In den NachrichtenPolitik
Was Angela Merkel so alles alarmiert

Die Kanzlerin verschärfe die Kritik, heißt es aus Journalistenkreisen (u.a. „FAZ“, „Tiroler Tageszeitung“ bzw. eben Reuters), indem sie die Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei „in höchstem Maße alarmierend“ nannte. Nun kann man bei einer alarmierten Angela Merkel keinesfalls davon ausgehen, dass sie wie eine alarmierte Polizei oder eine alarmierte Feuerwehr Maßnahmen ergreifen wird, um die Ursache des Alarms wirkungsvoll zu bekämpfen, denn die Türkei ist ebenso wie Saudi-Arabien ein wertvoller Verbündeter beim Löschen wirtschaftsunfreundlicher Friedensherde. Das Feine an der Kanzlerschaft mag’s sein, dass man viel reden, aber nur wenig tun muss, um zu gefallen.

Und bewährte Rezepte kocht man eben doppelt so gern: Die humanitäre Lage in Nigeria sei „alarmierend“ (14. Oktober 2016); und wahrlich, sie tat was dagegen, lehnte zwar die Aufnahme vermuteter Wirtschaftsflüchtlinge aus Nigeria ab, aber Deutschland stellt zur Sicherheit noch eine Militärbasis daneben, denn nur dort kann ein Friede herrschen, wo man ihm den Weg freischießt; was indes in der Türkei völlig außer Frage steht, denn dort ist die humanitäre Lage eine großartige, wenn man nicht gerade Journalist, Politiker der Opposition, Kurde, Fernsehclown oder syrischer Flüchtling ist: „Flüchtlinge berichten von Misshandlungen und Schüssen auf Kinder“, aber die Tür in die EU bleibt selbstverständlich geöffnet, so lange es nicht offiziell Todesstrafe heißt, denn es ließ die Kanzlerin höchstselbst verkünden, dass die Gespräche über eine EU-Mitgliedschaft der Türkei enden würden, sollte das Land die Todesstrafe wieder einführen, bedauerliche Kollateralschäden selbstverständlich einmal ausgenommen.

Das Erschießen von Flüchtlingen ist im Frontex- und Waffenexportland Deutschland ja durchaus eine ökonomisch wertvolle Errungenschaft.

Ihre Fähigkeit zu herrschen basiert allein auf der Vernichtung des Bewusstseins.
„Sie leben!“, 1988


Die F.D.P. teilte in Gestalt ihres Bundesvorstands inzwischen mit, dass Volksabstimmungen prinzipiell gefährlich seien, denn das Volk könnte eine andere Meinung haben als seine Parlamentarier und damit wichtige Änderungen blockieren oder gar final verhindern.

Wär‘ ja noch schöner, wenn man dem Pöbel mal das Wort erteilt.

Persönliches
Kurz notiert zu „Halloween“

Ah, der 1. November naht, mithin der Tag nach „Halloween“, dem Tag im Jahr, der nicht nur selbst einem Möchtegernaufgeklärten als willkommener Brückentag dient – denn den bedeutenden Vorteil, den die nervtötenden Bimmbammreligionen, über die man sich sonst vortrefflich aufzuregen vermag, der persönlichen Lebensqualität verschafft, den der zusätzlichen freien Tage nämlich, nimmt man doch gern mit und bemerkt nicht einmal, dass man dadurch zum Teil des Problems wird -, sondern der zudem als Ersatz für den in dieser vordergründig säkulären Zeit eher unbeliebten Reformationstag herhalten darf und dann aber eben doch religiösen Ursprungs, naturreligiösen nämlich, ist und an dem sich eine eigenartige Kälte im Land breitmacht, gekennzeichnet durch die Diskrepanz, dass diejenigen, die niemals auch nur auf die Idee kämen, einem Bedürftigen über den Winter zu helfen, im Supermarkt für zu viel Geld ungesunden Unsinn kaufen, damit die putzigen kleinen Strolche, die nicht einfach nur lieb bitten, sondern bei Nichtbeschenkung mit Saurem drohen, schon früh lernen, dass man im Leben eine Menge erreichen kann, wenn man einfach nur unverschämt genug ist.

