KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Sounds Of New Soma – Moebius Tunnel

Sounds Of New Soma - Moebius TunnelWas verbindet man mit Krefeld?

Was auch immer hier die erste Antwort gewesen sein mag, sie lautete wahrscheinlich nicht „Krautrock”. Genau solchen aber bringt seit einigen Jahren das Krefelder Duo Sounds Of New Soma („Klänge des neuen Körpers” o.s.ä.) hervor. Das 2016 veröffentlichte Album „Moebius Tunnel” (Bandcamp.com, Amazon.de) legt hierüber ein Zeugnis ab, das kaum überhört werden kann. Die Eckdaten versprechen schon Freude: Gemastert wurde „Moebius Tunnel” von Eroc, dem früheren Schlagzeuger und späteren Nachlassverwalter der Hagener Krautrockmeister Grobschnitt.

Die Titel allein sprechen eigentlich bereits für sich: Das erste Stück heißt „Lysergdelfin” und klingt auch genau so.

Sounds Of New Soma – Lysergdelfin

Ansonsten dominieren vor allem Space- und Psychedelic Rock: Das folgende „Kosmonautenglück”, das „Lysergdelfin” klanglich in den Weltraum verfrachtet, stimmt den Hörer auf „Subraumverzerrung” ein, das sich mit seinem treubenden Rhythmus den grandiosen Hawkwind und deren Weggefährten weiter annähert. „Stech/Apfel” ergänzt Geräusche, die mich an eine Sitar erinnern, allerdings kann ich die fernöstlichen Instrumente bislang noch nicht immer zuverlässig auseinanderhalten.

Im Überelfminüter „Morgengebet”, für Religionsallergiker mit erfreulich fehlendem spirituellen Bezug, wird aus einem elektronischen Blubbern eine ausgedehnte Gedankenreise, auf der man sich plötzlich und überraschend wiederfindet. Mit „Neuland” – es war 2016, da ging das noch – klingt das Album leise und wiederum mit fernöstlichem touch aus.

Hat man das alles schon mal irgendwo gehört? Na klar! Ist es deshalb schlecht? Natürlich nicht! „Moebius Tunnel” gefällt und entspannt; und ist das nicht alles, was zählt?

Netzfundstücke
Den Kapitalismus einfach austrinken (2)

Was das „Neue Deutschland” kann, kann „Telepolis” schon lange:

Vor 50 Jahren begann nach der Entstehung der Hippiebewegung im Laufe der 1960er Jahre die von linker Gesellschaftskritik getragene Revolte der jungen Menschen, die Studentenrevolte. (…) Mit dem „68er-Kaffee” wollen wir einen Blick zurückwerfen, auf Träume, Aufbruchswünsche, Utopien und eine Lust auf Revolte und Befreiung, die sich eher in Form von Nebenwirkungen gesellschaftlich durchgesetzt haben. (…) Wir beginnen mit zwei exklusiven Sorten: Patuca, einem Filterkaffe aus Honduras, und Boqueron, einen Espresso aus Brasilien, Peru und Mexiko.

Kaffché

Hasta la victoria siempre.
Ché Guevara

In den NachrichtenWirtschaft
Kurz angemerkt zur lästigen „ver.di”-Gewerkschaft

Unter dem Eindruck des zweifellos gegebenen Umstands, dass unsereins von der Gewerkschaft „ver.di” medial nur dann etwas mitbekommt, wenn diese wieder einmal Menschen, die eine anständige Ausbildung bekommen haben und sich daher bei Gehaltsknappheit nicht etwa aus Protest ganze Städte einen Tag lang zu entwirtschaften erblöden, auf dass diese entwirtschafteten Städte plötzlich mehr Geld aus dem Hut zaubern, sondern einfach den Arbeitgeber wechseln, mittels Blockade öffentlicher Einrichtungen wie etwa des Nahverkehrs daran hindert, einer geregelten Arbeit nachzugehen, mit der letztendlich auch die anscheinend immer noch überhöhten Gehälter der pfeifenden Pfeifen bezahlt würden, kann ich mich der Vermutung nur noch schwer erwehren, dass die baldige Überflüssigmachung von Gewerkschaften mithilfe von die bisherigen Arbeitsplätze der Streikhammel besetzenden Robotern, die einfach ihre Arbeit verrichten und die Fresse halten, statt ihre Stellung zu missbrauchen, um vernünftig Gebildeten finanziell zu schaden, eine Aussicht ist, die mir erstaunlich große Freude bereiten wird.

