In den NachrichtenMir wird geschlechtMusikNetzfundstücke
Liegengebliebenes vom 7. November 2018

Zu niemandes Überraschung hat sich herausgestellt, dass es, gesellschaftlich gesehen, gar keine „Generationen“ gibt.


„Die Ostdeutschen stellen mit Erschrecken fest, dass das neue Deutschland der alten DDR immer ähnlicher wird, wenn die Eliten auf obrigkeitsstaatliche Mittel und Strukturen setzen, weil sie der Probleme nicht mehr Herr werden.“


Eine geradezu großartige Lösung für das Problem, dass Menschen neuerdings Plastik kacken, ist Thilo Spahl eingefallen: „Man könnte Schuhsohlen verbieten.“


Die F.D.P. hat die Nase voll von den guten Umfragewerten und versucht es wahrscheinlich darum jetzt mit Frauenförderung.


Bei „ZEIT ONLINE“ ist man empört von Horst Seehofer: „Der CSU-Vorsitzende zeigt sich unbeeindruckt von einem ZEIT-Bericht über seinen Rücktritt.“ Wie kann er es wagen‽


Jazz macht anscheinend wahnsinnig: „Desprez reitet die Stratocaster wie Hendrix, reißt dabei aber jede Hürde nieder.“


Ein Blick in die USA: Pfadfinderinnen verklagen Pfadfinder, weil diese sich künftig geschlechtsneutral nennen möchten.

NerdkramsNetzfundstücke
Die Siebziger sind da, sie möchten ihre Designentscheidungen mitnehmen.

Aus der Kategorie „nicht uninteressant“:

Wir leben im Jahr 2018 und unter Windows 10 kann man keine Dateien namens LPT3.txt anlegen, weil die Windows-NT-Reihe kompatibel mit möglichst viel alter Software sein möchte und der Entwickler von CP/M, dem Urahn von MS-DOS, die Idee von UNIX, dass auch Geräte (und somit auch der Parallelport) als Dateien abgebildet werden, vor 44 Jahren übernommen hat.

Das könne mit einem modernen System wie Linux nicht passieren? Stimmt, denn einer der bis heute bestehenden seltsamen Standards in der Linuxwelt, dass nämlich manche (gelegentlich: alle) Binärdateien unter /usr/bin statt, was sinnvoller erscheint, unter /bin liegen, ist noch etwas älter: Weil auf dem Systemlaufwerk der PDP-11, auf der Unix ab 1971 entwickelt wurde, der Platz ausging, wurden so lange Programme und Bibliotheken auf das „Benutzerlaufwerk“ verschoben, bis wieder genug Platz war.

Sind also alle relevanten Dateihierarchien kaputt? Nein, richtig macht es neben Plan 9 und seinen Distributionen und Forks, unter denen /usr als Benutzerordner reserviert ist, ausgerechnet Apple mit macOS, dessen aus NeXTSTEP übernommenes Dateisystem wenigstens logisch aufgebaut ist.

Vielleicht sollten wir die EDV einfach ganz abreißen und noch mal von vorn anfangen.

In den NachrichtenMontagsmusik
Wang Wen – Angelo’s Portrait // Yoga für die SPD

Schneeflöckchen, Weiß- SCHUHUH!Es ist Montag. Auf nichts ist mehr Verlass, selbst ein Kilogramm ist jetzt anders. Ich kann so nicht arbeiten, aber leider akzeptieren Arbeitgeber solche Vorkommnisse selten als Grund für ein Fehlen.

Ein viel besserer Grund für ein Fehlen: Man wird erschossen. In Florida zum Beispiel ist das neulich in einem Yogastudio passiert, was wieder einmal belegt, dass Yoga nicht entspannt, sondern eher furchtbar aufregt.

SPD-Vorstand Thorsten Schäfer-Gümbel, schreibt die „ZEIT“, „führte die Probleme der Partei auf eine programmatische Leere zurück“. Es ist beruhigend, dass das Fehlen jeglicher eigener Inhalte jetzt auch den Parteimitgliedern selbst auffällt. In einer besseren Welt stimmte sie anstelle der Piratenpartei demnächst über ihre Zukunft ab.

