In den NachrichtenMir wird geschlechtMontagsmusik
Goldray – Rising // Doctress Who // Ramelows Präzision

Bitte zurück ins Nest bringen.Es ist Montag. Pünktlich zum Wochenendende hat sich auch der Kopfschmerz wieder beruhigt, auf dass man frohen Mutes zur immerhin bezahlten Tat schreiten kann. Pandabär in Berlin müsste man sein, dann bekäme man jetzt Eis mit Gemüse, aber stattdessen ist man weit von Berlin entfernt und denkt als bloßer Mensch über Pandas nach. So kann es gehen.

Und die Nachrichten so? Der seit 54 Jahren männliche Titelheld aus „Doctor Who“ ist ab Ende dieses Jahres eine Feministin, was der Serie, die in jüngerer Zeit neben dem erstmals weiblichen Antagonisten mit „Bill“ auch eine Nebendarstellerin („Companion“) bekommen hat, deren wesentliche Eigenschaft es war, eine lesbische Feministin zu sein, zwar eine gewisse Kontinuität verleiht, mich hingegen skeptisch mindestens eine Augenbraue heben lässt, denn, wenngleich die schauspielerische Leistung eines „Doctors“ bislang keineswegs geschlechtsbezogen zu beurteilen war, die Serienmacher scheinen in letzter Zeit das dringende Bedürfnis zu haben, dem verdammten Patriarchat überragend selbstsichere Frauenfiguren entgegenzustellen, die außer dem Frausein nichts wirklich gut können. Haben die „Ghostbusters“ verpasst?

Der aufgebrandete Jubel auf Twitter, endlich dürfe eine Frau mal einen sowieso unsterblichen Helden mit einer langen Vergangenheit und voraussichtlich Zukunft verkörpern, was unabhängig von der charakterlichen Entwicklung schon deshalb gut sei, weil sie kein Mann sei, ist jedenfalls ein schlechtes Zeichen, belegt er doch, dass viele der Zuschauer eine Fernsehserie nicht als Unterhaltung, sondern als politisches Mittel zur Machtverschiebung begreifen, als habe irgendeine Weltanschauung plötzlich gewonnen, nur, weil in einer Serie, in der das allerdings schon mehrfach passiert ist, eine Figur das Geschlecht wechselt. Dem Patriarchat dürfte das jedenfalls einigermaßen egal sein und den verbliebenen nicht rettungslos bescheuerten Zuschauern bleibt zu hoffen, dass es endlich mal wieder eine Neubesetzung in „Doctor Who“ gibt, die der Serie inhaltliche Tiefe zurückgibt. Apropos: In Berlin-Lichtenberg ist der antipatriarchalische Vorstoß der örtlichen „Grünen“, potenziellen Rednern im Bezirksparlament nach Geschlecht statt Inhalt das Wort zu erteilen, nun vorerst gescheitert. Wie viel wäre auf dieser Welt gewonnen, achtete man nur mehr auf die Qualität des Erbrachten statt auf das Geschlecht des Erbringers!

Während die ehemals qualitätsfokussierte Piratenpartei in Konstanz, München und Leipzig anlässlich der jeweiligen Christopher-Street-Day-Parade um netzpolitisch ebenso desinteressierte Unterstützer für die kommende Bundestagswahl warb, gingen unbemerkt zwei Nachrichten von letzter Woche fast verloren: Die CIA hackt völlig überraschend auch Linux, was ich hier nur verlinke, weil das Didi immer so schön herausfordert; schlimmer jedoch: es wurde die Nachfolgerin von Günther Oettinger, also die neue EU-Digitalkommissarin, vereidigt, die gern „schärfere Regeln gegen Hassäußerungen und Falschmeldungen“ („heise online“) durchsetzen lassen würde. In einer gesunden Gesellschaft würde sich zahlreicher Widerstand formieren, aber es ist Wahlkampf, da macht man nichts mit Politik.