In den NachrichtenMontagsmusik
Field Music – Count It Up // Auszuhaltende Fakes.

Endlich wieder zu hell!Es ist Montag. Die Sonne scheint, die Innenstädte riechen endlich wieder nach Menschen. Aus unklarem Grund sind andere Menschen darüber nicht unerfreut und begeben sich, bizarr gekleidet, in die Eisdielen, denn die ersten Sonnenstrahlen leiten nicht nur zu warmer, sondern auch zu kalter Speise ein. Eigentlich ist also alles wie noch im Winter, nur die Pandabären finden keinen Schnee mehr zum Spielen. Das ist ein bisschen bedauerlich.

Für Schnee ist aber auch ein anderes Land bekannter als das unsere, passenderweise tobte um es in der vergangenen Woche abermals eine Medienschlacht von angemessen fehlender Tiefe. Russland nämlich ist, glaubt man den Medien, das einzige Land, dessen Spione einen Mord mithilfe des allertödlichsten Gifts überleben. Rasputin war ein Witz dagegen. Liegt es am Wodka oder sind einfach nur die Medien nicht mehr ganz nüchtern? – Der grundsätzlich lesenswerte Hal Faber behauptete auf „heise online” in seiner wöchentlichen Rückschau, die von „Russia Today” getroffene Annahme, Carles Puigdemont sei politischer Gefangener gewesen, sei ein „auszuhaltender Fake”, ohne das freilich zu begründen. Die Nennung von „Russia Today” als Quelle muss Qualitätsmedien als Argument genügen.

Ein letzter Blick ins Inland: Fefe stellt fest, dass München sich vor allem darin von Berlin unterscheide, dass dort auch mal Dinge repariert und nicht nur kaputtgemacht werden, was über Berlin alles mitteilt, was man wissen sollte, wenn man noch nie dort war.

Wir brauchen, las ich gestern, mehr Menschenschutzvereine – und immer und auf jeden Fall auch: mehr Musik.

Field Music – Count It Up (Official Music Video)

Guten Morgen.

In den Nachrichten
Nachtrag zur Arbeitsweise deutscher Medien nach Anschlägen

Vorhin ist in Münster ein Mensch mit einem Auto in andere Menschen reingefahren und hat sich anschließend erschossen. Dennoch kommt er in der medialen Darstellung nur als zufällig hinter dem Steuer sitzende Person vor.

„ZEIT ONLINE”:

Ein Auto ist in der Altstadt von Münster in eine Gruppe von sitzenden Personen gefahren.

„RP ONLINE”:

Den Angaben zufolge soll ein Kleinlaster in eine sitzende Menschengruppe gefahren sein.

„WELT ONLINE”:

In Münster ist ein Kleintransporter in eine Menschengruppe gefahren.

„SPIEGEL ONLINE”:

In Münster ist ein Kleinlastwagen in eine Gruppe von Menschen gefahren: Es gibt mehrere Tote und Verletzte.

„Frankfurter Allgemeine”:

In Münster hat es mehrere Tote und Verletzte gegeben, als ein Auto in eine Menschenmenge gefahren ist.

„Süddeutsche Zeitung”:

In Münster ist ein Kleintransporter in eine Menschenmenge gefahren.

Was zu beweisen war.

In den Nachrichten
„Ich brauch keine Ausbildung, ich mach YouTube” des Tages

Aus irgendeiner sehr zynischen (nämlich: meiner) Sicht ist das wundervoll: YouTube dreht YouTuberin, die Videos über Ernährungsesoterik macht, wie vielen anderen Videomachern auch das Geld ab, prompt sieht sie sich gezwungen, statt großen Geldregens in ihrem Auto zu leben. Etwas später schießt sie in der YouTube-Zentrale, augenscheinlich vor allem erbost darüber, dass sich ihr eigenes Können darauf beschränkt, sich beim Sülzen zu filmen, um sich, tötet dabei jedoch vorerst nur sich selbst, denn auch als Schützin ist sie miserabel. Offensichtlich verroht YouTube die Jugend und die CDU sollte es dringend im Auge behalten.

