall zum Einsatz. Was vertont wurde, vermag ich nicht zu beurteilen; Banausen würden jetzt “ganz klar ein Autounfall” schreiben, aber ich bin ja kein Banause, sondern mag Krach. Das Album sei eine Hommage an die klassische Phase des Industrial Noise, erzählt der Pressetext (welche Presse auch immer man mit dieser Art von Musik erreichen will). Das kann durchaus sein. Bezug genommen wird unter anderem auf Throbbing Gristle und Maurizio Bianchi. Dem kann ich nicht widersprechen. „Einige Schadstoffe“ ist ein Album mit lose strukturierten Geräuschen, das mich überdies mitunter an „Ravvivando“ von Faust denken lässt. Ab und zu gibt es Sprachfetzen, die zu verstehen ich gerade zu eingenommen von der auf mich einprasselnden Atmosphäre bin. Völlig kaputt. Großartig.
Das Album gibt es nur als Download und auf Kassette. Passt.
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Orsak:Oslo — In Irons
Orsak:Oslo ist eine Musikgruppe aus, nun ja, hauptsächlich Oslo. „Orsak“ ist Schwedisch und heißt Ursache oder Grund. Ich finde, Oslo ist ein akzeptabler Grund.
Die Gruppe heißt also gar nicht so seltsam wie ihre Stücke. Auf dem zweiten Studioalbum „In Irons“ setzen Orsak:Oslo ihre auf 13 EPs und dem Debütalbum begonnene Tradition, ihre Lieder zu nummerieren (und das nicht mal konsequent), jedenfalls fort: Die fünf Stücke heißen „068 The Swell“, „079 Dutchman’s Wake (Part I)“, „069 In What Way Are You Different“, „078 The Mute (Part II)“ und „074 Hadal Blue“. Angenommen, es wäre hier eine gewisse Chronologie verewigt, was Sinn ergäbe (auf der Debüt-EP war Nummer 8 drauf), gebührt den Musikern schon wegen ihrer Produktivität meine Hochachtung.
Zu hören ist, die Länge („Hadal Blue“ schafft es als mit Abstand längstes Stück auf nahezu 17 Minuten Laufzeit) könnte es verraten haben, keine gewöhnliche Alltagsmusik. Die vier Herren haben tief ins Krautglas gegriffen und präsentieren zu vortrefflich polterndem Bass und dem guten, alten Motorikbeat mal klassische Can-Reminiszenzen, mal gitarrenorientierten Postrock á la Mogwai. Zur Veranschaulichung: „079 Dutchman’s Wake (Part I)“ ist zu einem nennenswerten Teil ein versiertes Gitarrensolo, das dem psychedelischen Grundmotiv nicht etwa zuwiderläuft, sondern es vielmehr unterstreicht. Texte gibt es kaum, sieht man von etwas mittendrin Gesprochenem ab, auf das ich aber nicht geachtet habe, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mich von der Wirkung einnehmen zu lassen. Andere nehmen Drogen, ich höre solche Musik. Legalize it.
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Mutoid Man — Mutants
I’m in love with my gravekeeper / I said, “Hey, make that hole deeper” (Graveyard Love)Mutoid Man ist der Name einer dreiköpfigen und sechsarmigen New Yorker supergroup, bestehend aus Mitgliedern von Cave In, Converge und High On Fire. Die schon oft gesehene Besetzung (Gitarre/Gesang, Schlagzeug, Bass) deutet, verbunden mit den Stammbands der Musiker, völlig zu Recht in eine gewisse stilistische Richtung: Metalcore, Punk, irgendwie so; und tatsächlich: Wirbelnde Gitarrenläufe tragen auf „Mutants“ komplexe Rockmusik mit Bewegungswillen.
Im Internet wurde geschrieben, der Musik von Mutoid Man fehle eigentlich nur noch Mike Patton. Stimmt schon; zumal manche Lieder auch das richtige Maß an Witz aufweisen, etwa das eingangs zitierte „Graveyard Love“.
