KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Sonar – Black Light

Cuneiform Records kennen regelmäßige Leser meiner Musikbesprechungen möglicherweise als die Plattenfirma von Thinking Plague. Wer – wie ich – auf diese Angabe üblicherweise kaum achtet, falls nicht eine bemerkenswerte Verpackung um den Tonträger drumrum ist oder der Verlag wie einst Charisma Records sein auffälliges Logo raumgreifend direkt auf die Platten stempelt, dem sei zumindest subjektiv versichert, dass sich in der bisherigen Liste der Künstler, die vertraglich an Cuneiform gebunden sind, kein einziger Totalausfall finden lässt, stattdessen sieht man dort unter anderem Bent Knee, Gilgamesh, Art Zoyd und Miriodor.

Das lässt das Vorurteil gegenüber Musik aus der Schweiz – außer Monkey3 und Patrick Moraz fiele mir gerade kein positives Beispiel ein – immerhin ausreichend schwinden, dass ich an das ebenfalls von Cuneiform verlegte Schweizer Quartett Sonar mit der gleichen Erwartung herangehen kann wie an jeden anderen act – das heißt doch heute noch act, oder? – auch: Hauptsache, klingt geil.

Sonar – Black Light

Und das tut es wahrlich: Auf ihrem 2015 veröffentlichten dritten und bisher anscheinend letzten Studioalbum „Black Light“ (Bandcamp.com) spielen die vier Musiker einen herrlichen Mathrock, der kühle Präzision mit einem gefährlich grollenden und gerade deshalb bewegenden Bass.

Sonar featuring Andi Pupato – Orbit 5.7 Andi Pupato Remix (Official Music Video)

Im Internet wird das hier zu Hörende beschrieben, es klinge, als nähme man einen Topf immer wieder kurz vor dem Kochen vom Herd und stellte ihn anschließend wieder auf die heiße Platte, was ein treffendes Bild ist, denn „Black Light“ brodelt, ohne jemals unnötig auszubrechen.

Musik für untenrum.

In den NachrichtenWirtschaft
Unverschuldet verprasst

28. Januar 2018: Deutsche Bank zahlt offenbar mehr als eine Milliarde Boni
2. Februar 2018: Deutsche Bank macht halbe Milliarde Euro Verlust

„Hilfe, wir sind unverschuldet in Not geraten!“

:wallbash:

Fast hätte ich mich schon darüber geärgert, absehbar bald abermals eine Bank retten zu dürfen, und das Geschehen entsprechend vorgeblich kapitalismuskritisch kommentiert, aber zum Glück quakte Claudia Roth heute wieder einmal einen der zahlreichen Belege dafür heraus, warum man Linken lieber keine größeren Geldsummen anvertraut, sondern denen mal schön ihre Bitcoins lässt:

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) hat die Einrichtung eines staatlichen Hilfsfonds für Flüchtlingshelfer gefordert, die wegen ihrer Bürgschaften in Finanznöte geraten sind.

Ach, ja, Mensch, Bürgschaften bedeuten, dass man finanziell in Gänze für den Verbürgten haftet?

„Wir bürgen mit unserem Geld für diesen Herrn.“
„Dann bekommen wir nun Geld von Ihnen.“
„Hilfe, wir sind unverschuldet in Not geraten!“

:wallbash:

Hoffentlich sind das wenigstens zum Teil dieselben Leute, die auch ihr Haus gegen Bitcoins eingetauscht haben. Sonst wäre ich vom Karma ein bisschen enttäuscht.

In den NachrichtenMir wird geschlechtPolitik
Kurz angemerkt: Wie viele Kriege braucht das Nobelpreiskomitee?

