PersönlichesNerdkrams
Man muss nir­gend­wo „sein“.

Ein ver­mut­lich bereits alter Witz, den ich gleich­wohl erst­mals auf Twit­ter gele­sen hat­te, geht unge­fähr wie folgt: Zwei Men­schen unter­hal­ten sich, es fragt der eine: „Was machst du am Wochen­en­de?“. Erschrocken fragt der ande­re: „Ich muss da was machen?“. Das ist lustig, weil es stimmt.

Ich muss gar nix außer schla­fen, trin­ken, atmen und ficken
und so pünkt­lich, wie es geht, mei­ne Steu­er abschicken.
(Gross­stadt­ge­flü­ster: Ich muss gar nix)

Selbst das mor­gend­li­che Auf­ste­hen hat das Virus ja in eini­gen Bran­chen weit­ge­hend zur Opti­on hoch­ge­stuft. Man muss das Bett nicht mehr ver­las­sen, um „im Büro“ zu sein, jedoch hat man dann statt eines oder meh­re­rer fan­ta­sti­scher ande­rer Per­so­nen nur sein Büro im Bett. Ob das nun unbe­dingt bes­ser ist, möge selbst her­aus­ge­fun­den wer­den.

Weil die­ses Twit­ter aber inzwi­schen völ­lig ent­kernt und geXt wird, „müs­se“ man doch woan­ders ange­mel­det sein, teilt die Welt­öf­fent­lich­keit ein­an­der unge­fragt mit und hängt zumeist die Infor­ma­ti­on an, wo (und sowie­so: unter Zuhil­fe­nah­me wel­cher Zugangs­mit­tel) die­ses „woan­ders“ denn der­zeit statt­zu­fin­den habe. Ich emp­fin­de es als ja gewöhn­lich, dass Men­schen eine Ernäh­rung, ein Betriebs­sy­stem, eine Reli­gi­on, eine Par­tei, eine Sexua­li­tät und/oder ein sozia­les Netz­werk haben, aber war­um infor­mie­ren sie ein­an­der dar­über, ohne dass sie über­haupt danach gefragt wur­den? – Es kann dar­an lie­gen, dass sie Gesprä­che nur noch als asyn­chro­ne Mono­lo­ge ver­ste­hen. So funk­tio­niert Kom­mu­ni­ka­ti­on im Digi­ta­len: Man plap­pert eben drauf­los.

Ich ken­ne meh­re­re Men­schen per­sön­lich, die das aber gar nicht machen, also die­ses „woan­ders ange­mel­det sein“. Man­che von ihnen haben noch nicht mal ein Smart­phone und schaf­fen es den­noch irgend­wie zu über­le­ben. Ich habe zwar ein Smart­phone, aber kei­nen Fern­se­her (weil: wofür?), befin­de mich inso­fern, was den sozia­len Aus­schluss betrifft, auf einem ähn­li­chen Niveau. Den­noch bin ich in die­sem Punkt ein wenig nei­disch auf die­se Men­schen, denn ich weiß noch nicht mal zu benen­nen, was genau sie eigent­lich wo genau ver­passt haben soll­ten. Dem Inter­net, dem schnelllebi­gen Wesen, lässt sich jeden­falls ent­neh­men, dass die jetzt aber wirk­lich letz­te Kara­wa­ne, die Twit­ter jetzt aber end­gül­tig ver­las­sen hat, das medi­al geprie­se­ne Mast­o­don schon wie­der hin­ter sich lässt. Der Grund dafür über­rascht mich: Ich hat­te recht.

Erst im Janu­ar die­ses Jah­res schrieb ich, wenn Twit­ter auf Mast­o­don umzie­he, wer­de Twit­ter nicht zu Mast­o­don, son­dern Mast­o­don wer­de zu Twit­ter. Eine für den Pöbel nicht zugäng­li­che Umfra­ge auf Blues­ky – dazu kom­me ich gleich noch – hat inso­fern fol­ge­rich­tig erge­ben, dass vie­le nach der ersten Eupho­rie­wel­le Mast­o­don wie­der ver­las­sen haben, weil Mast­o­don nicht nur über­haupt nicht lustig sei (ich bit­te die­je­ni­gen, die dort mal eines mei­ner Kon­ten gefun­den haben, viel­mals um Ent­schul­di­gung dafür), son­dern auch viel zu ver­bohrt, zu kon­ser­va­tiv und den­noch zu laut. Man hät­te es auch so for­mu­lie­ren kön­nen: Mast­o­don ist wie Twit­ter gewor­den. Vie­len Dank noch mal all denen, die das mög­lich gemacht haben. Muss­te das sein?

