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Medienkritik XCV: Ein Satz mit X: „POPCORN“ erklärt das Internet

In den späten 1990-er Jahren – das „World Wide Web“ war noch nicht ganz so furchtbar wie heute, was wohl auch damit zu tun hatte, dass es mit AOL, CompuServe u.a. starke kommerzielle Konkurrenz hatte – las ich einmal im Kindermagazin „Micky Maus“ eine begeisternde Werbung für den „Online-Auftritt“ des Heftes, das damals natürlich noch über CompuServe abrufbar war. Als ich am vergangenen Wochenende wieder einmal in den Neuerscheinungen am Zeitschriftenkiosk blätterte, fühlte ich mich in diese Zeit zurückversetzt, denn ich sah Ungewohntes:

POPCORN 2-2016

Das Fachblatt „POPCORN“ – die Website des Magazins datiert gegenwärtig offenbar noch von 2015 – will „fit fürs Internet!“ machen. Das verspricht doch eine Menge Spaß.

Es sind aber leider nur drei Seiten, zusammengefasst unter der Überschrift „Klick dich schlau! – Internet von A-Z“, es werden also 26 Stichworte über „das Internet“ kurz erklärt. Eins sei vorweg verraten: Es kommt ausschließlich das Web zur Sprache, den Rest „des Internets“ hält man bei „POPCORN“ offensichtlich für nicht bedeutsam. Dass der Anreißertext „Newbie oder Pro – völlig egal!“ lautet, ist allerdings nicht übertrieben; newbies finden das Schlauklicken (wo klickt man in einer Zeitschrift eigentlich hin?) sicherlich lehrreich und pros höchst amüsant.

Aber keine Sorge, werte newbies, es muss euch nicht peinlich sein, denn was ihr seid, erklärt man bei „POPCORN“ unter „N“:

„Du Noob“ oder „Was ein Newbie“! – Könnte als Beleidigung benutzt werden, ist aber meistens nur eine Feststellung. (Das glaube ich gern. A.d.V.) Denn unter „Newbie“ oder „Noob“ wird im Web ein Neuling bezeichnet!

Fein, fein – dass „Web“ und „Internet“ irgendwas miteinander zu tun haben, vermag der unbekannte Verfasser gerade noch zu wissen, aber den Unterschied leider nicht. In dieser durchdigitalisierten Welt ist das aber auch manchmal schwierig, die Internetsprache hält ja Einzug in alle Lebensbereiche. Zum Beispiel das Szenewort „Quelle“:

Im Internet bezeichnet man Seiten, aus denen man Informationen bekommt, als Quelle.

Ulkig, wie diese Jugend heute redet. Noch so ein kompliziertes Wort ist übrigens „Jubiläum“:

Olé. olé, olé! Auch das Internet feiert Feste – und es hatte 2015 allen Grund dazu: Da wurde die erste Website „info.cern.ch“ am 13. November 25 Jahre alt! Kaum zu glauben: Früher gab’s nur Schriften auf einer Website und keinerlei Fotos oder Animationen…

Kaum zu glauben. Warum erfindet denn irgendwer ein System zum Austausch von Nachrichten, bei dem man nicht mal Schmink- oder Katzenvideos sehen kann? Laaaaame!

„Lame“ erklärt „POPCORN“ leider nicht. Leet ist, was nicht lame ist. Was allerdings offensichtlich leet ist: Werbeblocker.

(…) Das Programm (sic! A.d.V.) „Adblock“ blockiert die blöden Popups (…). „Adblock“ gibt’s bei www.chip.de zum Runterladen! Installieren, öffnen – und zack: werbefrei…!

Es ist natürlich möglich, auf einem Portal wie chip.de, das vor potenziell trojanerbefallener Werbung selbst nur so strotzt und dessen Downloads gelegentlich eigens mit Malware angereichert werden, einen Werbeblocker herunterzuladen. Es ist natürlich nur auch keine besonders gute Idee.

Tut man es doch, erkältet sich vielleicht noch der Computer („V“ wie „Virus“):

So wie unser Körper sich einen Virus einfangen kann, kann das unser Computer auch. (…) Das Ziel eines Virus ist es (…), bestimmte Dateien oder gar die komplette Festplatte zu zerstören. (Genau, nur dafür sind Viren da. A.d.V.) (…) Ladet möglichst keine Programme von dubiosen Websites herunter.

Ja, wie denn nun? :-?