Die sich allzu aufreizend anbietende Möglichkeit, den „#MeToo“-Unsinn, dessen einzige spürbare und langfristige Auswirkungen weitere Verleihungen schwachsinniger Medienpreise für das Erfinden von Wörtern mit einer Raute vornedran sind und bleiben werden, lakonisch zu kommentieren, indem ich in gebotener Kürze darauf hinweise, wie sprechend eine der Initiatorinnen dieser beispiellosen Schmutzkampagne darauf reagiert hat, dass sie mittlerweile von nicht ganz so hitzigen Gemütern als Lügnerin entlarvt wurde, hätte ich heute gern zum eigentlichen Thema gemacht, stattdessen beschränke ich mich auf einen nicht weiter kommentierten Verweis auf den Artikel im Online-„Musikexpress“, den soeben getätigten nämlich, und stelle mit ähnlicher Genugtuung fest, dass zum inzwischen dritten Mal der amtierende Nachfolger desjenigen US-amerikanischen Präsidenten, der allein im Jahr 2016 über 26.000 Bomben irgendwo draufwerfen ließ, auch für eine weitere, wenn auch nicht direkte Nachfolge, nämlich die im Tragen des Friedensnobelpreises, vorgeschlagen wurde, und während sich die sozialen Medien und pflaumige „Qualitätszeitungen“ darüber auslassen, dass der Trump doch ein sonstwie gefährlicher Typ sei, fände ich persönlich die Wahl nur angemessen, denn wie auch der vorherige Präsident der Vereinigten Staaten ist er mit versöhnlichen Worten gegenüber dem Feind nicht ungeschickt, während in Somalia, Libyen, Syrien, Pakistan, Afghanistan und im Jemen die Friedenspanzer unter der Flagge seines Landes zum Tanz bitten; mit dem Unterschied allerdings, dass keiner dieser laufenden Friedenseinsätze von ihm befohlen wurde – wenn er es also wieder nicht schafft, dann ist es immerhin offensichtlich, woran es wohl liegt.

Wirtschaft
6 Prozent Profitdenken

Die IG Metall plakatiert derzeit manche Plakatwand plakativ mit ihren Plakaten voll. Das bietet Gelegenheit, sich einmal kurz anzusehen, worum es in ihrer aktuellen „Tarifrunde“ (also: in ihren jährlichen Nötigungsversuchen gegenüber Arbeitgebern) eigentlich geht; die Antwort ist erstaunlich:

Profitdenken

„Die Arbeitgeber denken nur an Profit – wir denken an die Menschen: sechs Prozent mehr Geld“ (Satzzeichen von mir), diese sechs Prozent hätten die Arbeitgeber zwar auch gerne zusätzlich, aber die sind halt nicht in einer zäh verhandelnden Gewerkschaft. Schön blöd!

In den NachrichtenPolitik
Das Wesen einer Wahl (2): Jedes Recht des Kandidaten.

Was dem einen sein Schulz, ist dem anderen sein Puigdemont, weiß „ZEIT ONLINE“:

In Katalonien ist die Wahl eines neuen Regierungschefs im Regionalparlament verschoben worden. Carles Puigdemont soll aber der einzige Kandidat bleiben. (…) Der 55-Jährige habe „jedes Recht“, erneut Regionalpräsident zu werden.

So will es das Gesetz!

Worum genau ging es im vergangenen Jahr bei der Diskussion um die katalanische Unabhängigkeit? Dazu stand doch mal was in der „ZEIT“:

Für Katalonien zu stehen heißt, für die Demokratie zu stehen.

Wenn nicht gar: zur Sozialdemokratie.

MontagsmusikSonstiges
Bent Knee – Terror Bird // Lügenhumanismus

Montag (Symboleule)Es ist Montag. Kein Panda, stattdessen Präsidenten: Donald Trump hat in Davos von „Lügenpresse“ gesprochen und die öffentlich-rechtliche ARD hat diesen Vorwurf für sich selbst sogleich bestätigt. Das ist angesichts der horrenden Gebühren für diesen Fernsehstuss immerhin angemessen ehrlich.