Bonuspointe:

In einer Stellungnahme teilte die Polizei von Mountain View mit, dass Beamte Aghdam am Dienstag gegen 2 Uhr morgens schlafend in ihrem Auto vorgefunden und ihr eine Reihe von Fragen gestellt haben, darunter, „ob sie eine Gefahr für sich oder andere darstelle.”

(Übersetzung von mir.)

Wer wäre denn da so blöd, die Wahrheit zu sagen? :irre:

Persönliches
Die Masken in ihren Köpfen

Da stehen sie und lächeln und man sieht, dass es nicht stimmt. Sie tragen Masken hinter ihrem Gesicht, denn mit Authentizität kommen sie in ihrem Streben nach möglichst viel Haben bei möglichst wenig Soll nicht weiter und sie wissen das. Ein käuflicher Charakter strahlt nur Kälte aus, diese Kälte kann man riechen.

Jäger sein oder Beute? Wer nicht jagt, dem lassen sie keine Chance. Dass man sich in Unternehmen anders, als es Hollywood vormacht, meist nicht hochschlafen kann, das haben sie schnell verstanden. Dass man sich stattdessen jedoch, sicherlich für alle wesentlich angenehmer, hochlügen kann, sei es beruflich oder gerade auch privat, das wussten sie im Grunde ihres steinernen Herzens seit ihrer Geburt. Sie sind Blender und dies ist ihre Chance.

Sie haben sich angepasst an das, was sie für eine Gesellschaft halten, in der sie leben möchten. Man solle doch mitmachen, sagen sie, und nicht immer so viele Fragen stellen, denn nur dann sei man willkommen. Die Gesellschaft habe halt Regeln, die seien jetzt halt so und niemand hat die Macht, sie zu ändern. Ob das nicht unaufrichtig sei? Na klar sei es das, aber man habe ja auch etwas davon, nämlich könne man sein Leben mit all den anderen Blendern verbringen und der Mensch sei nun mal ein soziales Wesen. Was das denn bedeute? Wie – das wisse man nicht? Dann sei ohnehin alles verloren.

Man erinnert sich an den Jungen in der Grundschule, der für ein bisschen zusätzliches Taschengeld Regenwürmer gegessen hatte, und lächelt wissend zurück.

In den NachrichtenNerdkrams
Kurz angemerkt zu 1.1.1.1

Natürlich kann man seinen DNS-Anbieter vom weltgrößten Anbieter von Onlinereklame – nämlich Google – zu einem US-amerikanischen Anbieter von so Cloudkram umziehen, wie es „heise online” aktuell vorschlägt, weil die IP-Adresse so schön kleine Zahlen hat, aber aus Datenschutzsicht ist es die mindestens zweitdümmste Idee, einem Unternehmen, das einen Großteil der Tor-Nutzer für potenzielle Bösewichte hält und entsprechend aussperrt und gleichzeitig qua Gesetz eine Schnittstelle für US-amerikanische Geheimdienste anbieten muss, auf dass diese wissen mögen, welche Websites man denn so aufzulösen gedenkt, seine Surfgewohnheiten sozusagen frei Haus zu liefern.

Mir wird geschlechtMontagsmusikNetzfundstücke
Birth of Joy – You Got Me Howling

Der Osterhase hat eine Eule versteckt.Es ist Montag. Daran hat gestern mal wieder niemand gedacht und auch heute tun es nur wenige, denn es ist Feiertag. Irgendwo in Südeuropa standen zu viele Menschen und ließen einen alten Mann einen Zauberspruch aufsagen. Ab morgen gilt aber wieder, begleitet von täglichem Geläute, dass wir in einer aufgeklärten Zeit leben und Sekten im Wortsinne brandgefährlich sind und unbedingt gemieden werden sollen, denn nur Dumme lassen sich so leicht verführen, wenn’s nicht gerade der Papst versucht. Es irrt der Mensch, solang er strebt.