Wer das Passwort von jemandem herausfinden möchte, der könnte versuchen, ihn einfach danach zu fragen. Dieses Recht auf einen Internetzugang ohne Nachweis grundlegender Sicherheitskenntnisse wird uns allen noch mal große Probleme bereiten. Aber das ist ja alles die Zukunft, gegen die Zukunft kann man ja nichts machen. – In der Zukunft werden alle nur noch fliegen. Vielleicht hören sie dabei, ihren Hauspandabären – denn in der Zukunft wird jeder einen Pandabären besitzen – auf dem Schoß, sogar ein wenig Musik.

Zum Beispiel diese:

Wang Wen – Angelo's Portrait

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Narcosatánicos

NarcosatánicosLange nichts mehr über Musik geschrieben.

Aus Aarhus (Dänemark) stammt das wenig geheimnisvoll heißende Noiserocksextett Narcosatánicos, dessen anscheinend namenloses („selbstbetiteltes“) Debütalbum (Amazon.de, Bandcamp.com) im Mai 2014 erschienen ist und ungefähr die Art von Musik enthält, die man bei diesem Namen erwarten würde. Das klingt vorhersehbar und langweilig? Nein, mitnichten.

Von den „Noisespezialisten“ (Jim Carroll) Einheitlichkeit zu erwarten hätte sich ohnehin schon nach den ersten paar Minuten des Albums erledigt, wenn das erste Erstaunen über die eigenartige Stilmischung aus Postpunk und Jazzrock verflogen ist. Die Saxophoneskapaden von Zeki Jindyl durchziehen zwar das ganze Album, aber Schubladen sind hier höchstens mit dem Brecheisen zu halten.

NARCOSATANICOS nausea █▬█ █ ▀█▀

Wenn es unbedingt ein Mehrheitsstil sein muss, wäre psychedelischer Krautrock womöglich ein vernünftiger Vergleich („Truckstop Prostitute“) – das Stück „Halluzinationsrausch“ klingt auch so, wie es heißt. Aber bereits „Filth“ wechselt unversehens die Spur: Ich höre Primus und Green Jellÿ, weigere mich aber auch, das Stöhnen und das berstende Glas zu kategorisieren. Begleitet wird das nicht mal schlecht klingende Crossover-Durcheinander mit einem melodischen Fundament aus Jazz. Ich mag Jazz. Das klingt verwirrend beim Lesen, aber prima beim Hören.

Es ist nicht alles schlecht in Dänemark.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: VAK – Budo

VAK - BudoLange nichts mehr über Musik geschrieben.

Im Jahr 2008 gründete Schlagzeuger und Perkussionist Vladimir Mejstelman in Frankreich, dem Heimatland des Zeuhls, eine Musikgruppe namens VAK, die gelegentlich eine neue Besetzung bekam, aber wenig veröffentlichte. 2018, inzwischen als Quartett, veröffentlichte sie ihr erstes Vollzeitalbum „Budo“ (Bandcamp.com). Für die drei Stücke zwischen acht und fast 28 Minuten Länge empfehle ich im Voraus etwas Geduld.

Von den Genreinitiatoren Magma, an denen Zeuhlbands teilbegründet gefälligst gemessen zu werden haben, unterscheidet VAK vor allem der Vokalteil: Sängerin Aurélie Saintecroix arbeitet weitgehend textlos und ohne mehrstimmigen Chor (den sie allerdings auch nicht nötig hat), die Instrumentalisten spielen währenddessen einen angenehm dichten Jazzrock, in den auch mal eine E-Gitarre hineinschneiden darf. Ich finde Gefallen am Gehörten.

Nichts zu meckern? Doch, klar: Bedauerlicherweise gibt es „Budo“ derzeit nur als digitales Album (also ohne physischen Tonträger) zu kaufen. Wer auf diese sowieso keinen Wert legt, der möge sich schämen, aber sich „Budo“ unbedingt zulegen. Ich kann mir schlechter ausgegebenes Geld vorstellen.