Mir gefällt übrigens das Coverbild. Es ist so farbenfroh und energiereich wie das Gehörte und es hat sogar was mit dem Titel des Albums zu tun. Zum eröffnenden Stück „Call of the Void“ gibt es ein seltsames Musikvideo, es legt nicht die schlechteste Grundlage für den Konsum von „Mutants“. Ein Album für diejenigen Momente, in denen quirliger Gitarrenkrach das Einzige ist, was den Tag noch retten könnte.
Zum Glück sind die Weihnachtsmärkte erst mal wieder vorbei.
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Kvelertak — Endling
„Kvelertak aus Norwegen spielen instrumentalen Hardrock“ wollte ich eigentlich schreiben, aber dann setzte nach schlappen vier Minuten der Sänger ein. Also noch mal von vorn: Kvelertak aus Norwegen tourten vor einer Weile unter anderem mit Mutoid Man und spielen — insofern kaum überraschend — ganz normalen Hardrock mit Metal- und Punkanleihen. Ich habe keine Ahnung, worum es in den norwegischsprachigen Texten geht. Hoffentlich nicht um Schweinkram, angeblich um historische und zeitgenössische sterbende Völker in Norwegen. Gutes textliches Motiv für eine Hardrockband.
Zumindest in der ersten Hälfte des Albums dominiert der instrumentale Bestandteil der Musik deutlich, dann kommt derjenige Aspekt zum Tragen, der die Aufnahme in diese Liste zur Folge hatte: Kvelertak rocken, und das wirklich gut mit ordentlich groove. Ein- und ausgeblendet wird das Album mit einem Rauschen, was immerhin weniger blöd als das heutzutage immer noch übliche bloße Ausblenden ist. Hinsichtlich der Instrumente, die hier zum Einsatz kommen, steht diversen Gitarren auch ein Banjo („Døgeniktens Kvad“) zur Seite. Das amüsiert mich.
„Tanzbar“ sei „Endling“, las ich anderswo, und ich kann ja sogar zu Walzer nicht tanzen und bewerte das daher erst mal nur als Information.
[ B O L T ] — ( 0 5 )
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit ist in hektischen Zeiten wie den unsrigen von so großer Wichtigkeit wie selten zuvor. Da kommen die Duisburger von [ B O L T ] mit ihrem 2023er Album „( 0 5 )“ gerade recht.
Die verhaltene Perkussion schon zu Beginn des Albums („[ 3 2 ]“, die Stücke tragen nicht chronologisch sortierte Nummern und selten zusätzliche Titel) trügt: Hauptsächlich spielen die drei Herren — zwei am Bass, einer am Schlagzeug — „Black Drone Metal“, das ein Genre sein soll und ein bisschen wie eine Frühlingsversion von Sunn O))) klingt. Die Leerzeichen im Gesamten sind so treffend, dass die Musiker eigentlich alles Übrige auch weglassen könnten. Das von mir als Kernstück des Albums identifizierte „[ 3 7 ]“, fast 22 Minuten lang, wäre in normaler Geschwindigkeit wahrscheinlich radiokompatibel (wenn auch sicher nicht ‑tauglich), dennoch würde ich nichts kürzen oder beschleunigen wollen. Das Stück — das Album — klingt wie ein Sommermorgen nach dem Krieg, ein „schizophrenes Szenario“ (Mike Langer). Dennis Strillinger trommelt in die kakophonische Dystopie hinein, die die gerade abgezogenen Marodeure von der einst blühenden Stadt, die in den Melodien noch zu erahnen ist, übrig gelassen haben.
Irgendwo in der Musik sei ein Zeichen der Hoffnung zu finden, wortsalatiert der Pressetext (haha, welche Presse?) zum Album. Dieses Zeichen kommt spät („[ 4 0 ] / Petite fleur des champs“), aber es kommt mit Wucht: Hinter dem schleppenden Dröhnen singt und flüstert Sura Sol, die ich immerhin bislang auch nicht kannte, für mich aus Abmischgründen schwer Verständliches, doch schön Klingendes, in mir unbekannter Sprache. Mit Gesang hatte ich an dieser Stelle nicht gerechnet, aber er passt. Das Lied klingt sanft, beinahe sakral, aus und geht ins ebenso ruhig beginnende letzte Stück „[ 2 9 ]“ über. Die Ruhe nach dem Sturm mag keine Aufregung. Das kann ich verstehen. Nach etwa zwei Minuten entschließt sich „[ 2 9 ]“ dann aber doch dazu, den Mitwipp- und Mitnickfaktor zu vervielfachen. Vielen Dank. Schönes Album, schönes Ende.