Spannender ist allerdings das Inland: In Berlin haben ein paar geschichtsvergessene Schwachköpfe beschlossen, dass eine Auflistung von Personen und Dingen sexistisch sei und daher getilgt gehöre. Eine Zeitlang habe ich mich gefragt, wieso ausgerechnet in Berlin offenbar so viel Idiotie auf so engem Raum zu finden ist, auf „WELT ONLINE“ fand ich jedoch vorgestern einen eher berlinzentrischen Artikel, in dem der wahre Satz steht, für „Mainstream“ bekomme man „keine Retweets, keine Hashtags, keine Demonstrationen“ und müsse schon deswegen die Welt mit Dingen nerven, die an irgendeinem soziokulturellen Rand liegen, um aufzufallen. Lästigkeit als Antwort auf nicht gestellte Fragen unserer Zeit – prima Stadtmotto eigentlich.

Eine Lösung für das Langeweileproblem könnte man unbedarft in der Politik suchen, aber die Politik redet sich mit Humanismus heraus. Es gibt mittlerweile tatsächlich mehrere miteinander konkurrierende Parteien, die den Humanismus als Leitlinie übernommen zu haben behaupten. Das ist selbstverständlich Unsinn: Parteipolitik widerspricht Humanismus schon aufgrund ihres taktisch fraglos sinnvollen Anspruchs auf Allgemeingültigkeit, denn zu gelebtem Humanismus gehört immer auch die Frage, ob nicht vielleicht der Gegner weniger Unrecht hat als man selbst. Eine politische Partei, die sich in einem Wahlkampf, in dem sie ihre eigenen Ideen als die einzig sinnvollen herauszustellen versucht, humanistisch nennt, belügt diejenigen, die sie wählen sollen, von vornherein entweder aus Dummheit oder mit Absicht und sollte sich schämen.

Dummheit erklärt in der Politik aber manches: Seitens der EU sollen demnächst Uploadfilter vorgeschrieben werden, auf dass das Hochladen von vermeintlich urheberrechtlich geschütztem Zeug automatisiert abgewiesen werden kann. Ich halte das für eine gewohnt seltsame Idee und empfehle eine Unterstützung gegnerischer Aktionen. Während man dies tut, kann man ja Musik hören.

Zum Beispiel diese:

BENT KNEE – Terror Bird (Live at The Record Co.)

Guten Morgen.

Sonstiges
Medienkritik CXI: „Jolie“ und der Fickverdienst

Der Zufall und mein wahrscheinlich erschreckendes, wenn auch zynismusgetriebenes Vergnügen an dem, was Zeitschriftenmacher offensichtlich für frauentypische Zerstreuung halten, ließen die noch aktuelle Februarausgabe der selten langweiligen Zeitschrift „Jolie“ in meinen Besitz geraten.

Passend zum aktuellen Weltgeschehen beschäftigt sich diese Ausgabe des Magazins mit sexuell motivierter Unterdrückung von Menschen, was auf dem Titelbild, das ich aus Pointengründen diesmal erst später hier zu zeigen beabsichtige, jedoch nicht sofort zu erkennen ist: Die sich räkelnde, erschreckend unbekleidete Dame namens Rita Ora, über deren Tun ich mich zu informieren gerade nicht ausreichend interessiert bin, wird vor allem von den Schriftzügen „Happy Fashion – 351 Teile, die sofort glücklich machen“, „Der Detox Guide (sic!) 2018″ und „Alles, was schlank & schön macht“ umweht. Dass zu letzteren Dingen auch die „Hollywood-Methode“ (ebd.) zählt, hat damit auch noch nichts zu tun: Es geht natürlich um Essen.

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In den NachrichtenNetzfundstückePolitikWirtschaft
Liegengebliebenes vom 27. Januar 2018

Die University of Oxford hat herausgefunden, dass auch längere Prüfungsdauern nichts daran ändern, dass Frauen – statistisch gesehen – schlechter in Mathematik und EDV als Männer und dafür vermutlich besser in Kuschelwuschel und Knuddelwuddel sind. Vielleicht könnte man das mit einer Quote lösen.


Christopher Lauer hat was in Medien reingevloggt und Hadmut Danisch platzt der Kragen: „Bedingungsloses Grundeinkommen, freie Drogen und Pornos von ARD und ZDF? Wozu sollt Ihr noch gut sein?“


Dazu (irgendwie) auch Jan Fleischhauer, der auf „SPIEGEL ONLINE“ feststellt, dass die Linken die Nähe zu denen, für deren Rechte sie zu streiten behaupten, vollends verloren haben.