In den NachrichtenPolitik
Kurz angemerkt zu Friedrich Merz

Während altgediente Parteibonzen mit (nach Abzug von Steuern) deutlich fünfstelligem Monatseinkommen die SPD mit dem Vorschlag zu retten versuchen, man könne doch mal „emotionale Bürgernähe“ (ebd.) vorspielen, rotiert es in der Union nach der Ankündigung Angela Merkels, dass sie keine Lust mehr auf den Mist habe, woraufhin ausgerechnet Alexander Graf Lambsdorff seine Sorge um die „Achse der Vernünftigen“ aus „Deutschland, Frankreich und Spanien“ – Spanien war das Land, dessen Exekutive noch vor nicht langer Zeit Katalanen wegen einer Bürgerbefragung verprügelte – bekanntgab, personell immer noch so geschwind, dass ich mir einen weiteren Satz zur Kandidatenliste dann doch nicht mehr sparen möchte, denn außer Jens Spahn, einem ausgewiesenen Experten dafür, wie man mit möglichst wenigen Worten möglichst viele Geringverdiener verabscheut, hat auch Friedrich Merz, geistiger Vater deutscher Leitkultur und grundsätzlich lobenswerter Befürworter eines Ausstiegs aus dem Ausstieg, was gerade 2018, da der Stromverbrauch von Spielgeldmachern die Nichtüberflutung des Planeten gefährdet, vielleicht nicht unbedingt als unbedachtes Ärgernis verstanden werden sollte, seine Kampfkandidatur angekündigt, um ihr – der Partei – die Würde zurückzugeben, wofür er sich als bekannt Konservativer fraglos eignen mag, denn es scheint zumindest denkbar, dass diejenigen, die sich wegen fehlenden Konservativismus von der CDU ab- und der AfD zugewandt haben, seinetwegen wieder Hoffnung in erstere Partei setzen, so schrecklich uns eher liberalen Gestalten, die wir gleichfalls die CDU nicht wegen des Vorstandes, sondern wegen der programmatischen Ausrichtung nicht wählen, das auch vorkommt, woraufhin ihm Menschen, die ohnehin niemals die CDU wählen würden, aber anscheinend dennoch sehr besorgt darum sind, wer der ihr eh egalen Partei künftig vorstehen darf, vorwarfen, dass er bislang lieber Geld verdient als sich politisch betätigt habe, als sei das in Deutschland heutzutage nicht sowieso fast nicht voneinander zu unterscheiden; dass er, Merz (63), aber mitteilte, er spreche zwecks Verjüngung der CDU bereits mit seiner Mitbewerberin Annegret Kramp-Karrenbauer (56), erklärt meines Erachtens ausreichend wortreich, worin eigentlich das Problem liegen könnte, das Parteipolitik gerade in „Volksparteien“, was auch immer das schon wieder sein soll, so rostig und alt erscheinen lässt.

In den Nachrichten
Säkularismus wann anders. (2)

Apropos Kirche; während die vorgeblich ökumenische CDU, aus dem Bundestag partout nicht wegzuoxidierende Ausgründung der katholischen Zentrumspartei und somit auf eine lange nationalistische Tradition zurückblickend, medial wie meist aus personellen statt aus programmatischen Gründen mit gehobener Augenbraue begleitet wird, reisen andere Staaten vorwärts in die gesellschaftliche Jetztzeit:

Die irische Bevölkerung hat sich mit deutlicher Mehrheit für die Abschaffung der Strafbarkeit von Blasphemie ausgesprochen. Ausgerechnet das katholisch geprägte Irland zeigt sich so fortschrittlicher als einige andere europäische Länder, in denen es noch Blasphemie-Gesetze gibt – unter anderem Deutschland.

Ist Irland jetzt eigentlich noch Teil dieses christlichen Abendlandes und nach wie vielen Jahrhunderten Wissenschaft hört das endlich auf?

In den NachrichtenMontagsmusik
Phideaux – We Only Have Eyes For You // Freiburger Folgen

Wird langsam kalt.Es ist Montag. Dieses Video aus den eher fragwürdigen Kreisen des Internets bitte keineswegs teilen, stattdessen zum Beispiel einen Pandabären adoptieren. Ein Narr, wer sie meidet.

