KaufbefehleMusikkritik
Die Rehabilitation einer Institution: Yes – Magnification

Ich muss dann hier doch mal eine Lanze für das vor nunmehr 10 Jahren veröffentlichte und bis dato, sieht man von den ungezählten Archivveröffentlichungen seitdem ab, leider letzte Album von Yes brechen, von dem man im Allgemeinen nicht viel mitbekommen hat, schließlich ist Yes lediglich mit „Owner Of A Lonely Heart” vom Album „90125”, 1983, ein versehentlicher Welthit gelungen, von dem sie sich bis heute nicht vollends erholt haben.

„90125” war das erste Album, auf dem sich Yes fürs Erste konsequent von dem sakralen, epischen Progressive Rock, den sie in den frühen 70-er Jahren maßgeblich mitgeprägt hatten und in dessen Klanggewand sie der Welt unter anderem die Glanztaten „Relayer” und „Close To The Edge”, die man einmal im Leben zumindest mal gehört haben muss, bescherten, abwandten, um reich und berühmt zu werden, was ihnen zur Strafe immerhin versagt blieb und zu mehrfachen Umbesetzungen führte. Erst nach dem scheußlichen „Talk”, 1994 veröffentlicht, fanden Yes in der klassischen Besetzung (Gesang: Jon Anderson, Gitarre: Steve Howe, Bass: Chris Squire, Schlagzeug: Alan White, Keyboards: Rick Wakeman) wieder zusammen und zeigten, dass sie es doch noch können, indem 1996 und 1997 erst einmal auf dem zweiteiligen „Keys To Ascension” (2010, ich erwähnte es, neu aufgelegt) neben beeindruckenden Livemitschnitten auch einige neue Studioaufnahmen, etwa das über achtzehnminütige, treibende Rockstück „Mind Drive”, davon zeugten, dass all die Rezensenten, die unkten, Yes sollten sich doch bitte ins Altenheim einschließen lassen, von Musik so viel Ahnung hatten wie die immergleichen Hackfressen, die sich „Jury” schimpfen und irgendwas von „Superstars” in jede Kamera speicheln, obwohl sie selbst noch nie eine Musikschule auch nur von außen gesehen haben.

Auf Bill Bruford, handwerklich versierter Weltschlagzeuger und einige Zeit zuvor von Yes zu King Crimson gewechselt, musste der geneigte Yesfan jedoch zugunsten des eher monotonen Alan White ebenso verzichten wie alsbald auch wieder auf Rick Wakeman, der erst 2002 zum wiederholten Mal zur Band stieß und seit 2004 aus gesundheitlichen Gründen ebenso wie Jon Anderson auf unabsehbare Zeit pausiert. Moment, 2001?, fragt nun der aufmerksame Leser, wer spielt dann auf „Magnification” eigentlich Keyboard?

Tja, Yes sind hier nur zu viert, erstmals seit 1968 ohne einen bandeigenen Keyboarder spielten sie dieses Album ein. Als Ersatz indes steht Yes hier ein komplettes Orchester zur Seite, was für Bombastrock wie den ihren eigentlich nahe liegend ist, und man fragt sich, wie anders Yes eigentlich geklungen hätten, hätten sie in der Vergangenheit häufiger auf ein Orchester oder zumindest auf die Streicherecke zurückgegriffen. (Tatsächlich tourten Yes anschließend unter der Flagge der „Yessymphonics” mit einem ebensolchen und präsentierten so etwa „The Gates Of Delirium” von „Relayer” in einem Gewand, das ungewohnt, aber beeindruckend ist. Später wurde das Material für die DVD „Symphonic Live” verwendet, die es auszugsweise natürlich auch auf YouTube geschafft hat.)

Kennt man diese ganze Entwicklung nicht, kann „Magnification” also völlig vorbehaltsfrei hören, so erwartet einen nach dem Einlegen der Silberscheibe ein aufgrund nahtloser Übergänge einheitlich wirkendes Stück, dessen vollständige Rezension andere übernehmen mögen, aus dem ich aber dennoch drei nennenswerte Momente herausnehmen möchte, damit sich der geneigte Leser sozusagen ein Bild davon machen kann, wie anders „Magnification” doch klingt, wenn man Yes nur aus dem Supermarktradio kennt.