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow („Linke“), der auch nichts mit Politik macht, hat gestern vorgeschlagen, man möge, um den Erfolg von landesansässigen „Rechtsrockkonzerten“ (als seien Schlager leichter zu ertragen) einzudämmen, das Versammlungsrecht, für Ostdeutsche bekanntlich keine Selbstverständlichkeit, doch bitte „präzisieren“; mit anderen Worten: Zu viele Dinge gehen derzeit als „Versammlung“ durch. Unklar bleibt, welche Art von Konzerten künftig noch als legitime Versammlung gelten darf. Hoffentlich nichts mit Phil Collins!

Här nix Ton, nix Musik.

Goldray – Rising [Official Video]

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Ex Eye

Ex Eye (Coverbild)Fordern wir wieder einmal unseren Geist und hören wir ein wenig Musik.

Aus ausgerechnet den Vereinigten Staaten stammt das Quartett Ex Eye, dessen Schlagzeuger Greg Fox, den PopMatters mit John Bonham zu vergleichen sich nicht scheut, sich bereits bei Zs und Liturgy austoben durfte. Statt klassischer Rockbandbesetzung scharten Ex Eye, die sich selbst als Post-Alles-Band beschreiben, sich um den kanadischen Saxophonisten Colin Stetson, der bislang unter anderem mit Tom Waits, Fred Frith und Mats Gustafsson zusammengearbeitet hat und also durchaus weiß, wie gute Musik klingen sollte.

EX EYE – "Xenolith; The Anvil" (Official Music Video)

Beschreiben lässt sich das auf dem im Juni präsentierten Debütalbum Gehörte als instrumentaler Jazzmetal, mitunter lässt sich aber auch einmal New Artrock im Stile der unvergessenen Porcupine Tree ausmachen. Dass es keinen Gesang gibt, ist hier kaum ein auffälliges Kriterium, denn der würde wahrscheinlich auch nur stören.

Ex Eye — Anaitis Hymnal; The Arkose Disc

Ich bin durchaus angetan.

In den NachrichtenPolitik
Die niemals gezogene Lehre aus dem Bochumer Brüllaufstand

„Das Problem bei den Linken“, so schätzte es Christian Lindner angesichts der kürzlich erfolgten Anbrüllerei durch eine linke Studentin, die über eine Stimme, mit der sie vielleicht lieber etwas anderes machen sollte als Parolen zu brüllen, verfügte oder noch immer verfügt, ein, sei es, „dass nur sie glauben, Wahrheit zu besitzen“, und während die Medien von den Axel-Springer-Blättern über die „Huffington Post“ bis hin zu „RP ONLINE“ seine dieser Feststellung folgende souverän-lässige Reaktion auf das Gebrülle nicht zu Unrecht, wenn auch mit gewohnt schleimiger Attitüde, als souverän-lässige Reaktion auf das Gebrülle beschrieben, so fehlt es doch an einem Hinweis auf die eine wesentliche Wahrheit, die mit jedem medial rezipierten Gebrüll erneut den Fokus auf sich zu ziehen versucht und es trotzdem nicht in die Reihe der gesellschaftlich als Konsens akzeptierten Regeln für einen zivilisatorischen Mindeststandard auf allen Seiten des politischen und sozialen Spektrums geschafft hat, weil vermutlich jene, die sie vorzutragen versuchten, schlicht nicht zu Wort kamen: dass nämlich eine als sonstwie politisch missverstandene Aussage, die lauten Gebrülls bedarf, um vermittelt zu werden, niemals nämlich von Leisen und keinesfalls ohne offensichtlich mitschwingende Ausrufezeichen (oft und gern im Plural) mündlich, vorgetragen wird, einen aufmerksamen Adressaten nicht verdient haben kann.

NerdkramsNetzfundstücke
Kurz verlinkt: „Programmierer“ / Chromefox‘ Googleanalyse

Was über Python-„Programmierer“ und GitHub-Nutzer im Übrigen noch zu verlinken bleibt:

Ein Python-Modul, das automatisch den erstbesten leidlich relevanten Code von StackOverflow.com herunterlädt und einbindet – besternt von über 1.400 GitHub-Konten.