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Akira Sakata, Toshimaru Nakamura, Raiga Hayashi — Kinjo no Tabibito
Akira Sakata (Altsaxophon und Klarinette) ist ein Free-Jazz-Musiker, Toshimaru Nakamura (Mischpult) ist ein Improvisationsmusiker und Raiga Hayashi ist — darüber schweigt die Wikipedia — zumindest hier ein Schlagzeuger. Zu dritt nahmen die drei Japaner vor ein paar Monaten unter anderem das Album „Kinjo no Tabibito“ auf, das man wahrscheinlich ungefähr 近所 の旅人 schreiben sollte, was ungefähr „Reisende in der Nachbarschaft“ bedeutet.
Die Tonqualität erinnert nicht zufällig an eine Livesituation: Aufgenommen wurden beide Stücke, die überdies „1st Set“ und „2nd Set“ heißen, am 5. März live in Tokio. Das hier verwendete Mischpult weist die Besonderheit auf, dass es keine externen Eingänge hat, so dass das sonstige Gespielte eben nicht gemischt wird, sondern vielmehr ein Spiel mit elektronischen Klängen betrieben wird. Auf Bandcamp gibt es einen (englischsprachigen) Artikel über das Instrument (bzw. das Eben-nicht-Instrument), den weiter zu zitieren möglicherweise den Rahmen dieses Textes sprengen würde, weshalb ich darauf verzichte.
Die im Titel des Albums erwähnte Reise führt über holprigen Untergrund, stelle ich fest: Auf die Ohren gibt es vor allem hektischen Instrumentaljazz, worüber Akira Sakata gelegentlich eine japanischsprachige Geschichte murmelt. Man sehe mir nach, dass ich die Texte beim Hören nicht sofort zu übersetzen imstande war. Es ist den Musikern zu wünschen, dass in der Nachbarschaft Jazz zumindest nicht unerwünscht ist. Ich mag Jazz.
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Kraan — Zoup
Zu den wenigen angenehmen Dingen, die 2023 passiert sind, gehört auch, dass viele der Alten gezeigt haben, dass sie es musikalisch immer noch können. Die deutlich verjüngte Mannschaft von Gong brachte ebenso ein neues ganz gutes Album raus wie die deutsche Krautrocklegende Guru Guru, die immer noch den „Elektrolurch“ auf ihren Alben schwingen.
Deren Wegbegleiter und Landsleute von Kraan, die es — zehn Jahre Pause eingeschlossen — auch schon seit 1970 gibt, scheinen aber noch ebenso hungrig zu sein, so dass es 2023 zu einem neuen Album namens „Zoup“ kam. Das heißt Suppe, glaube ich. Das Coverbild verstehe ich nicht. Gibt es Vogelsuppe? Zutaten: Soft Machine, Caravan, ein paar Esslöffel Camel („Plain Vanilla“) und eine Prise AOR („Twisted“).
Wie bei einem guten Eintopf können die Musiker hier insofern wenig falsch machen, denn sie bleiben bei ihrem bewährten Konzept. Die eingebrockte Suppe auszulöffeln sättigt nicht, aber schmeckt. Ich wünsche guten Appetit.
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Citrus Citrus — Albedo Massima
Wie es der Titel des Albums für uns Vielgereiste schon vorschlägt, ist Citrus Citrus eine Musikgruppe aus Italien, auf „Albedo Massima“ zu fünft. Die Plattenfirma Sulatron Records, bekannt für allerlei Psychedelisches, hat Hintergrundinformationen (31. Dezember 2023: zurzeit leider im Urlaubsmodus) zum Titel des Albums (es geht um Pomelos) für diejenigen, die Trivia sammeln, doch erfasst es das Musikalische kaum.