Man könnte meinen, der Autor der Internetanleitung leide unter Realitätsverlust; wenn nicht gar unter Realitäts-Verlust („R“):

(…) Internetsüchtige verlieren das „echte“ Leben völlig aus den Augen und leben nur noch in einer „virtuellen Welt“! Tipp: Begrenzt eure Internetzeit auf 1-2 Stunden am Tag – am besten mit einem Wecker, der euch sagt, wann Schluss ist!

Diese 1-2 Stunden kann man dann mit „Whatsapp“ („W“) auf dem „Smarthphone“ (sic! Seite 19), mit „Zocken“ („Z“), „Challenges“ („C“) auf „YouTube“ („Y“), „Facebook“ („F“) oder „Streamen“ („S“) verbringen. Auf YouTube gibt es immerhin spannende Dinge sehen, zum Beispiel – „Witzig!“ – das allererste Video, auf dem der Gründer von YouTube im Zoo vor dem Elefantengehege zu sehen ist. Roffel!

Ob es auch was zu „X“ gibt? Aber natürlich, die essenziell wichtige „X-Taste“:

Smileys und Abkürzungen mit dem Buchstaben „x“ sind im Web voll trendy. Beispiele: „xoxo“ oder auch der Smiley :x – beides soll Küsse(n) signalisieren!

Zu meiner Zeit wurden Küsse ja noch durch :* ausgedrückt. :x stand für etwas anderes – „meine Lippen sind versiegelt“, „ich sag‘ nix dazu“. Es tut mir wirklich ein bisschen leid, dass der unbekannte Autor es auf diese Weise erfahren muss, aber die Sekretärin hat auf Ihre Liebesschwüre also gar nicht mit einem Kuss reagiert.

Ebenfalls in dieser Ausgabe der „POPCORN“ zu sehen: Die „Blondine“ und „hübsche Düsseldorferin“ (ebd.) „Dagi Bee“ gibt ein doppelseitiges Interview ohne Worte, indem sie dumme Fragen (etwa „Magenknurren! Hunger! Schokolade!“) mit mindestens ebenso dummen („witzigen“) Grimassen beantwortet.

Mir fällt dazu übrigens auch eine witzige Grimasse ein. Leider hat mein Wecker gerade geklingelt.

MontagsmusikMusik
Wooden Shjips – Flight

Heute (Symbolbild)So mag ich meine Montage, ohne Reue, nicht allein; naja, zumindest nicht allein. Tempora mutantur, irgendwas läuft nicht ganz so falsch. Das muss dieses Altwerden sein, von dem so oft die Rede ist. Ich glaube, ich finde das ganz in Ordnung so.

Im deutschsprachigen Teil Twitters derweil sind Tweets über das Privatleben von Menschen inzwischen ein Trend. Allmählich überrascht es mich kaum noch, dass klassische Medien immer wieder Tendenzen auf Twitter mit „der Stimmung des Volkes“ verwechseln, obwohl das Volk eben auch vieles redet, dessen Kenntnis wohl kaum jemand für eine tatsächliche Bereicherung seines Lebens hielte. Wer sitzt in der Jury einer grauenvollen Sendung, die bereits gescheiterte Existenzen nach kurzem Aufblühen nachhaltig vernichtet? Wie alt ist die gegenwärtige Freundlin eines vor zwanzig Jahren vergleichs- wie überraschenderweise erfolgreichen Musikers? Wie teuer war die Frisur eines austauschbaren Berufsgesichts? Was hat das überhaupt alles zu bedeuten?

„Oh, was nicht wissen find‘ ich toll!“ (Patrick Star, c/o „SpongeBob Schwammkopf“).

ZEIT.de weiß indes: „Vinyl ist was für Hipster“. Es sei unmodern, friste ein Nischendasein und zahle sich kaum aus. Dabei geht es gar nicht immer um’s Geld, sondern um viel mehr.

Wooden Shjips – Flight (Live on KEXP)

Aber darauf müsst ihr schon selbst kommen.

Guten Morgen.

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt: Von allem (Content, Vernetzung, TTIP) zu viel

Gute Neuigkeiten: Der peak content ist erreicht, es gibt mehr Unsinn im Web als irgendjemand jemals konsumieren könnte. Schwafelt um euer Leben! Die Menschen sind eben noch immer nicht smart geworden. Kein Internet? Keine Heizung! Man kann so vieles – nicht nur Medienmacher – ans Netz hängen, vielleicht sollte man nur manchmal lieber darauf verzichten.