:wallbash:


Die zivilisatorische Decke unter Datenschützern wird dünner: Firefox bindet Google Analytics ein.

"Genießen Sie den Browser mit den meisten integrierten Datenschutzfunktionen" (Quelle: https://www.mozilla.org/de/firefox/new/)

Da wächst zusammen, was zusammen gehört.

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Initiative D21: Eine fast richtige Pressemitteilung

Berlin, 04. Juli 2017. Die Mitglieder des Initiative D21 e. V. haben zur heutigen Mitgliederversammlung einstimmig das Außerkrafttreten der Kompetenzquote für den Gesamtvorstand beschlossen. Ab sofort darf mindestens ein Drittel der Personen des Vorstandes nicht mehr nach qualitativen Kriterien ausgewählt werden. Zusätzlich zur Einschränkung der Quote wird die Regelung des „leeren Stuhls“ eingeführt. Wenn sich nur kompetente Personen zur Wahl stellen oder gewählt werden, bleiben die entsprechenden Plätze frei.

Präsident Hannes Schwaderer begrüßt es sehr, dass die bereits seit Jahren stattfindenden Bestrebungen, den Kompetenzanteil im Vorstand zu senken, nun per Satzung festgeschrieben sind: „Zum einen soll mit der festen Höchstquote ein deutliches Signal nach außen gesendet werden und sich auch andere Verbände entsprechend festlegen. Zum anderen haben unsere Mitgliedsunternehmen und -Institutionen ausreichend Inkompetente im Kollegium und wir möchten ihre geringere Kompetenz auch für das Wirken der Initiative D21 gewinnen“.

Auch Schatzmeisterin Prof. Barbara Schwarze zeigt sich erfreut: „Noch immer ist die soziale und politische Gleichstellung von Kompetenten und Inkompetenten in Deutschland nicht erreicht. Dass nun mindestens ein Drittel der Positionen im Vorstand der Initiative D21 durch Inkompetente besetzt werden müssen, wird auch auf unsere Mitgliedsunternehmen wirken, denn schlussendlich setzt sich der Gesamtvorstand aus den Führungspositionen dieser Unternehmen und Institute zusammen“. Da die Veränderungen nur sehr langsam von allein kämen, sei die Senkung der Quoten ein erster Schritt in Richtung gesellschaftlichem Wandel, stimmt Schwaderer zu. Die Initiative D21 sei bemüht, auch über die beschlossene Inkompetenzquote hinaus, den Gesamtvorstand paritätisch zwischen Kompetenten und Inkompetenten zu besetzen.

Die Förderung der Chancengleichheit zwischen Begabt und Unbegabt ist eine der zentralen Aufgaben der Initiative D21. Bereits zur Gründung des Vereins 1999 wurde die Förderung der Gleichberechtigung von Kompetenten und Inkompetenten in der Satzung festgeschrieben. So engagiere sich die Initiative D21 gemeinsam mit den Mitgliedern u. a. im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum bundesweiten Incompetents‘ Day speziell für Chancengleichheit von Unbegabten durch das Aufzeigen von beruflichen Alternativmodellen und erfassen und bekämpfen unablässig den digitalen Graben zwischen den unterschiedlich Begabten.

Alternative Lesart hier.

Netzfundstücke
Kurz verlinkt: Penis!

Da hatte jemand Spaß:

Zerstörter Fels „Trollpenis“: Er steht wieder (…) Er wollte – ja, es ist wirklich nicht einfach, diese ganze Sache ohne Zoten zu erzählen – er wollte also den „Trollpenis“ wieder stehen sehen. (…) Nun muss die ganze Sache – sorry auch hier für die Wortwahl – noch ein paar Tage aushärten. (…) Die Touristen können also – und das ist jetzt wirklich die letzte zweideutige Formulierung dieses Textes – kommen.

„SPON“-Redakteure. Da steckt man auch nicht drin.