Vielleicht sollten sich die frierenden Bettler einfach als niedliche Kürbisse verkleiden.

In den NachrichtenMontagsmusik
Ahkmed – Last Hour of Light // Friedenskrisen

nur-noch-eine-tasse-kaffeeEs ist später Montag als sonst, nur hat man es kaum bemerkt, weil die eingeschobene Stunde am Sonntag keine produktive war und Brückentage auch immer nur die Anderen betreffen. Moderner Technik wegen beschränkt sich die Umstellung der angezeigten Uhrzeit ohnehin längst meist darauf, dass man noch ein bisschen länger im Bett bleibt. Ob der Unsinn nicht ganz ausbleiben sollte, möge jemand mit legislativer Befugnis entscheiden, bedauerlicherweise ist bislang keine Änderung in Sicht. Russland hat die Zeitumstellerei schon vor Jahren unterbunden, und wer will schon wie der Iwan sein?

Andererseits: Deutschland stimmt gegen ein Verbot von Masssenvernichtungswaffen, vermutlich verkaufen die sich so gut. Wenig vernichtet man als deutscher Friedenspolitiker so ungern wie Exportgewinne. Wenn man nur lange genug wartet, werden aber offenbar auch die krudesten Parteiversuche rational: Auf dem „grünen“ Netzkongress etwa war Veganes unbeliebt. Bestimmt wurden bereits Krisensitzungen einberufen.

Krisen sind ja sowieso so ein Montagsding. Der so genannte „Journalismus“ steckt ebenso tief in derselben wie Politik, Gesellschaft und Kultur – hui, Brüste! – und natürlich man selbst, weil man sich und das alles und den Montag insbesondere nur ungern noch ertragen mochte, wäre da nicht die Musik, die so vieles besser macht.

Machen wir also einen kleinen Umweg, bevor der Montag beginnt.

ahkmed – last hour of light

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Ryley Walker – Primrose Green

ryley-walker-primrose-greenKommen wir zu etwas schönem, kommen wir zu Musik.

Ryley Walker, 1989 geboren, singt und spielt Gitarre auf Aufnahmen, die eigentlich gar nicht nach Herren seines Alters klingen. Nach einem sozusagen rasanten Aufstieg in der prinzipiell viel zu großen Musikszene Chicagos veröffentlichte er seit 2014 bis heute bereits vier Alben und mindestens drei EPs, Ideen scheint er also zu haben. „Primrose Green“, 2015 erschienen, ist das zweite dieser Alben.

Ryley Walker – "Primrose Green" (Official Audio)

Was ist davon zu halten? Nun: Eine Menge. Ryley Walker steckt musikalisch tief in den 1960ern und, hilfsweise Mitmusiker auf den Studioaufnahmen (hier: sechs) hin oder her, erweckt keinesfalls den Eindruck, er habe nicht viel mitzuteilen. Verdammte Hippiemusik oder eben: Folkjazz mit Gefühl bis hin zum gelegentlichen, unerwarteten Ausbruch, ohne gewollt zu klingen, mitunter auch mal am Etikett des RIO entlangstreifend, ohne es aufgeklebt zu bekommen. Singer/songwriter nennen das jene, die Musik nur hören, aber nicht fühlen wollen, weil er hier, man höre und staune, singt und schreibt.

Ausbruch? Aber natürlich. Ryley Walker reißt mit, notfalls mit Nachdruck.

Ryley Walker – Sweet Satisfaction

Natürlich ist „Primrose Green“ auch der Schwermut, der elenden, ein Motor, was unvermeidlich ist, wenn stiller Folk den psychedelischen Pop als Teil seiner selbst begreift, denn dicht ist sie, die Woge, die den Hörer auf die Reise schickt; zuvörderst aber bleibt ein sanftes Gefühl der Befreiung mit Rückständen von Fernweh zurück.

Ich bin angetan und empfehle wärmstens Imitation.