Verzichtbar auch: Wir haben jetzt vier miteinander verfemte CDUs, aber nur zwei Kreuze. Vielleicht ist Parteipolitik einfach nicht mehr zeitgemäß. Diese Zeit vergeht aber auch schneller als man es bemerken würde, in Supermärkten ist es bereits Ostern und dann ist auch bald schon wieder Weihnachten. Unklar ist nur die Zeit zwischen zwei Festtagen. Vielleicht sollte man einen zusätzlichen Feiertag im August einführen, damit der Einzelhandel nicht so lange darben muss. Das ist ja auch im Sinne der Bürger, denn ein Bürger, der eine florierende Wirtschaft nicht zu seiner Lebensmaxime erklärt hat, ist eindeutig ein Sonderling:

Sie könne sich die besonders starke Ablehnung in Deutschland nicht erklären: „Wenn eine Volkswirtschaft von TTIP profitiert, dann ist es Deutschland.“

Vielleicht ist manchem Menschen ein selbstbestimmtes, gesundes Leben ja doch noch ein wenig mehr wert als das Bruttosozialprodukt. Trotzdem: „Mein Schwanz bleibt ganz“, mein Kopf macht Platz. Heiteres Forderungsraten statt politischer Schlagkraft.

So geh’n die Deutschen, die Deutschen, die geh’n so.

KaufbefehleMusikkritik
KoMaRa – KoMaRa

KoMaRaWelch schöner Krach!

So gern ich mich auch mit musikalischem Wohlklang befasse, so gern schweife ich doch immer wieder ab. Manchmal, wenn Weltschmerz Schönes zu bitterem Witz werden lässt, ist Sanftheit vielleicht auch nicht das Rechte. Ein Hoch gibt es da auf Combos wie KoMaRa auszusprechen, die die Lust am Kontra ausleben.

KoMaRa sind die drei Herren David Kollar (slowakischer Experimentaljazzgitarrist), Paolo Raineri (italienischer Trompeter) und der Schlagzeuger Pat Mastelotto (King Crimson, Mr. Mister, Stick Men, HoBoLeMa, ToPaMaRa und manch weiterer Zeitvertreib), die sich 2014 zusammengetan haben, um gemeinsam einer bemerkenswerten Spielart modernen Jazzes ihren Tribut zu zollen. Ihr gemeinsames Debütalbum, das ebenfalls, glaubt man dem Internet, den Namen „KoMaRa“ trägt, war im Jahr 2015 in mancher Bestenliste zu finden und hat sich meiner Aufmerksamkeit dennoch bisher erfolgreich entzogen. Zeit, das zu ändern.

Pat Mastelotto, David Kollar, Paolo Raineri – KOMARA live in Prague 2014

Zwar sind vereinzelt mal geflüsterte, mal wie aus der Ferne gerufene Sprachbeiträge von Paolo Raineri und mit den Gaststimmen von Leashya Fitzpatrick-Munyon und Bill Munyon zu hören, aber „KoMaRa“ ist über weite Strecken hinweg ein Instrumentalalbum. Das ist prima, denn auf Gesang ist diese Musik auch keinesfalls eingestellt. Dumpfes Schlagzeug, düstere Elektronik und verstörende Trompeten ergeben eine Mischung, die den Kopf angenehm freibläst.

Bereits das erste Stück „Dirty Smelly“ – ein Titel, der das seltsame Coverbild dieses Albums ganz gut abbildet – verheiratet eine Free-Jazz-Adaption der 80er-Trilogie der eigens reformierten King Crimson mit Experimentalrock von Boris’scher Qualität, das folgende „37 Forms“ vereint nach beinahe harmlos jazzigem Beginn einen atmosphärischen Postrock mit RIO/Avant-Fetzen und Hardrockeinsprengseln. Eine bedrohliche Stimme murmelt etwas, das wie eine Verwünschung klingt, und wird sogleich wieder vertrieben von der irrlichternden Trompete. Übertroffen wird dieses herrliche Durcheinander schließlich vom dissonant-hektischen „Afterbirth“ und dem seltsam zerrissenen „God Has Left This Place“, das nach weiterem Murmeln übergeht in eine bizarre Klangwelt, deren mechanisch-blecherner Rhythmus immer wieder von verzweifelten Misstönen von Elektronik, Trompete und den beiden Ergänzungsstimmen zerschnitten wird. „I have to get out!“

Mit „Inciting Incidents“ – spoken words über Rauschen – findet dieses Album einen angemessenen Abschluss. Die Orientierungslosigkeit, die sich nach seinem Ausklingen einstellt, fühlt sich eigentlich gar nicht schlecht an.