In den NachrichtenMontagsmusik
Ulver – So Falls the World

Wach wie ein PandaEs ist Montag. Die Welt findet zur gewohnten Bräsigkeit zurück und dieses eigenartige Gefühl, der bei Weitem Allerbräsigste zu sein, ist vorüber wie eines dieser schwer erträglichen Liebeslieder, die man sich ausdenkt, während man so über sein Leben sinniert. Leben ist Firlefanz, aber ein immerhin notwendiger, seufzt ein Käuzchen.

Zum nunmehr endlich vergangenen Wochenende bliebe noch manches anzumerken, aber da regte man sich dann doch wieder nur unnötig auf, was selbst der staubbedeckteste Bundespräsident der letzten paar Jahre, entsäkularisierter Dodo des Monats Juni und auch sonst stets für Geschwätz zu haben, kaum zu lindern vermag. Schweifen wir also lieber in die Ferne: Die NASA hat in den Weiten des Weltraums Dinge entdeckt, die die bisherigen Vorstellungen von den Anfängen „unseres“ Universums ein wenig korrigieren. Eine realistische Möglichkeit zur schnellen Anreise ist bisher allerdings nicht enthalten.

Apropos Zukunft: In den USA sind mehrfach bluetoothfähige Handkreisel („Fidget Spinner“) explodiert, was die Vermutung, zum langfristigen Überleben müsse man nicht nur stark, sondern auch einigermaßen schlau sein, selbst heute, da der Mensch sich als weitgehend dominante Rasse erwiesen hat, noch als bedeutsam kennzeichnet. Die „Neue Zürcher Zeitung“ fragt in eigentlich nicht ausschließlich diesem Zusammenhang, ob die moderne Gesellschaft zu doof für den Fortschritt geworden ist. Dass sie nicht von den Klügsten angeführt wird, mag als Argument nicht ausreichen, und so lange sie noch wunderbare Musik hervorbringt, ist jedenfalls das Wesentliche gesichert; zum Beispiel eben so:

Ulver – So Falls the World

Guten Morgen.

In den NachrichtenPolitik
Abschließende Bemerkung zu G20: Feuer und Flamme fürs Klima

Die antikapitalistische Linke, lebendes Belegexemplar der Hufeisentheorie, hat endlich neue iPhones und denkt sogar mal über Körperpflege nach. Durch die Ankurbelung der Glaserei- und Autowirtschaft mittels der Zerstörung von Schaufenstern und Dienstfahrzeugen von Krankenpflegern wurde dem Kapitalismus ein Schnippchen geschlagen und es ist sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis die Banken freiwillig dem Freiheitsdrang der Bürger nachgeben. Die Verschonung von Geschäften, deren Besitzer rechtzeitig bekannt gegeben haben, auf der richtigen Seite zu stehen, hat in Deutschland bekanntlich eine bald achtzig Jahre alte Tradition und Tradition ist wichtig.

Dass nicht etwa die internationale Hochfinanz, sondern kleine Geschäftsleute, Journalisten und Polizisten teils ruiniert, teils schwer verletzt wurden, war auf dem Weg zu einer besseren Welt unvermeidlich, denn niemand muss Geschäftsmann, Journalist oder Polizist sein oder in Hamburg wohnen. Nachdem das Klima jetzt gerettet und der Kapitalismus endgültig besiegt ist, bleibt nur noch eine Frage ungeklärt:

Wie dumm ist Werner Rätz?

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Farflung – 5

Das englische Wort „far-flung“ bedeutet ungefähr „breitflächig“. Unter diesem sprechenden Namen wurde 1992 in Los Angeles eine Spacerockband gegründet, die aktuell als Trio musiziert und 2016 mit „5“ ihr aktuelles (nach meiner Zählung jedoch längst nicht mehr ihr fünftes) Studioalbum (Amazon.de, TIDAL) veröffentlichte.

