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Medi­en­kom­pe-was?

Was mich an all der Bericht­erstat­tung über vor­geb­li­che Maß­nah­men zum Jugend­schutz ja auch erschüt­tert, ist ja die­se Wild-im-Kreis-ren­nen-Atti­tü­de, die­ses stän­di­ge „Kann denn nicht mal einer an die Kin­der den­ken?“, und zwar so, nicht so.

Nico Lum­ma, blog­gen­der SPD­ler, äußer­te sich nun auch zu den Neue­run­gen der kom­men­den JMStV-Ände­rung, und zur all­ge­mei­nen Belu­sti­gung zitie­re ich ihn mal:

Mal eben mul­ti­na­tio­na­le Ver­trä­ge zu schlie­ßen, um sich auf einen glo­ba­len Jugend­schutz­stan­dard für das Inter­net zu eini­gen, dürf­te auch ein paar Tage in Anspruch neh­men. Bis dahin muß der Gesetz­ge­ber aller­dings Rege­lun­gen prä­sen­tie­ren, um Kin­der und Jugend­li­che im Inter­net zu schüt­zen. Das erwar­ten die Bür­ger von ihm. Und ehr­lich gesagt hat mir auch noch nie­mand der über­all fröh­lich auf Maxi­mal­for­de­run­gen pochen­den Dis­ku­tan­ten gesagt, wie ein wir­kungs­vol­ler Schutz von Kin­dern und Jugend­li­chen im Inter­net erfol­gen soll. Der Hin­weis auf Medi­en­kom­pe­tenz allei­ne reicht nicht aus, denn nicht immer sind Eltern anwe­send, wenn Kin­der und Jugend­li­che Inhal­te im Inter­net kon­su­mie­ren oder erstel­len, und das wird mit der ver­stärk­ten mobi­len Nut­zung noch schwie­ri­ger wer­den.

Herr Lum­ma weiß also, dass die Geset­zes­än­de­run­gen im Grun­de zweck­fremd sind, aber so lan­ge kei­ner eine bes­se­re Lösung kennt, soll es wenig­stens so aus­se­hen, dass der Staat was tut. Eltern, so der Tenor, kann der Staat die Auf­sichts­pflicht nicht allein über­las­sen, denn sie kön­nen nicht rund um die Uhr auf­pas­sen, was ihre Kin­der so trei­ben, des­we­gen sei es die Auf­ga­be des Staa­tes. Was für ein hane­bü­che­ner Quark!

Wenn Kin­der in einem gewis­sen Alter, set­zen wir es ein­mal hypo­the­tisch auf 16 Jah­re, noch nicht aus­rei­chend geschult im Umgang mit Medi­en sind, um zu wis­sen, wovon man sich im Inter­net bes­ser fern­hal­ten soll­te, ist das durch­aus die Schuld ihrer Eltern, denn die­se kön­nen unmit­tel­ba­ren Ein­fluss dar­auf aus­üben, wie sie sich im Inter­net bewe­gen. Fehlt nun den Eltern Kom­pe­tenz oder Bereit­schaft, sich mit dem Medi­um Inter­net zu beschäf­ti­gen, so ist es auch kei­nes­falls die Sache des Staa­tes, die Erzie­hung ihrer Kin­der zu selbst­stän­dig den­ken­den Per­so­nen zu über­neh­men, son­dern soll­te viel­mehr die Eltern dazu anhal­ten, das zu ändern, damit sie ihrem Erzie­hungs­auf­trag gerecht wer­den kön­nen.

Genau genom­men ver­sucht der Staat erste­res ja noch nicht ein­mal, denn er will die mit­un­ter nicht gewähr­lei­ste­te Anwe­sen­heit von Eltern seit dem Schlie­ßen des JMStV (2003) dadurch kom­pen­sie­ren, dass er in die Erzie­hung zur Medi­en­kom­pe­tenz als wachen­de, mah­nen­de Instanz ein­greift, denn es kann ja sein, dass Kin­der heim­lich schlim­me Web­sei­ten angucken, wenn die Eltern nicht da sind. Mit die­ser Ein­stel­lung aber wird ein im Inter­net akti­ves Kind auch mit 16 oder 18 Jah­ren nicht zu einem mün­di­gen Inter­net­nut­zer. Anony­mus „FKTVTwi­psy“ schrieb rich­tig:

Medi­en­kom­pe­tenz bedeu­tet doch eher, dass eben nicht immer Eltern anwe­send sein müs­sen, son­dern die Kin­der allei­ne wis­sen, was sie kon­su­mie­ren soll­ten.
Mein Hund ist ja auch nicht dann stu­ben­rein, wenn ich ihm stän­dig eine Tüte ans Hin­ter­teil hal­ten muss.