Blues­ky, wie auch das momen­tan wegen is nich in der Pres­se her­um­ge­reich­te Insta­g­ram­pro­jekt Threads, ist einer die­ser Dien­ste, an denen mich sowohl das Wort „Dienst“ als auch der Umstand, dass ich davon über­haupt schon mal gehört habe, stö­ren. Es han­delt sich hier­bei anschei­nend um ein neu­es Twit­ter vom Erfin­der des alten Twit­ter, aller­dings ist es momen­tan nur per Ein­la­dung mög­lich, sich dort anzu­mel­den. Fran­ka Doli­ner von „t3n“ hat eine sol­che Ein­la­dung bekom­men und hält es für sehr gut, dass man dort wegen die­ser Zugangs­be­schrän­kung end­lich unter sei­nes­glei­chen sein kann.

Nun hal­te ich ja „da kommt nicht jeder rein“ für eine Eigen­schaft sozia­ler Netz­wer­ke, mit denen lie­ber nicht gewor­ben wer­den soll­te, obwohl ich es natür­lich auch für eine Art wenig­stens sozia­le Lei­stung hal­te, selbst bei what.cd (gibt es nicht mehr) und Lob­sters (gibt es noch) hin­ein­ge­kom­men zu sein. Bei Lob­sters bin ich aber auch nicht all­zu oft aktiv zuge­gen. Ich schlie­ße nicht aus, dass das dar­an liegt, dass die Wahr­schein­lich­keit, inter­es­san­te Dis­kus­sio­nen zu füh­ren, bei ein­la­dungs­ba­sier­ten „Dien­sten“, bei denen also ohne­hin nur sehr ähn­li­che Men­schen ein­an­der her­ein­las­sen, zu nied­rig ist.

Ich neh­me doch nicht an einem Stamm­tisch teil, um dann von allen ande­ren mei­ne eige­ne Mei­nung zu hören. Da trin­ke ich lie­ber allein.

Ich bin im Acti­vi­ty­Pub-basier­ten Fedi­ver­sum und noch auf zwei, drei ande­ren Platt­for­men zuge­gen, aber nie habe ich zuvor gefragt, wo ich denn sein müs­se. Ich tauch­te eben ein­fach dort auf und manch­mal ging ich dort auch wie­der weg. Als Teil einer ein­ge­schwo­re­nen Grup­pe, die immer im Pulk durch die sozia­len Medi­en streift wie sonst nur Freun­din­nen durch die Damen­klos, miss­ver­ste­he ich mich kei­nes­falls, und wenn eines die­ser Medi­en plötz­lich sei­ner Exi­stenz ver­lu­stig gehen soll­te, so wer­de ich damit Zer­streu­ung, aber kei­nes­falls Lebens­qua­li­tät ver­lie­ren. Nicht nur aus Jux heißt das stän­di­ge Jagen und Sam­meln der neue­sten Tri­via auch „Doom­scrol­ling“, also Blät­tern im Ver­häng­nis. Es ist eben nicht nur die Freu­de am Aus­tausch.

Geht doch mal wie­der raus oder lest ein Buch und folgt nicht immer nur den Wan­kel­mü­ti­gen. Es tum­melt sich dort schö­ner, wo man es nicht nur der Mode wegen tut.

Senfecke:

  1. Das war ja fast so schön wie das „Wort zum Sonn­tag“. Aber recht hast Du, nie­mand MUSS irgend­wo sein.

  2. Ist es dir bereits auf­ge­fal­len, dass dei­ne Mei­nun­gen sowas von dane­ben sind (im Bezug auf die zeit­li­che Dimen­si­on, die sich die Mensch­heit illu­sio­niert, zu erle­ben (und auf­grund der vie­len Impli­zi­tä­ten des soge­nann­ten Zeit­gei­stes, den nicht ein­mal das Gei­ger-Mül­ler-Zähl­rohr von Ghost­bu­sters zu erfas­sen imstan­de war))?

    Wenn du heu­te einem Men­schen mit­teilst, dass „[m]an […] nir­gend­wo ’sein‘ [müs­se]“, wür­de er dich dar­um bit­ten (inso­fern er dei­nem Rat fol­gen möch­te), die Koor­di­na­ten des „nir­gend­wo“ per Goog­le Maps an sein Smart­phone zu sen­den.