Spacerock? Nehmen wir das mit den Genres mal lieber nicht so genau, denn was die Musik der drei Herren von Farflung ausmacht, ist nicht etwa der hundertste Aufguss von Hawkwind’schem Spiel, sondern es ist die gekonnte Einflechtung heterogenster Stile in ein von jedenfalls mir bislang noch ungehörtes musikalisches Rezept, aus dem Tanzmusik im besten Sinne entstand.

Das auf „5“ zu Hörende wird bei all seiner Heterogenität von flirrenden Klangeffekten in Form gehalten, die Musik prescht zügellos nach vorn und reißt dabei alles mit, was ihr im Weg liegt: Spacerock, Hardrock, Shoegaze, Americana, in „Being Boiled“ – hier mit besonders bemerkenswertem Bassspiel – darf es auch mal Doom sein. Das Repetitiv-Hypnotische auf „5“ ist mehr als nur Mittel zum Zweck. Das Star-Wars-Wüstencoverbild vermag das Ohr nicht zu trügen.

Ich habe keine Ahnung, was die einschlägigen Medien momentan als passendes Album zum Cocktail am Strand und/oder zum wilden Sitztanz empfiehlt. Gehört zu den üblichen Empfehlungen jedoch nicht „5“, so möchte ich es hiermit zu diesen hinzugefügt wissen.

Persönliches
Selber hygge!

Nach Sondierung des diesmonatigen Angebots an Frauenzeitschriften – regelmäßige Leser dieser Website wissen um deren humoristische Qualitäten – ließ es sich nicht vermeiden, dass auch mir als von Trends nicht viel haltendem Wirrkopf das Hyggesein als Lebensstil begegnete, immerhin gerade mal ein halbes Jahr, nachdem es die „ZEIT“ umfangreich thematisierte. Was also ist ein Hygge?

So heißt Gemütlichkeit in Dänemark. Die halbe Welt will von den Dänen lernen, wie man es sich drinnen nett macht, wenn es draußen ungemütlicher wird.

Verstehe: Weil Deutschland seine Gemütlichkeitseit 1892 auch im anglophonen Raum ein Begriff – abhanden gekommen ist, versuchen wir es stattdessen mit einem Import aus einer anderen Gesellschaft als der unseren.

Um dieser Gemütlichkeit äußeren Nachdruck zu verleihen, wird der Pressemarkt mit Erzeugnissen wie dem Magazin „hygge“ aus der Verlagsgruppe „Deutsche Medien-Manufaktur“, die sonst auch Welterfolge wie die Küchenheftchen „essen & trinken“, „essen & trinken mit THERMOMIX“ und „flow“, als „eine Zeitschrift ohne Eile, über kleines Glück und das einfache Leben“ bereits eine etablierte Konkurrenz aus eigenem Hause, in ihrem Portfolio aufführt, und jedes Mal, wenn irgendein Kackunternehmen, in dem von Handarbeit noch kaum jemand auch nur etwas gehört hat, sich „Manufaktur“ nennt, empfinde ich ein bisschen weniger Gemütlichkeit als noch zuvor. Dagegen hilft auch kein nicht alkoholhaltiges Magazin dieses Landes mehr. Hat nur noch diese Zeitschrift gefehlt, als sei turnusmäßig reproduziertes, mehrseitiges Gequatsche ein wertvollerer Ratgeber als fünf einfache Worte.

Laut Amazon.de werden seit Herbst 2016 nicht nur ungezählte Zeitschriften, sondern vor allem auch Bücher über die jeweils beste Art zu hyggen publiziert, der dortige „Bestseller“ wie auch der der „Sunday Times“ und der „New York Times“ ist derzeit „The Little Book of Hygge: The Danish Way to Live Well“, einsortiert in die Kategorie „Skandinavische Küche“, als ginge es bloß ums Essen und nicht um eine quasi vollständige Lebensanleitung.