Netzfundstücke
Liegengebliebenes vom 27. Oktober 2016

Dieser Absturz da auf dem Mars, der hat doch fast funktioniert:

Since we obtained at least 80% of the data during the descent, the overall success rate can be calculated as follows: 80+20*0.8 = 96%. All in all, a very positive result.

Wenn ich mal was programmiere, was zu 96 Prozent funktioniert und zu 4 Prozent in einem Totalschaden endet, dann schimpfen immer alle. Vielleicht sollte ich stattdessen was mit Raumfahrttechnik machen.


Apple definiert Innovation: Das kommende MacBook hat voraussichtlich nicht einmal mehr eine Esc-Taste. Wenn sie das Tempo, in dem sie innovativ Funktionen aus ihrem Plastikspielzeug entfernen, einigermaßen beibehalten, sehe ich schon bald die ersten Urheberrechtsklagen auf die Macher des NoPhones zukommen. Das hat nämlich auch keine störenden Anschlüsse, Tasten oder Funktionen.


Es gibt seit kurzem ein lesenswertes Gespräch mit dem bemerkenswert bloggenden „Kiezneurotiker“, das auszugsweise zu zitieren der vollen Pracht hier Unrecht täte.


Deutsch des Tages: Die vom IS explodierte Giftwolke.


Scheißfrisur? Scheißfrisur.

In den NachrichtenWirtschaft
Mindesthohn

(Vorbemerkung: Meine Ahnung von Wirtschaft weigert sich auch weiterhin beharrlich zu existieren.)

Toll:

Der seit eineinhalb Jahren geltende gesetzliche Mindestlohn wird 2017 erstmals angehoben. Der Mindestlohn soll von derzeit 8,50 Euro auf dann 8,84 Euro pro Stunde steigen. Das Bundeskabinett billigte am Mittwoch in Berlin eine Verordnung von Arbeitsministerin Andrea Nahles.

Damit sinkt das Risiko der Altersarmut für Geringverdiener um, Moment…

Auf eine schriftliche Frage (…) musste Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller einräumen, dass ein Beschäftigter 45 Jahre lang und mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 38,5 Wochenstunden, 11,50 Euro verdienen müsste, um im Alter eine Rente zu erhalten, die über der aktuellen Grundsicherungsschwelle von 769 Euro liegt.

Aber warum dann überhaupt diese geringe Anhebung, wenn man im Alter sowieso nichts davon hat? Ach, richtig:

Dagegen erhofft sich Nahles durch die 34-Cent-Anhebung positive Auswirkungen auf die Konsumnachfrage.

Ist ja bald Weihnachten.

Aber nicht alles auf einmal ausgeben! :ja:

In den NachrichtenPolitik
Betonköpfe: Markus Becker erklärt die Demokratie.

Auf „SPIEGEL ONLINE“ darf Markus Becker derzeit die Demokratie erklären und bringt uns dreierlei bei.

Erstens:

Man mag Ceta gut finden oder schlecht, aber der Beton-Widerstand der Wallonie ist kein Sieg der Demokratie.

Von dem Recht, gegen ein Abkommen zu votieren, Gebrauch zu machen heißt „Beton-Widerstand“.

Zweitens:

Selbst Parteifreunde der wallonischen Rebellen – etwa Gianni Pittella, Fraktionschef der Sozialdemokraten im EU-Parlament – werfen Paul Magnettes Regierung inzwischen vor, ganz Europa in Geiselhaft zu nehmen.

Gegen ein Abkommen, das von vielen Europäern abgelehnt wird, die aber zur Freude der Demokratie und Markus Beckers gar nicht erst gefragt wurden, zu stimmen nimmt ganz Europa „in Geiselhaft“, während eine Zustimmung zu diesem Abkommen ganz Europa selbstverständlich völlig frei von Zwängen ließe.

Drittens:

Dass die – demokratisch gewählten – Regierungen aller EU-Staaten Ceta zugestimmt haben? Interessiert nicht. Die Glaubwürdigkeit Europas und womöglich Tausende Arbeitsplätze, um die es immerhin auch geht? Bedauerliche Kollateralschäden.