Das Album rotiert gerade bei mir wie eine Pomelo im Mixer, als frischer Eindruck klebt an mir wie eine matschige Frucht ein wahrer Smoothie aus Indien (eine Sitar ist zu hören), Griechenland und 70er-Hardrock, Orgel inklusive. Gesungen (wenig) wird auf Englisch, was ich gut finde, weil ich den Klang der italienischen Sprache noch nie mochte und auch weiterhin nicht mag. In „Fetonte“ mache ich gar ein wenig Krautrock aus, Marco Buffettis Schlagzeug treibt hier ein musikalisches Kaleidoskop voran. Fetonte ist der italienische Name von Phaethon, einem Sohn der griechischen Sonnengöttin Eos. Ironischerweise klingt dieses Stück überhaupt nicht griechisch. Das ist in Ordnung.
Eine wahrlich vitaminreiche Mischung tischen Citrus Citrus hier auf.
Nicht schlecht geeignet für kalte Abende.Reinhören: Amazon.de, TIDAL, Bandcamp.com.
Princess Thailand — Golden Frames
Apropos gute Musikgruppen aus sprachlich benachteiligten Ländern: Princess Thailand ist ein (klar, was auch sonst?) französisches Quartett, deren Sängerin erfreulicherweise ebenfalls auf Englisch singt; wobei Gesang in dem genre, in dem Princess Thailand sich herumtreiben, ein gewagtes Wort ist. Auf dem weiten Feld zwischen Postpunk und Noise, zwischen Savages und Sonic Youth quasi, tanzen sie einen Reigen, von dem Daniel Thomas von der „VISIONS“ (6 von 12 Punkten) ganz schwindlig geworden ist.
Die lakonisch vorgetragenen Vokalbeiträge — mal singend, selten („Imperator“) raunend, oft eher energisch sprechend, wie’s sich in der Stilrichtung eben gehört — fügen sich indes ins Gesamte ein. Wütendes Schlagzeug und grollender Bass legen das Fundament des Gewohnten, das Übrige ist mal nervöser Krach, mal von sanfterer Art, aber trotz des vermeintlich auserzählten Stils (wenigstens mich) musikalisch beeindruckend. Gelegentlich werden Motive wieder aufgegriffen, das freut den Rezensenten, der sonst mitunter den Eindruck hat, dass das eigene Gedächtnis nicht mehr das beste sei. Es belegt, dass zumindest Wiedererkennen noch funktioniert. Die Lieder könnten länger sein, aber das ist ja fast immer so.
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Seven Impale — Summit
Noch mal Jazz, damit ihr euch nicht unterfordert fühlt, und schon wieder was aus Norwegen und mit griechischen Sagengestalten: Seven Impale sind sechs Musiker mit klassischem und/oder Jazzhintergrund, die nach „Contrapasso“ von 2016 mit „Summit“ 2023 endlich ein neues Album „rausgebracht“ haben. Enthalten sind vier Stücke namens „Hunter“, „Hydra“, „Ikaros“ und „Sisyphos“. Aus welcher Sage Hunter stammt, weiß ich nicht. Vielleicht ist ja auch der Kommissar aus den Micky-Maus-Geschichten gemeint.
Die Stilzusammenfassung „Jazz“ ist allerdings auch zu kurz gegriffen: „Avant-Prog-Anleihen und die jazzig eingefärbten Arrangements (…) brachiale Metal-Riffs (…) Stoner Rock-Momente“, Motorpsycho passt als Vergleich schon. Der Schlagzeuger spielt angeblich auch schon wieder irgendwo auf diesem Album Banjo. Gehört habe ich davon nichts. Das ist gut, ich finde den Klang von Banjos nämlich scheiße.
Hier aber finde ich fast alles gut. Nur „Sisyphos“, das letzte und mit etwas über 13 Minuten auch längste der vier Stücke, plätschert etwas enttäuschend („leicht optimistisch klingend“, metal.de, aber das hätte es hier nicht gebraucht) aus, das gibt Abzüge in der B‑Note. Die A‑Note ist trotzdem immer noch überzeugend und gibt eine Empfehlung aus.