Was wir von anderen Staaten lernen können: In Indien ist das Internet verstopft, weil dort einander jeder einen guten Morgen wünschen möchte.


Lesenswert: „Wie die FAZ im redaktionellen Gewand die Botschaften ihrer Auftraggeber an den Leser bringt“.

ComputerMusik
Medienkritik in Kürze: The Fall – an Brotkrumennavigation verschluckt.

Zwecks – immer für Suchmaschinen, niemals für Menschen – besserer Strukturierung bilden viele Nachrichtenportale im Web auf der Einzelartikelansicht mitunter eine Strukur ab, der gemeinhin als „Brotkrumennavigation“ bekannt ist: Es wird sozusagen der „Pfad“ zum aktuellen Artikel dargestellt. Wenn in den Medien davon die Rede ist, dass irgendeine poplige Sportlerin einen Ball schneller auf die andere Seite geschlagen hat als ihre Gegnerin, dann findet man solche Meldungen zumeist in einem „Pfad“, der ungefähr wie „Startseite > Nachrichten > Sport > Tennis > Dingsda hat gewonnen“ aussieht. Der Vorliebe von dem weitläufigen Ressort der Unterhaltung zugewiesenen Journalisten für Schubladisierung aller verwertbaren Informationen kommt das zupass.

Schubladisierung ist auch in der Musik leider nicht unbeliebt, was eine unvoreingenommene Bewertung von Musikalben gelegentlich erschwert: Was etwa als „Schlager“ beworben („rezensiert“) wird, das ruft in mir auch dann keinen Kauf-, sondern einen Laufwunsch, nämlich: weg, hervor, wenn es eigentlich gar nicht so schlimm ist. Hinzu kommt, dass die besagte Schubladisierung ihre Grenzen nicht nur bei der Motivation des Einordnenden, sondern auch bei der Technik hat. Eine einzeilige Navigationshilfe auf Websites ist nun einmal nur zweidimensional. Ein aktuelles Beispiel präsentierte gestern „SPIEGEL ONLINE“.

Denn wohin muss man navigieren, um dort den Artikel darüber zu finden, dass der fantastische Mark E. Smith von den kaum weniger fantastischen The Fall gestern verstarb? Die korrekte Antwort ist verblüffend offensichtlich: 1996 veröffentlichte die Schrammelband – nicht, dass ich was gegen Schrammeln hätte! – Tocotronic auf ihrem dritten Studioalbum „Wir kommen um uns zu beschweren“ das Lied „Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith“. Das war anscheinend die Rettung für „SPIEGEL ONLINE“, denn für The Fall hatte man dort zuvor selten ein paar Zeilen übrig und daher auch noch keine Schublade vorbereitet, für Tocotronic aber schon:

Nachrichten > Kultur > Musik > Tocotronic > Mark E. Smith: Sänger der Band "The Fall" gestorben

Hauptsache, das SEO stimmt.

In den NachrichtenPolitikWirtschaft
Annexion bitte nur gegen Bares

Im August vergangenen Jahres nörgelte die damalige Bundesregierung anlässlich der Übereignung der Krim an Russland folgendermaßen herum:

Danach werde die russische Annexion der ukrainischen Krim als ein Bruch des Völkerrechts betrachtet, der die europäische Friedensordnung infrage stelle. (…) Staatliche Grenzen müssten akzeptiert werden.

Warum das von der ekligen NATO sicherheitshalber bedrohte Russland fortan übermäßig sanktioniert wurde, wird klar, wenn man aktuelle Nachrichten liest, zu deren Zustandekommen es seitens der Bundesregierung allenfalls ein entrüstetes Schütteln des Zeigefingers zu lesen gab, nämlich zum Beispiel diese:

Israel erweitert laut mehreren ortsansässigen Quellen seinen Einfluss auf das von der Opposition besetzte südliche Syrien. (…) Die Erweiterung der Sicherheitszone kennzeichnet eine Bewegung hin zu einer tieferen Einmischung Israels in Syriens Bürgerkrieg. (…) Israel macht sich nicht nur Sorgen wegen des Irans und dessen Allierten im Libanon, sondern auch um seine Kontrolle über die Golanhöhen. Israel hat das 1.200 km² große Gebiet 1967 eingenommen und hält es seitdem besetzt. Anders als die anderen von ihm besetzten Gebiete hat Israel die Golanhöhen 1981, von der internationalen Gemeinschaft verurteilt, offiziell annektiert.