Europa kann seine Glaubwürdigkeit nur aufrecht erhalten, wenn es seine Mitglieder künftig nicht mehr nach ihrer Meinung fragt. Demokratie kann nur funktionieren, wenn sie auf ergebnisoffene Abstimmungen verzichtet. Die Arbeitsplätze, wissenschon. :aufsmaul:

Endlich erklärt uns das mal einer.

In den Nachrichten
Buh!

Zitat des Tages:

Wer andere sprichwörtlich zu Tode erschrecken will, ist nicht lustig, sondern ein Straftäter[.]

Hoffentlich tritt ein entsprechendes Gesetz rechtzeitig zum Vorabend von Allerheiligen in Kraft.

:irre:

In den NachrichtenMontagsmusik
Argos – Not in This Picture

kein-montag-ohne-mond-kein-seufzen-ohne-kaeuzchenEs ist Montag; bla, bla und nochmals bla. Wir reden laut und sagen nichts, um wenigstens nicht still zu sein, und nehmen die tatsächliche Stille dabei gern in Kauf. Don’t you / forget about me, nebenbei die musikalische Frühasozialisierung verfluchen und dann weiter, nur weiter, nur weiter so. Er wirkte stets bemüht. Regie, kann ich den Sonntag davor noch mal sehen?

Es könnte schlimmer sein. Man könnte seine Söhne töten, damit sie später keine Frauen belästigen. Apropos: Frauen kaufen lieber Zigaretten mit Fotos von kranken Männern. Vielleicht sollte man für die Abbildungen eine Frauenquote einführen.

Wenigstens anderswo hat der Babo die Chabos voll im Griff: Der Iwan darf in den USA nicht beim Wählen zugucken. Eine anständige Demokratie braucht weder Computer noch Beobachter. Wer was anderes behauptet, ist Putinversteher, gesellschaftlich geächtet und unten durch.

Obenauf hingegen: Musik.

Guten Morgen.

In den NachrichtenNerdkrams
Seid Terroristen!

Das „umstrittene“ (medialer Fachbegriff für „unvernünftig“) Gesetz zur Legalisierung des bisher wenigstens illegalen, künftig also nur noch abscheulichen Tuns des Bundesnachrichtendienstes wurde heute gegen, selbstverständlich, erbitterten Widerstand der Opposition mit ausdrücklicher Zustimmung der SPD – Projekt 18 läuft super – beschlossen. Ausspionieren unter Freunden ist unerwünscht, aber wir sind eben hier nicht bei Freunden. Damit ist weiterhin und bis auf Weiteres nicht davon auszugehen, dass das, was ihr im Internet so treibt, nur von Facebook, Google und eurem Betriebssystemhersteller mitgelesen werden kann. Es gilt: Private Kommunikation ist weiterhin nur privat, wenn ihr entsprechende Maßnahmen trefft. Wenn Verschlüsselung Terrorismus ist, dann kann das Netz viel von Terroristen lernen.

Ich hatte mich schon 2013 einmal mit effizienten Gegenmaßnahmen beschäftigt und finde es ein wenig erschreckend, wie aktuell manches bleibt; auch weiterhin gilt: Kommuniziert ihr über ein verschlüsseltes VPN, so versteht der Lauscher am DE-CIX nur Bahnhof. Das alles ist natürlich witzlos, wenn ihr trotzdem über fremde Dienste unverschlüsselt kommuniziert, deren Integrität in der Regel ja nicht transparent ist.

Verschlüsselt also so viel wie möglich, sowohl in eurem Messenger (XMPP, vulgo „Jabber“, mit der OTR-Verschlüsselung sollte sich als Standard allmählich durchsetzen) wie auch via E-Mail. Nutzt Mailprogramme, die eine standardisierte Verschlüsselung – bevorzugt GnuPG oder PGP – beherrschen, etwa Claws Mail, The Bat!, Pegasus Mail oder Wanderlust, keinesfalls aber Google Mail oder vergleichbare Dienste, denn eine zuverlässige, überprüfbare Einbindung von GnuPG oder PGP in einen Webmaildienst kann es schon architekturbedingt nicht geben.