„Hyggelig“, faselte Alix Berber für „bento“, seien „auf dem Sofa Filme schauen“, „selbst backen“ und „klare Strukturen“, und beim Gebäck sei es nicht etwa irgendein Kuchen, sondern „eigens kreierte Zimtkekse mit gesundem Vollkornmehl“, und dazu ein vermutlich entkoffeinierter Kaffee aus handgerollten Kaffeebohnen und ein „Bildband über Wälder“. Früher nannte man das spröden Waldorfcharme oder Prenzlauer-Berg-Habitus, heute ist es eben „hyggelig“. Selten fand ich mein enttrendetes Leben so interessant.

Subjektive Gemütlichkeit herzustellen, indem man Feng-Shui-mäßige Einrichtungstipps von Fremden befolgt, erscheint mir jedenfalls nicht als ein verständiger Weg zum Glück. Das hat nun immerhin auch die Lebensstilvermarktungsbranche erkannt und meldet selbst Zweifel an der von ihr geschaffenen Hyggeblase an – denn schon bald ist alles hallyu.

:irre:

In den Nachrichten
Kurz notiert zur römischen Selbstinquisition

Und siehe, Gott sandte ein Zeichen und ließ die Vertreter der Vertreter seines Vertreters auf Erden im Drogenrausch dort, wo noch bis 1908 der Name der heiligen Inquisition seine Verkörperung fand, der Unzucht frönen, als besitze das Neue Testament im Stammland der weniger antisemitischen Hälfte des europäischen Christentums nur für jene Menschen Gültigkeit, die sich mit dem Gedanken an ein konservatives Familienleben anfreunden können, und als sei ebenjene heilige Inquisition, die im Einklang mit den Glaubensnormen die beteiligten Pfaffen als Ketzer wenigstens einer göttlichen Todesstrafe hätte unterwerfen müssen, nie geschehen; und dann sei aber zu ihrer moralischen Entlastung erwähnt, dass, so wenig man auch von der katholischen oder überhaupt irgendeiner Kirche hält, diesmal nur zwar geistig unreife (denn sonst wären sie nicht katholisch), wohl aber körperlich erwachsene Menschen Teil der Ausübung der höchst unchristlichen sexuellen Freiheit waren, was, wenn die Sexualität von Katholiken in den Nachrichten ist, ja durchaus nicht als Regelfall angesehen werden sollte.

(via Schwerdtfegr)

In den NachrichtenWirtschaft
Von Vollbezahlung hat ja niemand etwas gesagt.

Im September steht die nächste Bundestagswahl an; Zeit also, schon einmal darüber nachzudenken, wen es zu wählen gilt. Während die früheren Mitregenten „Die Grünen“ längst Spott und Schaden auf sich vereinen, ist die derzeitige Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD produktiv damit beschäftigt, potenziellen Wählern im Falle eines Wahlsieges Versprechen hinsichtlich der zu erwartenden Politik zu machen. Wenn sie doch nur eine Gelegenheit gehabt hätte, auch mal Dinge umzusetzen!

Während die SPD schon vor etwas längerer Zeit unter dem Beifall ihrer traditionell vergesslichen Anhänger mitteilte, wenn sie doch nur endlich regieren dürfte, würde sie die unmenschliche Sozialpolitik der SPD grundlegend revidieren, nebelte es aus CDU/CSU-Kreisen noch eher zurückhaltend, denn einigen konnte man sich zwar darauf, weiterhin inhuman und sonstwie grausam zu sein, nicht aber auf eine konkrete Ausprägung. Der putzige CDU-Generalsekretär Peter Tauber ließ gestern – noch vor der Vorstellung des gemeinsamen Wahlprogramms – zumindest den Hinweis fallen, dass diejenigen, die mehrere schlecht bezahlte Arbeitsplätze haben, halt eine anständige Ausbildung hätten machen sollen, denn dann hätten sie das Problem jetzt nicht, was er später revidierte, indem er zumindest die Zahl, nicht aber die Existenz von schlecht bezahlten Arbeitsplätzen kritisierte: „Mini-Jobs“ seien nämlich „an sich gut“, sie betreffen ja niemanden, der lieber in Vollzeit und anständig bezahlt arbeiten würde, nicht wahr?