Wahrlich: ein schöner Krach.

In den NachrichtenPolitik
Eine ganz linke Tour: Der aufgemischte Pöbel löst die Flüchtlingsfrage

Vor ein paar Jahren, als die Berliner Spitze nebst näherem Umfeld des damaligen linken Flügels in der Piratenpartei erst mit allerlei Kinkerlitzchen die politische Arbeit in der Partei gelähmt und sie anschließend energisch bloggend in Scharen verlassen hatte, kamen einige seiner weniger besonnenen Mitglieder bei der „Emanzipatorischen Linken“, kurz „Ema.Li“, unter und konnten selbstredend das Mausen nicht lassen: DIE LINKE aufmischen!!1; zur Hölle mit der Konsensdemokratie (sofern sie nicht ohnehin bereits dort ist), denn nur ein primus inter pares ist imstande, Wortführer in der „LINKEN“ zu sein. Manchmal wird man dann einbalsamiert und jahrzehntelang ausgestellt, das ist dann sehr schön, weil man immer wieder einen neuen Anzug bekommt, ohne sich bewegen zu müssen.

Mit Sahra Wagenknecht, einer prominenten Vertreterin der „Kommunistischen Plattform“ in der „LINKEN“ und regelmäßiger Fernsehgestalt, gibt es auch jemanden, an dem man sich orientieren kann. Eine „kluge Frau“, die „viel Schlaues“ daherrede und die ein ausgezeichneter „Grund“ sei, „DIE LINKE“ als kleinstes Übel zu wählen, sei sie, so heißt es in meinem Bekanntenkreis vielfach. Man müsse ja in diesen harten Zeiten dem Rechtsruck etwas entgegenhalten, um PEGIDA „und so weiter“ mehr entgegenzusetzen als nur ein empört gebrülltes „wir sind dagegen, dass die dagegen sind“. Im Herzen schon immer knallrot.

Flüchtlinge willkommen, jeder darf rein, wehret der Anfänge. Krawehl, krawehl. Wir schaffen das. Aber auch dieser Spaß hat Grenzen, nämlich spätestens dort, wo unsere ureigenen Tugenden der Überfremdung zum Opfer zu fallen drohen: Zwei Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan sollen einen Juden aus Frankreich auf der Insel Fehmarn beschimpft, bedrängt und beraubt haben. Zwei Männer, natürlich, dem Narrativ tut’s gut, aber mehr eben auch nicht. Unsere Juden beschimpfen wir aber dann doch lieber immer noch selbst, Linkssein ist ja auch nicht alles:

„Wer Gastrecht missbraucht“, sagt Wagenknecht, „der hat Gastrecht dann eben auch verwirkt.“ Das sei „ganz klar Position“ der Linken.

Das mit dem Aufmischen hat offensichtlich, wie gewohnt, hervorragend funktioniert, im Radikalisieren waren manche Strömungen schon in der Weimarer Republik die Meister. „Kriminelle Ausländer raus!“, so heißt’s bei der NPD Thüringen (Allergikerhinweis: NPD Thüringen), möchte man es dann doch nicht nennen, das ziemt sich nicht, wenn man „die linke Linke“ (Anja Maier von der „taz“ über Sahra Wagenknecht, allerdings 2011), zumindest aber „das Gesicht des linken Flügels der Linkspartei“ („WELT ONLINE“, März 2014) genannt wird und das nicht unbedingt ändern will. Nach zehn Jahren Angela Merkel sind klare politische Positionen endlich als unerheblich erkannt worden.

Mancher Leute Kopf ist rund, damit die Narrenkappe passt.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
System of a Down – B.Y.O.B. // Zu den Waffen!

KriegseuleEin Montagmorgen fernab vom längst gewohnten Beisammensein zählt zu den größeren Ärgernissen des Kalenders. Andererseits: Endlich mal Motivation, etwas zu bewegen (im Zweifel: sich). Sehnsucht, du Liebesteufel. Mit einem Teelöffel Zucker ist Schwermut manchmal erträglicher, aber die Rezession, Sie verstehen?

Wahrscheinlich nicht, denn die Nachrichten sind schon weitergezogen. Pleite sind immer noch alle, aber es stört keinen mehr. (Was macht eigentlich der Bundestrojaner?) Es ist ja auch nach Köln – im „Postcolognialismus“, witzelt man auf Twitter in ermüdender Häufigkeit – nicht alles furchtbar, wenn man nicht gerade in Berlin wohnt, denn endlich funktionieren auch deutsche Behörden wieder. Doch, wirklich!