Seid selbst die Terroristen. Seid unerwünscht nackt. Clownskostüm und Guy-Fawkes-Maske sind optional.

Wir sind Terroristen und wir sind extrem.
Heiter bis Wolkig: Terroristen

Nerdkrams
„Sicherer als Windows“ des Tages (5)

Na, auch Linux statt Windows zu Hause?

Dann patcht mal schön euren Kernel!

In den NachrichtenPolitik
Iwan des Tages: Putins gefährliche Reichsbürger

Dass in Georgensgmünd ein Mensch mit gemeinhin für falsch gehaltener Auffassung von Völkerrecht und legal erworbenen Waffen (denn es ist bekanntlich ein sehr wichtiges Grundrecht, sich unter Umständen ein Mordinstrument unter’s Kopfkissen legen zu dürfen) einen Polizisten erschossen hat, führt gegenwärtig zu allerlei gesellschaftlichen Urteilen wie etwa dem, dass man doch bitteschön etwas gegen diese Terroristen unternehmen möge, womit natürlich die „Reichsbürger“ und nicht etwa die Waffenbesitzer gemeint sind, denn bekanntlich ist man als unbewaffneter Geschichtsverdreher wesentlich gefährlicher als wenn man bloß ein bewaffneter Spinner ist, unter völliger Ausblendung des Umstands, dass proportional mehr Frauen als „Reichsbürger“ irgendwen umbringen und trotzdem nahezu niemand fordert, man möge Frauen doch bitte unter Beobachtung stellen.

Klar – „Reichsbürger“ sind in ihrem ganzen Handeln viel verdächtiger. SPIEGEL ONLINE „erklärt“ dazu:

Scrollt man durch die Seite, tritt man ein in eine Blase, in der (…) das Finanzsystem kurz davor ist, die Welt in den Abgrund zu kollabieren, Behörden nur daran arbeiten, die Bürger zu schröpfen, Medien lügen, westliche Regierungen auf den dritten Weltkrieg gegen Russland drängen. Der einzige Mächtige, der hier des Bösen unverdächtig ist: Wladimir Putin.

„Ach so“, wird der verständige „SPON“-Leser nun denken, „dann ist ja alles klar“, denn wer das Finanzsystem kritisiert, staatlichen Institutionen oder gar der Bundesregierung die Armut von Bürgern vorwirft und dann sogar noch dreist behauptet, westliche Medien oder gar hochrangige Politiker würden die Konfrontation mit Russland verschärfen wollen, dessen Präsidenten er überdies nicht einmal durch entsachlichende Dämonisierung zu verteufeln wagt, der kann nur ein Terrorist oder mindestens ein Sympathisant sein.

Verdammter Putin.

Nerdkrams
Warum Informatik kein Programmierunterricht ist

Was hat das Internet sich nicht wieder köstlich amüsiert: Die F.D.P. fordert das „Programmieren ab Grundschule“, stimmt aber im Landtag gegen ein Pflichtfach Informatik. Haha, die Pünktchenpartei immer. So inkonsequent.

Nur hat Programmieren mit Informatik zunächst mal so viel zu tun wie ein Horoskop mit Astrophysik: Irgendwas mit Computern, irgendwas mit Sternen, wird schon passen. Informatik als Vertiefung der Mathematik lehrt Logik, trockene Automatentheorie, allerdings nicht zwangsläufig ihre Anwendung – und selbst die geht weit über Programmieren hinaus.