Seit gestern Abend jedenfalls gibt es ein gemeinsames Wahlprogramm („Regierungsprogramm“) von CDU und CSU, in dem mein spaßiges Lieblingskapitel die Überschrift „Gute Arbeit auch für morgen – Vollbeschäftigung für Deutschland“ trägt. Vollbeschäftigung kennt die Kanzlerin, ein Kind der DDR, noch von früher, als es in ihrer Heimat eine staatlich verordnete Arbeitslosenzahl von 0 Prozent und ein Produktivitätsniveau von 40 Prozent gab. Das, freilich, ist nicht merklich anders als heute: Menschen, deren dauerhafte Arbeitskraft dem Markt keinen Mehrwert bringt, werden stattdessen zu unproduktiver Arbeit überredet, die nur existiert, um die Arbeitslosenzahl zu senken. „Sozial ist, was Arbeit schafft“, heißt es im Programm, und um die allzu plumpe Provokation, dass somit auch NS- und Sowjetlager eine Folge erfolgreicher Sozialpolitik gewesen sein müssten, zu vermeiden, mag mir der Hinweis genügen, dass mir zur Sozialpolitik der gegenwärtigen „großen Koalition“, die so viel Arbeit schafft, dass viele Leute sogar drei davon haben, so manches Adjektiv einfällt, „sozial“ aber nicht darunter ist.

Aus dem gleichen Kapitel des Wahlprogramms:

Die Zahl der offenen Stellen wächst beständig.

Die von der „Union“ haben auch eine gewisse Stelle offen, wie mir scheint.


Könnte man auch mal gelesen haben: Obama war immer total höflich.

In den NachrichtenNerdkrams
Kurz verlinkt: Männer, Frauen und Transalgorithmen sind vor dem Gesetz gleich.

Apropos „die EDV nicht verstehen“:

In Anlehnung an das zehn Jahre alte Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) spricht sich Maas für ein „digitales AGG, ein Antidiskriminierungsgesetz für Algorithmen gegen digitale Diskriminierung und für vorurteilsfreies Programmieren“ aus.

Ich fordere eine Algorithmenquote in deutschen DAX-Vorständen von mindestens 30 Prozent! :aufsmaul:

ComputerMontagsmusikNetzfundstücke
Cosmic Fall – Haumea

Euli krank, Euli Bettchen.Es ist Montag. Juchhei! Es pocht der Kopfschmerz genüsslich im Takt, so musikalisch war man seit Jahren nicht gelaunt. Das Regenwetter als Symbol für das Wohlbefinden zu betrachten ist eines Zynikers würdig, also tun wir das und drehen geringfügig durch. Früher war mehr Dingens.

Eine Studie belegt, dass Solarenergie der Umwelt größeren Schaden zufügt als Kernenergie. Das hätte ja ruhig mal wer vorher sagen können! Aber die Mär von der „sauberen“ Energie der „Zukunft“ – als stürbe der Planet später, transportierte man die erplünderten Ressourcen nur noch mit Solarautos fort – hält ganze Industriezweige am Leben und Industriezweige sind für irgendetwas „wichtig“.

Mancher Menschen Idiotie betrifft wenigstens nur andere Leute: Linuxnutzer mit einer Null vorn in ihrem Anmeldenamen kriegen vom neuen großen Ding systemd volle Systemrechte geschenkt. Das sei kein Fehler, sagen die Entwickler, weil eine Null vorn gar nicht sein könne, und wenn doch, mache man was falsch, denn das sei so nicht gedacht. Mit dem Erfolg von Linux auf irgendwelchen Quatschsystemen hat technisch orientiertes Denken wohl leider nicht gerechnet.

Machen wir es zu unserem eigenen Schutz so wie die Entwickler von systemd und schalten erst einmal das Hirn ab – nur lieber mit ein wenig guter Musik.

Guten Morgen.

Nerdkrams
Deutschland ergeht sich in Plattformgewäsch.

Medien auf: Alles voller „Plattformen“.