Gestern war im Übrigen der 1. April, sicherheitshalber habe ich also alle Qualitätsmedien ungelesen belassen und mir lediglich Blogs angesehen, denen jeder Humor völlig abgeht. Hierbei habe ich unter anderem ein Interview mit „Don Alphonso” gelesen, dessen Lektüre zumindest erhellend ist. Es ist die Botschaft zu beurteilen und nicht der Bote, was in einer schnelllebigen Medienwelt oft die Schlagzeilerei erschwert. Ein bisschen blöder fühle ich mich hingegen nach dem Lesen dieser überraschenden Meldung: Ein Gericht hat herausgefunden, dass Google mit Android Geld verdient und es sich daher um ein kommerzielles Betriebssystem handelt.

Ebenso blöd: Franziska Giffey (natürlich SPD) habe in ihrer Eigenschaft als „junge Frau” (F. Giffey, Jahrgang 1978, über F. Giffey), las ich anderntags und -orts („FAZ.net”), beklagt, dass eine Zwangsheirat, bei der Frauen allenfalls die Wahl zwischen verschiedenen Cousins haben, diese Frauen unterdrückte, wogegen man etwas tun müsse, als wäre es undenkbar, dass sich diese Cousins nicht freiwillig für ihre Zwangsfrauen entschieden hätten. Schlau ist allenfalls Brad Pitt, denn warum sollte eine moderne, aufgeklärte Feministin, die sich jede Beurteilung von Körperlichem verbittet, ihn sonst verehren?

Ohne Zweifel und ohne ein Aber verehrenswert bleibt ganz körperlos: Musik.

Birth of Joy – «You Got Me Howling»

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Melt Downer

Melt DownerAls Zeichen meiner Unerschrockenheit und zur angemessenen Würdigung des Tages der bescheuerten Witze wage ich heute mal wieder etwas, wovon ich mir selbst meist eher abraten würde: Ich höre Musik aus Österreich.

Österreichischer Musik haftet zumeist nicht der Ruf an, besonders grandioser Qualität oder auch nur Vielfalt zu sein. Gemeinhin als „Austropop” klassifizierte Lieder mit doppeltem Textboden mögen gelegentlich positiv hervorstechen, sind jedoch musikalisch von wenig Überraschungen geprägt. Zum Glück gibt es auch in Österreich mehr als nur eine Musikrichtung.

In eine völlig andere nämlich dringen Melt Downer mit ihrem Debütalbum (Bandcamp) vor, das 2017 veröffentlicht wurde. Über eine Stunde lang stoner- und postrocken die drei Herren in klassischer Rockbandbesetzung (Gitarre/Gesang, Schlagzeug, Bass) sich in Ohren und Verstand des unvorbereiteten Publikums (hier: die meinen).

Melt Downer – Back Down For The People Of The Past (Studio A Session)

Nach den ersten elf Stücken folgt als Schlussakkord und Höhepunkt des Albums das beinahe halbstündige „Dawner”, über das mit dem dort zu hörenden Ausruf, den man wohl als „wuhu!” transkribieren kann, eigentlich alles gesagt ist: Gitarren- und Rhythmuseskapaden explodieren aus dem Kopfhörer, unerbittlich treiben die Musiker die Welle voran. „Lasst den Mann in Ruhe!” fordert ein als Film- oder wenigstens Serienzitat erkennbares, mehrfach wiederholtes Sprach-Sample gegen Ende desselben Stücks. Ich bin nicht unglücklich darüber, dass die Band dem erst einige Minuten später Folge leistete.

Das Durchstehen, schrieb Florian Kölsch für den „musikexpress”, lohne sich sehr. Das halte ich für maßlos untertrieben.

Mir wird geschlechtNetzfundstücke
„ZEIT” verleiht den Blockchainpreis.

Die „ZEIT” könne man, befand ich erst gestern, auch nicht mehr ruhigen Gewissens lesen. Wohl dem, der – anders als ich selbst – diesem Rat Folge leistete, denn ihm blieb diese Eigenwerbung erspart:

Sie (…) setzen sich für eine weiblichere Raumfahrt ein oder beraten Regierungen in Sachen Gleichstellung: Frauen, die unsere Wirtschaft revolutionieren, so heißt der diesjährige Edition F Award, den das Onlinemagazin in Kooperation mit ZEIT ONLINE und dem Handelsblatt zum fünften Mal verleiht.