Apropos Narren: In Hessen wurde gewählt. Andrea Nahles, berichtete die „WELT“ noch am Abend, stelle Bedingungen für die Fortführung der Koalition mit der CDU/CSU. Ich vermute, wenn man diesbezüglich keine weiteren Informationen erhält, liegt es daran, dass die Adressaten sich tot gelacht haben. – Weit weniger zum Lachen scheint es zu sein, dass aus den „Simpsons“, einer Serie, deren Humor von der grotesken Überzeichnung US-amerikanischer Klischees zehrt, demnächst eine Figur entfernt werden soll, weil sie eine groteske Überzeichnung eines Klischees darstelle. Ich bin einigermaßen entsetzt.

Nicht weniger entsetzlich: Die UNICEF spricht sich auch weiterhin für die Genitalverstümmelung von Kindern aus. Allerdings sind von dieser Haltung natürlich Mädchen ausgeschlossen. Bei Mädchen macht man so was nicht. Diejenigen, die solche archaischen Riten grundsätzlich für bewahrenswert halten, haben es allerdings künftig in manchen Gegenden noch etwas schwerer: Nachdem und weil, je nach Quelle, zwischen acht und fünfzehn überwiegend aus nicht sicheren Staaten stammende Herren sich im „als linksliberal geltenden“ („ZEIT ONLINE“) Freiburg an einer Achtzehnjährigen vergangen hatten und aus Protest gegen das genau Falsche umgehend eine Demonstration „gegen Rechte“ (Allergikerwarnung: „Tichys Einblick“) einberufen wurde, würde der Tübinger Oberbürgermeister gern abgelegene Lager einrichten lassen. In den Geschichtsbüchern wird von der Ursache zur Wirkung voraussichtlich wieder nur wenig zu finden sein.

Andererseits ist Geschichts- auch eine Art von Bildung und steht somit auf dünnem Eis: „Für Deutschland keinen Finger krumm, 20 Semester Minimum!“ Das muss dieses Akademikertum sein, von dem immer alle reden.

Dennoch sollte auch diese Woche nicht trübsinnig beginnen. Wie wäre es mit etwas Gymnasiastenmusik?

Phideaux – We Only Have Eyes For You (Single Version)

Guten Morgen.

In den Nachrichten
Europäische Kirchen erleichtert: Kinderschändung endlich Menschenrecht!

„Der Bote Allahs heiratete mich, als ich sieben Jahre alt war. Der Erzähler Sulaiman sagte: oder sechs Jahre. Er schlief mit mir, als ich neun Jahre alt war.“
— Aischa bint Abi Bakr, dritte und jüngste Frau Mohammeds, zitiert im Buch der Ehe


Unter meinem gestrigen Text über die lustigen Satiriker des Landes und ihr fehlendes Verständnis für eine gesunde Bewältigung der Vergangenheit, insbesondere aber in den Kommentaren unter demselben war ich versehentlich davon ausgegangen, dass dies hier immerhin Deutschland und damit Europa sei und eine gewisse Kunstfreiheit, über deren Grenzen lediglich zu wenige Diskussionen geführt würden, damit gewährleistet sei. Gerade wegen der Vorfälle um Charlie Hebdo sollte man zumindest davon ausgehen, dass eine „wehrhafte Demokratie“ (BVerfG) das Recht auf den ganz persönlichen Irrsinn nicht der Pflicht zur Nutzung des gesunden Menschenverstandes überordnen werde.

Aber, ach, nous ne sommes plus Charlie:

Den Propheten Mohammed zu diffamieren „gehe über die zulässigen Grenzen einer sachlichen Debatte hinaus“ und „könnte Vorurteile anfachen und religiösen Frieden riskieren“ und überschreite daher die zulässigen Grenzen der Freiheit des Ausdrucks, entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte am Donnerstag, womit er sich der Entscheidung eines niedrigeren Gerichts anschloss. (…) Einer Stellungnahme zufolge, die der Gerichtshof am Donnerstag veröffentlicht hat, sei das Wiener Landesgericht für Strafsachen der Ansicht, dass [ihre Äußerungen] den Eindruck erweckten, dass Mohammed pädophile Neigungen gehabt habe, und verurteilte Frau S. im Februar 2011 für das Verunglimpfen religiöser Doktrinen.