  3. Komisch; ich sage immer: „Ich woh­ne hier“, wenn wer fragt (wtf?), ob er vor­bei­kom­men kann oder (wtf!) mich anru­fen. Ich über­sprin­ge die Onto­lo­gie (irgend­was mit sehr über­flüs­si­gen Bei­trä­gen zur Phi­lo­so­phie), nicht aber den Mate­ria­lis­mus („Das Sein bestimmt das Bewus­stein“). Du Dödel hängst in einem Geflecht von Bezie­hun­gen, die du – kann­ste nix für – größ­ten­teils nicht beein­flus­sen kannst. Aber da, wo du könn­test, ver­wech­selst du dein Par­la­ment (Geschwätz­ab­lass­me­di­um) mit Begeg­nung? Du bist wo? Im Ripp­strick an dei­nem elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sub­sti­tut, auf oder unter dei­nem ver­ranz­ten Mobi­li­ar. Nee, ist schon rich­tig: Du bist nir­gends. Irrele­vant. Tu was dage­gen, blas dich auf!

    Ich muss dri­gend die­se bil­li­ge Plör­re hier gegen einen ordent­li­chen Whis­ky aus­tau­schen. Sor­ry for that!

    Che­ers!.

    • Wenn ich betrun­ken bin, poste ich auch immer schein­bar Kohä­ren­tes mit Bla­sen. Emp­feh­le Aber­lour. Sláin­te.

  4. Nach dem Alt­au­to­no­men jetzt Flat­ter? Das klei­ne Teil­chen schwirrt auch schon wie­der aus: „…ihn, Sab­bath, ent­zück­te nicht nur der mul­ti­ma­li­ziö­se Text die­ser alten Zwan­zi­ger-Jah­re-Hym­ne, in der Ver­ge­wal­ti­gung ver­herr­licht und Ara­ber ver­un­glimpft wer­den, son­dern auch der nicht enden wol­len­de, unan­stän­di­ge, auf­rei­zen­de Vor­trag, die Freu­de an dem Job, für die Leu­te den Wll­den zu mimen.

    Wie hät­ten sich die Mis­sio­na­re ohne ihre Wil­den so auf­plu­stern können?.…Ja, ja, ja, er emp­fand eine hem­mungs­lo­se Zärt­lich­keit für sein zuge­schis­se­nes Leben. Und eine komi­sche Gier nach mehr. Mehr Nie­der­la­gen! Mehr Ent­täu­schun­gen! Mehr Lügen! Mehr Ein­sam­keit! Mehr Mis­sio­na­re! Und, so Gott will, auch mehr Mösen!“

    Josi Klei­ner Hin­weis am Ran­de: das Schlüs­sel­wort ist „mul­ti­ma­li­ziö­ser Text“ an dem es Dir nicht erst seit Coro­na dra­stisch man­gelt und „Mis­sio­na­re“, die so Gott will ‚auch kei­ner mehr vögeln will (zitiert aus: Phil­ip Roth, Sab­baths Thea­ter).

  5. Was bringt mich in die­se Auf­zäh­lung? Ich ver­ste­he dei­nen Text nicht ein­mal. Das Teil­chen hab ich exkom­mu­ni­ziert und der Auto­no­me ist so alt, dass ich dage­gen jung erschei­ne. Musst du dir begrei­fen!

    An dern Haus­herrn: Ich habe auch aus nie­de­ren Beweg­grün­den zum Auch­tent­oshan gegrif­fen, bin ich doch so einer, der mit sei­nem Whis­ky auf hart macht und dann den wei­chen wählt. Unter den noch halb­wegs Bezahl­ba­ren ist sonst The Bal­ve­nie Car­ri­be­an Cask mei­ne Wahl. Aber das ist das schon etwas für wirk­lich geist­rei­che Kom­men­ta­re.

    • Ah, Bal­ve­nie. Auch fein. Ich habe unlängst einen 15-jäh­ri­gen Sin­gle Bar­rel ent­korkt. Sehr groß­ar­tig, riecht genau wie der alte Schrank mei­ner Oma. Ich bin manch­mal ein Melan­cho­li­ker, fürch­te ich.

      • Da fängt mein Geiz an, sich zu sträu­ben. Ich las von einem, der jour­na­li­stisch Plör­re bespre­chen darf, die­ser Bal­ve­nie aus dem 600-Euro-Seg­ment sei ja absurd, weil es eben doch bei 1k pro Liter komisch wird, aber … wenn er denn jetzt die­sen Dago­bert-Spei­cher hät­te, wäre das ein Getränk sei­ner Wahl. Es sei schon ein Erleb­nis. Doof nur: Du musst immer erst bezah­len und erfährst dann, ob es dir schmeckt. Howe­ver, das OT-The­ma, ein Fass ohne Boden. Auch blöd.

        p.s.: Da oben sind Tip­pen­s­feh­lers drin. Viel­leicht auch hier unten. Ich kann nicht so gut gucken, obwohl ich immer noch zwo­d­rei­mal kor­ri­gie­re.

        • 600 Euro hat­te ich auch noch nicht. Aber einen cl des Karui­zawa 35 Jah­re (130 Euro pro cl). Schön, aber echt zu teu­er für die Qua­li­tät.

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