Eine „weiblichere Raumfahrt” ist jetzt zunächst einmal nichts, worüber ich persönlich mich so sehr freuen würde, dass ich es für preiswürdig hielte, aber ich bin ja auch weder eine Frau noch ausreichend geistig entkernt, um einen Preis namens „Frauen, die unsere Wirtschaft revolutionieren (Edition F Award)” o.vglb. als Belohnung und nicht als Verhöhnung zu betrachten. Und er hat noch einen zweiten Namen:

Die Jury des 25 Frauen Awards hat aus 500 Nominierungen eine Vorauswahl von 50 Frauen getroffen, die (…) unsere Wirtschaft verändern und mitgestalten.

Bindestriche sind anscheinend kein Frauending. – Nicht uninteressant ist diese Ersatzbenennung des Preises aber auch aus inhaltlicher Sicht, sagt sie doch nur aus, dass man eine von 25 Frauen war, die irgendwas gemacht haben. Da kann man den Enkeln später sicherlich eine total interessante Geschichte erzählen.

Wer also sind die 50 Delinquentinnen? Nun, zum Beispiel sie:

We are Kal heißt das von Catherine Allié gegründete Label, das handgesponnene und handgewobene Textilien aus Seide und Wolle herstellt.

Schon klar: Mit einem Innovationspreis kann die Frau nicht rechnen, eine Veränderung der Wirtschaft ist hier nicht auszumachen. (Darf man Frau Allié aufgrund ihrer Tätigkeit eigentlich „Spinnerin” nennen oder bekommt man dann wieder Ärger?) Wenn aber jemand, der einen klassischen Handwerksberuf ausübt beziehungsweise ausüben lässt, bereits allein hierfür die Vorauswahl übersteht, dann wirft das auf die anderen 450 Nominierten ein eher ungutes Bild. Und dann behaupten Feministen jedwelchen Geschlechts, Frauen würden unterschätzt!

Weiterhin diese Dame:

Charlotte Bartels studierte Volkswirtschaftslehre (…). In ihrer Promotion, die mehrfach ausgezeichnet wurde, zeigte sie, dass der deutsche Sozialstaat immer weniger umverteilt.

„Die Armen werden immer ärmer.”
„Dafür bekommen Sie einen Preis!”

:bravo:

Auch sie ist dabei:

Ise Bosch ist eine Enkelin und Erbin des Unternehmers Robert Bosch. Mit ihrem Vermögen will sie anderen Menschen helfen und die Gesellschaft verändern. (…) Als Gründerin und Geschäftsführerin der Dreilinden gGmbH setzt sich Bosch gegen Diskriminierung und Gewalt aufgrund von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung ein.

Ich würde ja unterstellen wollen, dass das Aufbauen einer Gesellschaft, die vor allem Geld verteilt, mit den Mitteln, die von einem erfolgreichen und produktiven männlichen Unternehmer geerbt (also ohne große Gegenleistung geschenkt worden) sind, sich für eine positive Veränderung der Wirtschaft und einen Frauenpreis nicht eignet, aber ich bin auch nicht in der Jury und ich vermute, ich kenne sogar den Grund dafür.

Zeichnet sich denn niemand der zu Ernennenden durch etwas anderes als Unsinn aus? Doch, natürlich, aber andere eben auch nicht:

Als Chief Financial Officer des US-Kreditkartenunternehmens Mastercard gilt Martina Hund-Mejean weltweit als eine der einflussreichsten Personen der Finanzbranche.

Dass sowohl die Gründer als auch die momentanen Vorsitzenden des Unternehmens MasterCard Männer sind und Frau Hund-Mejean in der englischsprachigen Wikipedia nicht erwähnt wird, lässt mich an ihrem Einfluss in der Wirtschaft zweifeln. Andererseits hat vermutlich jedes größere Unternehmen mindestens eine Frau, die dann seine einflussreichste ist. Die einzige gefundene Quelle für die Behauptung, sie sei „eine der einflussreichsten Personen der Finanzbranche”, ist jedenfalls „Treasury & Risk”, ein fragwürdiges Magazin, das besagte Wikipedia in keiner Sprache zu kennen scheint.