BND und NSA setzen jetzt ihre gemeinsame Arbeit fort.

Die NSA zeigte sich immerhin entgegenkommend: Sie begründet nun, warum sie bestimmte Begriffe mitlesen möchte. Ach so, hat man da beim BND gesagt, na, wenn die NSA begründen kann, warum sie zum Beispiel jede Nachricht mitlesen möchte, in der „Emil“ steht, dann wird das schon seine Richtigkeit haben. Die wissen schon, was richtig ist. Die Telekom würde doch nicht einfach ihren Ruf verspielen.

BND und NSA setzen jetzt ihre gemeinsame Arbeit fort. Wer hat da „Russland“ gerufen? Ja, gegen den Klassenfeind müssen wir doch zusammenhalten, der überfällt einfach andere Länder und hat ein komisches Verständnis von Menschenrechten, ganz anders als der Westen. Die USA schauen derweil mal an der Grenze zu Nordkorea vorbei. Ein paar Friedensbomber zu Diplomatiezwecken, weiter nichts. Es ist, das sei gesagt, allmählich etwas schwierig, noch ein friedfertiger Mensch zu sein, dem Waffengewalt zuwider ist.

BND und NSA setzen jetzt ihre gemeinsame Arbeit fort. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Je désespérais. Habt ihr auch alle schon „Ich bin gegen Überwachung!“ in euren Twitteravatar geschrieben? Die Mumble-Demonstration findet wie immer um sechzehn Uhr statt. Es gibt Schnittchen.

Keine Fragen. Alles wird gut. Ein bisschen Lärm weht den Unmut sicherlich hinweg.

System Of A Down – B.Y.O.B (MTV EMA Music Awards 2005)

Schade. Hat nicht geholfen.

Guten Morgen.

In den NachrichtenNerdkrams
Medienkritik XCIV: Wie Dennis Schirrmacher einmal SSL nicht verstand

Manchmal, wenn bei „heise online“ keinem Redakteur mehr etwas zu irgendwelchen Kinoseifenopern einfällt (siehe hier, hier, hier u.a.), wagt einer von ihnen den geradezu frechen Vorschlag zu machen, man könne ja stattdessen etwas über diese komische Technik, von der gerade alle reden, berichten; hppt, Internett und wie das alles heißt. Dann kommt ein lustiger Artikel wie dieser hier heraus, dessen Autor Dennis Schirrmacher („Medienwissenschaftler“, zuvor bei der auch nicht viel besseren Zeitschrift „AUDIO TEST“ als Chefredakteur beschäftigt) schon in der Einleitung von einem Publikum ausgeht, das eigentlich auch viel lieber etwas über irgendwelche Filme lesen würde:

HTTPS-Webseiten wecken Vertrauen.

Da auch diese Webpräsenz hier, auf der ihr diesen Text lesen könnt, via https ausgeliefert wird (und damit wahrscheinlich eine „HTTPS-Webseite“ ist), bedeutet das, ihr könnt mir vertrauen. Ich habe mir nämlich ein Zertifikat installiert, mit dem ich nachgewiesen habe, dass ich Schreibrechte auf dem Webserver habe, und das dafür sorgt, dass die Übertragung mancher Daten zwischen euch und meiner Webpräsenz verschlüsselt wird. Damit weise ich weder nach, dass ich keine böswillige Software auf eurem Rechner installieren möchte (na – JavaScript noch aktiviert?), noch, dass ich identisch mit dem Kasper im Impressum bin.

Modern world

Aber in eurem Browser ist möglicherweise ein Schloss vor der Adresse zu sehen. Deswegen könnt ihr mir vertrauen.

Doch auch Online-Gauner können sich oft über Umwege vertrauenswürdige Zertifikate ausstellen.

Und zwar, indem sie für ihre Gaunerwebsite ein Zertifikat beantragen. Könnt ihr vertrauen, ist ein Schloss dran.

Nun haben Kriminelle das erste Let’s-Encrypt-Zertifikat genutzt, um Vertrauenswürdigkeit vorzugaukeln.