(Nicht besonders textnahe Übersetzung von mir.)

Während Fefe noch rhetorisch spekuliert, ob die amtierende Bundesregierung wenigstens diesmal auch das israelische Verschieben fremder staatlicher Grenzen sanktionieren würde, habe ich eine Vermutung, warum bei völkerrechtswidrigen Abscheulichkeiten seitens der Türkei und eben Israels von spürbaren Strafen seitens der internationalen Gemeinschaft abgesehen wird: Anders als Russland sind diese Staaten zwar nur mittelmäßig zuverlässige Verbündete, aber wenigstens leidlich zahlungskräftige Kunden.

Daran, dass Deutschland Israel zwecks effizienter Vorwärtsverteidigung auch noch mit Kriegswaffen beliefert, stört die Politik daher auch nicht, dass damit Kriegsdinge getan werden, sondern, was die Innenpolitik des Empfängers sonst so macht: „Es gibt nach wie vor Korruptionsvorwürfe gegen Benjamin Netanjahu und sein Umfeld. Das ist nicht ausgeräumt.“ Seine eigenen Grenzen auf der Landkarte herumzuschieben wäre unter der Bedingung, dass die deutsche Rüstungswirtschaft davon finanziell profitiert, ja völlig legitim, aber bei Korruption hört das Verständnis auf. Da geht es immerhin um Geld!

Braucht Russland eigentlich noch ein paar Panzer?

NerdkramsNetzfundstücke
Datengefährdung dank Digitalcourage

Was macht eigentlich der digitalcourage e.V. (Themen: EU-Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Feminismus usw.) gerade so? Nun, er wird mal wieder durch die Medien getrieben, weil er trotz allem noch immer als in Datenschutzdingen halbwegs standfest gilt. Der aktuelle Anlass scheint eine zwei Jahre alte Pressemitteilung zu sein, der zufolge noch 2018 in Wolfsburg Grundschüler verwanzt werden sollen, um nicht überfahren zu werden.

Für den soeben verlinkten Artikel wurden zwei Auskenner aus dem „Verein, der sich seit 1987 für Grundrechte und Datenschutz einsetzt“ (ebd.), nach ihrer Meinung zu diesem Projekt gefragt. Um den Inhalt soll es mir hier aber nicht gehen, sondern um den Verein selbst. Diesen hatte ich vor etwa einem Jahr zum letzten Mal wirklich bewusst zur Kenntnis genommen – damals empfahl der Verein auf seiner Website, man möge die Installation von Ubuntu, das gerade erst wegen massiver Datenschutzärgernisse, nämlich eingebauter Amazon-Spyware, in die Kritik geraten war, anstelle von Windows in Erwägung ziehen. Es handelt sich also fraglos um einen Verein, der mitunter populistischen Aktionismus (was auch seine medial beachtete Verleihung der „Big Brother Awards“ belegt) überlegtem Raisonnement vorzieht und dabei auch Schaden im eigenen Lager in Kauf nimmt. Kurz gesagt: Was den Datenschutz betrifft, traue ich dem digitalcourage e.V. (der mir unter dem alten Namen „FoeBuD“ wenigstens klanglich sympathischer war) nicht über den Weg und würde dies auch niemandem empfehlen.

Aufgrund des Artikels begutachtete ich die inzwischen – offenbar nach „mobile first“, auf einem vernünftigen Bildschirm sieht sie also zum Speien aus – neu gestaltete Website allerdings doch noch einmal, um mich zu vergewissern, dass meine Vorbehalte nicht plötzlich veraltet sind; das Gute im Menschen beziehungsweise im Verein sei ja nicht gänzlich in Abrede gestellt. Natürlich war das ein Fehler.