Vielleicht wird man in typischen „Frauendomänen” eher fündig? Aber klar:

#Forward Beauty heißt das Strategieprogramm, mit dem Tina Müller, CEO und Vorsitzende der Geschäftsführung der Douglas GmbH, die Kosmetikindustrie verändern will. Um die Marke langfristig voranzutreiben, braucht es ihrer Meinung nach eine digitale und weibliche Neuausrichtung des Unternehmens.

Denn bekanntlich haftet Douglas der Ruf an, sich als Unternehmen vor allem an die Bedürfnisse von Männern zu richten – von Männern, die gern nach Blumenwiese duften. :ja:

Das soll natürlich nicht heißen, dass in der vorgefilterten Liste nicht auch Frauen zu finden sind, die sich auch von Männerthemen reizen lassen, zum Beispiel Bullshit:

Shermin Voshmgir ist Gründerin des Blockchain-Hubs, ein Informations-Hub und Thinktank in Berlin, der die weltweite Entwicklung der Blockchain-Technologie vorantreibt, kommuniziert und diskutiert. (…) Außerdem unterstützt sie Start-ups mit dem Schwerpunkt Blockchain.

Frau Voshmgir wird sich in der Abstimmung allein im Grad des Bullshits, der sie qualifiziert, allerdings geschlagen geben müssen, denn die Frau, die ich gerade übersprungen habe, übertrifft sie um Längen:

Henrike von Platen ist überzeugt, dass Frauen und Geld zusammengehören

Stimmt, denn welcher Mann hätte nicht gern beides gleichzeitig und nicht nur eines davon? – Ach, der Satz geht noch weiter:

Henrike von Platen ist überzeugt, dass Frauen und Geld zusammengehören und Lohngerechtigkeit schon morgen möglich wäre. Mit der Gründung von Fair Play Innovation Lab (…) möchte sie das Ziel der Lohngerechtigkeit für alle umsetzen.

Wenn Frau von Platen also dafür sorgen möchte, dass mehr Frauen sich künftig aktiv für technische Berufe interessieren, einen besseren Schulabschluss machen, länger im selben und größeren Unternehmen bleiben, Überstunden machen, nicht vor Schmutz zurückschrecken und Schichtarbeit leisten, dann wäre das sicherlich lobenswert.

Möchte sie aber gar nicht:

Deswegen setzt sie sich seit vielen Jahren für gerechte Bezahlung und die Vernetzung von berufstätigen Frauen weltweit ein und gründete einen Fraueninvestmentclub.

Na dann.

Die tags des „ZEIT”-Artikels sind „Digitalisierung”, „Award”, „Blockchain”, „Frauen”, „Auszeichnung” und „Startups”. Hätte ich sie zuerst gelesen, hätten sie also am Anfang und nicht am Ende des Artikels Platz gefunden, so wäre mir die Lektüre und meinen Lesern dieser Artikel vermutlich erspart geblieben.

Selber schuld.

In den NachrichtenNerdkrams
Geteilte Daten sind doppelte Daten (2): Web-Anwender in der NZZ-Falle

Unter der ungewöhnlich wenig reißerischen Überschrift „Web-Anwender in der Tracker-Falle” sülzte gestern Stefan Betschon für die „Neue Zürcher Zeitung” sein eigenes Verständnis von der Herausforderung, die der mediale Umgang mit Facebook mit sich bringt, in ein unvorbereitetes Web hinein:

Auf Facebook könnte man notfalls verzichten. Aber ohne das Web kann man nicht leben.

Kann man nicht. Geht nicht. Ist nicht vorgesehen. Der Versuch ist garantiert tödlich. Deswegen sterben arme Kinder in fernen Ländern auch immer so früh: Kein Web. Kann man nix machen.

Und sobald man den Web-Browser aufstartet und Websites aufruft, lädt man sich kleine Progrämmchen (Scripts) in den Hauptspeicher, die meist ohne Wissen des Betroffenen und manchmal auch ohne Wissen des zuständigen Website-Betreibers personenbezogene Informationen sammeln. (…) Meist geht es darum, Web-Benutzer zu beobachten.