Zu „Spirit Of Survival” etwa, dem zweiten Teil des Albums, ertappte ich mich Kopf nickend. Ayreon fiel mir als spontaner Vergleich ein, den ich aber doch schnell wieder verwarf, denn Jon Andersons Stimme, vom Alter gänzlich unberührt, steht im Vordergrund und erinnert den Hörer daran, wer hier eigentlich musiziert, obwohl er es beinahe nicht glauben kann, ist er von Yes doch ganz anderes gewohnt: „Spirit Of Survival” ist zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil auch ein (Prog-)Metalstück. Dream Theater waren nie so nah wie hier.

Das folgende „Don’t Go” ist eins der meist unterschätzten Stücke auf „Magnification”. Steve Howe urteilte 2010, sinngemäß übersetzt:

Wir sollten keine Zeit mit Liedern wie „Don’t Go” verschwenden. Es war ein Fehler, wir müssen nicht in die Welt der Popmusik vorstoßen.

Nun, Yes haben seit 1983 kaum anderes als Pop gespielt, sieht man einmal von wenigen lichten Momenten zum Beispiel auf „Keys To Ascension” ab. Natürlich ist „Don’t Go” Pop, genauer: Poprock, aber im Gegensatz zu dem meisten Mist, den man Yesfans seit 1983 als Yesmusik verkaufen wollte, ist es schlicht grandios. Mehrstimmiger Gesang in Strophen und vor allem Refrain (seit jeher eine Stärke von Yes) über die eher untypischen Themen Liebe und Freundschaft, dabei noch eingängiger als „Owner Of A Lonely Heart” es je war, ein hübsch schlichter Takt, solide gekloppt von Alan White, für dessen Schlagzeugstil diese Art von Musik geradezu prädestiniert scheint, und nach der Hälfte des Liedes unter anderem einige elektronisch modifizierte Gesangszeilen von Jon Anderson, bei denen mir sofort The Buggles einfallen, die ja etwa zwanzig Jahre zuvor bei Yes statt separat musizierten, obendrein nur weniger als viereinhalb Minuten lang und somit mindestens webradiotauglich, Videoclip inklusive. 2005 beklagte sich Jon Anderson, dass kein Lied auf „Magnification” eine wirkliche Hitsingle geworden ist. Einmal ganz abgesehen davon, dass niemand von einer Band wie Yes eine „Hitsingle” erwartet hätte: Die Jugend des Jahres 2001 möge sich jetzt bitte grämen, denn sie hat abseits von Britney, Christina und den restlichen peinlichen Repräsentativen des Popgeschäfts so eine Menge verpasst, und wahrlich, ich sage euch, während ich dies schreibe, höre ich „Don’t Go” zum vierten oder fünften Mal am Stück und finde Indie-Rock, daran gemessen, plötzlich ziemlich langweilig.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ein prima Stück fehlt noch in meiner Auflistung. Es trägt die Titelnummer 8 von 10, heißt „Dreamtime” und ist, wenn man eine solche Parallele überhaupt ziehen kann, das „Mind Drive” von „Magnification”. Ein Abenteuer von zehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden Länge, das mit Streichern und Gesang beginnt, bevor Chris Squire seinen Bass antreibt, von Gitarre und Orchester tatkräftig unterstützt. Über all dem schwebt Jon Andersons Gesang, und obwohl „Dreamtime” doch ein wenig länger ist als „Don’t Go”, bemerkt man gar nicht, dass die Zeit vergeht, bis nach etwa neun Minuten die Streicher das Kommando übernehmen und eine filmmusikartige Szene aufführen. Das anschließende „In The Presence Of…” ist zwar ebenfalls recht lang, aber der Rhythmus, den „Dreamtime” vorgab, fehlt leider.

Sicher sind auf „Magnification” auch ein paar Stücke zu finden, auf die man schlicht verzichten könnte, etwa das aufdringliche „Can You Imagine”, aber Füllsel gab es auf Yes-Alben schon immer, und unter dem Strich ist „Magnification” das beste Yes-Album seit „Drama” (1980) und auch weitaus besser als vieles, was die Konkurrenz 2001 auf den Markt warf; und schließlich und endlich ging es bei Yes schon immer um anderes als nur nebensächliche Unterhaltung.

Dreamtime begins
where every song is the perfect place,
words never spoken
are the strongest resounding.

Wie wahr!