Die Mehrzahl aller Informatikabsolventen kann nicht programmieren (und wenn, dann nur in Java), Informatik allgemein läuft super bis auf Programmieren. Als fertig studierter Informatiker mit einer leidlich akzeptablen Durchschnittsnote kann man einen Algorithmus schreiben, der sich in Internetforen über die schlechte Qualität seines Studiums beschwert, aber ihn eben nicht in der Praxis umsetzen, weil weder Algorithmik noch Platinenlöten nennenswerte Kenntnisse in einer Programmiersprache (außer, allenfalls, Assemblersprache oder Lernsprachen wie Python, die sowieso wie lauffähiger Pseudocode aussehen; und selbst das nur, wenn genug Begeisterung für das Thema besteht, weil man in keinem der beiden Fächer zwangsweise mit echtem Quellcode arbeiten muss oder auch nur sollte) mit sich bringen. Für die Wirtschaft sind Leute, die Ideen in verkaufstaugliche Programme einbauen können, allerdings langfristig wichtiger als solche, die sich ab und zu mal was ausdenken, weil sich Ideen eben verdammt schwer in Greifbares verwandeln lassen, wenn niemand da ist, der das tut; und selbst, wenn man von der Wirtschaft nicht viel hält: Wenn ich ein Programm zum Heimgebrauch entwickle, dann macht mir das Schreiben von Code oft deutlich mehr Spaß als das Erarbeiten der dahinter stehenden Logik. Dazu kommt: Kein Wissen aus der Informatik ist zur produktiven Arbeit hierbei zwangsläufig Voraussetzung, denn programmieren kann man auch ohne eine detaillierte Verschriftlichung der erwarteten Ergebnisse.

Richtig ist, dass mehr Menschen programmieren können sollten, denn Programmiertes löst oft Probleme, die man bis dahin für unausweichlich gehalten hatte. Mehr noch: Notwendig erscheint es mir, Medienkompetenz zu einem wichtigen Unterrichtsinhalt in Schule und Studium zu machen. Stimmt, was in Zeitungen und Schulbüchern steht? Wie vertrauenswürdig ist Facebook und womit verdienen die eigentlich ihr Geld? Nur ist auch dies nicht die Aufgabe der Informatik. Ein Informatiker kann eine lange Karriere vor sich haben, ohne jemals mit dem in Berührung zu kommen, was manche hierzulande einen Computer nennen. „Du bist doch Informatiker, du kannst doch sicher mein Auto reparieren, das ist doch heute alles mit Computer.“ (Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass es heißt, es gäbe zu wenig gut ausgebildete Informatiker: Man wäre schön blöd, das herumzuerzählen.)

Im Übrigen gibt es durchaus gute Gründe dafür, dass Informatik ein mehrjähriger Studiengang mit mehreren, einander faktisch ausschließenden Vertiefungen ist: Die wesentlichen Inhalte dieser Disziplin lassen sich nicht zwischen Sportunterricht und Erdkunde begreifen. Wer ein „Pflichtfach Informatik“ fordert, der hat offensichtlich ganz einfach das Wesen der Informatik nicht begriffen. Astrophysiker – da haben wir es wieder – sind ja auch nicht nach dem Abitur schon fertig.

Wer sich also über die eingangs erwähnte vermeintliche Inkonsequenz der F.D.P. amüsiert, dem stünde etwas mehr Unterricht vermutlich nicht schlecht zu Gesicht.


Produkttest des Tages: „Auf den ersten Blick hat Google vieles richtig gemacht: Das Pixel hat eine separate Kopfhörerbuchse und stand während meines fünftägigen Tests kein einziges Mal in Flammen. Für High-End-Smartphones ist das im Herbst 2016 nicht selbstverständlich.“

In den NachrichtenMontagsmusik
Grobschnitt – Solar Music // Von Baumküssern und anderen Linken

montag-symbolbildEs ist Montag, aber man redet es sich schön, weil unbedingte Voraussetzung für einen Montag ja ist, dass zuvor ein Sonntag stattfand, aber davon kann keine Rede sein. Für den Mondtag mag es reichen, schon wegen des Voll-, Quatsch, Supermondes, ein Wort wie aus einem Welterfolg von Scooter, jedenfalls: Montags hat man auch schon mal bessere Zeiten (zum Beispiel nachmittags an Sonntagen) gesehen. Als wäre es erst gestern gewesen.