Diese sehr falsche Vorstellung von einer Website – als wären die Progrämmchen verpflichtend! – sei zur Referenz einmal vorgemerkt, ebenso übrigens die moralische Bewertung selbiger:

Das ist nicht unbedingt verwerflich. Solche Tracker können beispielsweise dazu beitragen, die Gestaltung von Websites zu verbessern, indem sie dem Website-Betreiber zeigen, wie die Benutzer bei der Informationssuche vorgehen. Manchmal aber folgen diese Tracker dem Benutzer von Website zu Website, nachdem sie (…) besondere Merkmale des Computers feststellen konnten. Manchmal zeichnen solche Tracker (…) sehr detailliert alle Aktionen eines Web-Nutzers auf, registrieren jede Bewegung der Maus und jede Eingabe mit der Tastatur[.]

Wie das „Vorgehen bei der Informationssuche”, gegen dessen Beobachtung Stefan Betschon offensichtlich nichts einzuwenden hat, sich von einer Aufzeichnung aller Aktionen, die Stefan Betschon offensichtlich zu Recht für eher unangenehm hält, unterscheidet, wird im vorliegenden Artikel leider nicht erklärt. Dafür wird einigermaßen ausführlich erklärt, wie viele Tracker denn ungefähr kursieren:

Laut den Informationen dieses Web Transparency and Accountability Project kommen in den USA auf den 50 populärsten Websites jeweils mehrere Dutzend Tracker zum Einsatz. Alles in allem haben die Forscher mehr als 80 000 Unternehmen beobachtet, die Tracker verwenden. (…) Die Tracker stehen meist im Dienst der Online-Werbung, laut Narayanan ist es aber leicht möglich, die Tracking-Infrastruktur für staatliche Überwachung umzufunktionieren.

Das klingt ja gefährlich! Ist etwa auch die „NZZ” betroffen? Nein, das wäre ja sonst auch unredlich:

Im Rahmen der «nicht abschliessenden Untersuchung» wurden im März 374 populäre Schweizer Websites aufgerufen, und dabei hat man herausgefunden, dass mindestens 24% der Websites – darunter jene von Digitec, NZZ, Swiss und Zalando – Fingerprinting-Verfahren nutzen. (…) Bei der NZZ wurde das Fingerprinting vorübergehend eingesetzt im Bemühen, die kostenpflichtigen Online-Inhalte besser zu schützen. Das Verfahren wird inzwischen nicht mehr eingesetzt.

Genau, die NZZ macht das nicht mehr. Dann ist doch alles in bester Ordnung. Bis auf diesen Teil des Artikelquelltexts natürlich:

Und diesen:

Und diesen:

Von diesen Progrämmchen findet man noch manches, als Beispiele sollen die hier eingefügten jedoch einmal reichen. Auffällig sind neben „loadAd”, dessen Funktionsweise ich absehen zu können meine, die Aufrufe von „Audienzz” beziehungsweise „adnz”. Dies ist, es sollte kaum überraschen, eine Reklamepartnerfirma der NZZ (vastehste, „AudieNZZ”) und hat unter anderem solches im Repertoire:

Detaillierte Informationen über Nutzer, Angebote und Nutzungsverhalten. Auswertungen nach Sprachregionen möglich. Internationale Vergleichbarkeit.

Es sei, zitiere ich abermals, „leicht möglich, die Tracking-Infrastruktur für staatliche Überwachung umzufunktionieren.” Gemäß der NZZ ist es somit für die eigene Sicherheit einigermaßen gefährlich, die Website der „Neuen Zürcher Zeitung” ohne besonderen Schutz gegen etwaige Progrämmchen – also Werbe- und Progrämmchen-Blockaden – zu besuchen.

Ob sie wohl auch bald – wie zuvor schon „SPIEGEL ONLINE” – voller Unverständnis für diese Maßnahmen ihr Onlineangebot hinter einer Bezahlschranke versteckt?


Die „ZEIT” kann man ja auch nicht mehr ruhigen Gewissens lesen.