Dass ich mich von schnulzigem Kitsch fernzuhalten pflege, ist den meisten Lesern meiner Texte vermutlich geläufig, ebenso von allem, was in mir auch nur den leisesten Verdacht erregt, dass schnulziger Kitsch nicht ausbleibt. (Aus diesem Grund halte ich mich — mit Ausnahmen — auch von gewissen Musikblogs aus Berlin fern.)
Insofern ist es eigentlich verwunderlich, dass mir die derzeit wochentags auf Sat.1 ausgestrahlte Telenovela “Hand aufs Herz” nicht schlecht gefällt, soll heißen: Ich habe erstmals seit dem Ende der “Wochenshow” wieder einen Grund, mich für das zu interessieren, was Sat.1 so zeigt.
Die Handlung ist nicht immer einfach zu durchschauen; die Telenovela spielt in einer Schule, es herrscht jedes Rollenklischee: Vom lässig gelangweilten Schulpflichtigen über den Mädchenschwarm bis zur intriganten Schulzicke kann sich jeder Zuschauer vielleicht mit irgendjemandem identifizieren, überhaupt lebt “Hand aufs Herz” von Intrigen. Zusammen gehalten wird die Geschichte von einer Art Rahmenhandlung: Eine einigermaßen junge Lehrerin, früher Schülerin, kommt an die Schule und wird prompt des Mordes an einer Schülerin verdächtigt, woraufhin ihre Freunde und Verwandten nach Spuren suchen, um sie zu entlasten. Zwar erfuhr der Zuschauer in dieser Woche, wer der Täter wirklich war, aber bis sich das auch in der Serie herumgesprochen hat, könnte es noch einige Zeit dauern.
So weit noch nichts allzu ungewöhnliches; aber so richtig interessant (lies: sehenswert) ist “Hand aufs Herz” für uns Musikverrückte vor allem wegen der “S.T.AG”. Einige der Schüler nämlich bilden zusammen eine Musikkapelle, die auch im Vorspann erscheint und somit ein tragendes Element der Serie darstellt, und tatsächlich wird viel gesungen und sich mitunter — anfangs etwas unbeholfen, später etwas weniger unbeholfen — auch ein wenig dazu bewegt. Und anders, als man es bei der augenscheinlichen Zielgruppe erwarten sollte, wird da keinesfalls peinlicher Popquatsch zelebriert, sondern so richtig primae Sachen wie “She Said” von Plan B oder zum Beispiel auch mal was von den Cardigans und, jetzt habe ich doch endlich mal eine Überleitung gefunden, “Talkin’ ‘bout a Revolution” von Tracy Chapman.
“Wer ist Tracy Chapman?”, höre ich da die Leute fragen, und ich verweise sie auf die Wikipedia, gern geschehen.
Diese Tracy Chapman nun sang 1988 in dem erwähnten Lied von der Revolution der Arbeiterklasse, quasi als Widerstand gegen die unterdrückende Obrigkeit, und so ist es eine, wie ich meine, ausgezeichnete Wahl, geht es darum, einen Schülerstreik anlässlich eines unsympathischen neuen Schulleiters musikalisch in Szene zu setzen:
Poor people are gonna rise up
and get their share.
Poor people are gonna rise up
and take what’s theirs.
Im deutschen Fernsehen kommt es leider viel zu selten vor, dass Referenzen auf Lieder mit inhaltlichem Tiefgang überhaupt beachtet werden, sofern man nicht gerade arte guckt; dass sie dann auch noch in einem passenden Kontext und für die Jugend ansprechend aufbereitet präsentiert werden, lässt mich hoffen. Ich wünsche den für die Liedauswahl der Serie zuständigen Personen viel Gesundheit und ein noch möglichst langes Leben, auf dass sie Nachahmer finden und noch lange in Arbeit und Brot stehen mögen!
Und man möge mich, um noch mal kurz auf das Thema zurückzukommen, für den Rest meines Lebens morgens mit Placebo und/oder Muse wecken, wenn ich mich irre, aber ich halte die Coverversion doch für ein beeindruckendes Stück Musik, das dem Original keinesfalls nachsteht.
(So, und jetzt zurück an die Halbjahresliste 2011, es gibt noch viel zu tun.)