Was Dennis Schirrmacher hier „vorgaukelt“, möchte ich gar nicht weiter bewerten, aber offenbar stellt es für zumindest ihn eine berichtenswerte Neuigkeit dar, dass eine Zertifizierungsstelle (CAcert, StartSSL, Let’s Encrypt, …) gar nicht wissen möchte, was der Empfänger mit dem Zertifikat vorhat, so lange seine Anfrage valide ist. Ob die Kriminellen damit „Vertrauenswürdigkeit vorgaukeln“ wollen, weiß ich nicht, aber wenn sie über ein ausreichend viel technisches Wissen verfügen, um sturzfrei eine Website einzurichten, dann ist davon auszugehen, dass das Unsinn ist.

Online-Gauner waren in der Lage, sich eine Subdomain für eine legitime Domain einzurichten und dafür erfolgreich ein Let’s-Encrypt-Zertifikat zu beantragen, warnt Trend Micro.

„Online-Gauner“ – puh, wenigstens ist noch nicht von „Cyber-Gaunern“ die Rede – haben also die DNS-Einträge für eine „legitime Domain“ (wie genau sieht denn eine „illegitime Domain“ aus?) ändern und für die unter ihrer Kontrolle stehende neue Subdomain ein Zertifikat beantragen können, da die Zertifizierungsstelle grundsätzlich davon ausgeht, dass dir eine Domain, die du verwaltest, auch gehören darf. Die eigentliche Meldung daran ist, dass eine Domain offensichtlich teilweise mit vollen Rechten gekapert werden konnte. Das passiert nicht übermäßig selten, hat aber mit Zertifikaten erst einmal nicht besonders viel zu tun. Das ist Dennis Schirrmacher aber vermutlich (zu Recht) nicht interessant genug, eben weil es recht häufig passiert, und so glaubt er einen ganz anderen Skandal gefunden zu haben: Let’s Encrypt verteilt wie bisher auch CAcert und StartSSL kostenlos Zertifikate an Leute, denen eine Domain zu gehören scheint. Kreisch!

Das Anlegen einer Subdomain ist nicht ohne weiteres möglich. Denkbar wäre, dass die Online-Gauner auf irgendeinem Weg an die Zugangsdaten für die Domain-Verwaltung gekommen sind.

Ja, denkbar ist sicherlich richtig, höchstwahrscheinlich bis beinahe als gesichert anzusehen ist für einen anständigen Redakteur von „heise online“, der sich mit der Materie, über die er berichten soll, nicht so recht auszukennen scheint, eben zu spezifisch. Unter der Überschrift „CA als Filter für gefährliche Inhalte?“ – Spoiler: nein – findet er dafür schließlich doch noch einen Schuldigen daran, dass Kriminelle sich einfach irgendwelche Domains aneignen können:

Let’s Encrypt sieht den Aufgabenbereich einer CA nicht darin, Inhalte zu filtern.

Das ist aber ganz schön nachlässig von Let’s Encrypt, dass sie als Zertifikatsstelle nicht darauf achten, dass auf der zertifizierten Website kein Übel passiert. Man stelle sich vor, die Zulassungsstelle würde bei der Vergabe von Kennzeichen nicht dafür Sorge tragen, dass der Fahrzeughalter kein Übles im Schilde führt!

Was macht man nun eigentlich als einfacher Websurfer mit der Information, dass ein grünes Schloss in der Adressleiste des Browsers zu Dennis Schirrmachers Überraschung gar nicht bedeutet, dass da keine Kriminellen unterwegs sind? Die Lösung steht da eigentlich nur implizit:

Die Subdomain soll auf einen Server verweisen, der unter Kontrolle der Kriminellen steht und Werbung mit Schadcode verteilt.

Das wesentliche Problem mit dem Geschilderten ist also weder, dass „Online-Gauner“ eine Subdomain eingerichtet haben, noch, dass eine fiese Zertifizierungsstelle einfach Domains validiert, sobald man nachweist, dass man sie administrieren kann; das wesentliche Problem ist es, dass schädliche Werbebanner von dieser zertifizierten Domain ausgeliefert werden. Dagegen indes gibt es wirksame Abhilfe: Einfach einen Werbeblocker wie Adguard oder uBlock installieren. Natürlich ist in Dennis Schirrmachers Artikel davon allerdings keine Rede, denn „heise online“ will ja auch von irgendwas leben.

Der Artikel auf „heise online“ ist übrigens nicht über https abrufbar. Was das wohl bedeutet?