Gute Nachrichten allerdings – die Ursache für das Waldsterben ist gefunden: DJ Bobo küsst jeden Tag zwei Bäume. Dass das nicht verboten ist, gehört zu den unverständlichen Eigenheiten der Schweiz. Wobei man als Deutscher, was Eigenheiten angeht, vielleicht besser schweigen sollte; außer einer Bahn mit Beschwerdekultur und verklemmten Großmäulern mit Penisneid leisten wir uns andererseits insbesondere auch vorsätzlich verängstigte Linke, denen es ihre eigene politische Agenda verbietet, ein leidlich zivilisiertes Miteinander auch von Kulturfremden einzufordern. Die wissen das ja nicht besser. Wenn das eigene Weltbild vernagelt ist, hilft ein erhobener Zeigefinger nicht beim Blick auf das Leben, das wirklich passiert. Nicht in jedem Kokon wird man zum Schmetterling.

Zu viel Offenheit, andererseits, ist auch nicht gut, zum Beispiel, wenn sie smarte Elektronik befällt: Zwölf Jahre alter OpenSSH-Bug gefährdet unzählige IoT-Geräte, da weiß man diesen Open-Source-Quatsch doch gleich richtig zu würdigen. Kann ja nix passieren, kann ja jeder reingucken.

Manchmal wäre Verreisen, weit weg von all dem, eine überlegenswerte Alternative.

Oder, noch besser, Musik.

Grobschnitt – Solar Music – Live

Guten Morgen.

In den Nachrichten
Alle Jahre wieder: Pennys Zipfelreligion

Es ist wieder so weit: Vielen Menschen ist von den ersten Dominosteinen und Lebkuchenherzen des Jahres schon vor Wochen schlecht geworden, es droht das erste „Last Christmas“ aus schlimmen Medien zu erschallen und bei Penny (ehem. Penny-Markt) gibt es Zipfelmänner. Das hat viele Menschen ziemlich verärgert.

Die Zipfelmänner, diese optische Vermählung von Räuchermännchen mit Schlümpfen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit dem Weihnachtsmann beinahe nichts zu tun haben; nur: ungesunde Hohlfiguren aus Schokolade, deren Verfügbarkeit kalendarisch mit christlichen Festtagen zusammenhängt, sind beide. Folgerichtig lautet die Vermutung seitens ungesunder Hohlfiguren aus Mensch, dass diejenigen, die den allherbstlichen Ansturm auf das Zeug nicht bloß mit Weihnachtsmännern zu befriedigen versuchen, hiermit den Plan verfolgen, das Christentum zu übervorteilen. Die muslimischen Flüchtlinge seien schuld, als wäre der Zipfelmann das Abbild einer hohen islamischen Gottheit.

Wie der Weihnachtsmann als Werbefigur Coca-Colas eben auch nichts mit Religion zu tun hat, womit das einzige religiös vertretbare Geschenkefest im bestehenden Kalender das Gedenkfest des heiligen Bischofs Nikolaus (6. Dezember) ist, dessen Leben noch heute dadurch gedacht wird, dass man Kindern Schokolade, meist mit einem möglichen Abbild des Bischofs, in die Schuhe schiebt. Bischöfe machen so was eben. Die US-amerikanische Darstellung des Bischofs als „Santa Claus“ (was ja nichts anderes heißt als „Heiliger Nikolaus“), in der Regel am 25. Dezember den Höhepunkt erreichend, ist insofern eine im Kalender verrutschte Fehldeutung des im Zuge der Kirchenspaltung als Ersatz für den von Katholiken verehrten Nikolaus entstandenen Christkinds (will heißen: Jesus), trotz der ursprünglichen Darstellung als Engel nachdrücklich beeinflusst von der Kulturlosigkeit bezeugenden Gleichsetzung von Nikolaus und Jesus. Tät’s nicht einer der Ihren, hieße es vermutlich Ketzerei.

Das Ende des christlichen Abendlandes – immerhin: na endlich – wird insofern vielmehr von denen befeuert, die das Andenken an christliche Heilige sukzessive durch die Verehrung einer Symbolfigur des Kapitalismus US-amerikanischer Ausprägung ersetzen, als von denen, die die Privatsache Religion auch als eine solche behandeln. Die Gebete zum mächtigen Mammon bleiben Jahr für Jahr nicht ungehört. Besorgte Bürger verschandeln das Christentum. Hat sich dagegen eigentlich schon Widerstand formiert?