Denn zwar wird nun die weniger grundfalsche Linuxdistribution Tails statt Ubuntu empfohlen und auch an anderen Stellen zeigt der Verein zumindest, woher sein weitgehend guter Ruf eigentlich ursprünglich einmal stammte, aber eine konsequente Umsetzung der eigenen Empfehlungen ist dem digitalcourage e.V. auch weiterhin nicht gegeben. Wasser predigen, Cognac saufen.

Auf der Seite über „Anti-Tracking-Tools“ wird nämlich zu Recht darauf hingewiesen, dass es eine saudämliche Idee ist, Websites ohne vernünftigen Grund das Ausführen von Code auf dem eigenen Rechner („JavaScript“) zu erlauben. Leider wird jemand, der sich dessen bewusst ist, diesen Hinweis nicht so leicht finden wie etwas dümmere Menschen, denn wenn man mit ausgeschaltetem JavaScript auf der auf vernünftigen Bildschirmen grotesk gigantischen „Menü“-Schaltfläche herumdrückt, passiert genau gar nichts, denn das „Menü“ (im Wesentlichen aus dem unteren Teil der Seite bestehend) wird nicht etwa mit CSS oder einem einfachen HTML-Verweis auf eben diesen unteren Teil, sondern per JavaScript eingeblendet. Das mag auf mobilen Geräten, auf denen die Aktivierung grundlegender Sicherheitsmaßnahmen oft nicht einmal vorgesehen ist, kein großes Problem darstellen, wenn man auf die Datensicherheit seiner Besucher keinen besonderen Wert legt; aber eben auch nur dann. Dass vor diesem Hintergrund die vollmundige Behauptung aus der Datenschutzerklärung, in der unter anderem auch steht, der Server speichere meine Browserversion (wofür eigentlich?), dass „grundsätzlich“ weder „Tracking“ noch „aktive Inhalte“ (verstehe schon: JavaScript ist eben nicht aktiv genug) verwendet werden, sich als heiße Luft entpuppt, spielt da schon fast keine Rolle mehr.

Vielleicht ist es aber auch nur Unfähigkeit und nicht etwa Unwissen:

Eine Ausnahme stellt das has_js-Cookie dar, mit dem während der Sitzung festgehalten wird, ob im Browser „Javascript“ eingeschaltet ist. Diese Information wird von unserem Content Management System „Drupal“ genutzt, um die Seiten-Darstellung in Ihrem Browser zu optimieren.

Mensch, das mit der Optimierung funktioniert ja richtig klasse! Inwiefern es die Seitendarstellung zu verbessern vermag, wenn man stattdessen JavaScript aktiviert, steht natürlich nicht dabei. Bis auf eine Sammlung dann bewegter Bilder und einer endlich mal funktionierenden Navigationsleiste unter der dafür vorgesehenen Schaltfläche konnte ich jedenfalls gerade keinen Unterschied erkennen. Mir wäre es das ja nicht unbedingt wert.

An verschiedenen Stellen auf seiner Website verkündet der Verein:

Digitalcourage setzt sich für Ihre Privatsphäre und Grundrechte ein. Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende oder mit einer Fördermitgliedschaft.

Ich hatte noch nie so wenig Lust, einem Verein beizutreten.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Half Past Four – Land of the Blind

Half Past Four - Land Of The BlindUm halb fünf Im Jahr 2016 veröffentlichte die fünfköpfige kanadische Band Half Past Four ihr drittes und bislang letztes Studioalbum „Land of the Blind“ (Amazon.de, Bandcamp). Von sich selbst behaupten die Musiker, sie seien „eine der besten Progressive-Rock-Bands aus Kanada“, was zumindest eine mutige Behauptung ist, wenn man sowohl Rush als auch die diversen Sprosse von Godspeed You! Black Emperor dem Progressive Rock zurechnet, denn dann wird es knapp mit der Bewertung.

Stilistisch sehen sich Half Past Four allerdings sowieso anderswo:

Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben sie einen einmaligen Klang entwickelt, der traditionellen Progrock neben anderen mit Folk, Country, Jazz und klassischen Genres verbindet.