In den NachrichtenMir wird geschlechtPolitik
Typisch Claudia Roth

Die Modezarin der ehemaligen Friedenspartei „Die Grünen“ hat in ihrem denkfreien Raum eine einfache Antwort auf das allgegenwärtige Warum zu den silvestrigen Übergriffen einer afrikanischen Bande gegenüber Frauen in Köln gefunden:

„Es ist doch nicht so, dass wir jetzt sagen können, das ist typisch Nordafrika, das ist typisch Flüchtling“, sagte Roth im WDR. „Hier geht es um Männergewalt und hier geht es um den Versuch, eine Situation – Silvesternacht – auszunutzen, als wäre das ein rechtsfreier Raum.“ (…) Man dürfe aber nicht versuchen, die Vorfälle zu missbrauchen, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen.

Wir lernen zweierlei. Erstens: Eine Silvesternacht ist überraschenderweise kein rechtsfreier Raum. Genau genommen ist sie überhaupt kein Raum. Zweitens: Es ist nicht typisch Nordafrika, wenn Nordafrikaner sexuell übergriffig würden. Da dürfe man jetzt nicht pauschalisieren und von „Nordafrikanergewalt“ sprechen, als wären alle Nordafrikaner Gewalttäter. Natürlich ist das aber typisch Mann. Nur ein patriarchalischer Sexist oder Journalist würde diesen offensichtlichen Umstand bestreiten.

Es ist aber auch nicht so, dass wir jetzt sagen können, das ist typisch „Die Grünen“, das ist typisch Frau. Hier geht es um Claudia Roth und hier geht es um den Versuch, eine Situation – Vorfälle in der Silvesternacht – auszunutzen, als wäre das eine Werbefläche. Man darf jetzt auch nicht versuchen, diese Meldung zu missbrauchen, um Stimmung gegen die Grünen zu machen.

Die sind bestimmt gar nicht alle so doof.

Spaß mit Spam
Du hast knapp ein akustisches File erhalten dveh

Puh …

Knapp

… das war knapp.

In den NachrichtenMir wird geschlechtMontagsmusik
The Delta Saints – Heavy Hammer

Guten MorgenEs ist Montag. Hurra!

Und das Jahr beginnt schon schön: FreeBSD ist kein Spielplatz für Knallköpfinnen mehr. Sollen die sich doch weiter mit Linus Torvalds beschäftigen. – Es war indes, glaubt man der Presse, selten so überraschend wie heute, dass wir alle überhaupt noch leben, um den Wochentag und den Feminismus doof zu finden: „München entgeht IS-Anschlag“ titelte das lokale Quatschblatt am Wochenende, was eigentlich auch nur „ein nicht völlig ausgeschlossener Anschlag hat wie üblich nicht stattgefunden“ bedeutet. Die links daneben stehende, sichtbar kleiner betitelte Meldung, eine Frau schwebe nach einem Treffer durch eine Silvesterrakete in Lebensgefahr, findet mutmaßlich kaum Beachtung durch die Leserschaft. Die Frau hat ja auch Glück gehabt, es hätte ein Terrorist und nicht nur eine harmlose Rakete sein können.

Die Koalition aus SPD und CDU/CSU, die vor wenigen Wochen noch neue Panzerlieferungsverträge mit den Vereinigten Arabischen Emiraten genehmigt hat, ist derweil außer sich: Im Nachbarland werden ja Leute getötet! Wie barbarisch, diese Missachtung des Rechts auf Leben. Noch ein paar Sturmgewehre dazu?

Fein, dass wir noch leben. So können wir gemeinsam sein und schwelgen.

The Delta Saints "Heavy Hammer" Official Music Video from the new album "Bones"

Guten Morgen.

Persönliches
Honig im Kopf: Bummzisch, Neujahr 2016!

Laut, teuer und sinnlos, so muss Silvester sein. Die Deutschen freuen sich nicht leise, wenn der Kalender ihnen das schon mal gestattet, sie wollen laut und deutlich jedem, der es noch nicht wusste, zeigen: Seht her, wir sind doof. Von 2014 gelernt: Die im Dezember Verstorbenen, insbesondere die Sonderlinge, bekommen in den Föjetongs die ihnen zustehende Aufmerksamkeit, obwohl Jahresrückblicke zusammen mit den Schokoweihnachtsmännern schon im Oktober quasi durch waren. Sind ihre Namen wirklich wichtig?

Die „Stiftung für Zukunftsfragen“ ermittelte vor ein paar Tagen, dass über die Hälfte der Befragten im Jahr 2015 „angstvoll in die Zukunft“ blickte, dabei gibt es in der Gegenwart doch genug zu beklagen. 2015 haben wir verloren, unsere Freiheit und unser Miteinander. Dieser Weg wird kein lei- einfacher sein. Anders, nicht schlechter!