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Frankie and The Witch Fingers — Data Doom
Wenn ein Musikprojekt beliebiger Größe sich schon „Frankie and The Witch Fingers“ nennt, dann erwartet unsereins (also: erwarte ich) ein Mindestmaß an Unterhaltungswert vom Dargebotenen. Und tatsächlich: „Data Doom“, das neueste Album des US-amerikanischen Quartetts dieses Namens, macht Spaß. Dass es textlich — mehr oder weniger — um die zusammenbrechende Zivilisation unserer Zeit geht, steht dem nicht entgegen. Man kann den Niedergang der Menschheit bedauern und dabei trotzdem tanzen. Gut, außer mir. Ich kann ja nicht tanzen.
Über sich selbst sagt die Band (oder lässt die Band sagen, man — also ich — weiß es nicht), sie sei „a constant source of primordial groove“, also / eine ständige Quelle des ursprünglichen Grooves/. Das ist nicht hilfreich. Das Internet zieht King Crimson als Vergleich heran, wegen des Saxophoneinsatzes in „Burn Me Down“, aber auch das trifft den Kern nicht. Vielleicht versuche ich es doch mal mit Stilzuschreibungen: Desert (ZZ Top?) und Stoner Rock werden hier vermählt mit Funk („Mild Davis“, passender Titel auch) und erstaunlich klassischem Rock’n’Roll. Ich gehe davon aus, ich sollte mir diese Gruppe einmal live ansehen. Ich vermute, ich hätte Spaß.
Ein Wermutströpfchen (obwohl: ich mag Wermut): Das Album ist etwas zu kurz und wird am Ende langweilig ausgeblendet. Aber der Weg bis dahin gefällt.
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David Eugene Edwards — Hyacinth
Für Freunde der Musik von Nick Cave sei „Hyacinth“, das aktuelle Album von David Eugene Edwards (auch bei und mit der Gruppe Woven Hand aktiv), geeignet, riet man mir. Diese Gruppe enthält mittlerweile auch mich, daher hörte ich mal rein.
David Eugene Edwards sei ein sehr religiöser Countrymusiker, erklärte mir das Internet. Ich finde religiösen Country zwar scheiße, kann hier aber beruhigt vermelden, dass das Internet mit Genrezuschreibungen fast so schlecht umgehen kann wie der Musikjournalismus. Auf seinem ersten Soloalbum, nämlich diesem hier, werden tatsächlich nur am Rande Christentum und Country gestreift, vielmehr gibt es sonoren Experimental-Folk mit geringer Instrumentierung, im Fokus stehen elektronische Perkussion und die verstärkte (nicht verzerrte) Gitarre, ins Ohr. Keine Ahnung, ob Gastmusiker zu hören sind oder ob der Künstler alle Instrumente selbst eingespielt hat, die Bandcampseite zum Album schweigt dazu und eine schnelle Recherche blieb erfolglos.
Ich höre — ja — Nick Cave („Bright Boy“), aber auch Leonard Cohen und bisweilen („Lionisis“) auch Sisters of Mercy. Gute Referenzen. „Hyacinth“ wolle „mit dem Herzen ergründet werden“, schrieb anderswo Dominik Maier. Dem kann ich nicht widersprechen. Das Album schließt mit „The Cuckoo“, einer Coverversion eines Folkklassikers, wie abermals das Internet (diesmal wohl zutreffend) mitzuteilen weiß. Ein schönes Ende, dem einzig negativ zu attestieren ist, dass es viel zu früh kommt. Die Zeit vergeht mit „Hyacinth“ im Ohr erschreckend schnell.
Aber man kann es ja dann einfach noch mal von vorn hören.
Das soll’s erst mal gewesen sein. Wie immer gilt: Alben, die ich sträflich vernachlässigt haben könnte, sind als Kommentar gern willkommen. Cheerio.


Die lang erwartete (von mir, ausreichend) neue Platte von Patio. Saudummes Video zur Single, so erstickt man mögliche Karrieren im Keim. Besser erstmal hier: https://www.youtube.com/watch?v=93yd79yrfD8 Die Bassistin macht irgendwas. Paßt dann irgendwie doch ins Gesamt“bild”. Mesmerisierend.
Frohes Neues.
Verdammt, die hätte ich früher kennen sollen. Danke.