Über­haupt wird dem Inter­net („Teu­fels­zeug“) hier eine völ­lig über­zo­ge­ne Bedeu­tung zuteil, denn im Inter­net nicht erfah­re­ne Kin­der sto­ßen auch nicht mal eben auf Sei­ten, die ihre Ent­wick­lung zu einem bra­ven Bür­ger nach­hal­tig schä­di­gen könn­ten; selbst ich bin noch nie „zufäl­lig“ auf zum Bei­spiel kin­der­por­no­gra­fi­sche Inhal­te gesto­ßen. (Inwie­weit Sexua­li­tät in einem Alter, in dem ein Kind selbst­stän­dig im Inter­net sur­fen kann, noch ein Tabu sein soll­te, fra­ge ich mich lie­ber nicht.) Was mich als neu­gie­ri­ges Kind ja viel mehr aus der Bahn wer­fen wür­de als eine nack­te Brust, sind die all­täg­li­chen Kriegs- und Mord­be­rich­te, die täg­lich in Zei­tung und Fern­se­hen zu fin­den sind. „Kei­ne Kriegs­be­richt­erstat­tung und Kri­mi­nal­fäl­le vor 22 Uhr“ wäre eine Rege­lung, mit der ich mich abfin­den könn­te, aber ich bin auch nicht in CDU oder SPD, son­dern in der Pira­ten­par­tei und somit, geht es nach der öffent­li­chen Wahr­neh­mung, ohne­hin ein ver­que­rer Spin­ner.

Nein, die Deut­schen brau­chen ihren Krieg. Nur das mit dem Inter­net geht mal so gar nicht.

(Ver­quer ist übri­gens auch die Idee zu einer Ver­fil­mung von The Sims [via].)

Senfecke:

  1. Ich bin auch noch nie zufäl­lig auf sexu­al­ori­en­tier­te web­sei­ten gesto­ßen. Ich habe bewußt nach Bea­te Uhse und con­sor­ten gesucht, um mich mit neue­sten infor­ma­tio­nen zum trend in punc­to sex­spiel­zeug zu ver­sor­gen. Das ist auch legi­tim. Schließ­lich leben wir nicht im puri­ta­ni­schen nord­ame­ri­ka.
    Was inter­net­sach­kennt­nis von lehr­kräf­ten betrifft, habe ich noch fol­gen­den link:
    http://www.nickles.de/c/n/deutsches-schulsystem-verschlaeft-die-zukunft-8785.htm
    Lei­der habe ich täg­lich den prak­ti­schen ein­blick in die the­ma­tik, da ich an einem gym­na­si­um beruf­lich zu tun habe. Es ist manch­mal zum schrei­en, was in den schu­len abgeht!
    Ciao…

  2. Ein Schul­fach Medi­en­kom­pe­tenz wäre viel­leicht nicht die schlech­te­ste Idee, die deut­sche Poli­ti­ker je hat­ten. Face­book, Goog­le und Stu­diVZ soll­ten nicht unkom­men­tiert toll gefun­den wer­den, ein­mal von der gene­rel­len Pro­ble­ma­tik abge­se­hen.

  3. Ein schul­fach medi­en­kom­pe­tenz zu schaf­fen ist von mei­ner sei­te gese­hen, dring­li­cher als für teu­er geld PISA-stu­di­en zu dis­ku­tie­ren und zu ver­brei­ten. Par­al­lel soll­te im sel­ben atem­zug gleich das schul­sy­stem auf bun­des­ebe­ne gestellt wer­den. Damit die­se klein­staat­li­che ver­wal­tungs­or­gie auf­hört. Da herrscht immer noch mit­tel­al­ter­li­ches gedan­ken­gut.
    Ciao…

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