„Plattformen“, erklärt Steffan Heuer aktuell in einem mehrseitigen Artikel im Wirtschaftsmagazin „brand eins“ (S. 48 ff.), seien die Dienste von Unternehmen wie Facebook, Amazon und Slack, von denen Entscheider aus Einfachheitsgründen gern mal Gebrauch machen. Dass Slack, das restriktive IRC für Mausschubser, als Standardlösung für Firmenchats und das Betriebssystem Unix als Computerfirma (Seite 53 unten) bezeichnet wird, nimmt dem Artikel freilich manche Seriösität.

Trotzdem sind „Plattformen“ (als wäre nicht jede poplige Webseite bereits eine kleine „Plattform“!) gerade auch wegen des „NetzDG“, des vom Bundestag jüngst durchgewinkten Zensurgesetzes, gerade wieder ein aktuell schwelendes Thema: Patrick Breyer, einer der wenigen verbliebenen Datenschutz- und Netzpolitikfachleute der Piratenpartei, hat dieser Tage seinen Twitteraccount entfernt und wird fortan nur noch auf GNU Social erreichbar sein. GNU Social, den Jüngeren muss man das erklären, ist eine vom fanatisch religiösen GNU-Projekt gesteuerte „dezentrale“ Alternative zu Twitter, die ähnlich aussieht, aber zumindest in der Theorie von jedem Benutzer selbst installiert werden kann, so dass die Anzahl an miteinander vernetzten Servern beliebig groß ist und eine zentrale Zensurinfrastruktur nicht ohne Weiteres eingerichtet werden kann. Von GNU Social gab es in der Vergangenheit mit Quitter eine twitterähnliche Instanz, die während einer der ungezählten Wellen von „wir gehen jetzt alle von dem doofen Zensurtwitter weg“ in den letzten Jahren einen bedeutsamen Zuspruch fand; erst vor wenigen Wochen fanden Gab.ai und Mastodon als weitere Twitteralternativen größere mediale Aufmerksamkeit.

Nun steht und fällt natürlich der Erfolg einer solchen „Plattform“ (meinten Sie: Website?) mit einer ausreichend großen Sogwirkung, und wer vor ein paar Jahren das Gewese um Ello, Minds und Diaspora mitbekommen hat, die allesamt ein viel besseres Facebook sein sollten, aber bis heute von den meisten der wenigen Benutzer vermutlich höchstens als Zweit- oder Drittkanal zu Twitter genutzt werden, der fasst sich bei Aufforderungen, man möge doch bitte in irgendeines dieser wie Unkraut nachwachsenden „dezentralen Netze“ kommen, nur mehr an die Stirn. Twitter ist nicht so groß geworden, wie es heute ist, weil es besonders aktiv die Daten seiner Nutzer schützt, sondern, weil man gern nicht nur mit sich selbst reden würde. Auf GNU Social (und so weiter) sind die Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Menschen in Ermangelung anderer Menschen hingegen eher begrenzt, was durch die unregelmäßig auftretende Aufteilung der community in diverse, teilweise miteinander inkompatible Besser-als-Twitters nicht besser wird.

Natürlich gibt es Dienste, die man hinsichtlich ihrer liberalen Technik irgendwie besser finden kann als andere, die zumeist irgendwelchen kommerziell orientierten Unternehmen gehören. Man kann also seine Erreichbarkeit in den großen „sozialen Netzwerken“ auf ein Minimum beschränken und der dritte oder vierte Benutzer von GNU Social werden. Man kann auch aus Prinzip irgendein Nischenbetriebssystem nutzen, für das es höchstens drei brauchbare Anwendungen gibt, um es Microsoft mal so richtig zu zeigen. Man kann sich auch ein Bein abhacken, damit skrupellose Schuhhersteller nur noch die Hälfte bekommen. Blödheit ist ja nicht verboten.

Effektiv ist sie nur eben auch nicht unbedingt.

(Offenlegung: Man findet mich sowohl auf Diaspora als auch auf Quitter, jedoch bin ich insbesondere auf Quitter allenfalls alle paar Wochen einmal lesend aktiv.)