In der Tat ist Eintönigkeit hier nicht gegeben. Schon im eröffnenden „Mathematics“ wird die Retroprog-Schiene von Beardfish bis echolyn auf- und abgewandert, von einem offensichtlichen Rückgriff auf Genesis und die unvergessenen Gentle Giant unterscheidet Half Past Four hier fast nur Sängerin Kyree Vibrant, deren Kunst ich allerdings für beachtlich halte.

Half Past Four – Mathematics (Official Video)

Während in „Toronto Tontos“ die Exzentriker von Primus wahlweise zitiert oder persifliert werden, vermag ich das textlich bemerkenswerte „Mood Elevator“ keiner anderen Band zuzuordnen. Sommerlicher Bluesrock’n’Roll, wenn’s denn ein Genre sein muss.

Half Past Four – Mood Elevator (Official Video)

Mit dem Stimmungsfahrstuhl fahre ich erst einmal nach oben. Ich bin erfreut und hoffe auf Fortsetzung.

In den NachrichtenPolitik
Punk ist nicht tot, Punk ist jetzt Sozialdemokrat.

Aus dem trotz der feministischen Grundüberzeugung männlichen Vorsitzenden des Vereins des ältesten Mädchens Berlins, das in kindlich-patzigem Tonfall von sich behauptet, es könne schon deshalb kein Mädchen sein, weil es immerhin seit einer Vierteldekade einer Jugend- und nicht etwa einer Kinderorganisation vorstehe, nämlich der „Jusos“, sprudelt seit gestern wiederholt eine total tolle Idee heraus:

Wer jetzt in die #SPD eintritt, kann in einigen Wochen #Groko oder #NoGroko sagen. Ein schöner Anlass, sich einen Ruck zu geben.

Denn wenn eins die SPD-Führung davon überzeugen wird, dass es eine wenig ertragreiche Idee war, in offenbar selbstmörderischer Absicht den Ausstieg vom Ausstieg zu vollziehen, dann ja wohl eine Schar neuer Beitragszahler infolge dieser Idee!

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Hammock – Clarity // 44 Prozent rational.

EulmeldungEs ist Montag. Durch Deutschland sollte etwas gehen, am besten ein Pandabär, denn Pandabären sind eine wertvolle Ergänzung für jede Gesellschaft; zumal eine Gesellschaft, der der kritische Rationalismus völlig fehlt, den Menschen kein Gewinn sein kann. Mehr Karl Popper (und mehr Pandabären) wagen!

Kein Wochenende ohne Politikschmerzen: Die SPD hat „gewählt“ und zu 56 Prozent kein Interesse mehr an ihrem eigenen Geschwätz von gestern. Wenn die 44 Prozent Restbehirnten in der SPD zur nächsten Bundestagswahl eine eigene Partei gründeten, könnten sie, wie ich vermute, anschließend ohne Zweifel die Regierung führen. Tun sie das nicht, dann sind auch sie schuld an dem, was kommt. Dass Martin Schulz zwecks Anregung von Zugehörigkeitsgefühl irgendwas über ein „sozialdemokratisches Europa“ delirierte und dabei ignorierte, dass „Sozialdemokratie“ in ganz Europa niemand mehr so wirklich irgendwo hinwählen will, ist ziemlich sprechend. – Es ist erwiesen: Berlin macht doof. Ob da ein Zusammenhang besteht?

Ein Blick ins Ausland: In Großbritannien ist die beim Bumsen meistgenannte Person angeblich Donald Trump. Die Menschen haben Geschmack. Im anderen Ausland, in Thüringen, sind sich Medien derweil unsicher, ob man bei einem Verhältnis von 76 zu 75 nun von einer Mehrheit oder einer Gleichheit reden sollte; entschieden hat man sich überwiegend für zweitere Formulierung, was journalistisch bestimmt irgendwie begründbar ist.

Es ist Montag und damit ist es Zeit für Musik. Döpdapdöpdöppieps! Ansonsten hören wir doch einfach ein wenig Hammock.

Guten Morgen.