(Abscheuliche Übersetzung von mir.)

Wenn nun aber nur mehr gelehrt werden darf, was keinem Religiösen missfällt, dann steht es um die Rechte Homo- und Mehrsexueller, die Lehre von der Genderei, die Evolutionstheorie und überhaupt die Möglichkeit eines Austritts aus einer Kirche, in die man meist hineingesteckt wird, ohne zunächst seine Zustimmung erteilen zu können, demnächst nicht mehr ganz so gut. Nicht alles davon bereitet mir Sorge; dennoch empfinde ich das Gerichtsurteil als Verletzung meiner wissenschaftlichen Gefühle und verlange Genugtuung. Ich weiß nur noch nicht, welches Gericht dafür zuständig wäre.

Vermutlich ein kirchliches.


„Man muss auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.“
— Carlo Schmid

In den Nachrichten
Gute Juden, schlechte Juden (2): Weltverschwörung royale

Nach meinen Ausführungen zu den „#unteilbar“-Demonstrationen (ohne Raute keine Demonstration, so will es das Gesetz) wurde ich gelegentlich entrüstet gefragt, wie ich denn darauf komme, dass dort, bei der ausgerechnet von Jan Böhmermann, dem nicht gerade als rechts geltenden Mario Barth für Twitternutzer, beworbenen Demonstration, in nennenswertem Umfang Antisemitismus zu finden sei.

Nun wäre es sicherlich allzu naiv, einer Gesellschaft, die Martin Sonneborn witzig findet, zu unterstellen, sie verfüge über Reflexion und Einsicht. Und siehe, die Welt ist klein:

Oliver Polak beschreibt, wie er nach einem Stand-up-Auftritt einmal „ironisch“ von drei Kollegen von der Bühne gejagt wurde. Während er abging, spielten die anderen, wie sie sich vor ihm ekelten. Einer holte ein offenbar zu diesem Zweck hinter einem Sofa platziertes Desinfektionsmittel hervor und fragte die anderen: „Habt ihr ihm die Hand gegeben?“ Dann besprühte er ihre Hände, um sie zu desinfizieren. (…) Böhmermann ist der Mann mit dem Desinfektionsspray.

Wenn der Faschismus wiederkommt, wird er sich nicht als Faschismus oder als Antifaschismus vorstellen. Er wird sagen: „Ich bin die lustige linke Satire.“

In den NachrichtenWirtschaft
Wohlstandskinder googlen gegen Gentrifizierung (2): Linke, ganz progressiv das Bestehende bewahrend.

Wie ich fast ohne eigenes Zutun erfahren konnte, haben die Bewahrer des Kiezes in Kreuzberg gewonnen, denn Google werde nun doch kein eigenes Projekt im Umspannwerk installieren, wie es heißt. Stattdessen werden dort zwei innovative Unternehmungen einziehen, nämlich der Sozialarbeiterverein „KARUNA“ und die Bettelorganisation „betterplace.org“, deren Name den kreativen Gestaltungswillen ihrer Häuptlinge vermutlich ganz richtig wiedergibt.

Auf Twitter, wo man das eben so macht, freut sich nur die F.D.P. nicht so recht, ansonsten ist weithin Jubel zu vernehmen, dass man es wieder einmal geschafft hat, ein Unternehmen fernzuhalten, das keines der Ihren ist. Dass die beiden Nichtgoogles für eine Verbesserung der sozialen Situation ihrer neuen Nachbarn kaum kämpfen können und sich somit allenfalls als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eignen, ist wohl auch genau so gewünscht. Dass das linksradikale Bündnis „Besetzen“ – noch so’n Kreativitätssieger – mit seinem Sieg der konservativen Spießigkeit über Fortschritt und Veränderung so nebenbei mal wieder belegt hat, dass die Hufeisentheorie stimmen könnte, ist ein Aspekt, der medial zu wenig Aufmerksamkeit erfährt.

Wenn das links ist, überraschen mich meine Wahl-O-Mat-Ergebnisse noch ein bisschen weniger als sowieso schon.