In meinen Vorlesungen/Seminaren habe ich den Studis immer erklärt, daß man seine persönliche Lieblingsmusik nur unter schwersten Verlusten anderen Mithörend*innen nahebringen kann, weil das eben (aus Gründen, die hier den Rahmen sprengen würden) schlicht und ergreifend unmöglich ist. Trotzdem habe ich jeden einzelnen Link hier durchgehört, obwohl die Mucke von meinem Musikplaneten aus gesehen wirklich eine komplett andere Baustelle ist.
Klarer Testsieger sind die Flamen: wenn Musik (was sie nie oder nur dann tut, wenn sie schlecht ist) irgendetwas “Reales” in der “Welt” widerspiegelt, dann ist der flämische akustische Kommentar das einzige, was den andauernden Krieg, den medialen wie den realen wie auch den subtil versteckten, halbwegs adäquat “wiedergibt”.
Das Flämische ist zwar meine Lieblingssprache, aber alles habe ich auch nicht kapiert. Nur so ungefähr (und im Original wirklich sprachgewaltig):
Der Tot als der Lehrer der Stille. Als anonymer Tot infiltriert er die Gedanken der Wachenden, der Wach-Seienden, er wartet ab, bis seine kalte Hand zufassen kann, in aller Stille. Er umgibt uns, als einzige tatsächliche Regel, ohne Aussicht auf Besserung etc. pp.
Über allem schweben musikalisch (in my not so humble opinion) wirklich nur Bach, Richard Strauss, Messiaen, Woody Shaw, Rob Madna und Bob Brookmeyer.
Aber mit den ästhetischen Urteilen ist das, wie gesagt, so eine Sache, denn wie sagt der alte Königsberger doch so treffend: “Um zu unterscheiden, ob etwas schön sei oder nicht, beziehen wir die Vorstellung nicht durch den Verstand auf das Objekt zum Erkenntnisse, sondern durch die Einbildungskraft (vielleicht mit dem Verstande verbunden) auf das Subjekt und das Gefühl der Lust oder Unlust desselben.”
Bach:
https://www.youtube.com/watch?v=3EnosoXeTWI&pp=ygUlYmFjaCB3b2hsdGVtcGVyaWVydGVzIGtsYXZpZXIgcmljaHRlcg%3D%3D
Zu Risiken und Nebenwirkungen etc.:
Messiaen:
https://www.youtube.com/watch?v=RJ_x_8o80TI
Und ein paar Leckerli, extra für Sie/Dich eingepackt.
https://www.mediafire.com/file/veo59dtibm0th6m/tux0r.zip/file
Keine Sorge, das Zeug “verstehen” vielleicht ein halbes Dutzend Leute auf der Welt (und ich selbst auch nur, wenn ich einen guten Tag habe). Muß man aber auch nicht “verstehen”, einfach ohne Vorurteile und Vorannahmen wirken lassen.
Wie sagte größte Geist, dem ich jemals begegnen durfte, der Dombaumeister des Kölner Doms, Prof. Dr.-Ing. Arnold Wolff mal, als ich ihm eine von diesen Aufnahmen (auf denen ich selber mitspiele) vorgespielt habe: “Das gefällt mir zwar nicht, ist aber außerordentlich gut!”
Mehr braucht man nicht zu wissen… ;-)
In diesem Sinne ein frohes Neues Jahr!
Gebe ich mir mal in einer ruhigen Minute. Tatsächlich fahre ich meinen Musikkonsum gerade ein bisschen zurück — ich habe in den letzten Wochen so viel davon gehört, dass ich sonst Angst hätte, dass sie mir zum Bingelistening verkommt. Danke, auch für die Erklärung des Textes.
Ich erwarte gar nicht, dass jeder mag, was mir gefällt. Ich höre auch manchmal Dinge, die ich nicht mag (Banjo…). Horizont. Weite. Ich finde Dinge gern begründet doof, grundlos kann jeder.
Das mit Bandcamp war mir neu und gefällt mir gar nicht. Das was du über Herrn Wilson schreibst ist ganz schön gemein. Ansonsten ist dein Musikgeschmack, nun ja, beängstigend. Ich habe gerade mal einiges neugierig angeklickt und bin froh, das ich morgen meinen Termin beim Seelenklempner habe. Ein frohes neues Jahr
Kennst mich doch…
… vielleicht werde ich einfach zu alt für Steven Wilson. So kann’s gehen. Auch frohes Neues!