Manches war ja doch ganz schön. Mehr davon, nur ein bisschen mehr. Ein Leben voller Wochenenden mit ihr und Musik und überdies und vor allem ohne die Abers wäre wahrscheinlich wundervoll. Adler müsste man sein und weniger doof. 2015 war eben auch: Behäbiges Erkennen, was wichtig ist.

Schon seit Wochen werden gute Vorsätze angekündigt, als wolle man sich gegenseitig in der Zahl seiner Laster übertrumpfen; nur, wer weiß, dass er sich falsch verhält, kann den guten Vorsatz fassen, diesen Fehler nicht zu wiederholen, und spart sich dann doch lieber das komplizierte Nachdenken darüber, warum er nicht vor dem Silvesterabend damit beginnen kann. Und so sitzt man am Ende doch wieder umgeben vom Funkenregen, in dem so vieles verpufft, irgendwo im Halbdunklen und macht, was man ja irgendwie zuverlässig am besten kann: man vermisst. Silvestereinsamkeit ist schöner, wenn man sie nicht teilen muss.

Hallo, 2016. Du wirst es schwer haben.

In den Nachrichten
Keine Raketen.

Diese Nachricht zum diesjährigen Silvester schlägt ein wie eine Bombe: Keine Raketen in Brüssel. Diese Terroristen nehmen uns auch noch das letzte bisschen, woran wir noch Spaß haben; selbst den Eintausch von Geld gegen Dinge, die man anzündet und ihnen dann beim Explodieren zuguckt, wollen sie uns jetzt verleiden!!1!

Zum Glück bleiben Raketen, mit denen man Zivilisten sprengen kann, weiterhin vernünftigerweise erlaubt. Alles Andere wäre ja auch wirklich dumm von uns.

In den NachrichtenMontagsmusik
Lou Reed & Metallica – The View

HackereuleHach ja, der 32c3. Gestern wurde er offiziell eröffnet, die „Keynote“ hatte aber mit Hackertum nicht viel zu tun: Man müsste doch, man sollte mal. Wohl dem, der Durchhalteparolen grundsätzlich nicht ernst nehmen kann. Ach, Minderheiten – von wegen „Gender Pay Gap“: Ansonsten identische Produkte kosten mehr, wenn sie rosa sind. Auf Twitter spekulierten Frauen darüber, ob sie deshalb dumm oder naiv seien; dabei ist das Problem, dass Leute überteuerten Unsinn kaufen, kein geschlechtliches, sondern ein allenfalls kalendarisches. Für gesellschaftlich erwünschten Quark wie Weihnachtseinkäufe stehen sie da schon mal sechs Stunden im Stau. Der mündige Mensch will leiden.

Apropos Leiden: Es ist Montag; nicht irgendein Montag, sondern ein Montag, der zeigt, dass es auch anders geht. Mitunter fehlt zur Perfektion nur ihre warme Geborgenheit inmitten des hektischen Durcheinanders. Ich kann das nur empfehlen. Wohl dem, der die bessere Hälfte ist.

Und wohl dem, der den Montag mit etwas Miteinander und hernach mit etwas Rockmusik beginnt.

Lou Reed & Metallica – The View live

Guten Morgen.

FotografieSonstiges
#32c3

Ho ho ho

Alle bekloppt. Alle restlos bekloppt.

KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2015 – Favoriten und Analyse

Die bisher schönste Nachricht des Jahres 2015 war es, dass Phil Collins nie wieder ein Lied komponieren möchte. Das ist vielleicht in der gewaltigen Nachrichtenmenge völlig untergegangen; vor nicht allzu langer Zeit berichtete Stefan Niggemeier in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ davon, dass Claus Kleber anlässlich seiner Honorarprofessur beklagte, dass die Jugend zu einem bedeutenden Teil Nachrichten nur noch häppchenweise statt in vollständiger Darbietungsform zur Kenntnis nehme; im selben Artikel war davon die Rede, dass es Nachrichten also so gehe wie Musik. Offensichtlich ist die Jugend über die Schönheit aktueller musikalischer Kleinode gar nicht mehr informiert (das liegt bestimmt an den zu kurz zusammengefassten Nachrichten). Höchste Zeit also, dass wir uns wieder einmal mit der primasten Musik des Jahres 2015 befassen.

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